Jenseits der Schriftkultur — Band 4
Part 5
Sport ist ein Ausdrucksmittel. In der Ausübung einer sportlichen Tätigkeit drücken sich nicht nur körperliche, sondern auch geistige Fähigkeiten aus: Selbstkontrolle, Koordination, Planung. Ursprünglich haben sich körperliche Leistung und einfache Sprachformen ergänzt. Später gehen sie eigene Wege, ohne sich allerdings jemals ganz zu trennen (wie die Olympischen Spiele der Antike zeigen). Als die Sprache an ihre relativen Grenzen kam, konnten die Ausdrucksformen des Sports einige Funktionen übernehmen: Nicht die allergrößte Sprachfertigkeit könnte je die Dramatik eines Wettkampfes, die Tragödie einer Niederlage oder das Hochgefühl eines Sieges wiedergeben. Interessanter noch ist das, was die Sprache dem Sport abgewann. Sie griff einige der typischen Merkmale des Sports auf, verallgemeinerte sie und übertrug sie in veränderter Form auf Gebiete, die mit Sport nicht mehr das Geringste zu tun haben: Sport statt Krieg, Sport als Ordnungsprinzip oder als Zirkus für die Massen. Zuallererst aber gewannen die Menschen dem Sport den Wettbewerbsgedanken ab als nationale Eigenschaft, aber auch als Merkmal der Bildung, der Kunst und des Marktes.
Der in der Sprache rationalisierte Wettbewerbsgedanke führte zu Vergleich und zu Leistungsmessung, womit die Grundlagen für eine Sportbürokratie und die institutionalisierten Aspekte des Sports gelegt waren. Die Griechen hofierten die jeweiligen Sieger. Zeitmeßgeräte kamen erst später zum Einsatz, vor allem, als in einem allgemeinen Rahmen von Besitz, Recht und Erbrecht die Dokumentation von Fakten an Bedeutung gewann. Das Spiel bedarf keiner Sprache, die Schrift aber ermöglichte es, allgemein verbindliche Regeln zu formulieren, die dann die Natur des jeweiligen Spiels auf Dauer festlegten. Insofern ist die sich in organisierten Wettkämpfen niederschlagende Institutionalisierung des Sports ein Produkt der Schriftkultur und weist deren pragmatische Erwartungen auf.
In jeder Sportart verbirgt sich die Sehnsucht nach Natur und Freiheit, eine Reminiszenz der überkommenen Überlebensstrategien des Jagens und des Fischens. Ihrer Natur nach verrät die jeweilige Disziplin aber zugleich die Veränderungen, die im Verhältnis des Menschen zur natürlichen und sozialen Umwelt und zur von ihm geschaffenen künstlichen Welt eingetreten sind. Das Schießen auf Zielscheiben oder mit Laserstrahlen in Nintendo-Spielen steht eben am anderen Ende der menschlichen Entwicklung. Jene Umstände, die zwangsläufig zur Schriftkultur geführt hatten, änderten auch den Status der sportlichen Tätigkeit. Der Wettkampf wurde zu einem Produkt mit besonderem Status; der Siegerpreis versinnbildlicht den zeitlichen Prozeß, durch den der Wettkampf evaluiert wird.
Allen Guttman hat folgende Kennzeichen des heutigen Sports herausgestellt: Säkularität, Chancengleichheit, hochspezialisierte Rollenverteilung, Rationalisierung, Bürokratisierung, Quantifizierung und Streben nach neuen Rekorden. Er hat die Merkmale jedoch nicht mit den allgemeinen Strukturen des Sports korreliert und im Zusammenhang mit der allgemeinen menschlichen Lebenspraxis bewertet. Unter diesem Gesichtspunkt nämlich würde sich Effizienz als viel wichtiger als etwa die sogenannte Chancengleichheit, Quantifizierung oder Bürokratie erweisen. Der Effizienzgedanke wird evident, wenn wir die komplizierten, bisweilen obskuren Regeln sportlicher Veranstaltungen in ritualistischen Kulturen mit Ansätzen vergleichen, diese Regeln zu vereinfachen und die Abläufe so transparent wie möglich zu gestalten. Als einige afrikanische Stämme den europäischen Fußball übernahmen, stellten sie ihn in den Kontext ihrer rituellen Handlungen. Sämtliche kulturellen Voraussetzungen dieses Spiels wurden aufgegeben und durch andere, aus einem anderen Praxiszusammenhang stammende Voraussetzungen ersetzt. Der Inyanga (Medizinmann) war für das Ergebnis verantwortlich; Spieler und Anhänger mußten die Nacht vor dem Spiel gemeinsam am Lagerfeuer verbringen; Ziegen wurden als Opfergaben dargebracht. Die Zeremonie wurde zum entscheidenden Strukturmerkmal, nicht das Spiel; Sieg oder Niederlage waren sekundär. Erst als jene Stämme näher mit schriftkulturellen Zivilisationen in Beziehung traten, gewann der utilitaristische Aspekt die Oberhand. Die Fußballspieler aus Afrika, die heute in den ersten Ligen der europäischen Länder Millionäre werden, erkennen nur die Rituale des Siegers (und die entsprechende Prämie) an. Und wenn wir daraufhin den europäischen Fußball mit dem amerikanischen football vergleichen, wird ebenfalls evident, wie sich aus veränderten Strukturen der Lebenspraxis neue sportliche Muster herausbilden.
In unserem Zusammenhang ist die Tatsache wichtig, daß die Schriftkultur neben anderen Formen der Lebenspraxis auch den Sport im Rahmen der für die Industriegesellschaft typischen Dynamik nachhaltig geprägt hat. Als Wiege des Industriezeitalters ist England zugleich der Ausgangspunkt für viele Sportarten und andere Formen der körperlichen Ertüchtigung gewesen. Aber mit den Veränderungen der Lebenspraxis sind manche der für die Industrielle Revolution wichtigen Entwicklungen überholt. Dazu gehört z. B. die Isolation der Nationalstaaten. Schrift und Schriftkultur fördern nationale Eigenheit. Seinem Wesen nach sollte der Sport über den nationalen Grenzen stehen. Aber die Erfahrung lehrt uns (und die Olympischen Spiele 1936 in Berlin sind nur der Extremfall), daß Sportveranstaltungen im Zeichen der Schriftkultur wie viele andere Lebensformen nationalistisch durchdrungen wurden. So degeneriert der sportliche Wettkampf oft genug zur feindlichen Auseinandersetzung und zum Konflikt. Im alten Griechenland, in China oder Japan wurde keine Leistung gemessen, anstelle des Vergleichs stand die körperliche Harmonie und Ästhetik im Vordergrund. In England wurde der Sport institutionalisiert und die sportliche Leistung in Rekordlisten festgehalten. In England wurde die Geschichte des sportlichen Wettkampfs als Rechtfertigung dafür geschrieben, daß er der gebildeten Oberklasse vorbehalten blieb, ausschließlich für Amateure, denen der Sieg als Lohn genügte.
Einige Spiele wurden im Rahmen der Schriftkultur erst erfunden und mit Funktionen versehen, die auch die Schriftkultur kennzeichnen. Sie veränderten sich in dem Maße, in dem sich die Schriftkultur und ihre Rolle veränderten, und brachten eine neue Kultur zum Ausdruck, in der immer mehr Sprachen mit immer begrenzteren Funktionsbereichen vorherrschten. Im Informationszeitalter, in dem viele Aufgaben, die ursprünglich der Sprache zufielen, von anderen Ausdrucksmitteln übernommen worden sind, ist Sport für viele eine Frage der Datenfülle geworden. Wer sich an der Schönheit des Tennisspiels erfreut, interessiert sich erst in zweiter Linie für die Geschwindigkeit des ersten Aufschlags. Aber nach einer gewissen Zeit wird auch er begreifen, daß die neuen illiteraten Bedingungen das Spiel und die Schönheit seiner Abläufe bis zur Unkenntlichkeit verändert haben. Wer siegen will, benötigt einen schnellen und harten Aufschlag, der aus dem Spiel kaum mehr als einen extremen kurzen (wenn überhaupt) Austausch von harten Schlägen werden läßt. Ähnliches gilt für Baseball, American football, Basketball und Hockey: Sie alle sind begleitet von unzähligen Statistiken, die für den Kenner oft wichtiger sind als das Spiel selbst. Die Veränderungen, denen Natur und Zweck des Sports unterworfen sind, stehen im Einklang mit dem Prozeß, der eine einzige, allseits beherrschende Sprache durch eine Vielzahl von begrenzten Sondersprachen ersetzt und damit zugleich die Notwendigkeit von Schriftkultur und schriftkultureller Bildung eingeschränkt hat.
Der illiterate Athlet
In der Geschichte des Sports ist das Ideal vom harmonisch ausgebildeten Menschen durch den Hochleistungsgedanken ersetzt worden. Die Dynamik, die diese Entwicklung förderte, ist im Grundsatz identisch mit jener Dynamik, die alle anderen Formen menschlicher Entfaltung verändert hat. Strukturell handelt es sich dabei um die Verlagerung von der direkten Auseinandersetzung mit der natürlichen Umwelt zu stärker vermittelten Beziehungen zwischen Mensch und Natur. Die Jagd nach einem Tier, das schließlich gefangen und verzehrt wird, hat unmittelbar mit dem Überleben zu tun. Neben dem körperlichen Aspekt spielen weitere Elemente in der Beziehung Jäger--Beute eine Rolle: die Verbergung des Körpergeruchs; das Anlocken der Beute; das Beschränken auf einen unbedingt notwendigen Kraftaufwand. Später treten Ritual, Magie und Aberglauben hinzu, ohne dabei das Ergebnis unbedingt zu befördern.
Das Laufen als Training der körperlichen Leistungsfähigkeit ist auch eine unmittelbare Erfahrung, aber hinsichtlich des Ergebnisses weniger unmittelbar als die Jagd. Das Training verrät zusätzliche Kenntnisse: Wie beeinflußt die Beschaffenheit von Muskeln und Kreislauf, wie beeinflussen Widerstands- und Willenskraft unser Leben, unsere Arbeit und unsere Gesundheit? Es verrät ferner eine verbliebene Sehnsucht nach der Erfahrung der Körperlichkeit und nach einem unmittelbaren Raum- und Zeitgefühl, das in der künstlichen Umwelt unserer Wohnungen und Arbeitsplätze verlorengegangen ist. Das Laufen aus reiner Freude unterscheidet sich wesentlich vom zweckgerichteten Laufen--auf der Jagd, nach Freund oder Feind, nach Beute oder Rekorden. Das Laufen um des Überlebens willen ist keine spezialisierte Tätigkeit; das Laufen bei Kriegsspielen erfordert einige Spezialkenntnisse; die Weltmeisterschaft im Sport erfordert die Kenntnisse einer ganzen Reihe von Spezialisten, die am Erfolg des einzelnen Sportlers beteiligt sind. Im ersten Fall (Jagd) liegt ein unmittelbarer Anlaß vor; im zweiten Fall ist er weniger unmittelbar und im dritten (Beute) auf vielfältige Weise vermittelt: die Idee vom Laufen als Wettkampf, die von allen Beteiligten akzeptierte Streckendistanz, die daran geknüpften Werte und Bedeutungen, Trainingsmethoden und Ernährungsweisen, Sportkleidung. Vor die Spezialisierung ist ein Selektionsprozeß geschaltet. Nicht jeder bringt die für eine sportliche Höchstleistung notwendigen körperlichen und geistigen Voraussetzungen mit. Im Hintergrund vollzieht sich die Evaluation des marktfähigen Produkts: des Athleten. Während dieses Prozesses wird der Mensch verschiedenen Formen der Entfremdung ausgesetzt, hervorgerufen durch den spürbaren Schmerz oder unmerklich vollzogen--ungelesene Bücher schmerzen nicht. Wir nehmen in der Regel die Höhepunkte im Leben eines Sportlers zur Kenntnis und vergessen dabei den schmerzensreichen Weg, der dem Erfolg vorausging: harte Arbeit, schwierige Entscheidungen, zahlreiche Entsagungen und die körperlichen und geistigen Qualen, die der Sportler sich im Training und im Wettkampf auferlegen muß.
Wie gebildet muß er sein? Im Grunde genommen stellt sich die gleiche Frage beim Arbeiter, Bauern, bei einem Ingenieur, einer Tänzerin oder einem Wissenschaftler. Sport und Bildung hingen in einem bestimmten Kontext einmal eng zusammen. Der gesamte Schul- und Collegesport (wie er sich im 19. Jahrhundert in England entwickelt hat) verkörpert dieses Ideal: mens sana in corpore sano. Einige Sportarten und der Hochleistungsgedanke haben sich aus einer schriftkulturellen Mentalität entwickelt und sind Projektionen von Sprache und Schriftkultur in die körperlichen Übungen. Tennis ist das vielleicht bekannteste Beispiel hierfür. Mit der Relativierung der Schriftkultur emanzipierten sich indes auch die Sportarten und entwickelten ihre eigene Sprache. Der Sieg als einzig anerkanntes Ziel stellt die Effizienz in den Vordergrund, die gemessen und aufgezeichnet wurde.
Bildung und Effizienz in Sportarten, die körperliche Kraft und Schnelligkeit voraussetzen, sind nicht unbedingt deckungsgleich. Man vergleiche etwa American football, Basketball oder Baseball mit Langstreckenlauf, Schwimmen oder dem exotischen Bogenschießen. Das klingt nach Klischee und Vorurteil. Aber es geht uns weder um das Klischee des ungebildeten Muskelprotzes noch um das des Adligen, der sein Latein ebenso gut beherrscht wie sein Pferd. Es geht um das sportliche Umfeld im allgemeinen. Für das verbreitete Bild des zwar körperlich außergewöhnlich, geistig aber weniger leistungsstarken Athleten gibt es zwar genügend Gegenbeispiele, sie stellen aber wohl dennoch eher die Ausnahme dar. Das liegt nicht daran, daß körperliche und geistige Leistungsfähigkeit einander ausschließen, sondern daß die hohen Effizienzerwartungen es nahezu unmöglich machen, in beiden Bereichen mit gleicher Intensität zu arbeiten und entsprechende Leistungen zu erzielen. Jede Form von Spezialisierung, auch und gerade im Sport, erfordert eine Konzentration von Energie und Talent auf die eine Sache. Jede Entscheidung hat ihren Preis.
Sportliche Höchstleistung setzt zwar nicht unbedingt hohe Bildung voraus, wohl aber eine Kenntnis der Sprache des Sports. Hochleistung und hohe Effizienz gründen auf einem bestimmten Typus hochspezialisierter Kenntnisse und einer speziellen Sprache: genaue Kenntnis des menschlichen Körpers, Ernährungswissenschaft, Physik, Chemie, Biologie und Psychologie spielen zusammen. Und eine jede einzelne Sportart hat sozusagen ihre eigene Wissenschaft entwickelt, die das Wissen aus vielen anderen Wissensbereichen zusammenträgt und zu neuem Spezialwissen fügt. Mit der zunehmenden Spezialisierung hat der Sport seinen Charakter als gemeinschaftliche Tätigkeit verloren. Man braucht nur das Basketballspiel von Jugendlichen auf unseren Straßen und Plätzen zu beobachten und deren Freude am Spiel und an der Bewegung mit dem professionellen Basketball zu vergleichen. Letzteres besteht aus einem Team von jeweils nur auf bestimmten Positionen hochspezialisierten Experten, deren Leistung in hohem Grad vorhersagbar, begrenzt programmierbar und nur in sehr begrenztem Maße wirklich originell ist. Die nötigen Koordinierungsmaßnahmen werden durch die natürliche Sprache erleichtert; aber die Effizienzerwartung geht über die in der Sprache konstituierte und durch die Sprache kommunizierte Erfahrung weit hinaus. Jeder Aspekt des Spiels ist in Diagrammen und Statistiken notiert; jeder Gegner minutiös auf Videoband analysiert; ständig werden neue Strategien entwickelt und taktische Spielzüge eingeübt. Am Ende eines Spiels wird diese spezielle Sprache zum eigentlichen Zweck: In den letzten 30 Sekunden ist jede Bewegung und jedes Abspiel kalkuliert, jedes Foul (und die dadurch gewonnene oder verstrichene Zeit) eingeplant.
Eine nicht geringe Rolle im Hintergrund spielt dabei die Technologie, die dem Zuschauer oft gar nicht zu Bewußtsein kommt. Sie hat mit Schriftkultur meist gar nichts mehr zu tun. Aber die Aufzeichnung und Auswertung von Bewegungsmustern, die zur Höchstleistung führen, und die ständige Optimierung dieser Muster und Erprobung oder Simulation neuer Abläufe, meist individuell auf einen bestimmten Sportler und seine persönlichen Daten zugeschnitten, gehören heute zum Alltag des Leistungssports. Oft genug werden dabei Grenzen überschritten, Regeln sehr großzügig interpretiert und die Siege durch Mittel erstrebt, die mit den hehren Idealen von Fairneß und Chancengleichheit nur noch wenig zu tun haben.
Schon immer hat der Sport die gesetzten Grenzen getestet. Einmal gebrochene Regeln konnten ihrerseits zur neuen Regel werden. Von außen herangetragene Elemente (mystische, vom Aberglauben geleitete, medizinische, technische und psychologische) sollten die Leistung erhöhen. Das Problem des Doping ist unter diesem allgemeinen Effizienzgedanken vor dem Hintergrund der allgemein abnehmenden schriftkulturellen Bildung zu sehen. Die Sprachen der Stimulanzien, Strategien und Technologien gehören zusammen, auch wenn einige mehr, andere weniger unmoralisch und gefährlich sind. Und da die Drogen immer raffinierter und entsprechend schwieriger nachweisbar werden, läßt sich gar nicht mehr genau sagen, welches Ergebnis auf rein sportliche Leistung und welches auf Biochemie zurückzuführen ist.
Nicht nur die ehemaligen totalitären Staaten des Ostblocks haben die Gruselgeschichten des Medikamentenmißbrauchs geschrieben. Auch die kommerzielle Demokratie mit ihren materiellen Verlockungen veranlaßt viele Sportler, die Leistungsfähigkeit des Körpers bis zur Selbstzerstörung voranzutreiben. Zu den gebrochenen Rekorden bei den Olympischen Spielen in Atlanta gehört auch die Zahl der Dopingkontrollen (fast 20% aller aktiven Teilnehmer).
Von allen Sportarten ist der American Football wohl die erste postmoderne Sportart, die sich im Verlauf der Zeit konsequent an die neuen Erfordernisse angepaßt hat. Wenngleich die Sprache dieser Sportart vermutlich nur einem Eingeweihten verständlich ist, sei das Phänomen hier kurz resümiert. Wie keine andere hat sie hochgradige Spezialisierung, Vermittlung, eine völlig neue Dynamik und eine ganz eigene Sprache entwickelt. Neben den 22 Positionen und den besonderen Formationen für bestimmte Spielphasen und Spielzüge wird jede der zahlreichen Funktionen innerhalb und außerhalb der Mannschaft von speziellen Arbeitsteams unterstützt: Besitzer, Manager, Trainer, Trainerassistenten und Betreuer, Spielerbeobachter und Spielervermittler, Ärzte und Berater. Die Regeln und das Grundrepertoire an Abläufen sind nicht sehr umfangreich. Sie folgen wie in vielen anderen Spielformen schriftkulturellen Prinzipien: in ihrer totalitären und zentralistischen Anlage, in der Befolgung eines bestimmten Regelwerks und damit in ihrer Sequentialität. Verbale und numerische Signale, Farbkodes u. ä. gehören zum Zeichencharakter des Spiels, das dem nicht Eingeweihten als reine, nach privaten Kodes ablaufende Komödie erscheinen muß, was durch die merkwürdige Ausrüstung der Spieler gewiß noch erhöht wird. Die Entwicklung von einer Collegesportart traditionell englischer Prägung zu dieser zeitgenössischen amerikanischen Variante läßt sich nachvollziehen. Im Vordergrund standen ab einem bestimmten Zeitpunkt nicht mehr das Spiel und die Erfahrung des gemeinsamen Spielens, sondern der unbedingte Wunsch nach Sieg. Der erhöhte Effizienzbedarf erforderte effizientere Spielmaschinen, die sich auf eine begrenzte Auswahl von Spielfunktionen beschränkten, diese perfektionierten und nur für diese Aufgaben eingesetzt wurden. Das Spiel gewann einen Konfigurationscharakter, spielt sich auf mehreren Ebenen ab, verteilt die Aufgaben nach einem strengen Schema und kann auf ein kompliziertes Kommunikationsnetzwerk zurückgreifen, das das Zusammenspiel der Funktionen sichert. Die offene Gewalt ist im Gegensatz zur inszenierten Clownerie des Wrestling authentisch und spiegelt für viele das Konkurrenzgefühl und die Feindseligkeit der heutigen Gesellschaft wider. Alle Schreckgespenster des modernen Sports sind hier vereinigt: Gewalt, Verletzung, Anabolika, Drogen, illegales Geld--und Statistiken. Der Geist dieser Sportart überträgt sich zunehmend auf andere Sportarten und andere Lebensbereiche in Politik und Geschäftswelt. Beim Baseball sind Statistiken sogar noch wichtiger. Sie begleiten nahezu jede einzelne Bewegung des Spiels und verleihen ihr eine Bedeutung, die dem Zuschauer ansonsten entgehen würde.
Der Zusammenhang zwischen dieser neuen Dynamik des Sports und der allgemeinen neuen Dynamik des menschlichen Daseins ist offensichtlich. Größere Schnelligkeit, kürzere Zweikämpfe und kürzere Aktionsphasen machen Sportereignisse in unserer heutigen Gesellschaft besser vermarktbar. Je genauer die einzelne Ausführung, desto weniger ausdrucksstark wird sie. Niemand war beim Eiskunstlaufen mehr an den Pflichtfiguren interessiert, also wurden sie abgeschafft. Aber die Kür wird von einem Millionenpublikum bewundert und gerät immer mehr zu einer Showveranstaltung. Je ausdauernder die Leistung, desto geringer die Attraktivität. Eine rasante kurze Abfahrt ist allemal aufregender als ein Langstreckenereignis. All dies ist ganz entschieden ein Kennzeichen unseres neuen Lebens jenseits der Schriftkultur. Niemand will mehr lernen, wie er die gleichen Leistungen erbringen könnte; Wissen und Lernen sind irrelevant geworden. Was zählt, ist die Leistung und das Spektakel, und das bringt die Preise ein, von denen die Sieger der antiken Olympiade, die auf ihre Weise auch verwöhnt wurden, nicht einmal träumen konnten. "Winner take all"--der Sieger bekommt alles: Das ist das vorherrschende Gesetz, demzufolge nicht mehr die Freude am Wettkampf, sondern der Sieg einziger Zweck ist.
Die Folge dieser Effizienzerwartung ist nicht nur ein relativ ungebildeter Sportler, sondern auch eine diskriminierende Vorauswahl. In den USA werden die Volkssportarten Football und Basketball von schwarzen Athleten beherrscht. Wenn man im Sport dieselben Gleichheitsprinzipien wie in anderen Lebensbereichen anwenden würde, verlöre er an Attraktivität. Das führt ironischerweise dazu, daß in den USA die schwarzen Afroamerikaner die Rolle des Entertainer für die weiße Bevölkerung spielen. Abgesehen von den enormen Verdienstmöglichkeiten im Profisport führt die Leistungsbesessenheit dazu, daß ein bestimmter, wichtiger Teil der Bevölkerung den Unterhalter für die restliche Bevölkerung spielt. Schwarze beherrschen auch die besten BasketballLigen der restlichen Welt. In der ehemaligen Sowjetunion rekrutierten sich die Teilnehmer an den Olympischen Winterspielen weitgehend aus der sibirischen Bevölkerung, für die das Skilaufen eine alltägliche Lebensform ist. In ganz Europa holen die führenden Fußballvereine (und sogar Nationalmannschaften) ihre Spieler aus Spanien, Italien, Afrika und Südamerika. Denn Effizienz ist leichter mit denen zu erreichen, die die besseren körperlichen Voraussetzungen für ein bestimmtes Spiel mitbringen, als mit denen, die man auf traditionelle Art über den Breitensport an eine bestimmte Sportart heranführt.
Die Zuschauer von Sportveranstaltungen sind durch die vermittelnde Tätigkeit des Fernsehens in ihren Erwartungshaltungen weitgehend homogenisiert. Der Sprache des Sports bedingungslos ausgesetzt, erleben sie das Ereignis und dessen Interpretationen gleichzeitig. Selbst die Mechanismen der Bedeutungszuweisung sind rationalisiert, Schriftkultur spielt bei ihrer Vermittlung keine sonderliche Rolle, eigenes Nachdenken erübrigt sich.
Diese Veränderungen im Sport--oder in anderen ähnlich veränderten Lebensbereichen--einfach nur zu beklagen, würde nicht sehr weit führen. Gewiß sind die großen Athleten des heutigen Sports schriftkulturell ungebildet (um nicht zu sagen Analphabeten). Dennoch bemühen sich angesehene Colleges in den USA um sportbegabte Studierende ausschließlich um deren sportlicher Leistungsfähigkeit willen. Diese heben zwar nicht das akademische Niveau der Bildungseinrichtung, wohl aber deren Marktwert. Bildung ist für sportliche Höchstleistungen nicht nur unnötig, sondern vielleicht sogar hinderlich. Hochleistungssportler leben aus dem Koffer--in Flugzeug, Hotel oder Trainingslager--, finden kaum Zeit für ihre Bildung oder auch nur ein eigenes Privatleben. Ihre begrenzte Sprache reicht oft nicht einmal aus, ihre Frustration zu artikulieren, wenn das erstrebte Leistungsziel einmal nicht erreicht wurde. Sie lesen nicht, sie schreiben nicht, selbst die Schecks werden von anderen gezeichnet.