Jockele und die Mädchen: Roman aus dem heutigen Weimar

Part 5

Chapter 53,864 wordsPublic domain

Aber sie scheuten sich, das letzte zu sagen, und gerieten darüber wieder ins Forschen: wenn sie den Sohn nun für sich haben wollte, ob sie meinte, daß man ihn ihr gäbe? Er wäre doch nun ein Mensch geworden, der ihr ganz ferne gerückt sei mit seinen Gewohnheiten und seinen Kenntnissen.

»Oh,« sagte die Zigeunerin, »ich will nicht sein Glück zerstören, sondern ich will es erfüllen.«

Da redeten die Wirtsleute in der breiten Mundart ihres Landes miteinander.

Die Frau war voll Mitleid und sagte:

»Man muß ihr den Weg zeigen!«

Aber der Mann widersetzte sich:

»Sie wird die Geschichte von den Wahrsagerinnen erfunden haben; sie will sich in das fremde Haus stehlen und dort einnisten, und man wird uns die Schuld an allem zumessen, was daraus hervorwächst ...«

Dann beschrieben sie ihr den Weg aber doch, der sie über das Gebirge führte, und nannten ihr den Namen des Dorfes und sagten, sie müsse zum Gemeindevorsteher gehen und den Ohrring zeigen -- es würde sich dann schon alles finden.

Danach ging die Zigeunerin fort und wanderte durch den tiefen Schnee des Waldes und lief einen weiten Weg in dem Dämmerlichte, das zwischen den Stämmen der hohen Fichten lag; denn die Bäume trugen ein Dach aus Schnee.

Es war ein Schreiten zu den Toren der Ewigkeit; denn es fiel ein fremdes schönes Licht in die bangende Seele, und der vermühte Leib vergaß über dem beschwingten Gange die Not der verflossenen Zeit.

Der Weg führte aufwärts zum Kamme des Gebirges. Der Weg? Es war kein Weg, es war weißer schlafender Waldgrund, und der klirrende Frost zerwehte vor dem beseligten Wanderschritt.

Droben, wo sie schon den Wind hinter dem Kamme des Gebirges singen hörte, und wo er hohe Mauern aus glitzerndem Schnee durch den Wald gezogen hatte, lehnte sich das Weib an eine der weißen Wände ... es war, als wäre aller Frost drüben, wo das ferne und eintönige Singen der Luft erklang. Da dachte sie: ich will mich ausrasten, ehe ich hineinschreite in den klirrenden Wind. Sie setzte sich nieder und sah die tiefe Spur, die ihre Füße in den Schnee getreten hatten, und wunderte sich, daß ein Mensch durch solch einen verstürmten Bergwinter schreiten könnte ...

»O ja,« sagte sie, »mit einem Herzen voll Himmel wandert man durch alle Mühsal der Erde ...«

Das war das letzte. Dann fiel ein blaues heitres Scheinen in sie. Und das blaue heitere Scheinen war das Sterben; denn als der Frühling über die Berge stieg und die weißen Decken wegnahm, fanden sie die Waldleute in ihrem tiefen Schlafe. Der Mann der Barbara Laufer war unter ihnen, und als er den silbernen Ohrring sah, den die fremde Tote trug, lief er zu Herrn Peter Squenz in Ibenheim und sagte, er sollte gleich mit ihm gehen; denn die dort oben schliefe, wäre die Mutter des Jakobus Sinsheimer. --

Durch Herrn Peter Squenz war diese Geschichte schon in allen Einzelheiten auf die Menschen losgelassen worden, als sie im Frühlingshause noch niemand ahnte.

Gegen Abend, da die Leute von der Waldarbeit heimgekommen, sah Mali eilige Frauen gegen die Hütte der Laufer streben, verkündete das dem Fräulein Veronika und schickte sich gerade an, Licht in die Sache zu bringen, da trat Herr Peter Squenz über die Schwelle. Die Glocke an dem metallenen Schwippbogen machte einen so ausgiebigen Lärm, daß auch der Jockele mit Augen voll Einsamkeit und Bestürzung herzulief; er hatte naturforschenderweise in der Gartenhütte gesessen.

Squenz, der als Amtsperson kam, nahm sich entsprechend wichtig und ahnte nicht, daß Tante Veronika ihm von dieser Stunde an eine Taktlosigkeit und Gemütsroheit nachreden würde, die sie mit sehr spitzem Munde als »einfach ganz unverzeihlich« bezeichnete. Er hielt die Anwesenheit Jockeles für durchaus wichtig; denn es ginge den Jungen vor allem an, meinte Herr Squenz, und dann berichtete er. Fräulein Sinsheimer saß dabei in ihrem Lehnstuhl, als hinge sich in dieser Stunde ein Bienenschwarm unter ihr an die Polster des Sessels; in Jakobus löschte der Tag aus, und das Mädchen Mali stand draußen im Vorhaus, hielt die Hand auf der blanken Klinke und überlegte, ob sie nicht die Flamme ihres Zornes über diesen Herrn Squenz werfen sollte. Der faltete drinnen ein Papier auseinander und legte den Ohrring auf den Tisch, und Jockele holte den Bruderreif aus dem geschliffenen Väslein und legte ihn daneben ...

Da fand Fräulein Sinsheimer das erlösende Wort --

»Ich bin gar nicht mehr imstande, Ihnen zuzuhören, Herr Squenz, und bitte Sie, das Haus zu verlassen ... Sehen Sie denn nicht, welche Verwüstungen Sie anrichten?«

Herr Squenz schaute sich sehr verwundert um und sah nichts. Dann entschuldigte er sich mit seiner Pflicht, aber Tante Veronika lehnte sich im Stuhle zurück und bezeigte ihm so vollkommene Abwesenheit und tiefe Entrüstung, daß er sich ohne Säumen empfahl. Die Klingel läutete ihn hinaus, und es war zu hören, daß Mali den Riegel hinter ihm mit strafender Empörung vor die Tür schlug. Dann kam sie herein; denn sie hatte Fräulein Sinsheimer von Verwüstungen reden hören -- sie hielt ihre Anwesenheit in dieser wilden Stunde auch ohne Aufforderung für durchaus nötig. Tante Veronika stieß ihren gelben Stock in einemfort hart vor sich auf die Dielen; denn sie hatte das Bedürfnis, jedes ihrer zornwütigen Worte mit einem Schlage zu bekräftigen. Jakobus saß am Fenster, hatte den Kopf auf den Arm gestützt und sah in finsterem Schmerze in die sinkende Nacht. Was ihm einmal ein Schuljunge in raschem Kinderärger nachgerufen und wovor man ihn im Haus eine lange lichte Jugend hindurch behütet hatte -- in dieser Stunde hatte Peter Squenz mit der brutalen Rücksichtslosigkeit des vereinigten Ochsenbauern und Polizeimannes die Decke von dem Geheimnis gerissen und hatte dem Jungen das Herz blutig geschlagen. Es war alles durcheinandergestürzt, was Tante Veronika in den Jahren aufgebaut hatte, und sie fand sich nicht mehr in sich selber zurecht. Da legte die alte Mali dem Jockele ihre Hand auf die Achsel; denn sie sah, daß ihm die Augen überliefen von stillem und heißem Weinen. Sie fand auch warme Worte windigen Trostes -- denn welches Menschen Rede vermöchte das wildgewordene Meer eines im Tiefsten erregten Herzens zu glätten?

Danach stand er sehr ruhig auf und sagte: »Ich will in das Gartenhaus gehen und sehen, wie wir es machen können.«

Als es schon ganz dunkel geworden war, kam er wieder herein und sagte:

»Es ist nicht das, was Ihr denkt, daß es mich so hart getroffen habe! Daß eine Zigeunerin im Bergwinter verkommen ist, die ich nicht kenne, ist ein Jammer, und der Gedanke ist furchtbar, daß sie meine Mutter gewesen sein könnte. Aber ich habe sie nicht gekannt -- sie hat auch gar nicht gewollt, daß ich sie kenne und liebhabe -- aber sie zerreißen sich nun die Mäuler in der ganzen Gegend über mich. Vielleicht ist das auch nicht so schrecklich, wie es mir jetzt zu sein scheint; denn jetzt meine ich, ich könnte mich nicht mehr draußen sehen lassen, weil die Kinder hinter mir herschreien, was mir meine Mutter getan hat.«

Tante Veronika hörte ihn in Ruhe an, aber der alten Wirtschafterin wendete sich das Herz um, und sie kam mit Gründen einer landläufigen und gefühlsseligen Moral, daß es schlimm wäre, wenn ein Kind so von seiner Mutter rede.

»Und was hast Du Dir weiter gedacht?« fragte Veronika.

»Ich habe mir gedacht, es wäre am besten, ich ginge fort, schon morgen. Ich habe alle meine Zeichnungen zusammengesucht und will damit zu Maria Reh nach Weimar und möchte sie fragen, was +sie+ zu der Sache meint. Wenn ich unter fremden Menschen bin und neue Pflichten habe, komme ich leichter über alles hinweg.«

»So ist es wohl am besten,« sagte Tante Veronika. »Ich kann Dir in jedem Monat hundert Mark schicken; wenn Du mit dieser kleinen Summe auskommst, so will ich Dich nicht zurückhalten. Und es wird wohl gehen; denn Maria Reh hat mir gesagt, daß sie auch mit so wenigem haushalten müßte.«

»Hundert Mark?« fragte Jakobus in großer Verwunderung.

»Du darfst darüber nicht erstaunt sein,« sagte Veronika, »es ist nicht viel -- Du weißt das noch nicht. Aber ich denke, es läßt sich schon machen.«

Sie hütete sich auch in dieser finsteren Stunde vor schulmeisterlichen Lehren und dachte: wenn ich ihn falsch erzogen habe, so wird nun auch sein Leben falsch werden.

Dann stand sie auf und suchte mit dem Mädchen alles zusammen, was er mitnehmen sollte. Er trug aus dem Gartenhause herüber, was er für nötig hielt, und sie ließen noch etliches für den anderen Tag; denn es wurde bestimmt, daß er erst abends reisen sollte, um den peinlichen Augen der Leute von Ibenheim aus dem Wege zu gehen.

Als die Stunde gekommen und sein Gepäck schon vorausgeschickt war, begleiteten ihn Veronika und Mali bis auf die Schwelle des Hauses. Sie hatten alle aufrechte und stille Herzen, und Fräulein Sinsheimer sagte: »Ich habe mir das bis zuletzt aufgehoben: borge Dir von keinem Menschen Geld, wenn Du einmal nicht mit dem langen solltest, was ich Dir geben kann! Es würde mir sehr weh tun; denn Du würdest damit bezeigen, daß Du zu anderen mehr Vertrauen hast als zu der Frau, die mit all ihrer Treue und Liebe um Dich gewesen ist. Du hast mir viel Freude geschenkt, Jakobus, und ich habe die Pflicht und den Wunsch, Dir für dies Glück zu danken. Du wirst mich immer finden, so oft Du mich suchst. Und nun sei brav und tapfer -- lebe wohl!«

Jakobus sagte: »Ich weiß seit gestern klarer denn seit je, daß ich Dir alles zu danken habe, was ich bin und wohl auch werde, liebe Tante Veronika, und ich werde es nie vergessen.«

Dann beugte sich seine hochgewachsene klare Jugend zu der kleinen feinen Frau hinab, und sie küßte ihn mit ihren schmalen Lippen auf die Stirn.

Die Glocke am Schwibbogen tat drei leise Schläge, als sich die Türe geschlossen hatte, und Veronika sagte zu Mali: »Wir sind heute ein großes Stück dem Ende zugelaufen. Man legt nicht jeden Tag als Maß an den Weg, aber in solch einem stehen gleich sieben Meilensteine.« --

Er kam nachts um elf Uhr nach Weimar. Am anderen Vormittage ging er in die stille Straße, die Am Horn heißt; denn Maria Reh wohnte seit einiger Zeit mit einer Freundin, die auch Malerin war, in dem sehr kleinen Gartenhause, das ganz versteckt in dem schönen Besitze des Generalintendanten von Vignau liegt.

Als er den breiten Fahrweg entlang schritt, der von dem eisernen Tor unter Kastanienbäumen zu dem Häuschen führt, kam er sich sehr tapfer und fast daheim vor; denn er war durch den alten Weimarer Park herübergegangen, und die Welt war voll Frühlingsahnungen und heimlich springenden Knospen wie der Buchenwald an den Hängen des Gebirges. Als seine Augen nun den Schritten voraufliefen und an den kleinen Fenstern suchten, ob sie Maria Reh sähen, wußte er: er würde den Damen alles erzählen, was ihn zu seinem raschen Entschlusse gebracht hatte. Er kannte all diese Menschen nicht, an denen er vorbeigelaufen war, und fühlte: denen wäre es ganz gleichgültig, woher er gekommen sei; und sein helläugiges Wesen bäumte sich auch dagegen auf, sich von den Malerinnen die Wege in das Leben führen zu lassen und ihnen dafür mit Unehrlichkeit zu begegnen. Barbara Laufer hatte wahrscheinlich längst von allerlei Vermutungen zu Maria Reh gesprochen ...

Er stand vor der grauen Haustür und zog an dem Glockenstrange, der aus einer anderen Zeit kam ... Da hatte ihn Maria Reh auch schon in den Händen, und ihre weiche tiefe Frauenstimme wollte sich überschlagen --

»Mensch!« rief sie, »Sie sind ja schon wieder eine Elle länger geworden und haben die Augen ganz voller Himmel -- was will denn das werden?«

Sie zog ihn die schmale Holztreppe empor -- -- was war das für eine starke und frohmütige Art!

In der kleinen Stube nach dem Garten hin stand Doris Rinkhaus in einem hellblauen Morgenkleide -- ein Frühlingstag, dachte Jakobus Sinsheimer; denn es war alles blau und golden an ihr, ihr Gesicht blühte wie ein Sonnenhang im März, und sie trug das lichte Haar wie die Mädchen auf den Bildern Defreggers.

Das stürzte alles so über ihn, und eine dunkle und eine helle Frauenstimme flatterten um ihn wie ein Trauermantel und ein Zitronenvogel, die in seinem jungen Lichte spielten. Maria Reh ergriff seine beiden Hände und legte sie in die von Doris Rinkhaus und sagte:

»Das ist der Junge aus dem grünen Lande! Gib acht, aus dem wird etwas -- es weiß nur noch nicht, wohin es mit ihm will!«

Nun saßen sie sich seit drei Minuten gegenüber und kannten sich schon seit Anbeginn.

Auf dem Tische lag ein Wachstuch; das Geschirr vom Morgenkaffee stand noch darauf und daneben lagen viele Krumen. Auf einmal fiel es Doris Rinkhaus ein, sie müßten den Tisch abräumen, weil sie Besuch hätten. Da packten sie beide die vier Zipfel des Wachstuches, ließen das Geschirr durcheinanderklirren, schütteten ihr Lachen darüber und trippelten damit in die Küche. Dann rückten sie an Jakobus heran, daß die drei Paar Knie zusammenstießen, und Maria Reh sagte: »Schießen Sie los, junger Mann! Sie wissen, Sie haben sich einmal an mir in sieben rosenrote Himmel hineingeschwärmt, aus deren etlichen Sie jählings herausgefallen sind. Aber der Freundschaft tut das keinen Eintrag -- und nun mal los: Hat die Tante Veronika einen Krach geblasen? Leiden Sie an einer unglücklichen Liebe, die ganz gewiß Ihre letzte sein wird? Haben Sie ein neues Schmetterlingsbuch verfaßt, oder wie ist das?«

»Du reißt ja mit einem Male alle Türen an Herrn Sinsheimer auf!« mahnte Doris Rinkhaus. »So laß ihn doch erst zu sich selbst kommen!«

Da tat Jockele einen tiefen Atemzug -- es ging nun doch nicht so leicht, wie er nach dem klingenden Begrüßungsfeste gedacht hatte. Er begann tastend -- ein Wanderer an einem steilen Hange, der fürchtet, die Steine unter ihm könnten ins Gleiten geraten. Er suchte zuerst auch in den Augen und Mienen der Mädchen, ob sich in ihnen über seine Rede eine heimliche Lustigkeit zeige. Aber sie hörten ihm mit Selbstvergessenheit zu. Einmal unterbrach er sich und sah Maria Reh an: »Wußten Sie schon, daß allerhand Gerüchte über mich in den Dörfern liefen?«

»Ja,« sagte sie, »ich habe es reden hören. Die Leute taten sehr geheimnisvoll; ihre Erzählungen hörten sich auch gar zu komisch-romantisch an -- das Lachen kam einem ja, wenn man ihre stumpfen Gedanken und plumpen Münder an diesem Rätsel herumraten sah!«

»Ich dachte es mir, daß Sie es wüßten. Und Sie haben mir auf unseren Waldgängen nichts davon gesagt?«

»Warum sollte ich mich in Dinge drängen, die mich nichts angehen? Und wenn Sie selbst gar keine Ahnung gehabt hätten -- warum sollte ich Ihnen denn einen so großen Schmerz bereiten?«

»Sie reden von einem großen Schmerz, Maria. Wollen Sie ganz ehrlich gegen mich sein?«

»Ja,« sagte sie, »ich gelobe es sogar!«

»So sagen Sie mir: was meinen Sie mit diesem großen Schmerz?«

»Ich habe gedacht, es müßte Ihnen sehr weh tun, daß Ihre Mutter Sie so lieblos in die Welt gesetzt hat ...«

Darüber sprang Doris Rinkhaus auf und schritt ein paarmal durch die kleine Stube --

»Was meinst Du?« fragte Maria.

»Ich glaube gar nicht an den großen Schmerz,« sagte sie, »nein, ich kann es mir nicht denken!« Und es lag über ihrer klugen Stirn und über ihrem leuchtenden Munde wie ein Märztag, den der Sturm blank geblasen hat. Sie sprach hart und klar: »Wenn ich mir überlege, meine Mutter hätte mich hilflos auf eine fremde Schwelle gesetzt und hätte sich nicht mehr um mich gekümmert, dann hätte sie ja gar keinen Anspruch auf meine Liebe ...«

Danach erzählte Jockele die Geschichte zu Ende. Es kam ein fast wilder Mut in ihn, den Kampf mit dem Leben aufzunehmen, in das er nun hinausgestoßen war, ehe er daran gedacht hatte. Hinter jedem Worte stand sein kampfmutiges und kühnes junges Herz. Der blühende Märzenmund hatte zur Flamme geblasen, was Glut gewesen war ...

»Man wird auch hier von dieser Geschichte reden; denn ich mag nicht immer um mich selbst herumlaufen wie der Fuchs um das Schlageisen, in dem er sich doch endlich fängt -- nur sagen Sie es mir: wird man auch hier hinter mir herschreien und mich verachten, weil meine Mutter eine Zigeunerin war?«

»Ach Unsinn!« riefen die Mädchen wie aus einem Munde.

»Wenn Sie schon recht viel könnten, wären Sie mit einem Schlage berühmt!« Doris Rinkhaus fand alles ›rasend‹ interessant und warf die ›Donnerwetter‹ hinter ihre Worte als Ausrufezeichen. Manchmal wollten ihr Herz und Kopf davonlaufen, dann schlug sie sich übermütig vor den Mund und sagte: »Nur für Damen! Darüber will ich mit Maria reden, wenn wir allein sind!« Und Maria Reh faßte Jockele vorn an der Jacke und sagte: »Wissen Sie noch, wie weich und träumerisch und maigrün Sie um die Wachtelweizenblüte waren?«

Es flog ihm blutrot aus dem Herzen herauf -- nun ja, auf dem Weg aus dem Sommerwalde durch den Bergwinter hatte auch viel Erkenntnis und Einsamkeit gelegen, dazu der Tag, in dem Tante Veronika sieben Meilensteine stehen sah! ... Doris Rinkhaus sprang rettend dazwischen --

»Wie ich die Dinge beurteile,« sagte sie, »so müssen wir jetzt eine Bude für Sie suchen; denn hier geht das nicht, junger Mann!«

Jakobus Sinsheimer hätte am liebsten gesehen, wenn es hier gegangen wäre -- nun jagten sie ihre Gedanken durch viele Straßen, und als nichts paßte, verfielen sie auf das Dienerhaus, das neben dem sehr kleinen Gartenhause stand und doch fast dreimal kleiner war als dieses. Weiß Gott, welcher Philosoph sich das einmal ins Grüne gedichtet hatte wie Vögel ihr Nest! Doris Rinkhaus sagte: es müsse ein ganz ungeheuer fröhlicher und gescheiter armer Mensch gewesen sein, und er sei über dem Gedanken sicher ins Singen geraten oder in ein welt- und himmelfröhliches Pfeifen.

Die Sache kam in Ordnung: Jakobus Sinsheimer, der angehende Kunstmaler, hatte zwei Stuben zu ebener Erde und über sich ein Dach. In der einen hatte mit knapper Not sein Bett Platz. Auf ein Atelier glaubte er aus vielerlei Gründen zunächst verzichten zu können. Er ließ sich also sein Gepäck herbefördern und fing an zu wohnen.

Auf der Akademie hörte er auch Kunstgeschichte bei einem alten Herrn, der einmal Pastor gewesen war. Am ersten Tag erschien ihm die Sache prächtig; denn er trat an die neue Welt heran mit dem selbstverständlichen Willen, sie in allen Stücken vollkommen zu finden. Später saß er in diesen Vorlesungen mit grausamer Selbstentäußerung und ließ ihre mitleidlose Langweile über sich zusammenschlagen. Auf Akt und Landschaft warf er sich mit der fröhlichen Kunst der Jugend zum Glücklichsein. Es war ein frisches Zugreifen und herzhaftes Vorwärtskommen, aber nicht ohne Eigenwilligkeiten, wegen derer es zu Auseinandersetzungen zwischen ihm und seinen Lehrern kam. Wege suchen und Ziele finden, wenn es auch noch so mühsam war, machte ihn warm; der Regel und dem Schema stand er gefroren gegenüber. Um Menschen solcher Art bilden sich zweierlei Meinungen -- die einen sagten: »Dieser Sinsheimer kann nichts und wird nichts!« Die anderen meinten: »Sinsheimer ist ein eigenwilliger Kopf, aber er ist aus dem Holze derer geschnitten, die durchkommen!«

Er hatte schon wenige Tage nach seiner Uebersiedlung viele Bekannte; denn ein Junge, dem Zigeunerblut in den Adern rollte und der berühmt war von dem Augenblick an, in dem ihn zum ersten Male die Sonne beschienen hatte -- das war etwas! Dazu diese geschmeidigen Glieder, und dies Herz, voll bis zum Rande von der Kraft des Bergwalds, und die Augen voller Licht -- »Donnerwetter!« schrieb Doris Rinkhaus hinter Jakob Sinsheimer. Nach vier Wochen wußte kaum einer mehr, daß er noch einen anderem Namen trüge als Jockele -- und das kam ihm von Maria Reh.

In der Zeit zwischen März und Frühling geriet er in das Leben, das Doris Rinkhaus in der Klarheit, mit der sie alle Erscheinungen erfaßte, die ›Filiale von München-Schwabing‹ genannt hatte. Es ist ein Gemisch von Jugend, Sorglosigkeit, Uebermut, einem ganz geringen Zusatz ernster Arbeit und einem stärkeren von vermeintlicher Genialität. Zu den äußeren Kennzeichen rechnete Jockele, daß jeder, der in diesem Leben stand -- sei es Jüngling oder Mädchen -- die unverbrüchliche Verpflichtung eingegangen zu sein schien, in je fünf Minuten mindestens einmal die Worte genial, Genialität oder Genie zu gebrauchen. Darüber gelangte man zu der Annahme, die Genies wüchsen in der Welt wie gelber Löwenzahn, und binnen kurzem könnte sich die Erde nicht mehr vor ihnen retten.

Das war die Zeit, in der Jockele zu der peinlichen Erkenntnis kam, daß ein Monat zwanzig Tage länger sein kann als hundert Mark.

Ehe er dieses Maß nahm, hatte er sogar Geld ausgeliehen. Einmal machte er sich auf den Weg, die Schuld einzufordern. Da schloß ihn der Kunstschüler gerührt in die Arme und rief den Propheten Daniel zum Zeugen an, daß er alles bezahlen würde, wenn er berühmt wäre.

Mit diesem Troste zog Jakobus Sinsheimer seine Straße und war froh, daß er über den alten Schießstand unter den mächtigen Kastanienbäumen nach Hause gehen konnte, der hinter den Gartenzäunen langlief; denn er dachte, die Menschen müßten es ihm ansehen, daß er seit drei Tagen nur noch zwei rote Pfennige in der Tasche trüge. Weil der Magen gegen solche Behandlung knurrend Einspruch erhob, trat Jockele zuvor in den Hausgang einer Bäckerei und erstand für diese zwei Pfennig Weißbrot. Auf dem Walle des Schießstandes, um den Maienwind und Grün wirbelten, verschlang er die Semmel und sah dabei manchmal über die Gartenzäune, ob da wohl einer in sattem Wohlbefinden stand und ihn beobachte. Aber es war niemand da als der Frühling, und der hatte alle Hände voll zu tun; denn da warteten die tausendarmigen Leuchter der Kastanien und wollten angezündet sein.

Als Jakobus gerade den alten Wall hinabspazierte und durch die Schlüpfe des Gartenzauns in die grüngoldene Einsamkeit verschwinden wollte, setzte sich ein Mann im Gras auf. Ein stattlicher Herr mit einem blonden Vollbart und einer goldenen Brille. Unter seinen forschenden Blicken schritt Jockele auf die Pforte zu, und als er den Schlüssel hervorsuchte, erhob sich der andere und fragte: »Ah, Sie wohnen hier?«

»Zu dienen -- in dem ganz kleinen Hause da.«

»Aha. Da sind Sie also der junge Maler Jakobus Sinsheimer. Ich heiße Fridolin Hartwig.«

»Angenehm. Auch Maler?«

»O nein, ich bin Schriftsteller. Darf ich Ihnen für wenige Augenblicke in das grüne Idyll folgen? Ich interessiere mich dafür -- man kann Sie ja wohl darum beneiden.«

»Das wohl!« sagte Jockele. -- Sie schritten über das Gras, das unter den schon schattenden Obstbäumen noch morgenfeucht war.

»Sie haben ja einen romantischen Einzug in die Welt gehalten,« begann Hartwig, »und wollen es im Leben zu etwas bringen, hm?«

»Ich hoffe.«

Sie waren eine halbe Stunde beisammen, und als sie wieder vor der Pforte im Zaune standen, kam Doris Rinkhaus den Gartenweg daher und ein Paar aufdringliche Männeraugen begegneten ihr.

»Was hatten Sie denn für einen Herrn in Ihrer Gesellschaft?« fragte sie später. Sie ließ es sich berichten ...

»Er hat unehrliche Augen,« sagte sie -- »solche, die gern um die Ecke gucken. Und wissen Sie, derartige Koketterien wie die dünne silberne Uhrkette um den Hals, die große Silbermünze mitten auf der Brust, und dies Spazierstöckchen neben so mächtigen Gliedern -- so etwas wirkt auf mich einfach peinlich.«

»Aber liebes Fräulein Rinkhaus ...«

Sie sprang mitten hinein in seine Rede --

»Ach, sagen Sie, was Sie wollen, so trägt sich ein Mann nicht, und wenn er sich noch so ernst gebärdet! Ich würde das nicht einmal einem halbwüchsigen Kunstschüler verzeihen.«

»Sie verschießen Ihre Worte ja wie vergiftete Pfeile,« lachte Jockele; aber es war nicht das fröhliche Draufgängertum der anderen Tage in ihm.

»Jawohl, Pfeile! Und ich wünsche, Sie würden getroffen! Ich glaube, es ist die höchste Zeit, Sie einmal auszuputzen. Sie laufen seit ein paar Tagen in der Welt herum und tragen den Kopf unter dem Arm. Kommen Sie mal gleich rein, da kann ich lauter reden!«