Jenseits der Schriftkultur — Band 4

Part 9

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Die Philosophie, wie wir sie aus den überlieferten philosophischen Texten kennen, ist ein Ergebnis jener Erfahrungen, die die Schrift möglich (wenn auch nicht universell akzeptiert) und später Schriftkultur notwendig machten. Ihre fundamentalen Oppositionen entsprechen dabei im großen und ganzen den im Rahmen der Sprache gefundenen praktischen Erfahrungen: Subjekt/Objekt, rational/irrational, Materie/Geist, Form/Inhalt, analytisch/synthetisch, konkret/abstrakt, Wesen/Phänomen. Auch der traditionelle gnoseologische Ansatz der Philosophie und die auf der aristotelischen Logik basierende formale Logik weisen eben diese Sprachstruktur auf. Die grundlegende linguistische Unterscheidung zwischen Subjekt und Prädikat kennzeichnet zumindest für die westlichen Kulturkreise diesen Ansatz. Die zur Industriellen Revolution hinführenden Effizienzerwartungen blieben nicht ohne Einfluß auf die Lage der Philosophie. An diesem ihrem Wendepunkt erkannten die Philosophen die praktischen Aspekte ihrer Disziplin. Marx war davon überzeugt, daß der Mensch mit ihr die Welt verändern würde. In der Tat hat sich die Welt verändert, aber auf eine ganz andere Weise, als er und seine Anhänger dies prophezeit hatten. Der feste Griff der verdinglichten Sprache hatte aus dem Arbeiterparadies eine geistige Folterkammer gemacht.

Mit den Veränderungen der grundlegenden Strukturen veränderte sich auch die Philosophie und befreite sich von den Sprachkategorien, die ihren spekulativen Diskurs geformt hatten. Ungeachtet dieser Veränderungen hielten Bildungsinstitutionen, Berufsverbände und auch Fachkonferenzen an den alten, aus den schriftkulturellen Erwartungen abgeleiteten Zielen und Funktionen fest. Das führte zu heftigen Abgrenzungsversuchen (zu deren Hauptvertretern Feyerabend und Lakatos gehören), die einer philosophischen Praxis das Wort redeten, die sich der relativen Natur ihrer Aussagen bewußt ist.

Die in den Eingangskapiteln dargelegten neuen Formen der Logik und wissenschaftliches Rechnen in algorithmischer und nicht-algorithmischer Form befreite die Philosophie von den in der traditionellen Sprache der Philosophie eingebetteten Dualismen. Zufriedenstellendere Antworten auf ontologische, gnoseologische, epistemologische und sogar historische Fragen müssen diese neuen, kognitiv relevanten Wissensperspektiven erkennen lassen. Mit ihrer Mathematisierung gewinnt die Philosophie neuen Zugang zur Wissenschaft und damit eine erhöhte Effizienz. Sie ist logik- und rechnerorientiert, hat genetische Schemata für die Erklärung von Variation und Auswahl übernommen und sich um heute geläufige memetische Methoden bereichert. Nun ist es in der Philosophie zwar keineswegs ungewöhnlich, daß man auf das Aufwärmen alter Theorien und Sehweisen verzichtet und sich statt dessen um das Verständnis neuer pragmatischer Bedürfnisse bemüht. Die Verwissenschaftlichung der Philosophie konnte sich indes erst durchsetzen, nachdem die Sprache als einziges gedankliches Medium und die damit verbundene Vorherrschaft der Schriftkultur überwunden waren.

In wissenschaftlichem Gewand

Viele von uns erinnern sich vielleicht noch an die Probleme, die Alice in Lewis Carrolls Through the Looking Glass mit der Sprache hat, vor allem mit den vielfältigen Bedeutungen, die einzelne Wörter annehmen können. Wenn wir vor diesem Hintergrund die großen philosophischen Werke von Platon über Leibniz, Kant und Hegel bis zu Peirce und anderen Revue passieren lassen, sehen wir Alices Kummer in einem anderen Licht. Abgesehen von Wittgenstein hat wohl kaum jemand Anstoß an der menschlichen Fähigkeit genommen, einzelnen Wörtern soviel unterschiedliche Bedeutung zukommen zu lassen.

Wenn wir uns heute fragen, was die Welt nachhaltig verändern, was sie "bewegen" könnte, würden wir die Antwort auf diese Frage vermutlich in einem neuen Zeichensystem sehen. Das von Peirce entwickelte kognitive Modell des diagrammatischen Denkens ist hierfür ein gutes Beispiel. Weitere Bereiche, in denen solche Zeichensysteme entwickelt wurden, sind Kybernetik, Biogenetik, computergestütztes Rechnen, die Erforschung der künstlichen Intelligenz und des künstlichen Lebens sowie politische, soziale, ästhetische und religiöse Begriffe. Sie alle haben neue Formen der menschlichen Selbstkonstituierung erleichtert, die nun gemeinsam zum widersprüchlichen Bild der heutigen Welt beitragen. Alle diese Sprachen veranschaulichen den für unsere heutige Zeit grundlegenden Prozeß der zunehmenden und fortschreitenden Vermittlung, der Auffächerung in zahllose Spezialsprachen und der Veränderung im Status und im Wertesystem des Schriftkulturideals. Sie verleihen der Philosophie ihr wissenschaftliches Gewand. Klarheit (die nur schwer in der natürlichen Sprache zu erreichen ist), Evidenz und Sicherheit scheinen in der Wissenschaftssprache selbstverständlich. Hinzu kommen Objektivität und die seit jeher verführerische Wahrheit, mit der sich die Philosophie immer schwer getan hat, zumindest als annäherbare Größe.

Für die permanente Entfaltung des philosophischen Diskurses gibt es einen inneren Grund: Die Menschen, die Philosophie betreiben, verändern sich in dem Maße, wie sich die Welt verändert, in der sie leben. Menschliches Denken ist Teil dieser Welt; die Fähigkeit und der Drang, über neue Fragen nachzudenken, neue Antworten zu suchen sowie der Zweifel an unserer Fähigkeit, jemals die richtige Antwort zu finden, ist ein wesentlicher Teil dessen, was den Menschen auszeichnet. Wir sollten uns vor Augen führen, daß die erhöhte Vermittlung auch für die Philosophie Folgen mit sich bringt. Vermittlung bedeutet einerseits ein hohes Maß an Integration dessen, was die menschliche Praxis hervorbringt, und andererseits ein nicht weniger hohes Maß an Unabhängigkeit, das das Subjekt gegenüber dem Gegenstand der Arbeit oder des Nachdenkens gewinnt. Es leuchtet wohl ein, daß die Wissenschaft immer mehr Wissen über einen immer begrenzteren Bereich von Gegenständen erlangt; dieser Umstand steht aber im Widerspruch zu der Vorstellung von Philosophie, die sich in der Sprache herausgebildet hat und die im Ideal der Schriftkultur verkörpert ist. Gemäß dieser metaphorisch definierten Vertiefung des Wissens gewinnen die Philosophen untereinander an Unabhängigkeit, werden aber aufgrund der notwendigen Verknüpfung dieses Wissens stärker als je zuvor in einen Forschungsverbund eingebunden. Was diese paradoxe Situation im einzelnen bedeutet, ist nicht leicht darzulegen. Allgemein zeichnen sich zwei qualitativ gegensätzliche Richtungen ab: 1. die Konzentration auf einen präzise bezeichneten Bereich des Wissens oder Handelns, um diesen genau verstehen und kontrollieren zu können; 2. ein abnehmendes Interesse am Ganzen, das sich nicht zuletzt aus der Annahme ergibt, daß die Teile letztendlich durch die gesellschaftlichen Integrationsmechanismen des Marktes nolens volens wieder vereint werden. Wir haben heute eine ganze Reihe von philosophischen Einzeldisziplinen, Rechtsphilosophie, Ethik, Wissenschaftsphilosophie, Sport, Erholung, Feminismus, Ökologie, Afrozentrismus--aber keine allumfassende Existenzphilosophie mehr.

Die wissenschaftliche Einkleidung der Philosophie trägt zu deren Bemühen bei, eine neue Legitimität zu gewinnen. Sie arbeitet mit Begriffen und Methoden, die an Rationalität orientiert sind, und entfaltet sich in Naturwissenschaft und Technologie. Durkheim hat das Phänomen der Arbeitsteilung mit Hilfe von Darwins Modell der natürlichen Auslese erklärt. Heute versuchen die Philosophen, die sich als Memetiker verstehen, Darwins Prinzipien an Rechnern zu simulieren, um daran das Überleben und die Fortentwicklung von Ideen zu beobachten. Spencer war davon überzeugt, daß die Zunahme an produktiver Arbeitskraft das Glück des Menschen vermehren würde. Heute versuchen Philosophen, die Relation zwischen Befriedigung in der Arbeit und Persönlichkeit im Diagramm zu erfassen. Wieder andere verhelfen Comtes Positivismus zu neuem Leben, entwickeln utopische Systeme aus vergangenen Zeiten weiter oder ersinnen eine Berechnungsmethode für intellektuelles Wohlergehen. Einem Philosophen, der die traditionellen Grenzen der Philosophiegeschichte hinter sich lassen möchte, kann im Prinzip alles zum Gegenstand des philosophischen Hinterfragens werden.

Wann immer neue Bewegungen, von denen einige mehr, andere weniger gerechtfertigt waren und die allesamt die Verlagerung von einer auf Autorität gründenden Schriftkultur hin zur grenzenlosen Wahlfreiheit in einem schriftkulturlosen Zusammenhang widerspiegeln, wirksame Instrumente zur Unterstützung ihrer Programme benötigten, griffen sie zurück auf die Philosophie oder wurden von der Philosophie ergriffen. So treffen heute im Namen der Philosophie Säkularismus und Pluralismus mit vielen anderen Bewegungen zusammen, mit der Schwulenbewegung, dem Feminismus, Multikulturalismus, Alternsforschung, neuen Holismen, Populärphilosophie, sexueller Emanzipation, Virtualität und vielem mehr. Diese Situation läßt den Drang der philosophischen Bemühungen nach neuer Effizienz erkennen, zugleich aber auch Anstrengungen, die Beziehungen zur Schriftkultur beizubehalten. Die enorme Bandbreite der Gegenstände, die heute für die Philosophie attraktiv zu sein scheinen, obwohl sie sich ganz offensichtlich nicht zum philosophischen Gegenstand eignen, läßt berechtigte Zweifel aufkommen. Sofern die Sprache der Philosophie nicht ohnehin unverständlich ist, scheint sie sich heute damit zu begnügen, Dinge zu diskutieren, statt Gründe zu hinterfragen oder gar neue Gedanken oder Erklärungsmodelle zu entwickeln. Billige Verallgemeinerungen helfen niemandem weiter, und man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Befreiung der Philosophie von der Schriftkultur viel weniger produktiv ist als der vergleichbare Befreiungsprozeß der Naturwissenschaften von der Sprache.

Wenn wir uns im World Wide Web die Bereiche näher anschauen, die der Philosophie gewidmet sind, wird dieser Eindruck nachdrücklich bestätigt. Insgesamt scheint es so, als habe die Philosophie dieses neue Medium als Alternative zum traditionellen philosophischen Diskurs noch nicht akzeptiert. Nicht zuletzt deshalb setzt sich wohl die Meinung durch, daß die Naturwissenschaftler selbst die besten philosophischen Überlegungen zu ihren eigenen Beiträgen zu bieten haben.

Wer braucht Philosophie und wozu?

Brauchen wir heute noch Philosophie? Ist sie ohne die sprachliche Vermittlung zwischen den Philosophen und ihrem Publikum überhaupt noch möglich? Können wir ohne sie leben? Kann sie im Zeitalter hochgradiger Spezialisierung noch als vermittelnde Instanz zwischen den Menschen wirken? Kann sie je noch als Selbstbewußtsein der Menschheit fungieren, wie es sich in Hegels Philosophie ausdrückt? Und worin könnte ihre Aufgabe liegen, wenn sie tatsächlich in den Naturwissenschaften aufginge, Teil des naturwissenschaftlichen Fachdiskurses würde?

Ich tendiere dazu, der Philosophie ebenso wie der Schriftkultur trotz der veränderten Situation und Bedeutung der Sprache auch weiterhin Möglichkeiten und Relevanz einzuräumen. Ihre Funktionen müssen im pragmatischen Zusammenhang noch definiert werden--als Vermittlungsinstanz, als Selbstbewußtsein der Menschheit, als deutender Diskurs über die Menschheit und die Natur. Wir müssen nicht noch einmal im einzelnen wiederholen, daß die Philosophie in den verschiedenen Skalen der Menschheit unterschiedliche Interessen verfolgt hat, die sich aus den jeweiligen Effizienzerwartungen ergeben hatten. Noch nie hat uns die Philosophie Brot auf den Tisch gestellt oder Werkzeuge an die Hand gegeben. Ihre Fertigkeit bestand darin, Fragen zu formulieren, vor allem die entscheidenden Fragen--"Was ist was?" und "Warum?"; mit diesen Fragen hat sie nach den Ursprüngen der Dinge geforscht. Indem sie nach den Gründen von Phänomenen und Handlungen forschte, mit anderen Worten: Indem sie versuchte, die Welt und die scheinbare Ordnung der Welt zu verstehen, war sie gleichzeitig Philosophie und Deuter der Wissenschaften. Daraus entwickelten sich die weiteren entscheidenden Fragen, "Wie können wir Wissen erlangen?" und "Wie können wir erklären?" Diese Fragen wurden dann jedoch nicht mehr von den eigentlichen Philosophen, sondern zwingender von denen weiterverfolgt, die nach wissenschaftlicher Rationalität suchten.

Keine noch so detaillierte Philosophiegeschichte kann uns eine ausreichende Definition von Philosophie geben. Der Gegenstand der Philosophie verändert sich, wie sich die Menschen im Verlauf ihrer praktischen Selbstkonstituierung verändern. Alle Natur- und Geisteswissenschaften (Ethik, Ästhetik, Politik, Soziologie und Rechtswissenschaft) haben sich aus der Philosophie heraus entwickelt. Selbst unsere Beschäftigung mit der Sprache ist letztendlich philosophischer Natur. Philosophie ist wohl die einzige wirkliche Form der Abstraktion. Sie ist nicht am Individuum interessiert, am Phänomen, am Unmittelbaren, nicht einmal am Gedanken, sondern immer nur an der Abstraktion derselben. Selbst wenn andere Disziplinen wie Mathematik, Logik, Linguistik oder Physik sich um die abstrakten Vorstellungen im Umfeld ihrer Disziplinen bemühen, um ihnen dann im Zusammenhang ihrer praktischen Erfahrungen Leben zu verleihen, sucht die Philosophie doch immer wieder die nächsthöhere Abstraktionsebene, die Abstraktion der Abstraktionen. Die Naturwissenschaft verwendet Abstraktionen als Instrument, um an das Konkrete heranzukommen; die Philosophie geht den entgegengesetzten Weg. Sie sucht immer den nächsten Schritt, den Schritt in das Unendliche. Jedes Ergebnis ist vorläufig. Philosophisches Experimentieren besteht nicht darin, systematisch nach Ursachen zu suchen, sondern darin, das Suchen, Fragen und Nachfragen niemals abbrechen zu lassen. Es gibt keine richtigen oder falschen philosophischen Theorien. Philosophie ist ihrem Wesen nach kumulativ und selbstverzehrend.

Die Menschen werden niemals aufhören zu staunen und sich zu fragen, was ist was?, schon gar nicht, solange ihre Tätigkeit den Bereich der Dinge, des Seienden ständig erweitert. Sie werden sich immer wieder fragen, was sie wissen können, mit welcher Gewißheit sie das, was sie wissen, für wahr oder wenigstens für relevant halten dürfen. Der Mensch ist gekennzeichnet durch seine Fähigkeit zu denken, Dinge herzustellen und Werkzeuge zu beherrschen, Werte zu entwickeln und sich mit anderen Menschen als Lebensgemeinschaft mit gemeinsamen Anliegen und Ressourcen zu konstituieren, und dies im freien Spiel seiner Kräfte, Möglichkeiten und Charakteristika (die in solchen Begriffen wie homo œconomicus, zoon semioticon, zoon politikon, homo ludens gefaßt sind). All diese Bezeichnungen mögen wesentliche Aspekte der Menschheit benennen. Das einzig wirklich herausragende Merkmal des Menschen liegt indes darin, daß er denken und alles hinterfragen kann. So wie die genetische Anlage des Menschen durch die Sprache gekennzeichnet ist, so ist sie durch Denken und Fragen gekennzeichnet, die sich vermutlich zuallererst in Sprachmechanismen äußerten. Wenn ein Kind seine erste Frage stellt, ist seine gesamte genetische Anlage involviert.

Wir sind, wer und was wir sind, durch unsere fragende Interaktion mit anderen Menschen. Geist und Verstand existieren nur durch diese Interaktion. Das bedeutet, daß das Philosophieren Teil der menschlichen Selbstkonstituierung und Identitätsfindung ist. Der einzige Gegenstand der Philosophie ist der Mensch mit seiner Entfaltung in der Lebenspraxis. Zusammen mit anderen fortlebenden Formen der Bildung und der Schriftkultur wird auch die Philosophie als eine von vielen anderen fortwirken. Aber jenseits der Schriftkultur wird die Philosophie wie in allen vorangegangenen Stadien der Menschheit die Arbeits- und Lebensumstände widerspiegeln, die für den neuen pragmatischen Rahmen charakteristisch sind. Sie wird sich auch dem Test der Marktbedürfnisse unterziehen müssen. Die Wissenschaft kann die hohen Investitionen mit neuen Erklärungsmodellen rechtfertigen. Auch kann sie neue technologische Entwicklungen anstoßen. Die Philosophie muß ihre Rechtfertigung indes auf andere Weise suchen. Die Notwendigkeit ihres Tuns ist nur schwer faßbar. Da sie nicht wie die schriftkulturelle Bildung, Religion oder Kunst von der Vergangenheit lebt, muß sie sich neu besinnen auf die Vernunft als den Bereich menschlicher Tätigkeit. Wenn sich die Philosophie mit alternativen Formen der Lebenspraxis auseinandersetzt, kann sie auf sehr praktische Weise den Menschen helfen, sich einerseits von der Fortschrittsbesessenheit--sofern wir Fortschritt verstehen als eine Folge sich ständig übertreffender Rekorde in Produktion, Distribution und Erwartung--und andererseits von der Furcht vor all den Konsequenzen des Fortschritts zu befreien. Auch könnte sie die Aufmerksamkeit des Menschen darauf richten, Alternativen zu all dem zu entwickeln, was die Unversehrtheit der Gattung und seine Qualitätsansprüche beeinträchtigt, das Verhältnis des Menschen zur Umwelt mit eingeschlossen. Wenn Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im allumgreifenden ungebildeten Wahn des Augenblicks kollabieren, dann ist die Philosophie uns eine Antwort auf die Frage schuldig, ob es noch eine Zukunft gibt. Aber diese Zukunft gewinnt Gestalt durch Menschen, die an der offenen Welt der vernetzten Interaktionen teilhaben. Banalitäten werden als Antworten auf diese entscheidende Frage mithin nicht genügen.

Kapitel 4:

Ein Gespür für Design

Im Englischen heißt to design wörtlich "mit Zeichen (sign) umgehen". Design, Gestalten und Entwerfen, heißt also einerseits, mit Hilfe von Zeichen Gedanken, Gefühle und kommunikative Absichten auszudrücken, und andererseits, seine eigene Persönlichkeit in Gegenstände einzubringen, die für die praktischen Erfahrungen des Menschen eine Rolle spielen. Die unmittelbare praktische Erfahrung kannte keine Gestaltung, kein Design. Die Verwendung von Zeichen ermöglicht es uns, die Gegenwart auf die Zukunft hin zu transzendieren. In der Natur bedeutet Zukunft Befruchtung. In der Kultur bedeutet Zukunft Bezeichnung, etwas in Zeichen bringen, d. h. etwas durch Zeichen ausdrücken, etwas entwerfen. Im weitesten Sinn ist das Gestalten und Entwerfen die Selbstbestimmung des Menschen, als jemand, der Veränderung bewirkt. Diese verändernden Eingriffe betreffen die Umwelt und unsere Wahrnehmung von Dingen (Werkzeuge eingeschlossen), von Häusern, Kleidung, Bräuchen, religiösen Zeremonien, Veranstaltungen, Nachrichten, Interpretationszusammenhängen, Interaktionen und in jüngster Zeit auch von ganz neuen Stoffen und virtuellen Realitäten. Shakespeare hätte am Eifer, mit dem unsere Zeit Design betreibt, seine Freude gehabt. Er beschreibt Design folgendermaßen: "...Und wie die schwangre Phantasie Gebilde / Von unbekannten Dingen ausgebiert” (Ein Sommernachtstraum). Obwohl Gestalten und Entwerfen sprachliche Elemente aufweisen, sind sie dennoch im Grundsatz nichtsprachlich. Die wesentlichen Ausdrucks- und Kommunikationsmittel sind visueller Art. Diese können unterstützt werden durch andere Mittel, wie Ton, Textur, Geschmack und Geruch und deren Kombination (Synästhesie), Rhythmus, Farbe und Bewegung.

Die Natur bietet sich dem Menschen, der seine Identität durch praktische Erfahrungen schafft, als etwas Gegebenes dar. In Abgrenzung dazu erscheint die Natur des Menschen in der Retrospektive als etwas Gestaltetes. In einigen Fällen bedeutet Gestalten Selektieren. Man nimmt etwas aus seiner gewohnten Umgebung heraus--einen Stock, einen Stein, eine Pflanze--und gibt ihm eine neue, un-natürliche Funktion, indem man es in etwas anderes einfügt, sei es zur Markierung von Land, zur Arbeitserleichterung, zum Stützen eines Körperteils, zum Fallenstellen, für Angriff und Verteidigung oder zum Färben von Kleidung oder Haut. Manchmal folgt dem Akt der Selektion eine Form der Rahmensetzung, so wie der Rahmen bei einem Tanzritual um den Totempfahl, bei einem Tieropfer, bei Trauerzeremonien oder Sieges- und Fruchtbarkeitsfeiern. Selektion und Rahmensetzung hängen mit Effizienzerwartungen zusammen. Sie symbolisieren die Hoffnung auf Hilfe von magischen Kräften und drücken die Bereitschaft aus, für ein Individuum, für die Familie oder für die Gemeinschaft einzutreten. Dies ist bereits bei den ersten Versuchen einer pragmatischen Rahmensetzung sichtbar. Eines der wiederkehrenden Muster beim Gestalten und Entwerfen ist, die formalen Merkmale, die in der Natur als schön empfunden werden, nachzuahmen und diese dann in eine optimale Form in der Zukunft zu integrieren. Auf diese Weise fließt die ästhetische Dimension des menschlichen Alltags in die Tätigkeit des Entwerfens und Gestaltens ein.

Notationssysteme (z. B. quipu, zeichnerische Abbildungen auf Stein oder auf dem Boden, oder Hieroglyphen), die sich später zu einer Schrift entwickelten, können als Design bezeichnet werden, nicht zuletzt wegen ihrer ästhetischen Kohärenz. Erst wenn sprachlich definierte Regeln und Erwartungen an die Stelle des Zeichensystems treten, löst sich Schrift vom Design und wird Teil der Spracherfahrung. So erklärt sich, daß Veränderungen in der Sprache, die einen Rahmen für die Erfahrung von Zeit und Raum bildet, nicht unbedingt auch Veränderungen im Bereich des Designs mit sich bringen. Als sich die Schriftkultur herausbildete, war die ihr zugrunde liegende Struktur in dem Gebrauch der Sprache eingebunden. Dies gilt nicht in gleichem Maß für die Praxis des Designs. An diesem Punkt etabliert sich Design als eigenständige praktische Disziplin mit eigener Dynamik und eigenen Zielen. Es ist kein Zufall, daß das technische Design als eine praktische Notwendigkeit im Zuge des Baus von Pyramiden, Zikkurats und Tempeln entstand und seinen Höhepunkt während der Industriellen Revolution im Entwurf und Gestalten von Maschinen fand. Die Prämisse des Industriezeitalters ist: Alles ist eine mechanische Maschine: Das Haus, die Kutsche, Öfen, die im Unterricht verwendeten Geräte, Schulen, Universitäten, Ateliers, sogar die Natur.

In der Industriegesellschaft war Designtätigkeit eine relativ begrenzte und homogene praktische Tätigkeit. Jenseits der Schriftkultur jedoch gewann sie eine umfassende Bedeutung, die sich auf viele spezialisierte Anwendungsbereiche auswirkte: Werkzeugdesign, Modedesign, Textildesign, Produktdesign, Graphikdesign, die vielen Teilgebiete des technischen Designs (einschließlich des computergestützten Designs), interaktive Medien und virtuelle Realitäten, Gentechnik, neue Werkstoffe, event design (in verschiedenen Bereichen, z. B. Politik), Netzwerkdesign und Bildungsdesign. Einfache und komplexe Technologien, die visuelle Sprache hervorbringen, schaffen komplexe Zusammenhänge, für die der intuitive Gebrauch visueller Ausdrucksmöglichkeiten nicht mehr effektiv genug ist. Folglich änderte sich die Bandbreite designorientierter praktischer Erfahrungen. Design erlaubt heute umfassendere, integrative Projekte auf höheren Synästhesieebenen und gleichzeitig Formen variablen Designs, eines Designs, das mit dem Menschen wächst, der sich in der Interaktionen mit einer durch Design gestalteten Welt konstituiert.

In seiner digitalen Arbeitswelt hat das Design mehr als jede andere praktische Erfahrung die Schriftkultur ersetzt. Die Ergebnisse des Designs unterscheiden sich dem Wesen nach von denen, zu denen die Schriftkultur führt.

Die Zukunft zeichnen