Jenseits der Schriftkultur — Band 4
Part 8
Die Struktur der Sprache spiegelt denjenigen Erfahrungsbereich wider, der sie hat entstehen lassen; das Gleiche gilt für die Schriftkultur. Deshalb müssen ihre Strukturen mit den Strukturen der neuen Lebenspraxis, d. h. der neuen wissenschaftlichen Gegenstände und Fragestellungen sowie der neuen Möglichkeiten des wissenschaftlichen Arbeitens in Konflikt geraten. Wir haben die konfligierenden Strukturelemente in den vorausgegangenen Kapiteln eingehend diskutiert. In Frage steht in allen Fällen die Effizienz der wissenschaftlichen Tätigkeit, die sich zunehmend auch solchen Fragen wie Rekuperationsmechanismen in Natur und Gesellschaft oder Strategien der Ko-Evolution mit der Natur (anstelle von Dominanzstrategien) widmet und dabei mit Hilfe der erhöhten Vermittlungskapazitäten und starker integrativer Mechanismen der Computer holistische Modelle entwickelt. Eine Idealisierung dieser neuen Möglichkeiten wäre genauso kontraproduktiv wie eine Dämonisierung der in unsere Schriftkultur eingebetteten Lebenspraxis. Dennoch kommen wir nicht umhin, uns damit auseinanderzusetzen, was nicht mehr den Erfordernissen unserer Entfaltung innerhalb der neuen Skala der Menschheit entspricht, und uns ein Bild von alternativen Erfahrungsformen zu machen, in denen sich eine neue Rationalität herausbildet.
In dem sich rapide ausweitenden Zusammenhang, in dem sich unsere parallel verlaufenden wissenschaftlichen Forschungen und die durch schnelle und zuverlässige Netzwerke getragenen verteilten Aufgaben abspielen, haben sich Wissenschaft und Forschung vom Modell industrieller Verfahrensweisen ein für allemal befreit. Die Forschung, an die ich denke, wird nicht mehr in wenigen zentralistisch organisierten Institutionen abgewickelt, die mit großem finanziellen und instrumentellen Aufwand arbeiten; diese werden vielmehr zunehmend ersetzt durch zahllose Experimente, die an den verschiedensten Forschungseinrichtungen überall auf der Welt durchgeführt werden. Unter dem Begriff der Tele-Präsenz fassen wir heute eine Forschungswirklichkeit, innerhalb derer Wissenschaftler, die Tausende von Meilen voneinander entfernt arbeiten, mit den unterschiedlichsten Geräten, Meß- und Testinstrumenten Experimente gemeinsam durchführen. Die Rolle von Laboratorien als Ort wissenschaftlicher Selbstkonstituierung des Menschen wird übernommen von Kollaboratorien, einer Verbindung aus tatsächlichen Forschungsgeräten, die in den neuen Organisationsformen gleichwohl effizienter eingesetzt werden können, und virtuellen Forschungsplätzen, bei denen sich mehr Kreativität entfalten kann. Für Forschungen im Nano-Bereich ist Interaktion im wörtlichen Sinne der zeitgleichen Zusammenarbeit und Koordination grundlegend. Inter- bzw. Multidisziplinarität ist hier kein Zukunftsziel mehr, sondern praktische Voraussetzung für die Art der Integration, die die heutigen wissenschaftlichen Projekte erfordern.
Wie wir uns selbst wegerklären
Die systematischen Bereiche der menschlichen Tätigkeit verändern sich mit rasanter Geschwindigkeit. Die Wissenschaft, die sich mit immer kürzeren und intensiveren Phänomenen auseinandersetzt, weist expressive Mittel auf, innerhalb derer die Sprache entweder eine sekundäre Rolle spielt oder durch andere, nicht-sprachliche Ausdrucksmittel ersetzt worden ist. Verfahren, die die Kohärenz der heute erforschten Phänomene in den Griff bekommen, müssen dieser neuen Wirklichkeit angepaßt werden. Die in der Sprache angelegte Kohärenz vermittelt Erfahrungen aus der Vergangenheit, kann aber kaum solche Erfahrungen angemessen erklären, die durch die neuen Kohärenzformen gekennzeichnet sind. In jüngerer Zeit hat sich vor allem eine Frage aufgedrängt: Gibt es irgendein Verbindungselement zwischen der Sprache, den möglichen vorhandenen Botschaften, die in unserem Universum von anderen Zivilisationsformen auf anderen Planeten ausgetauscht werden, den Informationen, die wir auf unserer genetischen Ebene austauschen oder jenen biochemischen Spuren, die wir aus dem Verhalten von Ameisenkolonien oder Bienenvölkern kennen? Jede Antwort auf diese Frage wäre aus heutiger Sicht voreilig. David Hirsch behauptet, wie schon gesagt, daß 97% aller menschlichen Tätigkeit begriffsfrei vonstatten gehen. Die Kontrollmechanismen, denen diese Tätigkeiten unterliegen, kennzeichnen nicht nur den Menschen, sondern auch biologische Einheiten auf niederer Ebene (z. B. die Insekten). Unsere Forschung nach kosmischen Zivilisationsformen außerhalb unseres Planeten, Genetik, Biochemie, von Memetik gar nicht zu reden, wird durch diesen Hinweis nicht unbedingt gefördert. Unsere Erklärungsversuche von abstrakten mathematischen Konzepten oder dem Verhalten komplexer Systeme (wie etwa dem menschlichen Nervensystem), von denen einige Lernfähigkeiten oder Tendenzen der Selbstorganisation aufweisen, stellen uns vor ungemein hohe Ansprüche: Sind wir mit unseren Bemühungen, das menschliche Wesen nachzubilden, im Begriff, uns selbst wegzuerklären? Die Replikation von Gedanken, die auf dem von der Evolutionstheorie bereitgestellten genetischen Modell basieren, bringt wiederum neue Perspektiven mit sich. Doch selbst wenn es uns gelänge, Methoden für die erfolgreiche Replikation zu entwickeln, hätten wir damit noch nicht zwangsläufig die Charakteristika der Selbstidentifikation des Menschen in den Griff bekommen.
Und es drängt sich eine weitere Frage auf: Wissenschaft ergibt sich aus der grundlegenden Erkenntnis, daß das Gesetz der Schwerkraft überall gilt, daß Elektrizität nicht von den geographischen Koordinaten des Ortes abhängt, an dem Menschen leben, und daß das wissenschaftliche Rechnen am Computer eine universelle Rechenart ist. Dennoch ist die Wissenschaft nicht wertneutral; ein Modell hat Vorrang vor einem anderen; eine Form der Rationalität setzt sich gegenüber anderen durch. Die Wahrheit einer wissenschaftlichen Theorie und ihre empirische Angemessenheit sind nur lose miteinander verbunden. Für Wissenschaftler sind Fragen der Wissenschaft oder der vorherrschenden Modelle eine Frage der Rationalität, während sie für andere, die sie in ihren praktischen Lebenszusammenhang einbinden müssen, zu einer Frage der Angemessenheit werden. Das ist mehr als eine kulturelle oder eine memetische Angelegenheit. Wir sehen uns vielmehr der Tatsache ausgesetzt, daß die natürlichen Voraussetzungen des Menschen ungeachtet der Vernunft oft genug wegerklärt werden.
Die Effizienz der Wissenschaft
Die Sprache hat sich in den vergangenen Jahren vermutlich mehr verändert als im Verlauf ihrer gesamten Geschichte. Dennoch sind diese Veränderungen nicht mit der Tiefe und Weite der wissenschaftlichen und technischen Veränderungen zu vergleichen. Bereits das Wort Computerwissenschaft bringt die daran geknüpften fundamentalen Veränderungen nicht genügend klar zum Ausdruck. Auch die Bezeichnungen für viele andere Erkenntnis- und Tätigkeitsbereiche sind ungenügend: künstliches Leben, künstliche Intelligenz, Genetik, Memetik usw. Gleichwohl haben wir angemessene neue Notationssysteme entwickelt, neue Denkweisen (die qualitative und quantitative Aspekte miteinander verbinden) und neue (interaktive) Ausdrucksformen. Aus diesen neuen Wissenschaften wird sich mit ziemlicher Sicherheit eine neue Form des menschlichen Daseins ergeben, eine neue conditio humana. In ihr werden sich die veränderten Voraussetzungen des wissenschaftlichen Arbeitens niederschlagen.
Vor mehr als 350 Jahren ist die logische Analyse durch das Prinzip des Experimentierens ergänzt worden. Heute übernimmt die Simulation eine ähnliche Aufgabe wie ehedem das Experimentieren. Sie ist das Experiment in einem Stadium jenseits der Schriftkultur, sie wird die dominierende wissenschaftliche Ausdrucksform für die systematische Suche nach der Vielzahl von Elementen, die an den neuen wissenschaftlichen Theorien und deren Anwendungen beteiligt sind. Eine ganze Anzahl von Simulatoren verfügt über Wissen und Zweifel. Es kann in einem allgemeineren Zusammenhang gesehen werden. Simulation trägt jeglicher Variabilität Rechnung, erforscht Relationen und testet funktionale Abhängigkeiten, und dies auf der Grundlage einer enormen Datenmenge, die für die Leistungsfähigkeit neuer Systeme entscheidend ist, bzw. mit Hilfe einer enormen Menge von Menschen, die in sie eingebunden sind. Nachdem die Wissenschaft sich mühsam, aber zwangsläufig, von der Philosophie losgelöst und ihre eigenen Methoden entwickelt hat, entdeckt sie aufs Neue die Notwendigkeit jener Dimension, die das menschliche Denken und die menschliche Vernunft eingenommen hatte. Eben dies ist der Gegenstand der künstlichen Intelligenzforschung, und eben dies soll von der künstlichen Intelligenz letztendlich hervorgebracht werden: Simulationen unserer Denk- und Vernunftfähigkeit. In diesem Zusammenhang beschäftigen sich Wissenschaftler auch mit der Metaphysik von den Ursprüngen unseres Universums und der Sprache des Geistes (lingua mentis), von der man annimmt, daß sie sich von der Sprache unterscheidet, die wir in unserer Lebensgemeinschaft, in unserem kulturellen und nationalen Dasein gebrauchen.
Wenn wir über die Entstehung des Universums oder über den menschlichen Geist nachdenken, heißt das, daß wir uns, mit der jeweils angemessenen Sprache, in einem pragmatischen Zusammenhang setzen, der sich von der Interaktion innerhalb einer Gemeinschaft, von kulturellen Werten oder nationalen Merkmalen unterscheidet. Der Fokus verschiebt sich von Quantität zu Qualität. Damit verbindet sich der Versuch, eine Wissenschaft zu errichten, die sich mit artifizieller Wirklichkeit beschäftigt und diese schafft. Als wissenschaftliches Artefakt ist diese Wirklichkeit mit allen Merkmalen des Lebens versehen, mit Veränderung und Evolution durch zeitliche Abläufe hindurch, Auswahl der Tüchtigsten, und zwar der Besten, die für diese Welt besonders tauglich sind, Wissenserwerb, gesunder Menschenverstand und schließlich auch Sprache. Diese artifizielle Realität orientiert sich am Modell des Lebens als Organisationsmerkmal und generiert lebensähnliches Verhalten: iterative Optimierung, Lernen, Wachstum, Anpassungsfähigkeit, Reproduktionsfähigkeit und sogar Selbstidentifikation. Die Wissenschaft verfolgt Standardisierungsstrategien. Artifizielles Leben ist hingegen bestrebt, Bedingungen für Vielfalt zu schaffen, die die Anpassungsfähigkeit stärken sollen. Die Zuweisung von Ressourcen innerhalb eines Systems und Strategien der KoEvolution werden als Quellen für vermehrte Leistung gewertet. Die Forschung geht aber von einer Voraussetzung aus, die eher in den Bereich der Vernunft, nicht der Rationalität gehört: Menschen und das zur Lösung anstehende Problem sind beständigem Wandel unterworfen.
Die Erforschung des Virtuellen
Virtuelle Realitäten widmen sich nahezu allem, was auch die Künste beschäftigt: Illusion von Raum, Zeit, Bewegung und Darstellung menschlicher Gefühle. Wer mit einem solchen System in eine interaktive Beziehung tritt, wird in das Innere von Bildern, Geräuschen und Bewegungen hineingezogen. Sie alle sind simuliert, Animation ist hier die neue Wissenschaftssprache, die im bewegten Bild angelegt ist. In gewisser Hinsicht wird die virtuelle Realität zu einem Allzwecksimulator einer variablen Wirklichkeit, sie wird ermöglicht durch Vermittlungselemente wie Computergraphik, Animation, digitaler Ton, Positionierungseinheiten und eine ganze Zahl anderer Elemente. Innerhalb dieser virtuellen Realität stellen sie virtuelle Gegenstände, Werkzeuge und Handlungsweisen zur Verfügung, die uns Möglichkeiten unserer Selbstentfaltung und Selbstkonstituierung in einer Welt des Meta-Wissens eröffnen.
Eine neue Qualitätsdimension spielt in der virtuellen Realität insofern eine Rolle, als Wissenschaftler um ein kohärentes Bild der ersten Minuten bei der Entstehung des Universums bemüht sind. Physik, Genetik, Biophysik, Biochemie, Geologie und alles andere, was in diesen in vielfältiger Weise vermittelten Forschungen eingebunden ist, vollzieht hier den letzten Schritt von der Wissenschaft zur Naturgeschichte und zur philosophischen Ontologie. Die Erklärung dafür, daß Physiker ein nicht weiter teilbares Proton zur Erklärung der Materie brauchten, ist nicht eine Frage von Zahlen, Präzision und Gleichungen, sondern des gesunden Menschenverstands: Wenn Protonen zerfallen könnten, würden Berge, Ozeane, Sterne und Planeten zusammenbrechen und--zurück zu Neutronen und Elektronen verwandelt--würde sich der ursprüngliche Big Bang in gegenteiliger Richtung wiederholen. Mit den neuen experimentellen Methoden, mit Teilchenbeschleunigung in der Computersimulation, mit den neuen radioastronomischen Beobachtungsmöglichkeiten öffnet die virtuelle Realität neue Formen der Lebenspraxis und ermöglicht vollkommen neue physikalische Theorien. Ist dies alles in der Sprache zu leisten und durch Sprache zu evaluieren?
Daß der Effizienzfaktor in dieser Entwicklung eine entscheidende Rolle spielt, ist offensichtlich. Im Fall der Wissenschaft hat die allgemeine Effizienzvorstellung verschiedene Komponenten. Eine Form der Effizienz liegt darin, die Wissenschaft produktiv zu machen. Im Vergleich etwa zur Effizienz von Hebel, Rolle und Flaschenzug ist die Effizienz des Elektromotors in einer anderen Größenskala angesiedelt. Für unsere heute neu entwickelten Instrumente gilt das Gleiche, allerdings auf sehr viel dramatischere Weise. Die Wissenschaft ist das aufwendigste und teuerste Unternehmen, das der menschliche Geist hervorgebracht hat. Ihre derzeitige Entwicklung wird offenbar durch eine Eigendynamik angetrieben: Wissen um des Wissens willen. Wissenschaft brachte aber auch Technologie und Technik hervor, die jegliche menschliche Tätigkeit und Leistung entscheidend beeinflussen.
Die zweite Effizienzkomponente, die zu unserer neuen Lebenspraxis geführt hat, liegt in der Notwendigkeit begründet, diese neuen Instrumente, die neuen Energieformen und die neuen Formen menschlicher Interaktion zu beherrschen und zu kontrollieren. Die Beherrschung eines mechanischen Werkzeugs ist etwas anderes als die Beherrschung einer Programmiersprache, mit der eine hochkomplizierte Technologie und enorme Energiemengen kontrolliert werden. Aber obwohl diese neuen Formen der multimedialen Vermittlung in unserem Leben zugenommen haben, wissen wir noch nicht so recht, wie wir damit umgehen sollen, und noch weniger, wie wir sie in unsere Bildungs- und Ausbildungsformen und in die immer kürzeren Zyklen der wissenschaftlichen und technologischen Erneuerung integrieren können.
Die dritte und letzte Effizienzkomponente ist im Bereich der Erfindung, Entdeckung und Erklärung angesiedelt. Nicht zuletzt unter dem Druck der gesellschaftlichen Erwartungen (Staat, Geschäftswelt und verschiedene Interessengruppen investieren in die Wissenschaft, um damit bestimmte Ziele zu verfolgen) steht die Wissenschaft unter hohem Erwartungs- und Leistungsdruck.
Aus der Sicht des Marktes sind diese Erwartungen dann erfüllt, wenn sich die Investitionen auszahlen. Enorme Summen gehen daher nicht nur in zukunftsträchtige wissenschaftliche Projekte, sondern als Risikokapital in Unternehmensneugründungen, die die wissenschaftlichen Ergebnisse technologisch umsetzen. Innerhalb dieser ökonomischen Dynamik ist jegliche Form der Abkapselung oder gar der Geheimnistuerei abwegig. Sofern man versucht, wissenschaftliche Entwicklungen geheimzuhalten, stößt man bald an die Grenzen der wissenschaftlichen Leistungsfähigkeit: Interaktivität und die Zusammenführung unterschiedlichster, weltweit verbreiteter wissenschaftlicher Aktivitäten, Vernetzung dieser Arbeit, Arbeitsteilung und vor allem geteilte Ressourcen determinieren heutzutage den Fortschritt in den Wissenschaften. Insofern ist es kaum noch verständlich, wie in den USA und in Europa die Bürokratie der Wissenschaftsverwaltung diese neuen Formen der Wissenschaft und damit den wissenschaftlichen Fortschritt behindert. Sie stehen noch immer unter dem schriftkulturellen Einfluß von Nationalstolz, Sicherheit und ähnlichem und hüten einen Wissenschaftsbetrieb, der längst passé ist.
Auch der Konflikt zwischen Wissenschaft und Ethik gewinnt eine neue Dimension. Nicht alle wissenschaftlichen Ergebnisse, die richtig sind, sind auch gut für die Menschheit. Höhere Effizienz kann sich für den Menschen und für die Erhaltung des Lebensstandards als kontraproduktiv erweisen. In vielen Bereichen--zu viele, um sie anzuführen--ist der Mensch bereits vollständig durch Maschinen ersetzt. Enorme körperliche oder geistige Anstrengung, Gefahren, die von Chemikalien, von Strahlung oder anderen widrigen Elementen ausgehen, können auf diese Weise vermieden werden. Die Entfernung von Menschen aus Arbeitsprozessen, in denen er sich schließlich entfaltet und zu seiner Identität gefunden hatte, macht diese Arbeitsprozesse gewiß auch fragwürdig. Heute reden wir nicht mehr nur über die genetische Manipulation der Bevölkerung, über die geistige Manipulation des Menschen, über die Entwicklung intelligenter Maschinen, die selbst ihre Hersteller beherrschen. Wir haben diese Möglichkeiten alle verwirklicht oder stehen zumindest kurz vor ihrer Verwirklichung. Wissenschaft und Technologie, und noch weniger die Philosophie können diesen in der Entwicklung zwangsläufig angelegten Konflikt einfach ignorieren. Auch sollten wir uns der Gefahr bewußt werden, daß wir allzu leichtfertig und aus begrenztem Blickwinkel heraus zu scheinbar unproblematischen wissenschaftlichen Lösungen greifen oder daß wir uns von dem Wahn leiten lassen, grundsätzlich alles zu realisieren, was machbar ist. Immerhin: Wir könnten bereits unseren Planeten zerstören, tun dies aber nicht, oder doch zumindest nicht so radikal, wie wir es tun könnten. Vor allem muß sich die Wissenschaft selbst einer permanenten Selbstkritik und Selbstbefragung unterziehen. Es ist daher wohl kein Zufall, daß die Naturwissenschaften nunmehr, jenseits der Schriftkultur, die Philosophie wiederentdecken oder zumindest ihrerseits eine Komponente philosophischer Selbstreflexion entwickeln. Quo vadis, Philosophie?
Die Sprache der Weisheit
Das Nachdenken über den Menschen und seine Beziehungen zur Welt (zur Natur, Kultur und Gesellschaft) stellt eine bestimmte Form der philosophischen Erfahrung dar. Sie beinhaltet, sich seiner selbst und anderer bewußt zu werden; Ähnlichkeiten und Unterschiede zu erkennen; Veränderungen in unseren Lebensabläufen und Lebensbedingungen zu erklären und das so gewonnene Verstehen in die Formulierung neuer Fragestellungen umzusetzen. Die praktischen Implikationen philosophischer Systeme sind vielfältig. Sie beeinflussen die wissenschaftliche, moralische, politische, kulturelle oder sonstwie geartete Form menschlicher Selbstentfaltung in der Welt. Philosophische Systeme vermehren nicht unbedingt Wissen, sondern Weisheit. Insofern ist das klassische Modell der Philosophie als Dachwissenschaft aller Wissenschaften, oder zumindest als alma mater aller Wissenschaften, noch immer gültig. Im Zentrum philosophischer Systeme stehen menschliche Werte, nicht Fähigkeiten oder Fertigkeiten, mit denen man bestimmte, durch eine Rationalität vorgegebene Ziele erreichen kann. Dennoch ist der Status der Philosophie durch innere und äußere Faktoren zunehmend in Frage gestellt. Wenn die Philosophie an Bedeutung verloren hat, dann wohl nicht zuletzt auch deshalb, weil die Philosophen einerseits mit dem Anspruch der Allwissenheit auftraten, sich andererseits aber mit den zentralen Aspekten der menschlichen Vernunft nur wenig beschäftigt haben.
Die Philosophie besaß schon immer einen gewissen exklusiven Status. Heute ist aus ihr eine Diskursform geworden, die sich entweder in furchtbar gestelzter und umständlicher Sprache oder in einer Vielzahl von spezialisierten Sprachen an einen relativ kleinen Kreis von Eingeweihten wendet, in aller Regel ihrerseits Philosophen. Die veränderte Rolle der Philosophie drückt sich auch im gegenwärtigen Sprachgebrauch aus. Jeder spricht heute von "seiner Philosophie" und meint damit alles Mögliche--Investitionsstrategien oder Strategien im Fußball, Drogengebrauch oder Gesundheitsdiäten, Politik, Religion und vieles andere.
Mißverstandene, aus der Schriftkultur übernommene kulturelle Bedürfnisse und politische Bequemlichkeit führen dazu, daß die tradierte Form der Philosophie als Fach an den Universitäten gelehrt wird ohne Rücksicht darauf, was in diesem Fach gelehrt wird, wer es lehrt oder welche Mittel er dafür verwendet. In den kommunistischen Ländern ist Philosophie ein Pflichtfach gewesen, unter dessen Bezeichnung die herrschende Ideologie vermittelt und gefestigt wurde. In den liberalen Ländern hat die Philosophie ihren Glanz verloren; hier ist die philosophische Abstraktion ein eben solches Schreckgespenst wie der Mangel an Geld. Insofern ist allenthalben eine philosophische Unbildung zu verzeichnen. Sie ist jedoch nicht das Ergebnis von abnehmenden Lese- und Schreibfähigkeiten, sondern einer veränderten Lebenspraxis.
Weder die Spezialisierung der Sprache der Philosophie noch die Einbindung logisch-mathematischer Formalismen und Operationen haben der Philosophie oder dem Philosophen das ursprüngliche Prestige zurückgeben können. Zur Lösung der ihr eigenen, vor allem auf menschlicher Erfahrung und das Gewissen bezogenen Fragen hat sie kaum etwas beigetragen. Vielmehr hat sich die Philosophie als Dachwissenschaft verflüchtigt in eine ganze Zahl von Einzelphilosophien: analytische, europäische, feministische, afro-amerikanische, grüne Philosophie usw. Jede dieser Teilsdisziplinen hat eine eigene Sprache entwickelt und verfolgt Fragestellungen, die in der Philosophie oder der Politik der Schriftkultur verwurzelt sind.
Die Bedeutung (oder Bedeutungslosigkeit) der Philosophie ist nach wie vor festzumachen an der Praxis des Fragens und Antwortens, einer Praxis, aus der heraus sich die Philosophie ursprünglich entwickelt hat. Als eine Praxis, die dem menschlichen Wesen im Universum menschlicher Erfahrung einen Platz zuweist, ist die Philosophie ebenso relevant wie die praktischen Ergebnisse, die sich aus dieser Positionierung des Menschen ergeben. Viele wissenschaftliche Theorien, wie z. B. die Relativitätstheorie in der Physik oder die Gentheorie in der Biologie, sind in philosophischer Hinsicht genauso relevant wie in wissenschaftlicher Hinsicht. Andererseits weisen auch zahlreiche philosophische Theorien eine erhebliche wissenschaftliche Bedeutung auf: zahlreiche Komponenten im System der Leibnizschen Philosophie, in Descartes Rationalismus oder in Peirces Pragmatizismus. Sie alle entwickelten sich in einem bestimmten pragmatischen Erfahrungsrahmen, in dem sich Vernunft zur Geltung brachte und spezifische Formen der Rationalität in Frage stellte.