Jockele und die Mädchen: Roman aus dem heutigen Weimar
Part 6
Sie faßte ihn am Jackenzipfel und zog ihn hinter sich her in das kleine Haus. Da hatte die Sonne tausend Goldstücke auf die Dielen gelegt -- Jockele sah dies poesievolle Leuchten zum erstenmal aus dem nüchternen Gesichtswinkel geprägten Edelmetalls. Das ist ein kläglicher Standpunkt; die meisten Menschen sagen: er ist richtig, aber sie unterbinden sich damit das Herz, kriegen scheele Augen, puddeln sich darüber ins Grab und haben ihr Leben zuletzt doch um das bißchen Himmel betrogen.
Doris Rinkhaus schob die Staffelei und den Stuhl in den Winkel -- es war weiter nichts da, das sie am Auffahren ihres Geschützes hinderte. Jockele suchte einen Stützpunkt und wählte sich dazu den Stuhl. Sie wollte gleich ein richtiges Maschinengewehrfeuer auf ihn eröffnen, da befiel sie ein letztes Mitleid -- »Mensch, sind Sie krank?« fragte sie.
»Ja,« sagte er, »sehr! Ich habe kein Geld und habe seit drei Tagen eigentlich nichts mehr gegessen.«
»Was fällt Ihnen ein, -- sehen Sie denn nicht, daß Sie mich damit einfach entwaffnen?«
»Das einzige Gute an diesem verzweifelten Zustande!« sagte Jockele. »Sehen Sie, ich habe mein Portemonnaie vor ein paar Tagen auseinandergezogen und in die alte Vase gesteckt, als Blume der Erinnerung an schöne Zeiten.«
Er trug vom Fensterbrett nebenan die Vase herüber, die er in einem Winkel des Schuppens gefunden hatte, und darin steckte die zerknüllte Geldtasche und machte eine schmerzensreiche Verbeugung vor Doris Rinkhaus. Die hatte über Jockele im besonderen und über die schiefe Stellung zum Leben reden wollen, in die er hineintrieb -- nun aber sprach sie über die Männer im allgemeinen und teilte sie ein in Helden, Dummköpfe und Kinder. Die Helden kämen hier gar nicht in Frage; denn sie wüchsen spärlich wie Mohn im Winter. Die Dummköpfe müßten ausgeschaltet werden, weil sie in Riesenauflagen erschienen und von der fixen Idee befallen seien, sie wären als würdige Vertreter des starken Geschlechts in die Weltregierung eingesetzt und wären so etwas wie die Staatsminister des lieben Gottes. Und die dritte Sorte: die Kinder -- aus denen in allen Fällen etwas würde, wenn sie beizeiten einer gescheiten Frau in die Hände fielen ...
Jockele bekam eine Anwandlung verzweifelten Humors und sagte: »Darüber müssen Sie mal einen öffentlichen Vortrag halten.«
Da merkte sie, daß sie sich nun doch mäßig aneinander erbost hatten, und fragte ihn, wie es käme, daß sie nur zwei Jahre älter und dennoch um ein Menschenalter gescheiter wäre als er?
»Das ist wohl so etwas wie Notreife, die ich als peinliche Tatsache empfinde, bis ich wieder Geld habe,« sagte er.
»So kann ich bis dahin auch nicht mit Ihnen kämpfen! -- Sie müssen also heute an Tante Veronika schreiben, ich bringe Ihnen Briefpapier und eine Marke.«
»Fällt mir ja gar nicht ein,« sagte Jockele, »denken Sie, ich mache mich auch dort lächerlich?«
Hinter diese Rede setzte Doris Rinkhaus ein Ausrufezeichen; sie ließ es ihn aber nicht merken.
»Es muß doch irgendetwas geschehen!«
»Natürlich -- ich hungre die zwanzig Tage, und wenn es nicht mehr geht, fresse ich Gras.«
Da machte sie wieder ein Ausrufezeichen.
Sie dachte nicht, daß es bei dieser stumpfen Härte einen Zweck hätte, aber sie sagte dennoch: »Sie gehen augenblicklich mit zu mir hinüber und essen sich satt! Ich lade Sie für jeden Tag dieses Monats zu Mittag und Abend -- zwischendurch gibt es nichts!«
»Diese Güte beschämt mich, Fräulein Rinkhaus! Aber es wird sich nicht anders machen lassen. Ein Trost ist, daß es zwischendurch nichts gibt, sonst würde ich für meine Eselei ja gar nicht gestraft werden.«
Doris Rinkhaus lachte hell auf, und er gab sich der klaren Ueberlegenheit ihres leuchtenden Frauentums mit ganzer Seele hin. Maria Reh war schon seit drei Tagen in ihre westfälische Heimat gereist und blieb über Pfingsten fort.
Als er gegessen hatte, fragte er: »Warum reisen Sie nicht auch?«
»Trotz!« sagte sie. »Wenn wir uns besser kennen, erzähl' ich Ihnen diese Geschichte. Ich bleibe dies ganze Jahr hier.«
»Auch ich kann ja nicht nach Hause gehen,« sagte er. »Ich muß erst weiter abrücken von den Dingen und Menschen, die dort um mich gewesen sind, seit ich vor der Tür aufgelesen wurde. Ich bin zwar fast immer allein geblieben, aber ich kenne diese Gesichter von Ibenheim zu gut, und ich kann Augen nicht leiden, die so an mir herumnagen.«
»Augen, die an einem herumnagen ...,« wiederholte sie nachdenklich, -- »jawohl, das ist das richtige Wort dafür; jener Herr Fridolin Hartwig hat auch solche Augen. Vielleicht nur Frauen gegenüber ... Es gibt viele Männer, die uns auf diese Weise anfallen, und kommen sich dabei wohl auch tapfer vor.« Da merkte sie, daß sie damit auf ein Feld geraten war, auf dem die Jugend Jockeles noch nicht säete. Sie dachte auch, vielleicht wäre sie darin von zu großer Empfindlichkeit; denn Maria Reh hatte ihr einmal gesagt: »Du bäumst Dich da vor Dingen auf, die gar nicht so widerlich sind.« -- Nun ja, Maria Reh, mit ihrem sachte rinnenden Blute und ihrer Hochsommerruhe! Maria Reh stand nicht mehr weit von der Schwelle der Dreißig.
»Es ist merkwürdig, daß Maria nirgend rechten Anschluß findet,« sagte sie dann, »sie hat hundert Bekannte und keinen Freund oder keine Freundin. So ist es auch mit ihrer Kunst -- sie malt tausend Landschaften und kein Bild. Und so sind sie fast alle, diese ›Malerinnen‹; sie hungern nach Betätigung und werden doch nie satt an einer Sache, zu der sie von ihrem Geschmack, aber nicht von einem gewaltigen Willen und überzeugendem Talente geführt worden sind. Nun halten sie zwar erträglich damit Haus, aber sie finden sich darüber doch nicht zu einem Glücke des Lebens.«
»Und doch reden sie alle ganz anders,« sagte Jakobus.
»Reden! Natürlich reden sie; sie sind begriffen auf einer fortwährenden Selbstentschuldigung, oder nicht einmal das -- sondern sie sind froh, daß sie ihr Leben wenigstens ohne die Langweile vertändeln können, die sie -- sind sie Frauen -- auch zu physischem Ruin führen.«
Jakobus merkte: es waren in diesem Mädchen ganz andere Kräfte lebendig, es war ein Licht in ihr in einer fast wilden, unbändigen Helligkeit, das nun in ihn hineinstürmte.
»Es hat noch niemand so mit mir gesprochen,« sagte er.
»Mit mir auch nicht!« lachte sie -- »sonst wär' ich nicht so querköpfig geworden. Querköpfig daheim und querköpfig unter den Menschen. Ich ecke an, wo ich mich sehen lasse.«
»Mit Ihrer Kunst auch?« fragte Jockele.
»Ach Unsinn -- oder besser: leider nein; denn was ich schaffe, schaff ich für mich, zu einem Mehr reicht's nicht aus.«
»Und sind mit solcher Erkenntnis Kunstgewerblerin geworden?«
»Nein, lieber Jakobus Sinsheimer! Ich bin nur dazu gegangen, damit ich aus Verhältnissen herauskam, die mich in ein paar Jahren auch um das betrogen hätten, was mich heute noch apart -- oder sagen Sie: so fröhlich eigenwillig macht. Mein alter Herr ist Fabrikbesitzer in Bonn, er ist ein reicher Mann -- na, was soll ich Ihnen sagen: da fliegen die heiratslustigen jungen Männer ins Haus, daß es eine Art hat! Natürlich -- ich will heiraten -- aber +ich+ will heiraten ... Sie verstehen ja davon nichts! Sehen Sie, wenn es nach mir gegangen wäre, hätt' ich studiert -- Kunstgeschichte meinetwegen oder Germanistik, oder auch Staatswissenschaften, und hätte promoviert -- aus purem Eigenwillen, wissen Sie. Aber dazu fehlen mir die Zeugnisse. Und so in die Vorlesungen laufen, ohne das Ziel eines Abschlusses mit dem ~Dr. phil.~, ist ganz und gar nicht nach meinem Geschmack. Da hab ich mich nach Weimar gesetzt. Ich liebe diese Stadt, sie ist voll berauschenden Lebens -- die meisten laufen daran vorbei mit ihren müßigen Seelen und schwätzen von dem ›Odem einer großen Vergangenheit‹, unter dem ihr kärgliche Licht manchmal ein bißchen ins Wackeln kommt. Ich bin hier, weil ich mir hier selbst gehöre! Alles andere ist Nebensache, und den Titel einer angehenden Künstlerin verbitt' ich mir ein für allemal ... Das war eine lange Rede. Ich hätte sie Ihnen erst halten sollen, wenn Sie mal Weltschmerz haben -- vielleicht hätte ich Sie dann wieder aufgebaut. Na, Hunger und Weltschmerz sind ja wohl Geschwister. Heut abend um sieben kommen Sie zum Nachtmahl. Und nun fangen Sie wieder an zu arbeiten. Adieu.«
Sie nahm eine Kunstgeschichte vom Regal, setzte sich vor den Tisch am Fenster, und Jockele ging hinüber in seinen Malraum; er ging wortlos und dachte, was das mit ihm wäre? Er hatte dem weichen Frauentum Maria Rehs gegenüber vor einem Jahre die gleiche Willfährigkeit gezeigt wie jetzt dieser leuchtenden Mädchenjugend. Es waren Schauer wollüstiger Ergebenheit, zu beiden Malen, die ihn ganz untergehen ließen in der anderen Art -- dort ein weiches frauliches Hinnehmen, das hatte sanfte Hände, denen er sich einst mit geschlossenen Augen ergab ... und diese schöne klare Doris Rinkhaus kam über ihn als ein jauchzender Sieg.
Es war eine Sache, die ihm wohl eines Gedankens wert schien, aber er zerbrach sich nicht den Kopf, weder darüber, ob es so in Ordnung sei, noch darüber, ob es daher käme, daß er vom ersten Tage ab nur Frauen um sich gehabt hatte. Auch was in seiner Stellung zum Leben und zu seinem Schaffen etwa auf Rechnung dieser Erziehung zu setzen wäre, fiel ihm nicht ein, zu erwägen -- für jeden Menschen ist der Weg siebenmal um die Erde viel kürzer als der in sein eigen Herz. Und zwischen diesem Herzen und den Augen, die ihm am nächsten sind, liegt neunfältige Nacht. Die Tür zu dem Herzen aber ist so fest zu, daß ein großes Glück, welches mit Leichtigkeit den Himmel samt allen Sternen in die Arme schließt, kaum mehr an ihr vermag, als durch das Schlüsselloch zu gucken, ob es dahinter auch wirklich hell ist. Ein großes Leid aber bescheidet sich nicht mit dem Schlüsselloch -- ein großes Leid tritt die Tür ein; denn es hat eiserne Füße und Fäuste von Stein.
Auf derlei Gleichnisse verfiel Jockele aber nicht. Und das war gut; sonst hätte seine Jugend ausgesehen wie einer, der in Kniehosen und hohem Glanzhut durch die Welt läuft. -- Er steckte noch bis über die Ohren in der landläufigen Weisheit, daß der Mensch zum Arbeiten da sei -- eine Sache, die auch der vor seinen Mitmenschen als selbstverständlich anzusehen hat, der da weiß: das ganze Menschengeschlecht wird erst dann in die sehnsüchtig erträumte Gotteskindschaft hineinwachsen, wenn ihm Arbeit und Leben eine fröhliche Gemeinsamkeit geworden sind.
Tante Veronika hatte sich mit dieser Ansicht so viel Himmel erobert, als sich denken läßt; aber wie sie ihre Weisheit dem Jungen beibringen sollte, ohne die heillosesten Verwirrungen in ihm anzurichten, das war ihr dunkel geblieben. Darum hatte sie niemals an diese Dinge gerührt.
Von den jungen Männern, die Jakobus kennen gelernt, erweckte keiner den Wunsch nach engerem Zusammenschlusse in ihm -- ein Erbe aus dem Frühlingshause; und an die älteren unter den Akademikern, die schon nahe daran waren, etwas zu sein, hatte ihm die Gelegenheit gefehlt, heranzukommen. Er arbeitete in diesem Sommer mit immer wachsender Zähigkeit. Ein über das andere Mal ging ihm das Vertrauen zu sich selbst in Scherben; dann mußten ihn die Damen aus dem Gartenhause wieder zusammensuchen. Aber raten konnten sie ihm nicht; denn Doris Rinkhaus stand diesen Erscheinungen fremd gegenüber, und in Maria Reh traten sie zutage als Verstimmungen leichterer Art; sie hatte sich schon bescheiden gelernt, als sie mit dem Pinsel an ihre erste Leinwand geriet.
In solchen Zeiten war Jakobus Sinsheimer für Gott und die Welt verloren, und Doris Rinkhaus allein durfte es unter Beobachtung aller Vorsicht wagen, ihm über den Weg zu laufen. »Sie sind selbst da noch ein ganz passabler Mensch,« sagte sie und hielt still, wenn ihn einmal ein blitzeschleuderndes Gewitter durchtobte. Maria Reh aber wurde bei solchen Gelegenheiten stets drei Tage unsichtbar für ihn und ließ sich nur langsam wieder finden. Er hielt auch diese Entladungen für ganz in der Ordnung und wurde in seiner Annahme bestärkt, als er einem Zusammenstoße zwischen Maria und Doris beigewohnt hatte, in dem Fräulein Rinkhaus seine Partei ergriff: »In einem jungen Manne, der so allein steht und sich seine Stellung in der Welt zu erkämpfen hat, sammelt sich allerlei Zündstoff -- wo will er denn hin damit?« sagte Doris Rinkhaus. Aber Maria Reh redete von ungezogenen Stunden. Sie hatte sich über manche geheiligte Form und Regel des Kleinbürgertum hinweggesetzt, aber sie war doch ohne jene königliche Beschwingtheit der Seele, die der anderen ihren leuchtenden und freien Flug sicherte. So stand Jakobus zwischen den beiden Mädchen, deren gegensätzliche Art den friedlichen Verein der Drei niemals ernstlich in Gefahr brachte -- das Barometer maß Tief und Hoch und zeigte so häufig himmelblaue Beständigkeit, als sie von Menschenherzen ohne Schaden ertragen werden kann. Der Wetterwechsel war nicht immer willkommen, aber man schlug seinetwegen den lieben Gott nicht tot.
Dies ganze Jahr war für Jakobus Sinsheimer Kampf, aber es war nirgend Sieg.
Hinter dem kleinen Hause lag ein Gartenwinkel mit Fruchtbäumen, der nach zwei Seiten durch die Gebäude, nach den anderen beiden durch Hecken und Zäune begrenzt wurde, und hinter der einen Hecke erhob sich der Wall mit den herrlichen alten Kastanien. Von dort her durch die Schlüpfe betrat Fridolin Hartwig den Apfelgarten während des Sommers häufig. Er kam immer mit dem leisen Tritt und der tiefen Ruhe des auf ein schönes inneres Gleichmaß gestimmten Menschen und erzählte von einigen Verlagshäusern, von denen er reichliche Einnahmen beziehe. Er war auch nie aufdringlich, suchte sich einen Platz in dem sachte durchsonnten Grase nahe der Staffelei Jockeles, redete dabei von nicht allzu tiefen und nicht allzu gleichgültigen Dingen und lebte sich durch die grüne Sommerstille als ein Mann, der auf Gedanken zu einem tüchtigen Werke wartet. Manchmal sprach er mit Respekt von sich selber, oder er brachte seinem jungen Freunde das Heft einer Zeitschrift, in der sich ein Artikel oder die Fortsetzung eines Romans aus seiner Feder befand, dann sagte er: »Das müssen Sie lesen.« -- Wenn es geschah, daß Doris Rinkhaus in dem schlichten blauen Morgenkleide aus dem jenseitigen Gartenteil in ihr Haus schlüpfte, befiel sein besinnliches Wesen eine Bestürzung, und er raffte sich zusammen wie einer, der eine Attacke reiten will. Er war ihr schon vorgestellt worden, aber Doris Rinkhaus hatte ihr Urteil über ihn nicht geändert; nun ließ sie sich zwar sehen, so oft er da war, aber sie setzte ihn auf einen stummen Gruß und wußte: ›die nagenden Augen‹ liefen hinter ihr her, bis der blaue Schein ihres Kleides darin verlöschte -- oder auch noch länger.
Jockele begann dieses Verhalten zu belustigen. Einmal sagte Hartwig: »Sie, Herr Jockele, ich glaube, Fräulein Rinkhaus ist eifersüchtig auf mich, oder sie ist hochmütig.«
»Sie ist keins von beiden,« sagte Jockele, »sie ist nur eigenwillig!«
»Hat sie einmal mit Ihnen von mir gesprochen?«
»Ja. Als Sie das erste Mal hier waren, seitdem nie wieder -- sie fragte damals die gleichgültigen Fragen. Aber das ist ja natürlich; denn wir drei gehören nun doch zusammen; jetzt sind wir aber nur zwei; Fräulein Reh kehrt erst im September zurück.«
Der Anfang des Augustmonats war regnerisch, da besuchte Jakobus Fridolin Hartwig mehrmals; denn die Bilder, die im Sonnenschatten des Apfelgartens begonnen waren, konnten in dieser Zeit nicht gefördert werden. Einmal fiel ihm die Stille der Wohnung auf, und als er nach den drei Kindern fragte, sagte Hartwig: »Ich habe sie in ein Kloster gegeben. Ich arbeite zuviel, wissen Sie, und sie störten mich häufig. Außerdem konnten wir uns der Erziehung nicht in dem Maße widmen, das wir für wünschenswert hielten.«
Als sie noch redeten, klopfte es an der Tür, und Hartwig ging hinaus. Er sprach da mit einem Manne, der sich nicht abweisen zu lassen schien, und kam nach geraumer Zeit herein und sagte: »Pardon, Herr Jockele -- haben Sie vielleicht sechzig Mark bei sich? Es ist mir eine Zahlung ausgeblieben. Ich erstatte Ihnen das Geld in den allernächsten Tagen zurück ... Nicht? Das ist peinlich! Sie ahnen nicht, mit welchen Widerwärtigkeiten ein ringender starker Geist zu kämpfen hat!« Dann ließ er den Gerichtsvollzieher eintreten, der im Auftrage des Buchhändlers die Pfändungsmarke an das eichene Regal mit der Prachtausgabe eines Konversationslexikons klebte. ... »Guten Morgen, Herr Hartwig.« -- »Guten Morgen, Herr Hucke --« Die beiden kannten sich offenbar schon von früher. Und da war die Sache geschehen.
»Brauchten Sie denn zwei Lexika?« fragte Jockele. »Sie haben ja da noch den Herder.«
»Ach, wissen Sie, der enthielt mir zu wenig bibliographische Angaben, und da hab' ich mir noch den Meyer zugelegt -- auf Raten, na, und die hab' ich ein paarmal vergessen ... das ist doch menschlich, nicht? Wer soll denn solche Lappalien immer im Kopfe behalten?« Hartwig reichte Jockele das Zigarettenetui: »Da,« sagte er, »setzen wir uns einen Dämpfer auf!«
Aber Jakobus Sinsheimer war die Sache auf die Sprache gefallen -- -- drei Kinder im Kloster, Gerichtsvollzieher, und dabei das großmännische Behaben ... Es war von diesen Gedanken und dem sachten Gruseln, das sie Jockele verursachten, nur ein Schritt bis zu Doris Rinkhaus. Er gab sich auch gar keine Mühe, Teilnahme zu heucheln oder sein Befremden zu verbergen, sondern verabschiedete sich und fiel wenige Minuten später in die Ecke des Sofas von Doris Rinkhaus.
Es war für ihn ein ungeheures Erlebnis und brannte ihn, daß er übergekocht wäre. Aber das Rätsel Mensch war in dieser Stunde in einer so fremden Erscheinung vor ihn hingetreten, daß er sich nun vorkam wie in einem nächtlichen Walde. Vor der Ahnungslosigkeit, mit der er diesem Manne gegenübergestanden hatte, bäumten sich alle seine Sinne auf, und er begriff nicht, wie Doris Rinkhaus zu ihrer Hellsichtigkeit kam. Er berichtete mit einer Stimme aus verstürmtem Herzen, und Fräulein Rinkhaus lehnte in ihrem Stuhle wie eine Siegerin und sagte:
»Was wollen Sie, er ist einer von vielen!«
In der Woche danach, als von allen Bäumen wieder die goldenen Flaggen des hohen Sommers wehten, malte Jockele im Apfelgarten. Rings lag bienendurchsummtes Mittagslicht voll Traum und Stille. Da klangen Frauenstimmen auf dem breiten Wege, der von dem eisernen Tore herläuft -- und der Pinsel, der das Grün der Baumkronen so besinnlich vor den Himmel auf die Leinwand tupfte, blieb plötzlich auf halbem Wege stehen ... »Na!« -- Dann ging Jockele bis an die Hausecke und lugte durch die goldgrüne Stille. Wahrhaftig, da wandelte Tante Veronika neben dem blauen Morgenkleide den breiten Weg unter den Kastanien daher -- den Kapotthut auf dem weißen Haare, die violetten Seidenbänder unter dem Kinne leicht verschlungen. Der schwarze Spitzenumhang fiel so zier um die kleine feine Person, und die schritt so klar und sauber daher wie ihre Sprache; der gelbe Krückstock stabte immer eine Spanne vor ihrem rechten Fuße -- das kam alles stracks heraus aus einer anderen Zeit, es flog ein sachter Lavendelduft darum, und war doch gar nicht altmodisch.
In der Linken die Palette, in der Rechten den Pinsel, und den ein wenig verdrückten Panama weit ins Genick geschoben, so lief er den Damen entgegen und wagte bei Tante Veronika eine Umarmung, die er in gefälligerer Form zu wiederholen versicherte, wenn er das Malzeug los wäre.
»Na!« dachte auch Tante Veronika, als die Sonne dieser freien Augen über sie fiel. Aber wenn sie sich nichts merken lassen wollte, war sie undurchsichtig wie ein Dachziegel. Und jetzt +wollte+ sie sich nichts merken lassen.
Doris Rinkhaus beteuerte: als das große Tor vor Tante Veronika aufgegangen wäre, hätte sie sie schon erkannt. Sie hatte im Liegestuhl unter den Bäumen eine Geschichte von Fridolin Hartwig gelesen -- die sie überdies nicht im mindesten berührt hatte --, da war das alte Fräulein an der Treppe des Herrenhauses vorübergeschritten, und der Gedanke war ihr voraufgelaufen: dort hinten, wo die Bäume das flitternde Gold herniederschütteten, dort müßte es sein! Da flatterte ihr das blaue Kleid schon entgegen ... »Ich werde Sie doch kennen -- sind Sie denn nicht jeden Tag einmal mitten unter uns?«
Aber Tante Veronika wartete mit allem ein bißchen, was sie sagte.
Doris Rinkhaus dachte: »So machen es die alten Damen alle.« Und Jockele meinte: er müßte wohl einen Schritt zurücktreten und sie einmal ordentlich ins Auge fassen; denn Tante Veronika schien ihm nicht mehr ganz richtig zu gehen.
Vor dem Hause blieb das blaue Kleid stehen und sagte: »Es ist nicht sehr wohnlich in der Werkstatt Jockeles -- bitte, treten Sie bei mir ein, wenn Sie sich ausruhen wollen; ich werde indes an eine Erfrischung denken.« Und als sie dann durch das Häuschen gingen, lächerte es Fräulein Sinsheimer ein wenig -- »Ich wußte schon seit Deinem ersten Brief alles auswendig,« sagte sie; »ich wußte auch, daß diese Studien unten an den Wänden liegen und daß etliche so herumhängen.« Da gestand er ihr, daß ihm die Hobelbank aus der Gartenhütte fehle, und daß er manchmal eine heiße Sehnsucht nach dem ›Laboratorium‹ habe. Tante Veronika sagte: »Wenn Du nach allem noch länger hier bleiben willst, läßt sich das ja wohl auch machen ...«
Es guckte aus diesen Worten schon wieder das Warten; sie sah ihm dabei ins Herz, aber sie fand keinen Schatten. Da fing sie in Gedanken gleich an einzurichten -- hier könnte ein Tisch stehen, da die Hobelbank doch besser im Gartenhause bliebe, und hier ein Schrank und ein Regal; dazu nähmen sie vielleicht das aus der oberen Giebelstube. ... Die ganze Freude, die in der Sorge um den Jungen das späte Glück ihres Lebens geworden war, hatte wieder ihre himmelseligen Schwingen bekommen. Dann faßte sie Jockele unter, wählte noch drei Studien aus, die sie sehen sollte, und führte sie hinüber zu Fräulein Rinkhaus. Vor der Türe wurde ihre Stimme noch einmal vorsichtig: »Kann man denn vor dem Fräulein alles reden, was Dich angeht?«
»Alles!« lachte Jockele aus seinem sommerhellen Gewissen heraus. Und als Tante Veronika in der sicheren Sofaecke die Lippen mit einem Himbeerwasser angefeuchtet hatte, ritt sie geradeaus zur Attacke.
»Es ist gar nichts in Dir in Unordnung geraten?« fragte sie. Da sah sie in zwei Paar erstaunte junge Augen. »Und Du hast auch keinen Boten zu mir gesandt, der mir etwas ausrichten sollte?«
»Boten? Ich? Nein! Womit denn?«
»Nun, eben mit jener Nachricht, daß man über ein paar Verschiebungen leicht wieder ins Gleichgewicht kommen könnte -- mehr als hundert Mark seien dazu nicht nötig ...«
»Ja, aber liebe Tante Veronika!! Du redest da immer an etwas herum -- siehst Du denn nicht, daß Du uns beide peinigst?«
»Verstehen +Sie+ mich, Fräulein Rinkhaus?«
»Auch ich nicht!« sagte Doris, und ihre Augen richteten sich starr und weit offen auf die alte Dame.
»Mein guter Junge,« sagte die und geriet ganz nahe ans Lachen, »es scheint, die alte Tante Veronika ist wieder einmal sehr klug gewesen!« Sie begann, die crèmefarbenen Glacéhandschuhe abzustreifen. -- »Ich sehe, Sie haben alle beide keine Ahnung! So lassen Sie mich also erzählen -- doch halt: noch eine Frage: Hast Du mich für heute nicht erwartet?«
»Nicht einmal im Traum wäre mir das eingefallen!«
Tante Veronika war nun mitten darin in ihrer lachenden Genugtuung: »Und ich dachte, das Fräulein Rinkhaus hätte mich da vorn in Empfang genommen, weil meinem Jungen am Gerichtstag das Herz ein wenig ins Rutschen gekommen wäre! Nun, es wird ja gleich Tag werden! Es ist da vorgestern ein Herr in Ibenheim erschienen, mit blondem Vollbart und goldener Brille; er schickte seine Karte herein, und ich habe eine Stunde mit ihm geplaudert, die noch netter gewesen wäre, wenn er nicht zuletzt mit der Nachricht aufgewartet hätte, es wäre Dir mit Deinem Geld ein kleines Malheur passiert ... ein paar Schulden ...«
So erzählte sie. Und dann hatte sich der Herr angeboten, den jungen Mann zu rangieren, und Tante Veronika solle ihm nur gleich die hundert Mark mitgeben ... Das hatte sie ihm aber verweigert und war nun selbst gekommen, zu sehen, wie es um ihren Jungen stand.