Jenseits der Schriftkultur — Band 4
Part 12
Verschiedene Tierarten entwickeln ebenfalls Interaktionsmuster, die man als gesellschaftlich bezeichnen könnte, ohne dabei jedoch das hohe kognitive Niveau des homo habilis zu erreichen. Auch sie tauschen Informationen aus, hauptsächlich über Gesten, Geräusche und biochemische Signale. Nahrung aufspüren, Gefahr signalisieren und rudimentäre Formen kooperativer Bemühungen sind im Tierleben dokumentiert. Das macht sie weder zu gesellschaftlichen Wesen, noch bezeichnen wir die angewandten Mittel als Sprache. Politik--in ihrer frühen Form wie auch in den heutigen Manifestationen--ist eine bestimmte Menge zwischenmenschlicher Beziehungen, die sich aus dem bewußten Bedürfnis ergaben, die Praxis der menschlichen Selbstkonstituierung zu optimieren. Die Politik ist nicht gleichzusetzen mit der Rudelbildung von Wölfen, dem Herdentrieb von Rotwild, oder mit den komplexen Beziehungen in einem Bienenstock. Überdies läßt sich Politik nicht allein auf Überlebensstrategien reduzieren, denn die sind auch für einige Primaten und wahrscheinlich auch für andere Tiere charakteristisch.
Die Struktur, die der Praxis zugrundeliegt, durch die Menschen zu ihrer Identität finden, drückt sich in menschlichen Handlungen aus, z. B. dem Herstellen von Werkzeugen, dem Teilen von Nah- oder Fernzielen und dem Eingehen gegenseitiger Verpflichtungen materieller oder geistiger Art. Veränderungen in den Bedingungen der Lebenspraxis bewirken Veränderungen zwischenmenschlicher Beziehungen. Daß die Skala der menschlichen Welten und somit die Skala der menschlichen Lebenspraxis sich verändert, entspricht der Dynamik, in der sich die Spezies konstituiert. Die Anfänge der Landwirtschaft und die Bildung der vielen Sprachfamilien liegen in einer Zeit, in der eine kritische Masse erreicht wurde. An dieser Schwelle war die synkretistische Interaktion der Menschen bereits in gut abgegrenzten Mustern der Lebenspraxis verwurzelt. Der pragmatische Handlungsrahmen formte das beginnende gesellschaftliche und politische Leben und wurde wiederum von ihm stimuliert. Die Politik ergab sich aus der erhöhten Komplexität der menschlichen Interaktionen. Die praktischen gesellschaftlichen und politischen Erfahrungen beziehen sich auf Arbeit, Glauben, natürliche und kulturelle Unterschiede, auch auf geographische Faktoren, insofern sich einige Formen der menschlichen Erfahrung aus den Bedingungen der Umwelt ergaben. Daher ist, historisch gesehen, die Politik eng an das wirtschaftliche Leben, an Religion, Rassenzugehörigkeit oder ethnische Identität, geographische Faktoren, Kunst oder Wissenschaft gebunden.
Die der menschlichen Praxis zugrundeliegende Struktur, die das Bedürfnis nach Schriftlichkeit und Schriftkultur bestimmte, determinierte auch das Bedürfnis nach den angemessenen Ausdrucks-, Kommunikations- und Bedeutungsmitteln. Dies zeigt sich in der Politik noch deutlicher, da sie in einen auf Schriftlichkeit basierenden Rahmen eingebettet ist. Folglich sollten sich, sobald sich bestimmte pragmatische Umstände verändern, auch Wesen, Mittel und Ziele der Politik verändern.
Die Permissivität der kommerziellen Demokratie
Der Zustand der Politik in einem pragmatischen Rahmen von Nichtsequentialität, nichtlinearen funktionalen Abhängigkeiten, Nichtdeterminismus, dezentralisierten, nichthierarchischen Interaktionsformen und beschleunigter Dynamik, extremem Wettbewerbsdruck--d. h. in einem Rahmen jenseits der Schriftkultur--entzieht sich gegenwärtig jeglicher Bestimmung. In Fluß beschreibt die derzeitige politische Praxis angemessen. Wir erleben einen Konflikt zwischen einer Politik, die in einem immer noch auf Schriftlichkeit basierenden pragmatischen Rahmen verankert ist, und einer Politik, die von Kräften geformt wird, die über den Praxisrahmen der Schriftkultur hinausdrängen. Dieser Konflikt wirkt sich auf den gegenwärtigen Zustand der Politik und das politische Handeln aus. Er wirkt sich auf alles aus, was mit dem Generationenvertrag und seiner Umsetzung zusammenhängt: auf Bildungswesen, Demokratisierung, auf die Praxis der Justiz-, Verteidigungsund Sozialpolitik sowie die internationalen Beziehungen.
Die die gegenwärtigen politischen Erfahrungen betreffenden Veränderungen sind von einer starken Dynamik erfaßt, die den Umbruch von einer auf Industrie gründenden Volkswirtschaft zu einer globalen informationsverarbeitenden Dienstleistungsgesellschaft betreibt. Damit einher geht der Übergang von der durch Mangel gekennzeichneten Wirtschaft (in der gehortet und gespart wird) zu großen, integrierten, kommerziellen Wirtschaftsstrukturen mit freiem Zugang zu (oder gar mit Anspruch auf) Konsum und Wohlstand. Diese Wirtschaftsform nimmt Einfluß auf das Individuum, das nicht mehr Selbstbeherrschung oder Verzicht, sondern die Permissivität der kommerziellen Demokratie übt. Folglich reagiert man auf politische und gesellschaftliche Problemen mit epikureischer Lebensweise, die in gar nicht allzu ferner Vergangenheit den Reichen und Mächtigen vorbehalten war: Rückzug aus dem öffentlichen Leben, Hingabe an die Lust des Konsums, der Unterhaltung, des Reisens und des Sports. Die Politik selbst wird, wie Aldous Huxley es in seiner Beschreibung der Schönen neuen Welt vorhersagte, zur Unterhaltung oder zu einem weiteren Wettbewerbsfaktor, nicht so weit entfernt vom Geist und Buchstaben der Börse, des Auktionshauses oder des Spielkasinos.
Die politische und gesellschaftliche Teilhabe an der permissiven Demokratie ist in vielen Formen des Aktivismus kanalisiert, die alle eine Akzentverlagerung von einer autoritätsverhafteten Politik hin zu größerer Wahlfreiheit ausdrücken. Die neuen, die Interaktivität betonenden elektronischen Medien kennzeichnen die Abkehr von einem positivistischen Prüfen von Tatsachen (das aus der Wissenschaft abgeleitet wurde und sich auf das gesellschaftliche und politische Leben erstreckte), zu eher relativistischen Erwartungen von einer erfolgreichen Darstellung in öffentlichen Meinungsumfragen, in politischen Festakten und in dem Bild, das wir uns von uns selbst und anderen machen. Die Macht der Medien ist längst schon größer als die der Politik.
Damit ist der Prozeß noch nicht erschöpfend beschrieben. Aber wir erkennen doch, wie bestimmte Formen des Aktivismus--von (feministischen, ethnischen und sexuellen) Emanzipationsbewegungen bis zu neuen Interessengruppen, die sich über Herkunft, Lebensstil oder ein bestimmtes Engagement definieren--Politik in ihrer älteren und neueren Form zur Beförderung ihrer eigenen Programme betreiben. Offenheit, Toleranz, das Recht auf Experimente, Individualismus, Relativismus sowie bestimmte Interessengruppierungen sind alle ihrem Wesen nach insofern illiterat, als sie die strukuralen Merkmale der Schriftkultur ablehnen und erst in einem Umfeld jenseits der Schriftkultur möglich wurden. Einige dieser Bewegungen sind immer noch vage konturiert, sind jedoch Teil der politischen Tagesordnung. Die Schriftkultur bezieht sich bei ihrer Suche nach Argumenten für ihr eigenes Überleben häufig auf Gründe, die aus Erfahrungen hervorgingen, die sie verneinen.
Der Einfluß neuer praktischer Erfahrungen der Selbstkonstituierung über digitale Netzwerke hat diese Erfahrungen schon zu Alternativen gemacht, ungeachtet dessen, wie begrenzt die Einbindung eines Individuums in sie ist. Aus der Interaktion im einzig uns bekannten unzensierten Medium gewinnt eine andere politische Erfahrung an Gestalt. Hier zählen nicht anonyme Wähler, die zu Mehrheiten ohne sonderliche Wirkung zusammengeschlossen werden, sondern Individuen, die bereit sind, sich an konkreten Entscheidungen zu beteiligen und in den von ihnen gebildeten virtuellen Wahlgemeinschaften an der politischen Maschinerie teilhaben, die den nächsten bedeutungslosen Präsidenten hervorbringt. Das führt zu einer anderen politischen Dynamik, die sich auf das Individuum konzentriert, zu effizienteren Formen praktischer politischer Tätigkeit. Es gibt in dieser Hinsicht keine Wunder zu vermelden. Aber zweifellos darf das Internet den Fehlschlag des Versuchs von 1991, die politische Uhr in Rußland zurückzudrehen, und einen Einfluß auf Ereignisse in China, Osteuropa und Südamerika für sich verbuchen.
Wie ist es dazu gekommen?
Rückblickend können menschliche Beziehungen durch die ablesbaren Wiederholungsmuster beschrieben werden. Unterschiede in den Erfahrungen der Selbstkonstituierung treten unter dem Druck höherer Effizienzerwartungen auf. Beziehungen mit einer politischen Komponente, also mit gemeinsamen Anstrengungen und mit gemeinsamem Ertrag und gemeinsamer Verantwortung, sind seit der synkretistischen Phase der menschlichen Tätigkeit belegt. In dem durch Unmittelbarkeit gekennzeichneten synkretistischen pragmatischen Handlungsrahmen gibt es keine politische Dimension. Die politische Identität beginnt--wie jede andere Form der menschlichen Selbstkonstituierung--mit dem Bezug auf die Natur: Die Stärksten, die Schnellsten, die Reaktionsstärksten werden als Führer anerkannt. Die Mächtigsten sind erfolgreich für sich selbst. Dieser Erfolg überträgt sich auf das Überleben: mehr Nahrung, mehr Nachkommen, Unverwüstlichkeit, die Fähigkeit, Gefahren zu entkommen. Sobald man das Natürliche vermenschlichte, wurden die Qualitäten, die einige Individuen vor anderen auszeichneten, im Bereich der Natur und der menschlichen Natur anerkannt. Als Stammeshäuptlinge, geistige Führer oder Priester übernahmen sie politische Funktionen und bestätigten die Gründe, die ihnen ihre Autorität verliehen hatten. Mit der Zeit verloren natürliche Qualitäten ihre bestimmende Rolle. Die spezifischen menschlichen Merkmale, vor allem intellektuelle Qualitäten, kommunikative Fähigkeiten, Management- und Planungsfertigkeiten wurden immer wichtiger. Moderne Politiklehrbücher gehen auf die natürlichen Fertigkeiten gar nicht mehr ein, sondern konzentrieren sich auf die Regierungskunst oder -wissenschaft, auf politische Gerissenheit und List.
Die Veränderungen von den partizipatorischen Formen des politischen Lebens, in dem Solidarität wichtiger ist als Unterschiede zwischen den Menschen, zu den für unsere heutige Zeit charakteristischen Formen der persönlichen und politischen Abgrenzung voneinander, haben stattgefunden, weil die menschliche Praxis sie notwendig machte.
Die Politik war und ist nicht das passive Ergebnis dieser Veränderungen: Einige hat sie gefördert, andere bekämpft. Der Überlebenstrieb hinter den partizipatorischen Formen wurde ständig neu definiert und führte zu einer anderen Art der Bestätigung: nicht nur besser sein als die anderen Gattungen, sondern besser als unsere Vorgänger, besser als andere. Der Wettbewerb verlagerte sich vom natürlichen Umfeld--Mensch gegen Natur--in den menschlichen Bereich. Sobald der Vergleich mit anderen oder die Beurteilung durch andere etabliert waren, entstand eine Hierarchie. Die schriftlich festgehaltene Hierarchie wurde mit dem Entstehen von Notationssystemen und mehr noch mit dem Beginn der Schrift eine wichtige Erfahrungskomponente, eines ihrer strukturierenden Elemente. Die am Hier und Jetzt orientierte Unmittelbarkeit wurde ersetzt durch einen sich über Generationen hinweg erstreckenden und zwischen verschiedenen Gesellschaften abspielenden Handlungsraum.
Denn solange das menschliche Handeln relativ homogen war, bestand keine Notwendigkeit zum politischen Delegieren oder zur Verdinglichung politischer Ziele in Regeln und Organisationen. Mit der Diversifikation von Aufgaben wurde Integration erforderlich, zu der Riten, Mythen, Religion, Verteilen von Pflichten und Führungsstrukturen beitrugen. Die Menschen brachten nicht nur mehr von ihrer Vergangenheit in heute praktische Erfahrungen ein, sondern sie begannen auch, ihre Bemühungen aufzuzeichnen und deren Angemessenheit zu bewerten, und damit auch die Angemessenheit ihrer eigenen Politik. Die auf Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gerichtete Aufmerksamkeit gestattete es ihnen, sich der Unterschiede zwischen pragmatischen und politischen Erfahrungen und allen anderen Erfahrungen (Magie, Mythos, Religion) bewußt zu werden. Unter den Voraussetzungen einer zentralisierten, synkretistischen Autorität war dies ein schwieriges Unterfangen. Das Natürliche, Magische, Religiöse, Logische, Wirtschaftliche und Politische gingen ineinander über. Praktische Erwartungen erwiesen sich als das eigentlich kritische Moment. Das Anflehen unbekannter Mächte um Regen, Jagderfolg oder Fruchtbarkeit unterschied sich von den Erwartungen, die hinsichtlich der Einheit von Arbeit und Leben artikuliert wurden. Zunächst waren diese Erwartungen unterschiedlich und ungenau. Sie wurden zunehmend präziser, es entstand ein Verantwortungsgefühl, das auf greifbaren Ergebnissen und Vergleichen beruhte.
Während die Selbstkonstituierung die Projektion individueller Merkmale (biologischer, kultureller Art) auf eine gegebene praktische Erfahrung darstellt, ist die politische Praxis zu einem großen Teil eine Projektion von Erwartungen. In jedem entscheidenden Zeitpunkt der praktischen Erfahrung wird die vorherige Erwartung weitergegeben, wenn neue Erwartungen aufkommen. Entsprechend wird erwartet, daß eine politische Führergestalt tatsächlich oder kraft ihrer Autorität natürliche Qualitäten, kognitive und kommunikative Fähigkeiten (Rhetorik) sowie andere Vorzüge aufweist. Wenn diese Erwartungen in spezifische Funktionen (Stammeshäuptling, Richter, Heerführer, gewählter Gesetzgeber oder herausgehobenes Mitglied der Exekutive) und in politische Institutionen übergehen, ist die Projektion nicht mehr die eines Individuums, sondern die Projektion der den ausgesprochenen Zielen, Mitteln und Werten verpflichteten Gesellschaft. Ob tatsächlich jeder Stammesführer der Schnellste, jeder Richter der Objektivste, jeder Heerführer der Tapferste oder jeder Gesetzgeber der Klügste war, wurde nach ihrer politischen Anerkennung fast irrelevant. Dieser Aspekt wird im Kontext der Schriftkultur bedeutsam. Er wird entscheidend im Übergang vom pragmatischen Rahmen der Schriftkultur zu einem pragmatischen Rahmen, in dem die Merkmale der Schriftkultur nur hinderlich sind.
Politische Institutionen, die in den Voraussetzungen der Schriftkultur fest verankert sind, debattieren immer noch darüber, ob Telekommunikation akzeptabel und Telehandel sicher sei oder ob Telebanking im nationalen Interesse liege. Während diese Debatten andauern und antiquierte Steuergesetze gelten, greifen die neuen praktischen Erfahrungen in der globalen Wirtschaft. Sich ausweitende Netzwerke verändern das Wesen der menschlichen Transaktionen z. B. dahingehend, daß immer weniger Menschen wählen, weil sie wissen, daß die Funktion dieser Wahlen--nämlich eine (Aus-) Wahl zu treffen--politisch bedeutungslos ist. Die Politik muß den Individuen nähergebracht werden, und diese Notwendigkeit kann nur in Strukturen verwirklicht werden, die dem Individuum mehr Macht statt einer sinnleeren Repräsentation geben.
Politische Tätigkeit schuf Normen, Institutionen, Werte und gesellschaftliches Bewußtsein. Niemand kann behaupten, daß Politik eine harmonisierende Tätigkeit ist; das Zusammenleben mit anderen, das Eingehen von Verträgen und das begrenzte Verfolgen individueller Ziele bedeutet, im ständigen Kompromiß zu leben. Politische Erfahrungen schaffen in unterschiedlichem Ausmaß Fähigkeiten, Kompromissen Leben und Legitimität zu verleihen. Die Sprache ist das Blut, das durch die Adern des zoon politikon fließt. Wenn sie von der Schrift gezähmt ist, steckt diese Sprache ein sehr genaues Gebiet des politischen Lebens ab. Der Herzschlag des gebildeten zoon politikon entspricht einem Lebens- und Arbeitsrhythmus, der von der Schriftkultur gesteuert wird. Der beschleunigte Rhythmus, der in einer neuen Erfahrungsskala notwendig wurde, erfordert die Befreiung der politischen Sprache von der Schriftkultur und die Partizipation vieler Spezialsprachen an der politischen Erfahrung.
Es wird kaum überraschen, daß von Politikern durch die Generationen hindurch hohe Sprachfertigkeiten erwartet wurden, auch dann, wenn sich der Status der Sprache veränderte. Ungeachtet der einer bestimmten Sprache eigenen Möglichkeiten und der spezifischen Form der politischen Praxis ist der effektive Gebrauch wirkmächtiger Ausdrucks- und Kommunikationsmittel unabdingbar. Sogar schriftunkundige Könige oder Kaiser galten im Vergleich zu denen, die schriftkundig waren, als die besseren Autoren. Sie diktierten gewöhnlich einem Schreiber, der den Eindruck weitergab, daß die Herrscher übersetzten, was ihnen höhere Mächte eingaben. Bestimmte Bücher wurden politischen Führern zugeschrieben; Siege in Kriegen wurden ihnen genauso zugeschrieben wie den militärischen Führern. Gesetzbücher trugen ihren Namen, und sogar Wunder wurden ihnen zugeschrieben, wenn sich die Politik mit Magie und Religion verband (wobei sie oft das eine gegen das andere ausspielte). All dies und vieles mehr sind Projektionen von Erwartungen.
Die spezifischen Erwartungen der Schriftkultur bestätigen die mit ihren Merkmalen assoziierten Werte. Politik, Ideale der Aufklärung und die Industrielle Revolution können nicht getrennt voneinander gesehen werden. Erwartungen der Beständigkeit, Universalität, Vernunft, Demokratie und Stabilität waren alle Bestandteil der politischen Erfahrung. Die Schriftkultur förderte neue Formen des politischen Aktivismus und ließ neue Institutionen entstehen. Das Bewußtsein von Grenzen zwischen Kulturen und Sprachen nahm zu. Der Zentralismus setzte sich durch, und Hierarchien--zurückhaltend oder heimtückisch--wurden mit Hilfe des mächtigen Instruments der Sprache etabliert. In diesem Kontext umriß die politische Erfahrung ihren eigenen Bereich und ihre eigenen Effektivitätskriterien, die sich von denen in den alten Stadtstaaten oder des Feudalismus unterschieden. Der Berufspolitiker trat an die Stelle ererbter Macht. Die Politik öffnete sich der Bevölkerung und bestätigte Toleranz, Achtung vor der Person und die Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz. Politische Funktionen wurden designiert und politische Institutionen gebildet. Regeln für deren gutes Funktionieren wurden schriftlich fixiert. Das Bündnis zwischen Politik und Schriftkultur sollte sich schließlich in eine inzestuöse Liebe verwandeln; doch bevor das geschah, mußten sich politische Erfahrungen in den damaligen Revolutionen zunächst endgültig emanzipieren.
Diese Errungenschaften gebührend zu würdigen, war nicht leicht. Sie wurden auch getrübt durch die aus früheren politischen Zusammenhängen übernommenen Vorurteile (bezüglich Geschlecht, Rasse, Religion und Eigentum). Wir müssen aber anerkennen, daß die politische Praxis eine entscheidende Rolle dabei spielte, die Effizienz eines pragmatischen Rahmens zu erhöhen, der die Schriftkultur endgültig etablierte. Damals wurden die Bildung und der Zugang zu ihr in ihrer politischen Bedeutung erkannt und in Einklang mit den Effizienzerwartungen verfolgt, die zur Industriellen Revolution führten. Der Prozeß war alles andere als universell. Die westliche Welt übernahm hier die Vorreiterrolle. Ihre politischen Institutionen förderten Investitionen aller Art, und Erziehung und Bildung waren solche Investitionen.
Politische Institutionen spiegeln die Lebenspraxis des Bürgers wider und zugleich ihre Lebens- und Arbeitserfahrungen. Während der Begriff Analphabetentum wohl zum ersten Mal 1876 in einem englischen Text auftauchte, betraf dieses Phänomen 1880 nur ein Prozent der deutschen Bevölkerung. Mit "Heil dem König, heil dem Staat / Wo man gute Schulen hat!" ließ man König und Staat hochleben. Damals erfand Thomas Alva Edison die Glühbirne (1879) Alexander Graham Bell das Telefon (1876 patentiert), Nikolaus Otto den Viertaktverbrennungsmotor (1876) und Nikola Tesla den Wechselstromgenerator (1884). Aber Leo Tolstoi wußte, als er Krieg und Frieden schrieb, daß nur ein Prozent aller Russen lesen konnte. In vielen anderen Teilen der Welt sah es nicht viel besser aus. Es war eine Zeit, in der die Alphabetisierung buchstäblich ein Instrument der politischen Diskriminierung war. Auf die Ungebildeten, die Analphabeten, blickte man verächtlich herab, ebenso wie auf Frauen (einigen wurde Lesen, Bildung und Studium untersagt) und Nationen, die als unwissend und moralisch minderwertig galten (Rußland gehörte dazu).
Die zunehmende Bedeutung der Wissenschaft und der Gebrauch effektiver technischer Mittel, die sich in der Beherrschung der Natur zeigten, beeinflußten das politische Wesen der Staaten und die Beziehungen zwischen den Nationen. Rationalität war die Grundlage der Legalität; der Staat bekam Priorität vor den Individuen--ein unmittelbarer Ausdruck seiner schriftkulturellen Anlagen. Regeln galten für alle gleich (es wurde in ein effektives "Alle sind gleich" übersetzt, was sich allerdings von den leeren Formeln populistischer Bewegungen unterschied). Die Rationalität leitete sich aus der Schriftkultur ab. Effektiv zu sein hieß, die zu beherrschen, die weniger effektiv waren (Bürger, Gemeinschaften, Nationen).
Die politische Institution ist eine Maschine; eine von vielen im pragmatischen Rahmen der Industriellen Revolution. Sie machte immer nur eine Sache zu einer Zeit, und ein Teil der Maschine mußte nicht unbedingt wissen, was der andere gerade tat. Zwischen Input und Output wurde Energie verbraucht, und was herauskam--politische Entscheidungen, Sozialpolitik, Vorschriften--war die Massenproduktion von etwas, worüber die Gesellschaft verhandeln konnte: Schmieren vermindert Reibung. Parteien wurden gebildet, politische Programme formuliert und der Zugang zur Macht für viele geöffnet. Zwei Voraussetzungen galten: Die Menschen sollten in der Lage sein, ihre Meinung über Themen des öffentlichen Interesses zu formulieren, und sie sollten in der Lage sein, den politischen Prozeß zu überwachen, womit sie die Verantwortung für ihre politischen Rechte übernahmen. Diese zwei Voraussetzungen führten zu einem Verständnis von Demokratie und Freiheit, das schließlich die Grundlage der liberalen Demokratie wurde. Sie bestätigten auch die schriftkulturellen Erwartungen, daß Demokratie und Freiheit--wie die Schriftkultur selbst--universell und ewig sind.
Diese Politik schlug sich mit ihren eigenen Waffen. Diktaturen (linke und rechte), Nationalismus, Rassismus, Kolonialismus, katastrophale Kriege und die gleichmachende Mittelmäßigkeit der Bürokratie haben die großen Hoffnungen vom Höhepunkt des schriftkulturell inspirierten politischen Handelns auf den Tiefpunkt der heutigen zynischen Indifferenz gebracht. Statt der Partizipation der Menschen am politischen Prozeß und statt Mitverantwortung sehen wir den korrupten Sozialstaat mit der allgegenwärtigen hedonistischen Hingabe an Spaß und Unterhaltung. Die Komplexität der politischen Erfahrung verhindert sogar die symbolische Partizipation der Menschen an der Regierung. Freiwillige Arbeit und Wahlen, ein Recht, für das die Menschen mit einer Leidenschaft gekämpft haben, die nur noch durch ihre jetzige Gleichgültigkeit übertroffen wird, haben ihre Bedeutung verloren. Es fehlt das Feedback, das die Motivation zur politischen Mitverantwortung stärken könnte. Und offenbar hat die Forderung von Gleichheit und Freiheit einen so kleinen gemeinsamen Nenner gefunden, daß die Politik nur noch Mittelmäßigkeit verwalten, nicht aber Exzellenz fördern kann. Von allen Funktionen der nationalen Einheit als Verkörperung der politischen Selbstkonstituierung ist scheinbar nur noch die Funktion der Umverteilung erhalten geblieben.