Jockele und die Mädchen: Roman aus dem heutigen Weimar

Part 10

Chapter 103,833 wordsPublic domain

»Es steht hier ja mit nahezu unheimlicher Deutlichkeit, wie die Entdeckung des Schatzes vor sich gehen wird,« sagte er und pochte mit den Fingern auf die bedruckten Seiten, als gälte es, den Geist Dos, den stets verneinenden, für diesen Himmel zu gewinnen --

Doch kann ich nicht genug verkünden, Was überall besitzlos harrend liegt. Der Bauer, der die Furche pflügt, Hebt einen Goldtopf mit der Scholle, Salpeter hofft er von der Leimenwand Und findet golden-goldne Rolle, Erschreckt, erfreut, in kümmerlicher Hand ... Nimm Hack' und Spaten, grabe selber, Die Bauernarbeit macht Dich groß, Und eine Herde goldner Kälber, Sie reißen sich vom Boden los.

Er las in unablässigem Wandelgange so laut, daß Do hätte aufhorchen müssen, wenn sie im Garten gewesen wäre. Aber der Nebel kroch draußen über das Gras, zog seine Netze von Stamm zu Stamm und fing darin schlafmüde Blätter.

So oft Jo sich Doris Rinkhaus in den Lehnstuhl am wärmelnden Ofen dachte, hatte sie immer die gleichen mitleidlosen Augen.

Dann kam ein Tag, da schritt er ohne Buch durch die trauliche niedere Stube und wußte die Szene auswendig wie Erika Flucht. Aber die Freudigkeit der Gefolgschaft hatte er verloren.

An diesem Tage schrieb er an die ferne Erika Flucht: »Manchmal fällt himmelfrohes Leuchten in mich und ich grüße Sie in Ihr beseligtes Suchen. Aber zuletzt steht doch stets der Zweifel -- ich kann Ihnen nicht mehr helfen, verehrte Freundin; denn ich finde keinen Vers, der sich nicht viel müheloser anders deuten ließe als im Sinne Ihres wertvollen und interessanten Bemühens. Und doch: ich habe meinen Schatz gefunden, indem ich hinter dem Lichte wanderte, das Sie vor mir hertrugen -- sehen Sie zu, daß auch Ihnen Ihre Sehnsucht Erfüllung werde!«

Zwei Jahre später erhielt er ein Buch, das sie über diese Dinge geschrieben hatte. Es trug den Titel: »Das Vermächtnis« und er erkannte daraus, daß sie ihres Traumes Deutung nicht näher gekommen war.

Ihr Name wurde später noch oft von Do und ihm genannt, aber sie lächelten doch zuletzt über ihn hin -- ›im Finstern sind Mysterien zu Haus‹.

Leibhaftig gesehen hatte er Do nicht in diesen Tagen, die so schläfrig im Nebel herumliefen. Aber nun ging er des Mittags immer den breiten Gartenweg, und nicht mehr durch die Schlüpfe, und richtete seine Blicke bei jeder Heimkehr aus der Stadt gegen ihre Fenster.

Es lag immer die gleiche undurchdringliche Ruhe dort.

Da befiel ihn die Sorge, es könnte Do etwas zugestoßen sein. Er suchte vor der Tür in dem aufgeweichten Wege nach der Spur ihrer Füße und fand sie nicht. Er ging an einem Abend viermal hinaus und sah, ob Licht hinter den Fenstern ihres Zimmers wäre -- das Haus war gestorben. Er riß an dem Klingelstrange, daß die Glocke drinnen jäh aus ihrem Schlafe schreckte und Sturm läutete -- »Wenn sie jetzt kommt,« dachte er, »so sag' ich: ›ich wollte sie nur noch mehr ärgern, als dies schon geschehen ist‹ -- und dann frier' ich zu bis auf den Grund.«

Aber sie kam nicht. Da lief er gegen seine Gewohnheit in die Stadt, um eine ihrer Bekannten zu treffen. Vor jedem Menschen hatte er die Frage auf den Lippen: »Kennen Sie Doris Rinkhaus? Wo ist sie hingekommen?«

Als er beim Kaisercafé um die Ecke in die Schillerstraße einbog, war der Bummel der Weimaraner schon im Einschlafen. Die Rathausuhr schlug acht. Die Laternen spannten gelbe Brücken auf die glitschigen Steige, und was da in Regenzeug mit hochgeschlagenen Rockkragen dahinstapfte, waren »die nach Ladenschluß«. Nur aus dem Fauserschen Blumengeschäft bei dem Gänsemännchen brach noch ein verspäteter Strom Licht in den Nebel -- Gwendolin stand drinnen in Blüten und steckte sich gerade drei rote Nelken in den Gürtel!

Er hatte all die Zeit her nicht das leiseste Verlangen gespürt, sie über ihr Verhalten in Ettersburg zur Rede zu stellen. Nun, da nur die blanke Scheibe zwischen ihm und ihr war, prallte er zurück -- aber: »Träf' ich Dich nicht heute, träf' ich Dich ein andermal,« dachte er, sprang die Stufe empor und stieß hart gegen die Glastür; sie war geschlossen.

Da öffnete ihm Gwendolin --

»Wissen Sie, wo Doris Rinkhaus hingekommen ist?« fragte er.

»Aber ja,« sagte sie, »sie ist in Ibenheim! Und Sie wissen das nicht?«

»Nein. Was soll denn das heißen? -- Nun ja, wir haben doch noch vier Wochen Krieg miteinander.«

»Geschieht Ihnen recht. Halt, halt! Warten Sie, ich gehe mit Ihnen!«

Das war Gwendolin -- sie hatte ihn schon wieder in beiden Händen.

»Ich gehe nach Hause,« sagte er.

»Ich gehe mit,« sagte sie. »Warum haben Sie sich in diesen vier Wochen eigentlich nicht sehen lassen?«

»Vor Ihnen?«

»Natürlich vor mir! Aber diese Sache machen wir daheim ab. Los!« kommandierte sie.

Sie gingen über den Markt und gingen über die Sternbrücke. Als sie in den dunklen Fußweg nach dem Horn einbogen, sprengte ihr ein Lachen den Mund -- diesen Mund, der über seine rauchenden Sinne geblüht war wie die rote Seide des Feldmohns, wenn sie sich voll Sonne getrunken hat! Und Doris Rinkhaus in Ibenheim! Krieg auf Kündigung! Dazu Erika Flucht, die den Olympus durchwühlte, in den Goethe sein Vermächtnis eingeschwärzt hat ... Und das alles auf einem kleinen Zirkel Zeit und Erde! ... Jakobus Sinsheimer stand in der Mitte dieser verrückt gewordenen Drehscheibe, wirbelte sich um seine eigene Achse und bekam das wüste Sehen.

»Du,« sagte sie, »willst Du den ganzen Abend so zugenagelt sein? Rede!«

»Frage nur weiter,« sagte er -- »vielleicht rat' ich mich dann aus meinem Staunen heraus.«

Sie lachte, daß ihm das Herz klang.

»Verrückte Geschichte!« sagte er. »Und nun kommt das auch noch, sagt ›Du‹ zu mir und stattet mir einen mitternächtigen Besuch ab. Nimm Dich in acht vor mir!«

»Fällt mir ja gar nicht ein!«

Teufel, wie das lachen konnte! ... Jakobus Sinsheimer fing an, nachsichtig gegen sich selbst zu werden und dachte an vollkommene Verzeihung -- »das heißt,« erläuterte er laut, als ob sie seine Gedanken gehört hätte -- »ich selbst will mir verzeihen. Du bist hoffentlich vernünftig genug und verzichtest für Dich!«

Es knisterte und tropfte im Laubdache der Kastanien, und auf dem breiten Gartenwege lag mitternächtige Finsternis.

»Es ist schaurig einsam hier,« sagte Gwendolin und legte ihren Arm um den seinen; da fühlte sie, daß der von Holz war und ohne Bedürfnis, sich anzuschmiegen.

In der Türe des Hauses ließ er sie stehen und brannte die Lampe an, und Licht und Wärme nahmen ihr das Regencape ab --

»Ah,« sagte sie voll Rührung, »wie lieb hier alles ist! Und dahinein hast Du mich nicht ein einziges Mal gerufen?«

»Nein,« sagte er -- »der Name Gwendolin Vogelgesang ringelt sich aus dem Mund als eine Schlange und zischt, ehe er noch ganz hervorgekrochen ist! ... Ich weiß das leider erst seit diesem Augenblick.«

Sie setzte auch den braunen Hut ab, um den ein schmales Band aus schwarzem Glanztuch geschnallt war, und rückte sich den Lehnstuhl an den Tisch.

»Du, mach' eine Tasse Tee!« lockte sie.

Da holte er den Spirituskocher von dem Fensterbrett in der Kammer. Sie hörte, wie er draußen Wasser in einen Blechtopf goß, dann stellte er den ganzen Betrieb auf die Diele vor den Ofen und zündete an.

»Pfui, wie männermäßig und stimmungslos! Ich werde Dir morgen einen Samowar schicken, der kommt auf den Tisch, und Du läßt Dir des Abends etwas von ihm vorsingen, wenn ich nicht da bin.«

»Das klingt ja gerade, als wolltest Du wiederkommen?«

»Du lieber dummer Junge -- selbstverständlich will ich wiederkommen!«

Da legte er das Kinn auf die gelbgemusterte Tischdecke und sagte: »Gwendolin Vogelgesang! Gwendolin Vogelgesang! So -- jetzt kriechen zwei Schlangen auf dem Tische herum ... Ich wollte, Du entsetztest Dich davor -- vor Dir und Deinem Namen und vor Deiner bittersüßen Seele und vor Deinen Tollkirschenaugen.«

»Ich habe gar nicht gewußt, welch eine komplizierte Einrichtung ich bin,« sagte sie.

»Hm. Ich habe mir die Lippen abgewischt neulich in Ettersburg, weil ich auf dem Wege zu Dir Deine Küsse darauf gefühlt hatte.«

»Den Samowar kriegst Du aber doch; denn ... Sie sind einfach süß in Ihrer Dummheit, Herr Sinsheimer!«

Aber sie lachte nun nicht mehr, und es wurde ihr schwer, ihn anzusehen; sein Mund, der so wild und süßschmerzlich küssen konnte, verzog sich in gallebitterem Widerwillen. Sie hatte in ihrer sonnenseitigen Art über den Graben hinwegsetzen wollen, den sie gerissen -- nun war er breiter, als sie ahnen konnte, und Jockele stand drüben und reichte ihr keine helfende Hand.

Die kleine Uhr mit den Alabastersäulchen und dem gewölbten Glas über dem Zifferblatt rief mit heller Stimme neun -- es war die gleiche Glocke, die schon in Tante Veronikas Jungmädchenträume geklungen hatte ... Die mußten aus kleinen Rosen gewoben gewesen sein, aber die Gwendolins waren aus violettem Nachtschatten, der in jeder Dämmerung ein schwüles Leuchten anhebt und Perlen aus Granatrot und Gift trägt.

Jakobus nahm eine Tasse aus dem Schrank, füllte die kleine Meißener Kanne mit Tee und goß für Gwendolin ein. Da ging sie an den Schrank, nahm für ihn eine Tasse heraus und bediente ihn in der gleichen Weise.

»Heute gefällst Du mir,« lächelte sie so über ihn hin, »Du bist nicht nur dumm, Du bist auch tapfer.« Während sie die Teekanne abstellte, streifte sie ihm mit der Hand über das Haar -- »Du,« sagte sie, »warum rauchst Du nicht auf -- ich habe Dich nun schon dreimal dumm genannt!«

»Weil Du recht hast. Wär' ich sonst auf Dich hineingefallen?«

Auf dem Tische stand ein Strauß von Herbstgräsern. Den hatte die Aufwärterin zusammengetragen, und Gwendolin hatte ihre Nelken dazugefügt. Aus diesem Strauße zog er einen Halm Zittergras und tupfte ihr damit an die Lippen: »Walderdbeeren, die im Straßengraben wachsen,« sagte er.

Da wurde das hohe sonnige Mädchen leise, es gingen vier Lichter aus an dem siebenarmigen Leuchter ihrer Zuversicht. »Jockele,« sagte sie, »denkst Du, ich hätte Dir diesen Mund gegeben, wenn Du nicht voll Sehnsucht nach ihm gewesen wärst?« Sie zog mit dem Löffel das Muster der Decke nach und glitt sich sachte aus den Händen.

Er sprang auf und ging mit harten Schritten durch das Zimmer -- »Du hättest mich nicht so stumpfherzig verleugnen sollen -- dann wärest Du nicht so tief untergegangen für mich, Gwendolin,« sagte er; »denn Du bist nicht so arm, daß Du Dich selbst einem Bräutigam gegenüber nicht verteidigen könntest.«

Er ließ seine Augen nicht von ihr, denn sie war für ihn Komödie geworden. Aber sie schaute nicht auf. Dann sagte sie mit gesprungener Stimme: »Ich habe gedacht, es könnte Dir daran gelegen sein ...«

»Daß Du mich vor einem Kellner zu einem Narren machst?«

Da erschrak sie und stand auf und legte ihre Arme um ihn. Er wehrte sie ab --

»Jetzt hast Du mir mitten aufs Herz getreten,« knirschte sie und setzte sich voll Bitternis in den Stuhl. »Ich habe Dich für jünger gehalten, als Du bist.«

Da lachte er gell auf -- »Wär' ich älter, so hätt' ich Dich zur Dirne gemacht!« schrie er. »Aus! -- Und nun sage mir: was weißt Du von Doris Rinkhaus? Ich werde von ihr das Leben erlernen müssen. Macht es Dich nicht nachdenklich, daß ich mich nicht an ihren Mund wagen würde? An diese hellen, kühlen, sauberen Lippen! Doris Rinkhaus hat einmal gesagt: Wer den Glauben an die Menschen nicht verlieren will, muß den Verkehr mit ihnen nach Möglichkeit einschränken. Warum denke ich nun daran, da ich Dich vor mir habe? Was weißt Du von ihr?«

»Daß sie nach Ibenheim gereist ist und in dem Hause wohnen wollte, in dem einst Maria Reh gewohnt hat. Sie wollte wohl auch wissen, wo Du daheim wärst, und wollte mit Tante Veronika zusammensein, die sie sehr schätzt.«

Das war so ohne Verhehlungen hingesagt, daß er ganz ruhig daran wurde. -- Doris Rinkhaus hatte es sonst nicht leicht mit den Menschen, sie war hellsichtiger als alle ihres Alters, sie war fertig und selbstbewußt, und was ihr noch zu erleben blieb, nahm sie hin in der klaren Bewußtheit, mit der sie sich zu leben gewöhnt hatte. Sie machte sich ihre Tage selber.

Menschen solcher Art wachsen wenige und stehen fremd inmitten der zehntausend Schablonen, die um sie herumlaufen, und sie haben viele Feinde.

Gwendolin sagte: »Doris Rinkhaus ist eine kaltherzige Egoistin.«

»Nein,« sagte Jakobus, »sie ist blank und klar wie der volle Mond, der in der Hochnacht hängt.«

»Er wärmt nicht.«

»Das Bild war auch nicht klug gewählt,« sagte er -- »manchmal kann ich mir denken, daß sie über ein dürres Feld schreitet, und es fängt um ihre Schuhe an zu blühen. Aber es ist richtig: sie redet oft mit Menschen und ist doch weit weg von ihnen. Alle Mädchen müßten so sein wie sie, so königlich und klar. Sie ist ein Quell voll Erfrischung. Ihr andern habt nur Kleider und Sinne, aber sie hat eine Krone. Oh, wenn Ihr wüßtet, wie Ihr Euch erniedrigt mit Eurer dürftigen Rechnung auf das andere Geschlecht!«

Gedanken, die Do auf ernsten Wanderungen in ihn geworfen hatte, wollten sich in Helligkeit ringen, aber sie fanden den Weg nicht; denn Gwendolins Augen stellten sich vor ihn hin und fragten: »Was verstehst Du von diesen Dingen?« Und ihre schwüle Art, ihn anzusehen, machte ihn wieder unsicher an sich selbst.

»Du wirst nach Hause gehen müssen,« sagte er -- und sie: »Es ist schade, daß Du nicht zehn Jahre älter bist. Ich glaube, ich könnte Dich dann richtig lieb haben.«

Sie machte sich fertig, und er führte sie die Kastanienallee entlang und ging noch ein paar Schritte mit ihr draußen vor der Hecke.

»Du bist nun doch anders als andere, und ich hätte gegen Dich nicht so freigebig sein dürfen,« sagte sie. »Aber Du darfst mich deswegen nicht steinigen und meinen, ich allein trüge die Schuld. Vor solch einem feuerroten Aufblühen will ich mich aber in Zukunft hüten.«

Vom Tor aus sah er ihr noch einmal nach -- die Nebel schlugen über ihrem Schatten zusammen.

Er trat hochaufgerichtet in sein Haus und dachte, sie wäre nach seiner Aufforderung ohne Säumen gegangen, weil er von Do zu ihr geredet hatte, und wie die so schön und hoheitsvoll sei; gegangen aber auch deshalb, weil sie seine ehrliche Bitternis gefühlt hatte.

Dann holte er die Gedichte Goethes mit den Anmerkungen der Erika Flucht vom Regale. Da fiel ihm ein, daß es viele Mädchen leicht hätten, neben den suchenden Sinnen der jungen Männer dahinzuleben -- die heidegraue Norddeutsche mit dem Faustfimmel hatte keiner schön gefunden!

Es waren Gedanken, die er nie zuvor gehabt hatte; darüber ward sein Herz noch versöhnlicher gestimmt, und er fragte sich, ob er Gwendolin nicht unrecht getan hätte. »Nein -- nur quitt sind wir geworden,« sagte er. Und am anderen Tage konnte er sich über den Samowar in helle Glückseligkeit freuen.

Sie hatte den Kessel ganz mit Blumen überdeckt, aber sie hatte kein Wort dazu geschrieben.

Da suchte er sie während der folgenden Tage in der Stadt zu treffen. Wie er sie sah, traten sie sich ernst und freundschaftlich gegenüber, und ehe sie auseinandergingen, sagte er:

»Ich glaube, wir sind gar nicht von so unterschiedlicher Art der Herzen. Ich weiß jetzt: die meisten jungen Männer und jungen Mädchen vertändeln sich aneinander -- aber so zwei wie wir müssen darüber hinwegkommen. -- Wann besuchst Du mich?«

»Morgen abend -- wenn Du willst,« sagte sie.

Er hatte sich und sie besiegt.

Den Menschen in Weimar ist das Glücklichsein leichter gemacht als denen anderswo -- nicht, als ob sich die Steuerlokalkommission weniger anmaßend gebärdete -- o nein, sie hat genau so das Bewußtsein, daß sie zuletzt immer die Gefoppte sein könnte, und ist deshalb zur Vergeltung geneigt; genau so wie anderswo hat sie das Recht zum Pessimismus. Und nicht, als ob die Weimarer Bürger und Dichter, die den Hauptteil der Bevölkerung bilden, trockenen Fußes über die Straßen gehen dürften, wenn es schon seit zwei Wochen aufgehört hat zu regnen -- o nein, o siebenmal nein! Für diese Fälle hat sich ein ebenso eigenartiges als lustiges Verfahren herausgebildet. Regnet es, und es beabsichtigt trotzdem jemand aus einer der grünen stillen Vorstadtstraßen einen Ausgang, so wendet er sich zuvor an den Gemeindevorstand mit einer Eingabe und fordert die Beschotterung des Weges. Darauf erläßt der Stadtbaumeister ein Rundschreiben an alle Anlieger der Straße, ob sie für die Kosten der Instandsetzung aufzukommen gedächten. Wenn diese zurückgeschrieben haben, daß sie zu wenig Humor besäßen, um ein so vergnügtes Ansinnen auch nur zu erwägen, dann ist seit mehreren Wochen so trockenes Wetter, daß die Entnahme von Wasser aus der städtischen Leitung bei Strafe verboten wird, der beabsichtigte Gang in die Stadt kann ohne Lebensgefahr vorgenommen werden, und über die Eingabe, die bis auf weiteres inaktuell ist, wird zur Tagesordnung übergegangen.

Trotz alledem -- das Glücklichsein ist den Menschen in Weimar leichter als denen draußen; denn jeder treibt sich an dem andern rasch und fremd vorüber und fraget nicht nach seinem Schmerz. Es gibt keine aufdringlichen Nachbarn, und wer Neigung dazu verspürt, läßt sich leicht zu grußloser Begegnung bekehren. Man sieht sich in Weimar, aber man kennt sich nicht; und das ist ein Stück des Geheimnisses der Glückseligkeit. Man wohnt vergnügt wie in Ibenheim am Walde; denn Weimar ist die Stadt mit der unsterblichen Seele, und nicht nur, wenn der Mond Busch und Tal still mit Nebelglanz füllt, hält diese Seele ihre geheimnisreichen Umgänge und schauert um Herzen und Wege das Scheinen der Ewigkeit.

»Das Vermögen, in Einsamkeit glücklich zu sein, steht in geradem Verhältnisse zum inneren Reichtum eines Menschen,« hatte Doris Rinkhaus einmal zu Jockele gesagt. Das war zu einer Zeit gewesen, in der er noch nicht wußte, daß er zu denen gehörte, die Schmerz und Lust in Betrachtung übergehen lassen. Aber er hatte gefühlt: es war die Wegstelle, an der Tante Veronika und Do einander trafen.

Und nun war er längst zu der Erkenntnis gelangt, daß das Glück von Weimar sich ihm um so inniger ans Herz legte, je heimlicher er sich in die Stille dieser beseelten Gärten hineinlebte. Er war daheim wie in den himmelumdrängten Waldsäumen hinter dem Frühlingshause. Die Namen der Großen von Weimar blühten für ihn von allen Fenstersteinen, und er sah klingende Ewigkeit ranken um alle Giebel.

Er schaltete die Steinbrüche der Städte nicht einfach in das Dasein als Verirrungen verkümmerter Herzen und Geister, die das Bedürfnis haben, sich das Firmament der Sterne zu vermauern -- wie er einmal von einem Dichter hatte sagen hören -- aber er dachte: wie kann man seine Augen so der Sonne entwöhnen und seine Seele so dem jubilierenden Hochgesang der Erde! Wie kann man Gott absetzen und den Göttern der Gassen und Gossen dienen, solange noch Wälder ihre Arme lichtselig gen Himmel dehnen?

Ueber diese Erde ritt der Oktober in silbernem Rüstzeug mit goldenen Sporen. Er trug eine blaue Aster am Helm, und die Sonnenrosen lehnten sich über die Zäune und mußten seinen Weg bescheinen.

Doris Rinkhaus war wiedergekommen aus den bunten Wäldern der Berge und sah aus wie die Braut des silbernen Reiters: kriegsfroh und sieghaft -- sah aus, als liefe sie unter dem Schellenbaume der Militärmusik. Sie machte keine abwesenden Augen mehr, wenn sie aneinander vorübergingen -- sie wartete auf die rote Fahne, die Jockele aufzog, sobald sie in Sicht kam, und freute sich, wenn er als Feuersäule an ihr vorbeiloderte.

Er hatte nicht an Tante Veronika geschrieben, während Do in Ibenheim war. Und diese Tante war auch darin eine Ausnahme, daß sie von ihrem Jungen nicht einen Wochenbericht mit Speisenkarte und Wetteranzeige verlangte.

Am letzten Oktober abends war der Sturm in die spärlich belaubten Wipfel gestiegen und blies den Frieden über den Garten. Gwendolin war da, und während sie beim Tee saßen, brachte Maria Reh -- noch im Reisekleide -- die Einladung zum nächsten Morgenkaffee herüber aus dem Gartenhaus. Es war sehr lustig; denn Maria Reh hatte von den Dingen, die sich über Sommer zugetragen hatten, keine Ahnung. Und es wäre noch lustiger gewesen, wenn sie nicht den jungen Malschüler hätte begrüßen wollen, der für sie noch immer mitten in der Erinnerung des Waldspazierganges zum Berge der Frau Venus lebte -- nun war aus ihm ein junger Mann geworden, der seine Erlebnisse hatte, und der auf dem Wege zu einer Weltanschauung war.

Aus dem anderen Morgen wurde ein Vormittag und aus dem Kaffee ein Mittagsmahl. Die Aufwärterin Jockeles wurde in die Küche gestellt; denn die Damen konnten nicht abkommen. Es hatte sich ein halbes Leben während dieses Krieges im Frieden durch ihn hindurch gelebt, und er stand schon wieder hoch darüber auf einer heiteren Höhe, von der er sich die Welt unter ihm mit Humor betrachtete.

Do hatte, als die Kriegserklärung erfolgte, noch die erste Nacht von Ettersburg auf seinen Lippen leuchten sehen -- auf dem gleichen Munde, der sich zu dem begeisterungsvollen Ausspruche von der bevorstehenden Eheschließung mit Gwendolin hinreißen ließ.

Aber Doris Rinkhaus hatte keinen Verrat an ihm begangen, weder gegen die bunten Wälder von Ibenheim noch gegen Maria Reh; und auch er spielte nicht den Verräter; denn Gwendolin hatte sich Do an jenem Sonntag in Ettersburg nicht verborgen. Deshalb durfte er alle seine Erlebnisse berichten und schonte sich nicht.

Dieser erste November leitete Jakobus Sinsheimers wildes Jahr ein.

Zuerst verlor er Gwendolin. Sie kam noch ein paarmal, dann stürzte er sich in ein ausgelassenes Malen. An einem verschneiten Tage betraf ihn Maria Reh dabei, wie er Stöße bemalter Leinewand in den Schuppen hinter dem Hause trug -- um die Holzdieme im Zwetschengarten hatten sich Sturm und Winter gejagt, und die Schuppentüre lag hinter einer Schneelast. Da wühlte er sich Bahn und warf alle Landschaften der anderen Zeit zu Staub und Moder. Dann verfiel er in einen unwirschen Fleiß und verlernte darüber zu lachen und zu reden. Er sah die Freundinnen aus dem Gartenhause tagelang nicht, wußte nicht, was sie trieben, und es kümmerte ihn nicht, ob sie daheim oder verreist waren. Er verbrachte Wochen in der Akademie, er verbrachte lange Tage in der Büchereinsamkeit seines Hauses. Es gingen alte und junge männliche Modelle darin ein und aus, und es kam auch ein ganz junges blondes Mädchen der Armut mit einem Madonnengesichte. Die hatte ihm die Aufwärterin zugeführt.

Danach entließ er die Frau und hatte die jungen sechzehn Jahre der Husch um sich; die behauptete, sie wäre auf diesen Namen getauft.

Er gebot über ihre junge unterwürfige Jugend wie er wollte. An ihrer sanften Schönheit sannen sich seine Augen in Träume wie vor dem Bilde des Mondes; und die Kümmernis ihrer Jugend erbarmte ihn. Sie lebte sich in ihn und das kleine Haus hinein als in ein fremdes schönes Glück und litt an der Ahnung, der Märchenglanz werde vergehen, wenn der Schatten von Menschen darüberfiele.

Da geriet sie in eine eifersüchtige Wachsamkeit und haßte Doris Rinkhaus, daß sie zitterte, wenn ihr Name von ihm genannt wurde, und daß sie in Tränen ausbrach, wenn Jakobus drüben im Gartenhause war.

Einmal hatte er mit Do verabredet, Husch sollte für die Damen und ihn in der Küche drüben die Mahlzeiten bereiten, aber sie war nicht dazu zu bringen -- »Fordere, daß ich in den Winternächten an der Erde vor Deinem Bette schlafe oder draußen beim Holz,« flehte sie, »aber beschütze Dich und mich vor jener!«

Da machte sie aus dem kleinen Schuppen eine armselige Küche und wirtschaftete darin und aß dort, wenn er nicht daheim war. Des Abends ging sie über den Wall nach Hause, sie bewohnte mit ihrer Mutter eine Mansarde in der Musäusstraße, und war früh vor Tag wieder da und wartete, daß er über sie befahl. Sie waltete in dem Häuschen mit blumenhafter Stille und Hingabe an die Sonne, die darin für sie schien, und dachte: »Wenn diese Sonne untergeht, muß ich sterben.«