Jockele und die Mädchen: Roman aus dem heutigen Weimar

Part 17

Chapter 171,553 wordsPublic domain

Zu dem einen trat er hin und schnitt mit dem Messer ihren Namen in die Rinde: Do -- groß und tief. Und durch das D grub er ein J. Wer nicht wußte, was diese Zeichen bedeuteten, der mochte lesen »Dio« -- es waren ihre Namen, beide in einem.

Wenn Doris Rinkhaus wieder einmal auf der Schwelle zu dem Gartenhause stand und ihre Augen wandern ließ über die Stellen frohen Beisammensein aus den glücklichen Jahren, dann mußte sie die Zeichen im Stamm entdecken. Sie allein unter allen Menschen, die hierher kommen würden, verstand sie.

Das war der Brief, den er ihr schrieb -- es war der erste, und sie sollte ihn finden, wenn sie je zurückkehrte. --

Danach zog er aus. Er übergab der Dienstfrau den Schlüssel und sagte: »Wenn ich wiederkäme, dann käm' ich wohl, um von neuem Maler zu werden.«

In Jena ging er zu Ernst Haeckel und ließ sich von ihm beraten, welche Vorlesungen er belegen sollte, und wurde Student. Er dachte nicht an die Matura -- erst wollte er ein Stückchen hineinlaufen in die Wissenschaft.

Er mietete sich ein in einem nüchternen Hause der Stadt, aber er fand sich da nicht zu sich selber. Und um die Novembermitte, als er vier Wochen in Unbehagen in der steinernen Straße unter vermauertem Himmel gelebt hatte, jubilierte er in Flockentreiben und brüllendem Weststurm den Wall des alten Schießstands in Weimar entlang. Er konnte nicht durch die verschlossenen Schlüpfe im Zaun -- da stieg er über und sprang hinein in den alten, einsamen Winkel, in dem noch die Dieme gespaltenen Holzes stand, der so wintertraurig und so voll von Leben war.

»Zigeuner!« jauchzte er und schlang seine Arme um den Stamm der Kastanie, in die er die Namen geschnitten. Er war Maler gewesen und war Student geworden, aber er hatte nicht leben gelernt in den steinernen Gassen; nun lief er ins Herrenhaus und jubelte die silberne Exzellenz an: »Lassen Sie mir mein Haus im Winkel wieder -- ich kann nicht daheim werden unter fremden Menschen, nicht daheim werden in der anderen Stadt, nicht daheim werden in mir selber. Ich will an jedem Tage nach Jena reisen -- was verficht's, ob ich dort wohne oder hier?«

Dann lebte er wieder an der alten Stätte und arbeitete sich in eine tiefe, ungeheure Freudigkeit hinein.

Es trat kein Mensch seine Stapfen in den Schnee und in die Einsamkeit, die um ihn waren.

Er wartete auf Doris Rinkhaus, aber sie kam nicht. Es wurde Frühling und Sommer.

In Stunden, in denen er die Naturwissenschaften vergessen durfte, suchte er Farben und Pinsel hervor und den grauen Malerkittel und malte den Garten von allen Ecken aus, er malte die Häuser -- er malte sich Schätze der Erinnerung für die Zeit, in der dies sonnendurchschauerte Idyll doch endlich ein Märchen für ihn werden müßte. Er dachte an Do, für die er dies Bild bestimmte und jenes -- und ob sie wohl einmal sagen würde, wenn sie seinen Namen darunter las: »Jakobus Sinsheimer -- den hab' ich einst gekannt; wir waren damals beide jung!«

Doris Rinkhaus war den Frühling über in Bonn.

In den langen Sommerferien reiste er nach Ibenheim.

Tante Veronika tat freudig geheimnisvoll, und eines Tages ging sie mit ihm zur Haltestelle der Bahn -- so ganz von ungefähr, und war stolz auf ihren glücklichen, langen Studenten, der voll von grausam gelehrter Weltbetrachtung war.

Da lief der Zug ein, und Doris Rinkhaus stieg heraus und stürzte der alten gütigen Frau ans Herz.

Und weil Jakobus zur Salzsäule geworden war, da er auf das leuchtende Wunder hinschaute, sagte sie: »Na, Jockele?«

Da zersprang er -- »Do! Do!«

Die Welt ging unter, und er hatte gerade noch Zeit, Doris Rinkhaus zu retten, und trug sie auf seinen glückseligen Armen über den Bahnsteig und in seinem Herzen, in seinen Augen hinauf auf den Berg ins Frühlingshaus.

Da hatte er sein zweites Examen bestanden -- ~summa cum laude~. Es dauerte viele Tage, aber das Zeugnis bekam er schon am ersten.

Wie Do und Jo ›Du‹ zueinander sagten, und er längst keine Scheu mehr vor ihrem Königinnentum hatte, ließ sich auch Tante Veronika das Gelöbnis der Verschwiegenheit zurückgeben. Es war eine schöne und helle Stunde, in der sie ihm ihr Herz aufschloß -- diese Stunde sah aus wie Doris Rinkhaus. Aber Do war hinausgegangen; denn Jockele war in allen Stücken gewachsen, seit er mit Gwendolin das lebende Bild in der Fasanerie gestellt hatte. Sie ahnte, was käme, und wollte dazu ganz allein mit ihm sein.

Danach fing er an, Hochzeit zu feiern, und sagte: das Gartenhaus am Horn riefe nach ihr, und er malte es ihr mit Worten von Herrlichkeit und Sehnsucht. Aber Doris Rinkhaus sagte: »Ich werde auch wieder einmal in dem Gartenhause wohnen -- da nehm' ich Tante Veronika mit, und es wird sehr fein.«

Wieder verging ein Jahr, wieder hatten Do und Tante Veronika den Winter im Frühling des Südens verbracht, und wieder saßen Do und Jo in den Sommerferien vor dem thüringischen Buchenwalde. Da erzählte ihr Jockele viel von der ›Entwicklung der Organismen aus eigener Kraft durch die physikalische und chemische Energie der lebendigen Substanz‹, viel von ›plastischem Distanzgefühl‹ und wie die Natur die wundervollsten Kunstgebilde schaffe. Er erzählte ihr, daß er diesen Kunstgebilden nachginge, und just wie einst male er, was er sehe; und er schreibe dazu, was er erkannt hätte. Und daß dies eine Förderung der Wissenschaft bedeutete. Noch ein Jahr wollte er daran arbeiten, dann wollte er das Werk einreichen und damit zum Doktor promovieren. Es wurde fertig und hieß ›Der Kunsttrieb der Natur‹.

Von dem ›Schmetterlingsbuche mit Illustrationen‹, das der Dorfjunge in der Gartenhütte von Ibenheim verfaßt hatte, bis zu diesem war ein weiter Weg.

Sein väterlicher Freund Haeckel las es, und er klopfte ihm auf die Schulter und sagte: »Ein rechter Kerl geht nicht unter -- auch ohne Matura; deutsche Hochschulprofessoren sind keine Philister, und aus einem Zigeuner wird durch die kluge Sorge seiner alten Tante ein gelehrter Doktor.«

Da bestand er sein drittes Examen -- diesmal ~cum laude~.

Danach reisten sie nach Bonn -- Do und der Doktor und Tante Veronika und das Mädchen Mali; denn Veronikas neunundsechzig Jahre mochten die Hilfe der alten Dienerin auch auf der Reise nicht mehr entbehren.

Damit ist die symmetrische Geschichte mit den drei Prüfungen zu Ende.

Die Gartenhäuser am Horn in Weimar liegen wieder einsam. Aber unter den Sommerbäumen schreiten schöne, lichte Gestalten, gaukeln liebe und bunte Träume. Und wer am Kastanienstamm beim Zaun die eingeschnittenen Namen betrachtet, für den erwachen die Träume zum Dasein; denn um Sieger leben die Vergangenheiten.

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Weitere Anmerkungen zur Transkription

Der Schmutztitel wurde entfernt. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht.

Korrekturen:

S. 175: Stile → Stille dem Häuschen mit blumenhafter {Stille} und Hingabe

S. 186: hinausgeführt → ausgeführt so sollte er auch ohne sie {ausgeführt} werden

S. 205: Himmels → des Himmels alle Mächte {des Himmels} und der Erde