Jenseits der Schriftkultur — Band 5

Part 6

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Orwells Big Brother ist weiterhin allgegenwärtig, allerdings in einem anderen Sinn, als Orwell ihn verstand. In den sich abzeichnenden Interaktionsstrukturen können sich Kontroll- und Unterdrückungsmechanismen nicht so durchsetzen wie in zurückliegenden Gesellschaftsformen. Nicht unsere Begeisterung für das Internet, sondern dessen Natur konstituiert einen nicht kontrollierten, herrschaftsfreien Handlungsrahmen; es läßt sich einfach nicht wie unsere Fahr-, Trink- und Lebensgewohnheiten überwachen. Wir können uns gar nicht leisten, die in den jenseits schriftkultureller Dominanz entwickelten Systemen angelegte Transparenz zu vernachlässigen oder zu mißbrauchen. Einige Parameter können wir beeinflussen, nicht aber ihr globales Funktionieren. Die durch die parallel verlaufenden, hochspezialisierten und verzweigten Arbeitsabläufe erforderliche Integration könnte sich in einem vernetzten System, das durch alle möglichen Kontrollfilter und Vertraulichkeitsnischen behindert ist, gar nicht entfalten. Das wäre so, als müßten wir bei jeder körperlichen Tätigkeit den einzelnen Gliedmaßen und Organen des Körpers eine Einsatzerlaubnis erteilen. Im neuen pragmatischen Zusammenhang übernehmen die einzelnen Individuen dieselbe Funktion von Gliedern und Organen, deren individuellen Beiträge sich zu einem großen Zusammenhang fügen. Darin liegt eine enorme Leistung, die auch nicht immer so ergiebig und befriedigend ist, wie wir es erwarten, und die sich in ihrer Komplexität dem einzelnen fast immer entzieht. Feedback ist zwar ein sichtbarer, nicht aber der wesentliche Teil dieses Systems.

Die Authentizität einer jeder unserer Handlungen trägt zur Integrität des gesamten Prozesses bei. Damit verbunden ist jedoch eine gewisse Insularisierung und eine Entfremdung vom Ganzen und vom übergeordneten Ziel: höhere Erwartungen durch größere Leistungen zu erfüllen. Andererseits sehen wir uns mit einer ganz neuen Art der Selbstbestimmung und mit neuen Interaktionsformen versehen, die viel menschlicher sein können als die Lebens- und Arbeitsbedingungen des Industriezeitalters, in dem der einzelne Mensch ameisengleich zwischen Wohnung und Arbeitsplatz, Einkaufszentrum und Freizeitbeschäftigung pendelte. Kein Big Brother wacht über uns, jeder einzelne ist auf gleiche Weise eingebunden und findet jeden gewünschten Zugang zu allen Teilen des Systems. Ohne Transparenz wäre das gar nicht zu bewerkstelligen. Damit aber können und müssen wir auch jederzeit unseren Beitrag zum Ganzen überprüfen. Es wäre oft bequemer, sich einer vorgegebenen Autorität zu unterwerfen, als sich durch die Feedback-Mechanismen vor sich selbst verantworten und die eigene Leistung beständig überprüfen zu müssen. Die Last der Verantwortung ist von Big Brother, von bürokratischen Instanzen und Gängelungen auf jeden einzelnen übergegangen.

Es erscheint nunmehr ratsam, für einige wichtige, durch diese Veränderungen besonders betroffenen Bereiche die notwendigen Handlungsmaßnahmen zu skizzieren. Wenn die an Schriftkultur und schriftkultureller Bildung orientierten Formen unserer Erziehung und Ausbildung nicht mehr leistungsfähig sind, dann bedarf es neuer, in die Zukunft gerichteter Haltungen und Einstellungen und konkreter Entwürfe, die sich in voller Kenntnis der tragenden Entwicklungskräfte den Herausforderungen stellen.

Die Universität des Zweifels

Schriftkulturell gebundene Erziehung geht wie alle anderen auf der Schriftkultur gründenden Tätigkeiten davon aus, daß alle Menschen gleich sind und daß jeder lesen und schreiben können muß. Wie die industrielle Produktionsweise auf standardisierte Produkte abzielte, unterzog die Erziehung den Menschen einer Standardisierung, indem sie ihn in die Gußform schriftkultureller Bildung zwängte. Zeugnisse belegen das Ausmaß der Annäherung an diesen Standard. Lese-, Schreib- und Rechenschwierigkeiten werden als krankhafte Abweichungen behandelt. Warum wir aber uniforme kognitive Strukturen beim schriftlichen Gebrauch von Sprache und Zahlen voraussetzen, nicht aber beim Gebrauch von Geräuschen, Farben und Formen, wird niemals hinterfragt. Mit enormem Aufwand widmen wir uns denen, die die Sequentialität des Schreibens nicht beherrschen oder die Bedeutung von Zahlenreihen nicht verstehen. Den kognitiven Merkmalen von Menschen, die in nichtschriftlichen Zeichensystemen besser zu Hause sind, schenken wir hingegen nicht die geringste Beachtung.

Unser Erziehungssystem muß das Individuum mit seinem umfangreichen Repertoire kognitiver Merkmale wiederentdecken. Mit wiederentdecken meine ich ganz ursprüngliche Erziehungsmaßnahmen in Einzel- oder Kleingruppen. Auch müßte die Erziehung ihre am industriellen Modell der Standardisierung orientierte Grundvoraussetzung, die von einem gemeinsamen Nenner jeglicher Erziehung ausgeht, überprüfen. Statt zu zähmen und vermeintlich Krankes zu heilen, sollten Unterschiede in Fähigkeiten und Interessenlagen nicht nur gelten bleiben, sondern gefördert werden. Jede bekannte Energieform ist Ausdruck von Differenz, nicht das Ergebnis von Gleichschaltung.

Zu der Neubesinnung auf die Aufgaben der Erziehung gehört auch, daß ihre Methoden und Inhalte überdacht werden. Visuelle, akustische, kinetische und synästhetische Phänomene müssen einbezogen werden und neben allem anderen ein günstiges Umfeld für Interaktion und Entdeckung schaffen. Die Zeit, die heute für die Aufarbeitung des Vergangenen aufgewendet wird, sollte zumindest auch genutzt werden, um den Bezug zur Gegenwart und, wenn möglich, zur Zukunft herzustellen.

Die Grunderziehung sollte sich den wesentlichen Ausdrucks- und Kommunikationsformen widmen, die Unterschiede zwischen den jeweiligen Zeichensystemen hervorheben und alle an diese Systeme und an deren sinnvolle Verknüpfungen heranführen. Die Einübung in diese Zeichensysteme kann nur über deren praktischen Gebrauch geschehen, nicht über Anweisungen und theoretisch ersonnene Übungen. Im konkreten Umgang mit ihnen kann der Schüler erfahren, wie sie anzuwenden sind; richtige und falsche Antworten ergeben sich aus den jeweiligen pragmatischen Kontexten ihrer Verwendung. Gemeinsames Lernen in Form von Zusammenarbeit und Erfahrungsaustausch steht im Vordergrund.

Ein fundamentales pädagogisches Prinzip muß dabei die heuristische Suche sein, die sich in Programmen für weitergehende Untersuchungen ausdrückt. Solche Programme haben viele Sprachen: Schriftlichkeit, Mathematik, Chemie, computergestütztes Rechnen usw. Da Menschen unterschiedlichster Herkunft in die Lernprozesse eingebunden sind, bringen sie die Erfahrungen ihrer jeweiligen Sprachen mit ein. Welcher Zugang zu einem gegebenen Problem dabei der richtige ist, ergibt sich aus der Relevanz für die jeweils gestellte Aufgabe. Dabei wird vermutlich nicht selten das Rad neu erfunden. Aber auch das Gegenteil wird denkbar: die freigelegte authentische Kreativität und der geförderte Erfindungsreichtum können durchaus zur Entdeckung neuer Räder führen. Die an solchen Lernprozessen teilhabenden Schüler teilen ihre Erfahrungen miteinander und finden so Zugang zu den vielfältigen Perspektiven der Beteiligten und damit zur Vielfalt der Menschen.

Interaktives Lernen

Erziehung, Bildung und Ausbildung müssen lebendige Prozesse sein, die den Zugang zu allen Informationsquellen garantieren, nicht nur zu denen im Schriftformat. Jede Informationsquelle hat ihre eigene epistemologische Voraussetzung--eine gedruckte Enzyklopädie unterscheidet sich von einer elektronischen Datenbank. Die Lektüre eines Buches ist etwas anderes als der Umgang mit einer multimedialen Plattform. Diese Unterschiede stellen sich bei der Verwendung ein, nicht im passiven Erlernen oder durch Nachahmung. Das Erziehungsziel darf nicht darin liegen, Verhaltensmuster nachzuahmen, sondern Wissen und Fähigkeiten in Vorgängen und konkreten Handlungsabläufen zu erwerben. Nach diesem Erziehungsmodell setzen sich Klassen aus Interessengruppen mit gemeinsamen Zielen zusammen, sie sind nicht durch Altersstufen, festgelegte Fächer oder gar durch verwaltungstechnische Prinzipien definiert. Der Klassenraum ist die Welt, nicht ein aus Ziegelsteinen und Mörtel umgrenzter Raum, in dem stereotype Rollen und Beziehungen eingeübt werden. Das mag alles vielleicht etwas unüberlegt oder überzogen klingen, aber die Mittel zur Verwirklichung solcher Erziehungsideale stehen zur Verfügung.

Wir können uns folgendes Szenarium vorstellen: Nach einer ersten Grunderziehungsphase besuchen die Schüler interaktive Bildungszentren. Dabei soll der Begriff des Zentrums keineswegs an schriftkulturelle Bildungsmerkmale anschließen. Diese Zentren sind vielmehr Sammelpunkte für die vielfältigen Wissensrepositorien--Datenbänke, Programme zur Erprobung unterschiedlichster Erfahrungsbereiche, Beispiele und Evaluationsmaßnahmen. Diese Zentren offerieren jederzeit modifizierbares und ergänzungsfähiges Wissen in allen erdenklichen Formaten. Auf Wunsch können eigens dafür entwickelte Programme (sogenannte intelligent agents) entsprechende Wissensquellen erschließen, sei es mit Hilfe derer, die ihrer bedürfen, unabhängig von oder parallel zu ihnen. Der Wunsch kann mündlich artikuliert werden ("Ich wüßte gern..."), handschriftlich, maschinell oder graphisch. Interaktive Bildungszentren vereinigen die Funktionen von Büchereien, heuristischen Erprobungsfeldern, Laboratorien, Testverfahren und Forschungsmedien. Die hybride Maschine aus menschlichen Individuen und Funktionen, die den Kern eines solchen Zentrums ausmacht, verändert sich in dem Maße, in dem das in die Interaktion verwobene Individuum sich ändert.

Wir alle wissen, daß das Lehren die beste Art des Lernens ist. Daher sollten die an das neuronale Netzwerk angeschlossenen Teilnehmer ihre Partner an ihren Erfahrungen teilhaben lassen, soweit diese deren eigene Interessengebiete berühren. Die miteinander verbundenen neuronalen Netzwerke selbst werden ihrerseits zu Partnern bei der Verfolgung von immer komplexeren Zielen. Und da die Kriterien, nach denen sich die Interaktionspartner finden, nicht durch Wohnort und Schulbezirk, Alter oder Herkunft, sondern allein durch gemeinsame Interessen und unterschiedliche Perspektiven bestimmt sind, gewinnt dieser neue Bildungstypus auch eine erhebliche soziale Bedeutung: Alles was wir tun, wirkt sich auf die gesamte Welt aus.

In unserem Modell werden gemeinsame Interessen verfolgt, Ergebnisse verglichen, Fragen verbreitet. Auf diese Weise eignet man sich Denkweisen an, lernt Hypothesen zu überprüfen und Fortschritte festzustellen. Lehrer und Erzieher können sich frei von Verwaltungspflichten auf die entscheidenden Lernprozesse konzentrieren; statt immer wieder Vergangenes aufzuarbeiten, entwickeln sie Interaktionsmöglichkeiten, in denen sich die Schüler lernend entfalten. Auch die Lehrer werden in den Interaktionsprozeß einbezogen, sind an der allmählichen Entwicklung des Wissens beteiligt und entwickeln sich damit selbst weiter. Sie bleuen ihren Schülern nicht die Disziplin einer beherrschenden Sprache ein, sondern öffnen Wahlmöglichkeiten für kurz- oder längerfristiges Engagement.

Und wenn die Schüler nicht mehr eine verbindliche Sprache aufoktroyiert bekommen, sind sie auch von den Fesseln aufgetragener Übungspflichten befreit. Sie treffen ihre eigene Wahl und übernehmen damit ein hohes Maß an Selbstverantwortung. Dabei werden Unterschiede zwischen den Schülern zutage treten, aber gleichzeitig wird auch die Einsicht geschärft, daß bei kooperativer Interaktion das Anderssein ein hohes Gut und kein Nachteil ist. Das Erlebnis, Eigenes zu entdecken und sich in große Zusammenhänge kooperativ einbinden zu können, praktische Erfahrungen nicht im Lernspiel nachzuahmen, sondern selbst zu vollziehen, ist der beste Nährboden für motiviertes Lernen.

Die Begleichung der Rechnung

Auch die Finanzierung der Ausbildung würde auf neue Grundlagen gestellt und von denen getragen, die den Nutzen daraus ziehen. Ein Unternehmen, das an gut ausgebildeten, am Arbeitsmarkt orientierten Schülern interessiert ist, dürfte dafür ohnehin besser geeignet sein. Auch fallen die Kosten wesentlich geringer aus, da die Interaktionskonfigurationen weder aufwendige Schulgebäude noch hohe Verwaltungskosten erfordern. Die Ausbildung würde sich nicht mehr an einem fiktiven Arbeitgeber ausrichten, sie wäre Teil von Industrie, Dienstleistungsbetrieben, Behörden und Kleinbetrieben. Sie würde sich orientieren an praktischen Erfahrungen und tatsächlichem Bedarf, nicht an unbestimmten Erziehungsidealen, die sich nach Abschluß einer teueren Ausbildung als hohl und nutzlos erweisen. Entsprechend gut ist die Motivation der Schüler, die sich in Betriebe eingebunden fühlen, deren zukünftige Bilanz von der Leistung der von ihnen Ausgebildeten abhängt. Aber wird die Wirtschaft sich darauf einlassen? Heute sieht sie sich jedenfalls in der paradoxen Situation, daß sie über eine am Berufsmarkt vorbeigehende Ausbildung klagt, die im übrigen viele Merkmale trägt, die auch die überholten, ineffizienten Formen des Geschäftslebens kennzeichnen.

Die Absolventen solcher Ausbildungsgänge können ab einem gewissen Kompetenz- und Selbstvertrauensgrad ihr Schicksal eigenständig in die Hand nehmen, weiterführende Ausbildungswege beschreiten oder im Unternehmen, das ihre Ausbildung getragen hat, eine Aufgabe übernehmen. Vor allem können sie die selbstgewählten und erprobten kognitiven Fähigkeiten ausbauen. Es wird analytisch oder synthetisch orientierte Menschen geben, viele werden die erlernten Fähigkeiten zur Bildung und Erprobung von Hypothesen erweitern. Manche werden ihren Neigungen zu induktivem Arbeiten folgen, empirisch arbeiten, beobachten und daraus allgemeine Schlußfolgerungen ziehen; andere werden das deduktive Arbeiten vorziehen, von allgemeinen Gesetzmäßigkeiten auf konkrete Anwendungen übergehen. Wieder andere werden sich mit Ableitungen beschäftigen, das Wissen über einen repräsentativen Satz von Phänomenen auf umfangreichere Tatsachenbestände oder Abläufe übertragen.

Keine dieser kognitiven Möglichkeiten sollte verboten, ausgeschlossen oder nachgeordnet werden, solange die menschliche Integrität in allen Aspekten gewahrt bleibt und die Interaktion von Menschen in allen ihren denkbaren Formen ausgeübt wird. Unsere derzeitigen Erziehungs- und Bildungsmethoden fördern integritätshemmende Motivationen; was zählt, ist das für das Zeugnis relevante Ergebnis, ungeachtet der Tatsache, wie es erreicht wurde und was es zur Persönlichkeitsbildung beiträgt. Im gegenwärtigen Bildungssystem stellt sich Integrität allenfalls zufällig ein. Die gemeinsame Arbeit an einem Projekt hingegen fördert die gegenseitige Verantwortung für das angestrebte Ergebnis. Und da das Ergebnis für die zukünftige Entwicklung eines jeden Beteiligten entscheidend ist, erschöpft sich die Ausbildung nicht mehr in Zensuren und Zeugnissen, sondern orientiert sich an der erfolgreichen Zusammenarbeit in der Verfolgung eines gemeinsamen Ziels.

Durch Zwang läßt sich nichts vermitteln und nichts erreichen. Ein bestimmter Standpunkt gegenüber einer Sache oder Werten außerhalb des unmittelbaren Lebenszusammenhangs werden nur in einer lebenspraktischen Erfahrungslage als notwendig erfahren. Wer gezwungen wird, Daten aus Shakespeares Leben und Passagen aus seinen Werken auswendig zu lernen, wird seine Dramen weder verstehen noch schätzen. Aber ein zwangfreies Angebot von Kunst und Wissenschaft, Sport und Unterhaltung, Politik und Religion, Ethik und Rechtssystemen in vielfältigen didaktisch-methodischen Formen wie interaktiven Medien, Büchern, Kunstwerken, Datenbänken und Interaktionsprogrammen bietet die Möglichkeit eigener Entdeckungen und Erfahrungen. So wichtig alle genannten Bereiche sind, wir dürfen niemals vergessen, daß Erziehung nur dann erfolgreich sein kann, wenn sie die Schüler einigermaßen glücklich und zufrieden macht. Jede Erziehungsmaßnahme, gut oder schlecht, greift in irgendeiner Weise in den Menschen als eine natürliche Einheit ein. Das heißt, daß es im Erziehungsprozeß immer auch Spannungen geben muß; aber statt nur diejenigen zu belohnen, die sich leichter akkulturieren lassen, sollte die Erziehung auch komplementäre Faktoren berücksichtigen. Damit befürworte ich weder interaktives Lernen am Strand oder auf dem Skihügel noch die totale und bedingungslose Einbindung in die Arbeitswelt. Aber wenn sich die Erziehung schon vom Modell industrieller Abläufe lösen sollte--fabrikähnliche Gebäude, Unterricht, der nach Pinzipien der Schichtarbeit und der Teilung von Arbeit, Freizeit und Urlaub organisiert ist--, dann sollten die Schüler den Unterrichtsrhythmus auch besser mit ihren natürlichen Lebensrhythmen vereinbaren können. Statt ständiger physischer Anwesenheit aller zu bestimmten Zeiten sollte sich eine interaktive und kooperative Kreativität entfalten dürfen, die Raum bietet für das Spielerische, Natürliche und Zufällige.

Das klingt vielleicht weit hergeholt, aber es liegt tatsächlich noch in weiter Ferne. Selbst wenn die großen Computerfirmen überall auf der Welt Interaktionszentren einrichten würden, hätte dies keine weitreichenden Veränderungen zur Folge. Zu tief sind die Lernhaltungen der Schüler in den traditionellen Erwartungen verwurzelt. Es läßt sich leichter Übereinstimmung darüber erzielen, was am gegenwärtigen Bildungssystem gut ist, als darüber, was geändert werden könnte und müßte. Aber jeder einzelne kleine Kern selbstorganisierten Lernens, der sich in Online-Klassen mit netzwerkspezifischen Fragestellungen beschäftigt, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Überall dort, wo sich der Bedarf an qualifizierten Arbeitskräften besonders dringlich stellt--rechnergestützte Genetik, Nanotechnologie, nicht-lineares elektronisches Publishing--, bietet das hier vorgestellte Modell eine Chance. Wir können nicht mehr erwarten, daß unser Bildungssystem qualifizierten Nachwuchs heranbildet, ohne daß die an diesem Nachwuchs interessierten Firmen an den Kosten dafür beteiligt werden. Statt Stiftungslehrstühle für traditionelle Wissenschaftsdisziplinen bereitzustellen, sollten die Unternehmen in die Ausbildung und die lebenslange berufliche Weiterbildung investieren.

Solange wir davon ausgehen, daß nur derjenige ein guter Architekt wird, der Geschichte, Mathematik, Biologie beherrscht und dazu noch weiß, wer Vitruvius war, halten wir an den überkommenen Regeln der Schriftkultur fest. Die Frage ist auch falsch gestellt. Denn sie unterstellt, daß man im voraus wissen kann, was für veränderte pragmatische Zusammenhänge wichtig wird und wie diese sich darstellen. Die Inhalte verändern sich, die Proportionen verändern sich, vor allem aber verändert sich der Lebenszusammenhang.

Im Gegensatz zur heute verbreiteten Rangordnung zwischen den Fächern, die z. B. Zeichnen und Singen zu Nebenfächern und Lesen und Schreiben zu Hauptfächern erklärt, müssen wir die Komplementarität der einzelnen Fähigkeiten anerkennen. Unsere Erziehung sollte alle die Fähigkeiten fördern, in denen und durch die die jungen Menschen sich in einer Welt definieren, die den Kreislauf ewiger Wiederholungen durchbrochen hat und völlig neue, auf keine Vergangenheit bezogenen Ziele verfolgt. Statt Intuition und Irrationalität rundweg abzulehnen, sollten auch Selbsterkundungswege offenstehen, die sie integrieren. Eine nur auf Problemlösung ausgerichtete Erziehung ist zu eng; alternative Ziele, auf die auch Intuition, Irrationalität oder das Unbewußte hinführen, sollten erlaubt sein.

Ein Weckruf

Unser Modell vertraut bei den Schülern auf Reife und Erfahrung und bei den Erziehern auf die Fähigkeit, ein Unterrichtsklima zu schaffen, in dem sich Selbstverantwortung und Selbstdisziplin entfalten können. Es muß sich den bislang ungeklärten Fragen danach stellen, wann und mit welchen Mitteln die Ausbildung beginnt, welche Rolle die Familie darin spielt--sofern die Familie überhaupt noch ein nennenswerter Erziehungsfaktor bleibt--, wie man Vielfalt und Multiplizität integrieren kann. Öffentlichen Bekundungen nach verfolgen Erziehung und Ausbildung einen Hauptzweck: die nachwachsenden Generationen mit den Fähigkeiten auszustatten, die sie in die Lage versetzen, in der Zukunft zum nationalen Wohl beizutragen. Wenn das so ist, dann sollte die Tatsache, daß unsere wirtschaftliche Lebensfähigkeit von einer globalen Wirtschaft abhängt, die sich nicht mehr durch Landes- und Staatsgrenzen definieren oder lenken läßt, und daß Wettbewerb sich auf dem übernationalen Markt abspielt, nicht unberücksichtigt bleiben.

Insgesamt gerät, ein wenig wohl auch in unserem Modell, die Entfaltung des Individuums durch die Entwicklung seiner geistigen und seelischen Fähigkeiten in Vergessenheit oder wird dem Einschärfen von Fakten und Fertigkeiten untergeordnet. Ästhetische Sensibilität, subtilere geistige Interessen, auch der Erfahrungsreichtum der Gefühlswelt, bleiben sich selbst genügende persönliche Interessen. Die Menschen sehen sich einer Arbeitswelt ausgesetzt, die mit der von Pädagogen, Wirtschaftsvertretern und Politikern antizipierten Berufswelt wenig zu tun hat und immer fragmentarischer und vermittelter wird. Letztendlich wird fast jede Arbeit zu einem "Job" statt zu einem Beruf. Ärzte, Professoren, Geschäftsleute, Schreiner und Fast-food-Verkäufer üben Tätigkeiten aus, die zumindest teilweise automatisiert werden könnten. Damit verliert die Arbeit ihre wichtigste Motivationsgrundlage--die Entfaltung individueller Anlagen zu einer persönlichen Identität. Innere Motivation wird durch äußere Begründungen--die Erhaltung der kommerziellen Demokratie--ersetzt, was schließlich zu abnehmendem Interesse an der Arbeit, geringerem Engagement und weniger Kreativität führt. Eine berufsbezogene Ausbildung verspricht Wohlstand, nicht Selbsterfüllung. Der Verfall der Familie und ein neues Sexual- und Fortpflanzungsverhalten deuten darauf hin, daß eine stärkere Einbindung der Familie in die Bildungsverantwortung, so begrüßenswert sie wäre, wohl eher die Ausnahme bleiben wird. Es wäre also geraten, daß wir uns auf die Veränderungen einstellen und Alternativen entwickeln, statt darauf zu hoffen, daß durch ein Wunder oder die göttliche Intervention des Dollars oder einer anderen starken Währung die Familie wieder zu dem wird, was sie nach den Idealen der Schriftkultur hätte werden sollen.

Zahlreiche Pädagogen haben Theorien zur Erziehungs- und Bildungsreform entwickelt. Sie ignorieren nicht etwa die neuen pragmatischen Erfordernisse, sie werden ihrer überhaupt nicht gewahr. Ihre Empfehlungen laufen daher mehr oder weniger auf dasselbe hinaus: immer das Gleiche und davon noch mehr.

Der allgegenwärtige Fernsehapparat ist das typischste Merkmal unserer Zeit. Er hat längst die Rolle übernommen, die das Buch einmal innehatte. Dennoch ist das Fernsehen ein passives Medium; sein Informationsgehalt ist trotz der gegebenen Möglichkeiten gering. Das digitale Fernsehen mit der Einbeziehung des Computers wird hier entscheidende Veränderungen mit sich bringen; es ist ein aktives Medium und fördert Interaktivität. Bildungszentren werden diese Möglichkeiten aktivieren und mit seiner Hilfe interaktive Bildungsprozesse zwischen Individuen mit unterschiedlichstem Bildungshintergrund ermöglichen. Vor allem dieses Medium wird uns den Umgang mit unterschiedlichen Sichtweisen und Perspektiven lehren und neue Erfahrungs- und Wissenshorizonte erschließen. Sie werden weniger auf Informationsvermittlung konzentriert sein als auf das Verständnis von Veränderungen und den Prozessen, die sie herbeiführen.