Jockele und die Mädchen: Roman aus dem heutigen Weimar

Part 12

Chapter 123,754 wordsPublic domain

Gwendolin, die er am nächsten Tage besuchte, fragte nicht nach Krankheit oder Gesundheit -- sie fragte: »Kann das einem Menschen gefallen und kann man es zu Gelde machen?« Sie lief vor und zurück und lief hin und her, verfiel in ein leises Pfeifen und sagte: »Machen wir!« Sie lobte mit keinem Worte, aber sie war entschlossen. Da schickte sie Jakobus Sinsheimers ›Armen Heinrich‹ nach München zu ihrem Kunsthändler. Und er ging nach Hause und stieg in den Tartarus. --

Als im Februar die Sonne schon auf der frischblauen Himmelswiese spazierte und die kleinen Engel um sie herum in Scharen Purzelbäume schossen, wurde die Leinwand zu der ›Gruppe‹ am Zaun im Baumwinkel aufgestellt. Es wurde auch eine Vorrichtung getroffen, daß sie des Nachts an der rückwärtigen Hauswand lehnen konnte, ohne den Unbilden des ungeschickten Vorjahres ausgesetzt zu sein, das noch nicht mit der Sonne umzugehen weiß.

Und das Schicksal nahm seinen Gang.

Alle Studien zu der Gruppe aus dem Tartarus waren gemacht. Es sollten fünf Figuren in dem Bilde stehen: Husch und ihre Mutter, ein nackter Jüngling, ein Mann und ein Greis. Husch lehnte dem Alten zu Füßen; ein schwarzer Schleier fiel vom Scheitel über sie, der ließ ihr nach unten gerichtetes Gesicht sehen und den verleuchtenden Frühling ihrer Glieder ahnen. Die anderen starrten oder schrien oder hoben ihre sehnenden Arme nach dem Lichte des Himmels, das über tote Felsen herniederbrach.

Um diese Zeit redete Jockele zu Do und Maria von der Gruppe nur noch als von seinem ›Monumentalgemälde‹ oder von dem ›Galeriestück‹, oder in sonstigen Vollwörtern, die sich mit gewaltigen Armen um die Vorstellung warfen, welche er damit verband.

Als er zum erstenmal im wehenden Malerkittel auf der Leiter stand und die Figuren mit Kohle umriß, verbat er sich von den beiden Freundinnen alles kritische Dreinreden -- er sicherte ihnen dazu drei Sommertage.

Da lugte von draußen schon das Leben in Gestalt eines maienhaften kleinen Mädchens durch die Zinzeln des Zaunes, stocherte mit einem blühenden Mandelzweig hindurch und lachte darüber hinweg, daß es wie gemünztes Gold in das lichtahnende Gras fiel ... Aber Jockele hörte es nicht.

Dann kam der Fastnachtsdienstag, und er war Spitzenreiter vorm Faschingszug.

Es war eine feine Sache. Er trug blanke hohe Stiefel und enganliegende weiße Lederhosen, einen feuerroten Reitrock, Perücke und Dreimaster. Und die schwarze Stute unter ihm spiegelte den hellen Tag und war voll Verständnis für ihre Sendung, aber ohne Humor.

Faschingszüge sehen einander ähnlich, selbst dann, wenn junge Leute ihren Witz auf die verblüffte Menge loslassen, die ihren künftigen Ruhm verbrieft in der Rocktasche tragen. Aber ein weimarisches Narrenfest hat seine geistigen Besonderheiten; denn nicht nur was irdisch und schier allzu sterblich ist, sondern auch die ewige Seele der Stadt schmunzelte ihr wärmendes Lächeln darüber, wie Froriep in violettem Professorentalar mit einer Miene, die der Würde der Sache entsprach, das Problem des Schillerschädels aufrollte. Natürlich redete er nicht, damit er den Spaß nicht verderbe. Und Goethe, Schiller, Liszt, Cranach traten aus den Pforten der historischen Häuser, begrüßten mit Humor und Behagen das närrische Treiben ihrer Stadt und reihten sich fahrend in den Zug ein. Der Genius fehlte bei keinem; er postierte sich hinter jeden auf den Wagen.

Gleich beim ersten Halten, dort, wo die Belvedereallee in die Marienstraße mündet und um das Liszthaus der weiche, grüne Traum weht, der zu klingen anhebt für den, der mit der Seele hinhorcht -- gleich beim ersten Halten guckte das Schicksal für Jockele dort aus dem Fenster.

Liszt schritt durch das eiserne Pförtchen seines Gartens -- das lange Totsein hatte ihm nicht geschadet, und just so, wie er durch das Gedächtnis der Nachwelt wandelt, stand er leibhaftig in ihr und grüßte die Menge mit der Feierlichkeit eines frühen Sonntagsmorgens, der voll ist von den waldfernen Fanfaren eines Kaisermarsches.

Aber solche Dinge sind vorbereitet, und wer nicht zu der staunenden Masse gehört, darf einmal daran vorüberschauen.

In überlegenem Stolze faßt Jugend solcherlei Gelegenheit beim Schopfe; denn wer hat eine Ahnung, wie putzig und liebenswert die Welt aussieht, wenn sie betrachtet wird in rotem Reitrock und Stulpenstiefeln und von einer tänzelnden Rappstute herab, die hin und wieder durch die Nüstern bläst und ins Zaumzeug knirscht, als wäre sie eins der blanken Sonnenpferde?

Der rote Spitzenreiter hielt just vor dem Fenster, aus dem des Herrn Franz Liszt »dreißigjährige« Schaffnerin Pauline herausschaute und ihr Glück über das Volk lächelte, das draußen ihrem großen Herrn wieder einmal Palmen streute. Da ließ sie sich in dankbarer Rührung gleich selbst ein bißchen huldigen, und es schien, als sähe sie in Augen, die ihr ein helles Hurra von den Steigen emporriefen; denn dieser Franz Liszt von heute war bei aller Aehnlichkeit und Würde, die ihm ein trefflicher Darsteller lieh, doch nur ein Spiel -- sie aber war noch die echte, die ihm mit ihren Händen die Nadel in die Krawatte gesteckt und die Krücken der Spazierstöcke mit dem seidenen Tuche gewischt hatte (wiewohl er keinen je in Gebrauch nahm), während er im Vorplatz den Glanzhut auf dem Aermel bürstete für den Ausgang ...

Wo hat aus einem Blumentopf voll Erde die Sonne so strahlende Menschenblüten hervorgelockt wie in Weimar?

Wo bescheint die Seele des Himmels die Welt, wie in diesen warmen Winkeln zwischen den bemoosten Dächern und kleinen Fenstern?

Und wo sonst ist Ewigkeit in so fühlbarem Fluge, daß sie sich um die Stirnen schmiegt wie atmender Duft des Hochwalds? -- -- -- -- -- --

Aber des Herrn Franz Liszt treues Schlüsselfräulein war es nicht, für das Jockele die Raketen seiner Blicke abbrannte. Das Feuerwerk galt dem jungen Mädchen, das der Frühling daneben ins Fenster gestellt hatte. Er hatte sich da etwas ausgesucht, das im zeitigen Jahre schon über und über in Blüte stand, und wollte zeigen, daß er auch schon um die Mitte des Hornung, wenn er gerade die Stare losgelassen, etwas Rechtschaffenes zuwege brächte.

Dieses Dokument seiner königlichen Herrlichkeit hatte die Haare voll Sonnenschein auf den Ohren zu goldenen Schnecken gedreht. Das ganze Röckchen und die rosa Crêpe-de-chine-Bluse steckte voll Frühling. Das silberne Glöckchen, das sie an einem Kettlein auf dem Halsausschnitt trug, läutete mit inbrünstiger Heftigkeit.

Ohren, Augen und Herzen der tausend Menschen ringsum hatten alle Hände voll zu tun, um von dem eben begonnenen Ereignisse kein Korn bunten Glücks fallen zu lassen. Da wurde aus den Köpfen und Leibern und Schellen und Farben und Fahnen und Trompeten ein brandendes Meer, das wogte um den Frühling neben Paulinen und um Jockele auf der Rappstute als wohlige Einsamkeit. Und die zwei Paar blauen Augen fingen an, sich über das Meer hinweg zu unterhalten und verstanden jedes Wort. Die unter dem Dreimaster standen hoch und hell im Tage und taten, als müßten sie zwei Löcher in die rosa Bluse brennen. Sie sagten:

»Was bist Du für eine märchensüße, kleine Frühlingsprinzessin! Warum hab' ich Dich zuvor nie in Weimar gesehen?«

Da sagten die Augen hinter den blühenden Mandeln: »Oh, ich kenn' Dich! Du bist der Maler aus dem Baumwinkel am Horn. Was bist Du für ein ranker, feiner Junge! Ich habe Dich schon durch die Zaunzinzeln gesehen und habe Dich ausgelacht, wie Du auf der Jakobsleiter standest. Aber Du nahmst Dich so wichtig, als müßtest Du den lieben Gott malen, und sahst mich nicht.«

Weil sie Miene machte, ihm den Mandelbuschen herüberzuwerfen, ließ er die Stute ein wenig seitlich treten, und er fing den Strauß ...

Drüben aus einem Fenster der Kunstschule guckte Gwendolin und sah das und sagte zu ihrer Nachbarin: »Jakobus Sinsheimer ist dabei, sich wieder zu verheiraten.«

Hinter ihm hatte Liszt indes sein Volk begrüßt, und es begann, vorwärtszudrängen. Da legte Jockele die Hand an den Hut -- natürlich für den Frühling, und der Frühling wedelte mit Herz und Händen. Und Jockele stieß den rechten Zeigefinger gegen die Brust und dann dreimal deutend halb nach unten gegen das Fenster, und malte mit den Augen ein mächtiges Fragezeichen in die Luft.

Der Frühling mit den goldenen Schnecken verstand das und geriet in ein beifälliges Nicken: »Ich warte, bis Du kommst, und wär' es bis übermorgen!« Und vorn der Jockele dachte, er wäre Kapellmeister geworden, und schlug mit dem Mandelblütenbusche der Narrenmusik einen flotteren Takt in das Blaszeug; denn sein Herz wollte mit der Musik Schritt halten.

So wurde die Sache, die eben noch feierlich gewesen war, lustig. Von oben herab zischten die Papierschlangen, wirbelten die zitternden Konfetti, und Weimars Ewigkeit schwang sich ein bißchen darüber hinaus aus dem Staube und flog an den hohen stillen Fenstern dahin.

Aber schließlich hat ja auch ein Fastnachtszug sein Ziel. Es war kurzweilig, die Welt in so feuerroter äußerer und innerer Aufmachung zu durchschreiten, aber manchmal stahl Jockele sich doch eine Minute aus den vielen, vielen, die da an bunten Papierstreifen herumhingen, und drückte sie in seiner sattelhohen Einsamkeit voll Inbrunst ans Herz, damit sie ganz ihm gehöre.

Darüber fiel ihm ein, welchen Namen die Kleine im Liszthause wohl hätte?

Er nannte alle Mädchennamen, aber es wollte keiner passen. Er verfaßte in träumendem Reiten durch dies Chaos der Lust eine ganze Spalte Familiennachrichten und stellte darin Vermutungen auf: himmelblaue über Vater, Mutter und Geschwister; gelbe über die Frage, ob so etwas Morgenblütiges und voll von Ostertau noch ohne Bräutigam wäre; sehr grüne über ihre allgemeinen Fähigkeiten zu lieben und über ihre besonderen, ihm die Treue zu halten ...

Diese peinigten ihn ein wenig, und als er die Läden über die Augen schlug, um klarer sehen zu können, stand sie noch immer im Fenster des dunkelgelben Eckhauses am Park, aber sie hatte nun auch den anderen Buschen Mandelblüten verschenkt und hatte in jeder Hand einen langen Stengel Diclytra, die sie in Weimar fliegende Herzen nennen, und die vielen, vielen Herzen baumelten über den Köpfen der jungen Männer, die unter dem Fenster vorübergingen, und jeder konnte eines haben, wenn er gut danach hüpfen konnte.

Seit Gwendolin war er dem Gedanken nicht mehr nachgegangen, daß ein Frauenherz eine Einrichtung mit beliebig auswechselbarer Liebe und Treue sei, und der Sitz in dem behaglich knirschenden Sattel wurde ihm unbequem.

Manchmal war es ihm, das Hurrarufen wäre tief, tief unter ihm, und die Leute stünden alle auf dem Kopfe und schrien ihre Begeisterung über das Straßenpflaster. Zuletzt aber setzte sich das ganze Ringsum in ein wohliges Schaukeln, und er trieb segelsachte darüberhin in eine pfirsichrote Crêpe-de-chine-Beleuchtung.

Als ihm eine schöne Hand am Schillerhause einen Becher Sekt in den Sattel reichte, und Schiller unter die Menge trat und eine erstaunte Rede hielt, die mit den denkwürdig-pathetischen Worten begann: »Was rennt das Volk, was wälzt sich hier vom Kaisercafé bis zu mir?« tat Jockele, als grüße er mit dem Schaumwein die lächelnde Spenderin. Aber er beging damit einen schändlichen Verrat und trank auf den Frühling im Liszthause. Und darüber kam ihm die Erlösung: der Name Frühling, der sich ihm gar nicht so recht an die Lippen legen wollte, ward auf einmal zu Minchen Herzlieb, und »Hurra Minchen Herzlieb« tirilierte sein Herz, und er brach in göttlicher Gebelaune einen Zweig aus den rosa Blüten Minchen Herzliebs und reichte ihn mit dem silbernen Becher hinab.

Friedrich von Schiller hatte mittlerweile eine Salve knatternder Jamben auf das Volk abgefeuert -- Jockele wollte wetten, es wäre ein Akrostichon auf Minchen Herzlieb gewesen. Die Sache nahm ihren Lauf: seitdem das Mädel einen Namen hatte, kuschte es sich ihm ins Herz wie ein Vöglein in sein Nest. Und das Herz war aus Mandelblüten.

Während er so dahinritt und immer dachte, es müßte nun alle sein, sang er leis und laut in die Musik. Das Lied setzte sich nur aus den zwei Worten Minchen und Herzlieb zusammen, und es war doch alles darin, was ein junger Mann zu einem gewissen Wohlbefinden braucht, über das sich die himmlischen Englein wundern müßten, wenn sie so etwas schmecken könnten.

Wie er den Zug doch endlich vor den Armbrustsaal in der Schützengasse geleitet hatte und den Knecht sah, der dort auf die Rappstute wartete, glitt er aus dem Sattel, warf dem Jungen die Zügel zu und versickerte in die jubelnde Unendlichkeit. Als er drüben wieder herauskam, warf er sich in ein Auto, und am Fenster des Liszthauses stand Minchen Herzlieb als süße Treuhalterin, hatte die langen Stengel mit den vielen, vielen Herzen gar nicht in den Händen, sondern biß sich ein wenig leuchtende Verlegenheit in die Lippe und dachte: »Teufel, da hab' ich wieder mal was angerichtet!«

Sein Herz schlug wie ein Triangulum, weil er sie noch an der gleichen Stelle fand, und er läutete sich gleich mit allen Glocken in sie hinein --

»Erstens habe ich Dich auf dem drei Stunden langen Ritte siebentausendmal ›Du‹ genannt,« jubilierte er, »und zweitens ist Fasching, das ist das große Verbrüderungsfest der Menschheit -- guten Tag, Minchen Herzlieb!«

Da schlug sie beide Hände vor das Gesicht, und das Tirilieren kam auch über sie --

»Ich heiße ja gar nicht Minchen Herzlieb, ich heiße ja Sibylle Bach!«

»Auch ganz schön,« sagte er -- »Sibylle Bach ... das geht in den Mund wie Knickebein, aber Minchen Herzlieb läuft ins Herz wie der blühende Frühling! Guten Tag, Minchen Herzlieb! Und nun mach' die Tür auf und laß mich hinein!«

Frau Pauline stand zu einem Ausgange gerüstet. Sie hatte es aus ihrem ahnungsvollen Frauenherzen heraus so eingerichtet und stattete damit einem Manne, der schon längst seine ehrsame Mansarde im Himmel bezogen hatte, eine liebe Dankesschuld ab.

Dieser Mann war der Großvater Minchen Herzliebs und hatte sechzig Jahre zuvor eine blutjunge Geschichte mit Paulinen erlebt; das wirkte nun über Zeit und Leben hinaus und verschaffte Minchen das Recht, zu festlichen Gelegenheiten aus dem Fenster des Liszthauses jungen Männern die Köpfe zu verdrehen. Aber es muß zu Minchens Ehre gesagt werden, daß sie auch zu anderen Zeiten und Gelegenheiten dieser kurzweiligen Beschäftigung nachging.

So oft sie in Paulinens blankes Stübchen trat, in dem die weißen Fensterbehänge mit den roten Geranien Feste feierten, verfiel die alte Dame zuerst in ein hingebungsvolles Schweigen. Minchen Herzlieb verhielt sich dann abwartend, bis Tante Pauline mit den Fingern auf der Kante des Nähtisches zu trommeln begann. Dieser sanfte Wirbel, auf dem ein Dämpfer von sechzig Jahren saß, lief immer den gleichen Worten voraus -- »Ja ja, Dein Großvater hat mich einmal heiraten wollen, Sibyllchen, aber es ist hernach nichts daraus geworden ...«

Es ist wahr: die guten Taten der Väter werden an den Kindern heimgesucht durch viele Glieder. Jockele widmete dem alten Herrn im Himmel ein paar rührende Worte des Dankes. Daraus erkannte die greise Schließerin, daß der junge Mann, der vorhin so schön zu Roß gesessen, auch ein sehr guter Mensch wäre, und sie machte sich voll gütigen Verständnisses auf den Weg.

Es war ein so liebes Scheinen in dieser Stube wie in den Räumen des Hauses am Buchenwalde zu Ibenheim; aus allen Winkeln atmete die alte Zeit, und draußen auf der Straße spielte ein sachter Wind Fasching und tanzte mit den bunten Konfetti einen altmodischen Walzer.

Minchen Herzlieb fragte Jockele gleich, ob er Tango könnte.

»Nein,« sagte er. Aber es fiel ihm ein, daß ein junger Mann mit vielen Mädchenbekanntschaften universale Kenntnisse besitzen müsse -- was wissen Sie von Goethe, von Wieland, von Wildenbruch, von dem ›Hauptgeschäft‹, vom Peneios, von Persephoneia, von Hysterie, von Tango? -- Die einzige, die nichts weiter von ihm hatte wissen wollen als das Küssen, war Gwendolin. Er hatte ihr längst verziehen, daß sie so übel mit ihm verfahren war, und manchmal in diesen Winternächten im Baumwinkel waren ihm die Lippen im Feuer der Sehnsucht nach ihren verzehrenden Küssen heiß geworden.

Viel, viel später dachte er einmal: Es wäre gescheit, wenn die jungen Männer auf die ersten Fragen warteten, die ihnen von einem Mädchen vorgelegt würden. Diese ersten Fragen lassen sie ausfliegen, damit sie ihnen Botschaft bringen, wie es in der Welt aussieht, an deren Strand sie segeln. Und wer hinhorcht, der weiß, wonach diese Tauben vor allem Ausschau halten.

Jetzt aber hatte er zu derlei Betrachtungen keine Zeit. Es war ihm schon zur belustigenden Gewißheit geworden, daß Minchen Herzlieb gar nicht ahnte, daß er sie zur Trägerin eines berühmten Namens gemacht hatte. Sie nahm die Herzensgeschichten vergangener Herren nicht entfernt so wichtig wie ihre eigenen. Darum sagte er ihr, daß sie furchtbar nett aussähe, hütete sich vor dichterischen Vergleichen und hielt sich an das Greifbare. Das Sofa mit dem Kirschbaumrahmen, durch den sich zierliche Einlagen schlängelten, sagte zwar ein verwundertes ›Na!‹; denn es war von Tante Pauline her an ruhevollere Behandlung gewöhnt, aber es dauerte nicht lange, so war doch wieder nur der kleine fixe Schlag der Pendule hörbar, und die Geranien am Fenster waren die Fackelträger.

An Gwendolin dachte Jockele nicht, wiewohl sich Minchen Herzlieb viel weicher und ergebungsvoller benahm. Die Liebesstunden mit Gwendolin waren ein Flammentanz, ein Taumel durch alle Brände der Hölle, ein Vergehen in feuerroter Seligkeit, waren ein ungeheueres Verschwenden gewesen.

Minchen Herzlieb dagegen blieb bei sich selber und verabscheute die Tiefen. Sie fiel in ihre Sinne wie die Lerche in die jungen Halme, voll Lütütü und hellgrünem Pfingsten. Aber in Gwendolin Vogelgesang entluden sich alle Mächte des Himmels und der Erde. Gwendolin sprang in eine Liebesstunde vom Turme -- Minchen Herzlieb dachte daran, ob er hernach wohl mit ihr zum Faschingsball gehen werde. Wenn er diesen famosen Einfall hatte, durfte sie keine Knitter bekommen; denn sie wollte für die ganze Welt immer frisch aufgeblüht erscheinen. Dem Gedanken, nur +einem+ zu gefallen, stand sie mit lachendem Unverstande gegenüber, aber es war doch eine schauerliche Süßigkeit, mit der er über sie kam. Und als er die Perücke ganz nebenher in Sicherheit bringen wollte, weil er dachte, Minchen Herzlieb wäre so hoch im Himmel, daß sie davon nichts merkte, brachte sie durch ihr Lachen die Stimmung in ein gefährliches Schwanken.

Dann fielen ein paar Fäden Dämmerung durch die Fenster, und draußen in der blauen Küche bekam Frau Pauline Apel einen diskreten Husten und läutete mit zwei Tellern Feierabend.

Da machten sie sich fertig und gingen in die Armbrust zum Faschingsball, und seit diesem Balle hieß sie in der ganzen Stadt Minchen Herzlieb.

Sie blühte auch da unter aller Buntheit hindurch und schwamm in Weltfeiertagsfröhlichkeit, aber wenn Jockele die vorige Stunde in ihren Augen suchte, stand sie doch noch darin. Gwendolin dagegen konnte zwischen zwei Minuten eine sternenweite Vergessenheit aufrichten -- die Augen, die in der einen gesagt hatten: »Du trinkst mir mit Deinen Küssen die Seele aus,« schwuren in der nächsten: »Ich kenne diesen Menschen nicht.«

Wenn er mit Minchen Herzlieb tanzte, fiel alle Erdenschwere von ihm ab samt Armem Heinrich und Tartarus und Huschs Anfällen; denn das Mädchen lag ihm im Arme wie eine hineingewehte Blüte; und so führte er sie in einer Nachmitternachtsstunde nach Hause. Sie gewährte ihm noch eine kleine Nachfeier in der Gartenlaube. Der Wind, der durch die Windmühlenstraße am Silberblick hinauf in die Felder lief, tat die vorjährigen Blätter der Clematis auseinander und wollte ein bißchen gucken, konnte aber nichts sehen.

Da vereinbarten sie einen Katerbummel, der so lang und leichtsinnig sein sollte wie das schöne Wetter. Er dauerte drei Vormittage. Der erste Morgen in den Stadtratstannen und Buchfart war ein wenig müde, und Jockele war zu Betrachtungen geneigt; der zweite war voll Ueberstrom an Licht und Liebe, und als sie vor der kleinen Brunnengruppe des Herkules und Antäos in Belvedere standen -- in jenem Gartenteile, in dem der alte Kaiser Wilhelm als Prinz von Preußen die Eiche gepflanzt -- nahm er sie auf den Arm und trug sie in klingender Siegerfreude den Parkweg entlang bis hinab an den Fichtensaum im Tale.

Dort lag die Sonne in zehntausend Anemonen und Veilchen und hatte sich den Frühling hinbestellt. Da spielten sie zu Vieren Küssen.

Nach einiger Zeit erklangen junge Stimmen auf dem Grashange gegenüber, und wie die vier himmelfreudigen Spieler die Zweige der Jungfichte auseinanderbogen, sahen sie die kleine Prinzessin Sophie und den noch kleineren Erbgroßherzog Wilhelm Ernst. Die Kleine kauerte vor einer Röhre, die unter dem Parkwege hindurchführte, und hatte das Tirilieren wie Minchen Herzlieb; denn Flipp, der stichelhaarige Dackel, war von seinem Forschertriebe in die Röhre getrieben worden und suchte da nach Wundern. Und das Kleine wollte ihn am Schwanze herausziehen. Wilhelm Ernst der Jüngere aber hatte sich von einer Parkfrau den Rechen geben lassen, der älter war als er selber, und versuchte sich damit am Ernste des Lebens.

Da lief die Sonne hin und faßte das Vorfrühlingsidyll mit den Fürstenkindern und Flipp dem Dackel in einen goldenen Rahmen. --

Am dritten Tage waren sie in der Fasanerie im Webicht. Es waren da schon viele Lichter ausgelöscht in der Welt, und was sich an verfrühten Blumengesichtern aus dem vorjährigen Laube hob, hatte die Augen zu, und der Wald trauerte um den leuchtenden Irrtum der letzten zwei Tage.

Es war wieder Februar geworden.

In der niederen Stube der Fasanerie waren sie allein, um sie ein bißchen verblichene Weidmannsfreude des abseitigen Jägerhauses an den Wänden -- auf einmal war Jockele im Forsthaus an der Hörsel, und das Zinzilein stand in der Stube und schaukelte ein kleines Mädchen auf dem Arme ...

Gott, das Zinzilein! Wo war es gewesen all die Zeit her!

Es hatte genau solche goldenen Haare und solche Maifestaugen wie Minchen Herzlieb. Aber es war kaum der Schule entlaufen, da hatte es schon ausgesehen wie ein durchsonntes stilles Waldwasser, aus dem die weißen Sterne des Hahnenfußes aufgehen und die silbernen Kronen der Teichrosen. Es blühte an ihm alles so von innen heraus; wo es seine Augen hatte, ward's hell, und wo seine liebe Stimme erklang, ward's warm ... Nun war ein schlankes, junges Mütterchen aus ihr geworden!

Die Sehnsucht faßte Jockele an -- heißer, träumerischer Hochsommermittag, in dem alle Düfte Farben bekommen und Säulen von Gold in den thüringischen Buchenwäldern stehen. Und seine Seele schwamm darin mit breiten Schwingen ...

»Du bist heute langweilig,« sagte Minchen Herzlieb und riß ihm einen seiner schönen bunten Flügel aus ... »Ich gefalle Dir nicht in Blau, gelt?«

»Himmel, es gibt doch auch noch wichtigere Dinge auf der Welt als Frauenkleider!«

»Wichtigere Dinge? Wie meinst Du das?« fragte sie und wurde steil.

Da sprang draußen eine Stimme auf die Haustürschwelle, die packte die Frage Minchens und schnickte sie unter den Tisch.

Dann ging die Tür auf --

»Da haben wir ihn! Kommen Sie, Husch! ... Sie, Jakobus Sinsheimer, ich hab' Ihren ›Armen Heinrich‹ verkauft! Und Sie sitzen mit einer Ihrer zahllosen Bräute beim Frühschoppen, den Sie aus einer Ewigkeit in die andere verlängern! Reden Sie nicht, ich weiß alles! Diese Dame heißt Minchen Herzlieb, und Sie haben sich mit ihr im Sattel vor dem Liszthause verheiratet.«

Einen Schwung hatte Gwendolin, einen Schwung voller Erlösung und seelenerstürmenden Jubels -- Jockele dachte gar nicht mehr an den abgerissenen Flügel, er breitete seine Arme weit aus und riß das lange Mädel an sein Herz. In sie wurden weder Knitter, noch ging daran etwas in Stücke --

»Gwendolin, Krone der Weiber, Königin des Himmels und der Erde! Gwendolin, Du ungeheures Licht, Du Zauberin!« Und dann geriet er über ihre Lippen, und die beiden ranken jungen Menschen schossen durcheinander wie zwei Waldbäume und verflochten sich mit Wurzeln und Aesten.