Jockele und die Mädchen: Roman aus dem heutigen Weimar
Part 15
Die Augen unter dem Hute taten sich auf, und sie hatte sich über eine lange, schöne Strecke Lebens hingedacht -- -- Jakobus war da immer neben ihr gewesen und lächelte zurück auf die ferne Zeit seines jugendlichen Irrtums, in der er auf der Leiter geschwebt und die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ gemalt hatte; denn danach hatte er in Jena die Naturwissenschaften studiert und hatte sich durch ein keckes gelehrtes Kunststück den ~Dr. phil.~ erworben.
Nun war ihr, als müßte sie ihm den wachen Traum erzählen. Sollte sie ein bißchen Schicksal spielen, das in Gestalt eines Traumes durch ihren Schlummer gezogen sei? Konnte sie nicht wirklich eingeschlafen sein unter dem trauten Schirme des Hutes und unter den Zärtlichkeiten der Sonne?
Aber das war ein plumpes Wagnis; denn lustig und schön war der Traum doch nur deswegen, weil er sie so heiß, heiß lieb hatte und weil sie geholfen, ihm den Weg zu bahnen zur Hochschule und darüber hinaus.
Doris Rinkhaus war keine von denen, die einem schimmernden Wunsche nachlaufen und mitten im Jauchzen den Boden unter den Füßen verlieren und um Hilfe rufen. Wenn sie sich jetzt aufrichtete und ihm den Traum erzählte -- mochte er nun im Wachen oder im Schlummer zu ihr gekommen sein -- dann geschah es ihr wohl, daß sie in ein Paar sehr blaue, sehr schöne und sehr wehmütige Augen sah, und daß Jockele die Achseln zog und sagte: »Der Gedanke ist hell wie ein Märztag und wie Doris Rinkhaus selber. Aber wenn ich den Willen hätte und die Kraft, nachzuholen, was ich zu diesem Ziele brauche -- wo wäre das Geld?« Dann könnte sie lächeln und sagen: »Na, Sie guter, ahnungsloser Junge, reden Sie doch keine Dummheiten! Wenn ich Sie auf den Weg gesetzt habe, werde ich natürlich auch für das bißchen Geld sorgen ...«
Es fiel nun wirklich eine tiefe Finsternis um sie, in der auch die klaren Sonnenbrünnlein, die durch das Flechtwerk des Hutes sickerten, ganz versiegt waren. Alles heimliche Glück war fort. Sie dachte den Traum zu Ende -- aber nach dem Worte Geld erschütterte sie ein Herzbeben. Sie preßte den Hut fest auf ihr Gesicht und dachte: »Dann würde er vielleicht seine jubelnden Arme um mich werfen, oder er würde die wilde Art kriegen, in der er mit dem Grabscheit auf sich losschlug, und würde sagen: ›Wissen Sie, daß Sie sich damit den Jakobus Sinsheimer kaufen?‹« Seine jubelnden Arme oder dies kecke Wort -- beides war in diesem Falle gleich gräßlich. Dieser letzte Gedanke schlug wild und häßlich durch sie hindurch. Sie richtete sich mit einem wilden Ruck empor --
»Was haben Sie da wieder zusammengetragen? Und warum rufen Sie mich nicht?«
»Haben Sie denn nicht geschlafen?« fragte er erstaunt.
»Ach, Unsinn,« sagte sie.
»Warum machen Sie solch ein verlorenes Gesicht?«
»Ich hatte mich in einen Gedanken verfitzt. Er war dumm und kindisch.«
Es lag nichts gefestigter in dem Wesen Dos als der Wille, sich das königliche Recht der Selbstbestimmung in allen Stücken zu wahren, zumeist in den Angelegenheiten des Herzens. Der Gedanke, daß sie sich verschachern könnte, hetzte ein ganzes Heer von Gespenstern auf sie.
Und es lag nicht minder in ihrer eigenwilligen Art, die nach keiner Seite hin eigensinnig oder gar verstockt war, sich den Platz an der Seite eines Mannes zu erkämpfen.
Sie wollte nicht ›genommen‹ sein, wie man ein Stück aus dem Schaufenster des Krämers ersteht. Sie haßte lärmende Kleider und Hüte. Sie haßte die im Schwunge stehende Ausstellung, der die Mädchen gemeinhin huldigen, und konnte bitter und verächtlich von ihrem Geschlechte reden, wenn sie in den Zeitungen das verzweifelte Lockmittel der Mitgift ausgestreut fand.
Ihre Empfindlichkeit in diesen Dingen wurde von niemandem verstanden. Am wenigsten von Maria Reh. Man kannte diese Empfindlichkeit auch in der Stadt. Es gingen da Gerüchte von ihrem überschwänglichen Reichtume, aber man wußte, daß sie sich jedem mädchenhaften Flirt gegenüber ablehnend verhielt. Daraus wuchs dann die Sage von der himmlischen Liebe zu Jakobus -- Maria Reh war daran nicht schuldlos; denn Do war durchsichtig -- wie denn starke Seelen alles Versteckspiel verschmähen -- und sie hatte der Freundin nicht verborgen, daß sie den Gedanken als einen lieben Genossen träumerischer Stunden hätschelte: einen Mann durch sie zu einem Sieger des Lebens werden zu sehen.
Als Jakobus die lodernde Stunde hatte und das Feuer seines Zornes über sich und sein Werk dahinrasen ließ, weil er nicht hatte einlösen können, was ihm der Rausch eines schaffenden Glücks versprochen, da stand sie daneben und fiel ihm nicht in die Arme; denn ihr Herz bewunderte ihn und jauchzte ihm zu.
Und sie fühlte, daß sie unter den drei Mädchen, die um ihn gewesen waren, die einzige sei, die Seite an Seite mit ihm stand. Maria Reh lähmte dieser heilige Brand -- sie sah Wut und Enttäuschung. Husch sah ein Unglück und ging unter in Mitleid. Aber Doris Rinkhaus erkannte den Sieger.
In jenem Augenblicke verschwieg sie sich Maria Reh; da hatten die Gedanken der Freundin freies Spiel, und sie erinnerte sich an Huschs krankhafte Furcht vor Do und sagte zu sich: »Dieses Mädchen sieht mit ihren wunderlichen Ahnungen in Fernen, die unseren hellen Augen verschlossen sind.« --
Nun streifte Do mit Jakobus durch die heimatlichen Wälder. Sie fühlte, wie ihm das Herz aufging in Frohsinn, aber sie quälte sich mit einem Glück, vor dem ihr bange ward. Darüber verlor sie ihre Durchsichtigkeit für Jo.
Sie kam in dem Kampfe mit sich selbst nicht zurecht; und vor dem einen -- vor dem, was die zehntausend anderen für die einsamste Lösung gehalten hätten, prallte sie zurück.
»Ueberlaß es der Zeit!« beriet sie sich und ward eine Stunde lang ganz frei und sorglos. Dann ärgerte sie sich darüber und sagte: »Er hat davongelaufene Jahre einzuholen -- ich werde zu einer Feindin an ihm, wenn ich nicht rede!«
Sie war nicht mit ihm gegangen, weil sie in den Wäldern von Ibenheim von ihm hören wollte: »Ich werde keinen Pinsel wieder anfassen!« Aber nun, da er es gesagt hatte, war sie ihren heimlichen Plänen näher denn je.
Sie wußte auch nicht, daß es zuletzt doch nur ihr überlegenes Alter und ihr geschlosseneres Menschentum waren, was ihm seine sanfte Scheu auferlegte. Er kam nicht zu dem Gefühle, daß er ihre Klugheit und klare Art beherrschte, wie es der Mann in ihm forderte -- die anderen Mädchen hatten ihm gegeben, was er wollte, er hatte sie gleich in die Hände bekommen, wie er sie in den Sinnen hatte. Und Husch war gar in ihm untergegangen. Doris Rinkhaus aber hatte für ihn immer den Königsmantel um, auch wenn sie im Moose lag und die Zärtlichkeiten des Sommers empfand, als kämen sie ihr von seinen Händen und seinen Lippen. --
Sie hatten Sehnsucht nacheinander, wenn weiter nichts zwischen ihnen war als ein Streifen Sonne und Waldrauschen.
Diese Sehnsucht war für ihn fremd und schön und sah genau so aus wie jene, mit welcher er den Prinzessinnen der Märchen nachgeträumt hatte, die sich von vier Schimmeln mit blauen Federstützen auf den Köpfen in einem goldenen Wagen durch den Wald kutschieren ließen.
Und diese Sehnsucht war für sie ein ganz mädchenhaftes Wünschen nach junger Kraft und einem jubelnden Sieg über sie selbst.
Aber so oft sie dachte, daß ihre Lippen verräterisch rot aufblühen könnten, ward sie noch wachsamer; denn sie sagte sich:
»Wenn ich in diesem Kampf unterliege, komm' ich heim und habe seit zwei Jahren ein albernes Spiel mit mir und den Meinen getrieben ...«
Die Schablone des Durchschnitts konnte an diese beiden jungen Menschen gelegt werden so oder so -- sie paßte nicht.
Sie waren voll von den Drängen der Frühlingserde, aber sie streiften mit den Spitzen ihrer Finger die Säume eines Himmels, den sie über sich gewölbt hatten in ihrer reichen und glaubensvollen Jugend. -- Und zuletzt hatte sich Doris Rinkhaus doch in einen edlen Trotz des Herzens hineingelebt, der für Jakobus eine fremde, unnahbare Herrlichkeit war -- er hatte für ihn um kein Mädchenherz gelegen. --
So führten sie ihre Sehnsüchte spazieren im sommerstillen Bergwalde. Eins lief dem Herzen des anderen nach, und sie kamen sich doch nicht näher.
Sie wanderten den weiten Weg zum Forsthaus an der Hörsel und fanden Matthias Prinz und das Zinzilein und das Kleine, dem der Kopf von hellgelben Haarringlein umweht war. Es hieß Maria und konnte sein junges Lachen schlagen wie ein Buchfink.
Sie kehrten zurück in das Haus vorm Walde und hatten die Herzen voll Frohmut. Das Zinzilein war eine schlanke, junge Jägersfrau, war voll Waldfrische wie einst und suchte nach Geheimnissen an diesen beiden, wie sie nach Geheimnissen an Jockele gesucht hatte, als seine Augen voll erster heißer und seliger Ahnungen waren. Die Herzen im Jagdhause jubilierten hinter dem Zaun ihres Glücks, aber das war ein anderes Glück, als es die hochgemuten Träume suchen, die ausziehen, zu erobern.
An diesem Abende rettete sich Do zu Tante Veronika.
Jakobus war bei dem Pastor, mit dem er die Leiden und Freuden des zweiten lateinischen Uebersetzungsbuches, der Musterstücke aus lateinischen Klassikern und des Gallischen Krieges, durchlebt hatte.
Tante Veronika hatte gefaßt den Bericht von der wilden Stunde im Baumwinkel angehört, dazu die lange Geschichte, die vom Tartarus bis zum Berge der Seligkeiten reichte; und sie wäre noch gefaßter gewesen, wenn ihr das Reich der Kunst, in dem Jockele ein Bürger sein wollte, nicht nur aus ferner genießender Betrachtung bekannt geworden wäre.
Nun, als sie hinter der blauen Sommernacht und den sachte wehenden Vorhängen saßen, brachte Veronika wieder die Rede darauf. Es lag ihr daran, den Jungen glücklich zu sehen. Und Doris Rinkhaus ward ganz freudig in ihrem Bekenntnisse von dem Eifer, mit dem Jakobus in seinen Tagen gestanden hatte --
»Er ist weiter gekommen als alle, die gleichalterig mit ihm sind,« sagte sie, »aber ich halte es doch nicht für richtig, ihm nicht wenigstens einen anderen Weg zu +zeigen+. Dieser Weg ist nicht leichter und nicht schwerer, und doch scheint mir, als würde er durch die Wissenschaft, durch die Tore einer Universität hindurch zu reinerer Befriedigung gelangen, als sie ihm die Malerei jemals gewähren wird. Er hat ja darin gestanden, und er kann sich an jedem Tage zu ihr zurückfinden, wenn er zu der Erkenntnis kommt, daß es so am besten für ihn wäre.«
Doris Rinkhaus ging da auf einem Pfade, an dessen Seiten sie alles Gestrüpp längst fortgeräumt hatte, und schritt ganz in Klarheit und Freude.
»Er sollte die Naturwissenschaften studieren,« sagte sie, »und könnte damit vielleicht nach einem Jahre der Vorbereitung anfangen. Läßt er dies Jahr jetzt verstreichen oder eine noch längere Zeit, so verschlägt er sich alle anderen Straßen ins Leben.«
Sie erinnerte Tante Veronika an die äußeren Vorgänge, die ihn in die Akademie geführt hatten. Sie kannten auch beide seine Neigungen viel zu gut, als daß sie einander nicht mit gesteigerter Hellhörigkeit in die Herzen gelauscht hätten. Doris Rinkhaus ward leuchtend und umschien Tante Veronika als ein warmer Sommerhimmel.
Auf einmal schob sie den blauen Vorhang der Nacht zurück, kniete der alten Dame zu Füßen und legte ihr die Hände in den Schoß --
»Liebste Tante Veronika,« sagte sie, »schwören Sie mir, daß Sie ihm nichts von allem verraten, was ich Ihnen nun sage! Sie brauchen mir meinen Wunsch ja nicht zu erfüllen, aber schweigen müssen Sie; denn ich erbitte nichts für mich von Ihnen und von ihm!«
Da gelobte ihr Fräulein Sinsheimer, daß sie ihre Worte als unverbrüchliches Geheimnis bewahren wollte.
Und Do sagte: »Heißen Sie ihn diesen Weg gehen, und lassen Sie mich alle Kosten bestreiten! ... Das ist es, wovon er nichts erfahren darf, bis ich es ihm selber sage -- -- Himmel, was ist mir dies Wort so schwer geworden!« sagte sie und atmete tief, »denn ich weiß, ich dränge mich damit in Sie hinein -- Sie könnten auch meinen: ich dränge mich zwischen Sie und ihn. Aber nun, da es gesprochen ist, nun kann ich mir das Herz freireden! ... Ich glaube, Jockele würde nicht glücklich werden als Maler. Ich habe ihn viel froher, ja ich habe ihn ganz verwandelt gesehen vor der Natur und in dem Eifer, der in diesen Tagen aus der andern Zeit über ihn gekommen ist. Ich denke mir die Sache so: schalten wir drei Jahre der Studien in sein junges Leben, so bereichern wir ihn, und er wird dieser Jahre gedenken als einer stolzen Zeit, auch wenn er zu der Erkenntnis käme, daß er im Reiche der Kunst ein König hätte werden können. Dann mag er alles wieder aufnehmen, was einst sein war; denn von dem einmal eroberten Felde verliert er keinen Fußbreit Erde; aber das neue Land müßte für ihn versinken, wenn Sie ihn nicht jetzt auf die Wege in dies Land leiten.«
»Haben Sie schon mit ihm darüber geredet?« fragte Veronika.
»Nein,« sagte sie, »ich habe aber alles mit mir erwogen seit jener Stunde, in der ich ihn im Baumwinkel die große Leinwand begeistert aufrichten sah.«
»Sie wußten also, daß es damit nichts werden würde?«
»Nein -- ich fürchtete es nur. Es hat nichts zu bedeuten. Enttäuschungen, wie sie am Wege wachsen und wie sie auf eine stürmische talentvolle Jugend an allen Enden warten! Es hat sicherlich nichts zu bedeuten,« beruhigte sie.
»Warum wollen Sie ihm das nicht alles selber so schön und glücklich sagen?« forschte Veronika.
Da senkte Do ihre Stirn auf die Knie der alten Frau und sagte: »Ich kann es ja nicht! Er würde mich auch an Sie weisen, weil ich ihm nicht verraten darf, daß ich ihm die Mittel dazu anbiete. Oder er würde sich vorkommen als ein Ding, mit dem ich Versuche machen will, weil ich es mir so in mein närrisches, eigenwilliges Herz gesetzt habe; und er könnte aufwieglerisch werden und sagen: Probieren Sie das mit einem anderen oder mit sich selbst!« Da merkte sie, daß sie um die Sache klug und eindringlich herumredete ... »Ach Gott,« sagte sie, »ich müßte Ihnen da wohl noch etwas erzählen, aber Sie wollen es nicht wissen; denn Sie fühlen, daß ich dafür keine Worte finde!« Dann richtete sie sich auf und trat wieder hinter den blauen Vorhang der Nacht: »Denken Sie so: was ich selbst bei meinen Eltern niemals durchzusetzen vermochte, und was ich auch nicht mehr wollte, als ich älter geworden war, das möchte ich nun an Ihrem Sohne zur Tat werden sehen! Ich hoffe, es wird ein großes Glück -- hätte ich sonst zu Ihnen davon geredet?«
In den nächsten Tagen war sie oft mit Veronika allein. Veronika sagte:
»Ich bin über die Jahre hinaus, in denen man sich in rauchende Begeisterung sinnt, und ich liebe ein klares und richtiges Sehen. Ich will mit Jakobus sprechen -- nein, wir beide wollen mit ihm sprechen; denn Sie sollen sehen, wie er den Gedanken erfaßt. Aber das kann ich Ihnen schon sagen: ich gehe in großer Freude mit Ihnen; denn ich habe mich oft gefragt, ob ich in allen Stücken richtig mit dieser Jungenjugend verfahren bin.«
So wurden sie sich über alles einig. Und am vierten Tage danach, zur Teestunde, baute Tante Veronika sicher und umsichtig den Plan vor ihm auf. Es konnte natürlich kein Geheimnis daraus gemacht werden, von welcher Seite er kam.
Da jubelte Jockele nicht, und er war nicht betrübt, sondern blieb in allerschönster Ordnung und fragte besinnlich: wie es denn mit dem Gelde wäre?
»Sie würde dafür sorgen,« sagte Tante Veronika.
Da sagte er: »Es ist ein sehr weiter Weg, aber er ist verlockend, und Du hast ein großes Vertrauen zu mir.«
Dann ging er hinüber in die Gartenhütte und blieb dort allein bis zur Stunde des Nachtmahls.
Was sollte das heißen? Das kleine blühende Waldmädel hatte zuerst zu ihm gesagt: »Du mußt ein Naturforscher werden.« Und nun wachte dies Wort eines Kindes noch in dem alten, lieben Haus und durchlief als Echo alle Winkel und Herzen. Und Doris Rinkhaus, die ihr Leben so fest in den Händen hielt, fing den silbernen Ball und warf ihn ihm zu. Wollte sie damit sagen: »Jakobus Sinsheimer, haben Sie denn an der ›Gruppe aus dem Tartarus‹ nicht erkannt, daß Ihre Kunst bankrott ist?« Wollte man ihm die Einsicht Dos verheimlichen und ihn schonen? Oder dachten sie, daß er durch sein wurzelgründiges Verfahren im Baumwinkel diesen Bankrott selbst angesagt hätte und nun nicht mehr wüßte, wohin er sich wenden sollte? ... Wenn er wirklich einmal zu der Erkenntnis käme, daß er damals Maria Reh in einen Irrtum hinein gefolgt sei, in den ihn der Jammer jenes fremden Sterbens im Winterwalde gedrängt hatte -- was dann?
Nun, dann mußte er doch noch von neuem zu lernen anfangen, um sich eine Stellung im Leben zu erkämpfen, vielleicht einen mühseligen, armen Posten.
Es war zum zweiten Male, daß er so ans Rechnen geriet. Einst, wenn Tante Veronika die Augen schloß, mußte er sie beerben. Er hatte sich nie um ihre Vermögensverhältnisse gekümmert, Wenn sie ihren kleinen Schatz seinetwegen in diesen letzten Jahren ihres Lebens verringerte, wenn sie in jedem Monate davon nahm, um ihm zu geben -- konnte sie ihn nicht eines Tages rufen und zu ihm sagen: »Jakobus, Du mußt nun auf Dir selbst stehen; denn alle Güte und Liebe einer Greisin kann die kleine Truhe nicht mehr mit Gold füllen. Ich habe Dir alles gegeben, was ich hatte, bis auf den kargen Rest, an dem ich mich ins Grab leben muß.«
Was dann?
Sie hatte ihm gesagt, für fünf oder sechs Jahre, und -- wenn er mit dem auskommen könnte, was sie für ihn bestimmt hatte -- wohl auch noch für länger, wollte sie mit dankbarer Freude für ihn sorgen.
Aber was dann?
Mit dieser Frage in den Augen erschien er beim Nachtmahle.
... »Ich habe wohl ein bißchen in den Tag hinein gelebt,« sagte er; »ich weiß nicht, ob nach der Art der vielen oder nach meiner eigenen. Es schadet nicht, wenn ich besinnlicher werde.«
Er redete das aus einer Versonnenheit des Herzens heraus, in die er in der Gartenhütte geraten war, und es klang, als hätte er ganz vergessen, daß die Frauen mit ihm zu Tische saßen.
»Es ist aber ein wunderlicher Kram, wenn einer sich schieben läßt aus der einen Sache in die andere. Das darf nicht sein, wenn er nahe an die Zwanzig gerückt und ein so langer, gesunder Mensch ist, der schon einmal ein Galeriestück, ein Monumentalgemälde verpatzt hat ...«
Darüber wachte er auf und lachte.
»Du sollst gar nicht geschoben werden,« sagte Tante Veronika.
»Ich habe das auch nicht so gemeint,« sagte er und hatte seine hellen Augen wieder. »Ich reise morgen früh nach Weimar und will zusehen, wie man so etwas eigentlich macht. Es ist eine feine Sache, meine Damen,« scherzte er, »aber sie ist für den, der sie angreifen möchte, doch etwas ganz Ungeheuerliches. Heute früh sagte ich noch: ich habe einen solchen Haufen Naturwissenschaft im Kopfe, daß ich mich wundere, wohin das alles über dem Armen Heinrich und dem Tartarus und den Stößen von Akten und Landschaften gekommen war. Ich habe auch gedacht, es ließen sich drei dicke Bände damit füllen -- aber nun, da ich nicht mehr damit spielen soll, ist auf einmal nichts Gescheites mehr vorhanden ...« Er verfiel wieder in das Alleinsein -- »Jakobus Sinsheimer, Du sollst Student werden! Du Waldjunge, Du Schmetterlingsjäger, Du Stein- und Pflanzensammler, Du Zigeunerfindling sollst an die Türen der Hochschule klopfen und Einlaß fordern! ... Es sitzt da einer an seinem Tische und fragt: Auf welchem Gymnasium waren Sie?«
»Auf keinem.«
»Wo haben Sie Ihre Zeugnisse?«
»Es sind keine da.«
»Na, zum Teufel, was haben Sie denn überhaupt für eine Vorbildung?«
»Ich habe meinen Armen Heinrich verkauft. Ich habe eine Gruppe aus dem Tartarus zerhauen. Ich kann die Klassen des Linnéschen Systems seit vier Jahren vor- und rückwärts aufsagen. Ich weiß etwas von den Wundern des Radiolarienschlammes und von den vier Klassen der Grundformen bei den Organismen. Ich weiß ...«
Und der Mann an dem Tische sagte: »Damit können Sie sich allenfalls ein paar Kollegs -- nicht ohne Nutzen für sich selbst -- schinden, wenn Sie sehr viel Zeit haben. Aber keine noch so verliebte Thüringerwaldfreude ersetzt Ihnen die mangelnde Matura, junger Mann ...«
Doris Rinkhaus und Tante Veronika aßen in frohem Zuhören darauf los. Auch Jockele kam über seinem neunzehnjährigen Appetit nicht dazu, dieses Selbstgespräch als prasselndes Feuerwerk steigen zu lassen. Er redete mit langen Unterbrechungen.
Seit seinem achtzehnten Auffindungstage nannte er sich mit Stolz neunzehnjährig, und er hatte sich seit seinem Hiersein oft von Tante Veronikas großem Schrankspiegel bestätigen lassen, daß sein hoher, geschlossener Aufbau mit gutem Recht Ansprüche auf Dreiundzwanzig geltend machen könnte. Er hatte sich auf dem Gang in den Tartarus ein Rasiermesser angeschafft, dem der Schnurrbart zwar noch bis auf weiteres zum Opfer fiel. Aber vor den Ohren hatte er sich kecke Kotelettchen stehen lassen, die ihm seine Mannhaftigkeit hinreichend bezeugten.
Dem jungen Zigeunertume, das immer ein bißchen ungewaschen daherschreitet, und das den Robespierrekragen und den in der Hand getragenen Hut sowie ein durch mancherlei Aeußerlichkeiten betontes Wesen als zur ›richtigen Genialität‹ gehörig betrachtete, war er geschmackvoll aus dem Wege gegangen.
Er huldigte von Tante Veronika her dem lästerlich zur Schau getragenen Glauben, daß ein zweimaliges Vollbad in der Woche dem Menschen genau so nötig wäre wie jedem Tage ein noch so bescheidenes warmes Essen.
Einmal hatte er sich in einem Ringe junger Maler zu der rauchenden Auflehnung verstiegen: es wäre eine brüchige Weisheit geworden: ›Sage mir, mit wem Du umgehst, so will ich Dir sagen, wer Du bist‹ -- es müßte heißen: ›Sage mir, wie oft Du badest, so will ich Dir sagen, was Du wirst‹. -- Er hatte wenig Verständnis mit dieser unerhört rebellischen Anschauung gefunden.
Als er alle großen Steine mit Sorgfalt auf den Weg gefahren, erklärte ihm Do: sie hätte mit Tante Veronika vereinbart, den Sommer über im Frühlingshause zu wohnen; denn es liefen so viele und so glänzende Fäden aus dem älteren Herzen in das junge, daß sie eine sehr schöne und reiche Zeit vor den Toren des Waldes genießen wollte.
»Sie scheinen diesen Tag mit Neuigkeiten angefüllt zu haben bis zum Rande,« sagte Jockele und sah sie lange an.
»Den Winter über reise ich vielleicht nach Bonn, oder ich bleibe in Weimar -- ich weiß das noch nicht. Ich will aber meine Wohnung im Gartenhaus am Horn nicht aufgeben.«
»So!« sagte Jockele und setzte das kleine Wort hin wie ein Siegel. Er war horchend geworden -- »Ist das etwa, weil ich gedacht habe, ein so langer und so alter Mensch dürfe sich nicht aus einer Sache in die andere schieben lassen?«
»Nein,« sagte sie.
»Dann werde ich sehr einsam sein.«
»Wissen Sie, daß wir uns im Baumgarten oft wochenlang kaum gesehen haben?«
»Es ist wahr,« sagte er -- »in Zeiten, in denen ich sehr fleißig gewesen bin.«
Am andern Morgen reiste er nach Weimar. Als er unter den Kastanien durch den Garten schritt, sah ihn Maria Reh kommen und lief ihm entgegen.
»Wie steht es mit Husch?« fragte er.
»Der Arzt hat sie in eine Nervenheilanstalt geschickt,« sagte sie; »er erklärte für ausgeschlossen, daß sie je wieder in Ihre Dienste träte. Sie haben einen ganz wilden Einfluß auf dies Mädchen gehabt und haben Sie physisch und seelisch zerbrochen.«
»Ich habe gar nichts dazu getan,« sagte er; »aber vielleicht wäre ich ihr Schicksal geworden.«
»Das ist die selbstsüchtige, harte Männerart -- ›ich habe gar nichts dazu getan!‹ Hätten Sie sie früher fortgeschickt! Nun müssen Sie doch auch ohne das arme Geschöpf auskommen.«
»Nun! Nun ist das ganz etwas anderes.«
Er ging mit ihr durch sein kleines Haus -- »Husch ist wirklich nicht mehr darin!« sagte er, »das haben nicht ihre Hände getan!«
»Nein, ich selbst habe ein bißchen Ordnung geschafft.«
Dann ging er mit ihr durch den Garten und setzte sich an den Tisch mit der machtvollen Bank, die am Südzaune steht, und erzählte ihr, wie es mit Do und mit ihm wäre.
Maria Reh fand das unerhört. Sie faßte den Plan als einen ganz persönlichen Kampf Dos gegen sie auf, so, als ob sich Do ärgerte, weil Maria Reh Jakobus aus dem Bergwald in die Akademie gebracht hatte ... »Nun will sie mich übertrumpfen und will Sie in die Universität führen!«
Sie sagte das, als hätte sie einen Stengel Wolfsmilch zwischen den Zähnen.