Jeremias: Eine dramatische Dichtung in neun Bildern

Part 13

Chapter 133,828 wordsPublic domain

So sprich doch, du finsterer Schweiger, sprich! Wie ich wider dich zeuge, zeug du wider mich! Sag an, Ob je ich meinem Gelöbnis mich wehrte, Ob je ich gemüdet und aufbegehrte? So sprich doch, du finsterer Schweiger, sprich, Raff dich auf vor diesen und sprich wider mich! Du hast mich gesucht und hast mich gefunden, Mit Ahnung verschreckt und mit Träumen entzunden, Und da meine Seele in Flammen stand, Als Feuerbrand wider mein Volk entsandt; Was wars, als dein rasender Wille nur, Daß wie ein Feind ich wider sie fuhr? Ich war die Drossel, die sie umkrampfte, Der Huf, der ihren Frieden zerstampfte, Ich war die Säge, die sie zerkreischte, Der Stachel, der sie lebendig entfleischte, Ich war die Schrecknis, die sie erschreckte, Der Angsttraum, der sie allnächtens erweckte, Der Brand, der an ihren Knochen fraß, Der Dorn, der in ihrem Fleische saß, Ich war der Zänker, der sie schmähte und schmälte, Der Henker, der sie zerpfählte und quälte, Und war noch der Hohn, der dann sie verlachte verlachte -- Oh, alles war ich, was dein Irrwitz mich machte, Denn fühllos wie Feuer und dumpf wie ein Tier, So diente ich dir! So diente ich dir! Ich fühlte die Brüder, deren Seele mich suchte, Und doch! Ich verschloß mich und fluchte und fluchte, Und ob auch mein Herz sich bäumte und schrie, Ich zäumte es nieder und züchtigte sie.

STIMMEN:

Im Fieber redet er ... zu wem spricht er ... er ist rasend ... sein Hirn verbrennt ... Irrwitz redet er ...

JEREMIAS:

Aber ich sage mich los! Ich tu nicht länger nach deinem Begehr, Ich rechte nicht mehr und knechte nicht mehr! Mein Herz ist nicht länger dir Heimstatt und Haus, Ich stürz dich aus deinen Himmeln hinaus! Wie du dein Volk, so hab ich dich verstoßen, Den harten Hasser, den Mitleidslosen, Denn ein Gott, der Hohn anstatt Hilfe gibt, Ist nicht wert mehr, daß man ihn kündet und liebt! Nur wer das Leiden wendet, ist Gott allein, Nur wer Trost ausspendet, darf Allmacht sein! Oh, ich weiß es, ich weiß es, nur der ist Profet, Dessen Hand die ewige Liebe aussäet, Dessen Seele Flut ist von großem Erbarmen, Dessen Seele Glut ist von allem warmen Strömenden Blut, das unschuldig versprengt ist, Und dessen Herz von unendlicher Liebe versengt ist! Oh, und ich fühl es, ich fühl es, ich kann einer sein, Denn die Stimmen, die ungehört auf zu dir schrein, Sie schlagen wie Flammen in mich hinein! Mich ruft die Stadt, die du zürnend verbrannt hast, Mich ruft dein Volk, das du hassend verbannt hast, Mich rufen die Witwen, die du gezeugt hast, Mich rufen die Mütter, die du gebeugt hast, Mich ruft der König, den du geblendet, Dein Altar, den du dir selber geschändet: Aus Grüften und Lüften sind klingende Boten Urmächtigen Leidens mir zugesendet, Die Lebenden rufen, mich rufen die Toten, Und mein Herz erhört sie -- es hat sich gewendet: Gewendet von dir, der du hassend und hart bist Und zum Götzenstein deines Stolzes erstarrt bist, Zu ihnen, den Schwestern, zu ihnen, den Brüdern, Die Leiden umkleiden, die Qualen erniedern! Nur ihnen, nur ihnen Tut auf sich mein Herz, blühn auf meine Arme, Und ich beug ihrem Leid mich, ihm beug ich die Knie -- Denn ich hasse dich, Gott, und ich liebe nur sie!

DER ÄLTESTE:

Er hat Gott verflucht ... Schlagt ihn nieder ...

STIMMEN:

Er rast ... er ist toll ... Irrwitz ist seine Rede ... Wachen Auges träumt er ... es ist Gefahr, ihn zu hören ... bringt ihn zum Schweigen ...

JEREMIAS (plötzlich in die Knie brechend, gegen die andern gewandt):

Oh, meine Brüder, verzeiht mir, verzeiht, Verzeiht meiner ruchlosen Eitelkeit! Er, er nur hat mich mit Träumen verblendet, Mit Worten gelockt und mit Zeichen versucht, Daß ich meinte im Trotz meiner Eigensucht, Ich sei als ein Mahner gen euch gesendet. Ich meinte, daß ich der Große bin, Wenn seinen Namen ich wider euch reckte Und die Zähne mit seinen Flüchen ausbleckte, -- Doch ich reiße mich los und verstoße ihn! Und ob ich hoffärtig an euch getan, Ihr Brüder, hört mich erbarmungsvoll an! Weil ich euch fluchte, erbost euch nicht, Weil er mich versuchte, verstoßt mich nicht, Zu euren Füßen werf ich mich hin, Fühlt, fühlt es, daß ich voll Buße bin!

(DIE MÄNNER UND FRAUEN weichen entsetzt zurück.)

JEREMIAS (ihnen nachkriechend auf den Knien):

Ihr Brüder, ihr Brüder, verzeiht mir, verzeiht, Oh, wie fühl ichs jetzt, daß ihr mir Brüder seid Und ich der jüngste, geringste von allen! Oh, laßt mich, ihr Lieben, nun Liebe nur sprechen Und selig das Brot eures Leidens mitbrechen, Oh, laßt es, ihr Brüder, euch gütig gefallen, Daß ich euch liebe, daß ich euch gehöre, Nie soll mein Wort mehr, ich schwöre, ich schwöre, Sich frech und mahnend wider euch kehren. Das Letzte, das Niederste will ich euch tun, Das ihr mir auflegt als Buße und Pein, Den Staub will ich küssen von euren Schuhn Und der klägliche Knecht eurer Knechte sein. Oh, ihr Brüder im Dunkel, ihr Brüder im Leid, Meine Reue fühlt, meine Demütigkeit, Und vergebt mir, ihr Brüder, verzeiht mir, verzeiht!

DER ÄLTESTE:

Tod über den, der ihn berührt! Gott hat ihn gerichtet.

STIMMEN:

Gottverfluchter ... fort mit dir ... fort ... weg von uns ... weg aus unserer Mitte ... verpeste uns nicht ... Gottesleugner ... fort ... fort ...

JEREMIAS (zurückgestoßen, mit einem dumpfen Aufschrei):

Aussatz über mich! Aussatz über mich und Tod! (Er bricht in sich zusammen.)

STIMMEN:

Man muß ihn hinausschaffen wie ein Aas ... er verpestet mit seiner Nähe den Atem ... Wahnsinn ist über ihm ... hinaus mit ihm ... tötet ihn ... schlagt ihn nieder ...

DER ÄLTESTE:

Rührt ihn nicht an! Gottes Hand ist über ihm, und sie ist stärker, denn die unsere.

(EIN POCHEN, heftig und herrisch, an der Türe.)

ALLE (durcheinander):

Die Herolde ... die Chaldäer ... es pocht wie die Hand eines Gebieters ... es ist keiner der unsern ...

(DAS POCHEN, heftiger und eiliger.)

ALLE (durcheinander):

Wie er drängt ... er ist ungeduldig ... man darf ihn nicht erzürnen ... laßt verschlossen, Räuber sind es, Chaldäer ... man muß auftun ... er erzürnt sonst.

DER ÄLTESTE:

Ich tue ihm auf. Sind wir denn des Todes nicht zu jeder Stunde?

(DER ÄLTESTE öffnet zaghaft einen Spalt der großen Türe. Sie wird hastig aufgestoßen und herein stürzt)

BARUCH (verstörten Gesichts):

Brüder, ist Jeremias hier?

DER ÄLTESTE:

Nenn seinen Namen nicht, sprich ihn nicht aus!

BARUCH:

Ist er hier? Man hat mirs gesagt.

DER ÄLTESTE:

Daß er doch anderwärts wäre, im Schlund der Gehenna und zerrissenen Gebeins im Schlachthaus der Feinde! Hier liegt er, getroffen von Gottes Hand.

BARUCH (hinstürzend):

Jeremias! Jeremias!

JEREMIAS (sich aus seiner Hingesunkenheit langsam erhebend, ganz fremd ihn anstarrend):

Wer sucht mich noch, wer versucht mich noch?

BARUCH:

Meister, mein Meister, kennst du mein Antlitz nicht mehr, ward dir fremd meine Stimme?

JEREMIAS:

Ich will nichts schauen mehr und nichts hören. Weg du, der du noch Atem im Maule hast! Laß mich liegen und faulen!

BARUCH:

Jeremias, gütigster Meister du! Ich beschwöre dich, raffe dich auf, sie fahnden nach dir, sie sind nah, sie kommen!

JEREMIAS:

Wer sucht mich noch auf dieser Welt?

BARUCH:

Du bist verraten, man weiß deine Hausung. Nabukadnezar sandte Schergen nach dir, sie suchen dich, und rasch nur flog ich voraus.

JEREMIAS:

Mögen sie kommen. Selig die Schlächter, selig der Tod!

BARUCH:

Jeremias, fasse deine Sinne. Der Letzte bist du von den Edlen der Stadt; alle sind sie gefallen und geschlachtet, nur um dich fahnden sie noch, daß alles ausgerottet sei, was edel war in Israel.

JEREMIAS:

Mögen sie kommen! Selig die Schlächter, selig der Tod!

BARUCH (in Verzweiflung ihn aufrüttelnd):

Jeremias! Jeremias! Wach auf aus deinem Traum! Furchtbar ist Nabukadnezars Zorn und entsetzlich seine grausame Lust. Noch den Tod schärft er durch Qualen, und seine Knechte wissen zu martern wie keiner.

JEREMIAS:

Meinst du das, Knabe? Oh, du kennst Ihn nicht, den Fürchterlichen, der Qualen hat und Martern, die kein Irdischer weiß. Wes lebendige Seele in Gottes Marter gefallen, der fürchtet nicht mehr des Leibes Pein und die Schrecknis der Knechte. Mögen sie kommen, mögen sie kommen und sich versuchen an mir, dem Gott in die Eingeweide griff, und ich spotte ihrer. Denn ich habe die Gottesqual gekannt, und Seligkeit ist die Marter des Tods gegen die Marter des Lebens, eine Wollust der Menschen Qual wider die Gottesqual.

BARUCH:

Jeremias, Jeremias! Wenn du mich liebst, so entfliehe, ich lasse dein Leben nicht, ich lasse es nicht!

JEREMIAS:

Ich liebe nicht mehr! Keinen mehr liebe ich, keinen!

BARUCH (ihn umschlingend):

Nein, Meister, mein Blut eher, denn deines. Ich sterbe mit dir.

(HEFTIGE SCHLÄGE von ehernen Lanzen an der Tür.)

ALLE (stürzen in die Winkel):

Wehe ... wehe ... die Chaldäer ... unsere Stunde ist gekommen ... er hat das Unheil über uns gebracht ... Wehe ... er ... er ... liefern wir ihn aus ...

BARUCH (entsetzt):

Es ist zu spät ... sie sind da ...

JEREMIAS:

Tu ihnen auf, Baruch!

(BARUCH zögert.)

JEREMIAS (aufstehend, stark, mit großer, klingender, fast jauchzender Stimme):

Tu ihnen auf, daß ich aufrecht sie empfange, denn dürstig ward meine Seele des Todes. Oh, erster Erfüller meines Wortes, sei gegrüßet, gegrüßet das Ende! Tu auf, Baruch! Tu ihm auf, dem Erlöser!

(BARUCH schreitet gegen die Tür, zögert wieder.)

(NEUE HEFTIGE SCHLÄGE von außen.)

JEREMIAS (mächtig):

Tu auf, Baruch, wenn du mich liebst. Ich befehle es dir. Tu ihm auf!

(BARUCH verhüllt sein Gesicht und schiebt den Riegel zur Seite.)

(DIE TÜRE wird mächtig mit ihren beiden Flügeln aufgestoßen, ein Schimmer vom letzten abendlichen Licht glüht in das verdunkelte Gemach herein. Die drei Abgesandten des Königs treten reich geschmückt herein, hinter ihnen steht feurige Helle des sinkenden Tages. Die Flüchtigen scheuen vor ihnen in die dämmerigen Winkel zurück, nur Jeremias bleibt aufrecht ihnen gegenüber.)

DER GESANDTE (den beiden andern voraustretend):

Ist unter euch der, den sie Jeremias nennen, den Sohn Hilkias von Anathoth?

JEREMIAS:

Ich bin, den du suchst. Tu an mir nach deinem Geheiß.

(DER GESANDTE wirft sich seiner ganzen Länge nach vor Jeremias nieder und berührt dreimal mit seinem Haupte die Erde. Die beiden anderen tun desgleichen.)

(JEREMIAS tritt erschreckt einen Schritt zurück.)

DER GESANDTE (sich aufrichtend):

Gruß und Ehrfurcht dem Deuter der Zeichen! Ehre und Ruhm dem Verkünder des Geschehens, dem Erschauer des Verhüllten! (Er neigt sich wieder dreimal zur Erde, dann steht er auf, die beiden andern folgen seinem Gehaben.)

(JEREMIAS hat sich wieder gefaßt und sieht ihn finster an.)

DER GESANDTE:

Auftrag ist dir und Botschaft gesandt durch meinen knechtischen Mund von Nabukadnezar, meinem Herrn, dem König der Könige, dem Umpflüger des Lands. Also ergeht an dich das Wort des Gewaltigen. Gekündet ward Nabukadnezarn, daß du der einzige warst deines Volkes, der Untergang kündete den Empörern und Schande den Schwätzern. Wie Blei sind geschmolzen die Worte der Priester, die wider seine Stärke sprachen, aber das deine der Warnung ward bewähret wie Gold. Nabukadnezar hat deinen Ruhm vernommen, sein Ohr hat deinen Namen getrunken, und nun dürstet sein Auge, dich zu schauen.

JEREMIAS:

Mögen die Feinde meine Weisheit rühmen, ich fluche meinem Wort!

DER GESANDTE:

Also aber ergehet des Allkönigs Ruf an dich: »Ich habe geblendet, die verblendet waren. Ich habe die Kinnbacken gebrochen den Empörern und die Zunge ausgerissen denen, die sprachen wider mich. Aber die meine Macht ehrten, die will ich ehren, und Macht geben, die meine zu fürchten gewußt.« Ein Gewand sendet er dir, wie es die Fürsten Chaldäas tragen, und du sollst der Oberste seiner Diener sein an seinem Tisch.

JEREMIAS:

Ich diene keinem mehr im Himmel und auf Erden, seit ich Gott gedient und müde ward an ihm. Ich weigere mich dem Dienst.

DER GESANDTE:

Falsch deutest du das Wort. Nicht zu geringem Dienste bist du begehrt, sondern über alle gestellt, die dem Könige dienen. Der Oberste sollst du seiner Magier werden, Schicksal sollst du ihm deuten und die Sterne zählen, die seine Jahre sind. Es soll keiner sein über dir, frei dein Ausgang und Eingang in seinem Palast.

JEREMIAS:

Ich höre dein Wort, ich höre des Königs Wort aus deinen Worten und wäge es flach in den Händen. Groß ist der Ruf, den Nabukadnezar mir sendet, doch größer des Volkes Not, dem ich zu eigen bin. Darum höre! Ich mag nicht eingehen in den Palast, des Stufen die Töchter meines Herren scheuern als Mägde. Ich mag nicht das Brot brechen bei Tische als jener Gesell, deren Hände den Vorhang von Gottes Verborgenheit rissen zu Zion. Ich mag Gunst nicht von dem Grausamen und die Gnade nicht von dem Gnadelosen, ich mag sie nicht.

DER GESANDTE:

Botschaft habe ich dir gebracht, du hast sie vernommen, und eines Königs Botschaft will Gehorsam.

JEREMIAS:

Klar ist deine Rede, klar sei auch die meine. Geh hin zu dem, von dem du gekommen, und sage ihm, wie ich dir sage: »Also spricht Jeremias zu Nabukadnezar. Meine Bitternis hat keine Süße für dich und meine Lippen keine Verheißung für deinen Stolz. Und wenn du riefest mit aller Engel Stimme, mein Herz wird dich nicht hören, und wägtest du alle Steine Jerusalems mir mit Gold, so spricht dir nicht zur Süße mein Mund. Ob du mich gleich ehrest, ich ehre dich nicht, und ob du mich suchest, ich will dich nicht finden.«

DER GESANDTE:

Besinne dich, der Könige König ist es, der dich vor sein Antlitz fordert!

JEREMIAS:

Ich weigere mich ihm! Ich weigere mich!

DER GESANDTE:

Noch nie ward Weigerung ihm geboten.

JEREMIAS:

Ich biete sie ihm, ich, der Letzte Israels. Wer ist er, daß ich ihn fürchten soll? Ein Strohhalm ist seine Macht und ein Windhauch sein Zorn.

DER GESANDTE:

Verwegener, wen lästerst du? Des Herren geheiligten Namen sprichst du liederlich aus. Hüte deine Zunge, hüte dein Leben!

JEREMIAS (entbrennend):

Wer ist er, daß ich ihn fürchten soll? Viele waren, die einst solch Stirnband trugen von Gold und sich Pharao nannten, und ist doch keiner mehr, der ihnen nachfragte und einen Stift faßt, ihr Gedächtnis zu schreiben in die Bücher der Zeit. Mächtigere waren denn er, und die Geschlechter der Erde vergaßen ihrer, ehe die Bäume morschten, die sie gepflanzt. Wer ist Nabukadnezar unter den Sternen, daß ich ihn fürchten soll? Ist er ein Menschwurm nicht und wartet nicht Tod hinter seinem Schlaf und Fäulnis in seinem Leibe? Ist er dem Wandel enteilt schon und dem Umschwung der Stunde? Meinst du, er halte schon, was er habe, und mag sich des Ausgangs berühmen inmitten des Wegs?

DER GESANDTE:

Ewig währet Nabukadnezars Macht, ewig hält er den Sieg.

JEREMIAS:

Hast du es gelesen im Buche des Schicksals, haben die Magier ihm die Siegel gelöst vom Zukünftigen und die Sterngucker es bedeutet? Weiß er seinen Ausgang schon, daß ihr ein Prahlen um ihn anhebt, und kennet er sein Los, daß er sich erfrechet? Ich aber, Jeremias, sage dir: gebrochen ist der Stab über Nabukadnezar und zerrissen das Kleid seiner Macht. Tief hat er Israel geknechtet, aber siebenmal tiefer wird er geknechtet werden. Schon keimet sein Sturz, und seine Stunde, sie ist nah, sie ist da, schon erstanden ist der Rächer für Israel, erstanden der Rächer für Jerusalem!

(DER GESANDTE schrickt zurück.)

DER ÄLTESTE (aus dem Dunkel ist plötzlich aufgestanden und schreit begeistert):

Erfülle, erfülle sein Wort! Erhöre es, Gott, erhöre es!

JEREMIAS (ganz in Glut):

Geh hin zum Könige, geh hin! Hat er doch gesendet um Botschaft und gefordert das Verhüllte, geh hin, geh hin, sage ihm Verkündigung, daß die Ohren ihm gellen, geh hin, du Gesandter, geh hin und sage, wie ich es ihm sage: »Weh dem Verstörer, denn er wird verstöret werden, und weh dem Räuber, denn er wird beraubet werden! Der Blut getrunken in Scheffeln, wird darin ersaufen; und der sich gemästet vom Fleische der Völker, bald wird er Fraß sein der Würmer! Horch! Ein scharfer Wind wacht auf wider Babel und ein Sturmwind gen Ninive! Gezählt sind die Tage Assurs und gezückt das Schwert -- Schwert wider Babel, Schwert wider dich, Schwert über deine Männer, Schwert über Volk und Gefild! Gezückt, gezückt ist das Schwert, Blut will es trinken, es ist gezückt, es ist gezückt! Wisse es, du Neugieriger, erfahr es, du Vorwitziger, reif ist dein Assur zur Grube, voll sind die Kelter deiner Missetaten und die Kufen deines Frevels, Nabukadnezar.«

(DIE GESANDTEN haben sich scheu vor dem Ausbruch geflüchtet und halten die Hände abwehrend vor sich.)

DER ÄLTESTE (in Ekstase):

Erhöre ihn, Herr! Erhöre ihn! Mache wahr seine Rede, mache wahr seine Zunge! Sei du, der es sendet, sein Wort!

EINIGE DER FRAUEN UND MÄNNER (haben sich aus dem Dunkel gewagt und um ihn gesammelt. Flehentlich):

Erhöre ihn, erhöre ihn, Gott Zebaoth! Erhöre ihn!

JEREMIAS:

Schon ist er wach, der Rächer, er ist wach, denn der Herr des Tempels hat ihn erweckt und mit Stärke geschienet! Und er kommt, er naht, er ist da, gewaltig sind seine Fäuste, sie werden Babel zerdrücken wie ein Vogelnest und sein Volk jagen wie Spreu! Setze nur Wächter auf die Türme, daß sie warnen, rüste geharnischte Männer, daß sie ihm wehren, schärfe die Speere; doch so wenig du die Wolke kannst scheuchen am Himmel mit deinem Hauche, kannst du scheuchen seinen Sturm, denn als ein Rächer kommt er gefahren, und ein Segen ist auf seinem trunkenen Schwert.

DER ÄLTESTE (ekstatisch):

So lasse es geschehen, Gott! Lasse es geschehen!

DIE ANDERN (um ihn haben sich gesammelt, auch sie ergreift die Begeisterung):

Stürze nieder auf sie, wie er gesprochen ... erfülle, erfülle sein Wort ... oh, Verheißung ... sende den Rächer ... sende den Rächer ... fälle Babel, wie er gekündet ... erhöre ihn, Gott ... erhöre ihn ...

(DIE GESANDTEN weichen verstört zum Ausgange.)

JEREMIAS (in einem wilden Gemenge von Jubel und Ekstase):

Oh, du Irrwitziger der Irrwitzigen, hast du wahrhaft gemeint, uns zu knechten, hast du gemeint, Gott vergäße unser, Gott vergäße Jerusalem? Sind wir denn sein Kind nicht und seines Namens Vermächtnis, seine Erstgeburt und Erbe, ist sein Geist nicht auf uns und sein Segen auf Abrahams Scheitel? Er hat uns gezüchtigt in unsern Sünden, doch er wird unser sich erbarmen, er hat zerstört, doch er wird wieder aufbauen, er hat uns zerstreut, doch seine Liebe wird uns wieder sammeln, und wären wir zerstreut bis an die Enden der Erde. Was seine Linke genommen, wird die Rechte uns heimgeben tausendfach, denn, ihr Brüder, ihr Brüder, eher mögen Berge stürzen und aufwärts fließen die Flüsse und verdunkeln des Himmels Gezelt, als daß Gott vergäße seines Bundes, daß er vergäße Israel, daß er versäumte Jerusalem!

(DIE GESANDTEN sind mit ratlosen Gebärden entschwunden.)

DER ÄLTESTE UND DIE ANDERN (umdrängen Jeremias von nah und begleiten seine Rede mit hymnischem Zuruf):

Segen auf dein Wort ... Segen über dein Haupt ... Gott vergißt nicht Jerusalem ... Oh, Verkündigung, selige Botschaft ... Segen auf dein Wort ... Segen über dich!

JEREMIAS (immer jauchzender, ohne ihrer zu achten):

Oh, wie dunkel doch waren die Tage der Erde, da dräuend die Brauen Gottes sich ballten und sein Antlitz sich hüllte seinem Kindern! In Finsternis waren wir zergangen, schon meinten wir zu ersterben in den Kerkern der Ängste. Aber, meine Brüder, seines Ingrimms Ende war seiner Liebe Anfang schon. Ein Wetter ist er hingefahren über unsern Häupten und hat uns zerschlagen, wie Rohr brach er die Kraft unseres Leibes, aber neu glänzt bald die Sonne seiner Gnade. Er wirft die Blitze aus den Händen, er heißt seine Donner schweigen, und im sanften Säuseln klingt seine Stimme. Oh, sie klingt, sie hebt an, süß zu vernehmen über Länder und Meere, mildiglich hebt sie an, und sie wird sprechen zu ihrer Stunde:

Stehe auf, Jerusalem, Stehe auf, du Gekränkte, Und fürchte dich nicht, Denn ich erbarmte mich dein. Ich habe dir gezürnet Und dich einen kleinen Augenblick verlassen, Aber nicht immerdar will ich mit dir hadern, Und ich zürne nicht ewiglich. Und darum, daß du die Verlassene gewesen bist Und die Verstoßene einen Tag, Sollst du die Prächtige sein für und für Und die Erhobene in aller Ewigkeit. Ich will dich schmücken mit meiner Liebe Und gürten mit meinem Frieden, Mein Antlitz hat sich dir zugewendet, Und mein Segen ist deinem Scheitel gesenkt. So stehe auf, Jerusalem, Stehe auf, Denn ich hab dich erlöset!

DER ÄLTESTE:

Segen über dein Wort und Erfüllung!

DIE ANDERN:

Erhöre ihn, Gott ... tue nach seinen Worten ... erhöre uns ... erlöse Jerusalem ... erlöse Jerusalem ...

JEREMIAS:

Und siehe, sie ist aufgestanden, die Verstörte, da sie hörte den wonnigen Ruf, und es löset der Herr die Fesseln ihres Halses und das Joch ihrem Nacken. Er hebt auf die Geknickte von den Knien, er wischt ihr die Tränen von den Wangen, die Witwe und Waise erkürt er zur Braut. Und es lächelt die Gekränkte, es blüht die Verdorrte, es wird fruchtbar die Verschlossene und verlangt ihrer Söhne, daß sie möchten sie schauen in ihrem Glücke und frohlocken ihrer Erneuung. Aber schon haben Israels Kinder vernommen den Ruf des Herrn, und so weit sie verstoßen von den Enden der Erde und den Eilanden des Meeres, kommen sie heimgezogen gen Zion. Von Morgen und Mittag, von Abend und Mitternacht, selige Pilger kommen sie gezogen, über Gileads Gebirge eilen ihre Schritte, über Basan und Karmel ihre Ungeduld, daß sie schauen die Stadt unserer Liebe, die Stadt unseres Leidens, Zions heilige Burg. Und es glänzet Jerusalem, es jubelt Zions Tochter, da sie schauet ihre Kinder, zahllos gekommen aus den Kerkern der Verbannung, es blühet die Verdorrte, es glänzt die Verdunkelte, es jauchzt die Verstummte, auferstanden ist die Versargte, sie ist auferstanden! Und die Hügel winken ihr zu wie einst, und es schatten sie die Berge, und wie der Tau auf den Feldern, so glänzet der Friede über ihr, Friede des Herrn, Friede Israels, der Friede, Friede Jerusalems!

DIE ANDERN:

Oh, lasse es geschehen, wie er kündet, Herr ... tue also, wie er gesagt ... Friede über Israel ... lasse auferstehen Jerusalem ... laß uns auferstehen ... laß uns auferstehen ...

JEREMIAS:

Und des Tags, da wir wieder um Zion uns scharen, Die wir so lange die klagenden Knechte Im düsteren Zinshaus der Fremde waren, Da werden wir gläubig zusammentreten, Da werden wir sprechen, da werden wir beten: »Gesegnet seist du, Herr Zebaoth, Der du groß und gnädig an uns hast getan! An den Wassern von Babel saßen wir bangend Und brachen der Knechtschaft bitteres Brot, Wir mengten mit Tränen den Wein in den Krügen, Denn unsere Seele war heimverlangend Und unsere Dienstschaft ein täglicher Tod. Da riefen wir heiß, wir riefen aus Tiefen Des brennenden Sehnens dich, Gütigen, an, Wir riefen dich an, und es war nicht vergebens, Denn du hast unsere Fesseln, die harten, gesprengt, Mit dem Tau deiner Güte, mit den Wassern des Lebens Den Brand unserer dürstigen Seelen getränkt, Du hast unsere Hoffnung, die schon versiegte, Mit dem heiligen Stab deines Namens berührt, Du hast die Verirrten, du hast uns Besiegte Aus der Tiefe geholt und uns heimgeführt. Oh, seht Es, ihr Berge, oh, seht es, ihr Lande, Wir sind heimgekehrt, wir sind auferstanden! Oh, beugt euch, ihr Berge, oh, beugt euch, ihr Hügel, Oh, Ströme, rauscht auf in unser Gebet, Umgrünt uns, ihr Felder, empfanget, ihr Gärten, Mit Blütenfackeln die Heimgekehrten! Bekränzt uns, ihr Wälder, mit jubelndem Ton, Streu Rosen uns, Saron, zum andern Male, Umschatte uns, Karmel und Libanon, Wir sind heimgekehrt, wir sind heimgekehrt! Und du, Du selige Stadt, geliebt und verloren, Im Wachen erträumt, in Träumen beschworen, Du Braut unsrer Liebe, du Mutter uns allen, Mit Zimbeln erfüll dich und Flötengetön, Wach auf und laß deinen Jubel erschallen, Denn heimgekehrt sind wir, Jerusalem!«