Jeremias: Eine dramatische Dichtung in neun Bildern
Part 6
(DER KÖNIG ZEDEKIA erscheint, begleitet von Abimelech und einigen seines Gefolges, auf seinem Rundweg um die Mauern. Er ist ungerüstet und barhäuptig, im weißen Mondlicht sieht sein Antlitz bleich und ernst aus. Er bleibt stehen und blickt lange auf das fahldämmernde Blachfeld hinaus.)
DER KÖNIG ZEDEKIA (zu Abimelech):
Auf wieviel schätzest du ihre Scharen, Abimelech?
ABIMELECH:
Zelt reiht sich an Zelt, schwer wie die Sterne sind sie zu zählen. Die Boten nannten ihrer hunderttausend, doch man soll den Worten nicht trauen.
ZEDEKIA:
Wahr sprichst du, Abimelech, allzu wahr. Man soll den Worten nicht trauen. Wo sind die Wahrsager, die mir rieten, wo Pharaos Heer und die Hilfe Mizraims! Nun sind wir allein wider die Heere Chaldäas.
ABIMELECH:
Zwiefach wird unsere Ehre darum sein, sie zu besiegen. Ewig währet Jerusalem!
ZEDEKIA:
Oh, daß dein Wort sich erfüllte! Doch mein Herz mißtraut schon den Worten ...
ABIMELECH:
Ich schwöre auf Israels Sieg, mein König, und Tat bekräfte meinen Eid.
ZEDEKIA:
Auch ich habe einen Eid geschworen Nabukadnezarn, und man entwand mir das Wort. Das Schicksal zerbricht die Eide und Gott die Worte der Menschen. Dort unten im Dunkel ruht er, dem ich Friede zusprach, und nun ist Krieg und seine Lanzen gerüstet zur Rache. Fluch über sie alle, die an mir zerrten, daß ich diesen Weg ging wider ihn, und weh über mich, daß ich nicht stark ward, ihnen zu wehren! Nicht kannst du dies fassen vielleicht, Abimelech, denn ein Krieger bist du und spottest deines Lebens, doch auf mir lasten die Mauern und eines Volkes Geschick, tausend und abertausend Leben pochen laut durch mein Blut. Ich will beten zu Gott, daß er diese Zeit von uns nehme, denn mein Herz vermag nicht sie zu tragen und dürstet nach Frieden!
ABIMELECH:
Den Sieg erst, mein König, und dann den Frieden. Laß Nabukadnezarn die Stirn seines Zorns sich zerstoßen an diesen Mauern und die Widderböcke seines Ingrimms zerschellen an unsern Herzen. Ihr Blut erst, und dann den Frieden!
ZEDEKIA (sieht lange hinaus in die Ferne):
Wieweit hinein ins Land die Lagerfeuer dort brennen, es ist, als sei ein Himmel schwarz hingesunken auf die Erde und leuchtete nun Stern an Stern. Unendlich Volk fühl ich lagern um Israel, und jedes Speer ist gezückt, jede Hand gehoben, und im Schlafe noch träumen sie wider uns. Und morgen wird all dies aufstehen wie die Halme nach dem Regen und die Stille gellen von Schrei und Tod. Es ist die letzte Nacht des Friedens und des Schlafes vielleicht für immerdar.
ABIMELECH:
Laß dein Herz nicht verdüstern, mein König. Auf diesem steinernen Gelände, da du stehest in Sorge, stand Hosea, dein Oheim, einst, und auch seine Seele war Sorgen voll, denn unten wogten Salmanassars Scharen unendlich wie diese. Schon einmal umspülte Assurs Woge die heilige Stadt. Doch der Herr reckte aus seinen Arm wider sie, und die Pest fraß ihre Völker. Nie bricht diese Mauer! Ewig währet Jerusalem!
DIE ANDERN:
Ewig währet Jerusalem!
DIE STIMME JEREMIAS (aus dem Dunkel):
Wache auf, verlorene Stadt, daß du dich rettest! Wachet auf aus eurem harten Schlaf, ihr Arglosen, daß ihr nicht geschlachtet werdet im Schlummer, wachet auf, denn schon bröckelt die Mauer und will euch erschlagen, wachet auf, denn Assurs Schwert ist gezückt über euch ...
ZEDEKIA (zusammenfahrend):
Wer spricht? Wer spricht?
STIMMEN:
Wer redet ... wer spricht ...
DIE STIMME JEREMIAS:
Der Zorn des Herrn ist gefallen über des Friedens Verstörer, und von Mitternacht den König hat er gen Israel gesandt, daß er ihm breche Türme und Trotz. Wachet auf, um zu fliehen, wachet auf, euch zu retten, denn er ist gekommen, der Würger eurer Söhne, der Schänder eurer Töchter, der Verwüster eurer Felder. Wachet auf! Wachet auf!
ZEDEKIA (zusammenschreckend und sich schließlich stark aufraffend):
Wer spricht da? Wer redet da?
DER ERSTE KRIEGER:
Ein Wahnwitziger ist es, Herr, der Mond hat ihn verwirrt.
STIMMEN:
Sperr ihm das Maul ... fort mit ihm ... fort ... ein Toller ...
ZEDEKIA:
Nein ... bring ihn vor ... ich will ihn sehen ... ich will sehen, daß ein Lebendiger solches sprach ... denn zu furchtbar klang diese Stimme ... mir war, als schrien Klage die Steine Jerusalems, als entbebte der Mauer das Wort ...
(DIE BEIDEN KRIEGER eilen hinab.)
ABIMELECH:
Nicht laß dich verwirren, Herr ... viele sind gekauft in der Stadt von chaldäischem Gold ...
ANDERE:
Nicht höre ihn an ... laß von der Mauer ihn werfen ... Nicht mit den Verängstigten sprich ...
(JEREMIAS UND BARUCH werden von den beiden Kriegern heraufgeholt, Jeremias vor den König gestoßen.)
DER ZWEITE KRIEGER:
Dieser ist es, der so lästerlich redete. Schon vordem habe ich ihn belauscht.
ZEDEKIA:
Sie sagen von einem, der umginge in der Stadt und Unheil kündete vor den Leuten. Ist es dieser?
STIMMEN:
Er ist es ... Jeremias ... Fluch über ihn ... Unheil sprengt er aus ... er vergiftet die Herzen ... ein Lügner ist er ...
BARUCH:
Gottes Bote ist er, und Wahrheit kündet er, ich zeuge für ihn.
STIMMEN:
Wer bist du, daß du zeugest?... Du Knabe ... nicht höre ihn ... niederschlagen soll man solch Otterngezücht.
ZEDEKIA:
Schweiget ... Weg mit diesem vorerst, ich bedarf eines Zeugen nicht ...
(BARUCH wird zurückgestoßen in das Dunkel.)
ZEDEKIA:
Tritt heran zu mir, Jeremias ... Bist du es, der Israel verwirrt?
JEREMIAS:
Von Israel geht Wirrnis aus und nicht von mir.
ZEDEKIA:
Ich kenne deine Stimme ... ich muß sie gehört haben ... aus meinem Herzen klingt etwas zurück, da du mir zusprichst, und doch blickte ich dich nie. Oder ... Warst du es nicht, der damals um Friede schrie vor dem Palast ...
JEREMIAS:
Ich war es, Herr!
ZEDEKIA:
Du warst es, Jeremias? Viele schrien um mich zu jener Stunde, doch als ich heimging des Nachts und ruhte ohne Schlaf auf meinem Lager, da war dein Ruf noch wach in meinem Herzen.
JEREMIAS:
Gott wollte, daß du ihn hörtest, und weh dir, daß du ihn wegwarfst, denn es wäre Schlaf jetzt auf deinen Lidern und ein Friede in Israel.
DIE ANDERN:
Nicht höre auf ihn, König ... ein Gaukler ist er und frevelt mit Gottes Wort ... sprich nicht mit ihm ...
ABIMELECH:
Was schaffst du hier auf der Mauer des Nachts? Zu den Chaldäern willst du fallen? Nimm ihn fest, mein König, sein Wandel ist Gefahr!
EINER:
Seine Mutter ringt mit dem Tode, vergiftet hat sie sein Wort. Aber er meidet das Haus, sieh, des Nachts schweift er hier um und späht zu den Feinden ...
JEREMIAS (erschreckt):
Meine Mutter, sagst du ...
ANDERE:
Ein Verräter ist er ... nicht höre ihn, mein König ... nicht höre ihn ... nimm ihn fest ...
ZEDEKIA:
Ruhe um mich! Meine Seele ist so schwach nicht gemauert, daß ein Schwätzer sie werfe. Jeremias, tritt her zu mir und sei ohne Scheu. Ich habe das Wort vernommen, das du riefest am Tage des Ausgangs, und dies Wort klang mir zu, denn ein Gotteswort ist das Friedenswort. Doch vergangen ist das Vergangene. Nun brennt Krieg zwischen Assur und Israel. Nicht bändigt ihn mehr ein Wort, ich kann ihn nicht niedertreten mit dem Willen ...
JEREMIAS:
Du kannst es, Herr!
ZEDEKIA (zornig):
Wie kann ich es noch? Siehst du den Feind nicht um die Mauern, hörst du seine Speere nicht klirren im Wind? Wie kann ich das wenden?
JEREMIAS:
Du kannst es, Herr, denn du bist der König.
ZEDEKIA:
Kann ich sie fortblasen mit meinem Hauch, kann ich austilgen das Vergangene? Zu spät ist es für den Frieden.
JEREMIAS:
Es ist nie zu spät.
ZEDEKIA (noch zorniger):
Wie ein Einfältiger redest du. Noch ward Assur nicht geschlagen von Israel und nicht Israel von Assur, noch ist Blut nicht geflossen. Wie kann ich enden, was nicht begonnen?
JEREMIAS:
Das Blut ist ein Graben zwischen den Völkern. So tiefer du ihn ziehest, so schwerer wirst du ihn dämmen. Darum laß sprechen die Worte vor dem Schwert, geh hin zum König oder sende ihm Botschaft!
ZEDEKIA:
Ich soll zu Nabukadnezar, meinem Feinde?
JEREMIAS:
Sende Boten an ihn, vielleicht, daß du noch rettest Jerusalem!
ABIMELECH:
Eine Schmach sind seine Worte, eine Schmach für Israel ... fort mit dem Zagherzigen ...
ZEDEKIA:
Warum soll ich senden zu ihm, warum ich als der erste? Bin ich sein Knecht denn, bin ich der Besiegte schon?
JEREMIAS:
Es muß einer den Frieden beginnen, wie einer den Krieg.
ZEDEKIA:
Warum soll ich es sein, der als der erste spricht, warum ich und nicht er? Soll er meinen, daß ich verzagte? Möge er senden zu mir, so will ich Zwiesprache halten und erwägen sein Wort. Doch warum ich als der erste?
JEREMIAS:
Selig, der als erster die Hand bietet für den Frieden, selig der König, der das Blut spart seines Volkes.
ZEDEKIA:
Und wenn ich die Hand böte, wenn ich mein Herz bezwänge, Jeremias, wenn ich so täte, wie du heischest, und er stößt sie zurück, meine Hand?
JEREMIAS:
Selig die Verstoßenen um der Gerechtigkeit willen, denn Gott nimmt sie auf an sein Herz.
ZEDEKIA:
Ich aber sage dir, die Kinder würden meiner spotten und die Weiber lachen meiner Schmach.
JEREMIAS:
Besser, der Narren Gelächter hinter dir, als der Witwen Klage. Nicht deiner gedenke jetzt, sondern des Volkes, dem du gesetzt bist von heiliger Hand. Laß dich verlachen von den Toren um der Gerechtigkeit willen, aber tu Gottes Tat! Tu auf die Tore, tu auf dein Herz, Zedekia, bedenke, du rettest Jerusalem! Du hast dich erhoben wider Assur, so beuge dich vor ihm!
ZEDEKIA:
Ich mich beugen?
JEREMIAS:
Beuge dich, beuge dich, Gesalbter des Herrn, um Jerusalems willen! Tu auf die Tore, tu auf ihm dein Herz! Du rettest, du rettest Jerusalem!
ZEDEKIA:
Mit dem Schwert will ich es retten und meines Lebens Preis, doch mit meiner Ehre nicht. Du weißt nicht, was du heischest von mir.
JEREMIAS:
Das Schwerste heische ich von dir, denn wem ziemt das Gewaltige denn den Gesalbten? Deines Herzens Kleinod, deinen Stolz opfre hin für die Stadt! Wirf dich hin vor jenen, wie ich mich hinwerfe vor dir, tu auf die Tore, tu auf dein Herz! Beuge dich, König Zedekia, denn besser, du beugest dich, denn daß Israel gebeuget werde.
ZEDEKIA:
In Spott willst du mich stoßen und dich weiden an meiner Schmach, du Rasender! Aber ich steh aufrecht und halte mein Erbe! Lieber sterben, als Gnade erbitten, lieber Vernichtung, denn diese Demut! Weg von mir, weg! Ich beuge mich nicht, keinem auf Erden beuge ich mich!
JEREMIAS (von den Knien sich gewaltig aufhebend):
Dann Fluch dem Öl, das dir salbte die Stirn, und Fluch der Krone, die dir die Stirne gürtet; Fluch dir, Davids Sohn, daß du nur deinen Hochmut schützest, dein irdisch Teil, statt daß du wahrest Jerusalem, dein Gottesteil. Aber höre mich ...
ZEDEKIA:
Nichts will ich mehr hören, du Narr, du böser Narr Gottes ...
JEREMIAS:
Stoße es nur fort mein Wort mit dem Fuße, du Taumelnder, nicht kannst du zertreten ein Gotteswort. Spei es aus, du Trunkener, aber wisse es bis in deine Eingeweide: nahe ist die Stunde, Zedekia, da du schreien wirst nach meinem Troste, wie die Gebärerin schreit! Doch dann wird kein Rat mehr sein, denn wer weiß Rat wider den Tod und hat ein Retten vor Gottes Gericht. Gedenke der Mauer hier, gedenke der Stunde! Rechtzeit habe ich dich gewarnt, aber ein Prellbock starret dein Herz und von Eisen deine Stirne, und wie ich dir darob fluche aus dieser Stunde, werden fluchen Geschlechter und Geschlechter deinem Namen. In deine Hände war Zion gegeben, und du ließest es fallen, dir war es vertraut, und du hast es verschleudert! Mögest du darum vergessen werden von Gottes Gnade, wie du vergaßest Jerusalem! Fluch über dich, du Vollstrecker Babels, du Würger Zions, du Mörder, du Mörder von Israel!
ABIMELECH:
Die Mauer hinab! Zerbrecht ihm den Nacken!
DIE ANDERN:
Er hat den König gelästert ... sperrt ihm das Schandmaul ... die Mauer hinab ... nicht fürchte des Rasenden Wort ... Schaum steht um seine Lippe ... ein Kranker ist er ... hinab mit ihm.
(DIE BEGLEITER des Königs dringen gewaltsam auf Jeremias ein.)
ZEDEKIA (der wie vor unsichtbarem Anprall zurückgefahren ist, die Hand am Herzen, sich wieder ermannend):
Ablaßt von ihm! Meint ihr, eines Narren Fluch machte mich blassen, ein frech Wort knickte schon meine Kraft? (Nach einer Pause): Aber dies sehe ich: wahr ist, was sie sagten im Volke: gefährlich ist dieses Menschen Wort. Wie ein Sturmbock stößt er wider die Herzen. Es geht nicht an, daß solch ein Gottesleugner länger frei rede im Volke und seine Angst auf die Krieger falle.
ABIMELECH:
Töten muß man ihn. Wer nicht Gott vertraut, ist unwert des Lebens.
STIMMEN:
Man steinige ihn ... ein Söldling ist er ... er will die Stadt den Chaldäern preisgeben ... laß ihn töten ... er betet um unser Verderben ...
ZEDEKIA:
Soll ich töten den, der mich schmähte, daß man meine, ich fürchte sein Wort? Nicht so! Tritt her, Jeremias! Wind ist mir dein Wort, doch noch einmal frage ich dich um deinetwillen: Sagt dir untrüglich dein Herz, daß Tod sei über Zion und allen in Zions Mauern? Ich frage dich! Antworte mir frei!
JEREMIAS:
Tod steht über Jerusalem, Tod über uns allen. Nur Ergebung kann uns erretten.
ZEDEKIA:
Dann geh und ergib dich! Als einziger aller rette dein Leben!
(JEREMIAS starrt ihn an, ohne ihn zu verstehen.)
ZEDEKIA:
Wer zehrt an unserem Brote, soll nicht auch zehren an unserer Kraft. Fürchtest du für Zion, so fliehe von Zion! Ich schenk dir dein Leben! Die Mauer hier, klimm sie hinab, zu Nabukadnezar geh und birg deinen Leib. Und so dein Wort sich erfüllet, bläh auf deine Backen und lache der Brüder, die starben für Jerusalem.
ABIMELECH:
Zu milde bist du, König, mit dem Lästerer.
(JEREMIAS unbeweglich, ringt um ein Wort.)
ZEDEKIA:
So geh doch, flieh fort, Abtrünniger des Glaubens, geh zu Nabukadnezar, des Sieg du gekündet, und küsse seinen Fuß! Ich aber bleibe in meines Volkes Mitte und in meiner Väter Heimat, denn ich glaube bis zum letzten Atem meines Leibes: Lüge ist dieses Mannes Rede und ewig währet Jerusalem!
DIE ANDERN (jauchzend):
Ewig währet Jerusalem! Nie vergehet Gottes Haus!
ZEDEKIA:
So eile! Lauf über zu Assur, ich hab dirs gewährt! Laß uns unsern Tod und kriech in dein Leben!
JEREMIAS (sich fassend):
Ich lasse nicht Jerusalem!
ZEDEKIA:
Hast du nicht eben gekündet uns allen, Tod stünde über Jerusalem? So flieh, daß du ihm entweichest!
JEREMIAS:
Nicht meines Lebens trage ich Bangen, sondern für die Tausendmaltausend schreiet mein Herz. Ich weiche nicht! Mögen fallen seine Mauern, ich stürze mit dem letzten seiner Steine.
STIMMEN:
Nicht dulde ihn bei den Kriegern ... ein Verräter ist er ... Verwirrung sprengt er unter die Krieger ... jage ihn fort ... nicht habe er länger Gemeinschaft mit uns ...
ZEDEKIA:
Zum letztenmal, Jeremias! Aufgetan ist dir der Weg!
JEREMIAS:
Ich bleibe in Gottes Stadt, bis daß sie vergehet, bis daß ich vergehe!
ZEDEKIA:
Dann aber wisse dieses zur Warnung: Schwert liegt fortab auf deinem Wort! So du noch einmal hebst die Stimme zu harter Verkündung, so du noch einmal ausschreiest Untergang in diesen Mauern, ist dein Leben verfallen.
JEREMIAS:
Nicht ich hebe die Stimme, Gott wirft sie aus mir. Wie die Luft fährt durch die Posaune, daß sie erklinge, so tönet sein Wille durch mich. In seine Hände habe ich mich gegeben.
ZEDEKIA:
Ich habe dich gewarnet, Jeremias, wie du mich gewarnet. Selbst schützest du fortan dein Leben. (Zu den andern): Keiner rühre ihn feindlich an, solange er sich zähmet. Doch schreit er noch einmal Schrecknis über die andern, so fasset ihn, und er büße nach euerm Spruch. (Zu Jeremias): Hüte dich, hüte deine Lippe, daß dein Blut nicht springe über sie! Uns aber möge Gott schonen, wie ich heute deiner geschonet.
JEREMIAS (reglos, mit unsicherer Stimme):
Nicht mich hüte ich ... ich hüte Jerusalem ...
ZEDEKIA (wieder an den Rand der Mauer tretend):
Noch immer ziehen sie her, und wie von Wettern rollts von ihren Wagen und Rossen, es ist kein Ende abzusehen, kein Ende. Wahrlich, furchtbar ist er, der König von Mitternacht, furchtbar wird es sein, ihm zu begegnen! Gott schütze Jerusalem! (Tief atmend): Gott schütze Jerusalem!
(ZEDEKIA wendet sich langsam zum Gehen und schreitet die Runde weiter; Abimelech, die anderen sowie die beiden Krieger folgen dem sinnend Hinschreitenden langsam nach.)
BARUCH (aus dem Dunkel vorstürzend):
Rasch ... eile ihm nach, noch einmal fasse deine Kraft ... Gottes Sendung ist über dir ... eile, daß du ihn zwingest.
JEREMIAS (erwachend aus seiner Dumpfheit):
Wen ... wen soll ich zwingen?
BARUCH:
Den König ... eile ihm nach ... entbrenne dein Wort, rette, rette Jerusalem!
JEREMIAS:
Den König! (In heißem Erschrecken um sich auf die leere Mauer starrend): Oh, fort ... fort ... versäumt ... verloren die heilige Stunde ... von Gott war er mir gesandt, in meine Hände geworfen, daß ich knetete seinen Willen, und ich ließ ihn entgleiten ... Blick in Blick war mir der Schwanke gegeben, und doch: wie Asche zerstäubte an seiner Stirne mein Wort ... Oh, Schmach über mich, daß so dürr war meine Rede, so laulich mein Atem ... Mit Fluch fiel ich ihn an, und mit Güte hat er mich geschlagen ... wer bin ich, daß man mir diente, wenn ich nicht diene dem Wort ... Oh, Fluch der Nessel meiner Rede ... Fluch der Distel meines Munds ...
BARUCH:
Noch einmal versuch es, und du zwingest ihn. Schon erschwankte sein Wille!
JEREMIAS:
Zu spät, zu spät, verloren ist die Stunde, die Gott mir erkor! Doch was wählete er auch mich, den Schwächling, was rief er Unkraft zu so gewaltig Beginnen! Warum tat er nur Galle des Fluches in meinen Mund und des Wortes bittern Wermut, warum die läutrige Flamme nicht, die entbrennet die Herzen der Menschen! Wer bin ich denn, Nichtiger, daß ich mich erfreche, seines Wortes Profeten mich zu nennen, Bruder der Erlauchten, wenn ich nicht Erbe bin ihrer Stärke? Königen umtaten sie den Zaum ihres Willens und beugeten der Völker Stirn, Feuer des Herrn fuhr voran ihrer Rede, doch ich, ich Dorn im Fleisch ihrer Qual, nicht ein Blatt vermag ich zu wenden mit meiner Seele Odem ... ein Speichelspeier nur bin ich, ein Tönen von Wirrsal und Wind ...
BARUCH:
Nicht quäle dich, Meister ... der Schmerz verwirret dich.
JEREMIAS:
So sage doch, zeuge, künde mir, daß ichs gewahr sei ... was hab ich vermocht? Eine Stadt hängt am Tode, und ihre Not verzehret mich ... von Träumen bin ich allnächtens umtan und schmerzhaft trächtig des Worts ... so sag, was vermocht ich wider den Herren der Stunde ... meine Warnung, wen warnete sie ... nicht daß er einen Boten sendete von Zelt zu Zelt ... nicht daß ein Mensch seine Schritte aufhübe als Bote des Friedens ... Oh, die Luft frißt meine Schreie, und das Gelächter der Menschen schluckt meine Schreie, zur Schande bin ich gezeugt und zur Plage geboren! Wem hab ich Freude geschenket? Ein Greuel bin ich den Gerechten und meiner Mutter Kümmernis. Kein Weib trägt ein Kind mir im Schoß, und kein Lebendiger glaubet meiner Rede!
BARUCH:
Ich glaube dir, ich laß dich nicht.
JEREMIAS:
Du glaubest mir ... noch immer ... dann hör mein Wort ... So du mir glaubest, verlaß mich! Denn du verderbest dich. Geh zu den andern, die Süße predigen und triefen von Verheißung, geh zu Hananja, der Sieg sagt, und nicht spotte ihrer mehr, denn wisse, sie sind besser denn ich. Ihre Lüge, sie zeuget noch Kühnheit, doch schlaff sind die Lenden meines Worts, sie wecken keinen Samen des Sieges. Ohnmacht nur zeugt meine Ohnmacht. Oh und sage, wer ist unnützer, denn der Friede schreit zwischen den Schwertern, wer törichter als der Weisheit Verkünder in der Trunkenen Mitte? Ist denn nicht Freude der Menschen Brot und die Hoffnung ihre Speise? Gesegnet, wer tröstet, verflucht, wer nur fluchet ... daß ihm darre die Zunge ... daß auslösche, der Anstoß ist und Ärgernis ...
BARUCH:
Nein, ich weiche nicht von dir ... Du bist der Große ... Dich hab ich erwählt um deines Leidens willen.
JEREMIAS:
Nicht lobe mich, nicht lobe mich ... mich verbrennet die Scham ... was hab ich denn Jerusalem zum Heile getan ... hab ich gebeugt des Königs Starrnis, hab ich zum Rechten geführt das irrend Volk, hab ich erweckt den Boten des Friedens mit meiner Rede Stachel? Nur geschrien habe ich und gefluchet, doch mein Geschrei war ein Blitz, der in Wasser fährt, und mein Fluch ein Wind, der nicht wehet ... wo ist meine Tat ... wem brachte ich Segen ... wo schuf ich den Frieden ... wo weckte ich den Boten zum Wege, da ich selber gestrauchelt ...
BARUCH:
Wie sagtest du ... einen Boten müßtest du schaffen, daß er gehe von Nabukadnezar zum Könige?
JEREMIAS:
Will er denn als erster sprechen zum andern. Wie die Knaben warten die Könige, daß einer anhübe mit dem Wort.
BARUCH (heiß):
Aus deinem Atem, sagtest du, müßtest du einen Boten erschaffen ... aus deinem Atem ... siehe, Jeremias, wisse ... du heilig Verzagter ... nicht dürr und fruchtlos ist dein Wort ... fruchtend ist es mir in die Seele gefallen ... in mir nun keimet Gottes Geheiß ... ich danke dir, Meister, Erwecker ... aus dem Dunkel hast du mich gehoben ... meine Tat mir gewiesen ... oh, Jeremias, der du Kraft zeugest aus deinem Schmerze ... ich danke dir ... ich danke dir.
JEREMIAS:
Was erglühest du so ... Ich fasse dich nicht ...
BARUCH:
Meine Tat ... Sie ist es, die mir entglüht ... Du hast mich befeuert ... ich weiß den Weg, nachbarlich geht er dem Tode wie der deine ... doch ich will ihn gehen für Jerusalem ... lebe wohl, Meister ... ich will würdig sein deines Rufes, lebe wohl.
JEREMIAS:
Wohin willst du?
BARUCH:
Lebe wohl, Meister ... lebe wohl und segne mich, wenn ichs vollbringe, und fluche mir nicht, so ichs versäume ... lebe wohl ... lebe wohl ... es gilt Jerusalem ...
(BARUCH schwingt sich zur Mauer und beginnt hinabzuklettern.)
JEREMIAS:
Was willst du an der Mauer ... Baruch ... wohin ...
BARUCH:
Deinen Weg ... lebe wohl ... lebe wohl ...
(BARUCH verschwindet jenseits der Mauer.)
JEREMIAS (sich über die Mauer beugend):
Baruch, wohin gehest du ... halt ein ... sie werden dich fassen ... die Späher Chaldäas sind schon rege um die Wege ... Baruch ... Baruch ... Was fliehst du von mir ... Was lässest du mich allein ... Baruch ... Baruch ... bleib bei mir in dieser Stunde ...
DER ERSTE KRIEGER (ist herbeigeeilt):
Was rufst du da ... was schreist du in die Nacht ...
JEREMIAS (sich aufrichtend):
Ich rufe ... ich rufe, und doch hört keiner auf mich ...
DER ERSTE KRIEGER:
Was geht hier vor? Was treibst du noch da? Mir war, als glitte ein Schatten die Mauer hinab. Ist einer mit dir?
JEREMIAS:
Keiner ist mit mir ... keiner ist mehr mit mir ...
(JEREMIAS geht langsam, mit schwerem Schritt, von der Mauer stadtwärts hinab. Der Krieger sieht ihm starr nach, bis er im Schatten der Mauer verschwindet, dann rafft er sich auf und schreitet im harten Mondlicht schweigend auf und ab. Es ist ganz still, nur sein schwerer Schritt hallt über die mondblanken Quadern, und von ferne tönt aus dem Unsichtbaren heranklingend wieder der Wachtruf: »Simson über sie« ... »Simson über sie« durch die weiße Nacht ...)
DAS FÜNFTE BILD
DIE PRÜFUNG DES PROFETEN
»Doch der Herr wollte ihn mit Leiden zermalmen.«
Jes. LIII.
Das enge Schlafgemach der Mutter Jeremias in seinem Hause. Die Türen des schmalen Raumes sind mit Vorhängen überhängt, ebenso die Fenster, so daß Licht und alle Laute nur gedämpft von außen in die Düsterheit der Stube dringen und kaum mehr als der Umriß der Gestalten und Dinge wahrnehmbar wird. Im Hintergrunde glänzt weiß aus der Dunkelheit das breite bettartige Pfühl, auf dem die alte Frau regungslos liegt. Neben ihr aufrecht stehend ACHAB, der alte Diener.
JOCHEBED (eine Anverwandte, hebt vorsichtig den Vorhang des Einganges):
Achab ... hör, Achab ...
ACHAB:
Leise!... Tritt leise heran! Wie Flaum liegt der Schlummer über ihr, eines Wortes Windhauch schon bläst ihn fort. Nicht störe ihre Ruhe!
JOCHEBED:
Wohl dem, der noch ruhen kann, indes die Tore schüttern und die Festen beben der Stadt!
ACHAB:
Nicht sprich davon, nicht erwähne des Feindes! So du sie liebst, schone der Kranken.
JOCHEBED:
Wie meinest du? Was soll ich nicht sagen?
ACHAB: