Jockele und die Mädchen: Roman aus dem heutigen Weimar
Part 14
Genau so hatte Do über den Armen Heinrich geurteilt, der ihm seinen ersten Ruhm eingetragen. Aber nun stand er doch mit gebrochenen Flügeln vor Do, und Marias scheue Zugeknöpftheit quälte ihn. Langsam fing er wieder an zu leuchten, und abends brachten sie ihn frohmütiger und mit neuen Plänen heim: er wollte die Tiefen und Schründe übermalen, die Figuren mit strahlendem Himmel umhängen und sie auf die Spitze eines Berges stellen, der im letzten Scheine des Abends lag. Dann sollte das Bild ›Schmerz‹ heißen.
Do hatte ihre Einwände; aber er ließ sie nicht an sich kommen, und die nächsten Tage fanden ihn wieder im Baumwinkel. Er legte Himmel über die Felsen; die Figuren blieben in ihrer Stellung, aber er verlieh den Gesichtern die stille Erhabenheit des Leides, das in die Nachbarschaft Gottes führt. Aus treibenden Wolken stieg ein umglühter Bergkegel hervor, wo zuerst die Abgründe des Tartarus gegähnt hatten.
Aber das selige Leuchten, das er in seinen Träumen gehabt, verlor sich dennoch über allem und ward Finsternis.
Als er am vierten Abende mit Do und Maria vor dem Bilde stand, die in diesen Tagen nicht gekommen waren, weil er sie darum gebeten hatte, legte sich ein schweres Schweigen auf ihn und die Mädchen. Das zerriß er mit einem gellen Auflachen; dann rannte er in den Schuppen und stürzte mit einem hocherhobenen Grabscheit heraus und schlug blindwütig auf die Leinwand ein, bis sie in bunten Fetzen herumlag, und der Rahmen krachend zusammensank.
Husch hörte im Hause das wilde Schlagen und Knattern des Holzes.
Sie stürzte heraus und warf sich über die Trümmer und achtete des niedersausenden Spatens nicht.
Darüber kam er zu sich, und er sah sie vor dem Haufen Fetzen knien, wie sie Doris Rinkhaus anstarrte.
Da schleuderte er das Grabscheit fort und lief in das Haus.
Husch aber schritt auf Do zu, die vor Maria stand, und streckte ihre Arme aus und war anzusehen, als käme sie aus dem Grabe.
»Sie sind es gewesen!« schrie sie Do ins Gesicht -- »Sie haben ihn so von sich gebracht! Nun ist er wahnsinnig geworden.«
»Nein -- +Sie+ sind es gewesen!« sagte Do, und ihre Stimme zitterte zum ersten Male. Sie wandte sich ab und wollte zu Jakobus gehen und mit ihm reden. Aber Husch kam ihr zuvor und warf sich mit heiserem Schrei auf die Schwelle.
Da trat Jakobus heraus und gebot ihr, stille zu sein, und trug sie auf seinen Armen hinein. Er hatte Do und Maria einen Wink gegeben, daß sie in ihr Haus gehen sollten, er wollte später hinüberkommen.
Wie er Husch zu Bette gelegt hatte, schlug ein grimmiges Lachen aus ihm -- zwanzigmal hatte er sie nun so auf sein Lager geschleppt und war voll Erbarmen mit ihr gewesen ... nun dachte er, er hätte sich von ihrer krankhaften Art niedertreten lassen und hätte diese Wochen jauchzenden Mühens verloren wegen ihr. Und hätte sich selbst verloren.
Da warf er den Malkittel ab und ging hinüber in das Gartenhaus. Er hatte sich wieder fest in den Händen. Maria Reh war in das Nebenzimmer geflohen, als sie ihn kommen hörte.
»Es ist gut,« sagte er, »ich bin froh, daß ich so rasch gewesen bin!«
»Ich auch!« sagte Do. »Es war eine wilde Geschichte, aber es war ein kurzes Leid. Sie müssen nun zusehen, daß Sie die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ auch in Ihrem Kopfe zerschlagen können! Reisen Sie mit mir nach Ibenheim -- mit mir ganz allein?«
»Wann?«
»Morgen?«
»Heut abend wäre es noch besser.«
»So reisen wir heute abend. Wie steht es mit Husch?«
»Sie schläft,« sagte Jo. »Aber diesmal ist es zu Ende zwischen mir und ihr! Wo ist Fräulein Reh?«
Da rief Do Maria herein --
»Bitte, gehen Sie zu Husch's Mutter,« sagte er, »und bringen Sie ihr diese fünfzig Mark. Ich kann das Mädchen nicht mehr um mich haben -- ich kann nicht! Sie wissen, was Sie der Frau sagen werden. Und wenn Sie mehr Geld braucht, so soll sie später zu mir kommen, ich will ihr geben, was mir möglich ist; denn Husch ist leidender geworden durch mich, viel leidender. Ich hätte sie mehr schonen sollen.«
»Noch mehr?« fragte Do. »Sie hätten sie nach dem Armen Heinrich abschaffen müssen.«
In Maria Reh aber ging eine ungeheure Fülle von Lichtern an -- es waren ihrer so viele, daß sie geblendet dazwischen umhertappte.
Zuerst wollte sie erkennen, daß Do nun doch an der himmlischen Liebe litte, die sie als einfältige Dichtung der Menschen belacht hatte. War Do in gut gespielter Gefrorenheit all die Zeit her nur zur Seite gestanden voll Erwartung, daß die Stunde ja kommen müßte, in der ihr diese ringende Jugend in die Hände fiel? Hatte man sie mit der Sendung zu Husch's Mutter betraut, damit die beiden schon bei den Vorbereitungen zur Reise unbeobachtet wären?
Es schoß Licht in rasenden Pfeilen um sie her und wurde doch nur langsam Tag.
Aber zuletzt ärgerte sie sich über ihr verwinkeltes Herz und begriff die Stunde als einen Sieg ihrer längst gehegten Ueberzeugungen.
Jockele ging hinüber, um sich zu der schnellen Abfahrt zu bereiten. Er traf Husch in den Tiefen ihres krankhaften Schlafes. Und als er so alle Dinge zusammenwarf, die er mitnehmen wollte, ward ihm doch bange vor der Zeit, in der ihre ordnenden Hände und ihre sorgende Stille nicht mehr um ihn wären. Einmal hatte sie gesagt, sie würde sich in den Tod hinüberschlafen, wenn er sie fortschickte ...
Daran dachte er nun und sah immer einmal zu der Türe nach dem Kämmerchen; denn es war ihm, als müßte sie mit entgeisterten Augen und halb erstarrten Gliedern hereintreten und ihn fragen: »Was willst Du mit mir und Dir beginnen?«
Aber sie kam nicht, und er ging zu Maria Reh und sagte ihr, ob es nicht besser wäre, man ließe sie noch ein paar Tage kommen. Dann würde sie fragen, wo er hingegangen sei und was überhaupt geschehen wäre, und Maria Reh sollte in Ruhe mit ihr reden. Da wehrten die Mädchen beide ab und wunderten sich über die Macht, die dies krankhafte Wesen bis zuletzt über seine Kraft und Jugend behalten hatte.
Gegen Abend reisten sie ab.
Maria Reh schickte nach einem Arzte und besprach das ganze wunderliche Erleben mit ihm.
Zweimal hatte der Frühling um Ibenheim am Walde geblüht und hatte Jakobus vergeblich gesucht.
Nun stürzte der dem grünen Bergsommer mit ausgebreiteten Armen ans Herz.
Was war das für ein überschäumendes Jauchzen! Und was war das für ein Finden der alten Steige und durchsonnten Waldwinkel, die alle auf ihn gewartet hatten! Die Erde erschauerte, wo sein Fuß über sie schritt, und die blaue Seide der Lüfte flatterte, wenn sie an seine Stirne streifte. Der Sandbruch, um dessen Säume der Wind und die Herbstblätter gelaufen waren, und die gelben Wände, über die Regen und Sonne gegangen, aber kein Menschenfuß -- das alles lag da als eine schlummernde Welt von Wundern. Und was die jubilierende, sinnende, träumende Jungenseele in Jahren hineingedichtet hatte, wurde wach und wandelte, wie es den Klang seiner Stimme hörte.
O Menschen, die Ihr in den Steinbrüchen der Städte jung gewesen seid, was ahnt Ihr von den atmenden Geheimnissen der Erde! Was wißt Ihr vom Glück! Und was wißt Ihr vom Himmel!
Und dann schlug die Gartenhütte ihre Augen auf. Da pendelte noch die geschwärzte Weltkugel, die einmal ein Behälter für Schokoladenpfennige gewesen war, und geriet in ein stürmische Schwingen. Da hingen die Kästen mit den Schmetterlingen, da war ... es war alles da, was ein wundertätiges Jungenherz in Verstand und Unverstand als nötig zur Seligkeit erkannt hatte. Auch die Trümmer der Flugmaschine. Davor wurde Jockele besinnlich und sagte: »Die Trümmer eines Flugzeugs liegen auch in dem kleinen Haus am Horn -- aber sie liegen wohl in allen Häusern!«
Ob Tante Veronika mit der schönen, blonden Doris Rinkhaus jemals oder gar schon an jenem Tag ihres ersten Zusammentreffens im Baumgarten am Horn einen Zweibund geschlossen -- aus dem Gefühl einer Interessengemeinschaft an Jockele -- ist nicht bekannt geworden. Es ist aber nicht anzunehmen; denn das Vertrauen der alten Dame zu ihrem Pflegesohne war unbegrenzt von Anbeginn und wollte so bleiben bis zu dem Augenblick, in dem es für Jockele ein so gleichgültiges Ding geworden wäre, daß er es zerbrach und ihr vor die Füße warf. Sie war mit klingendem Spiel in das Herz, in das tapfere, eigenwillige Herz Dos eingezogen, als sie in der Kriegszeit zu ihr sagte:
»Ich habe die Erziehung meines Jungen auf dies unbegrenzte Vertrauen gestellt, weil ich meine, es ist keine Grundlage sicherer, Eltern und Kinder in alles überwindender Zuneigung aneinanderzufesseln; denn die Bande des Bluts vermögen das nicht.«
Dies Wort war zu einer Offenbarung für Doris Rinkhaus geworden: man hatte in dem reichen Haus am Rhein über sie Beschlüsse gefaßt, für die sie mit List oder elterlicher Gewalt gewonnen werden sollte. Und sie war aufwieglerisch geworden. Die Bande des Bluts waren nicht zerrissen, aber die des Vertrauens wollte sie sich erkämpfen; darüber hatte sie das elterliche Haus verlassen, eine längst Mündige. Und sie wollte heimkehren, wenn ihr die Mündigkeit auch von Rechts und Gesetzes wegen zugesprochen sein würde. --
In ihrem Verhalten zu Jakobus war mancherlei Wandel eingetreten. Zuerst hatte sie ihn gesehen mit den Augen Maria Rehs: als den dunklen, blauäugigen Jungen, mit dem das Schicksal von der Schwelle des Lebens ab ein leuchtendes Spiel getrieben, und der aus seiner umblühten Waldjugend rein und schön und schwärmerisch vor das süßeste Geheimnis des Lebens geraten war. Er fragte nicht vorwitzig nach Dingen, die ihm nicht geziemten, sondern ließ die Sonne geahnter Wunder heimlich in sein Herz fallen, wie der Frühling fällt in das Herz des Waldes. Und erschauerte in Ahnung harrender Herrlichkeiten.
Danach tat er ihr selbst die Türen auf, und sie erkannte die Fülle und Leere der jungen Jahre in ihm. Das Haus am Walde ward offen für sie -- von Stund an wußte Do, daß Maria Reh die Kunst der feinen Hände, die die Uhr seines Lebens geregelt, nicht erkannt hatte.
Tante Veronika meinte dies helle Jungenleben ganz anders als Maria Reh; denn Maria Reh war mit fünfundzwanzig Jahren eine Distelbauerin, Tante Veronika aber hielt mit fünfundsechzig das Uhrwerk ihrer kleinen Welt unter einer Glocke aus Himmel und sorgte, daß kein Staub in das blanke Getriebe fiel. Dabei war sie aber immer lächelnd bereit, es auch einmal putzen zu müssen.
Wenn Do darüber nachdachte, was sie an Himmel und Erde zumeist bewunderte, so stand die freundliche Greisin mit den Scheiteln aus Silber ganz vorn. Und wenn sie sie fragte, wen sie unter allen Menschen zumeist liebe, so schritt Tante Veronika mit dem sanft wiegenden Spitzenumhang und dem Kapotthütchen mit den violetten Bändern, dem gelben Krückstock und dem ganzen sauberen Drum und Dran unter den Kastanien des durchsonnten Baumgartens daher und sagte: »Ist dies wohl das kleine Haus, in dem der Kunstschüler Jakobus Sinsheimer wohnt?«
Do ließ Fräulein Veronika an jenem Sommertage auf diese Frage hin auch gleich in ihr Herz spazieren; denn der Jakobus Sinsheimer hatte ja auch dort sein Kämmerchen gemietet.
Wie dann Gwendolin mit den dürstenden Sinnen über Jockele kam, ward ihm nicht gekündigt ... aber es hockte sich doch eine frauenhafte, wachsame Eifersucht vor alle Türen dieses Herzens und hatte den Finger immerfort auf dem Schellenknopf.
Darüber ärgerte sich Doris Rinkhaus, sandte Jockele eine Kriegserklärung und führte einen Kampf mit sich selber. Und weil sie auch in ihren Schlummer läuten hörte, reiste sie vor die bunten Tore des Bergwalds und wurde an Tante Veronika zu einer lächelnden Königin über sich selbst.
Maria Reh fuhr gleich das schwere Geschütz der Sittlichkeit auf, als Jockele in Huschs Nebelnetze fiel. Doris Rinkhaus ließ sich von ihr die ›leichtsinnige Lebensauffassung‹ vorwerfen und sagte: »Husch ist ein Irrtum, aber sie ist nur eine Gefahr für den Maler und nicht für den Menschen.« Und dann fand sie das leuchtende Wort, das für Maria Reh zu einem Stachel wurde: »Möchtest Du etwa die sein, an der er seine Jungmännlichkeit schleift?«
Maria Reh fand sich nicht in die Fernen des anderen Geschlechts, die so nahe sind, daß sie sich mit den Händen greifen lassen, aber ihre Rätsel doch nicht enthüllen; sie sticken den Himmel der Nächte mit Sternen und müssen ihn schön und ahnungsvoll erhalten in Ewigkeit.
Am zweiten Tage gingen Do und Jo miteinander auf den Steigen der Jugend. Da sagte Do zu ihm: »Sie müssen Tante Veronika verraten, daß Sie die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ zu einer Art ›Berg der Seligkeiten‹ gemacht haben, und daß Sie dann einen Glauben bekamen, der auch diesen Berg zu versetzen vermochte.«
»Ja. Aber es ist grausam,« sagte er. »Ich habe ihr rauschende Briefe geschrieben und habe ihr gesagt, der ›Arme Heinrich‹ wäre nur ein sanftes, sentimentale Lied auf zwei Saiten; die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ dagegen würde eine wilde Sinfonie des Schmerzes auf neuen, unerhörten Instrumenten sein.«
»Sie haben da kaum ein Wort zu viel gesagt,« scherzte Do, »denn sogar ein Grabscheit hat mitgespielt.«
»Mir ist heute, als würde ich nie wieder einen Pinsel anfassen! Wäre es nicht am besten gewesen, wenn ich auch die Farbentruhe mit zertrümmert hätte?«
Da horchte Do auf in den Tiefen ihres Herzens; denn in diesen geheimen Kammern lagen heiße und freudige Wünsche, vor denen sie selbst erschrak, wenn sie merkte, daß sie anfingen, sie zu bedrängen.
Damals, als sie ihn am Ufer der Ilm in Tiefurt fragte: »Was wissen Sie von Goethe?« damals hätte sie diese Pläne jubelnd und stürmisch vor ihm ausgebreitet.
Nun schritt einer neben ihr, vor dem sich ihr erblühtes Frauentum noch immer nicht zu wehren brauchte -- diese ungeschlossene Kraft reichte nicht an sie heran -- und vor dem es sich nicht beugen konnte ... aber es schritten da ein Wille und eine Art, die das andere Geschlecht hatten, und die sie sich nicht zusammenzupacken getraute wie die des langen Jungen, der ihr vor Jahr und Tag aus dem Bergwald heraus in die Arme gelaufen war.
Wenn Maria Reh die letzten Worte Jockeles gehört hätte, wäre sie kampfwütig gegen Do geworden; denn es war ihr Stolz, daß sie dies Talent im Walde gefunden hatte, und so oft sie davon sprach, fing sie an, mit Rührung Goethe zu zitieren: von jenem Blümlein, das sie mit allen Wurzeln ausgegraben und in den Garten beim kleinen Haus gepflanzt habe. -- Daß zuletzt doch der weiße Tod seine Hand im Spiele hatte und den Jungen jählings hinauswarf in die Welt, konnte sie nicht ganz in Abrede stellen, aber sie ließ sich ihren Entdeckerruhm darüber nicht schmälern.
Das gelang ihr um so leichter, als Jockele zwar seinen künstlerischen Eigensinn und seine technischen Unbeholfenheiten hatte -- wer aber wollte die Keckheit besitzen und ihm sagen, daß er einer der vielzuvielen wäre, die einem Irrlicht ihres Herzens nachstürmten, das sie für die Fackel des Genius hielten? --
Nun, da das erste Wort von Jakobus selbst gesprochen worden, nun ward Do auf einmal bange, einem Quell nachzugraben, der am ersten heißen Tage wieder versiechen konnte.
Sie erschrak und sagte: »Bilden Sie sich denn ein, die Sterne lassen sich so vom Himmel holen, ohne daß Sie sich auf dem Wege über die blauem Berge einmal die Knie zerschürften? Oder wie haben Sie sich dies Pflücken der fernen Lichter gedacht?«
Er sagte: »Gedacht! Was denkt sich ein Junge unter dem Kampf um Glück und Ruhm eines Künstlers? Was denken sich die Menschen dabei? Und was selbst der Künstler? Man weiß, daß es ein Kampf war, wenn er Sieg wurde, und dann sagt man: dieser Kampf war Glück! Aber wenn er nie zum Siege führt, dann heißt er Künstlerelend, und sein Symbol ist der Schmachtriemen. -- Ich bin nicht Narr genug gewesen, in diesem ersten fröhlichen Anlaufe rechts und links neben die Straße zu schauen; denn das sag' ich Ihnen: hätt' ich mich darüber ertappt -- ich hätte mich dieser guten, sorglichen Mutter nicht einen Tag lang verborgen! Es hätte sich dann wohl auch ein anderer Weg gefunden; denn unter den Drängen meiner Thüringerwaldjahre stand der zur Malerei doch erst an zweiter Stelle, und vor Maria Reh kannte ich Tante Veronika und ihre Bücherei, kannte ich das Zinzilein und den Herrn Matthias Prinz und mich selber.«
Do kam ins Wundern -- »Davon haben Sie mir nie ein Wort gesagt.«
»Ich hatte es wohl selbst vergessen,« sagte Jockele. »Was hat man überhaupt mit siebzehn Jahren für Augen! Aber nun, da ich mit dem Grabscheit auf mich losgehauen habe ...,« er blieb stehen und sah ihr lange und tief ins Herz ... »warum haben mir Zorn und Zufall ein Ding in die Hände gespielt, mit dem man in die Erde wühlt, was tot ist? ... Kommen Sie,« rief er und faßte sie an der Hand, »wir wollen jenen glückseligen grünen Waldjahren ein Opfer bringen -- wir wollen pflanzenhaft und erdenselig sein, wie ich es damals gewesen bin mit Maria Reh!«
Da liefen sie in kindhafter Fröhlichkeit über den Waldgrund, der ganz warm war von dem Lichte, das den junglaubigen Bäumen aus den Händen fiel, und sie warfen sich an einen Mooshang. Der war mit einem dünnen Schattennetze überstrickt; die hohen Stauden des Fingerhutes standen umher und hauchten aus den ersten offenen Blüten süßes Gift.
Do hatte diesen roten Zauber im Walde nie zuvor gesehen. Hinter ihnen reckte sich ein schlanker Buchenbestand mit glänzenden Stämmen, der hatte ein goldenes Dach. Vor ihnen trällerte ein fußbreites Bergwasser an einer Kiefernschonung dahin, und der frühe Sommer hatte ihm die Ränder zu bunten Wundern gesäumt.
Jockele stapfte in dem blühenden Glück der Heimaterde herum und brach einen Armvoll davon. Dann setzte er sich neben Do in das gebrochene Licht und suchte aus seinem Herzen hervor, was er dort in der ersten heißen Freude an der Welt zusammengetragen hatte. Da merkte er, daß die ganze Naturwissenschaft noch in feierlichster Ordnung war -- selbst das Linnésche System; aber er warf in seiner Freude tiefe und schöne Gedanken über das trockene Rüstzeug der anderen Jahre. Da wurde ein lustiger Tempel aus lebendigen Blumen daraus. Er blätterte weiter in dem Buche des Glücks, das nun längst ganz oben auf dem Regale seiner Erinnerungen gestanden hatte -- »Erde, heilige Erde!« rief er und drückte seine Lippen hin ins Moos. Und »Erde, heilige Erde!« rief er und schüttete alle Blüten über Do aus ...
»Wann war das doch, wissen Sie -- wie ich mit dem Grabscheit den Berg der Seligkeiten zerschlug?«
»Das ist schon sehr lange her,« sagte sie. --
Aber nun ging es doch wunderlich mit Doris Rinkhaus.
Wenn ihr jemand das Wort Schicksal zuwarf, so fing sie es mit hellem Lachen und spielte damit als mit einem goldenen Balle; dann ließ sie es fallen und sagte: »Ach was! Es gibt kein Schicksal!«
Wer das aus ihrem Munde hörte, stellte sich ihr entgegen und dachte: »Wie kann ein so kluges, klares Mädchen solch eine Lächerlichkeit reden!«
»Ich habe noch nie ein Schicksal gehabt,« sagte sie dann; »denn ich habe mein Leben immer nach meinem Willen gelenkt. Es waren Irrtümer da, und es lag Gelingen und Freude daneben -- aber Schicksal? Nein und tausendmal nein! Wenn man wach ist, und wenn man stark ist, gibt es kein Schicksal. Aber jeder Tag wird dazu, der mit Händen voll Gaben an Dich herantritt, und Du fragst ihn nicht: was will das werden?«
* * * * *
Allein -- es kommen Stunden mit geschlossenen Händen und ahnungsreichen Augen. Die sehen aus wie Sommerhimmel oder wie eine Nacht voll Sterne. Und der Mensch fällt diesen Stunden in die Arme und läßt sich tragen in Seligkeit und absetzen an einer Wegstelle -- dünke sie ihn nun ein Paradies oder eine Wüste. Die Menschen sagen dann: »Ich bin an diese Stelle verschlagen worden -- es ist das Schicksal.« Do sagte: »Das ist ein Irrtum; denn Ihr habt nichts getan, was Euch vor diesem Verschlagen behütet hätte. Ihr schlieft, oder Ihr ließet Euch tragen mit geschlossenen Augen, weil Ihr Euch einer frohen Hoffnung hingabt. Wo sind die Tage, die man nicht anders hätte leben können, wenn man gewollt hätte?«
Sie hatte einmal im Kampf um ihre Ueberzeugung gegen einen Jenenser Universitätsprofessor gestanden, der dem jungen Viktor von Scheffel sehr ähnlich war, und den sie gut leiden mochte. Zu ihm sagte sie: »Das Schicksal eines Menschen wächst im Quadrate der Abnahme seines Willens.« Und weil dieser Herr jung und Jurist war, debattierte er mit lachender Losgelassenheit auf sie hin. Er sagte: »Ich sollte Offizier werden und trat in die Armee und hatte blöde Augen. Da mußte ich aus einer gesicherten Ueberlieferung meines Geschlechts heraus zur Wissenschaft. Schicksal! Nicht ich, nicht mein Wille -- meine Augen waren daran schuld, daß ich den Krieg gegen Rußland und Frankreich nicht als Kommandeur des dreizehnten Armeekorps mitmachte.«
Es war eine Stunde gewaltiger Heiterkeit für Do; denn der gescheiterte General bewies ihr ihr Recht -- »Sie haben sich einer bunten Hoffnung an die Schürze gehängt«, lachte sie, »und haben Ihre Tauglichkeit zum Offizier schlecht erwogen -- das nennen Sie nun Schicksal! Aber ich will Ihnen helfen; Sie hätten sich das wirklich leichter machen können: ein Granatsplitter, der die Tücke des Feindes zertrümmern sollte, zertrümmerte den Himmel Ihres Auges -- das kann Schicksal sein. Es muß nicht; denn nicht alles, das nicht in Ihrem Willen liegt, darf in diesen Kasten gebracht werden.«
Auch brünstig atmender Waldgrund, berauschend küssende Sonne, jubilierende Blumen und trällernde Bäche, und was alles über eine himmelgesegnete Hochwaldstunde hinwegblüht als Ahnung, Wunsch und Sinnenseligkeit, kann Schicksal werden.
Es lauert an allen Ecken und wird nicht erkannt. Es vermag sich im Raum einer Stunde zehntausendmal zu verwandeln.
Jo lief wieder auf eine Entdeckungsreise.
Doris Rinkhaus versank in das warme Moos und flatterte ihren Wünschen nach. Sie dachte: »Soll ich mit dem Schicksal ein bißchen Verstecken spielen?«
Ihr Herz hatte auf einmal ganz wunderliche Meinungen und Anschläge und redete mit ihr: »Die Gwendolin hat er geküßt, und die Husch hat er geküßt -- was ist das für ein bleiches nebelhaftes Wesen! Wegen Minchen Herzlieb ist er sogar in ein fremdes Haus gedrungen, und mit der behäbigen Maria Reh hat er seine rosenrote Himmelfahrt gehabt. Am Rhein sind die jungen Studenten in Schwärmen um mich geflogen -- weil sie wußten, daß ich reich bin? Die Gwendolin hat einen Mund wie Feldmohn und hat lodernde Sinne ... Minchen Herzlieb hat tirilierende Augen und hat die Seidenbluse und das Röckchen voll Frühling ... Husch -- na, Husch hat vielleicht die Seele einer Lilie, die sich als singende Sehnsucht über das närrische Herz eines Mannes tastet ... und Maria Reh lag als das Rätsel Weib in betörender Sonne und in den lustigen Halmen des Wachtelweizens -- vielleicht hat sie auch ein bißchen gelockt: ›Junge, lieber Junge, komm und rat' mich!‹«
So hatte Do ihre Gedanken in das Blühen und Singen des Frühsommermorgens hineingelassen und sah ihnen nach -- »Vor mich aber hat er noch nicht einmal seine Augen hingestellt, damit sie sagten: Do, Du bist auch hübsch, und Du gefällst mir doch eigentlich sehr.« ... Die Mädchen prickelten um seine vollen Sinne wie Sekt in einem neugefüllten Glase. »Warum prickelt er nicht um mich? Und wenn er gar einmal schäumte wie vor Gwendolin -- man würde sich ja wohl helfen können ... Und wenn nicht? -- Na ...«
Sie legte sich lang ins Moos und fühlte die warmen Hände der Sonne über ihre schlanken Glieder streichen. Es war süß und wohltätig. Sie bedeckte ihr Gesicht mit dem Sommerhute, der einen Kranz von kleinen, bunten, sehr lustigen Blumen hatte, aber gar nicht lärmend war, und schloß die Augen.
So hörte sie Jakobus zurückkommen und ganz leise gehen.
Er setzte sich neben sie, und sie wußte genau, daß er nicht dachte, sie wäre eingeschlafen. Warum ließ er sie so ruhig weiterspinnen an dem langen Faden ihrer Erwartung -- warum prickelte er nicht?