Jenseits der Schriftkultur — Band 4
Part 17
Heute verfügt das Militär über die ausgeklügeltsten Technologien, die je entwikkelt wurden. Gleichzeitig beklagt die Öffentlichkeit den geringen Bildungsstand der Truppen. Das gilt wohl weniger für die Befehlsebene als für die eingezogenen jungen Soldaten. Armeen unterweisen die Rekrutierten im Umgang mit Waffen, von denen die meisten für Schriftunkundige entwickelt wurden, und im Lesen und Schreiben. Letzteres festigt wohldosiert Ideologie, Religion, Geschichte, Geographie, Psychologie und Sexualverhalten. Die Situation ist paradox: Die heutigen militärischen Anforderungsprofile--moderne Technologie, Aufgabenverteilung, Netzwerke und verteilte Verantwortung--stehen im Konflikt mit den traditionellen militärischen Tugenden--klare Befehlsstruktur, Hierarchie, Autorität und Disziplin. Die technologischen Mittel, die die Schriftkultur überflüssig machen, sind offenbar willkommen, aber ihre Auswirkungen auf die Beschaffenheit des Menschen erscheinen besorgniserregend.
Ein schriftgebildeter Soldat kann natürlich besser indoktriniert und den Regeln und Zwängen unterworfen werden. Aber das Gesicht des Krieges hat sich verändert: für die schnellen Abläufe ist das Lesen--von Anweisungen, Befehlen, Botschaften--unzureichend, ja sogar gefährlich. Um Ziele anzuvisieren, die sich mit enormer Geschwindigkeit nähern, benötigt man die Mittlerdienste des digitalen Auges. Konflikte sind heute so segmentiert wie die Welt insgesamt, erkennbare Grenzen zwischen Gut und Böse bestehen nicht mehr. Angesichts der komplexen Dynamik heutiger Konflikte ist eine zentralistisch organisierte militärische Praxis mit Autoritäts- und Hierarchiestrukturen kontraproduktiv.
Der Vietnamkrieg ist hierfür ein dienliches Beispiel. Befehle wurden von oben an die Truppen weitergegeben, über Truppenführer, die für die Kriegsführung in Vietnam nicht ausgebildet waren. Sogar der Präsident der Vereinigten Staaten schaltete sich ein, allzu oft mit Entscheidungen, die den Kriegsverlauf negativ beeinflußten. Die USA vergaßen die Lehren ihrer eigenen Geschichte, indem sie die in der Schriftkultur entwickelte europäische Kriegsführung für den illiteraten Dschungelkrieg übernahmen. Später veröffentlichte Memoiren (etwas die von Robert MacNamara) decken auf, wie das in Regierung und Militär verkörperte schriftkulturelle Paradigma der Öffentlichkeit wichtige Informationen vorenthielt, die rückblickend den Verlust so vieler Menschenleben sinnlos machen.
Der Luxus einer großen Armee und die Kosten für lange militärische Ausbildungszeiten gehören einer überholten Lebenspraxis an. Ein Soldat auf Lebenszeit ist ein Anachronismus. Die Kriegswirklichkeit verändert sich mit der Geschwindigkeit, in der neue Waffensysteme entwickelt werden. Die neue Skala des Menschen verlangt nach globaler Effizienz, die wir nicht erreichen, wenn wir produktive Kräfte von produktiven Erfahrungen fernhalten. Vor dem war das Militär eine von der Gesellschaft abgetrennte Institution. Unser neues Entwicklungsstadium hat das Militär wieder in das Netz von gemeinsamen Aufgaben und Funktionen innerhalb einer hocheffizienten Lebenspraxis eingebunden. Zwischen dem mittelalterlichen Krieger in voller Rüstung und dem heutigen Soldaten in Alltagskleidung--der oft eine wissenschaftliche oder technische Ausbildung hinter sich hat--liegen nicht nur mehr als 500 Jahre, sondern vor allem neue Formen der Selbstkonstituierung und Identitätsfindung. Zwischen dem Schwefeldampf, der vor zweitausend Jahren in der Schlacht von Delium eingesetzt wurde, und der Bedrohung durch chemische und biologische Waffen im Golfkrieg besteht ein oberflächlicher Zusammenhang. Das Wissen, das in die Herstellung neuer chemischer und biologischer Verfahren für eine hocheffiziente Landwirtschaft und für Lebensmittelbearbeitung eingeht, dient auch bei der Herstellung chemischer und biologischer Massenvernichtungswaffen. Die Gentechnik und äußerst komplexe digitale Mittel und Methoden definieren die Grenzen unserer Möglichkeiten neu.
Das ist weder eine Befürwortung effizienter Armeen, die wir bei Naturkatastrophen dringend benötigen, noch eine Apologie von Vernichtungskriegen, was und wer auch immer sie rechtfertigen mag. Wenn es dennoch so klingt, dann liegt das daran, daß die schriftliche Beschreibung des strukturellen Hintergrunds, vor dem sich die militärische Praxis abspielt, den Stempel schriftkultureller Praxis trägt. Das Militär hat mittlerweile erkannt, daß es unsinnig wäre, schriftkulturelle Bildung als Koordinierungsmittel für militärische Aufgaben wiederzubeleben. Denn sie ist kaum geeignet, im Zusammenhang der hochentwickelten Rüstungstechnologie optimale Leistungen zu erzielen. Auch eignet sie sich kaum dazu, Kriege zu verhindern. Der in der Schriftkultur gebildete Mensch erwies sich als ebensolche Kriegsbestie wie der zwangsweise eingezogene Soldat oder der Söldner, wenn er diese nicht sogar an Bestialität übertraf. Die fast 2 Millionen Kinder, alle Analphabeten, die als Söldner in Asien oder Afrika dienen, sind Teil der gleichen Realität, die ich hier beschreibe.
Die heutige Rüstungsforschung versucht, den Menschen aus der direkten kriegerischen Konfrontation heraus zu halten. Nichts beeinflußt die öffentliche Meinung bei militärischen Einsätzen mehr als Leichensäcke. Sie verderben den Spaß am Spiel mit teuren Raketen, der auch der Grund dafür war, daß man den Golfkrieg "Nintendo-Krieg" genannt hat. Raketen erfreuen sich bei den Netoyens trotz ihrer Zurückhaltung gegenüber militärischen Einsätzen größerer Beliebtheit. Hocheffiziente, digital programmierte Systeme haben einen anderen Bezug zu Raum und Zeit als die Menschen. Das verleiht den digitalen Kriegsmaschinen und genetischen Waffen einen besonderen Vorteil bezüglich der notwendigen Koordination. Die Zeit ist auf eine Weise segmentiert, die sich der menschlichen Wahrnehmung und Kontrolle entzieht; der Raum erweitert sich zu Dimensionen jenseits der menschlichen Vorstellung und Kontrolle. Wesentliche Teile der Kriegsmaschinerie operieren im All mit äußerst zeitempfindlichen Geräten. Die Strategic Defense Initiative (S.D.I., Star wars genannt) ist das bekannteste, obwohl inzwischen schon wieder vergessene, Beispiel. Relativ triviale Systeme, wie sie zur Orientierung der Truppen in der Wüste dienten, sind dabei schon Routine. Die Ausdruckskraft, die wir aufwenden müssen, um Motivationen zu steigern und der Irrationalität einen Anschein von Rationalität zu verleihen, steht im krassen Gegensatz zu der Geschwindigkeit und Präzision, die zur Umsetzung der taktischen und strategischen Pläne entscheidend sind. Die Koordination solcher Informationssystem-Maschinen kann nicht auf eine Sprache zurückgreifen, die für diese dynamischen Abläufe weder präzise noch schnell genug ist. Bei der Überschallgeschwindigkeit von Flugzeugen, Raketen und Satelliten würde ein Soldat, wenn er ein Ziel ortet, für das Auslösen einer Waffe keine Zeit mehr haben--vom Warten auf einen Feuerbefehl ganz zu schweigen.
Selbst die Wartung dieser komplexen Kriegsmaschinerie kann mit Mitteln der Schrift nicht mehr geleistet werden. Das elektronische Buch gehört daher im militärischen Bereich zum Alltag. Dieses Buch speichert die Beschreibung eines Gerätes digital. Wenn wir den Inhalt eines solchen für Flugzeuge oder Waffensysteme an Flugzeugen und Schiffen funktionswichtigen Buches in einem konventionellen gedruckten Handbuch unterbringen wollten, würde das bloße Gewicht der Bedienungsanleitung das Flugzeug startunfähig machen. Jede Veränderung im System würde den Neudruck Tausender von Seiten erfordern. Als elektronische Version ist das Buch eine Sammlung von computerbearbeiteten Daten, die auf Wunsch visualisiert werden und so programmiert sind, daß man jedes Problem und die dazugehörige Lösung schnell und einfach ab-sehen kann--also gewissermaßen idiotensicher. Dieses Buch hat keine Seiten im üblichen Sinn; es erstellt jede Seite je nach konkretem Wartungs- oder Reparaturbedarf. Das elektronische Buch wendet sich an eine andere Leserschaft. Sie besteht aus visuellen Lesern, die wissen, wie man bildliche Anweisungen ausführt. Dabei werden sie vom System überwacht und verlassen sich auf dessen Feedback. Das Paradigma sich selbst bedienender und reparierender Maschinen (eine von John von Neumann entwickelte Idee) ist längst Wirklichkeit geworden.
Das elektronische Buch--das weit über den militärischen Anwendungsbereich hinausgeht--ist eines von vielen Beispielen dafür, wie veraltet unsere gute alte Schriftkultur ist. Über (drahtgebundene oder drahtlose) Netze aufgebaute elektronische Bücher unterstützen eine Vielfalt kooperativer Unternehmungen. Die militärische Praxis macht sich solche Aktivitäten zunutze. Entscheidend für derartige Kooperation ist der Zugang zu Ressourcen und zu einer unbegrenzten Zahl möglicher Interaktionen. Die in den elektronischen Büchern verwendeten Digitalformate dienen als Medium für die Übermittlung und das Verstehen von gemeinsamen Zielen.
Die vermutlich einzige militärspezifische Komponente, die aus der früheren militärischen Praxis übernommen wurde, ist die Unterordnung des Individuums unter das militärische Ziel. Aber auch diese Unterordnung folgt nicht mehr dem zentralistischen und hierarchischen Modell der Schriftkultur. Von jedem einzelnen Soldaten wird heute eine stärkere Eigeninitiative verlangt. Dieses Ansinnen drückt sich vornehmlich in den verschiedenen Ausdrucks- und Kommunikationsmitteln aus.
Die heutige Technologie macht es möglich, mit großer Geschwindigkeit auf niedriger Höhe zu fliegen, aber die dem Menschen gesetzten biologischen Grenzen lassen dies für den Piloten zu einer großen Gefahr werden. Ab einer gewissen Geschwindigkeit kann der Mensch seine Bewegungen nicht mehr koordinieren, was das Fliegen auf niedriger Höhe zu einer selbstmörderischen Angelegenheit macht. Aber auch Selbstmord ist keine Antwort auf Radargeräte des Feindes, denn es gibt keine Worte, die den Piloten auf einen von Hitzedetektoren geleiteten Flugkörper aufmerksam machen könnten. Folglich verändern die vielen Sprachen, die die Maschinen lenken, und Sichtvorrichtungen mit Detektionsfähigkeiten die menschliche Beteiligung bei kriegerischen Einsätzen. Für diese Sprachen spielt die Schriftsprache eine völlig untergeordnete Rolle.
Ich führe diese Beispiele--die im Vergleich zum Nintendo-Krieg, den wir vor einigen Jahren auf unseren Fernsehgeräten verfolgen konnten, rudimentär sind--als jemand an, der an das Leben, den Frieden und an die Verständigung zwischen den Menschen glaubt; aber auch als jemand, der beobachtet, wie sich in einem der sprachabhängigsten Bereiche menschlicher Interaktion und Tätigkeit Sprache, Schrift und schriftkulturelle Bildung zunehmend erübrigen. Wie alles, was sich von Schrift und Schriftkultur löste, wurde auch die militärische Praxis entmenschlicht. Für den militärischen Bereich ist diese Konsequenz sehr begrüßenswert. Wir lassen Maschinen gegen Maschinen kämpfen und sich gegenseitig töten. Wir machen aus dem Krieg einen Krieg der Gene und der Genmanipulation, der neuronalen Netze und der maschinellen Intelligenz, des intelligenten Datenbank-Managements und vernetzter, verteilter Aufgaben. Wie bereits in den Fabriken und den Büros wird der Mensch in der militärischen Praxis von Programmen ersetzt, die durch ein Wissen betrieben werden, das nicht durch Schrift und Schriftkultur vermittelt wird. Die neuen Sprachen der Rüstungstechnologie verändern die Struktur militärischer Tätigkeit und die Rolle, die die Sprache dabei spielt. Daß Computerspiele mit Flug- und Kampfsimulationen im Grunde nichts anderes sind als die Präzisions- und Zerstörungssysteme des Golfkriegs, brauchen wir hier nicht noch einmal zu wiederholen. Aber daß diejenigen, die solche Spiele spielen, sich Fähigkeiten aneignen, die wir von Jet-Piloten und den Betreibern dieser äußerst produktiven Technologie erwarten, verdient Beachtung und sollte uns nachdenklich stimmen.
Können Waffen sprechen, schreiben und lesen? Verstehen sie die Sprache des Offiziers, der entscheidet, wann sie abgefeuert werden sollen? Kann ein intelligentes Waffensystem kompetent darüber entscheiden, ob ein Ziel tatsächlich vernichtet werden soll, obwohl die gegebenen Umstände eine Zerstörung aus moralischen Gründen verbieten würden? Können genetische Methoden der Feindvernichtung ethischen Kriterien standhalten? Ich stelle diese Fragen--die alle nur mit einem Nein beantwortet werden können--mit Bedacht. In ihrer schriftkulturellen Ausprägung beruht die militärische Praxis auf Befehl und Gehorsam, wofür wir die Sprache benötigen. Das stellt uns vor einen unlösbaren Widerspruch. Die nicht-militärische Praxis wird zunehmend von vielen Spezialsprachen vermittelt und in einem umfassenden Netz verteilter Aufgaben synchronisiert. Wenn die militärische Praxis weiterhin auf der Schriftlichkeit beruhen würde, hieße das, unterschiedliche Strukturen der Lebenspraxis zu pflegen und Ziele mit ungleicher Effizienz zu verfolgen. Noch immer spiegeln sich schriftkulturelle Prinzipien in den hierarchischen und zentralistischen Strukturen des Militärs wider (in den Vereinigten Staaten ist wie in vielen anderen Ländern der Präsident der Oberbefehlshaber der Armee). Andererseits erfordert die Effizienzerwartung nicht-hierarchische Strukturen mit eigener Kompetenz, die die Koordination und Kooperation innerhalb eines großen Netzes mit verschiedenen Aufgaben garantiert. Die partielle Schriftlichkeit des Militärs formuliert heute die neuen militärischen Ziele und Aufgaben, wie zum Beispiel die Umsiedlung von Flüchtlingen oder die Unterstützung von Opfern einer Naturkatastrophe. Die kleineren, guerillaartigen Kriege, mit denen der internationale Terrorismus seine Ziele durchsetzen will, haben zu kleinen Armeen mit hervorragend ausgebildeten Spezialisten geführt, die die Zivilbevölkerung schützen. Terroristische Anschläge sind ein globales Phänomen, aber im Gegensatz zu den kleinen Kriegen des Mittelalters respektiert der analphabete Terrorist oder das bewaffnete Kind, das zum Kampf gezwungen ist, keine Regeln und erkennt keine übergeordnete Autorität an.
Blicke, die töten können
Kleiner, besser einsetzbar, so effizient wie möglich--das sind die Merkmale der neuen Waffen, die auf der Wunschliste fast jeder Armee der Welt stehen. Die Verteidigungsexperten haben die Forschungs- und Entwicklungsziele spezifischer formuliert. Im folgenden sind einige davon, die allesamt bald veraltet sein werden, aufgeführt: * Weltweit und unter allen Wetterbedingungen einsetzbare Kräfte für begrenzte Kriegsführung, die keinen Hauptstützpunkt benötigen; einschließlich einer Einheit, die 30 Tage lang logistisch unabhängig ist; * Das Aufspüren von strategisch beweglichen Zielen; * Globale Befehlskontrolle, Kommunikation und Aufklärungsausrüstung (C3I), für die Überwachung ausgewählter Territorien und Informationsübermittlung in Echt-Zeit an Befehlsstellen; * Waffensysteme, die der Feind nicht anvisieren kann und die die feindlichen Abwehrmaßnahmen durch Einsatz von digitalen Signaturen und elektronischen Systemen überwinden; * Überlegene Luftverteidigungssysteme; * Waffen, die ihre Ziele selbständig erfassen, klassifizieren, verfolgen und zerstören; * Reduzierung der Operations- und Nachschubressourcen um 50%, ohne die Einsatzfähigkeit zu beeinträchtigen. Alles, was man dazu sagen kann, ist, daß in dieser militärischer Effizienz alle Merkmale der Zivilisation jenseits der Schriftkultur zum Ausdruck kommen: Globalität, Vernetzung, offene Ziele und Motivationen, verminderte menschliche Beteiligung und viele partielle Sondersprachen. Der fragwürdige Aspekt dabei ist die Dauerhaftigkeit der Institution des Militärs, die vermutlich das widerstandsfähigste Vermächtnis der Schriftkultur ist. Die Technologie jenseits der Schriftkultur verlangt, daß wir die Abstraktionen (die Sprache, den genetischen Code) beherrschen, die sie vorantreiben, ebenso wie die mit dieser Sprache verbundenen partiellen Spezialbildungen, die der militärischen wie jeder anderen Praxis zugehört. Die partielle Spezialbildung der militärischen Praxis bestimmt ihren Handlungsspielraum und die Interpretation ihrer Handlungen. Daher ist es zum Beispiel auch wichtig, daß Abrüstungsverträge nicht ohne diese militärische Spezialsprache, d. h. ohne Militärexperten, die wir mit diesen Verträgen aus ihren Aufgaben entlassen wollen, formuliert werden. Ein jeder dieser Verträge führt dazu, daß ein Teil dieser Rüstungssprache und der damit verbundenen Technologien ausrangiert wird oder doch zumindest an Bedeutung verliert; wie ein jeder Vertrag natürlich auch neue Wege für erhöhte militärische Effizienz eröffnet.
In der neuen militärischen Praxis geraten Technologien und die damit verbundenen militärischen Spezialsprachen in eine Konfrontation. Wenn wir also heute darüber nachdenken, welche Befehle ein Offizier erteilt, ob eine Waffe diese Befehle versteht usw., dann bedeutet das, daß wir das Militär aus einem Blickwinkel betrachten, der aus jener Zivilisationsphase stammt, von der das Militär sich zunehmend absetzt. Künstliche Augen (Radar, Sichtsysteme), Geruchsdetektoren, berührungsempfindliche Vorrichtungen, Geschwindigkeitssensoren und viele andere digitale Instrumente entziehen den Menschen der direkten kriegerischen Konfrontation und eliminieren den Tod als mathematische Größe in der Formel des Krieges. Wer Photos aus vorangegangenen Kriegen neben die Trickbilder von Computerspielen hält, vergleicht eine Daseinsform, die durch direkte Konfrontation und durch die Erfahrung begrenzter Lebensbedingungen gekennzeichnet ist, mit einer Daseinsform, die aus vermittelten Wirklichkeitserfahrungen besteht. Der von Leuchtspurgeschossen aufgehellte Himmel, die unheimlichen, an Videospiele erinnernden Vorgänger, die durch entfernt plazierte Kameras beobachteten Ziele scheinen einem ganz anderen Bereich als dem der Zerstörung und des Blutvergießens anzugehören, wo es noch moralische Bedenken gegeben hat. Die Erwartung ist pragmatisch, der Maßstab ist die Effizienz.
Die Gründe für das Überleben der Institution des Militärs in ihrer schriftkulturellen Struktur und der Mangel an Verständnis dafür, was Schriftlichkeit und Schriftkultur im pragmatischen Rahmen der heutigen Globalität überflüssig machten, sind nicht identisch. Ersteres erklärt sich aus der immensen Trägheit eines riesigen Apparates; letzteres daraus, daß wir uns als Produkte einer auf Schriftkultur gründenden Erziehung und Bildung nicht so ohne weiteres von uns selbst distanzieren können. Einen derart fundamentalen Umbruch zu verstehen und zu akzeptieren, ist nicht leicht. Universitäten, Bastionen der Schriftkultur, die die illiterate Rüstungstechnologie entwickeln, befinden sich in dem Dilemma, entweder ihre Identität zu verleugnen oder Agenzien einer Zivilisation jenseits der Schriftkultur zu werden. Sie halten unverbrüchlich am Ideal der Schriftkultur und damit auch an dem der Verteidigung und Abschrekkung fest, die ja ihrerseits den schriftkulturellen Wert der Nationalgrenze widerspiegelt; denn wir haben noch nicht gelernt, mit einer Dynamik des Umbruchs umzugehen, die sich nicht aus militärischen, sondern aus sozioökonomischen Bedürfnissen ergibt. Die politische Landkarte hat sich in den vergangenen Jahren drastisch verändert. Die Gründe hierfür sind in jenen Faktoren zu sehen, die den pragmatischen Kontext unserer Lebenspraxis im Rahmen der heute erreichten Skala verändert haben. Globalität ist kein Traum, kein politisches Ziel, kein utopisches Projekt mehr. Globalität ist eine aus dieser neuen Skala erwachsende Notwendigkeit.
Literaturhinweise
Edwin A. Abbot. Flatland. A Romance of Many Dimensions. By a Square. Sybil de Acevedo. Auguste Comte: Qui êtes-vous? Lyons: La Manufacture, 1988.
Ansel Easton Adams. Polaroid Land Photography. 1st edition, revised. Boston: New York Graphic Society, 1978.
Craig E. Aronoff, Editor. Business and the Media. Santa Monica CA: Goodyear Publishing Corp., 1979.
Isaac Asimov. Asimovs Biographical Encyclopedia of Science and Technology. The Lives and Achievements of 1195 Great Scientists from Ancient Times to the Present. Garden City NY: Doubleday, 1972.
William Aspray and Arthur Burks, Editors. Papers of John von Neumann on Computing and Computer Theory. Cambridge MA: MIT Press; Los Angeles: Tomash Publishers, 1987. Charles Babbage Institute Reprint Series for the History of Computing, vol. 12.
Jackson E. Atlee. Perspectives of Non-Linear Dynamics. Cambridge/New York: Cambridge University Press, 1990.
Fred R. Barnard. One look is worth a thousand words, in Printers Ink, 1921.
Roland Barthes. Leçon., Paris: Editions du Seuil, 1978.
Jacques Barzun. The Forgotten Conditions of Teaching and Learning (Morris Philipson, Editor). Chicago: The University of Chicago Press, 1991.
Jean Baudrillard. Simulations. Trans. Paul Foss, Paul Patton, Philip Beitchman. New York: Semiotext(e), 1983.
Baudrillard. Amérique. Paris: Grasset, 1986.
Baudrillard. America. Chris Turner, London/New York: Verso, 1988.
Gerd Baumann, Editor. The Written Word: Literacy in Transition. New York: Oxford University Press, 1986.
Frank E. Beaver. On Film: A History of the Motion Picture. New York: McGraw Hill, 1983.
Red. B. Beier, U. Heckel, G. Richter. 9 November 1989: Der Tag der Deutschen. Hamburg: Carlsen, 1989.
Catherine Bell. Ritual Theory, Ritual Practice. New York: Oxford University Press, 1992.
Peter S. Bellwood. Prehistory in the Indo-Malaysian Archipelago. Orlando FL: Academic Press, 1985.
Peter Bellwood. The Austronesian Dispersal and the Origin of Languages, in Scientific American, July, 1991, pp. 88-93.
John W. Bender, Editor. The Current State of the Coherence Theory. Critical Essays on the Epistemic Theories of Keith Lehrer and Laurence Bon Jour, with Replies. Dordrecht/Boston: Kluwer Academic Publishers, 1989.
Gottfried Benn. Sämtliche Werke. (Gerhard Schuster, Editor). vols. 3-5 (Prosa). Stuttgart: Klett Cotta, 1986.
Isaiah Berlin. The Crooked Timber of Humanity. Chapters in the History of Ideas. London: John Murray, 1990.
Derek Bickerton, Language and Species. Chicago/London: University of Chicago Press, 1990.
Bernard Bischoff. Elementarunterricht und probationes pennae in der ersten Hälfte des Mittelalters, in Mittelalterliche Studien I, 1966, pp. 74-87.
Alan Bloom. The Closing of the American Mind. How Education Has Failed Democracy and Impoverished the Souls of Todays Students. New York: Simon and Schuster. 1987 Franz Boas. Race, Language and Culture. 1940. rpt. Chicago: University of Chicago Press, 1982.
J. David Bolter. Turings Man: Western Culture in the Computer Age. Chapel Hill: University of North Carolina Press, 1984.
Raymond Bondon, in Logique du social (translated by David and Gillian Silverman as The Logic of Social Action: An Introduction to Sociological Analysis, London/Boston: Routledge & Kegan Paul, 1981).
John Borneman. After the Wall: East Meets West in the New Berlin. New York: Basic Books, 1991.
Darrell Bott. Maintaining Language Proficiency, in Military Intelligence, 21, 1995, p. 12.
Labib Boutrous. Phoenician Sport: Its Influence on the Origin of the Olympic Games. Amsterdam: J. C. Gieben, 1981.
James Bowen. A History of Western Education. 3 vols. London: Methuen, 19721981.
Katharine L. Bradbury. Urban Decline and the Future of American Cities. Washington DC: Brookings Institution, 1982.
Keith Branigan. The Tombs of Mesara: a Study of Funerary Architecture and Ritual in Southern Crete, 2800-1700 B.C. London: Duckworth, 1970.
R. Brasch. How Did Sports Begin? A Look at the Origins of Man at Play. New York: David McKay Comp., 1970.
Edward Brent (writing as Earl Babble). Electronic Communication and Sociology: Looking Backward, Thinking Ahead, in American Sociologist, 27, Apr. 1, 1996, pp. 4-24.