Jenseits der Schriftkultur — Band 4

Part 13

Chapter 13 3,134 words Public domain Markdown

Individuelle Freiheit, für die im Zeichen der Schriftkultur hart gekämpft wurde, zeigt sich bestenfalls konformistisch und opportunistisch. Es ist fraglich, ob der verlorene Gemeinsinn ein fairer Preis für das Recht auf Individualität ist. Millionen von Menschen, die sich vom politischen Diskurs des Hasses haben verführen lassen (im Faschismus, Kommunismus und Nationalismus und durch Rassismus und Fanatismus), haben ihre hart erkämpften Rechte verschwendet, als sie anderen Eigentum, Meinungs-, Glaubens- und sonstige Freiheiten, Würde und schließlich das Leben nahmen. Nach Auschwitz sollte die Politik nicht noch einmal eine Instanz der Schikane und geistiger und moralischer Verzerrung werden. Doch sie wurde es. Und wir alle wissen, mit welchem Opportunismus wir die heutigen Tragödien (Hunger, Unterdrückung, Krankheit, Umweltkatastrophen) durch das politische Entertainment vereinnahmen lassen.

Im Zusammenhang der Skala, die die Schriftkultur kennzeichnete, entwikkelte sich der Gedanke des Nationalstaats. Auch heute versuchen selbst die Nationen, die die politische Integration betreiben, sich als autarke Einheiten zu festigen. Vielleicht werden nationale Grenzen weniger scharf bewacht, aber sie werden als durch die Schriftkultur definierte Grenzen aufrecht erhalten. Wenn Autarkie unerreichbar ist, liegt die Antwort in Expansion. Ideologische, rassenspezifische, wirtschaftliche und andere Argumente werden vorgebracht, um die Politik im Krieg mit anderen Mitteln fortzusetzen. Die zwei Weltkriege haben die auf Schriftkultur basierende Politik auf den Höhepunkt getrieben. Der Kalte Krieg (die erste globale Schlacht) hat diese Politik zu ihrer letzten Krise, jedoch noch nicht ihrem Ende gebracht.

Politische Sprachen

Die praktische politische Erfahrung artikuliert sich im Instrument der Sprache. Vollzieht man vergangene politische Erfahrungen nach, rekonstruiert man auch ihre Sprache(n). Diese Aufgabe ist fast unlösbar, weil die Politik mit jedem Aspekt des menschlichen Lebens verbunden ist: mit Arbeit, Eigentum, Familie, Geschlecht, Religion, Erziehung und Ausbildung, Ethik und Kunst. Die Vielfalt der politischen Erfahrungen entspricht der Vielfalt der pragmatischen Umstände, in denen Menschen ihre Identität finden.

Der Vielzahl der praktischen Erfahrungen entspricht die Vielzahl der politischen Sprachen. Es gibt wohl so viele politische Sprachen, wie es Formen der Selbstkonstituierung in einer Gesellschaft gibt. Aber vor dem Hintergrund dieser Vielfalt steht die Erwartung, daß Wort und Tat übereinstimmen oder daß sie zumindest nicht zu weit auseinander liegen.

Die Vielfalt der politischen Sprachen erweiterte sich erneut, als die Sprachen des politischen Bewußtseins hinzukamen. Wo Werte das Endziel der Politik waren, wurde der Wert der politischen Erfahrung selbst ein Thema. Viele politische Projekte wurden auf dieser selbstreflexiven Ebene verfolgt: Neue Formen der menschlichen Zusammenarbeit und der politischen Organisation, Überlegungen zu Erziehung und Bildung, Vorurteile, Emanzipation und Justiz. Dies erklärt auch, warum sich in der Reihenfolge der praktischen politischen Erfahrungen die Erwartungen nicht gegenseitig aufhoben. Sie akkumulierten vielmehr als Ausdruck eines Ideals, wobei sie sich immer vom jeweils letzten erreichten Ziel fortbewegten. Ohne ein Verständnis für diesen Zusammenhang kann man die innere Dynamik politischer Veränderungen nicht erklären.

Politik jenseits der Schriftkultur kommt nicht aus heiterem Himmel. Sie beinhaltet Erwartungen, die unter verschiedenen pragmatischen Umständen entstanden sind, und sie muß sich Herausforderungen stellen--die wichtigste Herausforderung ist die in der neuen Skala der menschlichen Erfahrung erwartete Effizienz--für die die traditionellen Mittel und Strukturen nicht angemessen sind. Politische Diskontinuität zu akzeptieren oder gar zu verstehen, war schon immer schwer. Revolutionen werden erst gefeiert, wenn sie stattgefunden haben und wenn die neuen Verhältnisse Stabilität suggerieren.

Kann Schriftlichkeit zum Scheitern der Politik führen?

Viel ist darüber geschrieben worden, daß die Sprache der Politik und die politische Realität auseinander klaffen. Das Mißtrauen der Menschen gegenüber der Politik hat einen Höhepunkt erreicht. Rolle und Bedeutung der politischen Führer und Institutionen haben sich offenbar verändert. Die Fähigsten sind nicht unbedingt an der Politik beteiligt. Ihre Selbstkonstituierung vollzieht sich in praktischen Erfahrungen, die lohnender und anspruchsvoller sind als politische Tätigkeit. Politische Institutionen repräsentieren nicht mehr die politischen Vertragspartner, sondern betreiben ihr eigenes Überleben. Die Justiz führt ein eigenes Leben, sie kümmert sich--wie die Öffentlichkeit glaubt--im Namen der Bürgerrechte mehr um die Kriminellen als um die Gerechtigkeit. Steuern stützen extravagante Regierungen und die gesellschaftliche Umverteilung von Reichtum; darin spiegelt sich aber eher ein Schuldkomplex bezüglich vergangener Ungerechtigkeiten als wahre gesellschaftliche Solidarität wider. Statt menschliche Beziehungen zu fördern und die Zukunft in Angriff zu nehmen, flicken sie immer noch die Vergangenheit. Jeder beklagt sich. Aber immer weniger sind bereit, etwas zu tun, weil individuelle Teilhabe und Engagement in der gegebenen politischen Struktur zu nichts führen.

Die meisten Menschen schauen auf eine frühere politische Erfahrung zurück und interpretieren die Vergangenheit im Lichte der Bücher, die sie gelesen haben. Sie sehen nicht, daß der Komplexität der heutigen menschlichen Erfahrung nicht mit den Lösungen von gestern beizukommen ist. Auch die Verfassung der Vereinigten Staaten und die Erklärung der Menschenrechte spiegeln das Denken und den Stil der Schriftkultur wider. Ähnliche Dokumente gibt es in Lateinamerika, Europa, Indien und Japan. Sie sind so nutzlos, wie Geschichte nur sein kann, wenn neue Umstände der menschlichen Selbstkonstituierung sich von den Erfahrungen unterscheiden, die sich in diesen Dokumenten ausdrücken. Revisionismus hilft nicht weiter. Der neue weite Kontext braucht keine hehren Prinzipien, sondern dynamische politische Strukturen und Verfahren. Wenn die Welt sich als eine allseits verknüpfte neu erfindet, hat sie sich von engen Vorschriften und traditionellen Bedeutungen befreit.

Obwohl die Zahl der neu entstehenden Länder immer größer wird (und es ist offen, wieviel hinzukommen), wissen wir von keinem politischen Dokument, das der Unabhängigkeitserklärung, der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte oder dem Kommunistischen Manifest vergleichbar ist. Der Grund hierfür liegt in der Tatsache, daß die Schriftkultur heute eine unangemessene Grundlage für Politik ist. Unsere Kultur ist keine Kultur der Ideen mehr, seien sie religiös oder weltlich. Sie wird von Prozessen, Methoden und Erfindungen gekennzeichnet, die in vielen Zeichensystemen ausgedrückt werden, die eine andere Dynamik als die der Sprache der Schriftkultur besitzen. Die Ideen der Schriftkultur wenden sich an Intellekt, Seele und Gemüt.

Sehr wohl dürfen wir in dieser Zeit des Umbruchs aber Maßnahmen erwarten, die die ungehinderte Interaktion auf dem Markt und in anderen Bereichen menschlicher Selbstkonstituierung (Religion, Bildung, Familie) garantieren. Stetige Globalisierung heißt, daß Stabilität nationaler Wirtschaftssysteme und nationaler Bildungs-, Sport- oder Kunstsysteme genauso bedeutungslos ist wie nationale Grenzen und die theatralischen Inszenierungen der Diplomatie und der internationalen Beziehungen.

Die Dynamik des Umbruchs zeigt sich auch in dem Bestreben vieler Länder, in die globale Wirtschaft integriert zu werden und sich dennoch einen Hauch nationaler Identität zu bewahren oder zu schaffen. Staatliche Souveränität in Form von nationaler Autonomie des Handels, im Finanzwesen oder der Industrie ist eine Illusion. Selbstbestimmung, die immer zu Lasten irgendeiner anderen ethnischen Gruppe geht, erinnert an primitive Stammestriebe. Die Grundstruktur der Schriftkultur spiegelt sich in nationalen Bewegungen und in ihren dualistischen Wertesystemen wider. Die einfache Logik von Gut und Böse, die in einem Vagheitskontext schwerer zu definieren, aber dennoch richtungsweisend ist, bestimmt Koalitionsbildungen, unsere Richtlinien im Umgang mit Migrationsbewegungen und die Verteidigung unserer nationalen Interessen, obwohl ein jeder Integration und freien Markt fordert.

Gleichwohl ist auch die Sprache der heutigen Politik vom heutigen pragmatischen Rahmen geformt. Die Freiheit, die zu propagieren sie vorgibt, ist die der kommerziellen Demokratie: gleiches Recht auf Konsum ist die politische Errungenschaft der jüngeren Geschichte. Die Tatsache, daß die Staaten der Europäischen Union ihre Marktsouveränität aufgegeben haben, bestätigt unsere These. Daß sie immer noch eigene diplomatische Vertretungen und eine eigene Verteidigungs- und Einwanderungspolitik betreiben, bezeugt nur den Konflikt zwischen der Politik der Schriftkultur und einer Politik jenseits davon.

Menschenrechte, die aus natürlichen Zyklen abgeleitet wurden, sind etwas anderes als politische Rechte und Verantwortlichkeiten, die sich aus einem maschinellen Fortschrittsmodell herleiten lassen. Aber beide Quellen unterscheiden sich vom politischen Status der Menschen, die im neuen pragmatischen Rahmen globaler Netzwerke und extremer Aufgabenverteilung eingebunden sind. Man könnte sagen, daß die großen politischen Dokumente der Vergangenheit als Reaktion auf einen unhaltbaren Zustand, nicht aber in Antizipation neuer Möglichkeiten und Erwartungen verfaßt wurden. Diese Dokumente versuchen, in einer Welt relativ autonomer Einheiten--der Nationalstaaten--die widerstreitenden Kräfte, die eher um Ressourcen und Produktivkräfte als um Märkte kämpften, zu vereinigen, zu homogenisieren und zu integrieren. Die darin ausgedrückten Werte sind die Werte der Schriftkultur, für die die aus der Schriftkultur erwachsenen Ideologien eintraten.

Aber vielleicht dokumentieren diese Texte auch noch etwas anderes, z. B. moralische Maßstäbe, die wir im Laufe der vergangenen 200 Jahre offenbar verloren haben; oder kulturelle Maßstäbe für die Gesellschaft und für ihre Politiker, Maßstäbe, die heute kaum noch gelten. Wenn dem so wäre, dann ist der Preis für höhere politische Effizienz der Verlust jeglicher Maßstäbe und der gegenwärtig zu verzeichnende beklagenswerte intellektuelle Zustand der Politik. Die fehlende Wechselbeziehung zwischen der politischen Praxis und ihrer Sprache rührt vom pragmatischen Kontext her, der sich im Zustand der Sprache spiegelt. Während das wirkliche Leben von vielen Sprachen gestaltet wird, dominiert in der Politik immer noch das Ideal der einen Schriftkultur, der einen daraus hervorgegangenen Sprache. Ihre Regeln werden auf Interaktionen und Evaluationen angewendet, die nicht auf die Selbstkonstituierung durch Sprache reduziert werden können.

Politisches Handeln folgt im großen und ganzen Mustern, die für die Schriftkultur charakteristisch sind, obwohl es sich selbst nichtsprachlicher Zeichensysteme bedient: Bilder, Filme oder Videos, neue Netzwerktechniken mit schnellem Informationsaustausch. Die früheren Erwartungen, daß Politiker die Maßstäbe der Schriftkultur erfüllen, werden auf neue politische und praktische Erfahrungen übertragen. Dabei liegen die praktischen Erfahrungen fast aller Menschen heute in Gebieten, in denen die Vergangenheit kaum noch eine Rolle spielt. Die von der Industriegesellschaft entwickelten politischen Prinzipien gestalten noch heute unsere Institutionen und Gesetze, die weitgehend mit ihrem eigenen Erhalt beschäftigt sind.

Weil sich die Bürger heute nicht um ihre eigene Freiheit sorgen müssen, nehmen sie sie als selbstverständlich hin und entziehen sich ihrer staatsbürgerlichen Verantwortung. Sie erwarten von ihren Politikern, daß diese an ihrer Stelle gebildet sind. So kommt es dazu, daß wir einerseits ein politisches Leben erwarten, das sich an Homogenität und einer deterministischen Sicht der sozialen Welt orientiert; andererseits aber zur Bewältigung der Probleme politisches Spezialistentum und Mittel und Methoden fordern, die für heterogene und nicht-deterministische politische Prozesse charakteristisch sind. Diesem Konflikt begegnen wir mit einer Denkhaltung, die das Problem deshalb nicht lösen wird, weil sie das Problem ist.

Die Koordination des politischen Handelns durch schriftkulturelle Sprache und Methoden und die Dynamik einer neuen politischen Praxis jenseits der Schriftkultur passen einfach nicht zusammen. Also scheint es, als würden Institutionen, Normen und Regelungen ein Eigenleben annehmen und ihre eigenen Werte und Erwartungen perpetuieren. Die ihnen eigene Dynamik ist von der Dynamik des politischen Lebens und vom neuen pragmatischen Kontext abgekoppelt. Die unglaubliche Menge geschriebener Sprache (Reden, Artikel, Formulare, Verträge, Regelungen, Gesetze, Abhandlungen) kontrastiert zu den rapiden Veränderungen, die fast jeden politischen Text überflüssig machen, bevor er in den Printmedien oder in den flüchtigen Bits und Bytes der elektronischen Datenverarbeitung erscheint.

Die Wirtschaft hat sich einer tiefgreifenden Umstrukturierung unterzogen oder steht davor. Personalabbau in großem Umfang, flachere Hierarchien und reibungslose Qualitätskontrolle haben die wirtschaftliche Leistung beeinflußt. Aber sehr wenig davon hat die sakrosankten staatlichen Institutionen berührt. In den USA belaufen sich die Ausgaben von 40 Ministerien, 135 Bundesbehörden, die über ein Zivilpersonal von 2,1 Millionen und ein Militärpersonal von 1,9 Millionen Menschen verfügen, auf 1,5 Billionen Dollar pro Jahr. Allein die Kosten für das Umsetzen von Regeln und Anordnungen betragen über 250 Milliarden Dollar jährlich. Um die Steuergesetze erfüllen zu können, müssen Unternehmen und Einzelpersonen fast denselben Geldbetrag aufwenden. Wenn die Wirtschaft so ineffizient wie die Politik wäre, stünden wir vor einer Krise globalen Ausmaßes, deren Konsequenzen niemand absehen kann. In den europäischen Staaten, besonders in Deutschland und Frankreich, sind die entsprechenden Ausgaben--relativ--noch höher.

In den Augen mancher Bürger müßte heute daher eine Unabhängigkeitserklärung mit der folgenden Zeile beginnen: "Uns platzt der Kragen--wir nehmen es nicht länger hin." Aber auch das würde nicht heißen, daß sie wählen gehen. Wenn fünfmal mehr Menschen die vulgäre amerikanische Fernsehserie Married with Children anschauen als sich an den amerikanischen Wahlen beteiligen, wird klar, wie sehr Moral und intellektuelle Qualität von Politikern und Bürgern einander entsprechen. So zynisch diese Bemerkung klingt, sie stellt nur fest, daß das politische Handeln jenseits der Schriftkultur und die politischen Urteilskriterien nicht mehr den politischen Erfahrungen der Schriftkultur folgen.

Ein Staat, der allein auf einer durch Schriftkultur und Sprache genährten Politik beruht, ist auch in der Sprache ge- und befangen. Die in der Sprache ausgedrückten Erfahrungen sind ihrem Wesen nach nicht zwangsläufig demokratisch. Das gilt z. B. für unsere Bezeichnungen von Geschlecht, Rasse, gesellschaftlichem Status, Raum, Zeit, Religion, Kunst und Sport. Wenn sie erst einmal in die Sprache eingegangen sind, leben sie einfach fort und beeinflussen jedes politische Handeln. Die Sprache ist nicht neutral, und noch weniger ist es die schriftkulturelle Praxis. Minderheitengruppen haben völlig zu Recht darauf hingewiesen. Zwar verhindert Schriftkultur nicht jeglichen Wandel; sie läßt Wandel im schriftkulturellen Bereich zu, solange sie auf den praktischen schriftkulturellen Erfahrungen beruhen. Aber wenn die Schriftkultur selbst in Frage gestellt wird, wie es heute zunehmend geschieht, widersetzt sie sich diesem Wandel.

Wenn die Formulierung Verfall der moralischen Werte bedeutet, daß die Politik die Erwartungen der Wähler nicht erfüllt, dann wären die schlimmsten Befürchtungen gerechtfertigt; denn Politiker sind nicht besser und nicht schlechter als ihre Wähler. Aber heute führt nicht mehr die individuelle Leistung zu Erfolg oder Mißlingen. Integrationsformen schaffen neue Formen von Kooperation und Wettbewerb. Solche Prozesse werden von effizienteren Mitteln, d. h. von Aufgabenteilung, Parallelität und gegenseitiger Überprüfung, von Kooperation über Netzwerke, automatischen Planungs- und Managementverfahren usw. betrieben. Sie stehen im Einklang mit den neuen Motivationen. Wenn die romantische Vorstellung, daß die Besten unsere Führer werden, wirklich zuträfe, hätten wir allen Grund, uns über unsere Dummheit zu wundern. Aber tatsächlich ist es irrelevant, wer die politische Führung hat. Der neue Effizienzgrad und das neue erworbene Recht auf Wohlstand verweisen auf eine politische Praxis, die von pragmatischen Kräften gesteuert ist. Solche Kräfte sind vor Ort am Werke und ergeben nur in einem Kontext direkter Effizienz Sinn. Wir sollten sie nicht nur als selbstverständlich ansehen, sondern auch zu verstehen versuchen, wie sie arbeiten und wie man sie lenken kann.

Die Krabben haben pfeifen gelernt

Einige der heutigen politischen Systeme werden als Demokratien angesehen, andere behaupten, es zu sein. Einige gelten als Diktaturen irgendeiner Art, und niemand würde dies als Qualifikation akzeptieren. Aber gleich, welche Bezeichnung man wählt, in all diesen Systemen herrscht die Schriftkultur. Manche halten Schriftkultur und Bildung als für die Demokratie lebenswichtig; aber: die größte Diktatur (der Ostblock) konnte einen hohen allgemeinen Bildungsstand vorweisen. Sie scheiterte, weil die zugrundeliegenden Strukturmerkmale mit anderen Erfordernissen, vor allem pragmatischer Art, kollidierten.

Ein Weltreich, das vierte in der geschichtlichen Abfolge nach dem Osmanischen Reich, Österreich-Ungarn und dem Britischen Empire, zerbrach. Was das Scheitern des Sowjetreichs so wichtig macht, ist die ihm zugrundeliegende Struktur. Die früheren Mitglieder des RGW, die osteuropäischen Staaten, die einst mit der Sowjetunion den Ostblock bildeten, geben eine gute Fallstudie für die an der Dynamik jenseits der Schriftkultur beteiligten Kräfte ab. Während ich dieses Buch schrieb, kam mir ein Ereignis zugute, das wohl kaum je wiederholt wird: Eine feste Struktur menschlichen Handelns, die im Grunde einem leicht veränderten Paradigma der Industriellen Revolution folgte, sich selbst als Arbeiterparadies pries und unter der Illusion eines messianischen Kollektivismus lebte, beharrte auf Schriftkultur als seiner kulturellen Grundlage.

Selbst die schärfsten Kritiker des Systems mußten einräumen, daß das allgemeine Bildungsprogramm zu den historischen Leistungen des Kommunismus zu zählen ist. Weite Teile der Bevölkerung, die vor der Machtergreifung der Kommunisten nicht lesen und schreiben konnte, wurden alphabetisiert. So mangelhaft das Schulsystem vielleicht war, es bot kostenlose und obligatorische Bildung, die wesentlich besser war als das kostenlose Gesundheitssystem. Die Ausbildungsoffensive sollte neue Generationen auf produktive Aufgaben vorbereiten und jede einzelne Person einem Indoktrinationsprogramm unterziehen, das über das mächtige Medium der Schriftkultur ablief. Noch Nikita Chruschtschow erklärte: "Wer glaubt, daß wir die Lehren von Marx, Engels und Lenin aufgeben, täuscht sich gewaltig. Wer darauf wartet, muß warten, bis die Krabben pfeifen können." Als in Rußland die Lenin-Statuen umgestürzt wurden und Marx’ Name gleichbedeutend mit dem Scheitern des Kommunismus wurde, müssen die Menschen seltsame Geräusche von Krustentieren vernommen haben.

Das abrupte und unerwartete Scheitern des kommunistischen Systems ist der unerwartete Beweis für die Hauptthese dieses Buchs. Der Zusammenbruch des Sowjetsystems kann als das Scheitern einer Struktur gesehen werden, die Schriftkultur als ihr wichtigstes Bildungs- und Handlungsprinzip einsetzte und sich darauf verließ, um ihre ideologischen Ziele innerhalb und außerhalb des Blocks zu verbreiten. Nicht die Schriftkultur an sich scheiterte, aber die Strukturen, welche ihr zu eigen sind: begrenzte Effizienz, sequentielle praktische Erfahrungen der menschlichen Selbstkonstituierung in einer hierarchisierten und zentralistischen Wirtschaft; deterministische (somit implizit dualistische) Arbeitsverhältnisse, ein auf dem industriellen Modell der Arbeitsteilung beruhendes Effizienzniveau, eine der zentralen Planung unterworfene Vermittlung; Undurchschaubarkeit, die sich in besessener Geheimhaltung äußerte, und schließlich die fehlende Öffnung für die neue Skala der Menschheit--kurz, ein pragmatischer Rahmen, dessen Merkmale sich in der Schriftkultur zeigen. Tatsächlich unternahm das kommunistische System einiges, um Integration und Globalität zu bekämpfen. Es hielt an bestimmten nationalen und politischen Grenzen fest in der falschen Annahme, daß Isolation einen gesteuerten und geordneten Waren- und Gedankenaustausch zulassen würde; es hielt an der Verbreitung einer Ideologie der Diktatur des Proletariats fest und übte Koexistenz mit dem Rest der Welt in der Annahme, daß diese Schritt für Schritt zu kommunistischen Werten konvertieren würde.

Alle schriftkulturellen Tätigkeiten--und das war fast alles--wurden subventioniert. In keinem anderen Teil der Welt unter keinem anderem Regime wurden so viele Menschen so radikal der Schriftkultur unterworfen. Daß das System scheiterte, sollte niemanden dazu veranlassen, die Leistungen der Menschen zu ignorieren, die unter einem Banner, das ihnen nichts bedeutete, zwangsvereint waren: Große künstlerische Leistungen, Dichtung und Musik, umfangreiche Pflege der Volkskunst, spektakuläre Leistungen in Mathematik, Physik und Chemie brachen unter Terror und Zensur hervor. Als Künstler, Autor oder Wissenschaftler zu überleben hieß, Kreativität zu erzwingen, wo es fast keinen Raum mehr für sie gab. In keinem anderen Regime dieser Erde lasen die Menschen mehr, hörten sie mehr Musik, besuchten sie Museen mit größerer Leidenschaft und sorgten sie füreinander im Familien- und Freundeskreis. Und sie taten es keineswegs nur deshalb, weil sie sonst nichts zu tun hatten.

Es versteht sich von selbst, daß vor allem der Mißbrauch der Sprache (im politischen Diskurs und im gesellschaftlichen Leben) zu der fast einmütigen stillschweigenden Ablehnung des Systems führte, und mehr noch in der stillschweigenden, feigen Komplizenschaft mit ihm. Als die schriftkulturelle Maschinerie des Ausspionierens der Bevölkerung zerbrach, sahen sich die Menschen im unbarmherzigen Spiegel ihres opportunistischen Selbstbetrugs. Zu den historischen Dokumenten gehören nicht nur Solschenizyns Romane, Jewtuschenkos Lyrik und Schostakowitschs Musik, sondern auch das Schreckliche, was Freunde über Freunde, Verwandte über Verwandte kolportiert haben. Die Deutschen waren, von einigen Ausnahmen abgesehen, nicht besser als ihre faschistischen Führer; die Menschen im Sowjetblock waren, von einigen Ausnahmen abgesehen, nicht besser als die Führer, die sie so lange Zeit gewähren ließen.

Aber kein Ostblockexperte und keine Regierung hatten die Dynamik des Umbruchs bemerkt. Das System war wirtschaftlich bankrott, aber militärisch immer noch lebensfähig (wenn auch überschätzt). Die Struktur, in der die Menschen ihr Potential verwirklichen wollten--eines der Ideale des Kommunismus--bot wenig Anreize. Die Dynamik des Systems war dadurch stark beeinträchtigt, daß ein überkommener pragmatischer Rahmen und ein Wertesystem künstlich aufrechterhalten wurden, die für Wandel nicht geeignet waren, insbesondere für den Wandel zur postindustriellen Gesellschaft, wie er sich in der westlichen Welt vollzog.