Jeremias: Eine dramatische Dichtung in neun Bildern
Part 15
Nur die Geprüften hat er erwählet, und nur den Leidenden gilt seine Liebe. So lasset uns die Geprüften sein und lieben sein Leid, ihr Brüder! Er hat uns brüchig gemacht, daß er tiefer sich senke in unseres Herzens Scholle und wir fruchtend würden seines Samens, er hat uns geschwächet am Leibe, daß er uns stärkte in der Seele. Oh, willig lasset uns eingehen in die Schmelzfeuer seines Willens um der Läuterung willen. Tut, wie eure Väter taten, und weigert euch der Züchtigung des Allmächtigen nicht!
STIMMEN:
Geben wir uns hin seinem Willen ... gepriesen die Prüfung ... ich will die Klage zerschlagen in meinem Munde ... ja ... auch sie waren in Knechtschaft, und er hat sie erlöset ... auch uns wird er hören ... ja ... ja ... oh, daß er unser sich erbarmte ... sage, du Verkünder, wird er uns wieder aufnehmen ... gibt er uns Erhebung ... erlöst er uns von Babel ... laß es uns glauben ...
JEREMIAS:
Glaubet an die Erstehung, ihr Brüder, und ihr seid schon erstanden. Denn wer sind wir, wenn wir nicht gläubig sind? Nicht ward uns wie andern Völkern Scholle gegeben, daran zu kleben, Heimat, darin zu verharren, nicht die Rast, darin unser Herz fett werde! Nicht zum Frieden sind wir erwählet unter den Völkern: Weltwanderschaft ist unser Zelt, Mühsal unser Acker und Gott unsere Heimat in der Zeit. Aber nicht neidet sie darob, nicht klaget! Lasset den andern ihr Glück und den Stolz, lasset ihnen Haus und die Heimstatt der Erde, du aber lasse dich prüfen, du Leidensvolk, und glaube, du Gottesvolk, denn das Leid ist dein heilig Erbe, und ihm einzig bist du erwählet um deiner Ewigkeit willen.
STIMMEN:
Oh, Wahrheit des Wortes ... unser Erbe ist das Leid ... ich will es auf mich nehmen ... ich glaube an seine Barmherzigkeit ... er wird uns ausführen, wie er uns führte aus Mizraim ... Segen auf dein Wort ... Gott wird uns erlösen, wie er erlöste unsere Väter ...
JEREMIAS:
So steh auf, du Volk, aus deiner Klage; wie einen Stab nimm deinen Glauben, und du wirst schreiten aus deinen Nöten, wie du geschritten tausend und tausend Jahre! Selig die Besiegten, die wir sind um seinetwillen, selig unsere Vertriebenheit! Selig, daß wir alles verlieren, um ihn zu finden, selig unser hart Schicksal, selig unsere Plage und Prüfung! Denn zur Dauer sind wir erwählt durch das Leid und zur Ewigkeit durch die Erneuung! Könige, die uns Herren waren, sind vergangen wie Rauch; Völker, die uns geknechtet, zerstreut und zertreten ihr Samen; Städte, darin wir dieneten, geborsten und der Schakale Hausung; doch Israel lebt und veraltet nicht an den Zeiten, ist doch das Leid seine Kraft und der Sturz seine Stufe. Durch Leiden haben wir die Zeit bestanden, immer war Untergang unser Anbeginn, doch aus allen Tiefen hub er uns immer an sein heilig Herz! Gedenket, gedenket der einstigen Mühsal und gedenket, wie wir sie bestanden; gedenket, gedenket Mizraims, des Diensthauses, der ersten Prüfung! Rühmet die Plage, ihr Geplagten, rühmet die Prüfung, ihr Geprüften, rühmet den Gott, der uns ihr erwählte in alle Ewigkeit!
(DAS VOLK gerät in mächtige Erregung. Aus den einzelnen Stimmen heben sich rhythmisch die Chöre.)
STIMMEN:
Knechte Mizraims Waren die Väter, Eiserne Zäume Preßten und banden Israels Stirn. Knechte und Vögte Schlugen die Klage Auf dienendem Rücken Mit Peitschen entzwei, Schlugen die Kinder Mit tödlichem Erz.
HELLERE STIMMEN:
Doch in dem Dunkel, das uns umwölkte, Fand uns Gottes erbarmender Blick, Einen Befreier in niederem Schoße Weckt' er dem Volke, eh es zerbrach. In seine Zunge ergoß er die Rede Und in seine Hände der Zeichen Gewalt. Aufhub Mose das Volk, das bedrückte, Aus seiner Rede glänzte uns Heimat, Und wir ließen das bittere Land.
JUBELNDE STIMMEN:
Und die Siebzig dereinstens gekommen, Tausend und Tausend kehrten darwider, Gehäufeter Habe mit Knechten und Tieren, Ein starkes Geschlechte zogen wir aus. Säule des Rauchs und Säule des Feuers Zogen voran den seligen Blicken, Engel des Herrn flogen hell vor uns her. Oh, erster Auszug! Oh, Anhub des Glückes! Oh, erste Einkehr und Wiederkehr!
JEREMIAS:
Doch neue Nöte waren Israel bereitet, Prüfung um Prüfung! Entsinnet sie, entsinnet die brennenden Tage der Bitternis! Entsinnet sie!
STIMMEN:
Hinter uns jagten, Schäumender Nüster, Rosse und Wagen Pharaos Heer. Über uns schollen Schon Schreie der Rache, Vor uns war Meerflut Und hinter uns Tod.
HELLERE STIMMEN:
Da aber ging Sturm von Gott aus der Höhe, Weit voneinander riß er die Fluten, Wasser ward Mauer, die Tiefe ward Gang, Hausung der Fische, sie ward uns zum Pfade, Und wir wandelten trockenen Fußes Zwischen der Wasser getürmeter Schlucht.
JAUCHZENDE STIMMEN:
Klirrend folgten die gierigen Feinde, Prasselnd jagten sie hin durch die Gasse Wartender Wasser, schon fing uns ihr Schrei, Da aber fiel Sturmwind des Herren hernieder, Brandend zerschäumten die wassernen Mauern, Über sie stürmte das blaue Verhängnis, Rosse und Wagen erwürgte das Meer!
ERNSTE STIMMEN:
So zerbrach der Herr die Gefahren, Heil entriß er das Volk seiner Haft. Oh, großer Anhub der wunderbaren, Selig unseligen Wanderschaft!
JEREMIAS:
Doch nochmals und nochmals goß er des Todes Bitternis über uns und der Prüfung Kelch, damit wir geneseten auf immerdar! Besinnet sie! Besinnet sie, die heißen Tage der Wüste, die vierzig Jahre Mühsal vor dem Gottesland!
STIMMEN:
Brach die Kehle, Leer die Lippen, Ausgedürstet Und verschmachtet Wankten wir Im leeren Land.
JAUCHZENDE STIMMEN:
Da reckte Mose, der Gottesgesandte, Den Stab und schmetterte ihn wider den Stein. Aufbrachen der Felsen marmorne Flanken, Wasser netzte die lechzende Lippe, Kühlung umspülte den staubigen Fuß.
HELLERE STIMMEN:
Wann wir müdeten, wurde uns Tröstung, Wunder durchrauschten den brennenden Tag, Bittere Bronnen wurden zu süßen, Würzige Wachteln herblies der Wind, Und als Hunger feurigen Eisens Unsere Eingeweide zerriß, Brach aus dem Morgen blendende Weiße: Manna fiel nieder, das himmlische Brot!
JEREMIAS:
Niemalens aber war Sicherheit uns gegeben. Ewig warf er uns nieder mit seiner heiligen Hand! Immer erneute er die Gefahren seinem Volke! Besinnet sie! Besinnet sie!
STIMMEN:
Völker standen Auf in Waffen, Neid und Habsucht Sperrten Wege Unsrer Fahrt, Städte schlossen Turm und Tore, Speere starrten Trotz und Tod.
HELLERE STIMMEN:
Da gab uns Gott Gewaffen zu Händen Und in die Herzen die Schärfe des Schwerts, Wider Tausend gab er uns Stärke, Wider Zehntausend gab er uns Sieg.
JAUCHZENDE STIMMEN:
Posaunen bliesen, es stürzten die Mauern, Moab zerknickte, Amalek verging. Mit dem Schwerte schlugen wir Wege Durch den Zorn der Völker und Zeiten, Bis unser Herz die Prüfung bestand, Bis wir ihn fanden, den Acker der Ruhe, Kanaan, unser verheißenes Land. Heimat durften die Schweifenden haben, Segnend lösten wir Gürtel und Schuhe, Rebe entgrünte dem Wanderstabe, Israel blühte, und Zion erstand.
ALLE STIMMEN:
Immer waren wir Pflüger im Joche, Immer gebeugt und in Dienstbarkeit, Doch ewig hat er das Joch uns zerbrochen, Aus allen Kerkern uns heimbefreit, Wo immer sie Not und Drängung uns schufen, Immer hat er uns heimgerufen, Und unsern Samen zur Blüte erneut!
JEREMIAS:
Und nie wird geschehn, daß er unser vergißt. Bedenket, bedenket, Daß, wenn er uns niedrigt, daß, wenn er uns kränket, Dies Leiden nur Brand seiner Liebe ist. So beugt euch, ihr Brüder, dem Joch in Ergebung, Segnet die Schickung, so uns geschah, Leiden ist Prüfung und Prüfung Erhebung, Erniedrigung macht uns nur gottesnah, Jeder Sturz führt höher in seine Reiche, Denn nur die Besiegten wissen um ihn: Ihr Brüder, auf denn! Auf, ihn zu erreichen! Auf, Brüder, lasset uns gotteswärts ziehn!
STIMMEN (ekstatisch):
Ja, auf, zur Wanderschaft ... führe uns an ... wie die Väter wollen wir leiden ... oh, Auszug und ewige Wiederkehr ... auf ... auf ... hebet an ... es ist nahe gen Tag ... ziehen wir aus ... ziehen wir aus in die Knechtschaft ... Gott wird uns erlösen, wie er immer uns erlöset ... Alle wollen wir gehen ... alle ... ja, wir alle ...
DIE STIMME ZEDEKIAS:
Wehe, wehe! Wer wird mich führen? Nicht lasset mich zurück! Wehe, wehe, wer hebet mich auf?
JEREMIAS:
Wes Ruf ist dies?
STIMMEN:
Laß ihn ... er bleibe ... Spreu ist er und verworfen ... Du führe uns an, du, Gesegneter ... Du sei uns Herr ... Laß den Verworfenen ...
JEREMIAS:
Keiner ist verworfen! Wer rufet, muß erhört werden um unserer aller willen!
STIMMEN:
Nicht er ... nicht er ... Aussatz ist er unseres Volkes ... alles Unheils Quelle ... Laß den Verstoßenen Gottes ... Laß den Verfluchten!
JEREMIAS:
Auch ich war ein Verstoßener Gottes, und er hat mich erhört; auch ich war ein Verfluchter, und er hat mich gesegnet! Wo ist er, der aufschrie aus seiner Not, daß ich ihn tröste, wie ich selber getröstet ward?
STIMMEN:
Im Dunkel ist er ... auf den Stufen ... dort, sieh den Gebückten ... Gottes Zorn ist auf seinen Hochmut gefallen.
JEREMIAS:
Warum naht er nicht? Warum weilet er abseits?
STIMMEN:
Sieh doch ... seine Sterne sind erloschen ... seine Schritte sind irr ... er weiß nicht seinen Weg mehr, blind ist er, der Verblendete ...
JEREMIAS (näher tretend, in heißem Erschrecken):
Zedekia! Mein König!
ZEDEKIA:
Bist du es, Jeremias, der mir nahet?
JEREMIAS:
Ich bin es, mein König, dein Knecht und Diener Jeremias! (Er beugt sich in die Knie vor dem Könige.)
ZEDEKIA:
Wehe, nicht höhne mich, nicht stoße mich fort, wie ich dich von mir stieß! Zu Asche hat dein Wort mich gebrannt, du Gewaltiger, nun schone mein; nicht wirf mich fort, nicht laß mich allein in der Stunde des Schreckens! Sei bei mir, wie du geschworen vor Gottes Antlitz in der Stunde, der letzten, die ich schaute auf Erden.
JEREMIAS (zu seinen Füßen):
Ich bin bei dir ... mein König Zedekia.
ZEDEKIA (nach ihm ins Leere tastend):
Wo bist du? Ich fühle dich nicht!
JEREMIAS:
Zu deinen Füßen bin ich, dein Diener und dein Knecht.
ZEDEKIA (zitternd):
Nicht höhne mich vor dem Volke, nicht beuge dich dem Gebeugten! Das Salböl ward zu Blut auf meiner Stirne und meine Krone zum Staube.
JEREMIAS:
Doch des Leidens König bist du geworden, und nie warst du mehr königlich! Zedekia, mein Herr und König, starr stand ich vor dir, da die Macht in dir war und die Stärke, doch dem Gebeugten Gottes beuge ich mich, des Leidens niederster Knecht. Der Erste hast du getrunken den Kelch unserer Bitternis, der Erste wärest du des Duldens, so mögest du der Erste sein unseres Volkes in alle Ewigkeit und seiner Erlösung Anbeginn. Oh, du König der Leiden, Gesalbter der Prüfung, Israels Herr, erheb deine Stirne, daß sie uns glänze, führe, der du Gott nur schauest und nicht mehr die Erde, führe, führe dein Volk!
JEREMIAS (aufstehend, zum Volke):
Sehet, sehet, Leidensvolk, Gottesvolk, Gott erhörte euer Begehr, Er hat euch einen Führer gesandt! Der Schmerzengekrönte, Der Menschenverhöhnte, Wer mag wie er, König der selig Besiegten sein? Gott hat ihm den irdischen Blick verschlossen, Daß er besser schaue sein ewiges Reich, Oh, Brüder, wer war je von Davids Sprossen Diesem als König der Duldenden gleich?
ZEDEKIA:
Wohin führest du mich? Was geschieht mir?
JEREMIAS:
Hebet ihn auf, Den Hingesenkten, Ehrt den Gekränkten Mit sorgender Liebe! Hüllet um ihn Königsgewande Und erneuet Der Zeichen Gewalt, Ehret, oh ehret In ihm euer Leiden, Als der Erste schreite er aus. Zäumet die Rosse, Rüstet die Sänfte, Fürchtigen Armes Hebet ihn hoch, Denn er ist Heiligste Bürde, Israels Hort und königlich Haus.
(EINIGE führen mit allen Zeichen der Ehrfurcht den König hinab und betten den Blinden in eine Sänfte.)
(EINE POSAUNE schallt mächtig aus der Ferne her als ungeheurer Ruf, der gleichsam von der Stadt selbst auszutönen scheint. Der Tag ist inzwischen angebrochen und überleuchtet mit rötlicher Glut die geschwärzten Mauern. Eine große Helle geht, immer sich steigernd, vom morgendlichen Himmel aus.)
(DIE MENGE in mächtigem Aufschwall beim Ruf der Posaune, die Hände gen Osten gereckt, flutet ekstatisch durcheinander.)
STIMMEN:
Die Posaune ... die Posaune ... Gott ruft uns ... der Tag ist angebrochen ... der Tag unserer Prüfung ... die Sonne nahet Jerusalem ... rüstet die Tiere ... rüstet die Herzen ... Gott ruft uns ... wir kommen, wir kommen ... Auszug ... Auszug ... oh Einkehr und Wiederkehr ... Jerusalem ... Jerusalem!
JEREMIAS (gewaltig auf der Höhe der Stufen aufgerichtet. Alle um ihn sind zurückgetreten, so daß er, einsam auf der Höhe, noch gewaltiger scheint. Seine Arme sind erhoben, seine Stimme bebend in Überraschung):
Auf, ihr Verstoßenen, Auf, ihr Besiegten, Rüstet zur Reise! Wandervolk, Gottesvolk, welterwähltes, Hebe dein Herz!
(DIE MENGE gerät in gewaltige Bewegung.)
JEREMIAS (zur Stadt hingewandt):
Zum letztenmal glänzen Jerusalems Zinnen In eure Tränen, Leuchtet euch Höhe Des heiligen Bergs! Einmal noch hebet Brennende Blicke, Trinket der Heimat Verlorenes Bild! Trinket die Zinnen, Trinket die Mauern, Trinket die Türme Der ewigen Stadt, Trinket das Dürsten, Sie wieder zu schauen, Trinket, oh trinket Jerusalem!
STIMMEN:
Glüh ein in uns, daß wir entbrennen ... wie könnt ich dich vergessen, Bild der Bilder ... möge darren meine Rechte, wenn ich dein vergäße, Jerusalem ... oh, Heimat unserer Herzen ... Zion, Zion, du heilige Stadt!
JEREMIAS:
Einmal noch beuget Fromm euch der Erde, Einmal noch rühret Die Grube der Väter Fürchtiger Hand! Erde, oh Erde, die ich verlasse, Du blutgetränkte, Du tränenversengte, Sehet, ich fasse Sie fromm mit liebenden Händen an. Erde, Erde, ich schlinge dich, Erde, Erde, durchdringe mich! Bitteren Kloß Würg ich die schluchzende Kehle hinab, Doch deine Bitternis innen im Leibe Entbrenne mir Seele und Eingeweide, Daß ich ewig deiner gedenke, Ewig deiner teilhaftig werde! Erde, du heilige Vätererde, Schenke Mir ewig Begehren und ewigen Brand, Ewigen Hunger und Heimverlangen Nach Zion, unserm verlorenen Land!
DIE MENGE (sich niederwerfend und wie Jeremias von der Erde einen Kloß schlingend):
Oh, teure Erde, Scholle der Väter ... dring ein in mich ... würg meine Seele, wie ich dich würge ... oh, verloren Land ... Sarg meiner Väter ... oh, dich lassen ... Erde, Erde, du heilige Erde ...
JEREMIAS (sich erhebend):
Doch nun du gespeiset Bittere Sehnsucht, Doch nun du getrunken Brennendes Bild, Wandervolk, Gottesvolk, hebe dich auf! Lasset die Toten, Sie haben den Frieden, Lasset die Mauern, Sie stehen nicht auf, Du doch erstehest Ewig und ewig Aus deinen Tiefen In deinem Gott. Auf, Wandervolk, Gottesvolk, rüste zur Reise, Blick in die Ferne, Blick nicht zurück! Die verweilen, Haben die Heimat, Doch die wandern, Haben die Welt! Auf, ihr Gebeugten, Auf, ihr Besiegten, Hebet die Stirnen Über die Nöte Wider die ewigen Morgenröten Und der Gestirne Wanderndes Zelt. Gott hat die Straßen, Die ihr beschreitet, Wissend bereitet, Wandervolk, Gottesvolk, auf in die Welt!
(DIE MENGE rüstet ringsum zur Wanderung, Getümmel der Menschen und Tragtiere, erregte, eifernde Bewegung.)
EINER (vortretend):
Doch sage, du Führer, dulde die zage Klagende Frage, Werden die Tale uns wieder gehören, Wird einstens Israel wiederkehren, Sag, schauen wir wieder Jerusalem?
STIMMEN:
Ja ... sage ... künde, verkünde ... schauen wir wieder Jerusalem?
JEREMIAS:
Ewig wird inwendig es schauen, Wes Seele nicht Knecht seiner Knechtschaft ist, Und mit dem Maß seines Gottvertrauens Die Tiefe allirdischen Leidens durchmißt. Ihm glänzet urmächtig, am innersten Grunde Des Herzens Zion zu jeglicher Stunde, Schöner als wir es vordem gekannt, Jede Fremde wird ihm das Gottesland! Oh, wer vertrauet, dem ist es erbauet, Wer glaubt, schaut immer Jerusalem!
STIMMEN:
Wir glauben ... wir glauben ... ewig werden wir es schauen ... Der Glaube ist unser Jerusalem!
EIN ANDERER (vortretend):
Doch sage, du Führer, wer wird es uns bauen?
JEREMIAS:
Die Inbrunst des Sehnens, die Nacht unsrer Kerker, Und das Leiden, das euch gelehrigt hat, Ihr selber werdet die heiligen Werker, Umschafft ihr die Seelen zur seligen Stadt. Aus euern Trauern erhebet die Mauern, Und je tiefer die Völker euch niederbeugen, Um so höher werden sie gottwärts aufsteigen, Um so schöner erstehet Jerusalem!
STIMMEN:
Ja, laßt es uns bauen ... das Senkblei niederwerfen in unsere Leiden ... laßt uns die Steine bebauen unseres Schmerzes ... zu Gott die Richtschnur erhoben ... bauen wir Jerusalem.
EIN ANDERER:
Doch sage, du Führer, wird es dann dauern?
JEREMIAS:
Steine bröckeln, es stürzen die Mauern Irdischer Werke, die Reiche veralten, Städte verschwemmen im Strome der Zeit, Doch was die Seelen in Leiden gestalten, Dauert in Gottes Allewigkeit. Wer kann sie zerstören, Die unsichtbaren, Innen geschauten, Tränenerbauten Zinnen der heiligen Zuversicht, Wer kann ihn uns rauben Den seligen Glauben, Wer stürzet des Herzens Jerusalem?
STIMMEN:
Ewig währet Jerusalem ... wer kann es zerstören ... heilig, heilig unsrer Herzen Haus ... heilig die Stätte unsrer Not ... oh, Tröstung ... oh, Zuversicht ...
EIN ANDERER:
Doch sage, du Führer, wo sollen wirs finden, Wo schauet die Seele Jerusalem?
JEREMIAS:
Wo immer ihr euch in euch selber aufrichtet Und feurig von Furcht und Fremdnis erhebt, Da ist es aus Wunsch in die Welt gedichtet, Da ist der Traum unseres Heimwehs erlebt, An jeglichem Orte, Wo euch Glaube inwohnet, Überwölbt euch hell seine mauerne Krone: Wer glüht, sieht ewig Jerusalem!
STIMMEN:
Oh, Tröstung des Glaubens ... Gottes selige Knechtschaft ... zerstört hat er die Stadt, daß sie uns ewig in den Herzen erstehe ... überall wollen wir sie finden ... laßt sie uns aufbauen in den Herzen ... ewig ist unser Jerusalem ... Oh, ewiger Auszug und Wiederkehr ...
(DIE POSAUNE schallt mächtig zum zweiten Male. Es ist ganz hell geworden, offen regt sich der unübersehbare Tumult der wanderbereiten Massen, die mit einem gewaltigen Schrei der Ungeduld und der Erhebung das Zeichen des Auszuges grüßen.)
JEREMIAS (hoch über ihnen):
Wandervolk, Leidvolk -- im heiligen Namen Jakobs, der von Gott einst dir Segen entrang -- Hebe dich auf, in die Welt zu fahren, Rüste und schreite unendlichen Gang! Wirf deinen Samen Willig ins Dunkel der Völker und Jahre, Wandre dein Wandern und leide dein Leid! Auf, du Gottvolk! Beginn deine wunderbare Heimkehr durch Welt in die Ewigkeit!
(DIE MENGE gerät in mächtige Bewegung. Schweigend ordnet sich ein ungeheurer Zug. Voran tragen sie den König in einer Sänfte, dann schreiten ernst und feierlich, Geschlecht um Geschlecht, die geordneten Gruppen den Weg gegen die Tore. Ihre Blicke sind aufwärts gerichtet, sie singen im Schreiten, und ihr Ausziehen hat die ernste Feierlichkeit einer Opferhandlung. Keiner drängt sich vor, keiner bleibt zurück, ohne Eile und Hast schreiten die Reihen dahin und schwinden im Vorbeigehen. Immer neue kommen ihnen nach, und es ist, als ginge eine Unendlichkeit hier aus dem Dunkel in die Ferne.)
STIMME DER SCHREITENDEN:
In fremden Häusern werden wir wohnen Und brechen ein tränensalzenes Brot. Auf Schemeln der Schande werden wir sitzen Und ängstend schlafen an feindlichem Herd. Dunkel der Jahre wird über uns fallen, Der Könige Fron und der Herrschenden Haft, Doch unsere Seelen entwandern der Fremde Und ruhen allzeit in Jerusalem.
ANDERE STIMMEN DER SCHREITENDEN:
Aus weiten Wassern werden wir trinken, Die bitter brennen dem sehnenden Mund, Mit Fremdnis werden uns Bäume umschatten Und Stimmen des Ängstens wehen der Wind, Doch keine Fremde wird uns zur Ferne, Denn von den Sternen wehet uns Tröstung; Träume der Heimat enttauchen den Nächten, Und unsere Seele erstehet gekräftigt Von der heiligen Zehrung Jerusalem!
ANDERE STIMMEN DER SCHREITENDEN:
Auf fremden Straßen werden wir fahren, Durch Land und Länder stößt uns der Wind, Heimat um Heimat reißen die Völker Uns von den brennenden Sohlen fort, Nirgends ist Wurzel dem stürzenden Stamme, Wanderschaft stets unsere wandelnde Welt, Doch selig, selig wir Weltbesiegten, Denn sind wir auch nur Spreu aller Straßen, Nirgends verschwistert und keinem genehm, Ewig doch geht unser Zug durch die Zeiten Zu unserer Seelen Jerusalem!
(EINIGE CHALDÄER, unter ihnen ein Hauptmann, sind halbtrunken aus dem Palaste herausgekommen. Ihre Stimmen fahren laut und grell über das dunkle Sprechen der Schreitenden hin.)
DER HAUPTMANN DER CHALDÄER:
Hört ihr sie murren? Sie wollen nicht ausziehen! Mit der Peitsche schlag unter sie, wenn sie trotzig sind!
EIN CHALDÄER:
Herr, siehe, sie ziehen schon ohne Geheiß! Und sie murren nicht!
DER HAUPTMANN:
Wenn sie klagen, schlag die Klage entzwei in ihrem Munde.
DER CHALDÄER:
Herr, sie klagen nicht.
EIN ANDERER CHALDÄER:
Siehe ... wie sie schreiten ... wie die Sieger gehen sie einher ... es leuchtet in ihren Blicken.
DIE CHALDÄER:
Was ist mit diesem Volke ... sind sie die Besiegten nicht ... hat sie einer genarrt mit falscher Botschaft der Befreiung ... hört, was sagen sie ... was singen sie ... seltsam ist dies Volk ... unverständlich in seinem Trotz und seiner Ergebung ... wer begreifet dies Volk ... in dieser Milde ist eine Kraft, die gefährlich ist ... ein Einzug ist dies eines Königs und nicht Auszug der Geknechteten ... nie sah die Welt ein Volk wie dieses ...
STIMMEN (vereint sich ablösend, in immer neuen, weiterschreitenden Zügen, in die auch Jeremias unscheinbar eingegangen ist):
Wir wandern durch Völker, wir wandern durch Zeiten Unendliche Straßen des Leidens entlang, Ewig sind wir die ewig Besiegten, Hörig dem Herde, an dem wir ausrasten, Niedrige Knechte niedrigen Frons, Doch die Städte, sie sinken, es gleiten Völker ins Dunkel wie stürzende Sterne, Und die hart unsere Rücken zerschlugen, Werden zuschanden Geschlecht um Geschlecht. Wir aber schreiten und schreiten und schreiten Tiefer hinein in die eigene Kraft, Die sich aus Erden die Ewigkeiten Und aus ihrem Leiden den Gott entrafft.
DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN:
Sieh ... sieh ... wie die Tänzer schreiten sie her ... ein Taumel ist über sie gekommen ... haben wir sie denn nicht besiegt ... sind sie nicht in Schande ... warum klagen sie nicht ...
EIN CHALDÄER:
Ein Geheimnis muß in ihnen sein, das sie verwandelt, ein Unsichtbares, das sie verzückt ...
EIN ANDERER CHALDÄER:
Ja ... sie glauben an das Unsichtbare ... das ist ihr Geheimnis ...
DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN:
Wie kann man das Unsichtbare schauen, wie glauben, was man nicht sieht ... ein Geheimnis muß in ihnen sein wie in unsern Sterndeutern ... man müßte es lernen von ihnen ...
DER CHALDÄER:
Man kann es nicht lernen. Man kann es nur glauben, und sie sagen, es sei ihr Gott.
DIE STIMMEN DER AUSZIEHENDEN (sich mächtig erhebend, da nun die Letzten unter ihnen auszuschreiten beginnen):
Wir wandern den heiligen Weg unserer Leiden, Von Prüfung und Prüfung zur Läuterung, Wir ewig Bekriegte und ewig Besiegte, Wir ewig Verstrickte und ewig Befreite, Wir ewig Zerstückte und ewig Erneute, Wir aller Völker Spielball und Spott, Wir einzig Heimatlosen der Erde, Wir wandern in alle Ewigkeiten, Die Letztgebliebnen Unendlicher Schar Heimwärts zu Gott, Der aller Anfang und Ausgang war, Bis daß er uns selber die Heimstatt werde, Der ruhlos wie wir mit Sternen und Jahren Die Welt umwandert und leuchtend umkreist, Und wir ganz aufgehn im Unsichtbaren: Verlorenes Volk, unsterblicher Geist.
DER CHALDÄER:
Siehe, siehe, wie sie in die Sonne schreiten! Es ist ein Glanz auf diesem Volke, ein Morgenrot auf ihren Häupten. Mächtig muß ihr Gott sein.
DER CHALDÄISCHE HAUPTMANN: