Jockele und die Mädchen: Roman aus dem heutigen Weimar

Part 13

Chapter 133,738 wordsPublic domain

Seine dröhnenden Worte hatten in der Küche eingeschlagen. Die Wirtin sprang hinein und wollte retten, was zu retten wäre. Aber schon in der Türe kriegte sie die Verklärung, schrieb unter das Bild in Lebensgröße: »Ein Wiedersehen nach langen Jahren« und versank in Rührung.

Minchen Herzlieb saß auf einem weißglühenden Stuhle und dachte: »Scheidungsgrund!«

Husch war an einen abseitigen Tisch gesunken -- es glitt ihr nichts aus den Händen; denn sie hatte sich gehütet, etwas zu halten; darum setzte sie sich nun neben das Leben und wartete, ob für sie etwas am Rande liegen bliebe.

»So -- nun laß mich los! Mensch, Du bist ja immer noch -- waldwild wie damals -- und tollwüchsig -- und -- -- Hilfe!! Es sind bloß dreihundert Mark -- Du küßt ja für fünfhundert!«

Da wurde Jockele barmherzig, aber er schwur, daß es erst hätte angehen sollen.

»Geschenkt! Geschenkt!« keuchte sie.

Da ließ er sie los, und Minchen Herzlieb quittierte ihren Aerger und sagte zu Gwendolin: »Ich kenne das!«

»Ach nein? Wirklich?« sagte Gwendolin, aber sie tröpfelte ein bißchen Gift darauf. Da merkte das Kleine, daß es renommiert hätte, und Gwendolin führte Husch an den Tisch, warf ein paar Hände voll Frohmut über sie und ließ sich das Hütchen mit der Spielhahnfeder zurechtschieben, das ihr obenauf saß wie ein hingeschmettertes Juchtrala.

Minchen Herzlieb konnte inzwischen den Gedanken nicht loswerden, die Sache mit dem Armen Heinrich wäre nur eine Finte, und die lange Gwendolin hätte den Hieb geschlagen, um ihr -- dem Minchen -- eine blutige Abfuhr zu bereiten. Darum fragte sie, wo denn das Geld wäre, und es entstand eine elektrische Schwüle, die der armen Husch auf die Nerven fiel.

Aber Jockele rettete die Situation mit einer Flasche Sekt und einem Frühstück. -- Ein Münchener Verleger hatte die Zeichnungen für eine neue Uebertragung des Gedichts vom Armen Heinrich erstanden, und der Kunsthändler hatte dafür -- natürlich samt den vier Tafeln in Oel -- den Betrag geboten; die Verhandlungen waren zwischen ihm und Gwendolin durch den Draht gepflogen worden.

So war alles sternenwunderbar und märchenhaft, und ein gewöhnlicher Mensch konnte darüber den Verstand verlieren. Jockele aber ging nur über die Baumwipfel nach Hause, und Gwendolin scherzte: »Ich wußte, daß ich einen schweren Gang tat, darum hab' ich mir die Husch mitgenommen.«

Sie spazierten über die Felder und Gleise hinter dem Luftbad und setzten Husch an der Schlüpfe im Zaun ab; dann ging Gwendolin, die in der Kurthstraße wohnte, und die allen Bitten Jockeles, den Umweg über den Silberblick zu machen, kein Gehör gab.

So lieferte sie ihn Minchen Herzliebs Zorn aus, und die knatterte auch gleich los, als hätte es kein Verbrüderungsfest auf dem Sofa Paulinens und kein Vorfrühlingsglück im Park zu Belvedere gegeben --

Er wäre wohl mit allen Mädchen auf Du und Du in Weimar? Und ob er sich einbilde, daß sie gerade auf ihn gewartet hätte? Und was das für ein unsauberes Küssen gewesen wäre mit dieser Gwendolin Vogelgesang -- pfui tausend! Und warum er ihr verschwiegen hätte, daß die Husch sogar bei ihm im Hause wohne -- oh!

Sie ging mit ihm die Windmühlenstraße hin bis in das Wäldchen um Hases Ruhe und hatte sich in eine rauchende, allgemein menschliche Entrüstung hineingeredet. Darüber konnte er noch lange nicht zu Worte kommen. Zuletzt wartete sie mit einem Platzregen von Tränen auf.

Aber Jockele hätte nicht an einer Wegscheide stehen dürfen -- wiewohl er sie längst noch nicht klar zu sehen vermochte -- und er hätte nicht das schöne fremde Scheinen des blauen Geldes ums Herz tragen müssen! Die Rede ging Minchen Herzlieb aus dem Munde wie Gift und Oel und war voll weiheloser Empörung, aber sie trat keine Türen ein.

Sie schritten hundertmal den kleinen Weg durch das ausgeholzte Wäldchen, grauer Alltag stand ringsherum, und dem Jockele gefror das Herz vor dieser Millionenschablone bis auf den Grund.

»Minchen Herzlieb, Du warst eine Faschingsdummheit!« sagte er.

Darüber verlor sie die schöne Sicherheit, mit der sie ihm den Tisch voll bittere Mandeln getragen hatte, und die Sache bekam eine neue Wendung; denn Minchen befand sich nicht zum ersten Male in solcher Lage, aber vordem hatte so etwas wenigstens drei Wochen gedauert, nun war es gar auf drei Tage zusammengeschrumpft.

Und sie verfiel in eine grausame Selbstquälerei ... »Warum bist Du erst gekommen, wenn Du mich nicht liebgehabt hast?«

»Natürlich hab ich Dich liebgehabt.«

»Gehabt!«

Er zog die Achseln und redete wie aus tausendjähriger Erfahrung: »Es steht schlimm um die meisten Mädchen -- entweder können sie das Feuer nicht anblasen, oder sie können es nicht unterhalten.«

»Anblasen ...,« sagte sie schokiert.

»Oh, anblasen kannst Du, aber es fehlt das Oel auf der Lampe. Ihr habt die pudelnärrische Ansicht, ein Mann sei ein Ding wie ein Spiegel, der Ja sagt, so oft ihr hineinguckt. Der Spiegel gehorcht sieben Jahre, der Mann ist des Schauspiels am siebenten Tage müde ...«

Sie bekam das Zittern ins Herz und schwur sich, sie wollte zuhören bis zum Abend. Das ›Oel auf der Lampe‹ quälte sie -- -- wenn man einen Mund hat so voller Blühen und den besten Willen zum Küssen und siebzehn Blusen und vier Kostüme und drei Kästen bunte Schleifen ... ist das kein Oel? Aber sie sagte das nicht, sondern wartete, was er meinte.

Die Stunden in diesem Wäldchen vor dem Südtore der Stadt gehörten zu denen, die in seinem Leben stehenblieben -- nicht, weil er da zwei Tage einer Liebe begrub, die vormärzlich und sonnenfieberisch gewesen war, und die ihn betrogen hatte, sondern weil er in diesen Stunden in die Tiefen des wilden Jahres schritt, in denen ihn das Leben jählings zerriß.

Die stille und klare Feierlichkeit des Hauses am Buchenwalde schien aus Fernen in sein Herz, die er verloren gab. Aber das Licht von den ersten Blumensteigen des Daseins leuchtet bis auf die andere Seite, und kein Leben kommt darüber hinweg.

Nun erfüllte das leidsüchtige Wesen der Husch sein Schaffen ...

Doris Rinkhaus hatte den Finger gehoben -- er verstand ihn nicht. Und nun hatte er sein Herz an ein junges Gesicht vertrödelt, weil es lustig lachen konnte! Dies Herz hatte Sehnsucht nach einer kindhaften Fröhlichkeit gehabt, wie sie das Zinzilein ausgestrahlt hatte. Aber nach drei Tagen war der perlende Trunk abgestanden, und Huschs Veilchenstille, die an dem bißchen Schimmer blühte, der in die Winkel fiel -- ach nein, die lockte ihn nicht, aber er war ihr dankbar.

So vergrübelte er sich und lief seiner Sehnsucht nach, und Minchen Herzlieb war ihm ganz aus den Gedanken gekommen. Da fing sie ihn sich wieder --

»Ach ja,« sagte er, »ich glaube, die meisten von Euch halten die Männer für Narren.«

»Vielleicht haben wir ein Recht dazu,« sagte sie schnippisch.

»Ihr macht Euch zu Blumen fürs Knopfloch. Es fehlt das eine, das nottut.«

Damit hatte er einen großen Stein vor sich auf den Weg gewälzt und mühte sich eine lange Rede hindurch damit herum. Er sprach von breiter, schöner Menschlichkeit, in die ein Mädchen schon hineinwachsen müßte, während der junge Mann auf dem Bauplatze für seinen künftigen Beruf Kärrnerarbeit verrichtet. Er redete von früherwachender Sinnlichkeit, die in Putzsucht geriete und zu der jämmerlichen Frauenhalbheit führe, die ebenso arrogant wie unfruchtbar wäre. Aber der Stein im Wege wollte nicht weichen, und der Herr Jakobus Sinsheimer, der sich so männlich-kraftvoll gebärdete, schritt doch immer nur mit einer mehr oder weniger höflichen Verbeugung um ihn herum.

Das merkte Minchen Herzlieb natürlich und sagte: »Du hast da eine wirre Sache auf mich losgelassen, mit der Du selbst nichts anzufangen weißt! Wenn Du mich wieder einmal sehen willst, so wirst Du mich ja wohl finden. Jetzt geh ich nach Hause; denn ich habe Hunger.«

Und das war eine ganz vernünftige Lösung. Der Glaube an ihre brauchbare Art war ihr nicht erschüttert worden -- warum auch?

Sie ahnte, daß es in einem jungen Künstlerherzen so aussehen könnte. Es war das etwas anderes als bei einem Menschen, der mit dem Reisekoffer hineinfährt ins Leben, den ihm die Alten daheim gepackt haben. Aber die Verwirrung, die Jockele angerichtet hatte, blieb auch für sie undurchsichtig. Es kam ihr vor, als hätte sie sich an den Rand eines Abgrunds gewagt, an dem nicht spazieren zu gehen war nach der Mädchenweise:

Hüpft's Herz hinterm Mieder, Wird's inwendig heiß. Und Küsse sind Lieder, Die man auswendig weiß.

Schon der Wanderweg durch das Webicht und das Wäldchen um Hases Ruhe war eine Strapaze gewesen, wie jene Viertelstunde auf dem Pferde, auf dem sie einmal im Zuckeltrab über einen Acker geritten war. Aber für solche Reisen ins Land der Liebe dankte sie ein- für allemal -- dieser Jockele hatte zuletzt Dinge geredet, die genau so aussahen, als mute er seinem Mädchen zu, daß es ihm im Kampfe gegen das Leben beistehen sollte ... Dabei packte er dies Leben an ganz anderen Zipfeln an und tat, als ob es sich nach der zufriedenen und hergebrachten Art nicht anständig leben ließe. Er hatte seine Augen immer in Gegenden, in denen die netten Kleider und die tausend interessanten Dinge, die in der Stadt passieren, gar keiner Rede wert waren.

So dachte sie sich in eine lustig-wehmütige Befreiung hinein und daß sie nachmittags zur Anprobe bestellt wäre.

Für Jockele war sie Vergangenheit geworden. In tiefer Dankbarkeit gegen diesen Tag ging er hin und kaufte einen silbernen Armring. Den brachte er Husch mit.

Es war ein unbändiger Drang zur Klarheit in ihm. Er hatte mit Husch nie ein Wort von Liebe gesprochen, nie ein Wort über Gwendolin und Minchen Herzlieb. Das Gefühl, daß er ihr wunderlich ergebungsvolles Herz schonen müßte, hatte ihn gegen seine Art verschwiegen gemacht. Aber nun waren die Mädchen zu dritt um ihn gewesen, und die Freundschaft hatte die Liebe in der Narrenkappe aus dem Lande gejagt.

An diesem Tag schloß er Husch alle Türen und Fenster seines Herzens auf. Wenn einmal die Unordnung über ihn hereinbrach, daß er aus dem Hause floh -- Huschs Hände vermochten Wunder zu tun; und so oft er heimkam, umarmte ihn wieder die liebe Stille und sonnige Sauberkeit. Sie sollte ihm auch über sein ungeratenes Herz hinweghelfen.

Es war ihm nicht katerjämmerlich zumute, aber er fühlte, daß er sich eine moralische Schlappe beigebracht hatte, und litt wieder einmal an sich selbst. Doch ging er aufrecht in der Kraft, die im Haus am Walde von Tante Veronikas Treue in heiliger Bewußtheit in ihn gepflanzt war, und sagte: »Wie kann sich ein so langer und tapferer Mensch so verplempern!«

Er ließ Wind und Feldfrische durch sein Herz laufen, atmete über dem großen Lüftungsfeste auf und sagte: »Es ist nicht zu glauben, wie einem ein so kleines, blankes Mädel das Haus verstauben kann!«

Darüber mußte auch Husch lachen. Sie teilte sich ihr bißchen laute Freude ein und lachte in jedem Monat einmal.

Erst hatte sie gedacht, dem Minchen wäre die alleswissende Gwendolin im Wege gewesen, und es hätte deshalb ein Zerwürfnis gegeben, das sie schon auf dem Heimgang ahnte, und sie war froh, daß sie nicht dabei zu sein brauchte. Nun erkannte sie aber: das war es nicht, und wunderte sich über die Maßen, daß er des frischen Mädchens mit den trällernden Augen so bald überdrüssig geworden war.

Er wunderte sich darüber eigentlich auch und deutete vor Husch immer wieder in grausamer Selbstentblößung auf den ›langen und tapferen Menschen‹, der so eigenwillig in seinem Schaffen und seinen Tagen stand und doch immer so auf das erste beste hinliebte, was ihm den Weg kreuzte.

Gleich Maria Reh, die eine kleine Ewigkeit älter war als er, war keine glückliche Wahl gewesen. Und so weiter. Aber zuletzt erteilte er seinem irrenden Herzen in Husch's Beisein eine lustige Generalabsolution und fand für jeden Irrtum eine Entschuldigung: Maria Reh war schon damals voll schöner Sommerreife gewesen, die nun in Ausdehnungen und Behaglichkeit hineinwuchs; Gwendolin hatte Stunden, in denen sie den lieben Gott besiegen konnte, aber sie litt an kurzem Gedächtnis; vor Erika Flucht war er nur bis zu einer dankerfüllten Verehrung gelangt -- sie suchte nach Blumen auf späteren Feldern und liebte bis auf weiteres über das Zeitliche dahin. Aber sie hatte ihn doch ein großes Stück Weges geführt ...

So stellte er jede, die zu dem Kapitel ›Jockele und die Mädchen‹ gehörte, an diesem Nachmittag in dem kleinen Haus im Pflaumenwinkel auf. -- Doris Rinkhaus kam zuletzt und weitab von den anderen. Er sagte außer ihrem Namen kein Wort von ihr; denn er wußte: er hätte Husch an das Geranienfenster Paulinens im Liszthaus setzen können, während er mit Minchen Herzlieb das Verbrüderungsfest feierte -- Husch hätte ihn deshalb nicht scheel angesehen; aber sie geriet an die Qualen des höllischen Feuers, wenn das Bild der blonden Doris in die Zweieinsamkeit ihres Hauses trat, und sie gönnte ihren Augen nicht, daß sie eine Studie Jockeles betrachtete. Darum: als die Reihe an Doris Rinkhaus kam, entwischte Husch mit ihm in die ferne, ferne Zeit und leitete ihn zu klugen und besinnlichen Reden über die Mädchen des Frühlingshauses.

Dabei merkte er, daß Tante Veronika über alle hinwegschien -- heller, als er den lieben Glanz empfunden hatte, wie er noch mitten darin stand. Und sie wurden lustig an dem Mädchen Mali, die es fertig gebracht hatte, mit ihrem Singen alles in ewigkeitstiefe Abgründe zu schlagen, was ihm an Klängen in sein jauchzendes Zigeunerherz hineingeboren war.

Doris Rinkhaus war er seit Tagen ganz aus den Händen gefallen. Er hatte sie nicht mehr gesehen seit jener Stunde, in der sie ihn fragte: »Wo haben Sie Ihre waldwüchsige Zigeunergesundheit hingebracht?«

Aber das war schon immer so gewesen. Sie drängte sich nicht in seine Angelegenheiten und war immer ganz unsichtbar, wenn er sein Herz auf Abenteuer schickte. Es war, als hätten sie drüben im Gartenhaus ein Barometer, das den Druck der Atmosphäre auf dies Herz mit verräterischer Genauigkeit anzeigte. Doris Rinkhaus schloß beide Augen, wenn sie merkte, daß er wieder einmal in eine blutjunge Geschichte hineinsegelte, aus der er sich doch alsbald rettete.

So behütete sie ihn, daß er vor ihr rot werden mußte. Auch den Faschingsritt hatte sie mit einem lachenden und einem trauernden Auge betrachtet -- solche Dinge lagen ihr nun einmal nicht.

Im Sommer, wenn sie beide von der gleichen Stille der Baumwinkel eingesponnen wurden, hingen sie an den goldgeschmiedeten Lichtketten, die im Schattengarten umherlagen. Aber nun plätscherte ein langweiliger Februarregen in die Welt, und Maria Reh hatte aus der Stadt mitgebracht: Jakobus Sinsheimer wäre von der kleinen Person am Silberblick festgenommen worden.

Er selbst saß drüben in schöner Ahnungslosigkeit und dachte: es wäre fein, daß von dieser dreitägigen Haft nichts ruchbar geworden.

»Ich begreife Dich nicht,« sagte Maria Reh zu Do -- »wie kannst Du darüber so vergnügt sein?«

»Du tust ja, als wärest Du mit ihm verheiratet!« lachte Do. »So hol' ihn herüber und laß ihn die Mädchen abschwören für alle Zeiten! Warum willst Du nun gerade diesen hübschen, langen Bengel zu einem Mönch machen? Na, und daß er nicht mehr in Dich versunken ist wie im Ibenheimer Waldmärchen -- das sollte Dich doch nicht zur Beschließerin seines Herzens machen!«

Maria Reh kannte diese Reden. Sie waren die Vorläufer langer und schweigender Stunden, über die sie sich oft recht mühsam wieder zueinander fanden: »Du bist es dem Vertrauen der alten Dame schuldig, daß Du mal zu einem kleinen Familienrat reisest.«

Aber damit war sie gründlich abgefallen, und seitdem bekam sie verzweifelte Augen von diesem Liberalismus artigen Frauentums und knurrte sich in ein rebellisches Kopfschütteln über verrückte Erziehung hinein.

Einmal um diese Zeit griff sie sich Gwendolin und hatte eine lange, eindringliche Parkwanderung mit ihr. Der Regen war fort, ein kalter Nebel reifte durch die Bäume und strickte Netze aus Silber. Die Ilm rauchte, und die Baumläufer eilten geschäftig pochend über die alten Stämme und hatten ihre liebe Not, daß der Frühling unter dem weißen Glanze nicht wieder einschliefe.

Auf der Schunkelbrücke bei der Pappfabrik, als die Mädchen zur Belvederer Allee hinübersteuerten, wurde Gwendolin von ausgelassener Lustigkeit an Maria Rehs komischer Sorge -- die Geschichte mit Minchen Herzlieb wäre ja nur eine kurze Novelle gewesen mit dem Titel ›Zwei glückliche Tage‹, und die Sache hätte mit dem Lustspiel eine verblüffende Aehnlichkeit: der erste Tag glücklich, weil er sie hatte, der zweite, weil er sie los wurde! Es wäre ein Lustspiel, das diese Sorte Mädchen in jedem Monat einmal als Heldinnen durchlebte!

Da geriet Maria Reh in harte Bedrängnis, rettete sich hinter Tante Veronika und tat, als wäre sie von ihr als Agentin der Sittenpolizei eingesetzt.

Aber Gwendolin ließ dafür ein verständnisloses und erschütterndes Lachen auf sie los.

Auf dem Heimweg ging Maria den Philosophenweg entlang durch die Kiefern nach dem Walle des alten Schießstandes und kämpfte dabei einen harten Kampf ums Recht. Weil sie erkannte, daß sie in dieser Gefahr für Jockele ganz allein sehende Augen behalten hätte und am Ausgange der Dinge triumphieren wollte, beschloß sie ein Tagebuch. Darin wollte sie sich alle Bitternis über den leichtsinnigen Verkehr Jockeles und die noch viel leichtsinnigere Beurteilung durch Doris Rinkhaus vom Herzen schreiben. Sie machte sich auch gleich einen Plan. Es sollte ausgiebig von Erziehung und Vererbung darin die Rede sein und von den Gefahren, die mütterliche Nachsicht über einen Menschen bringen könne. Und zuletzt -- zuletzt würden die denkwürdigen Worte stehen: »Das war das Ende: es ist gekommen, wie ich vorausgesehen habe! Ein leuchtendes Talent ist zerbrochen am Zigeunertume des Herzens.«

So war Maria Reh durch eine närrische Rechthaberei viel zu früh auf den Distelrain der Altjüngferlichkeit gedrängt worden. Sie verfiel von Stund an in eine selbstquälerische Wachsamkeit. Und weil sie sich vor Doris Rinkhaus nicht verbergen konnte und doch vor Fragen verschont bleiben wollte, sagte sie ihr, was sie vorhätte. Aber sie stellte es so dar, als ob es sich um die Niederschrift von Erinnerungen aus dem Baumgarten handelte, die sie zur leidlich nutzbringenden Anwendung der langen Abende ersonnen habe.

So oft Doris Rinkhaus die emsige Feder über das Papier knirschen hörte, saß sie ohne die leiseste Anwandlung von Neugier über ihrer Büchern. Sie dachte sich eine Darstellung der kleinen Ereignisse durch Maria Reh nicht sehr interessant; denn es fehlte der Scheinwerfer einer rotblütigen Lebensauffassung und rassiger Freude am Dasein.

Sie kamen darüber aber doch nicht selten ins Scherzen --

»Wo stehst Du jetzt?« fragte Do.

»Immer noch beim Sommer in Ibenheim!«

»Du bist ausführlich, Maria! Vergiß die Geschichte mit dem Druckknopf nicht -- sie ist lehrreich.«

»Wie meinst Du das?«

»Nun, wenn Du mal Großtante geworden bist, so läßt sich dann durch Deinen verblühten Mund eine weise Nutzanwendung machen, etwa mit der Ueberschrift ›von der Niedertracht der leblosen Dinge‹.«

Aber sie war noch gar nicht bei dem Sommer in Ibenheim -- die Zigeunergeschichte und das romantische Sterben von Jockeles Mutter, die Gartenhütte mit der aufgehängten Weltkugel, das Zinzilein, das gemalte Schmetterlingsbuch, Tante Veronika -- -- sie schätzte den Umfang auf drei dicke Bände. Und es war mühevoll, sich in die Seele eines Jungen hineinzudenken. Ueber die erste Schwärmerei, in der sie selbst doch mittendrein gestanden hatte, schrieb sie sich ein lästerliches Kopfweh. --

Nach dem Fasching, als Jockele dachte, er stünde längst wieder in schöner Sicherheit auf sich selbst, war er in erhöhtem Grade der Gegenstand des Interesses aller Malmädchen geworden. Es war, als hätten sie ihn über dem heimlichen Gelöbnis belauscht, das er sich auf einsamer Wanderung durch die märzlichen Felder gegeben: auf Dreitagemädchen sein Herz nicht mehr hinfliegen zu lassen.

Das kam daher, daß Jockele die wahre Größe seines Ruhms nicht ahnte -- -- Spitzenreiter! Es war kein Mädchen in Weimar, das nicht mindestens eine Handvoll verliebter Konfetti oder zwei Augen voll Wohlgefallen über ihn gewirbelt hatte! Dazu Husch, das hysterische Modell. Es ging die Sage, der Arme Heinrich sei dem Jockele auf dem Hainturm eingefallen, und zur selbigen Stunde hätte die Husch im Gartenhaus am Horn schon einen verzückten Leidrausch bekommen ...

Die Phantasie ist das letzte Wunder, das der liebe Gott den Menschen gelassen hat, damit sie nicht voll Mißvergnügen an seiner Schöpfung werden. Wo sie ahnen, weil sie nicht wissen können, geben sie sich damit eine Zaubervorstellung.

Auch waren auf dem Wege durch die Menschen aus den dreihundert Mark für den Armen Heinrich dreitausend geworden. »Dreihundert, dreihundert!« riefen die Besonnenen, aber sie erschauerten dennoch bis ins Herz hinein vor dem großen Lichte, das an dem Künstlerhimmel im Aufgehen war.

Während sich die anderen noch schülermäßig in der Aktklasse mühten, warf er in der Einsamkeit seines Gartenhauses einen unerhörten Glanz in sein Modell und tat Wunder. Er hatte Minchen Herzlieb an der Straße stehen gelassen wie ein Gänseblümchen -- aber was wollte dies alles besagen gegen das siebenfache Mirakel: die schöne, klare Doris Rinkhaus liebte ihn! Die Millionenerbin den Zigeunerjungen! Und sein wildes, geniales, strahlendes Wesen stürmte über sie hinweg und sah sie nicht! -- So redeten die Leute in Weimar von ihm, und was zwischen diese leuchtenden Fäden hineingesponnen wurde, war nicht minder bunt und unterhaltsam. Und alles fand seine Bestätigung darin, daß just in dieser wundertätigen Zeit Jockele weniger denn je unter die Menschen ging. Er schwebte im Baumwinkel auf der Leiter und steckte bis über die Ohren im Tartarus. Wer neugierig war und auf dem hohen Wall des alten Schießstandes dahinwandelte, konnte ihn sehen.

Einmal kam Maria Reh aus der Akademie, warf die Lippen und erzählte Do: die Leute wüßten, daß sie an einer himmlischen Liebe zu Jo litte, die sich aber gar sehr nach Erde sehne ...

Maria Reh spazierte also emsig vorwärts auf dem Distelraine, nahm zu an ofenhafter Ausdehnung und hatte sich schon in eine rechtschaffene Verbitterung hineingeschrieben.

»Eigentlich müßtest Du vor Vergnügen über diesen Klatsch wieder das springseilhüpfende Jungsein kriegen,« lachte Do, und sie lachte so lange, bis sie auch Maria Reh von der angenommenen Entrüstung geholfen hatte. --

Weimar hing nun ganz voll Maienseligkeit -- jawohl, auch der Frühling ist in Weimar voll inbrünstigerem Glück als anderswo; denn es rauschen die hellen Ewigkeiten darin um die klingenden Tore der Stadt.

Jockele wurde von Grün und Blühen in seliger Vergessenheit gefangen. Die Blüten fielen, und die große Gruppe aus dem Tartarus ward fertig.

Do, die oft einmal in den Baumwinkel gekommen war, wurde immer schweigsamer, und auch Maria Reh war nur mäßig beglückt.

»Er hat sich da an eine Sache gewagt, die noch über seine Kraft geht,« sagte sie eines Tages zu Doris Rinkhaus.

»Das wird ihm noch oft passieren,« sagte Do. Es klang hart und mitleidlos; und gleich darauf kam Jo selber und setzte sich zu den Mädchen an den Gartentisch. Er war versonnen und ließ seine Augen über die hohen Kastanienwipfel gehen -- er hatte sich den Tag, an dem er die letzten Farbentupfen in das Bild setzte, anders gedacht. Maria Reh hatte sich fertig gemacht zu einem Ausgang --

»Kommen Sie mit -- wir wollen Jakobus Sinsheimer suchen!« lachte sie.

Da lehnten sie die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ gegen die Hauswand und gingen zu dritt in die Felder und redeten immerfort von dem Bilde. Do sagte:

»Es ist äußerlich geblieben im Empfinden. Sie sind über das hysterische Mädchen dazu gekommen; aber Ihre gesunde Art hat sich zuletzt nicht unterkriegen lassen -- das ist es!«