Jeremias: Eine dramatische Dichtung in neun Bildern

Part 9

Chapter 93,939 wordsPublic domain

Was geruhet die Gnade des heidnischen Königs ...

ABIMELECH (hart unterbrechend):

Die Frage der Vorsicht zuerst! Wie ist dein Name?

BARUCH:

Baruch bin ich, der Sohn Sebulons, aus dem Stamme Naphtali.

ABIMELECH:

Unseres Blutes nennst du dich?

BARUCH:

Ich bin Diener des alleinigen Gottes, und zu Jerusalem steht meiner Väter Haus.

ABIMELECH:

Ist einem Kenntnis dieses Mannes?

PASHUR:

Seinen Vater kenne ich, rechtlich ist er, ein treuer Diener des Herrn.

ABIMELECH:

Wie fielest du in des Feindes Hand?

BARUCH:

Ich war gegangen, Wasser zu holen vom Brunnen Moria. Da faßten sie mich von den Schultern her und griffen mich.

ABIMELECH:

Und wie weisest du, daß du sein Bote bist? Ist geschrieben Zeugnis dir gegeben, gesiegelte Schrift?

BARUCH:

Er ließ seinen Ring an meine Hand tun, daß ich kenntlich sei seinen Kriegern für Eingang und Widergang. (Er hebt die Hand mit dem Ringe.)

ABIMELECH:

Ich habe keine Frage mehr. Er rede seine Botschaft.

BARUCH:

Da mich die Krieger griffen vor dem Tore, schleppten sie mich in des Königs Zelt. Sie führten mich vor sein Angesicht und frugen, ein Ebräer sei gefangen und ob sie mich vom Leben zum Tode bringen sollten. Doch der König wehrete ihnen und hielt mich elf Monde bis zum gestrigen Tage, da er mich frug: »Willst du Botschaft bringen an den König Zedekia?« Ich stund vor ihm ohne Furcht und sagte, daß ich willens sei. Da sprach Nabukadnezar: »Elf Monate lagere ich hier vor der Stadt, und ich habe geschworen, nicht eher zu weichen und bei einem Weibe zu liegen, bis diese Tore sich auftun vor mir. Doch nun ist des Harrens nicht länger. Lange habt ihr mir widerstanden, doch nun reifet der Zorn in mir: fürchtet seine Frucht! Will der König sich bedenken, so möge er eilen. Kein Volk hat mir besser widerstanden, gegen keines will ich milder sein, so ihr euch eilet, die Gnade zu nehmen.«

ABIMELECH:

Nabukadnezar ist ein großer Krieger. Ehre ist es, ihm widerstrebt zu haben elf Monde lang.

BARUCH:

Und er sagte ferner -- die Krone trug er zu Häupten, wie ich nie eine gesehen, funkelnd von Gold und Edelgestein: »So ihr die Tore noch auftut und euch beugt, ehe der volle Mond sich neut, will ich euch das Leben lassen. Jeder möge seines Weinstocks pflegen und in Frieden von seinem Feigenbaume essen. Ich will nicht Blut von euch, obzwar ihr Blut vergossen, ich will nur den Ruhm und den Sieg. Ich will, daß die Völker von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang des Neuen gewahr werden, daß kein Trotz ist wider mein Schwert, der nicht zerbräche, und kein König, der mir sich nicht beugete, dem König der Könige. Des will ich ein Zeichen, und dauern möge eure Stadt und eure Tage.«

NACHUM:

Milde dünkt mich die Botschaft.

PASHUR:

Zu milde, als daß ich ihr traute.

ZEDEKIA:

Doch das Zeichen! Welches Zeichen fordert Nabukadnezar?

BARUCH:

Er sagte: Also sprich mein Wort zu Zedekia: »Ich habe die Krone gelassen auf deinem Haupte, weil sie ein Kind war der meinen, ein Kind meiner Gnade. Doch du hast aufgereckt dein Haupt wider mich, so mußt du wieder es beugen; du warst König durch meine Gnade vordem und sollst es wiederum werden durch meine Gnade, doch meinem Zorne mußt du zuvor Buße tun und deiner Hoffart.«

ZEDEKIA (ruhig, sehr langsam):

Was fordert König Nabukadnezar von mir, daß ich tue?

BARUCH:

Er sprach: »Der aufstand wider mich, muß sich beugen, und der die Stirne reckte wider mich, dessen Rücken will ich sehen. Wenn ich einschreite durch das Tor, soll Zedekia mir entgegengehen vom Tor des Tempels bis zum Walle, die Krone in Händen und ein hölzern Joch auf seinem Nacken ...«

ZEDEKIA (auffahrend):

Ein Joch?

BARUCH:

»Ein Joch, auf daß alle gewahr werden, daß sein Starrsinn gebrochen sei und sein Hochmut sich beuge. Und ich will ihm entgegengehen und das Joch nehmen von seinem Nacken und die Krone wieder setzen auf sein Haupt.«

ZEDEKIA:

Nie wird das Haupt eine Krone tragen, des Nacken ein Joch gefühlt. Niemals! (Er steht auf.)

ABIMELECH:

Nie werde ich es dulden. (Er steht gleichfalls auf.)

(DIE ANDERN bleiben schweigend sitzen.)

NACHUM (endlich nach einer langen Pause nachdenklich):

Vom Tor des Tempels sagte er, bis zur Mauer der Stadt?

PASHUR:

Hundert Schritte kaum sind es ... nicht mehr ...

IMRE:

Nicht siebenzig sind es ... nicht siebenzig ...

ZEDEKIA (sich umwendend in Zorn):

Die Schritte zählet ihr schon, die ich tun soll, den Nacken unter das Joch gespannt wie der Stier vor dem Pflug? Ist Wahnsinn in euch gefahren, daß ihr meint, ich würde mich beugen? Wart ihr nur mutig mit mir, solange es euer Leben galt und euer Gespartes, und nun, da der Freche euch befriedet, verschachert ihr meine Schmach? Feiglinge seid ihr ...

PASHUR:

Mit deinem Eide hast du gelobt, mein König, daß jeder frei vor dir sage, was sein Herz ihm gebietet.

ZEDEKIA:

Zum rechten erinnerst du mich. Verzeih meinem Blute. Sprecht frei nach eurem Herzen.

NACHUM:

Hart ist Nabukadnezars Heischung, doch härter die Not. Man möge ihm willfahren. Nicht aber meine, daß wider deine Ehre ich rede, mein König. Habe ich bislang mich gebeugt in Ehrfurcht vor dir, so will ich noch tiefer mich neigen vor dem, der die Not des Volkes auf den Nacken genommen, der sich erniedrigt, auf daß Israel erhöhet sei. Denn wahrlich, Königstat ist es, zu leiden für sein Volk.

PASHUR:

Und ich, mein König, neide dir deine Stunde. Denn selig ist es, zu leiden für seine Brüder. Siebenzig Schritte hast du unter dem Joche zu gehen, und Siebenzigmaltausend rettet dein Schreiten.

ZEDEKIA:

Leicht ist euch, was mir Tod ist. Alle, alle wider mich! Und du, Hananja?

HANANJA:

Ich schweige, mein König. Dein ist die Tat!

ZEDEKIA:

Schweigst du jetzt, Profet! Noch sind die Ohren mir voll deiner Verheißung. Alle, alle wider mich in der Not! So wollt ihr mich zwingen?

ABIMELECH:

Ferne sei es uns, zu zwingen den Gesalbten des Herrn. Frei walte sein Wille!

ZEDEKIA:

Frei! Schicksal habt ihr geladen auf mein Leben, und nun ich stöhne und stürze, tretet ihr abseits und laßt mich ihm allein. (Er geht auf und ab, dann tritt er wieder zum Fenster.) Mauern und Türme, Häuser und Lager, alles, alles auf mein stöhnend Herz, Schicksal von Tausend auf Tausend gehäuft auf mein Leben! Wie das tragen, ohne hinzusinken, wie es ertragen! (Er geht wieder auf und ab. Plötzlich:) Noch einmal wägt euern Beschluß, prüfet bis ins Mark euer Meinen. Ist es euer aller Geheiß, daß ich unter das Joch trete für Israel?

(ALLE schweigen. Dann sagt:)

NACHUM (als erster):

Ich flehe dich an, daß du es tuest für uns und unsere Kinder.

IMRE:

Für die Stadt und das Land.

PASHUR:

Für den heiligen Tempel und den Altar.

HANANJA:

Für Gott, der es heischt von dir.

(ABIMELECH schweigt und birgt sein Gesicht.)

ZEDEKIA (geht wieder auf und ab. In ihm wogt ein innerer Kampf. Endlich tritt er vor. Seine Stimme ist ernst und feierlich):

Ich will tun, wie ihr gebietet. Ich will meinen Stolz nehmen und ihn zerbrechen wie ein Rohr, ich will das Joch nehmen auf mein Haupt.

(ALLE wollen erregt sprechen. Er winkt ihnen, zu schweigen.)

ZEDEKIA:

Ich will die Krone nehmen von meiner Stirne und sie darbieten mit den Händen, wie jener es gebot. Aber heilig ist die Krone Israels, und kein Haupt soll sie tragen, dessen Nacken ein Joch geschleppt. So ich abgetan von mir das Holz der Schmach, tue ich auch ab Zepter und Ring von mir in meines Sohnes Hand. Jung ist er, doch ihr werdet ihn beraten. Schwöret ihr, daß ihr Treue bietet, daß ihr das Volk ihm zuscharen werdet und ihn kleiden mit Krone und Ring an meiner Statt?

PASHUR (ergriffen):

Ich schwöre es, mein König.

IMRE, HANANJA, NACHUM:

Wir schwören es.

ABIMELECH:

Wie ein König hast du getan, Ruhm deinem Namen!

NACHUM:

Ewiges Gedenken dem König Zedekia.

ZEDEKIA:

So mögen stehen die Mauern und die heilige Burg, wenn ich hinsinke in Staub; besser ich, denn die Stadt. Ewig währe Jerusalem!

ALLE (begeistert):

Ewig währet Jerusalem!

ZEDEKIA (zu Baruch):

Du hast gehört, Knabe! So gehe hin zum Könige und sage ihm an: Zedekia, der Herrscher war und aufstund wider ihn, beuget sich vor ihm, auftun sich die Tore seiner Gnade. Gehe hin und eile, denn es drängt mich, bald vor die Tür meines Hauses zu treten und es dem Volke zu sagen das köstliche Wort: Friede.

BARUCH (unruhig, leise):

Ich höre, mein König. Doch eines noch hieß der König mich melden, eines noch heischt er von uns.

ABIMELECH (auffahrend):

Noch mehr? Genügt ihm noch nicht diese Schmach?

BARUCH:

Ein Geringes nur nannte er es. Doch mich dünkt es groß.

ZEDEKIA:

Was fordert sein Stolz noch mehr?

BARUCH:

Er sprach: »Ich will nehmen das Joch vom Nacken des Königs und die Krone wieder legen auf sein Haupt. Und er möge zu meiner Linken gehn, damit man erkenne, daß ich ihn ehre als meiner Krone Geschwister und Kind. Aber noch einer ist in euern Mauern, von dem die Völker sagen, daß er mächtiger sei denn alle, und diesen verlangt es mich, zu sehn. Sie sagen, ein Gott sei in euern Mauern, dessen Blick ihr berget vor den Menschen hinter zeltenen Wänden und den keiner ertrüge zu schauen. Aber fremd ist mir Furcht, und ich will vor ihn treten, daß ich ihn kenne. Ich werde nicht rühren an seinen Altar, nicht fassen nach seinem Brote, nicht gieren nach seinen Schätzen. Einlaß nur heische ich von euch, denn es lüstet mich, den zu kennen, der gewaltiger wäre als ich.« So sagte Nabukadnezar.

PASHUR:

Niemals! Niemals!

HANANJA:

Die Flamme des Herrn möge ihn fressen, den Frevler!

PASHUR:

Lieber in Staub den Tempel als entweiht!

IMRE (bestürzt):

Das Allerheiligste heischt er zu sehen! Furchtbar ist das Verlangen!

PASHUR:

Frevel ist es und heidnischer Hochmut! Sende heim den Boten, mein König, sende ihn heim!

HANANJA:

Sende ihn heim! Nie darf dieses geschehen!

NACHUM:

Übereile nichts, mein König. Wir sind entboten, eines Volkes Wohl zu erwägen.

ABIMELECH:

Tausend Tode lieber als diese Schmach.

PASHUR:

Und ich sterbe mit euch! In eurer Mitte, ihr Krieger!

HANANJA (wild):

Sende ihn heim, König. Lieber Tod als diese Schmach!

IMRE:

Wie ihr doch redet vom Sterben! Wie leicht werft ihr das Wort! Siebenzigtausend tötet euer Trotz, bedenket es, ihr Eilfertigen!

PASHUR:

Willst du es preisgeben, Gottes Heiligtum?

IMRE:

Auch das Leben ist ein Heiligtum von Gott, Gott selbst ist das Leben. Warum überhebst du dich, Gottes Anwalt zu sein?

HANANJA:

Es wäre Schmach ohne Ende und Triumph vor den Heiden, ginge er hin und sagete: Ich habe Jahwes Antlitz gesehn.

NACHUM:

Mögen sie jauchzen, unsere Feinde, möge vergehen unser Stolz. Doch die Stadt möge überdauern unsern Stolz und unser Leben. König, mein König, errette Jerusalem!

HANANJA:

Nein! Sende ihn heim! Sprich das Wort! Sprich das Wort!

ZEDEKIA:

Ich bin die Hand nur, die wägt. Mein eigen Herz halte ich nieder. Eilet, entscheidet, zählet die Stimmen! Zählet und eilet, daß ein Ende sei im Bösen oder im Guten.

IMRE:

Der Älteste bin ich und sage: man erfülle Nabukadnezars Gebot.

HANANJA:

Man erfülle es nicht. Gott wird uns helfen.

PASHUR:

Ich schachere nicht um Gottes Antlitz. Niemalens diesen Frevel!

NACHUM:

Gottes Stadt für ewig. Man sende den Boten.

ZEDEKIA:

Und du, Abimelech?

ABIMELECH:

Nicht dein Berater bin ich, mein König, dein Diener bin ich und dein Schwert. Bei ja und nein, in Leben und Tod steh ich zu dir.

ZEDEKIA:

Zwei Stimmen gegen zwei und in mir selbst sind zwei Stimmen! Widerstreit um mich und Widerstreit in mir! Wie soll ich entscheiden? Weggestoßen habe ich meinen Willen und euch zugeworfen, doch wie das Meer schleudert ihr ihn mir zurück und schauernd halte ich ihn in Händen. Muß ich selbst sie werfen, die Würfel, die fürchterlichen?

PASHUR:

Gott wird dich erleuchten!

ZEDEKIA:

Daß er doch spräche zu mir! Oh, selig die Ahnen, denen er sich noch auftat im Gewölk! Ich habe ausgereckt meine Hände nach ihm und mein Herz, doch verschlossen sind mir seine Himmel. Im Dunkel tappe ich, und meine Hände greifen nur Ungewisses. Betet für mich, daß ich das Rechte finde!

NACHUM:

Unsere Liebe ist mit dir, mein König!

ZEDEKIA:

Die Sterne werden blaß, und ehe die Nacht sich wendet, muß ich ja sagen oder nein, und vielleicht ist nein ja und ja ist nein. Möge Gott mich erleuchten. (Er steht auf, alle erheben sich.) Lasset mich allein! Euer Zwiespalt mehrt nur den meinen. Ich werde entscheiden, wie mein Herz mir sagt, und vielleicht, ehe ihr heimkehret, ist der Spruch gefallen; wie in Kindesnot die Gebärerin, krümmt sich mein Herz, daß es das Rechte gestalte. Betet, ihr Freunde, betet, daß ich das Rechte erwäge für Israel! Betet für mich, betet für Jerusalem!

PASHUR:

Gott möge dich erleuchten! Mein Auge wird nicht den Schlummer sehen, ehe du entschieden. Ich harre vor dem Altare!

HANANJA (im Abgehen):

Gedenke Gottes!

NACHUM (gleichfalls):

Gedenke der Stadt!

IMRE:

Gedenke der Kinder, gedenke der Frauen!

ABIMELECH:

Du findest mich bei dir in Leben oder Tod.

(ALLE gehen ab. BARUCH allein ist wartend stehen geblieben.)

BARUCH (leise):

Soll ich mit ihnen, mein König?

ZEDEKIA (aus seinen Gedanken auffahrend):

Wie sagst du? (Sich erinnernd): Nein, du bleibst!

(BARUCH bleibt wartend in der Nähe der Türe stehen. ZEDEKIA beginnt unruhig auf und ab zu gehen. Er blickt auf die Stadt, starrt lange hinaus, wandert wieder auf und nieder. Dann wendet er sich plötzlich scharf um.)

ZEDEKIA:

Noch heute fordert Nabukadnezar mein Wort?

BARUCH:

Noch heute! Denn morgen neut sich der volle Mond.

ZEDEKIA (geht wieder auf und ab. Dann plötzlich):

Du bist vor seinem Antlitz gestanden! Sprach er vor vielen mit dir oder im geheimen?

BARUCH:

Er ließ mich in sein Gemach entbieten. Nur sein Schreiber war gegenwärtig und sein Vertrauter.

ZEDEKIA:

Und wie war seine Weise, da er zu dir sprach?

BARUCH:

Stolz schien mir seines Wesens Art vor allem. Er sprach gütig zu mir und schien sich zu freuen, daß er so gütig zu sein vermochte; und da die andern ihn deshalb priesen, sonnte er sich in ihrem Wort.

ZEDEKIA:

Und da er drohete, wie war er?

BARUCH:

In Finsternis hüllte er sein Gesicht und stampfte mit dem Fuße. Aber ich merkte, daß auch dies nur getan sei, daß man vor seiner Größe schaudere und ich Botschaft brächte seines Zorns.

ZEDEKIA:

Und frug er dich nach mir?

BARUCH:

Sein Vertrauter wollte mir Kundschaft ablocken, er aber duldete es nicht.

ZEDEKIA:

Hoffärtig ist er und sein Trotz ein Gewitter über unsern Häupten. Aber ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte ihn nicht. (Er geht auf und ab.) Keine Frage hat er getan nach mir?

BARUCH:

Nein, mein König.

ZEDEKIA:

Nichts sind wir ihm, ein Häufchen Staub unsere Mauern. Aber er möge Trotz finden für sein Trotzen. Elf Monde stößt seine Stirne gegen unsere Wälle, und kein Lächeln sind wir ihm wert. Für ein Wort bin ich ihm zu gering und für einen Atem die Stadt. Aber noch ist mein Joch nicht geschmiedet, noch stehen die Mauern Jerusalems. (Er geht heftiger auf und ab.) Noch heute, sagst du, verlangt er die Botschaft, noch heute?

BARUCH:

Morgen neut sich der volle Mond.

ZEDEKIA:

Warten haben wir ihn gelehrt, und noch immer hat er es nicht gelernt. Nicht bin ich der Springer seiner Ungeduld, nicht seiner Launen Ball. Will er nicht warten länger als einen Tag, so soll er warten lernen Wochen und Monde. (Sich aufrichtend.) Noch heute bringst du Botschaft an Nabukadnezar! Melde ihm ...

BARUCH (erschreckt):

Mein König! Nicht im Zorne entschließe dich!

ZEDEKIA (ganz starr vor Erstaunen):

Was erkühnst du dich?

BARUCH (flehend):

Mein König, ich sah den Grimm auf deinem Antlitz und erschrak vor der Botschaft.

ZEDEKIA:

Was maßt du dir an? Nicht in mein Antlitz hast du zu schauen, sondern Worte zu bringen. Und ich befehle dir ... Warum zitterst du?

BARUCH:

Furchtbar ist es, Bote zu sein harter Botschaft.

ZEDEKIA:

Hast du Furcht, sie Nabukadnezar zu bringen?

BARUCH:

Nicht ihn fürchte ich -- ich fürchte die Botschaft.

ZEDEKIA (erstaunt):

Was fürchtest du?

BARUCH:

Wider uns wird sie fahren, die Flamme deines Zorns! (Plötzlich in die Knie stürzend:) König, mein König, nicht im Zorne entschließe dich, rette, rette die Stadt!

(ZEDEKIA ist in höchstem Erstaunen zurückgetreten.)

BARUCH:

Ich flehe dich an auf den Knien, rette Jerusalem, rette Jerusalem! Recke aus deine Hand, daß sie den Frieden fasse, sonst stürzen die Mauern und sinkt der Tempel in Staub. König, mein König, tu auf die Tore, tu auf dein Herz!

ZEDEKIA (grimmig):

Tu auf die Tore, tu auf dein Herz -- ich kenne dieses Wort. Nicht du sprichst zu mir, du Frecher. Es ist einer hinter dir, der redet wider mich ...

BARUCH:

Niemand, mein König: ich flehe aus der Tiefe meiner Angst. Wahrheit will ich dir sagen. Nicht gefordert hat mich Nabukadnezar zu sich, ich sah, daß zögerten die einen und die andern zum Frieden; da ging ich hin zu ihm freien Herzens, daß ich das seine erweichte. Sein Gewand faßte ich an und flehte, elf Monde, Tag für Tag, bis er mir Botschaft gab an dich.

ZEDEKIA:

Das hast du getan? Ein Knabe, ein Kind, bist du gegangen, während wir sprachen und rieten, bist du gegangen zum König der Könige, um Frieden zu holen?

BARUCH:

So habe ich getan in meines Herzens Not, mein König.

ZEDEKIA (ihn lange ansehend; plötzlich scharf):

Nicht du hast diese Tat ersonnen, nicht du!

BARUCH:

Niemand hat mich sie geheißen.

ZEDEKIA:

Das ist nicht wahr. Kein Knabe sinnt solche Taten aus.

BARUCH:

Ich schwöre, mein König, ich tat es allein. Unwissend war er ihrer, nicht hat er sie befohlen noch gebilligt.

ZEDEKIA:

Wer ist dieser, der dir gebietet?

BARUCH (ausflüchtend):

Mein Lehrer, mein Meister.

ZEDEKIA:

Wer ist dein Meister, frage ich, wer gebietet den Knaben in dieser Stadt?

BARUCH:

Gottes Diener und Profet ist mein Meister -- Jeremias.

ZEDEKIA (ausbrechend):

Jeremias! Er, immer er! Immer der Schatten hinter meiner Tat, immer in Aufruhr wider mich! In den Kerker habe ich ihn verschlossen, aber noch immer schreit er zu mir wie am ersten Tage: Friede, Friede! Was drängt er sich vor? Was will er mich verwirren, was quert er meinen Weg? Wo ich mich wende, ist auch er, im Palast, in der Stadt, und durch seine Boten wirft er sich auf wider mich. Was verfolgt er mich?

BARUCH:

Du irrst, mein König! Jeremias liebt dich mehr, denn einen andern dieser Stadt.

ZEDEKIA:

Ich brauche seine Liebe nicht, ich speie sie an und zerblase seinen Zorn! Wer ist er, daß er wagt, mich zu lieben? Darf einer aufstehn in der Gasse und künden, er liebet mich oder liebet mich nicht? Was stößt er sich zwischen mich und meinen Entschluß? Will er mehr sein als ich? Ich bin der König, ich allein! Möge er schreien: Friede, Friede! nicht seine Hand hält Jerusalems Geschick. Ich bin der König, und nicht rühmen soll er sich, er habe mich geschreckt mit seinen Träumen. Eher sinke die Stadt, als daß sie gerettet sei durch Jeremias! (Zu Baruch): Du gehst zu Nabukadnezar und sagest ihm an: Nie wird Zedekia ein Joch tragen, nie hebt er den Vorhang des Heiligsten. Möge er kommen mit seinen Völkern, Zedekia ist ihm bereit.

(BARUCH, im Schrecken beide Hände hebend, will sprechen.)

ZEDEKIA:

Kein Wort! Und bringst du die Botschaft nicht, so fällt Jeremias Haupt. Zweimal habe ich seines Lebens geschont, doch zu Ende ist meine Milde. Nicht will ich Richter hinter mir und Schatten hinter meiner Tat, ich will sterben als König zu Jerusalem.

(BARUCH hebt noch einmal die Hände.)

ZEDEKIA:

Ein Wort dawider, und sein Haupt sinkt hin. In deinen Händen ist meine Botschaft, ist Jeremias Haupt. Geh! Ich befehle dir: geh!

(BARUCH bleibt noch einen Augenblick stehen, dann verhüllt er sein Antlitz und wendet sich ab.)

ZEDEKIA (hat sich drohend aufgerichtet gegen den Zögernden. Wie Baruch abgeht, fällt sein ausgereckter Arm nieder wie zerbrochen, sein Antlitz verdüstert sich wieder von neuem. Plötzlich sich aufreckend):

Vorbei! Ein Ende, ein Ende! Nur nicht mehr die Qual! (Er geht wieder auf und ab, hebt den Vorhang und sieht lange stumm sinnend auf die Stadt. Endlich stampft er zweimal mit dem Fuße.)

DER KNABE SCHWERTTRÄGER (erscheint):

Mein König?

ZEDEKIA:

Wein! Bring mir Wein! Ich will schlafen, schwarz und tief, schlafen ohne Träume!

(DER SCHWERTTRÄGER bringt hastig einen Krug und füllt den silbernen Becher. Zedekia stürzt ihn gierig hinab. Sein Gesicht wird wieder unruhig.)

ZEDEKIA:

Wer ist draußen im Gange? Ich höre einen Schritt. Ist der Späher nicht gegangen, zögert er noch?

SCHWERTTRÄGER:

Er ist gegangen, Herr! Der draußen wacht, ist mein Bruder Nehemia.

ZEDEKIA:

Er soll nicht so laut schreiten des Nachts vor meinem Schlafgemach. Ich will nichts hören um mich. Ich will schlafen. Auch ich will schlafen wie die andern.

SCHWERTTRÄGER:

Es soll geschehen, Herr! (Er schlägt die Vorhänge des Pfühles auseinander und verhüllt die Ampel. Nur ein trüber Schein von Mondlicht glänzt in den Raum.)

SCHWERTTRÄGER:

Soll ich dir noch lesen aus den heiligen Büchern, mein König, wie gestern und ehetags?

ZEDEKIA:

Aus den Büchern?... Nein, laß die Bücher, auch sie wissen nicht Rat. Ich will schlafen, schlafen einmal wie die andern. Meine Lider brennen, und mein Herz brennt mit.

SCHWERTTRÄGER (hilft ihm aus dem Obergewand. Zedekia wirft sich auf das Ruhelager):

Gott schütze deinen Schlummer, mein König.

(ZEDEKIA breitet sich hin.)

(SCHWERTTRÄGER ruft Nehemia. Sie stellen sich schweigend ins Dunkel zu Häupten des Bettes, reglos auf ihre Lanzen gestützt. Die Lampe ist ganz verhüllt, nur das Fenster wirft Mondlicht auf den Teppich zu Füßen des Pfühles. Riesengroß stehen die Schatten der Wachenden an der Wand. Es ist ganz still. Man hört aus dem Hofe jetzt das leise plätschernde Rauschen eines Springbrunnens. Sonst ist alles wie erstorben. Die beiden rühren sich nicht. Die Zeit fließt stumm weiter.)

ZEDEKIA (plötzlich wild aufspringend und sie anfahrend):

Was flüstert ihr miteinander? Habe ich nicht Stille befohlen?

SCHWERTTRÄGER (erschrocken):

Wir sprachen nichts, mein König.

ZEDEKIA:

Aber es spricht jemand! Wer dringt in meinen Schlaf, wer frißt an meinem Schlummer? Sie sollen schlafen jetzt alle, alle, damit ich schlafen kann! Ist jemand noch wach in den Nebengemächern?

SCHWERTTRÄGER:

Niemand, mein König. Niemand ist wach mehr im Hause.

ZEDEKIA:

Niemand ist wach mehr, nur ich, nur ich! Warum auf mich alle Last, die Mauern der Stadt und die Türme der Sorgen? Wein, gib mir Wein!

(SCHWERTTRÄGER gibt ihm wieder den Becher, Zedekia stürzt ihn hastig hinab und schleudert ihn weg. Er stöhnt und legt sich wieder auf das Ruhebett. Wieder wird es ganz still. Wieder hört man durch die Stille das Rauschen des fernen Springbrunnens. Es ist ein leises Tönen davon in der Luft, einlullend und geisterhaft. Reglos stehen die Schatten der beiden Wächter, dunkel im Dunkel. Wieder rinnt Zeit vorbei.)

ZEDEKIA (der reglos gelegen, richtet sich im Dunkel ganz leise auf. Wie ein Tier im Ansprang, krümmt sich sein Körper in der Anstrengung des Lauschens, er krampft sich immer mehr zusammen, und plötzlich schreit er heftig):

Es spricht! Es spricht! Es spricht hier von irgendwo. Ich höre eine Stimme, ich höre, ich höre sie. Und es soll niemand jetzt reden in meinem Haus. Wie Gesang tönt es her, es soll niemand jetzt singen in meinem Haus. Hört ihr es, hört ihr es nicht?

SCHWERTTRÄGER:

Ich höre nichts, mein König!

NEHEMIA:

Nichts habe ich vernommen ...

ZEDEKIA (sieht beide starr an, dann krümmt er sich wieder auf seinem Lager zusammen, horcht und plötzlich wieder losbrechend):

Und doch! Es spricht! Es spricht! Es spricht ohne Ende! Hieher, Schwertträger, hier, unter meinem Ohr. Wie ein Maulwurf wühlt es im Schwarzen meines Schlafes und frißt meine Ruhe. Hörst du, hörst du es nicht?

SCHWERTTRÄGER (lauscht. Es ist einen Augenblick ganz still. Dann schaudernd):

Ich höre eine Stimme. Aus der Tiefe dringt sie empor!

ZEDEKIA:

Ah, du hörst sie auch!

SCHWERTTRÄGER (schaudernd):

Es tönt wie Gesang. Die Geister der Tiefe sind wach unter dem Haus. Es klagt und stöhnt wie ein gefesseltes Tier.

NEHEMIA:

Vielleicht ist es Wind, in eine Spalte verfangen?

ZEDEKIA: