Jockele und die Mädchen: Roman aus dem heutigen Weimar
Part 16
»Die Sache sieht also genau so aus, als würde ich zum drittenmal in die Schule gebracht,« lachte Jockele, »zuerst von Tante Veronika, dann von Maria Reh, zuletzt von Doris Rinkhaus ... Aber dies dritte Mal findet Jakobus Sinsheimer seinen Weg allein.«
»Sie denken überhaupt daran, ihn zu gehen?«
Er zog die Achseln -- »Es läßt sich doch nicht so ohne weiteres von der Hand weisen. Einstweilen: auf gute Nachbarschaft, liebe Maria!«
Sie schlug herzhaft in die dargebotene Rechte; und wie er sich abwandte, rief sie ihm nach: »Auf gute Nachbarschaft -- bis Sie sich selbst untreu werden!«
In die Akademie kam er in den folgenden Tagen nicht. Er war wieder einmal innerlich zerrissen. Sein Häuschen war bis unter das Dach voll von der anderen Zeit. Im Schuppen lag der zertrümmerte Berg der Seligkeiten -- es waren Leinwandfetzen voll blutrotem Leuchten dabei, das er damals mit erschauernder Hand aus dem innersten Herzen Gottes heraus gemalt hatte.
Er wollte mit Gwendolin reden. Aber er suchte sie dann doch nicht. Warum auch? Daheim hatte er so selbstbewußte Worte gehabt, nun fastete er seine Seele durch eine verlorene Stille und wußte nicht, was das werden sollte.
Aber eines Tages saß er im Zuge nach Jena -- es jährte sich nun, daß ihn Gwendolin so hart auf den Rand des Lebens aufgeklopft hatte -- und eine Stunde später stand er im Zimmer Ernst Haeckels.
Es war die Stunde, von der er später nicht wußte, woher er den Mut genommen hatte, sie zu erleben.
Der greise Professor war nicht mehr im Amte. Er saß in seinem Lehnstuhl und schaute ihn aus seinen gütigen, hellen Augen an und ließ sich erzählen, wie es um diesen Jockele stand. Dann wurde ein Gespräch geführt, welches jenem nicht unähnlich war, das sich über dem Nachtmahl am Tische zu Ibenheim ereignet hatte.
Er sagte dem alten Herrn manches kluge und gute Wort -- es muß verraten werden, daß er in diesen Tagen Goethes naturwissenschaftliche Schriften gelesen hatte und an Haeckels ›Kunstformen der Natur‹ betriebsam herangetreten war, damit er die Fahrt in das neue Land wohl ausgerüstet anträte.
Eine Stunde mit einem bedeutenden Menschen verbracht, bleibt lebendig bis an die Pforten des Todes. Eine Stunde, die das Licht eines großen Mannes durchstrahlt, wandelt sich für sehnsüchtige Hände zu einer Wunderlampe -- Türen der Finsternis springen vor ihr auf und werden Glanz, Schlacken werden Brand und Steine fangen vor ihr an zu blühen ...
Als er wieder auf der Straße stand, fand er den Erobererschritt aus der Gegend des Tartarus. Er fühlte Flügel, wo er die Arme trug, und es war wieder eine Fackel in seiner Hand -- just wie damals, als er der Welt das neue Licht zu bringen hatte.
An diesem Abende saß er nicht über den Naturwissenschaften. Er schrieb einen Brief nach Ibenheim, der war stolz und mutig, aber er hütete sich doch vor Flügen, die ihm -- so nahe dem Baumwinkel und den Trümmern des Berges der Seligkeiten -- ihre Gefahren hatten. Doris Rinkhaus mit den sichtigen Augen würde diesen Brief auch lesen, und sie war Zeuge seines jammervollen Absturzes gewesen.
Darum wog er jedes Wort und setzte es hin, als verschriebe er dem anderen seine Seele: »Ich will nun doch nicht mit beiden Füßen in das tiefe Meer springen, das sich vor mir aufgetan hat. Ich sehe unter den Rändern des fernen Himmels einen Saum, der vielleicht nur eine Spiegelung der Luft ist, aber es kann auch eine neue Welt sein. Ich will ruhig meines Weges fahren ... Es muß nicht die Matura sein, es geht auch mit dem Einjährigenzeugnis der Kunstschule, es geht zwar nur bis zur kleinen Matrikel -- aber wenn dann der Maler den Studierenden der Naturwissenschaften nicht aus dem Felde geschlagen hat, wird es ja wohl auch weiter gehen. Im Oktober hol' ich mir die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst ...«
Es war ein langer und klarer Brief, klar bis zur Schwunglosigkeit. Er verbarg das Glück an dem gefundenen Wege nicht, aber der Tartarus war zu nahe, und die vielen Pinsel in der alten Blumenvase mahnten zu einer höchst gemäßigten Begeisterung. --
Ein Mensch von tüchtiger Art gerät in Irrtümer und kann darüber mit sich und der Welt zerfallen; einem Windhund passiert das nicht; denn sein ganzes Leben ist ein Irrtum.
Es könnte einer sagen: dieser junge, gesunde und kluge Mensch -- warum setzt er sich nicht ein Jahr hinter die Bücher und läßt sich testieren, was er gelernt hat? Es warten Tausende von jungen Leuten in der Welt auf ein Glück, wie es ihm in den Schoß fällt; aber er steht halb unentschlossen davor -- es fehlt ihm der Trieb, und er ist zuletzt doch nur ein Blender.
Aber Jockele durchlebte in diesem Sommer einen wilden und bitteren Kampf mit sich selbst; denn es ward herrschend, was die Erziehung in sorgsam gehüteten Jungenjahren an ihm getan hatte. Nun zeigte man ihm ein neues Land der Verheißung und sagte: »Dies alles will ich Dir geben, wenn ...« Und auf der anderen Seite stand Maria Reh, die ihn damals zu sich selbst geführt hatte, und kämpfte um ihn. Sie war verärgert und hatte der kunstbeflissenen Jugend erzählt, daß man ihn schiffbrüchig machen wollte.
So rissen die Tage an ihm herum, und er war froh, als die langen Sommerferien Ruhe brachten.
Er saß da ganz einsam im Baumwinkel am Horn, aber die Naturwissenschaften standen hoch oben auf dem Bücherregale; denn danach fragte man ihn in der Oktoberprüfung nicht. Es klangen auch die Worte Ernst Haeckels in ihm nach: er wisse so viel wie ein Student im dritten Semester. Das hatte er im Spiel mit Wald und Quell, mit Stein und Wiese gelernt. Er wußte nun auch, daß es im Grunde die Naturwissenschaften gewesen waren, die ihn zur Kunst geführt hatten. Seine Freude an Farben, Formen und Licht war eine Gegengabe der Natur, die er als Künstlerin belauscht hatte, und deren Kunsttrieben er in heimlicher Entdeckerlust nachgegangen war.
Doris Rinkhaus hatte ihm nicht geschrieben. Sie bedrängte Tante Veronika nicht, aber sie quälte sich doch an dem ruhevollen Zuwarten der alten Freundin, und die Frage trat groß und voll Rätsel vor sie hin: warum diese Begeisterungslosigkeit bei solch einem jungen Menschen, der mit Augen voll Wundern durch seinen Bergwald zog?
Es wurde so karg zwischen ihnen, daß erst um die Mitte des Septembers ein Brief kam, der von der Oktoberprüfung redete, und wie er wohlgerüstet hineinschritte. Er hätte auch viele Tage gemalt, und die Sorge um das Lernen, die zu Anfang groß gewesen, wäre ihm zuletzt ganz aus dem Sinne gekommen ...
Gwendolin hatte Weimar im September für immer verlassen. Ehe sie ging, hatte sie ihn noch mit Felidora Ritter bekannt gemacht. Das war etwas ganz Neues, Schlankes und Schwärmerisches. Sie sah aus wie ein reifes Kornfeld mit Mohn und Cyanen und war Kunstgewerblerin. Sie war eine von jenen, welche die Männer -- wenn sie brünett und sehr jung sind -- schon über dem Begegnen in gehobene Stimmung versetzen. Dazu kam für Jockele, daß sein Herz einen Sommer lang verwaist gewesen war wie nie im Leben. Da zog er alle Wimpel und Segel hoch und fuhr der ährenblonden Felidora entgegen.
Es war eine lumpige Zeit. Sein Herz hing wie die Weltkugel aus Blech an einem dünnen Faden und pendelte, wohin er es stieß.
Manchmal fiel ihm ein, daß die Prüfung nahe wäre. Er hatte da einen Stapel Bücher auf dem Tisch und schlug hin und her eins auf: dürftiger Kram, den er kannte, und der neben ihm lag. Und davor hatte ihm auch nur eine Stunde gebangt? -- Es sah in ihm aus wie in seinem Häuschen, das er den Sommer über selbst in Ordnung gehalten hatte. Das Gartenhaus Dos stand nun seit zwei Monaten mit geschlossenen Augen ...
Darüber bekam die tiefe Schattenstille und grüngoldene Einsamkeit Stimme und sagte: »Jakobus Sinsheimer, was ist das mit Dir? Da sitzt die blonde Felidora in dem Stübchen Gwendolins -- warum nimmst Du sie Dir nicht? Es ist ein feines, hohes und sommerliches Mädchen ...«
Er ließ sein Herz reden, bis es durstig wurde. Dann lief er mit begehrlichem Munde zu ihr. Und als er sie fand, führte er sie auf dem alten Wall unter den hohen Kastanien durch die Schlüpfe im Zaun.
»Eigentlich fürchte ich mich vor Ihnen,« sagte sie. »Auf diesem Weg ist Gwendolin und Husch und Minchen Herzlieb gegangen und Maria Reh und Doris Rinkhaus. Alle in zwei Sommern. Es ist ja ein ganzes Heer ...«
»Und Felidora, meine große Sehnsucht,« setzte er hinzu. »Die anderen sind alle von selber gekommen, aber Felidora hab' ich gesucht -- schon seit einer Woche.«
Da ging sie mit in den Baumgarten.
Sie hatte ein buntes und freudiges Kleid an, und in ihrer Stimme war ein Klang aus sommerlichen Feldbreiten, voll von zitterndem Glanze.
Jockele dachte: »Man möchte sich an Dich hinschmiegen wie in die Aehren, die über den Sommerrainen wehen.«
Dabei sah er sie an, und sie sagte: »Jawohl, ich fürchte mich doch vor Ihnen.«
»Das ist fein,« sagte er und faßte sie so sachte unter und schritt mit ihr über die blanken Netze, die auf der Baumwiese lagen. Da verfingen sich ihre Füße in den Maschen von Gold, und sie sanken in das Gras.
Die Grillen sangen, als ob es Zeit der ersten Mahd wäre. Aus den Feldern zog noch der Duft von gebackenem Brot, aber die Felder waren längst abgeerntet. Und hin und wieder sprang ein reifer Apfel ins Gras. Das war unter dem Regen und der Sonne des Septembers noch einmal so wogehoch und blumig geworden, daß die Hasen darin Pfingsten feiern konnten.
In diesem Grase küßte er sie, und sie wollte sich mit ihren Händen schützen.
»Es tut nicht weh!« sagte er.
»Nein?« fragte sie.
»Guck an, wie fein Du küssen kannst!«
»Es ist mir ja gar nicht eingefallen, Sie zu küssen.«
»Du brauchst auch gar nicht! Aber leiden mußt Du es.«
So schäkerten sie sich ganz hinein in das goldene Netz. Den Hut und die Handschuhe und die Tasche Felidoras hatten sie noch rasch daneben hingelegt. Und auf dem hohen Walle saß der Sommer und warf einmal eine grüne Schale vom Kastanienbaum, da sprangen die braunen, reifen Früchte heraus.
Das Gebüsch des Baumwinkels hielt alle Hände über sie, und Jockele rauschte wie das Meer, wenn sich die Morgensonne hineinstürzt.
»So -- nun laß Dir mal noch was für morgen,« sagte sie ernsthaft. »Du bringst mich ja um mich selber! Jetzt gehen wir hinein, oder wir gehen hinaus ins Feld, und Du liest mir das Hexenlied vor.«
Da bekam er weite Augen und suchte nach dem Faden, an dem der Tag mit diesem Gedichte aufgereiht war.
Sie merkte das und rettete sich rasch in die Höhe und sagte: »Denkst Du denn, man kennt in Weimar nur Deine irdischen Lieben?«
Er besann sich, wie er an dem Hexenliede wild geworden und in pathetischem Rausch auf die Leiter vor Dos Fenster gestiegen war. Der mädchenhafte Schwatz, den nur Maria Reh betrieben haben konnte, fiel ihn jäh an.
In diesem Augenblick schlug er sich auf und riß das Kapitel Maria Reh heraus und warf es in den Winkel zu dem Fastnachtsspiele Minchen Herzlieb.
»Wie solch eine große und füllige Person ihren Nachbarn das Leben verleidet!« sagte er. »Sie ist wie der Papagei, der nebenan auf der Mauer steht und alle Sonnenruhe in Fetzen reißt. Sie braucht immer ein Tamtam und haut an alle Herzen. Sie ist eine Gehässigkeit oder eine Geschmacklosigkeit -- und dies alles, weil sie keiner geheiratet hat!«
»Einst war Maria Reh aber Deine himmlische Liebe.«
»Na ja!« -- Er schütterte sich lachend wieder hinein in die frühere Helligkeit; die blühte in roten Küssen wie Mohn im Sommerkorn.
»Wir müssen doch hineingehen,« sagte er; »denn ich berausche mich über dem lauten Lesen an meiner Männlichkeit.«
»Da auch?« neckte sie.
»Es ist aber nicht mehr so schön und still bei mir und von so sehnsüchtig-schmerzlicher Hingebung umrankt wie einst, als ich ... als ich noch Maler war ... Setz Dich so,« sagte er, »mit dem Rücken nach mir!«
Er drehte ihr den Lehnstuhl herum, daß sie nun den kleinen Ofen ansehen mußte.
Er hatte auf einmal ein ganz feierliches Herz und eine feierliche Stimme, und dann las er und schaute manchmal auf, ob sie sich nach ihm umwende.
Weil sie andächtig war, als hörte sie mit geschlossenen Augen zu, schwelgte er sich in ein blutrotes Martyrium hinein. In ein tiefes Erleben wollüstiger Schmerzen. Es rollte Donner aus der Klosterzelle des Mönchs Medardus, es jauchzte das wilde, verbotene Lieben, es klagte der Jammer, es jubelte der Sieg. Und als er geendigt hatte, wandte sich Felidora nicht um. Er lehnte am Fenster und fühlte, wie der Schweiß an seinen Schläfen herniedersickerte. Sie blieben noch lange so.
Da krähte Tante Veronikas kleine Standuhr keck über das verebbende Meer, das da aufgewühlt war, und Felidora sprang empor und warf ihre Arme um ihn und sagte: »Das war schön und groß! Und solch ein Mensch setzt sich in solch einen Winkel und rät an sich herum, was er werden soll? Werde Schauspieler, Jakobus!«
Sie jubelte das heraus, wie die Pendule ihren silbernen Schlag. Sie jubelte das mitten in die Stunde hinein, in der er das Kapitel Maria Reh aus seinem Leben gerissen hatte; und Doris Rinkhaus war weit, weit von ihm. Husch allein war nahe und fastete sich so durch ihre weißen Tage, an denen er selbst sacht und karg geworden war. Das Pathos des Berges der Seligkeiten fiel noch mit schönem, purpurnem Leuchten über ihn ... Und nun standen Felidoras blaue Schwärmeraugen vor ihm und warfen ein fremdes, nie gesehenes Licht in seine Seele.
Aber es zuckte ein Wetterleuchten an dem dämmerigen Himmel seines Herzens. -- »Wenn sie das sagt,« dachte er, »so bin ich nichts weiter als ein Tag in ihrem Leben! Sie will nichts von mir; sie hält keine Rechnung in den Händen wie Minchen Herzlieb und sagt nicht: das und das bist Du mir schuldig geworden. Ich bin ihr wieder einmal zu jung, und sie wollte nur sehen, wie so etwas gemacht wird.«
Die Gedanken flogen in ihm auf wie verstürmte Vögel.
»Ich hüpfe immerfort auf Schwellen,« sagte er, »seit drei Monaten immer so in keuchendem Schwunge ... Naturforscher, Maler, Bräutigam, Schauspieler, ~Primo amoroso~, Spitzenreiter, Zerstörer des Berges der Seligkeiten, Zigeuner, Hypnotiseur -- hast Du die Stirn, zu sagen, ich hätte es mit achtzehn Jahren zu nichts gebracht? Komm!« rief er und langte den Hut vom Nagel am Türpfosten herab und drückte sich ihn keck aufs Ohr.
»Wohin?«
»Eine Laute will ich mir kaufen und Schellen an den Hut -- so, weißt Du, so!«
Er wogte in komischen Sprüngen vor ihr hoch und nieder und hatte die Augen voll Hexenlied und Juchhei. Dann warf er den Hut auf den Stuhl und tobte in Anderthalbmeterschritten durch die Stube.
Da ließ sie ihn toben und setzte sich mit ihrer lichten Sommerhelligkeit auf den Stuhl und sagte: »Du, ich glaube, Du bist ein richtiges Genie.«
»Ja, ja, Genie!« sagte er. »Genie, das hab' ich in der langen Reihe der Gipfelhöhen meines ruhmreichen Daseins vorhin vergessen!«
»Ach, komm doch zu Dir! Solch ein tragikomisches Gesicht paßt nicht für Dich und bringt mich wieder zum Fürchten.«
Da zog er ihr das Kleid zurecht, und sie ließ sich von ihm fertigmachen zum Ausgang.
»Heut abend gehen wir ins Theater. Was ist heute?«
»Die Räuber. Und morgen Pygmalion.«
»Wir gehen an beiden Abenden hin. Schade, daß nicht auch solch ein halbverblödeter Wedekind dabei ist -- ich meine, man könnte sich da gleich ein paar nette Rollen aussuchen,« lachte er bitter. Aber draußen unter den Bäumen, durch die eine nachmittägliche Drossel silberne Fäden zog, fand er sich und ward wieder ein brauchbarer Mensch.
Sie sagte, an den Tagen, an denen sie ins Theater gingen, wollte sie nicht kommen. -- Er war froh, als diese Tage vorbei waren; denn danach trieben sie ihre junge Liebe wild und königlich in die Blüte.
Er hatte sich eine Frau verschafft, die das Häuschen festlich machen sollte zu Felidoras Geburtstag; er war am fünften Oktober, sie wurde da einundzwanzig.
Man sah vom Wall aus in die Gärtnereien hüben und drüben, über die der Herbst alle Brunnen seiner Kraft ausgoß an Astern und Dahlien. Es war eine ausgelassene Farbenlust, und die Kastanien taten ihre goldenen Königsmäntel dazu um. Auf den Feldern loderten die Kartoffelfeuer -- es waren die Tage, in der sich Frühling, Sommer und Herbst zum Ringelreihen finden und noch einmal alle Vogel- und Menschenherzen abschießen.
Jockele hatte das kleine Haus für Felidora von allen drei Jahreszeiten rüsten lassen; denn seine Seele feierte schon seit einer Woche Hochzeit.
Am fünften Oktober, der wieder voll Sonne war, daß sie über die Fensterstöcke hereinquoll und über die Sündflut seiner Sinnenfreude klingend dahinströmte, entlockte ihm Felidora das Gelöbnis: er sollte zu dem Regisseur gehen und ihm das Hexenlied vorsprechen. Er konnte auch sagen »Ich zählte zwanzig Jahre, Königin,« oder den Melchthal -- er hatte in den Stunden, in denen Felidora nicht bei ihm war, ein bißchen in den Klassikern herumgelernt. Aber er ahnte das wartende Gelöbnis da noch nicht, sondern nur das Verlöbnis, in das er sich in seiner Art wieder einmal mit aller Frische und Vergessenheit hineinschwang.
Es war noch ein Hundertmarkschein vom Armen Heinrich her dagewesen, den er in der kleinen Standuhr verborgen hatte. Aber die Theaterfreude Felidoras war nun auch über den gekommen, und in diesen fünften Oktober rollten die letzten beiden Zwanzigmarkstücke, rollte sein Herz in purpurrotem Leichtsinn, rollte die Warnung Gwendolins, sich nicht immer gleich zu verheiraten, rollten Gott und Teufel in ihm ...
Am anderen Morgen, als die Blüten alle angewelkt waren und ein Herbstregen in grauer Unerbittlichkeit an die Fenster klapperte, gellte das wachsame Uehrlein in seinen späten Schlaf. Es hatte schon die Sechs und die Sieben ärgerlich gerufen, aber die Acht schrie es unheimlich und angstvoll.
»Du, ich glaube, die Frau ist draußen und will ins Haus.«
»Sie ist immer auf morgens zehn Uhr bestellt,« sagte er und fand sich aus der Nacht und dem anderen Tage herüber.
Auf einmal -- --
»Ja, was trommelt denn die draußen so wild an das Fenster?«
»Herr Sinsheimer! Herr Sins--hei--mer!«
»Unerhört!«
»Herr Sins--hei--mer!«
Herr Sinsheimer stürzte ans Fenster und riß es auf --
»Zum Teufel, Frau, sind Sie denn um den Verstand gekommen?«
»Ach Gott, Herr Sinsheimer, Sie haben mich doch heute so früh bestellt! Es ist doch heute der sechste Oktober! Ich warte schon seit einer geschlagenen Stunde -- Sie haben doch gesagt, am Sechsten hätten Sie die Einjährigenprüfung.«
Jawohl. Um acht Uhr hatte die Sache begonnen. Und fünf Minuten nach acht Uhr stand der Herr Sinsheimer im Nachthemd am Fenster des kleinen Hauses am Horn Nr. 35 und stemmte den Himmel mit seinen langen Armen über sich, der auf ihn herniederbrach -- grauenhaft und mitleidlos, wie nur ein Himmel einfallen kann.
Der Roman ›Jockele und die Mädchen‹ ist zu Ende; denn was nun kommt, ist eine sehr verständige und sehr symmetrische Geschichte, die mit einem Examen anfängt, mit einem Examen fortfährt und mit einem Examen endigt. Jockele bestand die Prüfungen alle drei -- und was hernach kommt, heißt ›Jockele und seine Frau‹, darf aber nicht beschrieben werden ...
Weil der Himmel einfiel und kein Halten war, stürzte Jakobus Sinsheimer im Nachthemd in die Hosen. Was aus dem Nachthemd herausschaute, überschüttete er mit kaltem Wasser. Die Aufwartefrau erkannte inzwischen den Zweck des Blumenfestes; sie vergaß, den schwarzen Schulterkragen abzulegen und drängte dem Jockele das Handtuch und die Zahnbürste auf. Felidora war ein wenig kärglicher gekleidet und hob ihn in Weste und Joppe. Er ergriff die Mappe mit dem Schreibpapier, stülpte sich den Hut auf wie damals, als er die Laute der Verzweiflung erstehen wollte, die Krawatte schwang er in der Rechten, daß sie hinter ihm zur Tür hinausflatterte -- er knüpfte sie unter den triefenden Kastanienbäumen. So stürmte er dahin. Die Stufen vom Horn hinab in den Park. Ueber die Naturbrücke. Ins Fürstenhaus. In den Prüfungssaal ...
Da wunderte sich der Herr Professor Redslob ein bißchen; denn das Thema zum deutschen Aufsatz hatte er längst gegeben, und viele Federn knirschten schon eifrig übers Papier. Aber er lächelte seine duldsame Freundlichkeit über Jockele dahin, auch ohne das Erlebnis ganz zu durchschauen -- denn das wird ihm erst in diesen Zeilen verraten -- aber Jockele hatte seinen Lokalruhm. Deshalb kam ihm der Professor entgegen und sagte: »Na, Sie werden wohl eine überzeugende Abhaltung gehabt haben -- Witterungsverhältnisse oder so,« und er nannte ihm das Thema in Geduld noch einmal. Dann rückte sich Jockele in den Unbequemlichkeiten des für die obwaltenden Umstände viel zu geräumigen Nachthemds zurecht, überzeugte sich, daß er auch wirklich da wäre, und fing an, sich die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst zu erwerben. Nach acht Tagen hatte er auch ›das Mündliche‹ bestanden.
In dieser Woche, die zwischen Anfang und Ende der Prüfung lag, ereigneten sich zwei Dinge für ihn.
Zuerst bekam er einen Brief aus Ibenheim. Der verkündigte ihm, daß Doris Rinkhaus mit Tante Veronika eine frohe Fahrt über die Alpen angetreten hatte -- sie wollten in Sestri-Levante und Nervi den Winter verbringen. Do schrieb, daß sie erfahren hätte, wie Tante Veronika, seit sie Jockele aus dem Walde gezogen, in Enthaltsamkeit und selbstvergessener Sorge für den Jungen, außer der raschen Fahrt nach Weimar, Ibenheim nicht verlassen habe; darum hätte sie die alte Dame aufgeladen und sei mit ihr in den Frühling an das Südmeer gezogen.
Darüber kam Jockele zum drittenmal ans Rechnen, und er hatte feierliche Gedanken und sagte: »Was hat diese Tante Veronika für ein opferfreudiges und großes Herz! Und was ist diese Doris Rinkhaus für ein tapferes und königliches Mädchen!«
Er hatte überhaupt gute Vorsätze in dieser Woche; denn gute Vorsätze haben ihren Platz zwischen den Schwellen und sind einundeinhalb Meter lang. Deshalb reichen sie noch einen Schritt weit über jede Schwelle hinweg. --
Das andere Erlebnis betraf Felidora.
Sie hatte am sechsten Oktober gegen Abend die delikate Annäherung eines jungen Bankbeamten gehabt, den ihre Sommeraugen und ihre ährengelbe Feldstille ernsthaft sehnsüchtig nach ihr machten. Da erteilte sie sich einen Generalpardon und zog schuldlos und schön dem neuen Glücke nach.
Das gestand sie Jockele, und er stieß ein teilnahmsvolles »Oh!« hervor; er sagte ihr auch, daß er nicht verständnislos für ihre Wünsche sei, und daß sie gute Freundschaft halten wollten -- er selbst ginge mit Semesterbeginn nach Jena studieren.
Da quittierte sie ihm über das seelenvolle »Oh!« mit einem bedauernden »Ach?« Und er erfaßte ihre beiden Hände und sagte: »Du schönes, hohes Mädel! Und nun mußt Du mir mein Wort zurückgeben; die verrückte Stunde, in der Du mich zum Komödianten machen wolltest -- wo ist sie geblieben?«
Es schienen danach noch sonnige Oktobertage um das kleine Haus im Baumwinkel.
Da bereitete sich Jockele zum Auszuge. Er kramte viele welke Zeichen des Erinnerns unter den mancherlei Dingen hervor, die er mit hinübernehmen wollte in das neue Leben.
Als er seine Wohnung aufkündigte, erfuhr er, daß auch Maria Reh nicht mehr in das Gartenhaus zurückkehre. Nun hatte Doris Rinkhaus die weiße Stille oder grüne Einsamkeit ganz allein, so oft sie darin leben wollte.
In diesen letzten Tagen stand Jockele einmal gegen den Zaun gelehnt, an dem er die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ gemalt hatte, und ließ die vielen Bilder lieben Zusammenlebens der beiden Jahre durch seine Seele gehen. Da merkte er: Doris Rinkhaus leuchtete über alle hinweg und stand als ein großer, schöner Stern an dem Himmel, an dem nun die Nacht des Vergessens heraufziehen sollte.
Da wurde ihm, als wäre alles Licht von ihr gekommen, und als hätte sein Herz keiner andern gehören können, weil sie es fest in ihren Händen hielt. Warum hatte er ihr dies nie sagen können? Es drängte ihn, ihr die Stunde, diese letzte Stunde im Baumwinkel, zu beschreiben und ihr zu sagen, wie er seine Arme nach ihr ausgebreitet hätte. Aber ihr blondes Königinnentum verbat sich das. Und er -- -- so zwischen den Schwellen! --
Es wachsen in dem Winkel, in dem der Zaun des Tartarus gegen den Grenzzaun nach dem Wall stößt, drei Kastanienstämme aus einer Wurzel.