Jockele und die Mädchen: Roman aus dem heutigen Weimar
Part 2
Die Freude an den Kindern bekam ein helleres Herz mit jedem Tage; denn es blühte an ihnen alles licht hinein in das Leben. Nur das Mädchen Mali war ein Ding im Hause, dem das Glück über dem Zusammensein mit den anderen Menschen längst keine Selbstverständlichkeit mehr war. Um Mali schauerten um diese Zeit die kühlen Tage des späten Mädchenlebens, in denen die Lippen ihre Sehnsucht zu vergessen haben, und es doch nicht können. Malis Herz spähete aus vom Turme der höchsten Zeit, ob sich eine Stätte finden ließe, von der es sagen könnte: Hier bin ich daheim.
So hatte Fräulein Veronika auch ihr Sorgenkind, das nicht gleich in die Sonne des Hauses als in sein fröhliches Besitztum hineinwuchs. Aber es fiel ihr nicht ein, dem Mädchen Mali Wohltaten für die kommende Zeit zu verheißen, sondern sie schrieb einfach unter den letzten Willen, durch den sie die Kinder bedacht hatte, daß die Mali -- wenn sie die Kleinen bis zur Mündigkeit erziehe -- in der oberen Giebelstube des Hauses für den Rest ihres Lebens Wohnung haben solle, und setzte ihr einen Geldbetrag aus.
Das Mädchen erfuhr von alledem nichts, und Fräulein Sinsheimer war zu jeder Stunde bereit, diese Bestimmung durch eine andere zu ersetzen, wenn Mali der Ansicht wäre, das Glück finde sich im Lande irgendwo für sie leichter als an dem hellen Herdfeuer des Frühlingshauses.
Und als sie sich derart auch mit ihrem Sterben auseinandergesetzt hatte -- damit sie sich Grab und Himmel nicht vergälle -- nahm sie die große Kunst mit aller Zähigkeit wieder auf, das Leben in klarster Bewußtheit zu leben. Sie empfing jeden Tag aus den Händen ihres heiteren Gottes als ein Geschenk, das sie in grenzenloser Hingebung austeilte an alle, die in ihrem Hause waren.
Tante Veronika hatte dreißig Jahre tiefster Sommereinsamkeit ihres Lebens mit Bergwald, Büchern und sich selber verbracht. Darüber kann der Mensch ein wunderlicher Kauz werden und eine so zerknitterte Seele bekommen, daß sie der Stahl des blankesten Glücks nicht wieder ausplättet. Er kann aber auch zu einer lichten Höhe mit erhabener Rundschau über alles Menschentum gelangen, für die besondere Gesetze des Lebens geschrieben sind.
Für Tante Veronika galt beides.
Sie war aus der langen Stille nicht ganz ohne Knitter hervorgegangen, aber die waren an ihr als feine Besonderheiten; und wenn sie da und dort Aehnlichkeit mit jenen Brüchen hatten, in denen sich der Staub der Altjüngferlichkeit festsetzt, so verbarg sie das unter dem Takt ihres geläuterten Frauentums und blies diesen Staub nicht durchs Haus nach der Gewohnheit jener Frauenzimmer, in denen verwelkte Jahre ihre Verwüstungen anrichten. Schon das Wort Staub verursachte ihr das Unbehagen einer nahenden Krankheit, und wenn sie es ausgesprochen hatte, rollte sie die Spitze der Zunge hinter den Zähnen in dem Gefühle, es sei von der grauen Wolke, die darübergestrichen, etwas hängen geblieben. Aber sie wedelte nicht als ein lebendig gewordenes Wischtuch durch das Haus. Und da sie dies Haus vor dreißig Jahren erbaute, geschah es in der weisen Erwägung, daß sie an dem sonnenvollen Rande des Buchenschlages so hoch über allem stehe, was innerhalb der menschlichen Gemeinsamkeit wie Staub auffliegt, als es einem Menschen möglich ist, der einsam sein will, ohne sich in die Welt feindseliger Einsiedelei zu vermauern.
Sie hatte in diesen dreißig Jahren die hellen Augen frohsinnig in die Welt gerichtet und hatte in der Rolle des vergnügten Zuschauers das Wundern nicht verlernt. Sie stand der neuen Zeit mit dem Respekte gegenüber, den große Wandlungen der Dinge zu beanspruchen haben, und redete nicht nach der Art alternder Leute mit wehmütigem Bedauern von der guten vergangenen Zeit, weil sie mit der neuen nicht mehr Schritt halten können -- hoho, diese Tante Veronika schloß sich ihre Tage auf, als hätte sie eine Geschichte der Entwicklung des deutschen Volkes im zwanzigsten Jahrhundert vor! Und als der erste Zeppelin über die Wälder im Herzen Deutschlands donnerte, wunderte sie sich, daß man darauf so lange habe warten müssen, und sie sagte zu Herrn Peter Squenz: »In fünfzig Jahren werden die Menschen über die Maßen lustig sein bei dem Gedanken, daß ihre Großväter mit solch einer Explosionsmaschine die Fahrt in die Welt des gestirnten Himmels begonnen haben; den Mut werden sie bewundern, aber die Weisheit, die mit Gas und Funken durch die Lüfte reiste, werden sie belächeln.«
Herrn Peter Squenz, dem gerade das Herz in seligem Stolz auf die Zeit erschauerte, in der er lebte, sah Fräulein Sinsheimer mitleidig aus den Winkeln seiner Augen an und sagte, die Errungenschaft sei eine Sache, über die hinaus es einfach nicht mehr ginge.
Fräulein Veronika aber lächelte und antwortete: »Schade, daß wir in fünfzig Jahren beide irgendwo im All herumwirbeln oder etwa als wilde Rosen an einer Berghalde unsere Sommerseele in heiterem Blühen verhauchen und uns über unsern heutigen Zusammenstoß nicht mehr unterhalten können!« Dann lachte sie ihm so überlegen ins Gesicht, und das erhabene Bild des Luftkreuzers versickerte im Blau über dem Gebirge. Herr Peter Squenz aber dachte: »Was richten Bücher, Gedanken und Einsamkeit in von Natur ganz vernünftigen Menschen für heillose Verwirrungen an!«
Nun hatte Fräulein Sinsheimer aber weder den Ehrgeiz, ein gelehrtes Frauenzimmer zu sein, noch war sie vom Dichterwahn oder den Emanzipationsgelüsten ihrer städtischen Schwestern befallen; sie predigte weder die Erlösung vom Manne -- was in ihrer manneslosen Lage nicht unverständlich gewesen wäre -- und forderte auch nicht das Frauenstimmrecht ... aber schon daß sie ein ganzes Regal voll Bücher besaß und sich sogar mit ihnen belästigte, war für Ibenheim bei Waltershausen eine unerhörte Tatsache. Und die hätte genügt, die Besitzerin so vieler gedruckter Gelehrsamkeit zum Gegenstand sorgsamer Beobachtung ihres Geistes zu machen, wenn das Fräulein das Bedürfnis gefühlt hätte, den Leuten häufiger in ihrer Ueberlegenheit zu begegnen. So aber hatte sie sich die herrlichste aller Künste in vollkommenem Maße zu eigen gemacht: sich vor der Welt ohne Haß zu verschließen. Und ihr kleines Reich blieb für alles, was draußen lag, uneinnehmbar.
Als der Jockele seinen Einzug in das Frühlingshaus gehalten hatte, rieten die Leute eine Zeitlang wieder lebhafter an den Dingen da oben herum und sagten: Wenn ein Mensch keine Sorge hätte, so mache er sich welche -- an dem Jungen von dunkler Herkunft werde sie ihr Wunder schon noch erleben! Etliche mutmaßten sich darum in eine wilde Zukunft hinein und sahen den Jakobus Sinsheimer, der doch wahrscheinlich ein Zigeuner wäre, als Räuberhauptmann sein Unwesen in den thüringischen Wäldern treiben.
Einmal brachte das Mädchen Mali solchen phantastischen Klatsch mit aus dem Dorfe. Das war sehr heilsam für sie, denn sie erkannte an der hellen Empörung ihres Herzens, wie sie sich in ihrer Denkart allgemach loslöste von den Schichten, aus denen sie gekommen war.
Tante Veronika lachte ihr vergnügtes Lachen darüber und sagte einige Worte über die Macht der Erziehung, die nicht nur den Leuten von Ibenheim, sondern der Menschheit im allgemeinen noch ein Buch mit sieben Siegeln sei ... Doch -- das war wieder einmal eine der gelehrten Reden des Fräuleins, die das Mädchen Mali nicht ganz verstand. Aber zu denken hatte ihr diese Unterhaltung gegeben, und sie lenkte das Gespräch in der Folgezeit immer wieder einmal darauf zurück; denn der Unterschied zwischen der Blütenfreude des kleinen Jockele und einem angehenden Räuberhauptmann hätte schließlich doch selbst einem Holzhauerverstande eingehen müssen.
Weil es nicht in dem Wesen des Fräuleins lag, so schulmeisterte sie weder an Mali noch an den Kindern herum. Sie ging zwischen diesen drei Menschen einher wie zwischen den vielen, vielen Rosen ihres Gartens, und ließ blühen und ranken nach eigenen Gedanken, bis die Natur einmal sich selber im Wege war. Wie sie des Morgens mit der kleinen blanken Rosenschere durch die Sommerbeete wandelte, so schuf sie mit der klaren Feinfühligkeit des Herzens auch Ordnung in der überschießenden Seligkeit des jungen Lebens. Und die Regel, in die sich dies Leben hineinlief, hieß: der Wille zum Glück.
Nicht weit vom Hause lag eine Sandgrube, die war voll Sonne, und um ihre Säume wob der Sommer blühende Borden. Da standen die Kerzen des Natterkopfs, und an jeder brannte ein Dutzend blauer Flämmlein und leuchteten über die goldene Einsamkeit der Sandhalde. Da war ein Wildrosenbusch, da war purpurner Steinklee -- es brachte jeder Monat ein paar Hände voll neuer Blumen, es brachte auch jeder dem Buchwald eine neue Farbe des Kleides, und zuletzt den scharlachenen Königsmantel. Und als das große Rauschen der Wälder gekommen war, fuhr der Wind über den Sandbruch hinweg, und es war, als hätte sich aller Sommersonnenschein in der Kuhle gesammelt.
Das Zinzilein war über diese Wahrnehmung ganz außer sich vor Freude, kletterte hinab in den gelben Trichter und sah zu, wie der Wind droben an den Rändern die bunten Blätter als Kreisel trieb. Er jagte ihrer gleich hundert auf einmal in wirrem Tanze dahin, immer auf dem schmalen Rande -- wenn eins davon an den Hang entwischte, durfte es nicht mehr mitspielen; denn in dem Trichter war es still und warm wie an einem schönen Sommertage. Da sagte das Zinzilein: der Sandbruch wäre ihr goldenes Haus; aber die Mali meinte, das Haus hätte ja kein Dach, also wäre es keins. So genau ginge das nicht, sagte wieder das Zinzilein, wurde aber auf einmal schweigsam und patschte mit seinen kleinen Händen die Mauern der Sandburg fester, die sie während der vorigen Tage gebaut hatten. Nach einiger Zeit sagte es: »Mali, es ist ein Loch, und es ist voll Gold -- und wenn es kein Haus sein kann, so ist es ein Brunnen; denn ein Brunnen hat auch kein Dach.« -- »Aber in einem Brunnen ist Wasser,« wußte die Mali. -- »Haha,« lachte das Zinzilein, »in unserem ist etwas viel Feineres -- guck nur, es ist ein ganz goldener Brunnen!« Da guckte die Mali und fand das nun wirklich.
Von Stund an hieß der Sandbruch der Goldbrunnen. Zwar -- dies Wort hatte zuerst die Tante Veronika ausgesprochen, als sie ihr erzählten, was sie heute miteinander geredet hätten; aber das Zinzilein hatte doch die ganze Sache erfunden. -- Der Wildrosenstrauch hatte nun Hagebutten mit schwarzen Mützen, und die Mali lehrte davor das Zinzilein das Lied von dem Männlein, das still und stumm im Walde steht und sein Mäntlein aus lauter Purpur umhat. Der Gesang der Mali war scheußlich, aber das Lied war fein.
Manchmal ging auch Tante Veronika mit in den Goldbrunnen. Zuvor war sie über den farblosen Schacht nie erfreut gewesen, der mit in ihrer Umzäunung lag, aber nun waren die Kinder darin vor allen Einbrüchen und vor der Zerstörungswut junger Dorfgenossen sicher. In den Tagen des Herbstes sammelten Veronika und Zinzilein Samen von hundert Blumen, und das Zinzilein kroch an den Hängen des Goldbrunnens herum, schaufelte da und dort ein Loch und legte Samen und bessere Erde in den Sand und wollte auch gleich warten, bis es wüchse.
Als wieder Tage voll Sonne den pfeifenden Bergwinter vertrieben und die Kätzchenweide im Goldbrunnen schon Wolken gelben Blütenstaubes in den Frühling warf, spazierte der Jockele auf eigenen Füßen in den Sandbruch, kam aber nicht weit über den Rand, an dem im Herbste die bunten Buchenblätter gelaufen waren; denn dann geriet er ins Kugeln und schoß kopfüber kopfunter auf den Grund des Trichters. Das war eine peinliche Geschichte, hätte ihn aber keine Träne gekostet, wenn die Mali und das Zinzilein nicht mit so schrecklichem Schreien hinterdreingelaufen wären, als müßten sie nun alle seine Beinchen zusammensuchen.
Darüber merkte der Junge, daß etwas mit ihm passiert sei, aber er hätte es mit jungmännlicher Tapferkeit getragen, wenn die beiden Mädchen nicht in ein erlösendes Lachen verfallen wären, als er sich den langen Weg mit verständnislosen Augen betrachtete, den er in Purzelbäumen durchmessen hatte. Da begann er ein gefährliches Heulen, bis man ihm den Sand aus Mund und Nase gewischt hatte und ihm aus sorgenden Herzen versicherte, daß er noch ganz sei.
Im Jahre darauf hatte er schon ein Holzschwert und lief dem Zinzilein damit entgegen, wenn es aus der Schule kam.
Als er diesen Weg in die Welt zum ersten Male schritt, hatte er gleich einen Kampf zu bestehen. Auf dem Anger vor dem Hause des Herrn Peter Squenz sonnte sich nämlich eine Gänsemutter mit ihren sechs Kücken. Die Kinder stiegen so sachte daran vorüber, auf einmal ward der Hals der alten Gans zu einer zischenden Schlange und schoß ihnen entgegen. Das Zinzilein überkam der Schreck, aber der Jockele riß sein Schwert aus dem Gürtel und fuchtelte damit bedrohlich in der Luft herum. Da mußte die Frau Peter Squenz kommen und ihn retten.
»Ha!« sagte er mutig, als ihn die Squenzin wieder auf sicheren Grund gestellt hatte -- »ha!« Aber in diesen Ruf der Tapferkeit gewitterte es sachte aus überstandenen Fernen.
Der Goldbrunnen erhielt in den folgenden Jahren das Aussehen eines Bahnhofsneubaus. Man konnte dabei aber auch an die Anlage einer Kupfermine denken.
Als Jockele dann in die Schuljahre hineinwuchs, standen ihm die Sandburgen, die unter jedem Gewitterregen einstürzten, nur noch in lächelnder Erinnerung; denn da hub er ein lebensgefährliches Graben in der Sandkuhle an ... Holzhauer hatten beim Stöckeroden am Saum einer Waldau ein Hockergrab gefunden, dazu Waffen und Urnen. Deshalb wollte auch er in forschendem Eifer ein Stück Weltgeschichte zutage wühlen.
Das betrieb er, bis er einmal die Schule vergaß und Tante Veronika selbst sich auf den schwierigen Weg in den Goldbrunnen machte. Da kroch er aus den Röhren im Sande wie ein Fuchs aus dem Bau, und die Tante hatte Gelegenheit, ein bißchen Wildwuchs zu beschneiden. Das Zinzilein war in dem Sandbruch nun schon ein seltener Gast geworden, und die Mali war seit Jahren nicht mehr hinabgestiegen. Da nahm der Jockele in Jungenweise überhand. Aber in dieser Stunde bewährte sich die Erziehungskunst der alten Dame wieder einmal ausgezeichnet --
»Ich hätte Dir sagen sollen, daß solch eine wilde Hantierung für einen Jungen gefährlich ist. Hast Du denn gar nicht daran gedacht, daß die Sandmassen über Dir zusammenbrechen könnten?«
»O ja,« sagte der Jockele, »wenn jemand darauf herumliefe, könnte das wohl sein.«
Da leitete sie ihn zu einer besseren Erkenntnis, und dann mußte er sein Ränzlein überhängen und in die Schule gehen, die schon längst angefangen hatte.
Das war eine furchtbar peinliche Geschichte; denn als er über die Schwelle trat, spießten ihn die Blicke aus hundert Augen auf; und als er dem Lehrer berichtete, wie er zu der Verspätung gekommen, brandete ein Lachen aus fünfzig Kinderkehlen um ihn, daß es ihm ganz rosenrot vor den Augen wurde. Während er dann auf seinem Bänklein saß, sauste ihm ein Sturm in den Ohren, als ob er die große Seemuschel von Tante Veronikas Wandbrett daranhielte.
Aber ein Gutes hatte diese Sache doch: er bekam an jenem Tage die Taschenuhr, deretwillen er sich schon lange um ein paar Jahre älter gewünscht hatte -- nun hörte er auf einmal die Zeit laufen in richtigen kleinen Schritten, deren jeder eine Wegstrecke vorwärts bedeute. Und das war an dem gleichen Tage, an dem er darüber nachdenken lernte: Tod und Leben stünden so dicht beieinander, daß oft nur eine Handvoll Sand zwischen beiden wäre ... Und er hatte immer gedacht, vom Leben zum Tode wäre es weiter als bis an das blaue Gewölbe des Himmels, das kein Adler und kein Zeppelin erfliegen könne.
Die Wahrsager im Dorfe waren darüber entweder hinweggestorben, oder sie getrauten sich nicht, ihre wilden Prophezeiungen aufrechtzuerhalten; denn der Jockele war ein über die Maßen manierlicher Junge geworden, er brach ihnen weder in die Hühnerställe, noch schnörrte er den Leuten die kleinen Fenster in den Giebeln und Dächern mit der Steinschleuder in Stücke; und wenn ein paar Schlingel vom Förster bei dem Stellen von Leimruten und Sprenkeln abgefaßt wurden, so war der Jakobus Sinsheimer nie dabei. Manchmal gab es zwar auch ein wildes Fahren durch den Bergwald, aber nicht zu oft; denn die Kinder in dieser köstlich grünen Welt blühen wie die Nägelein in den Scherben auf den Fenstersteinen: sie puddeln sich über der Heimarbeit die roten Backen zum Teufel, oder es löscht ihnen im halben Licht der Stuben der Glanz aus den Augen, und die Wälder und dunkelblauen Berge ihrer Heimat stehen vornehmlich in ihrer Sehnsucht. Dem Jockele aber sprudelten die Quellen entgegen und -- unerhört: er badete sogar darin. Dies zuzulassen, war auch eine solche Lästerlichkeit des Fräuleins Sinsheimer! ... Der Jockele durfte mit dem Zinzilein und der Mali durch den jauchzenden Hochwald streifen, so oft er wollte. Oder er ging mit einem Forstgehilfen zwischen Tag und Dunkel, wenn nur über dem Hörselberge noch eine Flamme Licht im Verleuchten war und wenn die Nebel in feinen Gespinnen in den Wipfeln hingen, und sah die Hirsche heraustreten und hörte sie ihren königlichen Brunftschrei über die Grenzen ihres Reiches schlagen -- ah, du dunkelgrüne, du starke, du einzige Thüringer Erde!
Um diese Zeit lief der Jockele den Dorfjungen aus den Händen. Es war ein so kümmerliches Blühen des Geistes und Herzens um sie, und sie rochen nach Leim und Stube -- was soll einer damit anfangen?
Das alte Fräulein, das nun ganz weiße Scheitel hatte, hielt alles Leben im Hause weiter in ihren sicheren Händen. Manchmal gab es eine freundschaftliche Unterredung über den Jockele mit dem Zinzilein; denn dieses war nun ein ›Fräulein‹ geworden, litt an einer verzärtelnden Liebe zu dem Jungen und dachte, es müsse den ›Kleinen‹ aus der tiefen Hingabe ihres Herzens heraus noch beraten wie damals, als er im Kittelchen in der Sandgrube Kuchen buk. Mit solch mütterlichem Behaben drohte sie oft die ganze Pädagogik der Tante über den Haufen zu werfen.
»Du mußt nicht meinen, Du hättest ein Mädchen vor Dir,« sagte dann die Tante; »ein Junge, der unter der ängstlichen Fürsorge von lauter Frauen aufwächst, läuft Gefahr, unter die Räder des Lebens zu kommen. Ich habe es deshalb von frühester Kindheit mit dem Jockele anders angefangen als mit Dir. Ein Junge muß einmal in der Welt stehen und muß sich ein Stück dieser Welt erobern können.«
Die Dorfschule reichte für den Jungen längst nicht mehr zu. Tante Veronika spannte ihn immer eine Stunde des Tages noch zur Fahrt durch das Reich ihrer Bücher ein. Sie hatte sich da einen klugen Plan zurechtgedacht, und weil sie selbst in allen Werken, die auf dem Regale standen, wohl beschlagen war, ging Jockele willig in dem Geschirr und nahm gegen die alte Dame nicht überhand. Als er auf einen Physikband verfiel, richtete er sich in dem Gartenhause, das aus Stein war und ein Fenster hatte, und in dem es sich sehr traulich lebte, eine Werkstätte zu allerlei Hantierung ein.
Einmal baute er wochenlang an einer Lokomotive, eine Konservenbüchse mußte dabei die Rolle des Dampfkessels übernehmen. Danach galt es, ein Flugzeug zu erdenken, natürlich von so kühner Bauart, wie sie den Fachleuten noch nie eingefallen war. Und als er aus einem Automaten eine apfelgroße Weltkugel erstanden hatte, die mit Schokolade gefüllt gewesen war, hing er sie an einem Faden an die Decke des Gartenhauses, und die Frauen mußten kommen und sich die Sache ansehen. Das Fenster stellte die Sonne vor, und Jockele löste an der im Raume schwebenden Erdkugel der Mali das Geheimnis von Tag und Nacht. Zur größeren Anschaulichkeit hatte er die Schattenseite ein bißchen mit Ofenruß angestrichen.
Er hatte in dem Gartenhaus überhaupt hundert Dinge aufgestapelt: wunderlich gewachsene Hölzer, die die Form von Köpfen hatten, der er dann immer ein wenig nachhalf, bis die Mali sich vor ihnen entsetzte; dazu Versteinerungen, sauber aufgespannte Schmetterlinge, die sich in einem Kasten mit einem Glasdeckel befanden, und zu denen er nach den Büchern der Tante die Namen geschrieben hatte; Raupenhäuser, in denen er den Wandel der Würmer zum Falter beobachtete; ein Fischglas und ein Terrarium mit Eidechsen, einer Blindschleiche und einer Ringelnatter.
Damit die Bergwinter seinen Eifer nicht unterbrachen, war der einzige Raum des steinernen Gartenhäusleins auch mit einem kleinen Ofen versehen worden.
Je mehr er in das betriebsame Jungentum hineinwuchs, desto sicherer entglitt er den Einflüssen der sehr sanften Mädchenhaftigkeit, mit denen das Zinzilein um ihn war.
Tante Veronika bemerkte das mit Genugtuung; denn das Behaben des Zinzilein zu dem Jungen war ganz voll von der Rätselhaftigkeit der Liebe, die in ihrer Maßlosigkeit gar nicht anders bezeichnet werden kann als hingebungsvolle Eigensucht. Es schien fast, als vereinsame das Zinzilein über seiner Liebe zu dem Jungen, weil er nun so von ihr fortwuchs.
Sie sagte das Veronika auch. Aber die Tante blieb bei ihrer wunderlichen Ansicht: das müsse so sein. Im übrigen ließ sie sich auf Erklärungen nicht ein, hütete sich dem Jungen gegenüber ängstlich vor aller Schulmeisterei und sorgte dennoch, daß sie ihm an der Hand ihrer Bücher von Zeit zu Zeit ein neues Wissensgebiet erschloß. Er ging auf alles mit begieriger Freude ein, aber von der Sorge, die Veronika in dieser Zeit des flüggen Jungentums am meisten beschäftigte, sagte sie dem Zinzilein gar nichts. Und dennoch schlief die Sorge nie ganz ein, es möchten sich eines Tages an Jockele vererbte Eigentümlichkeiten zeigen, denen gegenüber alle Erziehung und Liebe ohnmächtig wären. Aber diese Bangigkeit nagte nicht an ihr und quälte sie nicht; denn sie war ihr in Wahrheit gegen ihre Ueberzeugung gekommen in einer Zeit, die ganz voll war von der Mechanikerweisheit der Vererbung. Und dafür fand sie zu ihrem Erstaunen eines Tages auch bei dem Menschheitslehrer Goethe eine Belegstelle -- »Man könnte erzogene Kinder gebären, wenn die Eltern erzogen wären ...«
Darüber geriet sie von neuem ins Raten. Aber trotz aller Mühe, die sie sich gab, konnte sie diese Verse nicht ganz zu ihrer Ansicht umdeuten, daß eine in allen Stücken vollkommene Erziehung die geistige und sittliche Verfassung eines Menschen aller Vererbung zum Trotze bestimme.
Tante Veronika hätschelte den Gedanken solchen unerkannten Königtums der Erziehung mit eifersüchtiger Liebe als die köstlichste Erkenntnis ihres Lebens -- und nun wälzte ihr gar Johann Wolfgang einen Fels in den Weg! Zwar: er setzte damit auch der Erziehung eine der vielen Kronen auf, die seine königliche Hand zu vergeben hatte, aber ... Und dies Aber blieb stehen und rumorte in Winkeln ihrer Seele herum, die Jahrzehnte in wundervoller Sonnenruhe gelegen hatten.
Doch -- eine sechzig Jahre alte Dame läßt sich schwerer umstimmen als ein sechshundert Jahre altes Klavier. Und das war in diesem Falle ein großes Glück.
Wunderlicherweise war es das Zinzilein, das die Frage zuerst aufwarf, was einmal aus dem Jockele werden solle. Das kam daher, daß der Gedanke in dem Mädchen Wurzel geschlagen hatte: ein Junge müsse geschickt werden, sich ein Stück Welt zu erobern. Wie er das in Ibenheim anfangen sollte, war nicht leicht zu denken.
Tante Veronika war in diesem Falle von einer unerforschlichen Sorglosigkeit und sagte:
»Zuerst und vor allem muß er ein Mensch werden. Es ist falsch, einen Jungen für einen Beruf zu bestimmen, weil er im Spiele diese oder jene Neigungen zeigt. Solche Neigungen sind wichtig, aber es geht nicht an, darin in verliebtem Stolze gleich einen Weg fürs Leben zu erkennen.«
Das Zinzilein meinte, Naturforscher wäre für den Jockele das Richtige, und dachte sich etwas ganz Närrisches dabei.