Jeremias: Eine dramatische Dichtung in neun Bildern

Part 5

Chapter 53,888 wordsPublic domain

Keiner bleibe zurück, und keiner entbehre des Mutes. Wer in Zagen spricht, den sollt ihr schlagen mit dem Schwert, wer von Flucht redet, den sollt ihr jagen aus den Mauern. Ihr sollt euch nicht rotten auf den Gassen, jeder hüte sein Haus und rüste sich dem Feinde. Auf, Volk Israels, recke deine Kraft und zage nicht, denn ewig währet Jerusalem!

DIE MENGE (wieder ganz im Taumel):

Ewig währet Jerusalem ... zu den Waffen ... ich hole mein Schwert ... auf wider Assur ... lasset uns ermannen ... auf ... zu den Waffen ... eilt, eilt ... an die Wälle ... in die Häuser ... wir werden zerschellen ihre Macht ... ewig währet Jerusalem!...

(DIE MENGE zerstreut sich in wildem Tumult nach allen Seiten, so daß der ganze Platz frei bleibt und mit einem Male die lärmende Erregung einer grauenhaften Stille weicht.)

(JEREMIAS ist langsam aufgestanden und schreitet mit verhülltem Antlitz die Stufen zum Tempel empor.)

BARUCH (ihm nach):

Wohin gehst du, Meister? Nicht lasse mich, den Getreuen!

JEREMIAS:

Allein muß ich ... allein ... zu ihm, daß er mich erleuchte ... ein Zeichen ließ er mich tun vor dem Volke, und doch, ich glaube ihm nicht, denn, Baruch ... ich will es nicht glauben, daß Gottes seien in mir die Gesichte, daß Gottes sei dieser schreckhafte Wahn ... oh, daß es Gebrest nur wäre meines Hirns und nicht Botschaft seines Geistes ... Denn wehe, wär ich erwählet als Künder und wahr meine Träume ... wehe ...

BARUCH:

Du bist erwählet, Meister, ich hab es erschauet in dieser Stunde. Ein Zeichen hat dich bezeugt, ein Zeichen von Gott! Der Geist der Profeten ist über dir und ihre Gewalt!

JEREMIAS (die Stufen empor, gleichsam fliehend vor ihm, mit abwehrenden Händen):

Nicht sage, daß ich erwählet sei, nicht versuche mein Herz! Es darf nicht wahr werden mein Wort, es darf nicht wahr werden um Israels, um Jerusalems willen. Oh, lieber der Verlachte und Verhöhnte sein des Volkes, denn der Erfüller solcher Schrecknis! Lieber Lügner und Narr, denn dieser Wahrheit Profet! Lieber ich, denn die Stadt dein Opfer, Herr! Möge ich stürzen ins Dunkel der Vergängnis, wenn nur leuchten deine Zinnen, Jerusalem! Mögen vergehen meine Worte wie Rauch, wenn du nur dauerst, du ewige Stadt, möge Gott meiner vergessen, wenn er nur deiner gedenket! Oh, ich will knien vor seinem Altare, daß er zerschlage das Wort in meinem Munde, ich will beten auf meines Herzens Knien, daß er verstoße meine Verkündung und, Baruch -- bete, bete mit mir, daß ich als Lügner erfunden werde an Jerusalem!

(JEREMIAS steigt demütig die letzten Stufen empor und tritt mit gebeugtem Haupte in die Vorhalle des Tempels. Baruch verharrt regungslos und sieht ihm nach, bis er verschwindet.)

DAS VIERTE BILD

DIE WACHEN AUF DEM WALLE

»Und des Herren Wort geschah zu mir und sprach: 'Wenn ich ein Schwert über das Land führen würde und das Volk im Lande nähme einen Mann unter sich und machete ihn zum Wächter, und er sähe das Schwert kommen und warnete nicht das Volk, und das Schwert käme und nähme etliche weg, deren Blut will ich von des Wächters Hand fordern.'«

Hesekiel XXXIII, 1.

Auf der Umwallung Jerusalems. Die Mauern, breite, behauene Quadern, laufen als Straße rings um die Stadt. Rückwärts der sternenbesäete Himmel und dämmerig fern das Tal mit Lichtern und ungewissen Flächen. Strahlendes Mondlicht kleidet die Wälle wie blinkendes Erz.

Auf den Mauern schreiten zwei Krieger die Wache auf und ab. Ihre Gesichter sind verschattet von den Helmen, auf ihren Lanzen schimmert das Mondlicht.

Einige wenige Neugierige haben sich trotz der nahen Mitternachtsstunde auf die Mauer gewagt und spähen in die ungewisse Ferne.

EINE FRAU:

Es ist Schlafenszeit. Füll dir nicht das Herz mit Bangnis. Frühe genug siehst du sie morgen, die Verfluchten. Komm schlafen, es ist vielleicht das letzte Schlafen in Stille.

EIN MANN:

Wie schlafen können, wie schlafen, da sie wach sind, unsere Feinde, wider uns! Schwerer denn Blei ward mir das Herz, seit ich hier stehe, und kann doch nicht fort -- wie in einen Abgrund muß ich starren in die Flut, die aufsteigt, uns zu schlingen! Von Mitternacht kamen die Reiter und dann von Abend her, immer meinte man, es müsse zu Ende sein, und immer zogen ihrer noch mehr, als wären Länder ausgeschüttet wie Korn und die Lanzen wie Halme gesäet.

EIN ANDERER:

Schon haben sie Zelte gespannt, ein weißer Wald ist aufgestanden im Tal.

EIN ANDERER:

Wehe, sie wollen verweilen.

EIN ANDERER:

Wie der Wind müssen sie gekommen sein. Gestern waren ihre Reiter noch in Bethul, und heute gürten sie Zion schon ein.

DER ERSTE:

Furchtbar ist Assur. Gott möge uns schützen.

DAS WEIB:

Das Lichte sieh drüben, wie eine Säule ist es, die zum Himmel fährt.

EINER:

Samaria ist dort!

EIN ANDERER:

Eine Feuersäule ist es, die gen Himmel fährt. Sie haben Samaria genommen!

STIMMEN:

Wehe!... es ist nicht möglich ... eine Feste ist Samaria, dreifach gegürtet!... ein Rasender bist du ... Samaria ist es ... ich sehe es ... wehe ... es ist nicht möglich ...

EINER:

Sie haben Widder, gewaltige Böcke von Holz, mit denen sie die Mauern berennen. Ich habe gehört von ihren Schleudern, die Türme zerschmeißen ...

EIN ANDERER:

Wehe ... Unsere Türme ... Jerusalem ... Jerusalem ...

EIN ANDERER:

Dort drüben sieh ... dort drüben ... eine neue Säule, rot greift sie den Himmel hinan ... Gilgal ist das ...

EIN ANDERER:

Meine Heimat ... meiner Kinder Haus ...

EIN ANDERER:

Mordbrenner sind sie ... Fluch über Assur ...

DER ERSTE:

Mizpah haben sie vertilgt und Saron ... wie ein Sturm sind sie über das Land gefahren ... furchtbar ist Assur in seinem Zorne.

EIN ANDERER:

Nie hätten wir Streit beginnen sollen mit ihnen.

STIMMEN:

Wer hat ihn begonnen ... nicht wir ... ich nicht ... der König ... die Priester ... wir wollten in Frieden leben mit ihnen ...

EINER:

Ägypten hat uns verlockt und verraten.

STIMMEN:

Ja, Ägypten ... der Pharao ... Fluch Pharao ... sie haben uns verkauft ... verlassen haben sie unser Elend ... wo sind sie, die fünfzigtausend Bogenschützen ... allein sind wir nun ... verloren ...

EINER:

Wehe ... Jerusalem, Jerusalem ... Deinen Feinden bist du gegeben, und deine Neider blecken die Zähne ...

DER ERSTE KRIEGER (zornig dreinfahrend):

Fort da! Was wärmt ihr die Mauer! Geht heim zu euern Weibern und schlaft. Wir wachen für euch!

EINER:

Wir wollen schauen, wie ...

DER ERSTE KRIEGER:

Nichts zu schauen! Ihr habt geschrien um sie mit vollen Backen und Assur gefordert, nun ist Assur gekommen. Lasset den Kriegern, sie heimzujagen, ihr aber geht und schlaft oder betet, so ihr nicht schlafen könnt.

EINER:

Aber sage uns ...

DER ERSTE KRIEGER:

Nichts zu sagen. Der Worte sind schon zu viel, jetzt haben die Fäuste ihr Maul. Fort ... Herunter mit euch ...

(DIE BEIDEN KRIEGER stoßen mit ziemlicher Gewalt die Neugierigen von der Mauer zurück. Die Fortgedrängten verschwinden im Dunkel der Stufen, die zum Walle emporsteigen und tief verschattet sind. Es ist jetzt ganz still oben. Die beiden Krieger stehen wie Erzgestalten im weißen Mondlicht.)

DER ERSTE KRIEGER:

Wie verzagt das Volk schon ist, kaum daß sie die ersten Lanzen erblickten. Man darf es nicht dulden, daß sie so reden.

DER ZWEITE KRIEGER:

Wenn man Angst hat und ihrer nicht Herr wird, muß man reden. Es hilft nicht und hilft doch.

DER ERSTE KRIEGER:

Sie sollen schlafen und nicht schwätzen.

DER ZWEITE KRIEGER:

Der Schlaf ist nicht der Menschen Knecht. Er läßt sich nicht befehlen an der Sorgen Bett. Viel offene Lider schauen heute den Mond.

DER ERSTE KRIEGER:

So sollen sie schweigen, die kein Schwert führen. Wir wachen für alle.

(DIE BEIDEN KRIEGER schweigen und gehen auf und ab. Ihre Schritte hallen dumpf, ihre Speere funkeln im Mondlicht.)

DER ZWEITE KRIEGER (bleibt stehen):

Hörst du?

DER ERSTE KRIEGER:

Was soll ich hören?

DER ZWEITE KRIEGER:

Es ist ganz still, und doch tönt es, wenn der Wind sich wider uns hebt. Als ich in Joppe war, hört ich zum erstenmal das Meer von fern in der Nacht. Solch Tönen ist nun im Tal von Tausender Gegenwart, leise sind alle, und doch rollet von Rädern und Waffen die Luft. Ein ganzes Volk muß es sein, das plötzlich über Israel fiel, wie ein Meer rauscht es dumpf an die Mauern.

DER ERSTE KRIEGER (hart):

Ich will nichts hören als den Wachtruf. Laß rollen, laß rauschen!

DER ZWEITE KRIEGER:

Warum wirft Gott die Völker gegeneinander? Es ist doch so viel Raum unter dem Himmel, daß einer nicht störte den andern. Viel Land noch harrt der Pflugschar, viele Wälder des Beiles, und doch schärfen sie Schwerter aus den Pflügen und schlagen in lebendiges Fleisch mit den Äxten. Ich verstehe es nicht, ich verstehe es nicht!

DER ERSTE KRIEGER:

Von jeher war es so.

DER ZWEITE KRIEGER:

Aber muß es so sein? Warum will Gott den Krieg zwischen den Völkern?

DER ERSTE KRIEGER:

Die Völker begehren seiner um seinetwillen.

DER ZWEITE KRIEGER:

Wer sind die Völker? Bist du nicht unsres Volkes einer, bin ich es nicht, und unsere Frauen, die meine und die deine, sind die nicht Volkes Teil, und haben wir dieses Krieges begehrt? Hier stehe ich und halte einen Speer, nicht weiß ich, wider wen ich ihn wende. Dort unten im Dunkel wartet unwissend der, dem er zugeschliffen ward, ich kenne ihn nicht, nie habe ich sein Antlitz gesehen und die Brust, die ich mit Tod ihm durchstoße. Und ein anderer wärmt dort unten vielleicht jetzt am Lagerfeuer die Hand, die meinen Kindern den Vater stößt, und hat mich nie geschaut und nie Kränkung gehabt von meinem Leben. Fremd sind wir einander wie die Bäume des Waldes, doch die wachsen still und blühen aus sich, wir aber wüten widereinander mit der Axt und dem Speer, bis das Harz unseres Blutes aus den Leibern quillt. Was ist dies, das Tod unter die Menschen stellt und den Haß säet zwischen sie, da dem Leben so viel Raum ist und der Liebe so lange Frist? Ich verstehe es nicht, ich verstehe es nicht!

DER ERSTE KRIEGER:

Von Gott muß es kommen; denn von jeher war es so! Ich frage nicht weiter.

DER ZWEITE KRIEGER:

Gott kann diesen Frevel nicht wollen. Er hat das Leben gegeben um des Lebens willen. Auf seinen Namen häufen die Menschen alles, was sie nicht verstehen. Nicht von Gott kommt der Krieg, woher mag er nun stammen?

DER ERSTE KRIEGER:

Was weiß ich, woher er stammt! Ich weiß, er ist da und will nicht beschwatzt sein. Ich tu mein Geheiß, ich schärf mir den Speer und nicht meine Zunge.

(EIN SCHWEIGEN entsteht zwischen beiden. Sie stehen lautlos in der weißen Stille und spähen hinaus. Von ferne tönt der Wachtruf »Simson über sie« ganz undeutlich zuerst, dann näher gesprochen von den unsichtbaren Wachen »Simson über sie« und nun ganz deutlich heran von den nächsten Posten. Auch die Krieger wiederholen laut den Ruf »Simson über sie«, und man hört ihn die unsichtbare Runde der Mauer weiterlaufen und vertönen. Es wird wieder ganz still, ehern stehen die Gestalten mit verschattetem Gesicht im blanken Mondglanz. Schweigen.)

DER ZWEITE KRIEGER:

Weißt du etwas von den Chaldäern?

DER ERSTE KRIEGER:

Unsere Feinde sind sie, das weiß ich, und wollen wider unsere Heimat.

DER ZWEITE KRIEGER:

Nicht dies meine ich. Ich frage dich, hast du ihrer je einen gesehn, kennst du ihre Sitten und Lande?

DER ERSTE KRIEGER:

Grausam sind sie wie wilde Katzen und heimtückisch wie die Schlangen, hat man mir gesagt, und sie werfen ihre Kinder in Götzensteine von Kupfer und Blei. Doch nie habe ich ihrer einen gesehen.

DER ZWEITE KRIEGER:

Ich auch nicht. Es türmen sich viel Hügel zwischen Babel und Jerusalem, Flüsse fahren dazwischen und mehr des Lands, als einer in Wochen durchschritte. Selbst die Sterne stehen anders über ihren Häupten und unsern, und doch sind sie wider uns und wir wider sie. Was begehren sie von uns? Wenn ich einen fragete von ihnen, er wüßte wohl nur zu sagen, daß ein Weib seiner wartet zu Hause und Kinder auf der Streu wie in meinem. Ich glaube, wenn ich redete mit einem, wir verstünden uns. Weißt du, manchmal lockt es mich, die Hand zu heben und einen zu rufen, daß wir redeten Herz zu Herz.

DER ERSTE KRIEGER:

Das darfst du nicht.

DER ZWEITE KRIEGER:

Warum darf ich das nicht?

DER ERSTE KRIEGER:

Sie sind unsere Feinde, wir müssen sie hassen.

DER ZWEITE KRIEGER:

Warum muß ich sie hassen, wenn mein Herz nicht weiß um diesen Haß?

DER ERSTE KRIEGER:

Sie haben den Krieg begonnen, in unsern Frieden sind sie gefahren.

DER ZWEITE KRIEGER:

Die in Jerusalem sagen das so. Doch vielleicht auch sagen sie das gleiche in Babel. Wenn man redete miteinander, man würde vielleicht klar.

DER ERSTE KRIEGER:

Du darfst nicht reden mit ihnen. Wir müssen sie schlagen, so ist uns befohlen, wir müssen gehorchen.

DER ZWEITE KRIEGER:

Ich weiß es mit meinen Sinnen, daß ich nicht darf, und fasse es doch nicht mit meiner Seele. Wem dienen wir mit ihrem Tod?

DER ERSTE KRIEGER:

Was fragst du, Einfältiger? Dem Könige dienen wir und unserm Gott.

DER ZWEITE KRIEGER:

Aber Gott hat gesagt und es stehet geschrieben: »Du sollst nicht töten.« Wer weiß, wenn ich mein Schwert nähme und würfe es fort, ich diente ihm wahrhafter denn mit der Feinde Blut.

DER ERSTE KRIEGER:

Aber es stehet auch in den Büchern: »Aug um Auge, Zahn um Zahn.«

DER ZWEITE KRIEGER (seufzend):

Viel steht in der Schrift. Wer mag alles verstehen?!

DER ERSTE KRIEGER:

Ein Grübler bist du. Um unsere Stadt drängen sie und wollen ihre Häuser brennen, und hier stehe ich mit Schwert und Speer, ihnen zu wehren. Mehr des Wissens ist ungut. Ich will nicht mehr wissen.

DER ZWEITE KRIEGER:

Aber ich frage ...

DER ERSTE KRIEGER (hart):

Du sollst nicht so viel fragen. Krieger sind wir und müssen kämpfen, nicht fragen. Was grübelst du, statt dich zu härten?

DER ZWEITE KRIEGER:

Wie soll ich nicht fragen, wie soll mein Herz ohne Unruh sein in dieser Stunde? Weiß ich denn, wo ich stehe und wie lang ich noch wache? Dies Dunkle hier unter der Mauer, wo der Stein hinbröckelt und fällt, vielleicht ist es morgen mein Grab, und der Wind, der mir jetzt um die Wange fährt, vielleicht findet er mich morgen nicht mehr. Wie soll ich nicht fragen, da ich lebendig bin, um mein Leben? Die Flamme zuckt auf und windet sich, ehe der Docht lischt ins Dunkel, wie sollte das Leben sich nicht heben zur Frage, ehe es lischt in den Tod? Vielleicht ist es schon der Tod in mir, der so fraget und nicht das Leben mehr.

DER ERSTE KRIEGER:

Du grübelst zu viel. Nichts nützt es und quält nur.

DER ZWEITE KRIEGER:

Gott hat uns das Herz aufgetan, daß es sich quäle.

DER ERSTE KRIEGER:

Was hilft es dann zu reden? Wir haben Wache, mehr mag ich nicht wissen.

DER ZWEITE KRIEGER:

Das Reden hält wach, und es hörens nur die Sterne.

(EIN SCHWEIGEN wieder zwischen beiden.)

DER ZWEITE KRIEGER:

Was kommt da? Vom Dunkel schleicht es heran.

DER ERSTE KRIEGER:

Wieder Müßiggänger! Sie sollen schlafen des Nachts. Jag sie heim!

DER ZWEITE KRIEGER:

Nein! Laß sie reden und tritt ins Dunkel. Laß uns hören, was sie reden. Es scheucht den Schlaf von den Lidern, die Stimme der Menschen zu hören. Tritt zurück in den Schatten!

DER ERSTE KRIEGER:

Ein Sonderbarer bist du! Ich schreite die Runde!

(DIE BEIDEN KRIEGER treten zurück in den Schatten des Mauerturmes. Ihre Gestalten verschwinden in dem tiefen Dunkel, das mit scharfer Schattenschneide gegen die vom Mondlicht überflutete Mauer grenzt. Nur ihre Lanzen funkeln manchmal leise hervor.)

(JEREMIAS UND BARUCH steigen aus dem Dunkel der Tiefe zur Mauer empor, Jeremias hastig voran, Baruch mühsam seiner Erregung folgend. Der Krieger steht -- von ihnen ungesehen -- im Schatten wie aus Erz gegossen.)

BARUCH:

Wohin führst du mich, Meister? Wohin führst du mich?

JEREMIAS:

Empor, empor! Ich muß es schauen, das Fürchterliche, Blick in Blick.

(JEREMIAS ist auf der Höhe angelangt. Er starrt in das mondbeglänzte Tal hinab und verharrt regungslos, ohne zu sprechen.)

BARUCH (ängstlich):

Was starrst du so, was sprichst du nicht?

JEREMIAS (schauernd):

Der König ... er ist gekommen ... der König von Mitternacht (erregt nach Baruch fassend), Baruch, Baruch, tritt zu mir, tritt zu mir her! Rühr meine Hand, daß ich weiß, ob ich wach bin oder getaucht in Traum. Baruch, Baruch, sprich, meine Augen, sind sie aufgetan, ist eine Mauer dies aus Stein oder aus Tränen, ist Jerusalem dies Dunkle, das ahnungslos liegt, und wahrhaft Assur dies andere Dunkle dort und der Mond dies, fahl und fühllos wie Wasser zwischen beiden? Sag es mir, Baruch, sag es mir, und so ich nur träume, rüttle mich auf, daß ich des Irrwitzes lache, Zion sei umgürtet von Assur; denn nicht wahr ist dies vor Gott, es darf nicht wahr sein. Weck mich auf, Baruch, weck mich wach!

BARUCH:

Wie meinest du, Meister? Ich fasse dich nicht.

JEREMIAS:

Bin ich wach, Baruch, bin ich wach, sind meine Augen offen und wahr dies Unheil vor ihnen, ich flehe dich an.

BARUCH:

Ich fasse dich nicht ... wie zweifeltest du ...

JEREMIAS:

Oh, Fluch, so ist es wahr, wahr und wahrhaftig, ich träume nicht mehr! Meine Träume, sie sind wach geworden, sie haben Rosse geschirrt und Wagen gegürtet, Assur zieht an gegen Zion, es erfüllt sich, es erfüllt sich! Und all dies Unselige, aus mir quillt es vor, aus meiner Träume Schoß drängt sichs fort; in mir war es zuerst, ehe es war in der Welt, und ich, ich warf es im Wort über sie. Ich hab es gewußt, ich allein, eh Gott es getan! In mir hat es Anfang und mündet mir zu, und ich kanns doch nicht halten im Laufe, nicht fassen im Fluge, kein Schild ist mir dawider und kein Schwert -- oh, Ohnmacht, Ohnmacht der Worte!

BARUCH:

Meister, was redest du ... nicht fasse ich den Sinn ... sprich zu mir, daß ichs glaube und begreife, was dich erfüllet.

JEREMIAS:

Daß du es glaubest ... Baruch, Baruch ... wirst du wahrhaft glauben meinem Worte, das ich dir sage zu dieser Stunde unter den Sternen ... wirst du es nicht leugnen und verlachen, so ichs beschwöre mit meiner Seele Siegel ... denn wider allen Sinn ists, was ich dir künden will ...

BARUCH:

Meister ... der Glaube an dich ist mein Leben ...

JEREMIAS:

So höre es, höre, was ich dir sage ... (geheimnisvoll, leise) Dies alles, dies alles, was heute ist zum erstenmal, ich habe es geträumt vor Monden schon, ich habe es geträumet in meinen Nächten, ganz so geträumet. Nicht ein Stern steht da, den ich nicht sah, hier oben den Wall und Gottes weißragendes Haus und unten der Feinde Scharen, Zelt an Zelt, und meines eigenen Herzens eigenen Schauer und Blick, all, all dies hab ich geträumt.... Hörst du mich, Baruch, hörst du mir zu ...

BARUCH (schauernd):

Ich höre dich ... ich höre dich ...

JEREMIAS:

Warum mir, warum ward mir dies alles offenbar vor der Zeit? Es kann nicht sein wider Gottes Willen, daß er mir aufschließt seine Pläne und mir sichtig macht Bilder des Zukünftigen. Und es darf nicht sein, es darf nicht sein, daß ich dawider mich wehre, daß ich schweige, denn Baruch, Baruch: lang verbarg ich mein Herz der Berufung und verschlug mein Ohr seinem Rufe. Doch nun, da ich schaue lebendig, was in mir längst schauten die Träume, da wie ein Spiegel sichs aufrollt außen zum Innen, nun fühle ichs zum ersten Male, daß Gott in mir ist, und Baruch, ich sage dir: er hat mich gewählet. Weh mir, wenn ich verschwiege meine Angst vor dem Volke und meine Ahnung vor den Königen. Denn nur ein Anfang ist dies, und ich kenne, ich kenne das Ende ...

BARUCH:

Künde es, du Geweihter ... ausrufe dein Wort ...

JEREMIAS:

Baruch, Baruch, siehst du Lager und Zelt, siehest du dies schlafende Meer wogen von Mitternacht her ...

BARUCH (schauernd):

Ich sehe den Feind ... ich sehe die Zelte ...

JEREMIAS:

Die Nacht siehest du, den Schlaf und die falsche Stille der Rast. Aber in meinem Ohr gellen die Trompeten schon und klirren die Waffen, wenn sie aufstehen und stürmen wider uns! Die Mauer, darauf wir festen Fußes noch wuchten, schon krachet sie hin, und den Schrei der Gejagten, ich höre ihn, höre ihn schon. Sie kommen, weh, sie sind da, aufschäumt ihre erzene Flut! Baruch, Baruch, wehe, mein Wort stund auf über Israel, ich höre den Tod, wie er fährt über die Stadt und die Mauern, sie fallen und mit ihnen Jerusalem. Baruch, Baruch, ich sehe es wach; denn Gott hat ein Auge mir aufgerissen im Schwarzen meines Leibes, daß ichs schaue, und einen Schrei getan in meine Eingeweide, daß ich ihn stoße aus mir wie ein Horn. Was schlafen sie noch! Was schlafen sie noch! Oh, es ist Zeit, daß man sie wecke, es ist Zeit, denn sie schlafen in ihren Tod hinein und brüten in ihr Verderben. Es ist Zeit, daß man aufschreie Jerusalem, es ist Zeit, es ist Zeit!...

BARUCH (hingerissen):

Ja, erwecke sie, erwecke sie, Jeremias!

JEREMIAS (immer fanatischer):

Oh, das törige Volk, oh, die ratlose Stadt, Wie kann sie vom Schlaf sich umfrieden lassen, Da Tod ihnen unter die Lagerstatt Sein eiskalt Linnen gebreitet hat. Oh, das törige Volk, oh, die ratlose Stadt, Wie können sie ruhen, den Donner zu Häupten! Oh, wie können, wie können Sie so hindämmern, in Träumen verloren, Da donnernd wider die Tempel und Tore Schon Assurs Widder hämmern und rennen; Oh, wer weckt die Toren, wer weckt die Betäubten? Wer schreckt sie auf, wer weckt sie empor, Wer wirft einen Ruf in ihr ohnmächtig Ohr, Oh, wer wird in den Tod dieser Stille hinein Gottes Gebot und Wille hinschrein?

BARUCH (ekstatisch):

Du wecke sie auf! Erwecke sie! Meister, vom Tode reiß sie auf!

JEREMIAS:

Wacht auf! Wacht auf! Empor! Empor! Brand ist im Land! Feind hat die Stadt! Flüchtet, eh er euch ganz zernichtet, Entflüchtet dem Schwert, entflüchtet den Flammen, Laßt eure Habe, laßt euer Haus, Die Frauen rafft, die Kinder zusammen, Eh er euch faßt, flüchtet hinaus! Auf! Empor! Brand ist im Land! Feind hat die Stadt! Empor! Empor!

DER ZWEITE KRIEGER (aus dem Dunkel tretend):

Wer lärmt? Er wird die Schlafenden erwecken.

JEREMIAS:

Daß ichs vermöchte, oh, daß ichs vermöchte! Auf! erwache, Jerusalem ... Gottesstadt, errette dich ...

DER ZWEITE KRIEGER:

Trunken bist du ... fort mit dir ... geh schlafen ...

BARUCH (sich dazwischen werfend):

Ablasse von ihm!

JEREMIAS:

Ich darf nicht schlafen! Keiner darf schlafen mehr. Der Wächter bin ich, der Wächter! Weh, wer mirs wehrt!

DER ZWEITE KRIEGER (ihn anfassend):

Ein Mondkranker bist du, daß du dich Wächter nennst ... ich selbst bin die Wache ... fort mit dir ...

BARUCH:

Nicht rühr ihn an ... den Erwählten des Herrn ... den Profeten ...

DER ZWEITE KRIEGER (ablassend):

Bist du Hananja, der Gotteskünder?

BARUCH:

Jeremias ist es, der Profet!

DER ZWEITE KRIEGER:

Jeremias, der das Volk verwirrt, der hinschrie in den Gassen, Assur werde obsiegen? Bist du gekommen, dich deiner Verheißung zu weiden? Zu früh bist du gekommen, du Zagherz, und doch zurecht meinem Zorn! Gesegnet meine Faust, daß ich dich fasse, du Krämer des Unglücks ... ich will dir Verkündigung geben ...

BARUCH (mit ihm ringend):

Laß ab von ihm ... laß ab ...

DER ERSTE KRIEGER (herbeistürzend):

Der König kommt ... der König macht die Runde ... schaff weg das Volk ...

JEREMIAS:

Der König!... Segnung des Herrn ... oh, sichtliche Deutung ... Gott stößt ihn mir in die Hände ...

DER ERSTE KRIEGER:

Fort mit euch ... fort, ihr Schwätzer ...

DER ZWEITE KRIEGER:

Hinab mit dir ... da ... fort ... Da krieche unter und rühr dich nicht, sonst mach ich dich kalt ...

DER ERSTE KRIEGER:

Weg ... fort ... der König kommt ...

(JEREMIAS UND BARUCH werden hastig die Mauer hinabgedrängt; sie verschwinden im dunklen Schatten, aus dem sie aufgestiegen. Die beiden Krieger treten an den Rand der Mauer, um dem König und seinem Gefolge Raum zu geben. Da Zedekia erscheint, klirren sie zum Gruße mit den Speeren an die Schilde und stehen dann wieder regungslos.)