Jockele und die Mädchen: Roman aus dem heutigen Weimar

Part 11

Chapter 113,989 wordsPublic domain

Einmal hatte sie ein Märchen von einer Fee gelesen, die in eine Blume verzaubert war. Aus dieser Blume durfte sie um die Mitternacht herausschreiten. Da schlief der Mann, der die Blume in einen Scherben gepflanzt hatte, nebenan in dem Kämmerchen, die Fee aber fegte die Stube und wischte den Staub und trug Wasser herzu und war so leise wie der Sonnenschein, der über die Diele schreitet. Dann zündete sie Feuer unter dem Herde und setzte das Essen daran, daß es sich bis zum Morgen koche; denn sie mußte wieder zur Blume werden, ehe der erste Sonnenstrahl kam -- sonst war es um sie geschehen.

Dies Märchen erzählte Husch eines Tages dem Jakobus und ward traurig und sagte:

»Dieser erste Sonnenstrahl -- ich muß dabei an etwas ganz anderes denken ... davor fürchte ich mich!«

Er fragte sie, was es wäre, aber sie schüttelte mit dem Kopfe und schwieg. Dann sagte sie:

»Ich werde es Dir nie verraten. Aber wissen wirst Du es doch, wenn dieser Sonnenstrahl gekommen ist; denn dann ist es um mich geschehen.«

In der ersten Zeit war ihr sehr bange, sie könnte nicht alle Dinge in der Stube wieder an den richtigen Platz und in die Stellung bringen, die sie zuvor gehabt hatten, weil ihre Hände und Augen nicht dazu geschickt wären. --

Ihre Mutter hatte sie am Rande eines wilden und schönen Mädchentages aufgelesen und wohnte noch immer in dem gleichen Dachstübchen, in dem ihrem Schoße die weiße Rose entblüht war. Das Fenster lag nach Norden, und man konnte die Sonne von dort aus nur sehen, wenn sie in fremden Gärten und in den Stuben der anderen Leute lag.

Das Schauen nach fremder Sonne hatte einen Zug tiefer Schmerzen in das junge Gesicht getragen. Eines Tages saß sie am Fenster -- es war ein frostheller Januartag, und der Ostwind klirrte durch das Geäst. Sie dachte an die Zeit, in der das liebe Licht dieses kleinen Hauses nicht mehr um sie wäre, und blickte empor zu den kahlen Zweigen, die vom Winde geschlagen wurden.

Da wandte sich Jakobus ihr zu und sah ihr schmerzvolles Gesicht. Aber sie merkte es nicht. Es schien ihm, als wandele sie in einem tiefen, öden Felsentale, das auf allen Seiten verschlossen war, und sie ging dahin und sah die Abendsonne ihren Königspurpur um die hohen Zinnen legen.

Du hieß er sie ihre Kleider ausziehen und ihr langes, blondes Haar lösen, wie sie das schon oft vor ihm getan.

Er hatte sie dann gezeichnet als ein schönes, schlankes Kind, das in erdenfernen Gärten schritt -- einmal auch als die Fee in dem Märchen, die sich aus der Blume befreite -- da wob sie sich aus sanften Linien, die zuvor Blütenodem gewesen waren, zu einer holdseligen Frauengestalt. Oder sie wandelte über Stufen des Himmels den Engeln entgegen, die dort auf den lieben Gott warteten.

Aber an diesem Tage wurde sie ihm zum ersten Male zu dem schmerzensvollen Erdenmädchen.

Er hatte eine Eingebung gehabt, sie so in ein großes Bild zu stellen, das er ›Gruppe aus dem Tartarus‹ nennen wollte. Wenn die hohen Bäume wieder Frühling über sich warfen und nur verirrtes Licht durch die Wogen der Wipfel brach, sollte es draußen vollendet werden.

Zuerst hatten sich seine Sinne an dem scheuen Frühling dieses Mädchenleibes in einen blutroten Taumel gesungen, und er hatte ihr die Augen verbinden müssen.

Nun gab sie sich ihm längst ohne Scheu, es war, als durchleuchtete die Seligkeit ihrer Seele den jungen Leib, so oft er sie rief. An diesem Tage sagte er ihr, daß sie mit dem vorigen Gedanken sehnsüchtigen Schmerzes dastehen müßte und mit erhobenen Armen, die den beglückenden Traum der Sonne nur ein einziges Mal fühlen möchten ...

Sie war ohne Grenzen in ihrer Demut, und sie war ohne Grenzen in ihrer Kraft, wenn er ihr gesagt hatte: »Du sollst ...«

Er wußte nicht, woher dieser zarten Schlankheit solche Kraft kam. Sie wurzelte in den Stein, der unter ihren Füßen war, wenn er es ihr gebot; und sie litt Qualen einer Zeit, vor der sie bangte als vor dem namenlosen Jammer, an dem sie sich in das Grab siechen mußte -- sie litt es; denn er hatte es gefordert. Und sie dehnte die Arme -- nicht nach der Sonne, sie dehnte sie nach dem Saume der Berge, über die sie ihn schreiten sah, und mit jedem Schritte zog er weiter von ihr fort ...

Da rief sie seinen Namen aus den Tiefen ihres Schmerzes herauf und brach in die Knie und verbarg ihr Gesicht in den Händen.

Und weil sie schluchzte und nicht fühlte, daß er seine Hand auf ihr Haar legte, und nicht hörte, daß er da war und mit ihr redete, nahm er sie auf die Arme und trug sie auf sein Bett. --

Jakobus Sinsheimer war keine Einsiedlernatur, aber Abstammung und Erziehung hatten es ihm zur beglückenden Gewohnheit werden lassen, sich nicht in die Märkte und Gassen hineinzudrängen, auf denen die Menschen ihre Jahrmarktsherzen und sich selbst als Kleiderstöcke ausstellen. Wer der Ansicht ist, daß ausschließlich solche Menschen vorhanden wären, der ist gar sehr im Irrtum; denn es ist zu schätzen, daß es an nahezu fünf Prozent aller neuzeitlichen Kulturstätten annähernd ein Prozent immer noch ganz vernünftige Leute geben mag.

In Weimar sind deren mehr, was schon daraus zu ersehen ist, daß dort sehr viele Dichter leben.

Nein, Einsiedlerneigungen hatte Jakobus Sinsheimer keineswegs, aber er legte um das Bild jeden Tages einen Rahmen von Sonne und Grün. Und wenn beides nicht zu haben war, weil die Sonne in den Gärten der Engel und das Grün in den Bettlein der Elfen zu tun hatten, so nahm er mit freiem Weltenlicht und mit Himmel vorlieb.

Es setzte ihn auch schon lange nicht mehr allzuviel in Erstaunen. Nur darüber -- dachte er -- würde er sich bis in die goldene Ewigkeit hinein wundern, daß die Menschen mit dem Himmel fast gar nichts mehr anzufangen wüßten.

So gewöhnte er sich, davon immer ein Stück in den Händen zu halten. Und das war gut; denn damit findet sich der Mensch durch Nacht und Licht und findet sich auf die Sonnenraine, die auch mitten durch die lautesten Märkte des Lebens führen, und auf denen immerfort ein bißchen Glück blüht.

Uebrigens erfüllte ihn das neue robuste Schaffen dieses Vorstadtwinters mit einer ungekannten Freude.

Er wußte, daß der Wandel, der seine Vorliebe für landschaftliche Motive verdrängt hatte, ihm aus dem Eifer gediehen war, mit dem er sich den Dichtern gewidmet -- auf einmal waren seine Gedanken bei Doris Rinkhaus. Von allen Menschen, die ihm nahegetreten waren, hatte er an Do den geringsten Anteil gehabt. Aber sie redete doch immer dazwischen. Sie erklärte ihm den Krieg und guckte ihm über die Achsel in jedes Buch; sie verreiste und blieb doch bei ihm. Sie stand in ihm als eine brennende Kerze, und er nannte sie, wenn er sich über sie ärgert, die ewige Lampe.

Aber in dieser Zeit begann er sich gegen sie zu wehren -- es war das wilde Jahr!

In diesem Jahre halten junge Männer ihre Väter gemeinhin für altmodische Tröpfe und ihre Mütter für abgestandene Frauen, die aus ihrem späten Leben in das Land der Jugend und neuen Zeit herüberreden möchten und sich darin nicht zurechtfinden. In diesem Jahre reckt sich eine Kraft, die für den, der sie spürt, aussieht wie der Riese Goliath, und für den, der daneben steht, wie ein Embryo, an dem schon alles da ist, aber das Maul ist aus seiner Natur heraus am größten. In diesem Jahre hält der junge Mann von Begabung die Mädchen und die Ellbogen für die vornehmsten Einrichtungen und hat niederreißende Gelüste. Wenn man ihn gewähren ließe, würde er auf den Thron Gottes steigen und der Welt zeigen, was Allwissenheit ist. Und so weiter.

Das kommt daher, daß sich über der reckenden Kraft alle Gesichtswinkel verschieben -- auf einmal sieht die Welt aus wie vor den Toren im November: vor den Toren sind die Schrebergärten mit den tausend Lauben, die Begeisterung und Ungeschick gezimmert haben; beides wird im abgeblühten Jahr offenbarer.

Und über diese Welt stürmt die Kraft des wilden Jahres dahin, gerät in Sand und Nebel und wird besinnlich und gibt dem lieben Gott eine Gnadenfrist ... Das Sinnbild des wilden Jahres sind die Hörner. --

Daran dachte Jockele aber nicht, als er im Lehnstuhl am Ofen saß. Er hatte die Tür zu dem Kämmerchen nur angelehnt und horchte manchmal hinaus, was es mit Husch wäre.

»Ich habe ein mächtiges Unheil in ihr angerichtet,« dachte er.

Do und Maria Reh sollten nichts davon erfahren. Er kannte die Reden der beiden zur Genüge: Maria Reh sagte, so etwas wäre ›überhaupt‹ nichts, und ließ sich auf Erklärungen ihres himmel- und erdenumfassenden ›Ueberhaupt‹ nicht ein. Und Doris Rinkhaus war in solchen Fällen von einer Kälte, die ihm unter die Nägel kam.

Er legte das Ohr an den Türspalt und hörte an ihrem regelmäßiggehenden Atem, daß sie eingeschlafen war.

Dann hatte er mancherlei Einfälle; der einer in nahe Zeit gerückten Eheschließung war diesmal nicht dabei, aber auch nicht die Absicht einer sanften Entwöhnung. Vielleicht würde es besser mit ihr, wenn der Frühling in diesem kühlen Baumwinkel über sie kam! Dann sollte sie draußen um ihn sein, wenn er die ›Gruppe aus dem Tartarus‹ schuf ...

Natürlich lief er gleich hinaus, zu sehen, wie diese große Sache am besten zu machen wäre. Gegen den Zaun kam die Leinwand, der er beiläufig zehn Geviertmeter Fläche gab -- und er mußte das von der Leiter aus malen. Der Gedanke hatte etwas Berauschendes ... so hoch da droben mit dem Pinsel: Prometheus, der der Erde das Feuer bringt!

Da blinkte eine Flocke Weiß aus dem grauen Grase hervor -- wahrhaftig, in den vergangenen drei Tagen, in denen ein Weststurm den Schnee zusammengekehrt hatte, war schon das Wecken in die Erde geklungen, und ein Schneeglöckchen hatte sich aus der Scholle gedrängt, und hing doch noch tiefe Winternacht ringsum. So war dies Fünklein Licht aus dem Frühling herübergeweht, und Jakobus, der gleich alle Engel im Himmel die silbernen Glocken suchen sah, kriegte das Laufen, stülpte den Hut auf und eilte in die Stadt. Er brauchte noch drei Modelle: einen Mann auf der Höhe des Lebens und einen, der ganz voll war von dem Klange der Erlösung, die sich aus dem dumpfen Schalle der Hufe trinken läßt, wenn der Tod über die letzte Brücke reitet. Und ein Weib.

Da ging er zu Huschs Mutter und fand sie in dem Vorderstübchen. Sie stickte und hatte die Füße auf einem Backstein, den sie so oft gegen den anderen auf dem eisernen Oeflein auswechselte, als er kalt wurde. Der Ostwind spielte draußen auf den Dachziegeln ein gefrorenes Lied.

Jakobus erzählte ihr, wie es mit Husch gegangen wäre, und daß sie nun in seinem Bette läge und schliefe.

Da sagte die Frau: »Oh, schicken Sie sie nicht fort! Sie ist schon viel freudiger geworden, seit sie um Sie sein darf. Es ist schlimm mit einem so wunderlichen Mädchen in solcher Zeit -- die Husch hat eine grausame Lust, leiden zu können. Aber es muß aus dem Glück zu einem anderen Menschen geschehen, dann wird sie gesünder und weiß es nicht. Sie ist über einer ewigen Selbstopferung, und Leiden ist ihr Freude. Aber wenn sie hier unter dem Dache kümmern muß, fällt sie mir aus und stirbt.«

Da dachte Jockele an das Kind der Bauersleute, das dem aussätzigen Ritter Heinrich sein Herzblut opfern will. Er hatte in dem Gedichte des Hartmann von der Aue am Morgen gelesen, wie der Arzt von Salern zu ihr sagt:

Ich muß Dich ausziehn nackt und bloß; Ist das nicht Not genug, so groß, Daß Du mit Recht vor Scham vergehst, Wenn Du so nackend vor mir stehst? An Beinen bind' ich Dich und Armen; Fühlst Du mit Deinem Leib Erbarmen, Bedenke, Mädchen, diese Schmerzen! Ich schneide Dich bis tief zum Herzen Und brech' es, wenn Du lebst, aus Dir ...

Nun schenkte ihm die Stunde eine Reihe von Bildern, die gleich in seinem Geiste standen als leuchtende Erfüllung.

Er gab sich dem Reichtum des Augenblicks in gesegnetem Vergessen hin. Das sah die Frau, und weil sie es sich nicht anders deuten konnte, sagte sie: »Sie sind nun doch gekommen, um mir zu sagen, daß ich Husch nicht mehr schicken soll!«

»Oh, ich brauche sie -- ich brauche sie vielleicht den ganzen Sommer über!« rief er und sah, wie froh die bleiche Stickerin an seinen Worten wurde.

Dann schickte er sie zu Husch und sagte ihr, wo der Schlüssel wäre, und ging in einem wilden Glücke davon.

Auf dem Wege den Kasernenberg hinab über die Sternbrücke in die Wagnergasse, wo er das Modell zum Armen Heinrich wußte, dachte er an Husch und wie er ihr Leben richten sollte. Man wartete auf ihn, und er war in dieser Stunde zu Sein oder Nichtsein für zwei Frauen geworden, die auf den Dächern lebten und sich nicht herabfanden auf die Erde. Er war ein Mann und eine beglückende Hoffnung! Da brauste Frühlingssturm in ihm.

Als er in der Dämmerung nach Hause kam, war Husch aufgestanden.

Er fragte sie, warum sie nicht mit ihrer Mutter nach Hause gegangen wäre.

Sie lachte, aber sie sagte ihm nicht, daß sie noch alles hätte um ihn bereiten wollen, was ihre Pflicht wäre. Sie ließ sich auch nicht heimschicken und wurde ganz ängstlich, weil sie fühlte, daß er sie schonen wollte. Da litt er es, aber er sagte: »Du machst mir damit große Sorge, daß Du mir mehr geben willst, als in Deiner Kraft ist. Wenn ich mich und Dich über dem Malen vergesse wie heute, so mußt Du es mir sagen.«

»Ich bin ganz allein daran schuld gewesen,« sprach sie -- »ich habe Dich so weit fortgehen sehen ...«

Im Gartenhause nebenan bildete diese Sache den Gegenstand einer Auseinandersetzung zwischen Maria Reh und Do. Maria hatte mit Huschs Mutter gesprochen und von ihr erfahren, warum sie da war und nun forderte Maria, sie müßten diesem Zusammenleben der beiden ein Ende machen.

Sie stellte sich dabei auf den Standpunkt einer Fürsorge, der Doris Rinkhaus aufs höchste befremdete.

»Es ist eine Modellgeschichte,« sagte Do, »und was geht sie uns an?«

»Es ist eine Herzensgeschichte, die für beide ein Unglück werden kann,« sagte Maria -- »und überhaupt, wie läßt sich so etwas billigen?«

»Billigen oder nicht -- darauf kommt es gar nicht an! An irgend einem Mädchen muß ein Junge zum Manne werden! Möchtest Du Dich vielleicht dazu hergeben? Das läßt sich dann nicht immer über den Spießerleisten schlagen, und ich finde es sehr sonderbar, daß gerade Du Dir dabei eine Rettungsmedaille verdienen willst.«

»Weißt Du denn, wie sich Tante Veronika dazu stellen würde?« fragte Maria Reh.

»Das ist nicht Deine Sache! Aber so viel weiß ich, sie hat Vertrauen zu Jo. Und ich habe es auch. Ich denke: sie würde nicht die Dritte im Bunde sein wollen; aber wenn ihr das Frühlingshaus als der richtige Platz für ihn erschienen wäre, so hätte sie ihn ja wohl daheim behalten. Es ist am besten, wir sehen und hören nichts von allem. Jedenfalls taugt Dein Schürzenschutz nichts für ihn, und wenn ich Jo wäre, so würde ich jeden sehr unsanft hinauskomplimentieren, der mir in meine Tage reden wollte. Basta! Du darfst nicht vergessen, daß die meisten jungen Männer auf dem gesicherten Geleise einer Familientradition hineinfahren ins Leben -- Jo aber ist auf eine Schwelle gesetzt und steht noch heute darauf. Ich kann nicht sehen, daß er töricht ist oder mit blinden Augen dahintappt.«

Draußen schloß um diese Zeit Husch die Schlüpfe im Gartenzaun hinter sich zu.

Jockele saß noch eine Stunde bei der Lampe und blätterte in Goethes Gedichten mit den Anmerkungen. Aber die Bilder dieses Tages drängten sich zu laut um ihn. Er dachte: er wollte Husch dreißig Mark Monatsgeld geben und sechzig Mark für den Haushalt -- darüber verfiel er in ein mühsames Rechnen und erkannte, so ging das nicht. Aber Tante Veronika wollte er nicht helfen lassen. Er hatte den Plan mit Husch ohne sie erwogen, so sollte er auch ohne sie ausgeführt werden! Er mußte in den Bildern zum Armen Heinrich etwas Ordentliches schaffen, etwas, das sich zu Gelde machen ließ! Zum ersten Male erhellte ihn der Gedanke, und Gwendolin tauchte wieder auf, die geschäftskundige.

Da ging er ins Kaisercafé und saß mit einigen Kunstschülern an einem Tische, die voller Pläne für einen großen Faschingszug waren, der im nächsten Monate abgebrannt werden sollte. »Prinz Karneval vermählt sich mit der Muse Weimars« hieß die Idee, auf der sich die Sache aufbaute; und Jockele mußte dabei helfen.

Da wurden die Zahlen, die er vor einer halben Stunde im winterlichen Baumgarten am Horn aufgeschrieben, riesenwüchsig -- die Dreier und Zweier wurden zu Schlangen und die Einser und Vierer zu Keulen und rückten gegen ihn an zu einem wüsten Kampfe.

Aber seit jenem langen Frühlingsmonate, in dem er zwanzig Tage niederschmetternde Gastfreundschaft bei Do genossen, war er ein gut Stück in die Lebenskunst gewachsen. Nun saß er in einem Kreise junger Leute, bei denen das Exempel in der Regel +nach+ dem Vergnügen ausgerechnet wurde -- da brachte auch er den Armen Heinrich, die Gruppe aus dem Tartarus, die männliche Fürsorge für Husch und den Prinzen Karneval zusammen, und gelobte, den Faschingszug als Spitzenreiter mitzumachen.

Am anderen Tage griff er sich Gwendolin vor der Kunstschule und verwickelte die Ueberraschte in ein besinnliches Gespräch.

Wie ihn Gwendolin so reden hörte, sagte sie: »Immer hast Du Dir einen neuen Turm aufgesetzt, wenn man Dich mal acht Tage nicht gesehen hat,« und sie legte einen Respekt in ihre Worte, den er von ihr nicht gewöhnt war.

Als er ihr von Husch erzähle und wie es mit ihr geworden wäre, sagte sie: »Du faßt alle kleinen Dinge gleich mit beiden Händen und mit dem Herzen an und stellst Dich zu jedem, als müßtest Du Dich mit ihm verheiraten. Wenn Du das Dein ganzes Leben hindurch so machen willst, kommst Du aus der Grundsuppe gar nicht heraus.«

»Es liegt das wohl so in meiner Art,« sagte Jockele.

»Ja, aber ich halte diese Art für schwerblütig und gefährlich.«

Auf dem Heimwege blieb die Rede Gwendolins um ihn, aber er vergrübelte sich daran nicht in Hoffnungsödigkeit, wie ihm das vordem geschehen war, sondern dachte: »Wenn ich mit dieser Art nicht mehr weiterkomme, muß ich ihr aufkündigen. Gwendolin hat mit ihrer anderen frühzeitig auf eigenen Füßen gestanden, aber sie bleibt auch immer dieselbe. Bei einem Mann ist das eine ganz andere Sache.«

Er hatte sich das genialische Treiben seiner Bekannten zu genau besehen und wußte, daß er nicht mit ihnen gehen konnte. Aber er wußte nicht, was er Do in diesem Jahre schuldig geworden war, die ihn mit ihrer sichtigen Klugheit auf klare Wege geleitet hatte. Nun hielt ihn das eigene und ein gut Teil eigenwillige Wesen fest, und er pendelte nicht zwischen Moden und Manieren, die sich als Schimmel oder als wildes Rankenwerk über eine jugendliche Kraft legen und sie ersticken. --

Husch hatte das Häufen so mit ihrem heimlichen Glücke durchleuchtet, daß er gleich alles bereitete, um an dem Armen Heinrich zu beginnen. Er erzählte ihr die Fabel der Dichtung, und sie lebte sich in das seelenverwandte Mädchen mit der grenzenlosen Innigkeit hinein, deren sie fähig war. Das sentimentalste und rühmlichste Preislied der Jungfrauenliebe, das die Erde kennt, gewann da zum anderen Male Gestalt.

Sie sah in dem Kleide der alten Zeit und dem zierlichen Kopfputze sehr lieblich aus, und er versank in das süße Weh ihrer Augen. Sie saß auf einem Fußschemel und hob das Gesicht voller Hingabe zu dem empor, der nicht da war, und verfiel ganz in den Traum ihres seligen Schmerzes.

Jakobus hatte ihr gesagt: »Du mußt jetzt denken, daß er Dir Ringe für Deine Hände und goldene Bänder für Dein Haar geschenkt hat, und nun sitzt er Dir gegenüber und erzählt, daß er nicht von seinem qualvollen Leiden erlöst werden könnte, weil nur das in Liebe geopferte Herzblut eines schuldlosen Mädchens dies Wunder vollbrächte ...« Da trat der große Schmerz vor sie hin und legte ihr die Hände auf die Lider. Und sie schlief einen wachen Schlaf und ward zu atmendem Marmor.

Als er mit der Zeichnung zufrieden war, nahm er Farben und eine Tafel, machte mit Kohle eine rasche Skizze und begann zu malen.

Sie erwachte nicht und saß bis in den Nachmittag. Das Licht wurde müde, aber Husch ahnte es nicht. Da hob er sie auf und streifte ihr das fremde Kleid ab und legte sie zu einem langen Schlafe auf sein Bett.

Diese Erscheinung hatte für ihn nun schon wesentlich an Tragik verloren. Wenn es auch ein Rausch des Schmerzes war, so war es doch ein Rausch, und der mußte verschlafen werden. Mochte der Trank für Husch süß oder bitter sein, ganz rein war er jedenfalls nicht. Aber die Sache fing an, ihm peinlich zu werden, und er fühlte wieder die Scheu vor der Klatschsucht der Menschen; denn seine Jugend hatte über aller Klatschsucht noch nicht Zeit gehabt zu der Erkenntnis, daß der Sieg über sich selbst auch den Sieg über jedes unerlaubte Maul bedeutet.

Deshalb ließ er das Modell für den Armen Heinrich zu einer Zeit kommen, in der er Husch zu einer Besorgung in die Stadt geschickt hatte, oder in der sie in ihrem ekstatischen Schlummer lag.

Das zweite Bild stellte die Szene dar, in der das Mädchen ihren Eltern offenbart, sie wolle für Herrn Heinrich sterben; das dritte die Unterredung mit dem Arzte von Salerno, der sie nicht wankend machen kann in ihrem Entschlusse. Das wurde das beste von allen; denn der verzückte Opfermut durchschauerte ihre Seele als ein unirdisches Licht, und sie versank in das qualvolle Glück des Martyriums. --

Zuletzt stellte er sie dar, wie sie vor Heinrich kniete, als der die Heilung durch die Gnade Gottes empfangen. Aber dazu gebrach ihr die Kraft des Einfühlens, es fehlte ihr der Glaube an die hohe Sonne. Was sie beseligen konnte, lag in Bitternis und Dämmerung.

An diesem Stück saß er vier Tage, und all sein Wille reichte nicht aus, sie zu bekehren, und weder sein Stift noch sein Pinsel fand, was blühender Traum in ihm gewesen war.

Husch lag schlafen. Da ergriff er in der Freude am Gelingen die Zeichnungen und Tafeln und lief mit Erobererschritten zu Do und Maria. Sie waren beide überrascht bis zur Betroffenheit. Maria Reh lobte nach Frauenart im Ueberfluß, Do war froh und kritisch und sagte: »Es ist alles famos, Jo! Aber nun kommen Sie mal her und lassen Sie sich angucken.« Sie rückte ihn ins Licht. -- »Na ja! Warum machen Sie sich so gewaltsam krank, Sie waldgesunder Zigeuner?«

Maria Reh trat dazwischen und sagte: »Sie sieht in den Künstler hinein, was er seinem Stoff entnahm! Sie gedachte es böse mit Ihnen zu machen und lobt Sie!«

Da bliesen sie zu einem lustigen Kriege, und Maria Reh jubelte:

»Verehrungswürdiger Jo, ich möchte wieder Ihren Kopf zwischen diese Hände nehmen und in den schwarzen Ringeln Ihrer Haare wühlen -- aber es geht nicht mehr. Donnerwetter, wie erwachsen sind Sie!«

Von der andren Seite ritt Do zur Attacke: »Lassen Sie sich nicht von ihr in einen gefährlichen Uebermut hineinloben! Ich klatsche Ihnen von Herzen Beifall, aber Ihre gesunden Sinne sind nicht frei dabei gewesen -- haben Sie die Luft Ihres Hauses mit Heliotrop geschwängert, wie Sie das malten?«

»Nein.«

»Haben Sie dabei eine Toga aus Zindel getragen und sich Sandalen aus Rauschgold unter die Füße gebunden?«

»Unsinn! Meine Kniehosen hab' ich angehabt und die Bergsteigstiefel!«

»Natürlich,« sagte Do, »aber ich schwöre Ihnen: in vier Wochen sind Sie hysterisch, wenn Sie diese Husch als Modell behalten.«

»Nein, in vier Wochen reit' ich im Faschingszug,« sagte Jockele. Aber er strich sich über Stirn und Augen, als läge da das leise Gewebe einer Müdigkeit. Er reckte sich empor, daß seine Gelenke knackten, und er hätte in diesem Augenblick den Schleier des fremden Wesens vielleicht auch zerstoßen, wenn Maria Reh in Schweigen geblieben wäre. Aber sie erfaßte die Gelegenheit und führte neben Dos blankes Reiten drei spießig gesattelte ›Ueberhaupt‹. Die sahen aus wie Esel und malten die Wirkung des schneidigen Angriffs zuschanden.

Darüber ward Jakobus Sinsheimer rebellisch und forderte Sachlichkeit; denn nach der Erlaubnis, sich dieses oder jenes Modell wählen zu dürfen, hatte er nicht gefragt.

Do machte der Maria ihr Siegergesicht, und Jockele nahm sein Werk unter den Arm und empfahl sich höflich und aufrecht. Abends lernte er reiten.