Jeremias: Eine dramatische Dichtung in neun Bildern
Part 10
Nein, Worte sind es, ich fühle sie, ohne sie zu fassen. Wer singt hier nachts in meinem Haus? Ist den Sklaven so wohl, daß sie singen, indes ich, der König, hier liege mit brennenden Lidern? Geh, Joab, und mache ihn stumm.
(SCHWERTTRÄGER eilends ab.)
ZEDEKIA (bleibt gekrümmt horchend. Er scheint etwas zu hören, denn er hebt den Kopf, dann beugt er sich wieder horchend nieder. Plötzlich hört man drei dumpfe Schläge. Der König horcht gierig. Dann aufatmend):
Gott sei gedankt. Es schweigt! Es ist stumm! Er hat es stumm gemacht!
(SCHWERTTRÄGER erscheint wieder an der Tür. Er blickt verstört.)
ZEDEKIA:
Wer war es, der da sprach?
SCHWERTTRÄGER (zitternd):
Ich weiß es nicht, Herr. Ich bin ihm nicht genaht. Wie ich niederstieg zur Halle, hörte ich stärker das Singen, aus der Tiefe der Erde schien es zu kommen, und grauenhaft tönten die Worte. Ich ging nach, wo sie tönten, und fand doch keinen, der sang in der Halle, immer war es tiefer als ich, immer tiefer, wie aus einem Brunnen klang es empor oder einer Grube. Und ich hörte seine Worte, die waren fürchterlich. Dreimal stieß ich den Speer auf die Erde. Und da schwieg die Gehenna.
ZEDEKIA:
Was tönte die Stimme?
SCHWERTTRÄGER (schaudernd):
Ich ... ich kann es nicht sagen!
ZEDEKIA:
Ich befehle dir: sage die Worte!
SCHWERTTRÄGER:
Lästerung war es, mein König, die aufströmte vom Brunnen.
ZEDEKIA:
Was waren die Worte? Bei meinem Zorn!
SCHWERTTRÄGER (schaudernd. Seine Stimme wird psalmodierend im Gesang):
So sang es von der Tiefe: Ich habe mein Haus verlassen müssen Und mein Erbe meiden, Und was meine Seele liebet, in der Feinde Hand geben. Meine Augen fließen mit Tränen Tag und Nacht Und hören nicht auf, Denn die Jungfrau, die Tochter meines Volks, Ist greulich zerplagt.
ZEDEKIA (aufschreiend):
Jeremias! Er, immer er!
SCHWERTTRÄGER (wie begeistert weitersingend):
Wehe, wie hat der Herr die Tochter Zion Mit seinem Zorn überschüttet! Er hat die Herrlichkeit Israels Vom Himmel auf die Erde geworfen, Er hat die Mauer seiner Paläste In des Feindes Hände gegeben, Daß sie im Hause des Herrn geschrien haben Wie an einem Fest. Er hat ...
ZEDEKIA (ausbrechend):
Schweig still! Schweig still! Ich will es nicht hören. Ich will nicht! Immer er, immer er! Auf jeden Kreuzweg ist er gestellt, da ich schreite, hinter meinen Taten rennen seine Rufe, in meine Träume drängt er sich ein und füttert meinen Zwiespalt. Wie ihm entrinnen, dem Schatten, dem fürchterlichen? Aus der Grube noch schreit er zu mir! Wie ihm entfliehen, der mich verfolgt, wie ihm entgehen, der allerorts ist? Wer befreit mich von ihm ...
SCHWERTTRÄGER:
Herr, ist es dein Feind, so ... (Er macht eine Bewegung.)
ZEDEKIA (aufgeschreckt aus seinem Zorn, starrt ihn fassungslos an. Dann in erwachendem Stolz):
Du meinst ... Nein, ich fürchte ihn nicht. Ich fürchte niemanden. Und ich weiß nicht, ob er mein Feind ist. Vielleicht war es töricht, vor ihm zu flüchten ... Vielleicht ... (Er geht unruhig auf und ab): Schwertträger!
SCHWERTTRÄGER:
Mein König?
ZEDEKIA:
Geh hinab und schließe auf die Düngergrube. Nimm mit deinen Bruder Nehemia, und bringet den Mann aus der Tiefe vor mich her. Geheim muß er gebracht werden und im geheimen wieder hinab.
(DER SCHWERTTRÄGER und sein Bruder eilig ab.)
ZEDEKIA (allein. Er spricht halblaut vor sich hin):
An jedem Kreuzweg hinter meinem Rücken und immer zu spät, und immer muß ich ihn hören. Warum rief ich nur Gott, der mir schweigt, und nicht alle, die sagen, daß er rede durch sie? Aber warum reden sie einer gegen den andern und widersprechen sich, wie ja dem nein? Wie sie erkennen, wie scheiden das Falsche vom Wahren? Furchtbar, furchtbar dieser Gott, der immer nur schweigt und dessen Boten keiner erfaßt!
(JEREMIAS erscheint, begleitet vom Schwertträger, der auf eine Gebärde Zedekias sofort den Raum verläßt. Sein Antlitz ist fahl und abgemagert, schwarz wie aus einem Totenschädel schauen die Augen aus einem weißen, knöchernen Gesicht. Er blickt den König ruhig forschend an.)
ZEDEKIA (nach einer kurzen Betretenheit):
Ich habe dich rufen lassen, Jeremia. Warum störst du meine Ruhe? Was singst du des Nachts, da alle schlafen, und schläfst nicht auch?
JEREMIAS:
Dem, der da wachen soll über das Volk, ist kein Schlafen verstattet, und zum Wächter bin ich gesetzt und zum Warner.
ZEDEKIA:
Wahr sprichst du, Jeremias, nicht ist jetzt Zeit zu ruhen in Jerusalem, und bei Gott, ich habe nicht geruht. Ratschluß habe ich gehalten mit den Dienern meiner Krone, aber nicht ward still meine Seele daran. Die Freunde habe ich vernommen, die meines Sinnes sind, doch noch verlangt es mich, den zu vernehmen, der wider mich ist in Jerusalem.
JEREMIAS:
Nie ward mein Herz wider dich, mein König, nur meine Rede wider dein Tun.
ZEDEKIA:
Und nie war ich dir feind, sei des eingedenk in dieser Stunde! Wenn ich dich verschloß, so war es, dich zu retten vor deinen Widersachern. Heilig war mir dein Haupt um deiner Kühnheit willen. Doch nun sprich zu mir nicht, wie du am Markte sprichst, sondern in deiner Seele und vor Gottes Ohr. Nahe bist du vielleicht deinem Ende, und die Bücher sagen, daß Worte wahr sind im Antlitz des Todes.
JEREMIAS:
Nicht näher bin ich dem Tode, Zedekia, als du selbst. Auf einem Blatte des dunklen Buches ist unsere Stunde gezeichnet.
ZEDEKIA:
Ich bin nicht dein Feind: möge sie dir ferne sein!
JEREMIAS:
Zweimal habe ich gesprochen zu dir, Zedekia, König von Israel, doch nur deinen Rücken traf meine Rede, und vor dir lief schon die Tat. Nun spreche ich in dein Antlitz und frage dich, was begehrst du von mir?
ZEDEKIA:
Viel ist von den Dingen wahr geworden, Jeremias, die du geweissagt, und deine Stimme ward stärker in meiner Seele. Nabukadnezar ist gekommen von Mitternacht mit Rossen und Wagen, wie du gesehen im Traum, und gürtet die Stadt. Nichts ist ihm gelungen bislang, doch mächtig hilft ihm die Zeit. Ein Geheimnis will ich dir künden. Karg wird in den Mauern das Brot.
JEREMIAS:
Ich weiß es, Herr.
ZEDEKIA:
Wie kannst du es wissen? Keiner hat die Säcke gezählt, als Nachum, der Hüter. Wie gibst du vor, es zu wissen, der du beim Dünger liegst unter der Erde?
JEREMIAS:
Das Brot ist kleiner geworden und kleiner, das sie mir in die Grube reichen, kaum deckt mirs die Spanne der Hand. Und ich höre die Hunde winseln des Nachts und scharren in den Knochen, denn keiner wirft ihnen mehr Weiches zu. So ward mir die Not bewußt.
ZEDEKIA (noch gereizter):
Die Hunde wissen es in den Gassen, die Versenkten in ihrer Grube, und mich, den König, hat man heut es gelehrt. Auf den Gassen geht die Wahrheit um und weilet dort lange, ehe sie kommt zu den Königen.
JEREMIAS:
Wie soll Wahrheit dorthin eilen, wo Dünkel weilt? Ist ihr denn Willkomm bei den Königen? Hart ist das Ohr der Könige und nur aufgetan der Honigrede, ihre Hüften umgürtet mit Hochmut und ihre Füße umnestelt mit Schmeichlern. Sie meinen, die Hochmütigen, man könne Feuer fassen, ohne sich zu brennen, und ins Schwert greifen, ohne sich zu schneiden. Wer aber den Frieden stört, dem wird er verstöret werden, und wer Wind in die Welt gesäet, wird Sturm ernten in seiner Seele.
ZEDEKIA:
Jeremia, zum Rat habe ich dich gerufen, nicht zur Schmähung! Aus deiner Tiefe habe ich dich geholt, und keiner weiß es von ihnen, daß aus dem Brunnen, darein sie dich versenkten, Ratschluß ich hebe. Darum sprich zu mir wahrhaft und rate, ehe daß du schmähest. Willst du mir zu Willen sein?
JEREMIAS:
Gott einzig bin ich zu Willen.
ZEDEKIA:
So höre, was keiner weiß, denn meine Räte. Ein Bote kam von Nabukadnezar, daß wir wendeten den Krieg von unseren Völkern.
JEREMIAS (jauchzend):
Gelobt sei Gott! Tu auf ihm die Tore, tu auf der Demut dein Herz!
ZEDEKIA:
Nicht juble zu früh! Hart ist, was er fordert von uns, und seine Hoffart ohne Maß.
JEREMIAS:
Hoffärtig warst du wider ihn, so nimm nun Hoffart von ihm. Zwinge dein Herz, doch rette die Stadt!
ZEDEKIA:
Meine Ehre hat er gefordert.
JEREMIAS:
Gib sie hin für die Stadt!
ZEDEKIA:
Ist nicht Ehre mein Amt und der Stolz meine Krone?
JEREMIAS:
Was dein ist, wirf weg! Besser als Ehre ist Friede, besser Leiden denn Sterben.
ZEDEKIA:
In ein Joch will er mich beugen!
JEREMIAS:
Selig zu leiden einer für alle, zu leiden für das lebendige Leben. Beuge den Nacken, errette die Stadt!
ZEDEKIA:
Schmach wäre es für all die Könige, deren Erbe ich bin, Unflat am Kleid meiner Ahnen.
JEREMIAS:
Nicht derer denke, die waren, denn Staub sind sie und Wurmfraß. Denke der Stadt, gedenke der Lebendigen!
ZEDEKIA:
Doch nicht mich nur will er erniedrigen, auch unsern Gott.
JEREMIAS:
Gott lächelt seiner Verächter! Tu auf ihm die Tore, tu auf der Demut dein Herz!
ZEDEKIA:
Das Heiligste will er betreten, dem keiner genaht!
JEREMIAS:
Gott wird es wehren, so es sein Wille ist, nicht du. Tu auf die Tore, tu auf der Demut dein Herz!
ZEDEKIA (ergrimmt):
Starrsinn ist deine Weisheit und Trotz dein Ratschluß. Mit tauben Ohren hörst du mir zu, und Kieselstein ist deine Antwort.
JEREMIAS:
Soll ich die Hände klappen zu deiner Verblendung und jauchzen zu deinem Wort? Rat scheinst du zu fragen und buhlst doch nur Beifall. Doch eher dorre meine Zunge und zerfalle mein Gebein, als daß ich deine Torheit lobe und nicht schreie wider deine Verblendung.
ZEDEKIA:
Was wirfst du dich hart über mich? Noch weißt du meinen Willen nicht.
JEREMIAS:
Ich kenne deinen Sinn. Nur dein Wort buhlt um mich, doch dein Wille bockt wider mich! Willst du meiner spotten und spielen mit Gottes Wort? Nicht riefst du mich, daß ich die Wage sei deines Entschlusses. Längst ist die Botschaft gehärtet in deiner Seele und gesiegelt deine Meinung. Nicht mich belügst du, nur dich selber, König von Israel.
ZEDEKIA:
Jeremias!
JEREMIAS:
Ja, ich, Jeremias, sage dir, dem Könige: Unwahr handelst du an mir, und Ausflucht sind deine Worte. Denn nicht frei ist dein Wille mehr, und du willst nicht, daß ich ihn wende.
ZEDEKIA (unsicher):
Wie kannst du es wissen?
JEREMIAS:
Deine Lippe verrät es, wie ein Schuldiger schreckst du vor meinem Zorn. Versuchen wolltest du mich, daß ich dir zuspräche und ablüde die Schuld deinen Schultern, aber, wehe dem, der Menschen versucht, denn Gott versucht er in ihnen.
ZEDEKIA (zögert betroffen. Dann leise):
Viel ist dir zu wissen gegeben, Jeremias! Wahr, allzu wahr ist dein Wort. Nicht ist mein Wille mehr frei. Schon ist die Botschaft bei dem Boten.
JEREMIAS:
Nimm sie ihm ab! Errette die Stadt!
ZEDEKIA:
Schon ist er gegangen.
JEREMIAS:
Zurück! Ruf ihn zurück!
ZEDEKIA:
Zu spät! Zu spät bist du gekommen.
JEREMIAS:
Eile ihm nach! Laß ihm nachsetzen mit Rossen und Läufern.
ZEDEKIA:
Es ist zu spät. Schon hält sie des Königs Hand!
JEREMIAS (bricht zusammen, verhüllt sein Gesicht, mit einem dumpfen Schrei die Hände reckend):
Dann wehe, wehe Jerusalem! Jerusalem! Jerusalem! Wehe! Wehe!
ZEDEKIA (erschreckt ihm nahe tretend):
Was ist dir, Jeremias?
JEREMIAS (hört ihn nicht. Ein Schluchzen geht durch seinen Körper. Allmählich richtet er sich ganz empor. Seine Augen starren in die Ferne mit ekstatischem Blick, sein ganzer Leib ist durchschüttelt von mächtiger Bewegung. Er spricht abwesend wie im Gebet, die Hände aufhebend, überwältigt von innern Gesichten):
Oh wehe, wie bist du vom Himmel gefallen, Jerusalem, prächtiger Morgenstern, Und gedachtest doch über die Welten zu steigen! Über die Wolken wolltest du fahren, Doch wehe, du bist gesunken, du Schöner, Nieder, oh nieder, in Dunkel und Nacht.
ZEDEKIA (ihn erwecken wollend):
Jeremias!
JEREMIAS:
Was war heller, als deine Stirne, Du Burg Jakobs, Du Kronstadt Davids, Du Zelt Salomos, Gottes Kleinod und heiliges Haus? Wer konnte dich künden, wer durfte dich rühmen? Die Psalter ward müde, die Zimbel zu leise, Von Morgen bis Abend dich heilig zu preisen. Völker pilgerten her, dich zu schauen, Und wer dich schaute, dem frohlockte das Herz!
ZEDEKIA:
Du rasest, Jeremias! Wach auf! Wach auf!
JEREMIAS:
Doch wie still bist du nun, du Schöne, geworden, Wo ist dein Leuchten, wohin dein Gefunkel? Nicht mehr flüstern Die Stimmen des Bräutigams und der Braut, Weithin verscholl das Wogen des Marktes, Das Tönen der Freude, Flötenklang und der Jungfraun Gesang! Weh! Ein Würger ist über dich kommen, Ein arger Vollstrecker von Mitternacht. Eitel Wüstung sind deine Straßen, Dornen wachsen in Marmelgemächern Und Nesseln in deines Königs Palast. Weh! Gesunken sind all deine Mauern, Geborsten die Türme und schmählich zerstoßen Das ewige Herz deines Heiligtums.
ZEDEKIA:
Du lügst, Verfluchter! Hoch und heil sind Jerusalems Mauern!
JEREMIAS (immer frenetischer):
Alles Haupt ist geschoren, Aller Bart ist geschnitten, In Säcken gehen die Mütter und reißen Mit Nägeln sich rot das Fleisch von den Wangen: Wo sind meine Söhne? Wo sind meine Töchter? Doch wehe! Es liegen wie Kot in den Gassen Die Leichen der Knaben, erwürgt von den Knechten, Die Frauen, erdrosselt im Strang ihrer Haare, Die Schwangern zerhaun mitsamt ihrer Frucht. Schon ekeln die Raben sich vor ihrer Fülle, Und die Schakale der Wüste sind satt.
ZEDEKIA:
Schweig still! Schweig still! Du lügst!
JEREMIAS:
Was hilft es zu flüchten in die Geklüfte, In brennenden Steinriß, in tiefes Gestrüpp? Sie jagen dir nach mit Rossen und Meuten, Sie treiben dich aus mit Räuchern und Bränden, Sie fassen dich an und fassen dich doch! Sie treiben das Volk mit dem Stecken des Treibers, Sie schwächen die Frauen, sie schlagen die Greise, Die Tochter des Königs wird Magd seiner Mägde Und Sklave der Sklaven der rechtliche Mann.
ZEDEKIA:
Kein Wort mehr, du Lügner, bei meinem Zorn!
JEREMIAS (aufklagend):
Oh, Jerusalem, Jungfrau und Gotteskind, Geschmäht und geschwächt vom Hohne der Heiden, Oh wehe, daß ich dich so schauen muß! Alle deine Neider sind voll jetzt des Lachens, Sie blecken die Zähne und lachen betulich: »Ei, wie haben wir diese erniedrigt, Wie ward willfährig die Stolze, die Schöne! Das ist der Tag, des wir haben begehret, Wir habens erlanget, Wir habens erlebt!«
ZEDEKIA (zitternd vor Zorn auf ihn, mit geballten Fäusten):
Schweige, du Lügner! Ich kann es nicht hören! Du lügst! Du lügst!
JEREMIAS:
Oh, Jerusalem, heilige Gottesstadt, Wiege der Völker und Kleinod der Welt. Wer wird dich rühmen, wer findet dich? Eine Sage der Zeiten bist du geworden, Fabel und Sprichwort unter den Völkern, Oh, ich sehe ...
ZEDEKIA:
Nichts wirst du sehen, du Rasender du!
JEREMIAS:
Ich sehe dein Leid, ich seh deinen Tod, Ich sehe ...
ZEDEKIA (ihn wild anfassend und rüttelnd, in höchstem Zorn):
Nichts wirst du sehen! Ich lasse dich blenden!
JEREMIAS (wie in einem fürchterlichen Erwachen ihn anstarrend. Dann plötzlich grell auflachend, in vorbrechender Ekstase):
Mich?! Du mich blenden, du Ruchloser!? Nein! Anders hat Gottes Entschluß bestimmt! Wohl wird einer geblendet sein, Ehe der Tag noch sein Ende nimmt, Doch jener, der längst schon verblendet war, Als sein Auge noch blickte und sah: -- Höre mich, König Zedekia!
(ZEDEKIA hat ihn losgelassen und starrt ihn erschrocken an.)
JEREMIAS (mit beiden Fäusten auf ihn zu):
Dich Werden sie fassen, des Königs Knechte Im Hause Gottes, das du verstört, Sie reißen die Rechte Dir los vom Altar, Daran sie zur Hilfe verklammert war! Du willst dich wehren, sie brechen dein Schwert, Umtun deine Arme mit eisernen Flechten Und schleppen Und schleifen dich über die Treppen, Wie ein Opfertier mit Peitschen und Schlägen Jenem entgegen, Dessen Hand du verstoßen, dessen Joch du zerbrochen Und der dir ein feuriges Urteil gesprochen!
(ZEDEKIA ist zurückgefahren und hebt wie abwehrend die Hände.)
JEREMIAS:
In die Knie Knicken sie dich und stoßen dich sie, Ein Feuer loht knisternd auf rundem Stein, Vier Hände halten den Blendstahl hinein. Heiß Frißt die Hitze Vom schwarzen Griff sich auf in die Spitze. Sie glüht! Sie flammt! Sie wird rot! Sie wird weiß! Und dann Fassen dich rauh ihre Fäuste an, Zischend und rauchend Tauchen Sie die Nacht dir in dein Auge hinein.
ZEDEKIA (aufschreiend und sich an die Augen greifend, wie ein Geblendeter):
Weh!
JEREMIAS:
Doch eh Dir noch in einer brennenden Gischt Von Blut und Tränen dein Blick verlischt, Mußt du noch sehn Deine Söhne, die drei, vor dem Henker stehn! Doch dich halten die Knechte, dich halten die Ketten, Du kannst sie nicht lösen, du kannst sie nicht retten, Du kannst nur aufschrein, wie jetzt das Schwert In den ersten! den zweiten! den letzten fährt! Du siehst, Wie ihr Blut, ihr junges, im Kote fließt, Und siehst, Eh der rote Stahl dich für immer blendet, Wie Israels Stamm und Königtum endet.
ZEDEKIA (der, wie ein Blinder tappend, auf das Ruhebett gesunken ist, die Hände flehend aufhebend):
Erbarmen! Erbarmen!
JEREMIAS:
So wirst du ins ewige Dunkel schrein, Doch dir wird kein Helfer im Himmel sein, Denn Gott erhört Nie den, der frevelnden Übermutes Seine Stadt vertan und sein Haus zerstört. Er wirft dich nieder zu den Würmern und Schlangen, Die blind am Bauche der Erde hinlangen, Er wirft dich zum Abhub, zu den Siechen, Verschwärten, Den Unreinen, zu den Aussatzverzehrten, Er wirft dich in Abseits, zu Räude und Grind, Wo die Ausgestoßenen des Volkes sind. Ein blinder Bettler, der Ärmste der Armen, Durchstreifst du fremd dein eigenes Land, Und tritt einer nah Und sieht unter dem aschenwirrichten Haar Das, was einstens König zu Zion war, Dann hebt er die Hand Und flucht dir, König Zedekia!
ZEDEKIA (ist wie zerschmettert von den Worten stöhnend auf dem Lager liegen geblieben. Jetzt richtet er sich langsam auf und sieht Jeremias mit einem wirren Blicke schauernd an):
Was für eine Macht ist dir gegeben, Jeremias! Die Kraft hast du gebrochen in meinen Gliedern, und das Mark steht starr mir im Leibe. Furchtbar sind deine Worte, Jeremias!
JEREMIAS (die Ekstase ist von ihm gefallen, der Glanz in seinen Augen erloschen):
Arm sind meine Worte, Zedekia, Ohnmacht meine Macht. Nur wissen kann ich und nicht wenden!
ZEDEKIA (erschüttert):
Warum bist du nicht früher vor mich getreten?
JEREMIAS:
Ich war immer zur Stelle. Doch du fandest mich nicht.
ZEDEKIA:
Es muß so Gottes Wille gewesen sein! (Schweigen. Dann steht Zedekia langsam auf und geht auf Jeremias zu): Jeremias, höre mich an -- ich ... glaube dir! Furchtbareres hast du gekündet, denn je gekündet ward einem König in Israel, und doch -- ich glaube dir. Mit Schauer hast du mein Herz geschlagen, und doch, ich ward dir nicht gram. Es möge kein Streit mehr sein zwischen uns im Schatten des Todes. Geh hinab, woher du gekommen, nicht soll es dir fehlen an Zehrung, das letzte Brot meines Tisches will ich teilen mit dir. Und niemand wisse um unsere Zwiesprache denn Gott allein.
(JEREMIAS wendet sich zum Gehen.)
ZEDEKIA (gequält):
Jeremias! Muß es denn sein? Oh, Jerusalem, mein Jerusalem! Kannst du es nicht wenden?
JEREMIAS (düster):
Es muß sein! Nichts vermag ich zu wenden. Verkünden ist mein Amt. Wehe den Ohnmächtigen!
ZEDEKIA (schweigt, dann von innen):
Jeremias, ich habe es nicht gewollt! Ich mußte Krieg künden, aber ich liebte den Frieden. Und ich liebte dich, weil du ihn gekündet hast. Nicht leichten Herzens hab ich den Harnisch genommen, es war Krieg vor mir unter Gottes Angesicht und wird auch nachdem sein. Viel habe ich gelitten, sei dessen Zeuge zu seiner Zeit. Und sei bei mir, wenn dein Wort sich erfüllt.
JEREMIAS (ergriffen):
Ich werde bei dir sein, mein Bruder Zedekia!
(JEREMIAS wendet sich langsam, abgekehrten Gesichtes von ihm. Er ist schon bei der Türe, da ruft noch einmal:)
ZEDEKIA: Jeremias!
(JEREMIAS wendet sich.)
ZEDEKIA:
Tod ist über mir, und ich sehe dich zum letztenmal. Du hast mir geflucht, Jeremias -- nun segne mich auch, ehe wir scheiden.
JEREMIAS (zögert, dann schreitet er feierlich zurück und hebt die Hände über des Königs Stirn):
Der Herr segne dich und behüte dich auf allen deinen Wegen. Er lasse dir leuchten sein Angesicht und gebe dir den Frieden.
ZEDEKIA (träumerisch verworren nachsprechend):
Und ... gebe ... uns ... den Frieden ...
DAS SIEBENTE BILD
DIE LETZTE NOT
»Ich hielt meinen Rücken dar denen, die mich schlugen, und meine Wangen denen, die mich rauften. Mein Angesicht verbarg ich nicht vor Spott und Speichel.«
Jer. L, 6.
Auf dem großen Tempelplatze am Morgen des nächsten Tages. Eine gewaltige Menge, meist Frauen mit Kindern, drängt sich wild vor dem Palaste die Stufen empor und wird eine einzige, lärmende Flut, überschäumt von einzelnen gellen Rufen und Schreien. Die Vordersten sind bis zu der Tür gelangt und hämmern an das Tor.
DER TÜRHÜTER (erscheint):
Was wollt ihr noch? Ich habe euch schon gesagt, es wird heute kein Brot mehr gegeben!
EIN WEIB:
Aber ich habe Hunger! Ich habe Hunger!
EINE ANDERE:
Ein Brot haben sie mir gegeben für meine drei Kinder, klein wie die Spanne meiner Hand! Sieh her: ganz dürr ist das Mädchen, wie Bast ihre Finger. (Sie hebt ein Kind empor.)
EINE ANDERE:
Das meine sieh! Das meine! (Sie hebt ihr Kind empor.)
STIMMEN (wild durcheinander):
Ich habe Hunger ... Gib Brot ... Brot ... Brot ... Wir verhungern ... Brot ... Brot ...
EINER (ist bis zur letzten Stufe emporgeklettert):
Her mit den Schlüsseln, sage ich.
STIMMEN (durcheinander):
Ja ... her mit den Schlüsseln ... Sperrt auf ... Die Schlüssel ... Ja ... ja ...
DER TÜRHÜTER (den Emporgeklommenen vor die Brust stoßend):
Zurück! Befehl des Königs, jedem ein Brot zu geben bei Tagesanbruch, und dann die Speicher zu schließen.
EINE STIMME:
Mir hat man keines gegeben!
ANDERE STIMMEN:
Mir auch nicht ... mir auch nicht ... Man hat mich vergessen ... mich auch ... warum mir keines?
EINE FRAU:
Wie ein Goldstück war meines, und ich habe ein Kind an der Brust. Gerechtigkeit!
EINE ANDERE:
Sand war in meinem, Kies und Sand!
EINE ANDERE:
Es sind nicht die gleichen Brote wie vordem! Falsch teilt man uns zu! Gerechtigkeit!
DER TÜRHÜTER:
Nachum teilt jedem das gleiche zu. Er ist gerecht.
EINE STIMME:
Wo ist er?
ANDERE STIMMEN:
Ja, wo ist er? Wir wollen ihn sehen!... Wo ist er ... er soll uns Rede stehn ... Heraus mit ihm ... Er bestiehlt uns ... wo ist er ...
EINE STIMME (aufreizend, grell):
Zu Hause sitzt er und mästet die Seinen. Kringel und Kuchen backen sie.
EIN ANDERER:
Ja, sie haben alles beiseite geschafft, die Reichen!
ANDERE:
Und wir sollen hungern ... nein! nein!... Sie bestehlen uns ... Brot für die Armen ... Brot ... Brot ...
DIE AUFREIZENDE GRELLE STIMME:
Beim Könige sind die goldenen Schüsseln voll mit Wildbret und Leckerei. Den Hunden werfen sie im Palast lieber die Reste vor als unseren Kindern.
EINE STIMME:
Das ist nicht wahr.
ANDERE STIMMEN:
Ja ... ja ... ich habe es selbst gesehen ... meine Schwester sagt es auch ... Wo ist Nachum ... Vorwärts ... Hinauf ... Brot ... Brot ... Verschwunden sind sie jetzt alle ... Brot ... Brot ...
(DIE STIMMEN schwellen allmählich zu einem einzigen gewaltigen Schrei »Brot! Brot!« an. Die Menge flutet die Treppen in steigender Erregung hinauf, die Vordersten wollen schon den Türhüter greifen und hämmern mit ihren Fäusten an die verschlossene Tür.)
(DER TÜRHÜTER hat in ein Horn gestoßen. Aus dem Palast eilt sofort ABIMELECH mit einigen Kriegsknechten herbei.)
ABIMELECH:
Fort!... Stoßt sie zurück ... Hinunter die Treppen ... hinunter ... Raum vor dem Palast.
(DIE MENGE flüchtet, gestoßen von den umgekehrten Lanzen, hinab in panischem Tumult.)
DIE STIMMEN (durcheinander):
Wehe ... Er hat mich geschlagen ... Sie töten uns ... Wehe ... Wo ist mein Kind ... Weh ... Gewalt ... Zu Hilfe!
(DIE MENGE hinabgedrängt, wogt unten in zorniger Erregung.)
ABIMELECH:
Seid ihr rasend! Der Feind wirft sich wider uns. Vor dem Walle stehe ich seit morgens gegen seinen Ansturm, und derweil brecht ihr hier vor? Was wollt ihr, Rotte?
DIE STIMMEN: