Jenseits der Schriftkultur — Band 4
Part 7
Bevor wir uns diesen anderen Definitionen des Denkens und des Verhältnisses von Rationalität und Vernunft zuwenden, wollen wir einige Merkmale des zeitgenössischen Denkens, besonders in Wissenschaft und Philosophie betrachten. Im Vergleich zu vergangenen Lebensumständen ist der Anteil der Sprache im Arbeits- und gesellschaftlichen Leben zurückgegangen. Wenn sich unser Denken nur in der Sprache vollziehen würde, hieße das, daß auch der Anteil des Denkens abgenommen hat. Nur wenige würden dieser These zustimmen. Der Rest an Sprache, der in unserem Zusammenleben und im beruflichen Miteinander geblieben ist, bringt lediglich die Segmentierung unseres Lebens und unserer Interaktionsformen zum Ausdruck. Dieser Rest an Sprache, dessen Beherrschung eine weitere Bildung oder schriftkulturelle Fertigkeit voraussetzt, besteht aus gesellschaftlichen Allgemeinplätzen und eignet sich in keiner Weise als Medium für das Denken. Parallel zu der abnehmenden Bedeutung der natürlichen Sprache gewannen die Sprachen der Wissenschaft und Technologie in dem Maße an Vielfalt und Bedeutung, in dem die Erwartungen an wissenschaftliche und technologische Effizienz stiegen. Im begrenzten Umfeld der natürlichen Sprachverwendung wurden die Ausdrücke, die die Menschen für das alltägliche Funktionieren benötigen, ohne Rücksicht auf die Bedürfnisse nach Vielfalt und Veränderung in unseren gegenseitigen Beziehungen hervorgebracht. Es sind weitgehend Sprachkonserven mit begrenzter Funktion, die aus vorangegangenen Situationen ungeachtet der sie hervorbringenden Umstände übernommen wurden. Es ist sehr wahrscheinlich, daß ein schriftunkundiger, ja analphabetischer Nachbar niemals auffallen würde; denn alles, worin er uns gegenübertritt, kommt ohne Bildung und weitgehend ohne Schrift aus: Autofahren, Wäschewaschen, Kochen, Bankgeschäfte, Telefonieren, Fernsehen, Einbindung in das Internet. Mit ein wenig Übung kann man all diesen Tätigkeiten nachgehen, ohne durch ein Bildungshandicap oder gar durch Analphabetismus aufzufallen. Die neuen Geräte, die neuen Stoffe, die neuen Nahrungsmittel und Arzneien, die eher im Grenzgebiet der Wissenschaft als in unserem Lebens- und Arbeitsmittelpunkt angesiedelt sind, werden die Möglichkeiten von und den Bedarf an Zivilisationsformen, die von mehr als einer Ausdrucks- und Kommunikationsform gelenkt sind, noch erhöhen.
In einer Welt, in der hochspezialisierte Tätigkeiten vorherrschen, führen auch Ungebildete oder Analphabeten im Sinne der Schriftkultur ein unbemerktes und reibungsloses Dasein, ohne ihr eigenes Leben oder die Effizienz des Systems zu beeinträchtigen. Auch hat sich ihre Rolle verändert. Denn auch eine analphabetische Rationalität ist zielorientiert, sie drückt sich lediglich mit anderen Mitteln aus. Auch sie formuliert Aussagen über das zukünftige Verhalten von Systemen, die von hochspezialisierten, extrem funktionsorientierten Sprachen betrieben werden und deren Betrieb nicht von der Bildung ihres Betreibers abhängt. Wissenschaftliche Bildung ist entweder in Fähigkeiten zu lokalisieren, die man durch Ausbildung und Einübung erwerben kann, oder aber in die Systeme eingebaut, die von Menschen betrieben werden, die weniger über deren Funktionsweisen wissen als die Maschinen selbst.
Falscher Sprachgebrauch, nachlässige Formulierungen und fehlerhafte Grammatik, Alltagsfloskeln und die Unfähigkeit oder der Unwille, ein Gespräch zu führen, sagen noch immer etwas über das Denken aus, wenn auch vielleicht etwas anderes, Unerwartetes: z. B., daß Denkformen, die auf nichtsprachlichen Zeichensystemen beruhen, effektiver und hinsichtlich der vor uns liegenden Probleme zeitgemäßer sind; vielleicht auch, daß sich das, was sich in einem Zeichensystem als angemessen und effektiv erweist, nicht mit dem gleichen Ergebnis in einen anderen lebenspraktischen Zusammenhang übertragen läßt. Die Naturwissenschaften jedenfalls versuchen sich weitgehend von den Ungenauigkeiten, Mehrdeutigkeiten und stereotypisierenden Floskeln der Sprache zu befreien; im großen und ganzen trifft dies auch für die moderne Philosophie zu, obwohl ihr keine vergleichbaren Alternativen zur Verfügung stehen. Die Aufgabe der Naturwissenschaften und in eingeschränkterem Maße auch der Philosophie liegt heute darin, Sprache(n) zu finden, die Phänomene wie Kontinuität, Vagheit und Unbestimmtheitsrelationen behandeln können.
Die hochspezialisierten Lebensformen basieren nicht mehr vornehmlich auf individuellem Wissen, sondern auf Individuen, die sich als Informationsschnittpunkte, bzw. Knoten, verstehen. Wenn die Notwendigkeit zu individuellem, selbständigem Denken abnimmt, dann entspricht dies der extremen Segmentierung unserer Arbeitswelt und dem Umstand, daß die aus dieser segmentierten Arbeit hervorgegangenen Teilbeiträge technologisch erfolgreich zusammengeführt werden könnten. Für unser Privatleben und alles, was wir für unseren Lebensunterhalt tun (Ernährung, Erholung, Unterhaltung), gilt das Gleiche. Unser Denken beschränkt sich auf das Auswählen: aus vorgefertigten Menüs, aus Konfektionsware, aus Fertigbauteilen, aus Waschprogrammen. Aber die Gegenstände unseres täglichen Gebrauchs verkörpern die Intelligenz eines anderen. Das verdinglichte Denken, das in die Genmanipulation, in Materialien und Maschinen eingegangen ist, schränkt das originale, tatsächliche Denken des einzelnen ein. Der heutige Mensch bindet sich in das Informationsnetzwerk ein und verbringt den weitaus größten Teil seines Lebens damit, Informationen zu verarbeiten: Anweisungen für Tätigkeiten, die das gewünschte Ergebnis zeitigen. Man könnte sagen, die Menschen verlassen sich auf lebendige Maschinen, die sich dem Benutzer anpassen, sich eigenständig auf veränderte Bedingungen umstellen und sich selbst reparieren. Rationalität ist zunehmend in diese Technologie integriert und damit aus dem Prozeß der individuellen Selbstkonstituierung wegrationalisiert. Die Folgen können immens sein, aber sie werden gefährlicher, je weniger wir über sie nachdenken oder uns ihrer bewußt sind.
Vergangenheit und Gegenwart haben auf dieser Ebene der Technologie keine gegenseitige Anbindung mehr. Der einzelne braucht nicht mehr zu denken, muß sich in dieses Programm, das eine Rationalität mit allerhöchster Effizienz und Vernunft verkörpert, einfügen. Niemand braucht mehr zu wissen, wie die Dinge unseres alltäglichen Lebens hergestellt werden und wodurch ihre Qualität garantiert ist. Nicht der Prozeß der Herstellung ist wichtig, sondern allein das Ergebnis. Effizienz ist vorrangig gegenüber individuellem Know-how. Das Denken ist dem Denken entfremdet in dem Sinne, daß jegliches Denken, also jegliche Rationalität, außerhalb der Selbstkonstituierung des einzelnen liegt. Es scheint, als führen dieses veräußerte Denken und diese veräußerte Rationalität ein Eigenleben. Memetische Mechanismen belegen diesen Prozeß.
In diesem unserem Stadium jenseits der Schriftkultur ziehen wir nicht nur aus der erhöhten Effizienz unseren Nutzen, wir erleben auch, wie das neue pragmatische Instrumentarium eigene, sich selbst erneuernde Antriebskräfte entwickelt. Es scheint bisweilen so, als würden nicht die Menschen um erhöhte Kreativität und Produktivität ringen, sondern als würden sich Wohlstand und Überfluß als gegebene Größen in unserem Leben um die Erfüllung der Effizienzerwartungen in unserer global angelegten Skala kümmern. Mit der technologischen Entwicklung und wissenschaftlichen Erneuerung Schritt zu halten, wird zum Selbstzweck, der irgendwie von menschlicher Vernunft abgekoppelt wurde. Die verwirrende Rationalität unbegrenzter Wahlmöglichkeit geht einher mit der Erkenntnis, daß Wertoptionen vollends verschwunden sind und kein Raum mehr bleibt für vernunftgelenktes Nachdenken. In der Folge werden die sozialen und politischen Aspekte des Daseins kurzgeschlossen, besonders diejenigen, die den Status von Wissenschaft und Philosophie betreffen. Wissenschaftliche Forschung wird oft daraufhin befragt, ob ihre Ziele überhaupt sinnvoll sind. Noch vor 15 Jahren war die Hälfte der Amerikaner der Meinung, daß Wissenschaft und Technik die vielfältigen Probleme der Gesellschaft nicht nur nicht lösen können, sondern dafür verantwortlich sind. Die Balance ist verloren gegangen, aber die Denkhaltungen derer, die den Zielen und Werten der Schriftkultur verpflichtet bleiben, haben sich deshalb nicht geändert. Sie widersetzen sich den Natur- und Geisteswissenschaften, statt sie als notwendige, wenn auch in sich widersprüchliche Einheiten aufzufassen. Und in Europa, wo man den Entwicklungen in den neuen Wissenschaften eher hinterherläuft, zeigt man sich noch zurückhaltender. Skepsis ist gesund und notwendig, aber sie hat auch ihren Preis.
Quo vadis, Wissenschaft?
Entdeckung und Erklärung sind die beiden Ebenen, auf denen das Verhältnis von Sprache und Wissenschaft relevant wird. Wir sollten vorausschicken, daß Schriftkultur und Schriftlichkeit niemals als Mittel wissenschaftlicher Forschung und auch Sprache nicht als Werkzeug für Entdeckungen angesehen wurden. Man behauptete lediglich, daß die Sprache den ersten Zugang zur Wissenschaft und damit das Fortführen wissenschaftlicher Arbeit im wesentlichen ermöglicht. Diese Behauptung traf in der Vergangenheit auch zu, solange sich wissenschaftliches Arbeiten im homogenen kognitiven Umfeld allgemeingültiger Raum- und Zeitdarstellungen abspielte. Mit der Veränderung dieses Umfelds stand dessen Ratio neuen Entdeckungen und den Erklärungen bereits gefundener Entdeckungen im Wege. Neben vielen anderen Codes greift die Wissenschaft heute vornehmlich auf symbolisches Denken zurück, wie es in Mathematik, Logik, Genetik, Informatik usw. verbreitet ist. Wissenschaft als zentralistisch organisierte Institution macht heute neuen wissenschaftlichen Arbeitsweisen Platz, die oft völlig unabhängig voneinander existieren und so der Skala des jeweiligen Interessensphänomens gerechter werden. Diese Unabhängigkeit und das Gespür für die veränderte Skala ergibt sich aus den unterschiedlichen Forschungsgegenständen der Spezialdisziplinen, aus unterschiedlichen Forschungsperspektiven und Fragestellungen sowie aus unterschiedlichen Zeichensystemen, die als effizientes Forschungsinstrument oder aber als Medium für effiziente Erklärungsmodelle bereitstehen.
Platon hatte bekanntlich ausreichende mathematische Kenntnisse als die Voraussetzung für die Zulassung zur Akademie erklärt. Heute würden die Hüter der Wissenschaften Logik, bzw. die Beherrschung von künstlichen Sprachen wie etwa Programmiersprachen, fordern, wobei diese ja selbst wiederum ständig optimiert, differenziert und durch Erwartung einer erhöhten computationalen Effizienz verändert werden. Zur Zeit des "Redners" Sokrates galt die Sprache als Grundlage und Konstituens von Städten, Gesetzen und Künsten. Zur Zeit des römischen Dichters Lukrez wurde Physik in Versen abgefaßt (7000 Hexameter legten die epikureische Atomtheorie dar). Galilei bevorzugte den Dialog in seiner italienischen Umgangssprache, damit seine Zeitgenossen die Entdeckungen der Physik und Astronomie verstehen konnten. Bei Newton wurde die Sprache durch Formeln und Gleichungen ersetzt, die seitdem das Vokabular der Physik ausmachten. Ähnliche Entwicklungen können wir in den Wissenschaftsgeschichten Chinas, Indiens oder des Nahen Osten verfolgen. Wenn also heute neue visuelle oder multimediale Sprachen entwickelt werden, dann entspricht dies unserer veränderten, auf eben diesen Phänomenen beruhenden Lebenspraxis. Sie führen zu noch mehr Arbeitsteilung, Vermittlung und neuen Interaktionsformen; sie führen hin zu einer Lebenspraxis, die eher intensional als extensional ist.
Raum und Zeit: befreite Geiseln
Die enzyklopädische Tradition erhob den wissenschaftlich tätigen Menschen (lhomme scientifique) zum Mittelpunkt und definierte ihn durch Sprache. In dieser Tradition vollzog sich eine ganze Serie von fortschreitenden Veränderungen der wissenschaftlichen Praxis. Wir können sie an der Sprache ablesen, in der sie ausgedrückt wurden. Das synkretistische Stadium des Menschen war durch Beobachtung und kurze Zyklen von Aktion und Reaktion gekennzeichnet. Die frühen Formen wissenschaftlichen Denkens waren noch nicht von der praktischen Entfaltung des Menschen in der Welt abgekoppelt. Bilder und später Benennungen von Pflanzen, Tieren, Bergen und Flüssen gehören in diese Zeit. Erst als sich das Beobachten zu einem dauerhaften Selbstzweck verselbständigte, wurde aus der wissenschaftlichen Tätigkeit eine eigenständige Praxis.
Die Wissenschaft entstand zusammen mit dem magischen Denken und setzte ihre weitere Entwicklung auch in dieser Symbiose fort, bis sie sich schließlich gemeinsam mit der Religion dem Magischen entzog und widersetzte. Beobachten und Furcht vor dem Beobachteten waren lange eins. Die Bezeichnungen der Sterne geben Aufschluß über die Veränderungen in der Sprache, in der die Astronomie sich ausdrückte. Nur wenig wußte man offenbar in jener Zeit über die Mechanik des Kosmos. Mythische Bezeichnungen wurden durch die Tierkreiszeichen magischen Ursprungs ersetzt (jeweils mit Bezug zu den praktischen Tätigkeiten des Menschen im Jahreszeitenwechsel), später auch durch die christlichen Taufnamen und heute durch die detaillierten numerischen Auflistungen von Positionen, Bewegung und Beziehungen.
In die Beobachtung der Himmelskörper, aus der sich ein Gefühl für Dauer und Zeit (wie lange braucht ein bestimmter Planet für die Veränderung seiner Position?) einstellte, brachte der Mensch seine spezifischen biologischen und kognitiven Merkmale ein: Sehen, Assoziieren, Vergleichen. Beobachtungen und Benennungen bezogen sich auf Positionen und auf Lichtintensität. Mit der sich allmählich einstellenden Zeitvorstellung verloren die Himmelskörper ihre Bindung an die Götter. Auch zu Zeiten eingeschränkter wissenschaftlicher Aktivität (Europa zwischen dem 5. und 10. Jahrhundert) wurden Planeten beobachtet, Himmelskarten mit verschiedenen Konstellationen gezeichnet und die Grundlagen für spätere Fortschritte in der Astronomie gelegt. Physikalische Eigenschaften wie Licht, Farbe und Klarheit führten zu präziseren Bezeichnungen; die Identifikation von Sternen wurde in manchen Lebenszusammenhängen (vor allem der Seefahrt) von entscheidender Bedeutung für erfolgreiches Handeln.
Magie und Wissenschaften ermöglichten indes unterschiedliche Erklärungen für Erfolg. Zu jener Zeit wurden die Sterne anhand von Merkmalen identifiziert, die jedem, der sie benötigte, offenkundig waren. Die magische Dimension ergab sich aus den Assoziationen zwischen den Eigenschaften bestimmter Personen und dem Verhalten bestimmter Planeten, d. h. aus dem abgeleiteten Einfluß, den die Himmelskörper auf für den Menschen entscheidende Ereignisse ausübten. In diesem gesamten Zusammenhang wirkte die Sprache als Werkzeug für Integration und Beobachtung und als Mittel für die damals gültige logische Praxis, z. B. für Deduktion. Die Sprache formte die Erfahrung und Auffassung von Zeit, speicherte das erworbene Wissen und wurde auf diese Weise zu einem entscheidenden Medium für die Selbstentfaltung des Menschen in der Zeit. Die Rolle der Sprache wurde durch die Schriftkultur gefestigt, die die in der Sprache gefundenen Erkenntnisse verallgemeinerte, wodurch wiederum effektive Mittel zur Strukturierung neuer Erwartungen geschaffen waren. Erst als zeitabhängige praktische Erfordernisse wie die Relativität, denen mit schriftkulturellen Mitteln nicht mehr begegnet werden konnte, einen kritischen Punkt erreichten, wurde die Zeiterfahrung aus den Fesseln der Verbalsprache befreit.
Ein enormer kognitiver Schritt war nötig, um von der Unmittelbarkeit der persönlichen Umgebung zur abstrakten Raumvorstellung zu gelangen. Die Geometrie--wörtlich: Landvermessung--verbindet die sich konkret stellenden Aufgaben (Landvermessung, Hausbau, Ausbau, Beobachtung der Himmelskörper) mit der Verallgemeinerung von Entfernung. Die Vermessung des Landes führt nicht nur zu dessen Beschreibung, sondern auch zu dessen Neuschaffung in der abstrakten Kategorie des Raumes. Die Sprache spielte bei all dem eine entscheidende Rolle. Zunächst blieben die geometrischen Konventionen eng auf die praktischen Implikationen bezogen. Sobald allgemeinere Raumerfahrungen jenseits der unmittelbaren Raumbeziehungen durch Seefahrt, Siedlungsformen, Strategien der Landesverteidigung usw. möglich wurden, veränderte sich die Sprache der Geometrie. Bedingt durch weitere Entwicklungen der Lebenspraxis und durch eigene, inhärente Antriebe bildeten sich schließlich zahlreiche geometrische Sprachen heraus.
Die Sprachen, die die Grundlagen der Geometrie, der algebraischen Geometrie, der Topologie und der Differentialgeometrie bilden, sind so verschieden wie die Erfahrungen, aus denen sie abgeleitet wurden. Oft reicht die schriftkulturelle Sprache aus, um geometrische Probleme zu formulieren, sie versagt aber bei der Lösung dieser Probleme. Der intuitive visuelle Charakter der Geometrie ist offensichtlich besser als die Schrift geeignet, Phänomene der Symmetrie, vieldimensionale Räume und Konvexität zu erfassen. Starre und elastische Räume verhalten sich anders als Räume, die durch Sprache beschrieben werden. Die Bezüge der geometrischen Notationen sind in aller Regel sehr abstrakt. Dadurch, daß Raum und Zeit von der Sprache losgelöst wurden, haben sich Rationalität, in der die wissenschaftliche Praxis begründet ist, und Vernunft, in der die Philosophie ihren Ursprung hat, nachhaltig verändert.
Kohärenz und Diversität
Wissenschaft führt die Ergebnisse diversifizierter Erfahrungen zusammen und verleiht dem menschlichen Bedürfnis nach einem zusammenhängenden Blick auf das Ganze gebührenden Ausdruck. Wir haben allerdings zeigen können, daß sich globale Zusammenhänge, wie sie in der Sprache formuliert sind, und spezialisiertes Wissen nicht unbedingt vereinbaren lassen. Dementsprechend haben die Wissenschaftler den Versuch, den allgemeinen (sprachlichen) Rahmen mit dem spezialisierten (wissenschaftlichen) Blickwinkel in Einklang zu bringen, aufgegeben. Die Einsicht, daß die Wissenschaftssprache nicht nur ein Beschreibungsinstrument ist, sondern ein formender Faktor der wissenschaftlichen Arbeit, hat sich nur mühsam durchsetzen können, zumal die Sprache ihre Darstellungsmechanismen für unser Raum- und Zeitempfinden bereithielt. Es war offenbar weniger schwierig zu erkennen, wie die Art des Messens von bestimmten Phänomenen (besonders in der Physik) das beobachtete System veränderte, als zu verstehen, wie eine sprachlich formulierte Hypothese den Rahmen für eine subjektive Wissenschaft abgab. Die Subjektivität sprachlicher Beschreibung entspricht einer spezifischen Erfahrung, nämlich derjenigen, in der wir Dinge durch Sprache identifizieren.
Bestimmte Entwicklungen in den Wissenschaften sind nicht für alle Wissenschaftszweige identisch. So entwickelten sich Astronomie und Geometrie unterschiedlich und auch jeweils anders als andere wissenschaftliche Disziplinen. Der Konflikt zwischen den Zielen und den Mitteln der Wissenschaft führte dazu, daß sich die Wissenschaft allmählich von der Sprache befreite. Damit aber wurden neue Sprachen notwendig. Das Aufbrechen der Sprachbarrieren und die damit einhergehende Emanzipation von der Schriftkultur stellt schon in sich eine praktische Erfahrung eigener Art dar. Zwei Aspekte der Sprache werden dabei neu überdacht: der epistemologische und der kommunikative. Unter dem epistemologischen Status überprüfen wir, inwiefern die Sprache als Medium der Wissenschaft und bei der Herausformung der Perspektive wissenschaftlicher Fragestellungen fungiert. Der kommunikative Status bezieht sich auf ihre Leistung bei der Verbreitung gemeinsamen Wissens. Die Ebenen der Fragestellung, Ergebnisformulierung, Interpretation, des Experimentierens und Evaluierens sowie der Mitteilung und Verbreitung sind dabei verschieden. Sie werden sich noch weiter auseinander entwickeln. Die der neuen Wissenschaft eigene Rationalität läßt sich nicht mehr darauf beschränken, der techné einen logos beizugeben. Das Erbe Francis Bacons, des weitsichtigen Theoretikers der experimentellen Wissenschaften, und Descartes, dessen Verstehensgesetze die schriftkulturelle Phase des wissenschaftlichen Denkens beherrschten, hat sich daher in dem Augenblick erschöpft, in dem wir die beherrschende Rolle einer einzigen Sprache zugunsten einer Pluralität vieler (Sonder-) Sprachen aufgegeben haben und von der Schriftkultur in ein Stadium jenseits der Schriftkultur eingetreten sind.
Computationale Wissenschaft
Die Sprache ist mehrdeutig, ungenau und in bezug zu den beobachteten und erklärten Phänomenen nicht neutral. Aus diesem Grund mußte die Informationswissenschaft Sondersprachen konstruieren, die die Ambiguität der natürlichen Sprachen vermeiden und die hohe Effizienz automatischer Verarbeitung ermöglichen. Viele formale Sprachen sind die neuen wissenschaftlichen Laboratorien, die uns auf das neue Zeitalter der computerwissenschaftlichen Disziplinen vorbereiten. Parallel hierzu entwickelten sich neue Formen des wissenschaftlichen Experiments, die der Komplexität und Dynamik der neuen wissenschaftlichen Gegenstände und Fragestellungen gerecht werden. Wir fassen diese neuen Formen unter dem Namen der Simulation (manchmal auch Modellierung); sie beschäftigen sich nicht mehr mit dem Verhalten bestimmter, von uns untersuchter Aspekte der Welt, sondern mit deren Beschreibungen.
Wenn wir die Explosion eines weit entfernten Planeten untersuchen wollen, brauchen wir Daten über einen Zeitraum, der weit über das Alter der Menschheit hinausreicht. Statt zu warten (sozusagen bis in alle Ewigkeit), werden astrophysikalische Phänomene modelliert und mit Hilfe komplizierter mathematischer Beschreibungsmodelle im Computer visualisiert. Auch die Radioastronomie beschäftigt sich längst nicht mehr mit dem Sichtbaren und ist schon gar nicht mit der Geschichte der Planetennamen belastet. Ihr Gegenstand sind Planetensysteme, kosmische Physik, Dynamik und die Entstehung des Universums. Die Geometrie vieldimensionaler (mehr als drei) Räume hat ebensowenig mit dem Sichtbaren zu tun--mit Landvermessung oder Hausbau; sie entwickelt theoretische Konstrukte mit einer Praxis des Denkens, Erklärens und sogar Handelns, die ohne die Verallgemeinerung von Raumdimensionen nicht denkbar ist. Für all diese wissenschaftlichen Tätigkeiten werden wissenschaftliche Sprachen benötigt, die mit unserer natürlichen Sprache wenig zu tun haben und auch nicht in sie übersetzbar sind.
Zahlreiche andere Beispiele verdeutlichen die Grenze zwischen der heutigen Wissenschaft und der natürlichen Sprache. In solchen Forschungszusammenhängen entsteht auch eine nicht auf Sprache basierende Rationalität. Mit dem Eintritt der Wissenschaften in das Computerzeitalter werden aus Notwendigkeiten Möglichkeiten. Es gibt Forschungsbereiche, in denen die Kürze eines bestimmten Ablaufs die direkte Beobachtung oder eine angemessene sprachliche Beschreibung unmöglich machen. Solche extrem kurzen Vorgänge mit schnellem Energieaustausch und hohen Frequenzmustern können nur mit einem Beobachtungsapparat angegangen werden, dessen Trägheit niedriger ist als die der untersuchten Phänomene, und mit einem konzeptuellen Rahmen, den die Sprache, die durch ein hohes Trägheitsmoment gekennzeichnet ist, nicht bieten kann.