Jenseits der Schriftkultur — Band 4

Part 15

Chapter 15 3,078 words Public domain Markdown

Haben Juristen diese neue Situation geschaffen? Oder sind sie das Ergebnis der neuen menschlichen Beziehungen, die sich aus neuen pragmatischen Umständen ergeben haben? Wer beurteilt, ob das Justizsystem den neuen Erwartungen entspricht? Keine dieser Fragen ist leicht zu beantworten. Wenn Justiz die menschlichen Erwartungen gestalten soll, muß sie deren Wesen begreifen und widerspiegeln und muß im Hinblick auf die Rechte, die die Menschen in neue praktische Erfahrungen ihrer Selbstdefinition einbringen, ihre eigene Perspektive definieren. Es ist schön und gut, wenn das Rechtssystem Mittel verwendet wie DNABeweisstücke, Videoaufnahmen und Internet, die sich alle jenseits der Schriftkultur etabliert haben, aber wenn sie dann alle den schriftkulturellen Winkelzügen unterworfen werden, ist die ganze Anstrengung umsonst gewesen.

Das programmierte Parlament

Praktische Politik bedeutet nicht Wahlen, sondern die alltägliche Routinearbeit zur Lösung von Aufgaben, die für die durch die Politik vertretenen Menschen von Belang sind. Wenn wir die Parteibindung einmal außer acht lassen, dann ist das Ziel die Erhaltung oder Verbesserung des Gemeinwohls. Die Gesetzgebung durch das Parlament setzt eine Tradition fort, die vor der Schriftkultur liegt. Dennoch wurde eine effektive Gesetzgebung erst innerhalb des pragmatischen Rahmens möglich, der Schriftkultur hervorbrachte. Sobald die Schriftkultur ihr Potential erreicht hatte, wurden neue Mittel für die politische Praxis der Gesetzgebung notwendig. Hinter allem steht die Erwartung, daß der Gesetzgebungsprozeß den praktischen Bedürfnissen Rechnung tragen sollte, die in einem Kontext raschen Wandels auftreten. Hier wie in anderen Bereichen kollidieren die Kräfte, die am Werk sind.

Obwohl schriftkulturelle Perspektiven und Methoden der Gesetzgebung nicht mehr ausreichend sind für Themen aus einem pragmatischen Rahmen, der das schriftkulturelle Paradigma in Frage stellt, scheinen die Politiker nicht willens zu sein, die Notwendigkeit des Wandels einzusehen. Sie finden es nützlicher--und leichter zu rechtfertigen--, schriftkulturelle Bildung gesetzlich zu verstärken, statt das gesamte Bildungssystem auf den neuen Bedarf hin neu zu bedenken. Sie alle akzeptieren zwar Expertenwissen, Informationsnetzwerke, bedienen sich dieser Mittel auch, um ihre Programme zu verbreiten, arbeiten aber unter Beschränkungen, die sich aus der schriftkulturellen Praxis der Politik ergeben. Daß in einem Zeitalter grenzenloser Kommunikation Fraktionssprecher hochkomplizierte politische Programme praktisch vor leeren Stühlen präsentieren, ist schwer vorzustellen. Es fällt ebenfalls schwer zu glauben, daß man dabei an einer Sprache festhält, die in Erfahrungen längst vergangener Zeiten wurzelt und die sich mehrfach als ineffektiv erwiesen hat. Viele parlamentarische Verfahren laufen darüber hinaus nach einem Protokoll ab, das viel mit dem Vergangenen und nichts mit der Gegenwart zu tun hat. Wie im Falle der Justiz sind Symbole offenbar wichtiger als Inhalte.

Dennoch gibt es unter dem Druck der Effizienzerwartungen auch Veränderungen. Abgesehen von den durchaus nicht immer relevanten Inhalten erschöpfen sich die Gesetzgebungsverfahren nicht mehr in überzeugender Formulierung und formaler Logik. Sie spiegeln zunehmend die globalen Erwartungen wider und greifen gern auf Vermittlungstechnologien und Aufgabenverteilungsstrategien oder Interaktivität zurück. Elektronische Modellierung und Simulationsmethoden werden ausprobiert. Die neuen Methoden der Informationsbeschaffung sparen den Parlamentariern viel Zeit. Berater und Angestellte wenden leistungsstarke Wissensfilter an, um nur die themenrelevanten Informationen in den politischen Prozeß einfließen zu lassen. Politiker wissen, daß Wissen--zur richtigen Zeit und im richtigen Zusammenhang--Macht ist. Die Mitglieder computerisierter Parlamente wissen auch, daß jeder die Daten zur Verfügung hat, aber nur wenige diese effektiv verarbeiten oder effektiv damit umgehen können. Tatsächlich entwickeln die Parteien Bearbeitungsprogramme, die den Politikern in öffentlichen Diskussionen oder in Parlamentsdebatten überzeugendere Argumente an die Hand geben. Die durch die neue Technologie erzeugte Transparenz stellt den öffentlichen Zugang zur Diskussion sicher. Politischer Wettbewerb ist eine Frage des intelligenten Gebrauchs solcher Daten. Macht ergibt sich aus der Fähigkeit zur Informationsverarbeitung, nicht aus der Menge der gespeicherten Informationen.

Diese verkürzte Darstellung klingt wie ein Vorgriff auf die Zukunft. Das ist es aber nicht. Zwar steht der Prozeß noch am Anfang, aber er ist unvermeidbar. Er wird früher oder später solche Komponenten wie Amtszeit--die lange Amtsdauer eines Volksvertreters spiegelt schriftkulturelle Ideale wider--öffentliche Evaluationsverfahren, Kandidatur und Wahlmodus beeinflussen. Er wird auch ein Überdenken der Beziehung zwischen Politikern und Wahlkreisen erfordern. Auch Motive und Methoden der Gesetzgebung und ihre Legitimität könnten sinnvoll überdacht werden. Erhöhte Vermittlung beeinflußt den Zusammenhang zwischen Fakten und politischen Taten. Wenn die neuen Kommunikationsmittel keine persönliche Interaktion zwischen Politikern und Wählern gestatten, wird die Öffentlichkeit weiterhin von der Politik entfremdet bleiben. Politik in den Massenmedien gehört bereits der Vergangenheit an--nicht weil das Fernsehen vom Internet überholt worden ist, sondern wegen der Notwendigkeit, die individuelle Motivierung zum politischen Handeln zu fördern. Politische Effizienz beruht auf menschlicher Interaktion. Nicht das Medium zählt, sondern das, was durch das Medium erreicht wird.

Einen Gesetzesrahmen zu schaffen, der dieser neuen Natur der menschlichen Beziehungen und dem neuen pragmatischen Kontext Rechnung trägt, heißt, das Wesen der Prozesse zu verstehen, die den Umbruch herbeigeführt haben. Die Konsolidierung der Bürokratie hilft diesem Verständnis genauso wenig wie die Beibehaltung der Monarchie und des Oberhauses in Großbritannien. Einen Sinn für diesen Prozeß kann man nur dann entwickeln, wenn der politische Prozeß selbst auf die vorherrschende Pragmatik abgestimmt wird.

Eine Schlacht, die wir gewinnen müssen

Als Kunst der Koalitionsbildung (und -auflösung) ist die Politik heute eine Epitomisierung allgemeiner menschlicher Praxis. Berufspolitiker entwickeln Strategien für die Koalitionsbildung und finden die effektivsten Interaktionsmuster für ein bestimmtes politisches Ziel heraus. Sie entwickeln eine eigene Sprache und eigene Kriterien der Effizienzbewertung für ihre hochspezialisierte Praxis.

Die Effizienzbesessenheit in der Politik und anderswo kommt nicht von Kräften, die außerhalb von uns liegen. Und die Übertragung von Verantwortlichkeiten führt nicht zu enttäuschten Politikern, Philosophen oder Pädagogen. Die kürzeren politischen Zyklen, die wir heute antreffen, entsprechen der Dynamik einer Praxis, die sich auf das Unmittelbare im Rahmen eines globalen Daseins konzentriert. Offenbar vollzieht sich ein Übergang vom begrenzten kommunalen Leben, das nach Kontinuität und Beständigkeit strebt, zu einer globalen Gemeinschaft interagierender Individuen, deren Identität selbst variabel ist und die bereit sind, sich auf Diskontinuität und Wandel einzulassen. In diesem Universum können die Handlungen nicht mehr über große integrative Mechanismen wie Sprache oder Behörden koordiniert werden. Eine Alternative hierzu wären begrenzte Operationen, die ihrem Wesen nach Koalitionen entsprechen würden, die man durch Meinungsumfragen oder elektronische Stimmabgabe vorab testet und die man den raschen Veränderungen anpassen könnte. Auch das geschieht inzwischen.

Monarchien symbolisieren die Ewigkeit der Herrschaft; Verträge unter Monarchen sollten die Monarchen überleben. Der Zugang zu einer 15 Minuten währenden politischen Macht, der in einigen Teilen der Welt alles andere als eine Metapher darstellt, ist so wichtig wie jede andere Form der Berühmtheit, da politische Prozesse und Machtverhältnisse immer weniger miteinander zu tun haben und von der Fixierung auf Universalität und Zeitlosigkeit befreit sind. Eine 15 Minuten bestehende Koalition ist so entscheidend wie der Zugang zur Macht und so nützlich wie die von den daran beteiligten Menschen akzeptierten neuen Prinzipien. Statt eines Top-down-Modells finden wir in der Politik zunehmend eine Kombination von Top-down- und Bottom-up-Modellen. Unter diesen Umständen bleibt die Koalitionsbildung eine der wenigen verbliebenen wichtigen politischen Aufgaben. Die Zentren der politischen Macht--Wirtschaft, Recht, Interessengruppen--stellen Pole dar, um die solche Koalitionen gebildet oder aufgelöst werden. Die neue Mitte in Deutschland ist nur ein Name für eine Koalitionsbildung. An und für sich kann man schwer die Linke in der Mitte plazieren.

Man muß sich fragen, ob solche Koalitionen nicht in der universalen Sprache der Schriftkultur entstehen können. Die Schriftkultur wird ja mit dem Argument verteidigt, daß sie einen gemeinsamen Nenner darstellt. Was man dabei vergißt, ist der Umstand, daß Koalitionen nicht unabhängig von ihrem Ausdrucksmedium sind. Auf Schriftkultur beruhende Koalitionen verfolgen Ziele und Handlungen, die mit dem sie erfordernden pragmatischen Rahmen im Einklang stehen. Bedürfnisse, die mit diesem pragmatischen Kontext nicht übereinstimmen, erfordern andere Mittel der Koalitionsbildung. Wenn die Führer der wirtschaftlich stärksten Industrieländer sich auf feste Wechselkurse einigen oder wenn Freund und Feind eine politische Koalition gegen eine Invasion eingehen, die einen Präzedenzfall schaffen und Konsequenzen für die globale Wirtschaft haben könnte, dann kann es den Anschein haben, als seien schriftkulturelle Mittel verwendet worden. Tatsächlich aber sind diese Mittel weitgehend wort- und schriftlos. Sie ergeben sich aus Datenverarbeitung und Verhaltenssimulation auf Finanzmärkten, aus Szenarien der virtuellen Wirklichkeit, die zu Handlungen führen, die kein Drehbuch vorher beschreiben könnte. Während die Politiker vielleicht noch nach einem Drehbuch handeln, wählen die Machtzentren die effizientesten Mittel, um neue Koalitionen zu evaluieren. Folglich besteht kaum ein Zusammenhang zwischen der Autorität politischer Institutionen, die auf schriftkulturellen Voraussetzungen beruhen, und der Dynamik von Koalitionen, die den pragmatischen Rahmen jenseits der Schriftkultur widerspiegeln.

Das Gefühl vom Anfang geht weit über die neuen Staaten, die neuen politischen Mittel oder die Kunst der Koalitionsbildung hinaus. Es ist ein Neuanfang für das neue zoon politikon, für ein gesellschaftliches Wesen, das die meisten seiner gesellschaftlichen Wurzeln verloren hat und dessen menschliche Natur wohl eher mit politischen Trieben als mit kulturellen Leistungen zu definieren ist. Kultur spielt eigentlich keine Rolle mehr. Kultur kann man schließlich nicht mit sich herumtragen. Aber man kann auch sein Dasein nicht ohne politische Mittel aushandeln, die dem neuen gesellschaftlichen Zustand entsprechen, welcher sich strukturell von allem Vorausgegangenen unterscheidet. Das auf sich zentrierte Individuum kann nicht umhin, mit anderen in Beziehung zu treten und sich in bezug auf sie zu definieren: "We Am a Virtual Community" ("Wir bin eine virtuelle Gemeinschaft") ist nicht nur ein anspielungsreicher Titel (von Earl Babble) eines Artikels über Interaktionen im Internet, sondern eine genaue Beschreibung der heutigen politischen Welt. Die spezifischen Beziehungsformen, gerade auch die Wir-binFraktion, sind vielen Faktoren unterworfen, nicht zuletzt der biologischen und kognitiven Neudefinition des Menschen. Wenn alles, buchstäblich alles, möglich und akzeptabel ist, muß das zoon politikon neue Wege für seine Entscheidungen und Ziele finden, ohne dabei Gefahr zu laufen, seine Identität zu verlieren. Das ist wohl die entscheidende politische Schlacht, die die Menschen noch gewinnen müssen.

Kapitel 6:

Gehorsam ist alles

Elektronische Hochpräzisionsaugen auf erdumkreisenden Satelliten nahmen das Abfeuern der Rakete und die Startparameter auf. Daten wurden zur Verarbeitung an ein Computerzentrum weitergeleitet, die verarbeiteten Informationen, Spezifizierungswinkel, Abfeuerungszeit und Flugbahn wurden an AntiRaketenflugkörper weitergegeben, die auf das Abfangen von Feindattacken programmiert waren. Das System--eine riesige verteilte gut verbundene Konfiguration--vereinigt Sachwissen aus elektronischen Sichtvorrichtungen, in einer Software kodiertes Wissen, mit deren Hilfe man Raketenumlaufbahnen (auf der Grundlage von Startzeit, Position, Winkel, Geschwindigkeit, Gewicht und meteorologischen Gegebenheiten) berechnen kann, schnelle Übertragungsnetze und automatische Positionierung sowie Auslösevorrichtungen.

Dieses integrierte System hat schriftgebundene Formen der praktischen Kriegsführung ersetzt. Statt der Handbücher, die früher viele für das Militärpersonal wichtige Parameter und Einsätze beschrieben haben, enthalten jetzt Computerprogramme diese Informationen. Die Programme erübrigen lange Ausbildungszeiten, teure Militärmanöver und die ständige Überprüfung von Handbüchern auf ihre Aktualität. Verteiltes Wissen und Vernetzung haben den Befehl von oben ersetzt. Das beschriebene System enthält eine Vielzahl von Vermittlungskomponenten, die höchst effiziente Kriege ermöglichen.

Weitere Episoden aus dem Golfkrieg liefern Beispiele, die der relativen Vernichtung der berüchtigten (und ineffektiven) SCUD-Raketen ähneln, so z. B. die insgesamt 100 Stunden dauernde sogenannte Bodenschlacht. Diese Schlacht veranschaulichte die tödliche Kraft von Artillerie und Panzern, die Effizienz der Modellierung und der Simulation sowie Planungs- und Testmethoden, die unabhängig von schriftlich fixierter Militärstrategie und -taktik operieren. Die Armee des Feindes war nach Prinzipien organisiert, die aus dem pragmatischen Rahmen der Schriftlichkeit hergeleitet waren: zentralisierte Kommandostrukturen, eine strenge Hierarchie, moderne Militärausrüstung, die Teil eines hauptsächlich sequentiellen und deterministischen Kriegsplans war und auf einer Logik langfristiger Auseinandersetzungen aufbaute.

Der erste Krieg jenseits der Schriftkultur

Dieses Kapitel wurde--die einleitenden Zeilen ausgenommen--konzipiert, als niemand den Konflikt im Arabischen Golf unter Beteiligung amerikanischer Truppen voraussah. Im Verlauf dieses Krieges wurden alle theoretischen Argumente zur Institution des Militärs jenseits der Schriftkultur einem leibhaftigen Test unterzogen, vermutlich weit über unser aller Erwartungen und Wünsche hinaus. Der in den Medien dargestellte Golfkrieg erinnerte an ein Computerspiel oder eine Fernsehshow. Beim Zuschauen gewann ich den Eindruck, als ob jemand einen Teil meines Textes genommen und über die Nachrichtenkanäle übertragen hätte. Die Geschichte gab gute Schlagzeilen ab; aber aus dem Kontext gerissen, bzw. auf den Kontext einer auf einen Fernsehbildschirm reduzierten Wirklichkeit beschränkt, blieb ihre Gesamtbedeutung unklar. In mancherlei Hinsicht wurde der bewaffnete Konflikt letztlich trivialisiert, eine weitere Vorabendserie, ein Zuschauersport. Andere Berichterstattungen informierten über die Frustrationen in der Truppe hinsichtlich der knappen Zahl an Telefonleitungen. Auch hieß es, daß der traditionelle Brief durch die Videokassette ersetzt wurde. Wir erfuhren ebenfalls von einer fast schon magischen Vorrichtung namens CNX, die allen, die auf diesem riesigen Wüstenkriegsschauplatz dienten, zur Orientierung verhalf. Man berichtete desweiteren über die vorgefertigten Lebensmittel mit ihren exotischen Namen und über den Zeitvertreib der Truppen.

Schließlich geriet der Kontext mehr in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Dies sollte der erste Krieg einer Zivilisation jenseits der Schriftkultur werden: eine äußerst effiziente (das Wort erhält hier eine ungewollt zynische Konnotation) Aktivität, die nicht sequentielle, größtenteils parallel verlaufende praktische Erfahrungen beinhaltet. Hierfür war präzise Synchronisation (jedes Versagen kostete Opfer vor dem euphemistisch umschriebenen "verbündeten Feuer"), verteilte Entscheidungsfindung, intensive Vermittlung, höchste Spezialisierung und Aufgabenverteilung notwendig. Diese Merkmale verkörperten eine Ideologie von relativem Wert, die vom politischen Diskurs und moralischen Prinzipien losgelöst war. Niemand erwartete von diesem Krieg, daß er Pfeil und Bogen oder gar das Rad neu erfinden würde. Möglicherweise hatten einige Offiziere von einem Buch mit dem Titel Die Kunst des Kriegs (verfaßt von Sun Tzu 325 v. Chr. oder früher) schon einmal gehört oder von anderen einschlägigen Büchern, die die Bibliotheken der Militärakademien und der renommierten Forschungseinrichtungen füllen. Aber dieser Krieg wurde nicht für das Buch, im Namen des einen Buches (Koran oder Bibel) geführt, und auch nicht auf eine Art und Weise, wie sie in Büchern beschrieben ist. In gewisser Weise war der Golfkrieg wahrhaftig die "Mutter aller Schlachten", indem er die Regeln des Krieges neu formulierte--oder sich von ihnen verabschiedete.

Alle Merkmale der Zivilisation jenseits der Schriftkultur finden sich in den praktischen Erfahrungen des heutigen Militärs. Hochvermittelte Praxis mit Hilfe von digitalen Speichern und Abrufen von Informationen; die Ablösung früherer wirtschaftlicher Knappheit in Kriegszeiten durch einen Überfluß an Verteidigungs- und Zerstörungseinrichtungen; Ersatz der kriegsrelevanten Fakten (deren Ermittlung das Eindringen in feindliches Terrain erforderte) durch Bilder und Bildverarbeitungstechnologien; eine Verschiebung von einer hierarchischen Struktur strenger Autoritäts- und Befehlslinien zu einem relativ offenen Kontext, der die Entscheidung den einzelnen Soldaten weitgehend überläßt; an Stelle von Entbehrung und Isolation von allen nicht-militärischen Bereichen (Bedingungen, die früher als Teil einer Militärkarriere akzeptiert waren), Freizeit und Vergnügungen, die sich aus der allgemeinen Permissivität der Gesellschaft ergaben. Daß einige dieser Erwartungen unerfüllt blieben, wurde kritisiert, aber nicht wirklich verstanden. Die Gastgeber der amerikanischen Armee leben nach anderen Maßstäben. Das muslimische Gesetz verbietet Alkohol und bestimmte Formen der Unterhaltung ebenso wie das Beerdigen von Ungläubigen in einem Land, das sich als heilig versteht.

Der Golfkrieg war an seinen verschiedenen Fronten kein Krieg unvereinbarer Religionen, Moralvorstellungen oder Kulturen. Es handelte sich um einen Konflikt zwischen einer künstlich erhaltenen Schriftkultur, in der reiche Ölvorräte als Puffer gegen Effizienzmaßnahmen in allen Bereichen des Lebens dienten, und einer anderen Zivilisation, die durch Schriftlosigkeit sowie durch eine nach Energie dürstende, globale Wirtschaft mit hoher Effizienzdynamik gekennzeichnet ist. Die Schlußoffensive mag Kriegsgeschichtler und Militärstrategen an das Überraschungsmanöver des Epaminondas (371 v. Chr.) in der Schlacht von Leuctra erinnert haben: statt eines Frontalangriffs ein Angriff auf eine Flanke. General Schwartzkopf ist kein Epaminondas. Seine Mission war erfolgreich, weil die Aufgaben in einer internationalen Armee--eher ein Fluch als ein Segen--verteilt waren, was zu vielen Flanken führte. Helmuth von Moltke änderte im deutsch-französischen Krieg (1870/71) die Befehlsstruktur zu den untergebenen Offizieren, indem er sie unter sehr weitgefaßten Richtlinien agieren ließ. Die Generäle und Kommandeure der zahlreichen am Golfkrieg beteiligten Armeen nutzten die Vorteile der Netzwerke und führten einen Angriff mit höchst effizienten und kostspieligen Vernichtungstechnologien nach einem Plan, der von den heutigen Computern wiederholt simuliert wurde.

Da ich aber schon eingeräumt habe, daß ich einen Großteil dieses Kapitels drei Jahre vor dem Golfkrieg geschrieben habe, könnte man einwenden, daß ich den Krieg durch die Brille meiner Hypothese betrachtet und nur das gesehen habe, was ich sehen wollte, um mein Modell bestätigt zu sehen. Ich glaube aber, daß ich die Argumentation in der ursprünglichen Fassung beibehalten sollte, so daß die Ergebnisse die angebotenen Antworten kommentieren mögen.

Krieg als praktische Erfahrung

"Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln", schrieb Carl von Clausewitz (Über den Krieg, 1818). Es ist schwierig, dem zu widersprechen, aber man könnte diese Feststellung historisch relativieren und folgendermaßen paraphrasieren: Krieg ist die Fortsetzung des Überlebenskampfes einer Gesellschaft, die die verfügbaren Ressourcen zu kontrollieren und zu verteilen beansprucht. Entsprechend orientiert sich der Kampf an den Strukturen anderer praktischer Erfahrungen. Die Jagd--eine frühe Kampferfahrung ohne menschlichen Gegner--erforderte Waffen, die schließlich auch zum Krieg taugten. Es waren die Werkzeuge, die die primitiven Menschen nutzten, um Nahrung zum eigenen Überleben und für das Überleben der Gemeinschaft zu beschaffen. Zukünftige Aspekte dieser Aktivitäten und die damit assoziierten moralischen Werte lassen uns manchmal vergessen, daß die synkretistische Natur der Menschen, d. h. die Projektion natürlicher Anlagen in die praktische Erfahrung, im Synkretismus der benutzten Werkzeuge zum Ausdruck kommt. Dieser Synkretismus ergab sich aus der Arbeitsteilung, deren frühes Ergebnis der Berufssoldat ist.

In dem Maße, in dem sich die militärischen Werkzeuge von den Arbeitswerkzeugen zu unterscheiden begannen, trat eine konzeptuelle Komponente (Taktik und Strategie) hinzu. Sie bestand aus einer bestimmten Abfolge, einer eigenen Logik und einer Methode, auf Feindesmanöver zu reagieren. Von Clausewitz betonte ausdrücklich, daß der Krieg eine Fortsetzung der Politik ist; frühere Äußerungen zu diesem Thema behandelten den Krieg als Teil der Lebenspraxis. Zwei byzantinische Herrscher, Maurice (539-602) und Leo der Weise (836-911) versuchten militärische Strategien und Taktiken pragmatisch zu begründen. Ihnen zufolge bestimmt der pragmatische Rahmen die Natur des Konflikts, die Kriegsbedingungen und die Waffen. Tatsächlich stand jede uns bekannte Veränderung in der militärischen Ausrüstung im Einklang mit den Veränderungen der Praxiserfahrungen einer Gesellschaft. Die Erfindung des Steigbügels durch die Chinesen (600) verbesserte deren Reitkünste. Dies ermöglichte eine Kriegsführung, in der das Rückgrat der Schlachtformation nicht mehr aus Fußsoldaten, sondern aus berittenen Soldaten bestand. Mechanische Apparate (z. B. das im Jahr 1100 erwähnte Trebuchet) zum Schleudern großer Steine oder anderer Wurfgeschosse verlagerten die Kriegsanstrengungen von umfangreichen Verteidigungsmaßnahmen (die vor dem 14. Jahrhundert erbauten Festungen, Stadtmauern und Burgen) hin zu Offensivstrategien. Das gleiche galt für die Kanonen, die die Türken bei der Eroberung Konstantinopels (1453) einsetzten. Aber nicht die militärische Praxis als solche interessiert uns, sondern ihre Bedeutung für die Sprache und die Schriftkultur.

In einer begrenzten Skala menschlicher Aktivitäten mit vielen autarken, kleinen Gruppen bestand kaum ein Bedarf an organisierter Kriegsführung oder an speziell ausgebildeten Soldaten. Rudimentäre militärische Praxis mit ihren beiden Komponenten von Angriff und Verteidigung wurde erst in einer erweiterten Skala relevant. Diese Entwicklung vollzog sich parallel zur Entstehung der Sprache, besonders der Schrift. Das erwähnte Buch von Sun Tzu und weitere frühe Zeugnisse von Kriegen (in Mythologie, religiösen Werken, Epen und philosophischen Texten) sind hier zu nennen. Diese militärische Praxis vereinte Überlebenstechniken und -werkzeuge, wie zum Beispiel Jagen und die Abgrenzung und Bewachung des Gebiets, das die Nahrung lieferte.