Jockele und die Mädchen: Roman aus dem heutigen Weimar

Part 3

Chapter 33,732 wordsPublic domain

Eines Wintertags, als alle Quellen des Lichts aus dem geschliffenen Späthimmel brachen und es aussah, als wäre die Himmelsglocke zertrümmert worden, weil der Sonnenball, siebenmal größer als sonst, in seiner leuchtenden Majestät anders nicht hätte durch die Tore ziehen können, schlug der Jockele seinen Farbekasten auf und pinselte das königliche Spiel des Verleuchtens auf ein weißes Papier. Er saß am Fenster des Gartenhauses, sein Tisch war eine alte Hobelbank, an der in grauen Zeiten Tante Veronika ihre Rosenpfähle selber zugerichtet und grün angestrichen hatte -- da fiel das gewaltige Flammenwerk des Himmels in seine jauchzenden Augen. Er wußte kaum, was er tat -- es war ihm, er stünde davor mit hoch, hoch emporgestreckten Armen und wäre ganz nackt; denn alle Armseligkeit des Irdischen fiel darüber von ihm ab -- und hätte ein Schauen in eine andere Welt. Aber er saß doch an der braunen Hobelbank, inmitten tausend kleiner Dinge, die er dem Alltag aus den Händen genommen, und strich in Selbstvergessenheit die Farben auf das Papier.

Und dann war es ein recht armseliges Machwerk geworden -- es fehlte darin kein Licht, aber es fehlte das Leuchten ... Die Himmelsfreude seiner Augen war ausgelöscht auf der Spanne Weges durch den Pinsel! Darum sah sein Sonnenuntergang so verbrecherisch aus, als hätt' ein Dorfjunge, der dem Puppenmaler zugesehen, einen Haufen farbiger Kreidestücke an der schneeweißen Haustür der Tante Veronika probiert. Scheußlich!

Er warf den Pinsel hin und verlor sich mit seinen Gedanken wieder in das letzte Scheinen, das noch ferne stand.

Es waren nun Wolken in wunderlichen und wilden Bildern über den Saum der Erde gekrochen und fraßen den königlichen Glanz. Endlich waren nur noch zwei Oeffnungen in der Finsternis. Durch diese konnte man hineinsehen in glutrote Weiten ...

In diesem Augenblicke zerriß ein schwarzer Vorhang vor einer Kammer seines Herzens, und was ihm kein Mund eines Menschen erklärt hatte, ging in seiner Seele auf als eine rote stille Flamme: er erriet ein Stück der Götterlehre der Germanen, die von den Gipfeln dieser Berge, so wie er jetzt, durch die Türen des Himmels geschaut und ein machtvolles Wandern von Gestalten gesehen hatten, die dort in einem großen Lichte gingen. Und weil die Vorfahren noch nichts von der Welt kannten, als was sie mit ihren Sinnen erfaßten, deuteten sie sich das Gesehene und sagten: es ist das ewige Leben in jenem großen Leuchten, und sie nannten es Walhall ...

Da fiel der rauhe Ruf des Mädchens Mali in den Sternenflug seiner Gedanken. Es war die Zeit des Nachtmahls, das sehr früh genommen wurde.

Auf seinem Gesichte lag noch der Widerschein des heiligen Feuers. An anderen Abenden nahm er sich mit wißbegierigen Augen gleich beim Eintritt ins Zimmer von den aufgetragenen Speisen einen Teil des Wohlbehagens hinweg, in das sich sein gesunder Jungenappetit hineinzuessen gedachte -- heute stand er diesen Dingen gleichmütig gegenüber wie noch nie.

Das Zinzilein, das gewöhnt war, alle seine Begeisterungen und Enttäuschungen mitfühlend zu durchleben, als wär's ein Stück von ihm, ein großes Stück, trat gleich ohne anzuklopfen mitten in ihn hinein --

»Na,« fragte es.

»Ich habe ein großes Erlebnis gehabt!« sagte er mit Wichtigkeit.

»Wahrhaftig -- es ist noch ein ganz fremder Klang in Deiner Stimme!«

»Ich wünschte, ich könnt' Euch alles halb so schön sagen, wie ich es gedacht habe! Aber es geht nicht. Wenn ich erzählen wollte, würde es geradeso herauskommen wie der Sonnenuntergangshimmel, den ich zu malen versucht habe. Ich wette, ich habe jedes Licht auf dem Papier, und ist dennoch eine abscheulich schlechte Sache ... es sieht aus wie die bunte Kaffeedecke, als sie das Mädchen Malchen mal abgekocht hatte, und sollte doch der Himmel werden -- der herrlichste Abendhimmel, der je über der Erde gestanden hat!«

Er redete da in Worten, wie er sie vordem nie gebraucht -- jedes hatte Flügel, und seine Augen hatten den Glanz großer Sterne.

Dann lockte das Zinzilein Walhalls Entdeckung aus ihm heraus.

Er redete sich darüber in fernschauende Vergessenheit, aber es ward zuletzt doch nur ein Bild ohne den überirdischen Glanz, in dem seine Träume durch die Dämmerung gezogen waren. Das kam auch von der Scheu, vor den prüfenden Blicken der Tante und des Zinzilein alle Hüllen von der Seele zu werfen.

Darüber ward er schweigsam. Das Essen geschah ohne die begeisterungsvolle Hingabe, zu der er sonst imstande war, und er sah aus wie einer, der eine Erscheinung gehabt hat. Er war in der Dämmerung dieses Wintertags in einen neuen Abschnitt seines Lebens gesprungen.

Vor dem Schlafengehen nahm er sich das Zinzilein noch einmal zur Seite und sagte: »Du, das quält mich! Lach' aber nicht! ... Es ist heute so etwas in mir aufgegangen -- weißt Du, gerade wie damals, als die Schauspieler im Dorfe waren ... Wir saßen in dem ganz finsteren Saale, auf einmal rollte der Vorhang empor -- es blühte ein schöner Rosengarten dahinter und stand alles in so warmem Lichte ... Jawohl, so ist es in mir gewesen! Zinzilein, sag es mir: ist das die Seele?«

Gott, wie purzelten ihm die Worte klug und unbeholfen über die Lippen!

Aber wenn er das alles hätte Veronika sagen sollen, wär' es noch reichlich dümmer geworden.

Das Zinzilein geriet an dieser Frage des großen Erwachens in Herzensnot. Es merkte: der Junge wollte eine sichere Rede hören über Dinge, die ihr selbst bis zu dieser Stunde nur unsichere Gedanken gewesen waren. Wie sollte sie denn das anfangen, ohne sich Jockeles Achtung und Liebe zu zertrümmern?

»Ja,« sagte sie aus großer Bedrängnis heraus, »das ist die Seele!«

»Das hab ich mir gedacht,« sagte er in aufatmender Befriedigung. »Ist Dir das auch so gegangen?«

»Aehnlich wird es wohl gewesen sein,« lächelte das Zinzilein. »Aber weißt Du, das sind Dinge, über die man erst klug reden kann, wenn man viel älter geworden ist. In der Jugend ist es genug, wenn man weiß, es ist etwas da, das einen von innen so warm und hell anscheint wie die Sonne von außen.«

Das war das erlösende Wort! Es fiel in den Jungen aus einer großen Not ihres Herzens, das an diesem Abend jedem seiner Gedanken und Blicke treues Geleit gegeben hatte. Und darum fand sich's nun so auf Zinzileins Lippen, just wie es das drängende Begehren des Knaben brauchte, das plötzlich an dem Uhrwerke des Lebens herumzuraten begann.

Als der Jockele, der schon seit Jahren allein in der Giebelstube schlief, zu Bett gegangen war, geriet das Zinzilein in ihrer Bedrängnis an Tante Veronika. Die saß in der warmen Behaglichkeit ihres Lehnstuhls, aber als das Mädchen das fremde Geschütz auffuhr, griff Tante Veronika mit der einen Hand nach der Krücke des gelben Stockes, an dem sie nun aus einer alten Familiengewohnheit heraus zu gehen pflegte, und mit der anderen glitt sie so langsam über das Gesicht, als müßte sie sich ein bißchen lächelnde Verlegenheit abwischen ...

Es wurde an diesem Abend länger und gefühlvoller gesprochen als sonst, ohne daß es zu Entdeckungen von grundlegender Bedeutung über das Wesen der Seele gekommen wäre.

Seit dieser Zeit beschied sich Jakobus nicht mehr damit, vorgedruckte Bilder auszutauschen, sondern er suchte Farben und griff nach dem Himmel.

Darüber wurde das Zinzilein von einem grausamen Lachen befallen und sagte: kleine Kinder machten es geradeso -- sie langten zuerst nach den schönen goldenen Nägeln des Firmaments, dann aber spielten sie mit Steinen und schlechtem Sand! Ob denn auf der +Erde+ nicht etwas wäre, und nicht so voll von unmalbarem innerlichen Glanze wie die Wunder des Himmels? Sie könnte ihm zwar weiter nichts helfen als sehen ... »Guck,« sagte sie, »da steht draußen der Zaun aus lauter braunen Stänglein, steht vor dem blauen Tuche des Himmels und hat sich so viele kleine Mützen aus frischem Schnee aufgesetzt ... könnte man das nicht malen?«

Himmel, was solch ein großes Mädchen für herrliche Einfälle hat! -- Da war das Zinzilein schon aus dem Gartenhause gesprungen, kam aber gleich wieder, schwang ein blaues Papier und sagte: die Sache wäre einfach genug -- er brauchte den Himmel nicht einmal zu malen; denn da wäre er schon!

Die Tante lobte ihn danach mit Maßen und sagte: wenn er hundert solche und ähnliche Dinge vor der Natur weggenommen, werde er große Geheimnisse entdecken. -- Das war ein Rätselspruch von der Art jener, die die verschleiernde Kunst der Pythia geliebt hatte! Einer, der vor einem großen Werke steht ohne den heiteren Glauben an seine Kraft, kann sich darüber verbluten.

Das Zinzilein verlangte mehr Lob für den Jockele, aber Tante Veronika überhörte das gute Wort gänzlich.

Die beiden letzten Schuljahre des Jungen wurden von ihr sehr ernst genommen, die Naturgeschichte und Malerei schienen dabei geflissentlich übersehen zu werden und blieben für die Sonntage und die Ferien.

Veronika hatte auch eine lateinische Grammatik ungemein ehrwürdigen Alters unter ihren Büchern entdeckt, die war voll Genusregeln von klappriger Enthaltsamkeit des Geschmacks und Geistes. Dazu ein Uebersetzungsbuch von Ostermann für Sexta, das bibliophilen Wert hatte; denn es war eines der ersten Exemplare der ersten Auflage und trug eine vergilbte Einschrift des Verfassers für den Vater der Tante Veronika.

Jockele, der sich ausrechnete, daß dieser Vater um jene Zeit gut hundertzwanzig Jahre hätte zählen können, ahnte beim Anblick der greisenhaften Würde des Buches zum andern Male seine Seele -- diesmal in einem fröstelnden Erschauern.

Dann kam über die alte Dame eine fast heftige Betriebsamkeit im Latein. Gleich zu Anfang aber forderte der Junge Frist zu einem Privatschnaufer der Verwunderung, weil die Tante das nun auch noch konnte. Allein, sie gestand ohne Umschweife, daß es mit ihrem Latein hapere. Doch -- das kannte der Jockele! Nichts als übertriebene Bescheidenheit! Und er war geneigt, jede Wette einzugehen, daß der Professor Sinsheimer, der an dem gelben Krückstock durch die Straßen Bremerhavens gestabt und dessen Werk die Tante Veronika war, an ausbündiger Gelehrsamkeit zugrunde gegangen wäre.

Während dieser letzten Schuljahre stand der Jockele der Grammatik und dem Uebungsbuche mit frostigem Herzen gegenüber, er lernte, weil er sollte, und niemand im Hause wußte eigentlich recht, wozu. Selbst Tante Veronika war froh, als sie dem Jungen erklären konnte, nun sei es mit ihrem Latein zu Ende. Das war an dem Tage, an dem sie die letzte Seite des Ostermanns für Sexta umschlugen.

Danach kam die heitere Ruhe des Frühlingshauses ein wenig ins Wanken, es war ein wunderliches Drängen nach außen. Zuerst ging die Schulzeit des Jockele zu Ende, und es richteten sich allerlei Fragen steil und nüchtern vor dem innigen Beisammensein auf. Sie forderten die Antwort nicht von einem Tage zum anderen, aber sie schoben bei jeder unpassenden Gelegenheit den Kopf zwischen die drei Menschen und sagten: »Na, wie wird das?« Und sie wären noch viel hartnäckiger gewesen, wenn das Zinzilein nicht um diese Zeit maienseliger Erdenfreude von einem Forstgehilfen schön gefunden worden wäre. Weil der nicht das Töchterlein des Holzhauers und Puppenmachers Laufer, den er im Walde an die Arbeit zu stellen hatte, sondern das Ziehkind der feinen alten Dame ehelichen wollte, war ihm von vornherein klar, er werde einen heillosen Sturm im Haus auf dem Hügel losmachen, der ihm die großen Klötzer nur so vor die Füße wirbelte.

Die erste Betätigung dieser Liebe war das Interesse des jungen Forstgehilfen für den Jockele.

Einmal auf einem Spaziergang, als auf den Waldgrund die braunen Knospenhüllen der Buchen herabschneiten und das brünstige Schauern der Frühlingserde sich an Quellen und Bachsäumen zu Bändern aus Vergißmeinnicht zusammenwob, schlug der Forstmann Matthias Prinz dem Jungen eine Tür auf, durch die er einen Blick in die Ferne tat -- so weit hatte er nie sehen können, wenn Tante Veronika vor seinen Augen hinaus ins Leben deutete! Es waren in Matthias einige Erinnerungen aus verlorenen Lateinjahren wachgeworden.

»Siehst Du,« sagte er zu Jockele, »das Latein, das ich nicht gelernt habe, hat mir die Hälfte meines Lebens verdonnert!«

»Wie denn das?«

»Nun, ich hätte Oberförster werden können und Forstmeister -- aber an dem Latein bin ich hängen geblieben.«

»Und wenn einer nicht Forstmeister werden will?« klügelte Jockele an dieser Rede herum.

»Lern's Junge!« schrie ihm Matthias Prinz ins Gesicht und legte ihm beide Hände auf die Achseln, »und wenn Du's hundertmal nicht weißt, wozu Dir dies oder jenes nützen soll -- raff zusammen in Deinen Frühlingsjahren, was Du kannst, denn es könnte die Zeit kommen, da Du Gold daraus schlägst!« Nach dieser klingenden Rede fragte er kurz: »Was willst Du werden?«

»Ich weiß es nicht. Wenn ich sehr fleißig bin, darf ich mir's noch drei Jahre überlegen; bin ich faul, muß ich in irgendeine Lehre.«

»Junge,« sagte Matthias, »das ist ja großartig! ...«

Darüber waren sie an den Saum des Buchwalds gekommen, an dem die Umzäunung über dem Goldbrunnen dahinlief.

Sie gingen ganz langsam dem Frühlingshaus entgegen, und Herr Matthias Prinz redete sehr laut und väterlich.

Da lugte die Mali aus dem Küchenfenster, was es wäre, und gleich darauf trat Tante Veronika an dem gelben Krückstock heraus in die Sonne. Sie überschüttete die jungen Leute ganz mit der hellen Freude, die immer nicht genug Platz in ihren Augen hatte, und sagte, sie könne dem Herrn Matthias nun endlich danken für die Teilnahme, die er an der Entwicklung des Jakobus zeige.

Herr Matthias Prinz aber redete sehr verbindlich und ehrfürchtig zu der alten Dame, von der alle einsichtigen Leute mit so heillosem Respekte sprachen, und fand sich auch geschickt zu der Behauptung, von der er dachte, sie werde sie am meisten erfreuen. Er sagte, sie hätte den Jockele zu einem sehr klugen und braven Jungen erzogen.

Es lag aber nicht in der Art Veronikas, sich im Sturme nehmen zu lassen. Deshalb begegnete sie der prinzlichen Begeisterung mit einer maßvollen und sicheren Liebenswürdigkeit; und als Matthias fragte, ob er bei Gelegenheit einmal in ihr Haus treten dürfe, entgegnete sie: »Ich werde mich darüber freuen; und dann wird Ihnen Jakobus in der Gartenhütte zeigen, wie er lernt, und Sie werden ihm sagen, daß ihm noch viel zu tun übriggeblieben ist.«

Danach reichte sie ihm die Hand und wußte, daß aus diesen drei Minuten die größte Wandlung in ihrem Hause hervorwachsen würde, die seit dem Eintritt Jockeles darin gegeben war.

Nichts an ihr verriet diese Erkenntnis, aber das Herz des Herrn Matthias Prinz hatte Schwingen bekommen und wirbelte mit ihm hinein in den Frühlingswald -- die Finken rührten ihr Schlagzeug, als hätten sie Wachtparade, die Mönchsgrasmücke trug den Schellenbaum, und die wilden Tauber schlugen die große Trommel. Und der Herr Prinz -- als wär er schon König geworden -- bildete sich ein, die ganze Waldmusik hätte der Frühling extra für ihn losgelassen. --

Jockele stand auch über diesen Tag hinaus den Ereignissen mit Unbefangenheit gegenüber. Das Geheimnis der rosenroten klingenden Liebe war für ihn noch nicht erfunden, und er brachte nicht den ahnungslosesten Verdacht auf, daß er von dem Herrn Matthias als Sprungbrett zu einer himmelblauen Seligkeit benutzt würde.

Gesprochen wurde nach Ansicht des Jockele von dem Forstgehilfen im Hause nur dann, wenn er selbst die Rede auf ihn brachte; Tante Veronika hatte mit sehr nachdrücklichen Worten namentlich der Mali alles verboten, was für die Ohren des Jungen nicht paßte. Daß Mali und das Zinzilein in dieser Zeit oft recht geheimnisvoll taten, merkte er auch nicht -- ein Junge merkt überhaupt nicht viel; er wühlte sich im Gartenhaus mit einer Wichtigkeit in seine Bücher, die er über den anderen Pflichten der Schule nicht einmal geahnt hatte.

Darüber war auch der »Ostermann für Quinta« beschafft worden, an dem der alte Pastor in Jockeles Gemeinschaft jede Woche drei Stunden sein verblichenes Latein auffrischte.

Als Herr Matthias nach einigen Wochen im Frühlingshause Besuch machte, beschränkte ihn die Tante wiederum für die Dauer von drei Minuten auf das Damenzimmer. Dann begleitete sie ihn vor das Gartenhaus, das Zinzilein guckte durch den Vorhang, und der Herr Matthias Prinz suchte mit seinen Augen über die Achsel der Tante hinweg, ob etwa aus diesem Fenster ein Sonnenschein fiele. Er redete dabei ausgiebig und bezeigte ein großes Interesse für die Anlage des Gartens.

Veronika war auch davon nicht im geringsten überrascht -- wer überhaupt dächte, sie hätte sich von Stund an in die Rolle des schätzehütenden Drachen eingelebt -- ha, der würde Fräulein Sinsheimer sehr schlecht kennen!

Sie liebte es, die Augen zu schließen, um besser sehen zu können, und war dem Zinzilein selbst in den wichtigsten Angelegenheiten der Liebe unbedingt vertrauenswürdig. Wenn der Jockele davon etwas hätte ahnen dürfen, so hätte er gesagt: »Nun versteht sie das wahrhaftig auch noch!«

Tante Veronika hatte gegen die Dinge, die sich nun im Frühlingshause vorbereiteten, nicht das geringste einzuwenden, aber sie wollte alles mit der ihr eigenen Delikatesse behandelt wissen.

Sie fand es selbstverständlich, daß das Zinzilein gleich das neue Muster abhäkeln mußte -- jetzt, am Sonntag mittag, und eine Stunde vor dem Essen! Und sie fand es durchaus natürlich, daß dies auf einem Platze hinter dem Vorhang des Fensters nach dem Gartenhaus hin geschah, an dem das Zinzilein sonst nie saß. Dabei blühte das Zinzilein wie eine Malve und war von weltumarmender Glückseligkeit. Und weil Tante Veronika wußte, daß solch ein Glück als Geheimnis tausendmal schöner ist, merkte sie von den musizierenden Engeln, die das Zinzilein umtanzten, gar nichts.

Nach einiger Zeit ging die Gartentür -- da stürzten sich alle anwesenden Engel dem Mädel ans Herz und läuteten damit, daß ihm angst und bange wurde.

In der schönen Zeit dieses Jahres schlossen sich Herr Matthias Prinz und Jockele innig aneinander, wiewohl der Forstgehilfe beinahe noch einmal so alt war als sein junger Freund. Sie waren fast an jedem Tage beisammen.

Weil Matthias keine Gelegenheit vorübergehen lassen durfte, die sehr umsichtig befestigte alte Dame zu erobern -- und wenn sie mit Ketten an den Himmel gebunden wäre! --, so machte er dem Jungen die Waldgänge zu fröhlich angeregtem Unterricht vor der Natur. Darüber wurde alles Glanz an dem, und er lief in seine ersten Jünglingsjahre, als wäre er der Blütenzauberer Frühling selber.

Das Ebenmaß seines Wachstums geriet um diese Zeit, die zwischen den Zeiten steht, ein wenig in Unordnung, und die Glieder baumelten manchmal in der Welt herum, als wüßten sie nicht, was sie schlagen sollten. Das Zinzilein aber sagte in belustigter Uebertreibung, Arme und Beine hingen um ihn wie langgereckte Fragezeichen.

Aus dieser Erkenntnis des Zinzilein erklärte er sich die merkwürdig fremden Augen, mit denen das Mädchen nun manchmal an ihm herumsuchte, als gingen sie Rätsel raten. Und es trat auch sonst eine Veränderung in ihrem Wesen ein; früher machten sie oft einen Ringkampf, zu dem sie ihn sogar herausforderte -- jetzt wies sie das als eine ganz unmögliche Sache von sich, und er hatte doch gerade so große Lust dazu. Früher war sie ein Kind gewesen wie er, nun war sie über Nacht ein Fräulein geworden und war voller Geheimnisse. Früher sah man ihr an, daß sie das Leben des Jungen in allen Stücken zu dem ihren machte, jetzt wußte sie nicht einmal mehr in seinem »Laboratorium« in der Gartenhütte recht Bescheid. Und die natürlichste Sache von der Welt -- nämlich daß sie der Jockele heiraten würde -- schien ihr auf einmal ein kindischer Spaß, und sie lachte ihn aus. -- »Davon verstehst Du noch gar nichts!«

Einmal des Abends, als die sammetweiche Sommernacht durch die Fenster ins Zimmer stieg, trat auch das Zinzilein herein, und seine Augen flogen vor ihm her wie Leuchtkäfer; da nannte sie der Jockele »ein merkwürdiges Stück Naturgeschichte«.

Er erzählte Tante Veronika, was er die Tage her von Herrn Matthias gelernt hatte, und das Zinzilein wurde darüber ganz Andacht.

Des anderen Tages ging sie selber mit ihm in den Wald, und da mußte er ihr jede Seite des leuchtenden Sommerbuches umschlagen und mußte vorlesen, was darauf geschrieben war -- nicht nur von den Arten der Blumen und Bäume und des vielerlei Getiers, sondern auch von der Forstwirtschaft wollte sie hören. Sie war fast fürchterlich in ihrem Wissensdrange.

Da sagte Jakobus, sie solle nur einmal mitkommen, wenn er mit dem Herrn Matthias ginge. Aber das Zinzilein lachte ihn für diesen wohlmeinenden Vorschlag aus, und dies Lachen schlug einen Laden an seiner Seele auf, und es brach eine Fülle neuen Lichts in ihn. Ein Gedanke sprang ihm klingend ins Herz -- da ward dies Herz voller Ahnungen. Das Zinzilein aber bückte sich rasch und strich mit der Hand über das grüne weiche Waldmoos ...

»~Polytrichum commune~, Goldhaar,« sagte ihr der Jockele.

»Weißt Du das auch von dem Herrn Prinz?«

»Nein. Alles soll ich von dem Herrn Prinz haben! ... Warum bist Du denn so rot geworden?«

»Weil Du so grausam gelehrt bist,« log das Zinzilein.

»Es wäre auch ein Name für Dich, Prinzessin Goldhaar!« scherzte der Jockele.

Da wurde aus dem Zinzilein eine ungeheure blutrote Verwirrung; denn dieser Junge sprang ihr mit dem goldenen Wortspiele vom Prinzen und der Prinzessin mitten hinein in das Allerheiligste ihres Herzens, und es fehlte nicht viel, so ertappte er sie über heimlichem Opfer.

Das Herz des Zinzilein schlug sich allgemach in das vorige Gleichgewicht; sie war aber kurz angebunden, und ihre Gedanken stolperten umher wie die Libellen mit den blauen und glasgrünen Flügeln.

Von diesem Tage ab wurde das Verhalten Jockeles zu dem Herrn Prinz ein wenig anders. Aber nicht etwa respektloser, weil er hinter ein Geheimnis gekommen, oder gar mißtrauisch, sondern es wurde ein bißchen verwandtschaftlich.

Der Himmel mochte wissen, wer dem Forstgehilfen das Märchen von der Prinzessin und dem Prinzen erzählt hatte -- genug, er kannte es.

Danach kam er eine ganze Woche nicht ins Frühlingshaus, weil er in einem sehr fernen Forste Vermessungen vorzunehmen und Arbeiten zu überwachen hatte -- aber am nächsten Sonntag als schon die Mittagsglocke über das Dorf läutete und der Jockele ahnungslos von irgendwo aus dem September kam, nahm ihn die Mali gleich an der Haustür in ihre Hände. Ihre Augen fielen ihn an wie zwei Sonnen, und sie zog ihn eilig in die Küche und war gar nicht bei sich.

»Der Herr Prinz ist drinne!« zischte sie ihn an. »Er will das Zinzilein heiraten -- alleweil sagt er's der Tante!«

»Hab ich längst gewußt!« sagte Jockele so von oben herab, fiel aber gleich aus der Rolle, faßte die Mali unter und wirbelte sie ein paarmal durch die Küche. Dann gingen sie auf den Zehen, horchten manchmal ein bißchen durch den Türspalt und wisperten miteinander wie die Goldhähnchen im Winterwalde -- alles als gäbe ihnen eine dunkele Ahnung ein: sie beide müßten nun zusammenhalten, da das Frühlingshaus langsam zu vereinsamen begann.

Auf diese losgelassene Freude kam ein Augenblick, der wäre beinahe sehr feierlich geworden: die Tante trat in die Küche und sagte, der Herr Matthias Prinz speise heute bei ihnen zu Mittag; dann führte Veronika den Jockele in das Zimmer, das ganz voll Gold und Glück und weißer Vorhänge war -- »Jakobus,« begann sie und gedachte in sehr schönen Worten von einer großen Freude zu reden. Aber das dauerte dem Jakobus zu lange, da ging er ihr durch und stürzte den beiden ans Herz.

So hatte Herr Matthias Prinz das Wachstum dieses Jahres unter Dach, ehe die Welt von Nebeln eingewoben wurde -- wie sich das für einen vorsichtigen Liebhaber schickt.