Jenseits der Schriftkultur — Band 4

Part 16

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Das Bewußtsein von den verfügbaren Ressourcen entsprach dem Bewußtsein der Skala. Die Skala, die aus einem Mitglied einer Lebensgemeinschaft auch einen Krieger machte, ergab sich aus den frühen Siedlungsformen, dem erhöhten Bedarf an Nahrungsmitteln, aus größerer Produktivität und Besitzanhäufung--woraus sich wiederum die Notwendigkeit herleitete, die Sprachverwendung über die Unmittelkeit der Mündlichkeit hinaus zu entwickeln. Die Effizienz von Arbeit und Kampf war in etwa auf der gleichen Ebene angesiedelt. In gewisser Weise dauerten Kriege ewig; der Frieden war nur eine Erholungspause zwischen den militärischen Auseinandersetzungen. Gefangenschaft (meist gleichbedeutend mit Sklaverei) unterstrich die Bedeutung menschlicher Arbeitskraft und Tüchtigkeit für die Sicherung einer Gemeinschaft, die Vermehrung des Reichtums der Mächtigen und den Lebensunterhalt aller anderen. Auch die soziale Struktur des Militärs war an Effizienz und Vermittlung gebunden. Zwar wurde die Kampfeffizienz in Größenordnungen von gezielter Zerstörung oder Bewahrung (des Lebens und lebenswichtiger Einrichtungen) gemessen, sie umfaßte jedoch auch Verteidigungsmaßnahmen, deren Ziel es war, Zerstörungen durch den Feind gering zu halten oder zu verhindern.

Während einzelne Konflikte keine weitere über die Mündlichkeit hinausgehende Sprache erforderten, wurde bei Konflikten zwischen größeren Gruppen der Bedarf nach einem Koordinierungsinstrument deutlich. Neue Wörter und Konstruktionen bezeugen derartige Konflikte und die mit ihnen assoziierten magisch-mythischen Manifestationen. Die Sprache projizierte diese Erfahrung auf den Hintergrund verschiedener anderer Praxiserfahrungen. Schon immer besaßen Armeen jeglicher Art, unter jeder Regierungsform, wegen ihrer besonderen Funktion einen Sonderstatus in der Gesellschaft. Natürlich hat die Schrift keine Armeen geschaffen, aber sie bot doch (selbst in den rudimentärsten Notationsformen) die Voraussetzung dafür. Die Schrift beeinflußte die Kriegsführung: als Auflistung von Mitteln und Menschen, als Bericht über Kriegshandlungen und deren Folgen, als Planungsinstrument. Alle Bestandteile dieser Institution objektivieren den Zweck des Krieges in einer bestimmten Zeit. Sie objektivieren zudem die Beziehungen innerhalb einer Gesellschaft, und, während Friedenszeiten, zwischen einer Gesellschaft und ihren Soldaten. Die Objektivierung vollzieht sich durch die Sprache. Die Sequenzialität der Schrift und die Notwendigkeit, konfliktbezogene militärische Abläufe auszudrücken, gehören zusammen. Das Zitat von Clausewitz ist nur die sprachliche Fortschreibung der vielen Aspekte des Krieges.

"Konnte Gideon hebräisch lesen? Konnte Deborah es?", mögen jetzt manche mit Blick auf die Heerführer des Alten Testaments fragen. Andere könnten Beispiele aus den griechischen Epen und den Chroniken des Nahen Osten anführen. Die römische Mythologie und die Zeugnisse des Islam geben keinen Aufschluß darüber, ob all ihre Krieger lesen und schreiben konnten. Aber sie geben uns Aufschlüsse über die Umstände, die zur Einrichtung einer Armee als eine eigenständige Institution in Fortsetzung der synchretistischen Praxiserfahrung führten, und darüber, wie sich diese Institution allmählich ihren eigenen Daseinsbereich und ihre eigene Daseinsberechtigung schuf.

Die Veränderungen in der Kriegsführung entsprechen den unterschiedlichen Ebenen der Schriftkultur: von dem persönlichen Kampf zwischen zwei Kriegern, der kaum Sprache verlangte und mit dem Sieg des Stärkeren endete, hin zu den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen vielen Menschen, bei denen hoch entwickelte Technologien--die ebenfalls wenig Sprache erforderte--eine entscheidende Rolle spielte. In jenen Formen der kriegerischen Auseinandersetzung, in denen sich zwei Armeen direkt gegenüberstanden, trug die Sprache die entscheidenden Koordinationsleistungen. Zur Bestimmung der Kriegsziele, zur Formulierung und Verbreitung der Pläne, auch zur Veränderung der Pläne an veränderte Bedingungen war die Sprache mindestens ebenso wichtig wie die Zahl der Pferde, die Qualität der Waffen und der Munition. Wie beim Jäger lag die Fähigkeit des Soldaten im Angriff und in der Verteidigung und darin, bei sich verändernden Machtverhältnissen die Mittel an die Ziele anzupassen. Die ersten und vermutlich die meisten Kriege wurden geführt, bevor es eine allgemein verbreitete Schriftkultur gab. Die bedeutendsten uns bekannten Krieger alter Zeiten--die ägyptischen Pharaonen Thutmosis III. in der Schlacht um Meggido (1479 v. Chr.), Ramses II. in der Schlacht bei Kadesch gegen die Hethiter, Nebukadnezar und Darius, die Spartaner unter Leonidas (480 v. Chr.), Alexander der Große (bei der Eroberung Babylons 330 v. Chr.), Julius Cäsar (49-46 v. Chr.) und Octavian (31 v. Chr.) und die zahllosen chinesischen Krieger aus dieser und späterer Zeit--benötigten für ihre Kriege keine Schriftlichkeit und Schriftkultur. Ihre Strategien ergaben sich aus den gleichen Erwartungen und pragmatischen Notwendigkeiten, die schließlich zur Herausbildung der Schrift führten.

Kriege wurden geführt auf gut ausgewähltem Terrain, von Soldaten, die Befehle ausführten, die einem begrenzten Befehlsrepertoire entnommen wurden. In der Terminologie der generativen Grammatik: Es gab eine eingeschränkte Sprache des Krieges mit nicht allzuvielen Möglichkeiten zur Generierung von Kriegssätzen. Als sich mit den verbesserten Arbeits- und Produktionsmethoden die Mittel der Kriegsführung mehrten, konnten die Befehlshabenden mehr Kriegstexte, mehr Drehbücher schreiben. Mit zunehmender Kriegseffizienz stieg auch die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenbruchs der militärischen Anstrengungen aufgrund mangelnder Integration und Koordination. Die militärische Struktur spiegelte die Merkmale einer menschlichen Praxis wider, die zur Schriftsprache und später zur Schriftkultur führte: eine relativ geringe Dynamik; zentralisierte, hierarchische Organisationsformen; ein geringes Anpassungsniveau; eine strikt sequentielle Handlungsweise und eine deterministische Mentalität. Durch die Jahrhunderte hindurch entwickelte sich mit dem Fortschritt von Wissenschaft und Technologie die Waffentechnik und Militärstrategie weiter.

Der Rahmen, der das Ideal der Schriftkultur schuf, berührte nicht nur die technische Kriegsführung, sondern auch die Strategie, nach der Kriege ausgespielt wurden. Ungeschützte vorrückende Linien waren Teil einer Konfrontationsdynamik, die die im alltäglichen Leben vorherrschende Linearität widerspiegelte. Eine Reihe nach der anderen feuerte ihre Salven ab und ging dann zum entscheidenden Bajonettangriff über. Die Struktur der Schrift (Sequenzen, Hierarchie, Akkumulation, Abschluß) und die Struktur dieses besonderen Militäreinsatzes ähneln einander. Schriftkundigkeit gehörte erst sehr spät zum Qualitätsprofil eines Soldaten. Nachdem sie aber erst einmal Bestandteil der militärischen Selbstkonstituierung war, veränderte sie die Kriegsführung und erhöhte die militärische Effizienz. Nun handelte es sich nicht mehr um Gefechte zwischen verfehdeten Feudalherren, sondern um große Konflikte zwischen Nationen. Diese Konflikte wurden zwar seltener, gewannen aber an Intensität. Ihre Dauer entsprach den relativ langen Produktions-, Verteilungsund Verbrauchszyklen, die die schriftkulturelle Praxis kennzeichnen.

Der Krieg wurde bestimmten Regeln unterworfen. Er wurde zivilisiert, zumindest in einigen Aspekten. Die katholische Kirche als Hüter der Schriftkultur im Mittelalter, in dem viele kleinere Kriege zwischen verfehdeten Feudalherren ausgetragen wurden, übernahm dabei die Führung. Zum Schutz von Nahrung und Leben in den barbarischen Gesellschaften Europas nach dem Zusammenbruch des Römischen Reiches versuchte die einzig wirksame Machthierarchie, die Soldaten mit den schriftkulturellen Gesetzen der Kirche zu bändigen. Die weltlichen Herrscher akzeptierten diese Vorschriften, nicht ohne eigene pragmatische Überlegungen im Hinterkopf. Man brauchte ein Jahrtausend um zu begreifen, daß ein Krieg niemals endgültige Ergebnisse zeitigt. Aber man lernte auch, daß Kriegserfahrung neues Wissen schuf (etwa über die verwendeten Mittel, über klimatische Strukturen und geographische Territorien, über Merkmale des Feindes) und Kreativität freilegte--was man die Kunst des Krieges nennt. Im Angesicht von Tod und Zerstörung sind Kriege jedoch auch die erbarmungslosesten Schulen unseres Lebens.

Das Militär als Institution

Theodor Heuss nannte die allgemeine Wehrpflicht das Kind der Demokratie. Die allgemeine Wehrpflicht wurde in der französischen Revolution eingeführt--Levée en masse von 1793. Der Bürgersoldat ersetzte Söldner und Berufssoldaten. Der Ruf "Aux armes, mes citoyens", der zu einer Strophe der französischen Nationalhymne wurde, glorifizierte die Hoffnungen jenes Augenblicks. Preußen folgte dem Beispiel aus wirtschaftlichen Gründen: billige Menschenkraft für den Krieg. Auf dem langen Weg, eine gesellschaftliche Institution zu werden, erhielt das Militär die Unterstützung des Staates, den es verteidigte, oder der privaten Institutionen (Kirche, Landbesitzer, Kaufleute), die seine Dienste benötigten.

Im Gegenzug richtete die Institution ihre Strukturen an den praktischen Erfahrungen der Menschen aus und erhöhte ihre Effizienz. An jedem entscheidenden Entwicklungspunkt des Menschen mußte das Militär eine Effizienz beweisen, die es als entscheidenden Faktor bei der Verteidigung der Ressourcen rechtfertigte. Wenn die Effizienz nicht mehr genügte und das Militär die sozio-ökonomischen Fundamente zu sehr belastete, wurde es gestürzt, wie wir es an Militärdiktaturen immer wieder beobachten können.

Wie andere stark strukturierte Handlungsbereiche des Menschen identifizierte sich das Militär durch repetitive Handlungsformen. Jede einzelne Handlung konnte verstanden werden als eine gegebene Menge von weiteren Aufgaben oder Befehlen, die wiederum mit bestimmten Motivationen und Rechtfertigungen verbunden waren und die insgesamt die dem Militär spezifische Arbeitspraxis darstellten. Einige dieser Strukturen bezogen sich auf das Leben innerhalb dieser Organisation, etwa die Möglichkeit der Beförderung oder die Beeinflussung zukünftiger Handlungen. Sie waren intern in dem Sinne, daß sie von den impliziten Regeln abhingen, die diese Institution sich gegeben hatte. Andere waren externer Art und drückten das Verhältnis zwischen Militär und Gesellschaft aus: Symbolstatus, Machtbeteiligung, Akzeptanzerwartungen.

Entwicklungen im militärischen Bereich führten zu Veränderungen in der Sprache, die die für die militärische Praxis charakteristischen Interaktionen definierte und modifizierte. Die Sprache paßte sich zunehmend dem militärischen Ziel--dem Sieg--an und löste sich von der alltäglichen Sprache, die Träger jenes Diskurses war, in dem sich die Kriegsgründe herauskristallisierten. Dementsprechend fanden auch die Beziehungen zur Außenwelt--zu den zukünftigen Militärangehörigen, zu den sozialen, politischen und kulturellen Institutionen und zur Kirche--in einer Sprache statt, die sich von der alltäglichen Sprache immer weiter entfernte.

Mit den Veränderungen in der Struktur der Lebenspraxis und mit den Veränderungen, die aus einer wachsenden Skala resultierten, ergaben sich auch Veränderungen im Militärbereich. Wenn sich die Individuen überwiegend als schriftkulturell gebildete Individuen konstituierten, mußte auch das Militär die Erwartungen und Merkmale der Schriftkultur übernehmen. Vermutlich ergaben sich daraus die ersten Militärakademien. Von Moltkes Überlegungen über veränderte Verhältnisse zwischen Offizieren und Untergebenen nahmen viele Fortschritte in der Kriegstechnologie vorweg: den Einsatz dampfgetriebener Kriegsschiffe (durch die Japaner im Krieg gegen Rußland 1905); die Einführung von Radio, Telefon und automotivem Transport (im Ersten Weltkrieg); und das (von Erich Lindendorf entwickelte) Konzept des totalen Krieges. Alle Entwicklungen ergaben sich in einem pragmatischen Rahmen, in dem Schriftkultur nötig war und in dem sich die Merkmale der Schriftkultur in allen Formen der Lebenspraxis widerspiegeln. Der totale Krieg ist seiner Struktur nach der Vorstellung von einer universalen Bildung und Schriftkultur ähnlich: in der Forderung, das eine einzige Schriftkultur und Bildung alle anderen zu ersetzen habe. Und die stillschweigende Erwartung der Dauerhaftigkeit der Institution, die sich in den Regeln und Bestimmungen, den Hierarchien und zentralistischen Strukturen niederschlägt, ähnelt denen von Staat, Industrie, Religion, Bildungswesen, Wissenschaft, Kunst und Literatur. Das gleiche gilt für Zentralismus, Hierarchie und Disziplin. Das erklärt im übrigen, warum fast alle Armeen dieser Welt ähnliche, auf Schriftkultur basierende Strukturen angenommen haben. Im Gegensatz dazu sind zum Beispiel Guerillakriege insofern ‘analphabetisch’, als sie nicht auf den Konventionen der Schriftkultur beruhen. Sie entfalten sich dezentralisiert und gründen auf der Dynamik sich selbst organisierender kleiner Zentren. Deshalb werden sie von allen Militärstrategen als so gefährlich angesehen.

Die militärischen Handlungsmuster und die sich wiederholenden Sprachmuster, die wir mit diesen militärischen Handlungen assoziieren, drücken die Haltungen und Werte dieses pragmatischen Rahmens aus. Auf dem Höhepunkt der schriftkulturellen Entwicklung verfolgte zum Beispiel England eine stark strukturierte, fast schon ritualisierte Art der Kriegsführung. Zu den Hauptklagen während der amerikanischen Revolution gehörte, daß die Bewohner der Kolonien nicht nach den Regeln kämpften, die das schriftkulturell gebildete Westeuropa die vergangenen Jahrhunderte hindurch aufgestellt hatte. Mit dem Umbruch, der zu einem Stadium jenseits der Schriftkultur hinführte, erschöpften sich diese Haltungen und Werte und mit ihnen die Sprache und die Muster militärischer Handlungen, es sei denn, sie wurden auf andere Bereiche, insbesondere auf Politik und Sport, übertragen.

Nachdem sich das Militär als gesellschaftliche Institution etabliert hatte, wurde es zu einem Selbstzweck und bestimmte die Regeln des sozialen und politischen Lebens, statt sie von dort zu übernehmen. Nach den beiden Weltkriegen übernahm das Militär in vielen Ländern unter verschiedenen politischen und ideologischen Vorwänden die Macht. Militärdiktaturen oder vom Militär gestützte Diktaturen, die die gleichen Merkmale wie zentralistische Monarchien oder auch Demokratien unter einer Präsidialverfassung aufwiesen, schossen überall dort aus dem Boden, wo sich andere Regierungsformen als ineffektiv erwiesen hatten. In vielen Teilen der Erde, die sich noch immer an wirtschaftlichen und politischen Modellen der Vergangenheit orientieren, also zum Beispiel in Südamerika, dem Nahen Osten und Afrika, geschieht dies noch heute.

Vom schriftgebundenen zum schriftlosen Krieg

Der letzte unter dem Zeichen der Schriftkultur geführte Krieg war vermutlich der Zweite Weltkrieg. Die Tatsache, daß der letzte Weltkrieg mit dem Abwurf der Atombombe beendet wurde, ist ein weiterer Beleg dafür, daß eine Skalenveränderung in einem Lebensbereich zwangsläufig ihre Auswirkungen auf alle anderen Lebensbereiche hat. Die Millionen von Kriegsopfern (von denen die meisten nach den Maßstäben der Schriftkultur erzogen worden waren) läßt uns zögern, in diesem Zusammenhang von Bildung und Schriftkultur zu sprechen; das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, daß die systematische Grausamkeit und die Vernichtungskraft des Krieges aus Merkmalen der Schriftkultur resultierten, die die Effizienz der Kriegsmaschinerie und die Ausformulierung der Kriegsziele ermöglicht. In der Geschichte des Zweiten Weltkriegs ist das Kapitel über die Sprache vermutlich genauso aufschlußreich wie ein Kapitel über die neuen Waffen, die in diesem Krieg entwickelt wurden: die Vorläufer der modernen Raketensysteme und die Atombombe. Alle Kriegsteilnehmer wußten, daß der Feind ohne die integrierende Kraft der schriftkulturellen Leistung nicht siegen konnte. Viele Bücher sind darüber geschrieben worden, wie die Sprache der politischen und ideologischen Diskurse die Feindseligkeit eskalieren lassen. Viele der in diesem Krieg artikulierten Vorurteile wurden in Sprachwerken von höchstem sprachlichen Niveau formuliert und von perfekten, logischen Argumenten getragen. Andere Verfasser hoben indes auch die Schwächen der Schriftkultur hervor. Roland Barthes zum Beispiel untersuchte ihre faschistische Natur. Andere führten die Unangemessenheit dieses Mediums auf dessen mangelnde Klarheit zurück; es sei so opak, daß es Gedanken verberge, statt sie aufzudecken, daß sie falschen Werten einen Sinn verleihe, statt sie als das hinzustellen, was sie de facto waren.

Und tatsächlich wurde die Sprache der Politik die Sprache des Krieges. Über Radio, Zeitungen und Massenkundgebungen erreichte sie ganze Nationen. Die Industrie, auf der die Kriegsmaschinerie ruhte, verkörperte in allem die Merkmale der schriftkulturellen Lebenspraxis. Das industrielle Modell intensiver Produktion läßt sich an diesem Fall gut ablesen. Millionen Menschen mußten an zahlreichen Fronten bewegt, ernährt und logistisch geführt werden. Eine Wirtschaft in der Krise, die alles andere als Überfluß bot, gehörte zu den Antriebskräften dieses Krieges. Deutschland und seine Alliierten hatten auf einen Blitzkrieg gesetzt und alle begrenzten Ressourcen auf die Vorbereitung und Durchführung dieses Krieges aufgewendet. Europa war gerade dabei, sich von der Wirtschaftskrise in der Folge des Ersten Weltkrieges zu erholen. Mit dem Sieg versprach man den Menschen den wohlverdienten Lohn. Die Schriftkultur wurde in allen Bereichen, in denen sie etwas bewirken konnte, mobilisiert: in Bildung, Propaganda, religiöser und nationaler Indoktrination, in den rassistischen Rechtfertigungsdiskursen und in der Formulierung der Kriegsziele. Sie richtete sich an die Soldaten an der Front und an ihre Familien in der Heimat. Sie unterstützte Selbstdisziplin und Entsagung, förderte Zentralismus und Hierarchie und lange, intensive Arbeitszeiten bei relativ stabilen, wenn auch nicht unbedingt fairen Arbeitsbeziehungen.

Sehr fortgeschrittene Formen der Arbeitsteilung und eine verbesserte Koordination aller beteiligten Gruppen, also alle Merkmale industrieller Produktionsweise, kennzeichneten auch die militärische Praxis. Der Krieg führte zu Konfrontationen zwischen riesigen Armeen, die auf allen Seiten praktisch die gesamte Zivilbevölkerung mit einbezogen. Es gab Aushungerungsstrategien (Blockaden, Getreidevernichtung, die Unterbrechung lebensnotwendiger Tätigkeiten), und es gab die totale Vernichtung. Millionen von Menschen wurden ausgelöscht. In der Struktur der Armee spiegelte sich die zugrundeliegende Struktur des pragmatischen Rahmens. In ihrer Funktionsweise spiegelte sich das Industriesystem, das darauf zugeschnitten war, riesige Mengen an Rohstoffen zu verarbeiten, um uniforme Produkte in Massenproduktion herzustellen.

Das, was die Schriftsprache der Schriftkultur zum entscheidenden Faktor für die Arbeit und die Marktabläufe werden ließ, machte sie auch in den für die militärischen Ziele angemessenen Formen für die Kriegsführung unentbehrlich. Deshalb wurden auch alle nur denkbaren Anstrengungen unternommen, diese Sprache als Leistungsträger der eigenen Bemühungen und als Sprache des Feindes zu verstehen. Keine Anstrengung wurde unterlassen, um so schnell wie möglich an die sprachlich codierten Informationen über Taktik und Strategie heranzukommen und um dieses sprachliche Wissen umgehend in Gegenstrategien und Überraschungsangriffe umzusetzen. Sprache wurde zu einem entscheidenden Operationsbereich. Man entschlüsselte die Codes des Feindes und sparte nicht an Geld, Intelligenz oder Menschenleben, wenn es darum ging, die gegnerischen Pläne zu entschlüsseln. Die klügsten Köpfe wurden herangezogen, um Täuschungsstrategien zu entwickeln und umzusetzen: die Sprache des Feindes war der direkte Zugang zu dessen Gedanken.

Natürlich ist die Sprache des Krieges etwas anderes als die Sprache unseres Alltags; aber sie hat doch ihren Ursprung in der Alltagssprache und wird in ihr ausgedrückt. Strukturell sind beide Sprachen gleich. Mit dem Zugang zur Sprache des Feindes habe ich einen Zugang zu seinen Plänen. Viele sind davon überzeugt, daß der entscheidende Schlag im Zweiten Weltkrieg die Entschlüsselung des Codes der deutschen Enigma-Maschinen war; somit wäre bei allen Anstrengungen von Millionen Menschen die Sprache zum entscheidenden Faktor des Krieges geworden. Polnischen Geheimschriftanalytikern und dem Britischen Geheimdienst mit Alan Turing (der Vater des modernen computergestützten Rechnens) gelang es, Nachrichten zu entziffern, zu rekonstruieren, zu übersetzen und sie neu verschlüsselt in alliierten Codes (das sogenannte ULTRA-Material) als entscheidende taktische Waffen zu verwenden.

Gegen Ende des Krieges hatte sich die Welt bereits nachhaltig verändert. Im Rahmen des Krieges und im direkten Zusammenhang mit den Veränderungen in den Formen der menschlichen Selbstkonstituierung hatte ein Strukturwandel eingesetzt, der eine veränderte Lebens- und Arbeitsdynamik mit sich brachte. Verschiedene Lebensaspekte, die den Krieg letztendlich verursacht hatten, wurden durch die neuen lebenspraktischen Umstände in Frage gestellt und durch neue Bedürfnisse ersetzt: dazu gehörte insbesondere die Einsicht, nationale Interessen zu überwinden und Grenzen zu überschreiten, besonders die im Krieg zum Ausdruck gebrachten Grenzen von Haß und Zerstörung; die Einsicht in die Notwendigkeit, Ressourcen zu teilen und auszutauschen. Sehr weit vorausschauende Beobachter erkannten auch, daß trotz der Opfer, die der Krieg gefordert hatte, das Bevölkerungswachstum rasant ansteigen und eine neue Skala der Lebenspraxis erfordern würde, die sich in einem fest strukturierten, unflexiblen System mit nur wenigen Freiheiten kaum würde entfalten können.

Der Golfkrieg und die nicht enden wollenden weltweiten Terroranschläge können rückblickend als Produkt eines Krieges verstanden werden, der der Schriftkultur ein Ende bereitet hat. Der Blitzkrieg und der Abwurf der Atombombe über Hiroshima und Nagasaki boten nur einen Vorgeschmack auf den schnellen, effizienten schriftlosen Krieg, zu dessen jüngsten Entwicklungen ausgeklügelte genetische Texte und eine Nanotechnologie gehören, die dem Laien als ein blühendes Produkt aus Science-fiction-Romanen erscheint.

Der Nintendo-Krieg

Überall auf der Welt verfügt das Militär über die modernste Technologie. Selbst Länder, die sich aufgrund ihrer Bevölkerungsdichte, der relativ niedrigen Löhne und der bestehenden allgemeinen Wehrpflicht eine unzeitgemäß große Armee leisten können, bemühen sich unverhohlen um das Beste und Neueste, was Wissenschaft und Technologie an Waffen zu bieten haben. Der Rüstungsmarkt ist vermutlich der allumfassendste aller Märkte. Am beunruhigendsten ist dabei sicherlich, daß sich der menschliche Geist zum Handlanger von Tod und Zerstörung macht. In manchen Ländern reichen die Nahrungssmittelvorräte gerade für ein oder zwei Erntezyklen, während das Militär mit Vorräten für einen jahrelangen Einsatz ausgestattet ist.