Jenseits der Schriftkultur — Band 4

Part 4

Chapter 4 3,039 words Public domain Markdown

Auch beim Schreiben visualisieren wir, indem wir Sprache auf dem Papier sichtbar werden lassen. Beim Zeichnen setzen wir unsere Pläne für neue Gegenstände ins Bild. Solange wir den Computer lediglich anstelle anderer Schreibwerkzeuge verwenden, verändern wir damit nicht die Bedingungen der Sprache. Wenn wir aber darüber hinaus Sprachregeln einprogrammieren (Rechtschreibung, Morphologie u. ä.), Vokabular und Grammatik speichern und menschliche Sprachverwendung nachahmen lassen, dann ist das geschriebene Ergebnis nur noch teilweise auf die Schriftbildung des Verfassers zurückzuführen. Die Visualisierung des Textes führt zur automatischen Erstellung anderer Texte und zu Beziehungen zwischen Sprache und nicht-sprachlichen Zeichensystemen. Wir verfügen heute über Mittel zur elektronischen Verknüpfung von Bild und Text, für Querverweise zwischen Bild und Text und für die schnelle Umsetzung von Texten in Diagramme. Es gibt inzwischen elektronische Zeitschriften, deren Begutachtungs- und Herausgebertätigkeiten ausschließlich im Netzwerk ablaufen. Sie können Bilder, Animationen und Geräusche integrieren und OnlineReaktionen auf Hypothesen und Daten hervorrufen. Diese Publikationen erreichen ihr Publikum natürlich sehr viel schneller. Damit hat sich das Internet zu einem neuen Publikationsmedium entwickelt, in dem der Computer die Rolle der Druckmaschine übernimmt--einer Druckmaschine mit völlig neuen Eigenschaften. Damit haben all diejenigen, die sich in der neuen Welt des Internet entfalten, Zugang zu Informationsressourcen gefunden, die vordem nur den Eigentümern der Druck- und Medienindustrie oder anderen gesellschaftlich privilegierten Personen offenstand.

Die visuelle Komponente des Computers, die Computergraphik, beruht auf der gleichen Sprache aus Nullen und Einsen, auf der sämtliche anderen Computerabläufe beruhen. Diese gemeinsame alphabetische und grammatische Grundlage erlaubt es, Sprache (Übersetzungen von Bildern oder Zahlen-Bild-Beziehungen wie Diagramme, Skizzen u. ä.) und abstrakte Beziehungen zu betrachten. Die Entwicklung von Mitteln, mit deren Hilfe wir die Grenzen von Sprache und Schriftlichkeit überwinden können, hat die wissenschaftliche Arbeit vergangener Jahre beherrscht. Die neuen Mittel der Informationsverarbeitung versetzen uns nunmehr in die Lage, an die Stelle der üblichen phänomenologischen Beobachtung die Entwicklung und Verwendung verschiedener Spezialsprachen zu setzen, mittels derer wir neue, auf sehr komplexe und dynamische Phänomene bezogene Theorien entwerfen können.

Wir wollen die Verlagerung auf visuelle Darstellungsmodi und die damit verbundene Verlagerung von quantitativen Evaluationen zu qualitativen Evaluationen einschließlich der diese darstellenden Bildlichkeit an einigen Abläufen verdeutlichen. In der medizinischen Forschung, bei der Synthese neuer Substanzen und bei der Weltraumforschung haben sich Wörter nicht nur als irreführend, sondern auch in mancherlei Hinsicht als ineffektiv erwiesen. So haben neue Visualisierungstechniken auf der Grundlage der Molekularresonanz innovative Bereiche der Medizin weitgehend von der Sprache losgelöst: Patienten beschreiben ihren Zustand, Ärzte vergleichen diese Beschreibungen mit Krankheitstypologien, die auf den neuesten und fortlaufend ergänzten Daten beruhen; im Netzwerk kann der jeweils qualifizierteste Arzt konsultiert werden; experimentelle Daten werden mit den theoretischen Modellen zusammengeführt, die Ergebnisse visualisiert und auf digitalen breitbändigen Hochgeschwindigkeitskanälen ausgetauscht.

Mit solchen Visualisierungstechniken haben wir mittlerweile auch besseren Zugang zu den Daten der Vergangenheit bekommen und natürlich zu den Informationen, die wir für unsere zukunftsgerichteten Projekte benötigen. Mit der Computertomographie konnte z. B. der innere Aufbau ägyptischer Mumien dreidimensional dargestellt werden, ohne daß sie auseinandergenommen und beschädigt werden mußten. Dabei wurde ein Simulationssystem verwendet, wie es in der nicht-intrusiven Chirurgie üblich ist. Bei Design und Herstellung neuer Materialien, der Weltraumforschung und in der Nanotechnologie ist die analytische Perspektive schriftlichkeitsbezogener Methoden längst durch visuelle Synthetisierungsmethoden ersetzt worden. Molekülstrukturen können abgebildet und Interaktionsprozesse von Molekülen simuliert werden, um die Einwirkung von Medikamenten auf die behandelten Zellen, die Dynamik der Vermischung sowie chemische und biochemische Reaktionen verfolgen zu können. Es ist ferner möglich, in virtuellen Räumen jene Kräfte zu simulieren, die beim sogenannten Docking (Zusammenfügen) von Molekülen eine Rolle spielen. Keine sprachliche Beschreibung, keine Flugsimulation kann die Abbildung von Daten aus der Radioastronomie oder wesentliche Bereiche der Genetik und modernen Physik ersetzen. Nicht zuletzt ergibt der Bereich der künstlichen Intelligenz ein geeignetes Beispiel ab. Obwohl man sich in diesem Zusammenhang darum bemüht, tätige menschliche Intelligenz in ihren authentischen Abläufen nachzubilden, zeichnet sich doch gerade dieser Bereich paradoxerweise dadurch aus, daß er hergebrachte Werte und Begriffe, die zur Schriftkultur gehören, bewahrt.

Wer mit Bildern in dem Maße aufwächst, in dem vorausgegangene Generationen der Schriftkultur verpflichtet waren, entwickelt zu Bildern ein anderes Verhältnis. Die verfügbare Technologie zur Visualisierung fördert neue Wege der Interaktion. Diese Technologie verändert dabei nicht nur Wissenschaft und Technik. Sie beeinflußt unseren täglichen Umgang miteinander, mit Menschen und völlig anderen, weit entfernten Kulturkreisen und unseren Umgang mit Geräten und Maschinen. Sie stellt ein alternatives Medium für unser Denken und unsere Kreativität bereit, wie sie es in der Geschichte von Technik, Handwerk und Design schon immer getan hat. Sie hilft uns dabei, unsere Umwelt besser zu verstehen, insbesondere die vielfältigen Veränderungen, die wir durch unsere Lebenspraxis in ihr hervorrufen. Mit Hilfe von Visualisierungen erfahren wir räumliche Dimensionen, die jenseits unserer unmittelbaren Wahrnehmung liegen, und das Verhalten von Gegenständen in diesen Räumen. Visualisierungen erweitern den Bereich der künstlerischen, aber auch wissenschaftlichen Kreativität.

Die Printmedien, die ohnehin Schriftlichkeit und Sehvermögen zusammenführen, betonen heute die visuelle Komponente mehr denn je. Wir sind zur Kommunikation nicht mehr ausschließlich den sequentiellen schriftlichen Sprachformen ausgesetzt, aus teils guten, teils zweifelhaften Gründen. Eine visuelle Sprache begegnet uns in Form von Comic Strips, Werbung, Wetterkarten, Wirtschaftsberichten und zahlreichen anderen bildlichen Darstellungen. Einiges davon wird nach wie vor zu Papier gebracht, anderes in neuen dynamischen Darstellungsformen dargeboten, deren Möglichkeiten wir angedeutet haben, und die das, was vor wenigen Jahrzehnten noch utopischer Traum weniger Visionäre war, zur Alltagsroutine gemacht haben.

Auch dort, wo bildliche Darstellungen bislang kaum von Bedeutung waren, spielen die Möglichkeiten der Bildverwertung eine zunehmend größere Rolle--im politischen Bereich, im juristischen Diskurs, in der Verwaltung. Bildbeweise gewinnen in Gerichtsverfahren an Bedeutung, Geschworene können nicht nur die Ergebnisse forensischer Untersuchungen, sondern das Verbrechen selbst per Bild nachvollziehen. Damit sind menschliche Schicksale nicht mehr nur von individuellem Erinnerungs- und Vorstellungsvermögen oder von rhetorischen Fähigkeiten der Rechtsanwälte abhängig. Steuerausgaben werden veranschaulicht, politische Argumente im Bild vorgestellt. Wenn ein Politiker im Netzwerk eine bestimmte Leistung für sich beansprucht, kann sein Anspruch mit realen Bildern gestützt oder in Frage gestellt werden. Politische Versprechen können noch während einer Wahlkampfrede modellhaft durchgespielt und dargestellt, die Entscheidung über eine militärische Aktion durch ein sofortiges Referendum überprüft werden, während gleichzeitig diese Aktion gegebenenfalls mit Alternativen auf Monitoren simuliert wird. Der Citoyen (Bürger) wird zum Netoyen (englisch netizen): der Bürger als vernetztes Subjekt. Alle diese Möglichkeiten grundsätzlich zu verherrlichen, wäre indes töricht. Der Mißbrauch von Bildern ist genauso groß wie der mögliche Segen, der von einer vernünftigen Verwendung ausgehen kann.

Dennoch verzeichnet die Ausbildung visuell gebildeter Menschen nicht die gewünschten Fortschritte. Noch immer erfinden wir das Rad neu, wenn wir unsere Bildungsformen ausschließlich auf Schriftlichkeit und Schriftkultur gründen und dabei eine umfassende visuelle Ausbildung vernachlässigen. Visuelle Alternativen, die lediglich der Illustration des traditionellen Materials dienen, bekräftigen das traditionelle System und genügen nicht den heutigen Effizienzerwartungen. Außerdem sind sie oft unwesentlich, schlecht und teuer. Statt Kommunikation zu fördern, lenken und manipulieren sie sie. Wir benötigen eine visuelle Bildung, genauer: eine Vielzahl solcher visueller Alphabetismen, die allesamt weniger begrenzend, weniger dauerhaft und weniger kompartimentiert sind, um unsere Selbstkonstituierungund Persönlichkeitsentfaltung in Bildern zu verbessern. Die ethischen Aspekte solcher Erfahrungen bedürfen noch der Lösung, besonders angesichts der Tatsache, daß die Beschränkungen des Visuellen anderer Art sind als diejenigen, die im Buchstaben unserer Gesetze und moralischen (oder religiösen) Überzeugungen angelegt sind.

Ich hoffe gezeigt zu haben, daß es nicht darum geht, eine Form von Bildung und Alphabetismus durch eine andere zu ersetzen. Die Dynamik des derzeit zu beobachtenden Prozesses erfordert vielmehr den Übergang von einer einzigen, alles beherrschenden Form schriftkultureller Bildung zu einer Vielfalt höchst anpassungsfähiger Zeichensysteme. Diese Anpassungsfähigkeit drückt sich in den erforderlichen neuen Kompetenzen aus. Auch sollten wir uns um ein Verständnis der integrativen Prozesse bemühen, damit sich die individuellen Fähigkeiten und Leistungen in einem durch extreme Arbeitsteilung und Spezialisierung gekennzeichneten Rahmen der menschlichen Identitätsfindung optimal entfalten können. Wenn Sehen gleichbedeutend mit Glauben ist, dann ist das Glauben all dessen, was wir heutzutage zu sehen bekommen, eine Angelegenheit, auf die wir letztendlich nur schlecht vorbereitet sind.

Kapitel 2:

Der professionelle Sieger

Die Bezüge zwischen Sport und Schriftkultur sind alles andere als offensichtlich. Das Zuschauen bei einer Sportveranstaltung setzt keine sonderliche Bildung voraus, und um in einer sportlichen Disziplin oder einer Mannschaft ein Star zu werden, bedarf es keiner besonderen Lese- und Schreibfähigkeiten. Die mit Sport verbundenen Tätigkeiten und Abläufe gehören zu unserem alltäglichen körperlichen Repertoire und bildeten einstmals die Grundlage für die primitiven Überlebenstechniken. Auch die auf körperliche Leistungsfähigkeit bezogenen magisch-mythischen Rituale können ohne Rekurs auf mündliche oder schriftliche Sprachlichkeit erklärt werden. Außergewöhnliche physische Fähigkeiten wurden und werden noch heute in einigen Kulturen als Ausdruck von Kräften gedeutet, die sich unserer direkten Kontrolle und unserem Verständnis entziehen. Götterverehrung nahm oft die Form außergewöhnlicher körperlicher Leistung an; in archaischen Kulturen wurden Athleten als Dankesopfer dargebracht, weil das Beste den Göttern zum Wohlgefallen diente.

Frühe Formen dessen, was später Sport genannt wurde, fielen zeitlich mit der Entwicklung jener Zeichensysteme (Gesten, Laute, Formen) zusammen, die schließlich zur Schrift führten. Es war eine synkretistische Entwicklungsphase, in der das Physische den Intellekt beherrschte. Das Laufen bei der Jagd und das Laufen als Spiel sind zwei gänzlich verschiedene Erfahrungsformen, die unterschiedlichen pragmatischen Kontexten angehören, sie verfolgen unterschiedliche Zwecke und zeitigen unterschiedliche Ergebnisse. Zwischen diesen Erfahrungsformen liegen etwa 20000 Jahre. Der in einem Wettkampf ausgedrückte Grad der Abstraktion und Verallgemeinerung setzte Selbsterfahrungen voraus, in denen sich das Verhältnis vom Physischen zum Geistigen radikal veränderte. Die Bezeichnung Sport entwickelte sich vermutlich in dem lebenspraktischen Rahmen, in dem sich die Trennung von säkularen und nicht-säkularen Formen der Lebenspraxis vollzog. Die Pflege und Ausbildung der biologischen Anlagen und magisch-mythische Praktiken beruhten beide auf der Einsicht in die besondere Bedeutung des Körpers und in die Notwendigkeit, diese Einsicht allgemein zu verbreiten. Die beherrschende Antriebskraft war auch hier die Effizienz, nicht als solche bewußt gemacht, nicht begrifflich gefaßt, aber anerkannt im Körperkult und in dem Bemühen, diesen zum Teil der allgemeinen Kultur zu machen. Wettkampf (griechisch athlos) und Preis (griechisch athlon, woraus sich der Begriff Athlet ergab) sind Verallgemeinerungen jener lebenspraktischen Situationen, die Überleben und Wohlergehen befördert hatten.

Sport ist eine komplexe Erfahrung mit rationalen und irrationalen Komponenten, die im Verhältnis von Sport und Schriftkultur beide eine Rolle spielen. Wir wollen uns die Entwicklung anschauen, die den Sport in seiner heutigen Form hat entstehen lassen: einerseits ein Freizeit- und Entspannungsphänomen, andererseits eine hochkompetitive Form der Arbeit, die wie jedes andere Produkt menschlicher Arbeit auf dem Markt gehandelt wird.

Die Verbindung zwischen dem Ergebnis körperlicher Arbeit und körperlicher Leistungsfähigkeit stellte sich im Zusammenhang einer sehr begrenzten, aber stark strukturierten Tätigkeit ein. Sie wurde schnell zum Maßstab des Überlebenserfolgs, und so drückt sich die Rationalität einer Lebensgemeinschaft, für die das Überleben der Tüchtigsten zur alltäglichen Erfahrung gehört, im Prinzip des Wettkampfs und der Konkurrenz aus. Athleten fanden sich zum Wettkampf ein, um den Göttern wohlgefällig zu sein, um Fruchtbarkeit, Regen oder ein längeres Leben zu erflehen oder Dämonen zu vertreiben. Viele Petroglyphen und frühe Schriftdokumente heben die Rolle des Stärkeren, Schnelleren und Geschickteren heraus. Alle Kulturen haben Hinweise darauf überliefert, daß das Körperliche und dessen besonderer symbolischer Status eine wichtige Rolle gespielt haben.

Die Einsicht, daß einige biologische Merkmale des Menschen seine Überlebenschancen erhöhten, führte auch zum Verständnis der Rationalität des Körpers. Die Einbindung dieser Rationalität in eine Kultur des Körperbewußtseins führte zu praktischen Erfahrungen der Selbstentfaltung, die schließlich im Profisport ihren vorläufigen Endpunkt fand. Ein irrationales Element liegt darin, daß alle Männer und Frauen zwar struktural gleich, manche aber dennoch physisch vorteilhafter ausgestattet sind. Wie bei allen anderen Formen der Identitätsfindung wurde auch hier das Unerklärbare einem Erklärungsbereich zugewiesen, der jeglicher Rationalität entbehrt. Deshalb werden Bitten um Regen und Gesundheit oder das Vertreiben böser Geister mit sportlicher Tätigkeit verknüpft. Der Kult des Körpers, besonders bestimmter Körperteile, ergab sich aus Erfahrungen des Menschen, die zum Bewußtsein seiner selbst führten. Als Körper und Körperteile Selbstzweck wurden, stand die Rationalität körperlicher Leistungsfähigkeit zu Überlebenszwecken zu anderen, jenseits individuellen oder kollektiven Wohlergehens liegenden Gründen im Widerspruch. Ritual und Mythos, Religion und Politik nahmen sich dieser irrationalen Komponenten an. In frühgeschichtlichen Kulturen, in denen die Kenntnis körperlicher Phänomene noch nicht sonderlich ausgeprägt war, wurde von der physischen Leistungskraft der wettstreitenden Athleten auf das zukünftige Wohlergehen der ganzen Gesellschaft geschlossen.

Müssen wir in einem Zusammenhang, in dem das Überleben der Tüchtigsten an körperliche Leistungsstärke gebunden war, von der Vorstellung ausgehen, daß ein Kämpfer ähnlich einem allein lebenden Tier, das sich den anderen nur zu Paarungszwecken anschließt, allein auf sich gestellt aus der Menge herausragt und sich nur dem Kampf stellt, um zu töten oder getötet zu werden? Wohl nicht. Der Mensch hat sich stets in kooperativen Formen entfaltet, wie primitiv sie ursprünglich auch waren. Bis zu einer bestimmten Skala ging der Kampf immer nur ums Überleben, er setzte sich um in Nahrungssuche und Fortpflanzung. Erst als die Landbewirtschaftung mehr Nahrung als unmittelbar benötigt produzierte, verlagerte sich der Kampf vom Überlebenskampf zur Selbstbestätigung im Wettkampf. Wettkampf und Leistungserwartung fielen mit den Anfängen der Schrift zusammen und wurden dann zunehmend als Teil des kommunalen Lebens begriffen. Jede weitere Veränderung des menschlichen Daseins führte zu entsprechend veränderten Erwartungen an die körperliche Leistungskraft, die den jeweiligen Effizienzerwartungen entsprachen.

Sport und Selbstkonstituierung

Gymnastik als Körperkultur steht auch im Zusammenhang mit der Entwicklung der Kunst. Sie ist nicht nur zufällige Abfolge von Bewegungsübungen, sondern hat physische und metaphysische Dimensionen; letztere haben zu tun mit der Suche nach idealen Proportionen, die in philosophischen Zusammenhängen gesucht und ausformuliert wurden.

Entsprechend der Grundthese dieses Buches, daß sich die Menschheitsentwicklung als fortschreitende Selbstkonstituierung in praktischen Lebenszusammenhängen vollzieht, ist auch Sport keine reflexive, sondern eine konstitutive Erfahrung. In der Ausübung sportlicher Tätigkeiten entfalten die Menschen ihre körperlichen Eigenschaften und deren Koordinierung. Diese Entfaltung gehört zur Identitätsfindung und damit auch zur Eingliederung in eine interaktive Gruppe Gleichgesinnter. Die Forschung führt die Anfänge des Sports im wesentlichen auf Überlebenstechniken zurück und stellt ihn damit in den Zusammenhang der Darwinschen Evolutionstheorie. Aus der Perspektive eines Joggers erweist sich der Dauerlauf aber eher als eine sehr persönliche, individuelle Erfahrung. Grundsätzlich ist aber auch das Laufen eine gemeinschaftliche Angelegenheit von Menschen, die der körperlichen Ertüchtigung einen bestimmten Wert und soziale, kulturelle, wirtschaftliche und medizinische Bedeutung beimessen. Wir schaffen uns nicht nur durch Dichtung, Landbewirtschaftung oder die Herstellung von Maschinen, sondern auch durch sportliche Tätigkeit. Der Sport besitzt wie die anderen praktischen Erfahrungen natürliche, kulturelle und soziale Dimensionen, die beim Erlebnis eines Sportereignisses zusammmentreffen. Das Zusammenspiel der verschiedenen Dimensionen kann Gegenstand eines Berichts werden: die Erklärung der Leistung durch Training, Veranlagung, durch soziale Bedingungen (Stolz, Ehrgeiz, Patriotismus). Vielen erscheint die Bedeutung eines Sportereignisses daher auch nicht in der diesem Ereignis jeweils eigenen Dynamik und dem speziellen Ablauf des einzelnen Wettkampfs, sondern als vorbestimmt, wie in den magisch-mythischen Körperkulten ja auch diese Bedeutung den gesamten Vorgang bestimmte. Dem Verlauf eines Fußall- oder Hockeyspiels wird man diese Bedeutung nicht mehr direkt ablesen können. Sie sind zu spezialisiert und stellen nichts dar als sich selbst. Aber ein Spiel kann doch auch andere Funktionen zugewiesen bekommen und statt eines nach bestimmten Regeln ablaufenden Wettkampfes zu einem Nervenkrieg, zur Darstellung von Gewalt, Nationalstolz oder zu reinem Exhibitionismus degenerieren.

Trotz identischer körperlicher Anlagen der Menschen hat der Sport in unterschiedlichen Kulturen doch unterschiedliche Formen und Bedeutungen angenommen. Ich habe dabei nicht die Freudsche oder marxistische Theorie des Sports im Auge oder Huizingas Homo ludens. Ich erkläre die Unterschiede viel mehr aus den unterschiedlichen Kontexten, in denen sie sich wie jede andere Form menschlicher Erfahrung entwickelt haben, also aus einer pragmatischen Perspektive. Wenn ein Japaner in einem Kemari genannten Spiel gegen einen Ball tritt, dann hat das mit Fußball wenig zu tun. Wenn ein buddhistischer Bogenschütze den Bogen spannt, dann ist dieser Ablauf, in dem das Verlangen nach Einheit mit der Welt zum Ausdruck kommt, ein anderer als beim Bogenschießen afrikanischer Stämme oder beim Bogenwettkampf der antiken Olympischen Spiele. Viele Beispiele könnten dies ergänzen. Vielleicht sollten wir uns die Bewegungsabläufe jüngerer, nicht aus dem Symbolismus vergangener Zeiten hervorgegangener Sportarten wie Baseball, Wassergymnastik oder Eistanz anschauen, um zu sehen, welche Aspekte menschlicher Tätigkeit jeweils in sie eingegangen sind und welche Erfahrungsformen sie für die Beteiligten ergeben. Überraschend ist vor allem die Vielfalt. Die menschliche Phantasie ersinnt immer wieder neue Wettkämpfe, in denen Sportler ihre körperliche Leistungsfähigkeit messen können. Ebenfalls wenig überraschend ist die Tatsache, daß sie alle dabei bestimmte Regeln befolgen, Spielregeln oder auch solche der äußeren Erscheinung (Kleiderregeln u. ä.). Neben solchen standardisierten Erfahrungsmustern findet sich auch eine von diesem Standard abweichende Praxis in Form von individuellen Regeln, ad-hocKonventionen und privaten Wettkämpfen. Die soziale und die private Ebene des Sports hängen lose zusammen. Als Profisportler muß man die Regeln der standardisierten Erfahrung in bestimmten Organisationsformen oder in anerkannten Wettkämpfen befolgen. Im übrigen befindet sich derjenige, der einem Beruf im sportlichen Bereich nachgeht, in einer ganz ähnlichen Situation. Hier ist die Schriftkultur das Medium, das die Regeln faßt.

Sprache und körperliche Leistung

Uns interessiert nicht die Ähnlichkeit zwischen, sondern der Zusammenhang von Sport und Sprache. Ein offensichtlicher Zusammenhang besteht darin, daß wir die Sprache zur Beschreibung von Sportereignissen und deren Bedeutung verwenden. Das heißt nicht, daß es ohne Sprache keinen Sport gäbe. Sport wurde zum Teil des gesellschaftlichen Lebens, als sich Schriftsprachen herausbildeten. Genügend visuelle Darstellungen (Petroglyphen und später Hieroglyphen) deuten darauf hin, daß nicht nur die körperliche Tätigkeit und die dazugehörige Übung als solche (z. B. die Jagd nach wilden Tieren) beachtet, sondern die körperlich Tüchtigen auf besondere Weise herausgehoben und behandelt wurden--im Grabmal des ägyptischen Pharao Beni Hasan ist der Ringkampf in allen seinen Varianten abgebildet.

Die Bewegungsmuster des Ballspiels im Kemari und die Muster der Sprachverwendung im selben Kulturkreis hängen nicht unmittelbar zusammen. Aber das Spiel ist durch ein Konfigurationsprinzip gekennzeichnet: Zweck des Spiels ist es, den Ball so lange wie möglich in der Luft zu halten. Fußball, auch das amerikanische football, ist sequentieller Natur: Ziel des Spiels ist es, mehr Tore als der Gegner zu erzielen. Im Kemari ist das Spielfeld durch vier verschiedene Bäume markiert: Weide, Kirsche, Pinie und Ahorn. Beim Fußball sind die Spielfeldgrenzen künstlich gezogen, außerhalb derer die Spielregeln sinnlos wären. Auch die Sprachen beider Kulturkreise sind durch unterschiedliche Strukturen gekennzeichnet, die unterschiedlichen Erfahrungszusammenhängen entsprechen.

Die ihnen jeweils innewohnende Logik beeinflußt offenbar die Logik der Sportart. Kemari ist nicht nur nicht-prädikativ und konfigurativ, sondern vom Prinzip des amé beherrscht, das den Zusammenhang der Dinge betont. Fußball und football sind analytische Planungsspiele, Texte, deren Endpunkt das erzielte Tor oder der touchdown ist. Die Mentalität, also der Ausdruck, den eine praktische Erfahrung in bestimmten musterhaften Erwartungen findet, spielt im Sport also ebenfalls keine geringe Rolle.