Jeremias: Eine dramatische Dichtung in neun Bildern

Part 14

Chapter 143,706 wordsPublic domain

DIE ANDERN (ihn jauchzend umdrängend, zu seinen Füßen hinstürzend, seine Knie umfassend in wilder Hingerissenheit):

Heimgekehrt ... auferstanden ... oh, Verheißung ... Jerusalem ... Jerusalem ...

BARUCH (zu seinen Knien):

Oh, mein Meister, mein Lehrer, wie ist deine Lehre süß meinem Herzen, wie selig deine Erleuchtung!

DER ÄLTESTE:

Gebenedeit sei, wer die Verheißung bringt in den Stunden der Not. Segen über deine Tröstung! Erfüllung, oh, Erfüllung!

EINE FRAU:

Sein Antlitz seht, wie es leuchtet! Wie zwei Sterne glühn die Augen ihm auf und hellen den Raum.

EINE ANDERE:

Gottes Geist hat sich auf ihn gesenkt!

DER KRANKE:

Aufgerichtet hat mich sein Wort ... aufrecht bin ich ... ich lebe, ich lebe wieder ... oh, daß ich heimkehrte mit euch.

ZEFANJA:

Mein Herz ist erstanden und klingt dir zu, Jeremias.

JEREMIAS (ohne sie zu hören, ganz allmählich aus seiner Ekstase erwachend und erschreckt um sich blickend):

Wo sind sie hin, zu denen ich sprach? Wo sind sie hin?... Waren nicht Boten da des Königs Nabukadnezar? Habe ich geträumet ... mir dünkte, drei Männer kamen und redeten ... prächtig waren sie gewandet ... wo sind sie hin ...

DER ÄLTESTE:

Der Blitz deines Blickes hat sie gescheucht.

ANDERE:

Deine Worte haben sie gejagt ... wie ein Schwert fuhr dein Zorn über sie.

JEREMIAS (immer verwirrter):

Was habe ich gesagt? Ein Dunkles liegt um mich, und doch glänzt michs von innen an ... Was habe ich gesagt ... Oh, und warum, warum blickt ihr mit einmal auf zu mir wie die Durstigen ... was seid ihr geschart um mich ... es war doch Dunkel auf euren Stirnen, und nun glänzt ihr mich an mit den Blicken ... Was ist geschehen mit mir, was ist geschehen mit euch?

DER ÄLTESTE:

Du brennendes Herz der Herzen, in das Gott seine Flamme geworfen, von dir strahlt dieses Licht! Oh, welche Verheißung hast du uns gekündet, welche Verheißung!

EIN MANN:

Aufgetan hast du mir die Seele, du Guter!

EIN WEIB:

Mein Herz mir mit Manna gespeist.

STIMMEN:

Oh, wie süß waren deine Worte, du Lieber ... genesen sind wir an deiner Verheißung ... nun ist die Fremde nicht mehr Bitternis ... heimkehren werden wir, oh, seliges Wort ...

JEREMIAS (ergriffen):

Meine Brüder, meine Brüder, was ist mit mir geschehen? War nicht Groll zwischen uns und Fluch auf meinen Lippen, da ich redete zu euch? Ein Sturmwind hat mich gefaßt und getragen, wohin ich nicht weiß, und nun ich stürze, sehen eure Augen mich liebend an, ihr Brüder, eure Hand spüre ich an meinen Knien, und eure Seele zittert wie ein Falter mir zu! Was ist mir geschehen, was ist mir geschehen?

DER ÄLTESTE:

Oh, Jeremias, der du bitter warst unserer Freude, wie süß ist deine Rede nun unserm Leiden! Du hast uns getröstet, du hast uns erlöset wie keiner vordem!

EINER:

Aus der Nacht hast du meine Seele gehoben, beglückt hast du mich, Gebenedeiter!

EIN ANDERER:

Die Zweifel hast du gerodet aus meiner Brust und Gottes ewige Heimstatt bereitet.

EIN ANDERER:

Oh, du Tröster der Tröster! Möge nun Leid auf mich fallen, meine Seele wird ihm nicht mehr erliegen.

EINE FRAU:

Im Tode war mein Herz und ist auferstanden durch dich.

JEREMIAS:

Ihr Lieben, ihr Lieben, was ihr sprechet, ist es wahr? Von meiner Lippe, der fluchverbrannten, ist Tröstung gekommen, aus meiner Seele, der nächtigsten aller, ein liebendes Wort!

EIN WEIB:

Oh, wie es dir sagen? Meine Hände fühl an, die wie Früchte sich heben! Uns alle, uns alle sieh, du Gebenedeiter, Beseligte deines Worts!

DER KRANKE:

Seht her ... seht her ... ich schreite, ich gehe ... ich spüre die Qualen nicht mehr ... aus dem Tode hat dein Wort mich erweckt ... wie Elia ... ein Wunder hast du an mir getan.

DAS WEIB:

Seht ihn an ... er lag, vom Fieber zerfressen ... ich bezeuge es, ich bezeuge es ... ein Wunder hat er an ihm getan ...

STIMMEN (ekstatisch):

Ein Wunder ... ein Wunder wie Elia ... ein Wunder hat er getan ... Erweckung ... beugt euch dem Gottgesandten ... ein Wunder ... ein Wunder ... beugt euch vor ihm, dem Wundertäter!...

JEREMIAS (hat sich aufgerichtet vor ihnen, ganz leise):

Schweiget, ihr Brüder ... nicht rühmet mich ... beschämet mich nicht ... ich habe nicht Anteil daran. Wohl ist ein Wunder geschehen, doch nicht ich habe es vollbracht -- an mir, ihr Brüder, ist es geschehen. Ihr Brüder, ihr Brüder, ich sage euch, ein Großes hat Gott in dieser Stunde an mir getan. Ich habe gefluchet meinem Gotte und ihn getötet in meiner Seele. Doch, meine Brüder, meine Brüder, ehe der Atem noch kalt war in meinem Munde, ist er mir auferstanden. Er riß mir das Herz aus dem Leibe, daß ich meinte zu vergehen vor seinem grimmigen Stoß, aber ein steinernes Herz war es, das er von mir riß, und ein fleischernes hat er mir nun eingetan, daß ich fühle alles Leiden und alles Leidens Sinn. Oh, ihr Brüder, ihr Brüder, schauet das Wunder, das an mir geschehen: ich habe Gott gefluchet, und er hat mich gesegnet, ich habe ihn geflohen, und er hat mich gefunden, ich wollte ihm entweichen, und er hat mich erreichet. Denn es ist kein Entweichen vor seiner Liebe und kein Obsiegen wider seine Kraft. Er hat mich besiegt, meine Brüder, und nichts ist süßer, als von ihm besiegt zu sein.

DER ÄLTESTE (ekstatisch):

Jeremias ... oh, Jeremias ... uns allen möge er tuen wie dir!

JEREMIAS:

Oh, daß ich so spät ihn erkannte, so spät euch fand, meine Brüder! Doch ich will nicht klagen mehr. Ich will nur mehr danken, ich will nicht fluchen mehr, ich will nur mehr segnen. Dunkel liegt vor uns die Stadt, dunkel unser Schicksal, aber, meine Brüder, vertrauen wir, denn wunderbar ist das Leben, heilig die irdische Erde. In Liebe will ich umfassen, die ich im Zorne getreten, und die ich bespien mit meinem Fluche, will ich tränken mit meinen Tränen. Nimm, Erde, du geschmähte, gütig meine demütigen Knie; nimm, Gott, du verkannter, gnädig mein gläubiges Wort!

(Er kniet nieder und spricht wie ein Gebet:)

Ich danke dir, Herr, daß du so lind mir begegnet, Als ich mich wehrte und von dir gekehrt, Ich hab dir geflucht, und du hast mich gesegnet, So segn ich, solang mir mein Leben währt. Ich segne dich, daß du das würzige Brot Des Wortes in meine Lippen getan, Damit ich dich preise in Leben und Tod, Ich segne dich, daß du mir wecktest den Geist, Der die Welten mit Liebe durchgütet und speist. Ich segne dich, daß du so hart mich gefaßt Und im Zorn vor dein Antlitz getrieben hast, Und ich segne dich, Gottes Gabe, dich Leid, Daß du läuternd die Seelen der Menschen durchdringst Und flammend mit deiner Allfältigkeit Ihre Einsamkeit einst, ihre Fremde bezwingst, Und ich segne dich, Gott, der es im Sturm uns gesendet, Der du mit Qualen beginnst und mit Seligkeit endest, Der die Suchenden führt und die Fliehenden findet, Dem jeder entweicht und dem sich keiner entwindet, Der dem Niedersten sich als der Gnädigste gibt Und den Sündigsten um seiner Sünden liebt, Selig, der sich an dich verloren, Selig, den du dir auserkoren, Selig der Himmel, der dich rauschend umstellt, Selig dein lauschender Spiegel, die Welt, Selig die Sterne, die sie strahlend umschweben, Selig der Tod und selig das Leben!

BARUCH (auf die Knie zu dem Knienden stürzend):

Jeremias, mein Meister, Jeremias! Nicht uns allein lasse leuchten dein Wort. Auf dem Markte harret das Volk, und sie vergehen in Ängsten, ihre Seele lischt in Zagen und Klagen. Sie wollen sterben und vergehen um Jerusalems willen. Meister, mein Meister, gib ihnen Leben, gib ihnen Gott zurück! Richte auf die Verzagten, und die Durstigen tränke mit den Wassern des Lebens!

DER ÄLTESTE:

Ja, richte auf der Wankenden Knie, belebe die zagenden Herzen! Gieß aus dein Wort über die Schmachtenden, gieß es aus!

STIMME:

Auf ... zu den Brüdern ... zu unsern Brüdern ... erwecke sie ... gib ihnen Trost, wie du uns gegeben ... gib Verkündigung ... gib Verheißung ...

JEREMIAS (sich aufrichtend):

Wohlan, meine Brüder, führet mich zu ihnen! Der Getröstete Gottes bin ich gewesen, nunab will ich ein Tröster sein! Laßt uns gehen, meine Brüder, vielleicht ist der Verworfene gewählet, laßt uns gehen zu den Brüdern, den verzagten, daß wir den Tempel in ihren Herzen aufrichten, daß wir ihnen bauen das ewige Jerusalem!

(JEREMIAS geht mit starken Schritten gegen den Ausgang.)

DIE ANDERN (umringen ihn jauchzend, einige eilen voraus, ihre Stimmen klingen ekstatisch durcheinander):

Jerusalem ... oh, das ewige Jerusalem ... Verkündigung ... Auf, Bauherr Gottes ... Ewig währet Jerusalem ...

DAS NEUNTE BILD

DER EWIGE WEG

»Denn ich weiß wohl, was für Gedanken ich über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, daß ich euch gebe das Ende, dessen ihr wartet. Und ihr werdet mich anrufen, und ich werde euch erhören. Denn so ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr, und will euer Gefängnis wenden.«

Jer. XIX, 11--14.

Der gleiche große Platz vor dem Tempel wie im ersten Bilde, doch nun mit allen Zeichen der Vernichtung und Zerstörung.

Auf dem Platze stauen sich in wirrem Geschiebe Karren mit Hausrat beladen, aufgezäumte Tragtiere, Wagen und Gefährte, dazwischen der strömende Schwarm der flüchtigen Menschen, die zum großen Aufbruch rüsten. Immer neue Gruppen drängen aus den Gassen her, immer lauter wird das Geschwirre der Stimmen. Auf den Stufen hocken teilnahmlos Greise und Frauen, indes die Männer die Maulesel zäumen; chaldäische Krieger in voller Rüstung schreiten stolz und herrisch durch das Getümmel, sich Platz mit den Speeren stoßend, und wachen über die Vertriebenen.

Über dem wirr geschäftigen tragischen Treiben hängt das Dunkel einer mondverwölkten Nacht, die allmählich in das Ungewiß der nahenden Dämmerung übergeht. Manchmal löst sich ein Glanz von Licht weißlich aus den Wolken los und erhellt das Bild der Verwirrung, indes von Osten schon als rötlicher Rauch der Frühschein des Morgens sich kündet.

STIMMEN:

Hier ist der Platz ... wie viele ihrer schon sind ... haltet euch zusammen, Söhne Rubens ... wie es doch dunkel ist ... hier voran, daß ihr die ersten seid ...

ANDERE STIMMEN:

Was drängt ihr ... unser ist die Stelle ... seit Abend stehen unsere Mäuler hier gegürtet ... Unser ist die Stelle ... immer will Ruben voran sein ...

EIN ALTER:

Nicht streitet ... lasset Ruben voran, so will es das Gesetz ...

DIE ANDERN STIMMEN:

Es gibt kein Gesetz mehr ... verbrannt ist die Schrift ... wer bist du, daß du uns gebieten willst ... die Priester ruft, die Priester ... Es gibt keine Priester mehr ... alle raffte sie das Schwert ... Hananja ist entkommen ... nein, am Pfahle verdarb er ... führerlos sind wir ... verlassen von allen ... wer wird uns gebieten ... oh, Qual der Knechtschaft ... wer wird die Opfer empfangen zu Babel ... wer uns deuten das Wort ... ausgerottet ist Aarons Geschlecht ... weh uns Verwaisten ... daß wir die Lade doch hätten und die Rolle des Gesetzes ... sie ist verbrannt ... nein, Gottes Wort verbrennt nicht ... selbst sah ich sie kohlen im Feuer, wie eine Schlange sprang sie hoch ... wehe, sie ist verbrannt ... verbrannt das Gesetz ... nein, es kann nicht wahr sein, Gottes Wort verbrennet nicht ... ist sein Haus nicht verbrannt, sein Altar nicht gestürzt ... ließ er nicht sinken seine heilige Stadt ... Ja ... ja ... hat er nicht uns in Knechtschaft gegeben ... ja ... ja ... gebrochen hat er den Bund, vernichtet die Verheißung ... lästert nicht ... lästert nicht ... ich fürchte ihn nicht mehr ... lästert nicht ... wer gebietet mir ... führerlos sind wir ... daß doch Mose uns erstünde ... daß ein Richter unter uns wäre ... der König, wo ist er ... der Geblendete ... blind ist er immer gewesen ... er hat uns hinabgestoßen ... oh, Ende Israels, Ende Jerusalems ... was ziehen wir aus ohne Gott und Gesetz, ohne Führer, der uns weise ... oh, Simson, Simson ... warum kommt er nicht, der uns ausführet mit starker Hand ... nie war größer die Not ... ach, er kommt nicht, verloren sind wir ... Gott ist gesunken mit seinem Tempel ... lästere nicht ... lästere nicht ... daß er doch käme, der Verkünder, der Befreier ...

EINE NEUE GRUPPE (aus dem Dunkel):

Hier ist des Marktes Mitte ... wer seid ihr ... Benjamin sind wir ... die Letzten, reihet euch an ... nein ... nein ... wir wollen nicht fressen von eurem Staube ... und wir nicht den euren ... fort mit den Tieren, führt sie am Zaume ... ihr tretet die Frauen ... weichet aus ... wehe, was stoßet ihr ... es ist so dunkel ... ach, daß es schon Morgen würde, daß ausginge diese Nacht ... wehe, wie Arges wünschest du, bete, daß ewig sie währte, denn die letzte ist sie auf Zions Berge ... ja ... ja ... segne die Nacht, sie birgt unsere Tränen, sie hüllt unsere Schmach ... die Sonne von morgen wird uns entblößen und unsere Scham den Heiden zeigen ... wehe ... betet, daß der Morgen nie komme über unser beladen Haupt ... ich kann nicht beten mehr ... meine Seele ist starr geworden in Schrecken und mein Herz steinern vor Grauen ... selig die unten liegen im Dunkel für ewig und Ruhe haben, selig die Toten Israels, sie dürfen weilen im Schatten der Heimat ... ins Diensthaus müssen wir ziehen ... ach, bräche doch nie dieser Tag über uns ... wehe uns, weh unsern Kindern, den Knechten der Fremde ...

(GELÄCHTER UND TUMULT aus dem Palast. Heraus treten, beleuchtet von Fackeln, die trunkenen chaldäischen Fürsten, grölend und lachend. In ihrer Mitte haben sie einen, den sie fortstoßen, einer zum andern, daß er zwischen ihnen schwankt und immer zu fallen droht.)

DIE CHALDÄISCHEN KRIEGER (durcheinander):

So geh doch wider Nabukadnezar ... Auf, Erstürmer Babels ... nicht falle, du Säule Israels ... geh ... stoßt ihn weg ... er ödet uns ... nicht kann er tanzen, wie David, der König ... nicht schlägt er die Psalter ... lasset ihn ... kommt zurück zum Weine ... an seinen Weibern erletz ich mich lieber ... lasset ihn Dunkel trinken, und trinken wir Wein ... kommt ... kehret ... laßt ihn ...

(DIE KRIEGER kehren lachend und lärmend in den Palast zurück. Der Verlassene bleibt unsicher im Dunkel über der Treppe stehen. Ein matter Strich verwölkten Mondlichtes läßt seinen Schatten schwarz hinter ihm aufstehen, daß er groß und gespenstig scheint.)

(DIE MENGE, unten in Schrecken und Staunen wogend, leise flüsternd.)

STIMMEN:

Wer ist es ... warum haben sie ihn fortgestoßen vom Mahle ... wer ist er ... wie ein Felsen steht er schwarz ... warum spricht er nicht ... seine Blicke sind verschnürt ... wie er die Hände hebt ... wer ist er ... nicht nahet ihm ... wer mag es sein ... ich will sehen ...

(EINIGE der Beherzten sind die Stufen emporgeklommen.)

EINER (plötzlich aufschreiend):

Zedekia!

DIE MENGE (durcheinander):

Der König ... der Geblendete ... Gottes Gericht ... Zedekia ...

ZEDEKIA (unsicher):

Wer ruft mich?...

STIMMEN:

Keiner ruft dich ... Fluch ruft dich und Gottes Gericht ... Wo sind die Ägypter ... wo ist Zion ...

ANDERE STIMMEN:

Schweiget!... Der Gesalbte ist er des Herrn ... geblendet haben ihn unsere Feinde ... Ehrfurcht dem Könige ... ehret den Dulder ...

ANDERE STIMMEN:

Nein, er soll nicht sitzen unter uns ... wo sind meine Kinder ... gib sie mir wieder ... Fluch über den Mörder Israels ... sein ist die Schuld ... fort mit ihm ... warum lebt er, da Bessere starben?

ZEDEKIA (zu einem, der emporgestiegen ist und ihn leitet):

Wer sind jene, die wider mich rufen? Ist es Israel, das mir feind ist?

DER FÜHRENDE:

Herr, Unglückliche sind es!

STIMMEN:

Nicht führe ihn her, gesondert sei unser Los von dem seinen!... abseits möge er sitzen ... Gott hat ihn gestraft ... Fluch liegt auf ihm ...

ZEDEKIA:

Fort ... führe mich fort ... in den Tempel, daß er mich berge vor ihrem Hasse ... ich will ihre Stimmen nicht hören ... ihr Haß brennt auf meine Wunden ... in den Tempel.

DER FÜHRENDE:

Herr, der Tempel ist nicht mehr.

ZEDEKIA:

Ist der Tempel gefallen ... dann falle auch ich ... wehe, wer tötet mich, den Blinden ... geh ... sage ihnen, rufe sie, die mich schmähen, daß sie ein Ende machen.

DER ÄLTESTE:

Weichet vom Könige! Ehrfurcht dem Gesalbten des Herrn! Was zerfleischet ihr einander, da der Feind uns würget?

STIMMEN:

Ein Fluchbringer ist er ... er hat Gottes Haus stürzen lassen ... er brach den Eid ... nein, lasset ihn ... man hat seine Söhne geschlagen ... ein Blinder ist er ... aber er soll nicht mehr König sein ... nein ... nein ... was soll uns ein Blinder ... eine Last ist er ... nein, er soll nicht König sein ... nein ...

ZEDEKIA (fast weinend in seiner Hilflosigkeit):

Führ mich fort ... meine Augen sind mir genommen ... die Krone noch reißen sie mir ab ... birg mich ... verbirg mich vor ihnen.

EINE FRAU:

Hier ruhe aus ... mein König, bette dich hin.

(ZEDEKIA wird an der Treppe hingebettet, Neugierde drängt um ihn.)

DER ÄLTESTE:

Weichet vom Könige! Ehrfurcht dem Gesalbten des Herrn! Unser Führer ist er von Gott.

STIMMEN:

Nein ... ein Blinder ist kein Führer ... wie kann er König sein in Jerusalem, da Zion fiel ... Knechte sind wir alle, wir brauchen keine Führer ... oh, wir bedürfen eines Erretters ... oh, daß Mose uns erstünde ... ein Tröster wäre vonnöten, kein Bedrückter ... ein Erleuchteter und kein Blinder ... niemand kann uns helfen ... rüstet zur Reise ... sehet das Dämmern ... wehe der Tag ... oh, Auszug ins Fremde ... wehe wir Vertriebenen ... wehe uns Führerlosen ...

(EIN LAUTES KLINGENDES TÖNEN von ferne.)

STIMMEN:

Wehe, die Posaune ... die Posaune ... hört ihr sie tönen ... nein, es ist die Posaune nicht ... wie von Zimbeln klingt es und Pauken ... Gesang, hört ihr Gesang ... es jauchzen unsere Feinde ... oh, Schmach ... oh, Qual ...

(DAS LAUTE KLINGENDE TÖNEN kommt näher.)

STIMMEN:

Pauken und Zimbeln ... sie rufen ... sie jauchzen ... sie kommen, uns fortzutreiben ... Gesang schwillt her ... wehe, wehe, wenn unsere Feinde jauchzen ... ihren Sieg jubeln sie ... verschließet die Ohren ... weh, ihrer ist das Frohlocken und unser die Trauer ... Schmach, es hören zu müssen ... wohin flüchten vor ihrem Hohn ... sie danken ihrem Gotte ... wem sollen wir klagen?

(DAS TÖNEN ist ganz nah, man hört einzelne Rufe und Zimbelschläge. Aus dem Dunkel sieht man eine Gruppe Menschen schreiten, die sich jubelnd um eine hohe Gestalt drängen.)

EINER (aus der Menge):

Sehet ... sehet ... der Unseren welche sind es, die nahen ...

STIMMEN:

Es ist nicht wahr ... wie könnten sie jauchzen ... Fluch dem Sohn Israels, der frohlockte an diesem Tag ... Trunkene müssen es sein ... die Unsern sind es ... ich erkenne sie ... Wer ist es, den sie umschreiten ... was geschieht hier ... was jauchzen sie ... was schlägt die Zimbel das rasende Weib ...

(DIE GRUPPE der Nahenden, mit Jeremias in der Mitte, ist aus der Tiefe ins fahle Morgenlicht getreten. Sie schreiten wie die Trunkenen einher im Taumel, einige ekstatisch, andere wieder ernst und feierlich.)

STIMMEN DER NAHENDEN:

Hosianna ... Verkündigung ... ewig währet Jerusalem ... oh, selige Heimkehr, oh, ewige Wiederkehr!... Gesegnet der Tröster, gesegnet die Tröstung ... Hosianna ... ewig währet Jerusalem ...

STIMMEN DER MENGE (in wilder Erregung):

Sie sind rasend ... was ist geschehen ... höret ... höret! Hosianna rufen sie ... was bringet er ... was ist seine Botschaft ... er rede auch zu uns ... wer ist es ... auch zu uns sprich, Verkünder ... Oh, Tröstung, wer gibt uns Tröstung ...

EINER:

Sehet, ist dies Jeremia nicht, den sie umschreiten?

STIMMEN:

Ja ... nein ... dunkel war jenes Gesicht ... ein Leuchten ist aber um diesen ... doch, sehet, er ist es ... er ist es ... wie ist er gewandelt ... wehe der Flucher ... wie kann Süßes kommen von dem Bittern ... was folget er uns, der uns verfolgte ...

BARUCH:

Höret die Tröstung, Brüder, lasset euch speisen mit dem Worte Gottes, mit dem Brote des Lebens!

STIMMEN:

Wie kann Tröstung kommen von dem Verfluchten ... wie die Geißel schlägt er zu ... er wird uns würgen mit dem Wort ... genug der Profeten, sie haben uns verredet mit ihren Worten ... nein, dieser hat gewarnet ... hart ist sein Mund wie ein Schwert ... Salz streut er in unsere Wunden ... hebe dich fort, Unbarmherziger!

BARUCH:

Nein, höret ihn! Das Herz hat er uns erhoben, oh, lasset euch trösten, ihr Gottesbrüder!

DER KRANKE:

Ich zeuge für ihn, ich bezeuge ihn! Im Brand meiner Wunde lag ich, ein Siecher, und er hat mich erhoben. Ich zeuge für ihn, ich zeuge ...

STIMMEN:

Wer ist dieser ... höret ihn an ... Wunder verheißet er, und wir bedürfen der Wunder ... Tröstung will mein Herz ... mich trösten einzig Zions Tale ... wie kann er trösten ... kann er wecken die Toten, kann er aufbaun die zederne Burg ... nein, höret ihn ... wehe uns ...

DAS WEIB:

Bileam! Bileam! Bileam! Heil dir, der du kamest zu fluchen Israel, und dreimal hast du uns gesegnet.

BARUCH:

Meister, sieh ihren Widerstreit! Mache einig ihr Herz, mache fruchtbar ihre Seelen, hebe auf, hebe auf zu Gott ihre Trauer!

JEREMIAS (aus dem Kreise vortretend an die höchste der Stufen):

Meine Brüder, im Dunkel fühle ich eure Nähe und des Dunkels voll eure Seelen. Aber, meine Brüder, warum verzaget ihr, warum klaget ihr?

STIMMEN:

Hört ihr den Lästerer ... ich habe gewarnt vor ihm ... er höhnt uns ... er fragt, warum wir klagen ... Salz streut er in unsere Wunden ... sollen wir jauchzen am Tage unseres Ausgangs ... sollen wir vergessen der Toten ... er spottet unserer Tränen ... schweige ... nein, höret ihn ... lasset ihn reden ...

JEREMIAS:

Oh, höret mich, ihr Brüder, höret mich an! Ist denn alles verloren, daß ihr klaget? Sehet und fühlt es mit den Sinnen: das Leben ist euch geschenkt ...

EINE STIMME:

Wehe, welch ein Leben!

JEREMIAS:

Und ich sage euch, wes das Leben ist, dessen ist auch Gott. Nur der Toten ist es, zu schweigen und zu klagen derer, die zur Grube fahren, doch der Lebendigen ist es, zu hoffen. Oh, meine Brüder, nicht klaget und verzaget, solange euch Atem vom Munde fließt, nicht tut auf euren Mund der Empörung und nicht schließet euer Ohr der Tröstung!

STIMMEN:

Ach, Trost der Worte, er wärmet nicht ... willst du uns aufrichten, so richte auf die Mauern Jerusalems ... baue Zions Burg ... wehe, er sieht unsere Not nicht ... er erkennet unsere Leiden nicht ...

JEREMIAS:

Ich schaue, meine Brüder, in euer Leiden wie in ein geöffnet Buch, und eurer Schmerzen Schrift ist mir aufgetan; doch, meine Brüder, auch unseres Leidens Sinn sehe ich: ich sehe den Gott darin. Seine Prüfung nur ist diese Stunde, so lasset sie uns bestehen!

STIMMEN:

Warum prüfet uns Gott ... Warum gerade uns, seine Auserwählten ... warum ist so hart diese Prüfung ...

JEREMIAS:

Damit wir ihn erkennen, sendet Gott uns die Prüfung. Andern Völkern ist klein Zeichen und gering Erkennen gegeben, in Hölzern und Steinen meinen sie des Ewigen Gesicht zu erschauen. Doch unser Gott, unserer Väter Gott, ein verborgener Gott ist er, und erst in der Tiefe des Leidens werden wir seiner gewahr, nur in der Prüfung tut er sich auf seinen Erwählten. Segen, wem sie begegnet, denn was wäre Israel unter den Völkern, prüfte es nicht ewig sein Gott? Wen er liebet, den stößt er hinab in die Tiefe des Lebens, daß er ihn erprobe, und, ihr Brüder, immer hat Gott sein Volk geliebt, immer hat er es hinabgestoßen.

STIMMEN:

Ja, er redet recht ... nein, gütig ist Gott ... verstehet ihn recht ... ja, es steht geschrieben: »Selig der Mensch, den Gott strafet, darum weigert euch der Züchtigung des Allmächtigen nicht« ... Ja, ja ... so steht es geschrieben ... nur die Sünder strafet er ... was haben wir getan ... Vergessen haben wir seiner in Hoffart ... nie rief ich ihn an wie jetzt in der Not ... wahr redet er ... Tröstung ist in seinen Worten ...

JEREMIAS: