Jenseits der Schriftkultur — Band 3
Part 6
Der primitive synkretistische Mensch war (und ist in gegenwärtigen primitiven Kulturen noch immer) in eine praktische Erfahrung eingebunden, die er als Ganzheit erfuhr: natürliche Veranlagung, Beziehung zur natürlichen Umwelt, erlernte Fähigkeiten und Wissen, Gefühle (wie Furcht, Freude, Trauer). Der spezialisierte Mensch konstituiert sich in partiellen Erfahrungen. Gemeinsam ist beiden gleichwohl die natürliche Bedingung ihres Handelns. Der Unterschied zwischen beiden liegt in den entwickelten Überlebens- und Selbsterhaltungsstrategien, die von unmittelbaren Bedürfnissen und direktem Handeln zu vermenschlichten Bedürfnissen und vermittelter Handlung verlaufen. Eine begrenzte Menge von Optionen (etwa der Art "wenn hungrig, such Nahrung") wird ersetzt durch eine Vielfalt von Optionen, die schließlich zu der den Menschen eigenen heuristischen Natur führt. Homo sapiens ist mithin dadurch gekennzeichnet, daß er nach Optionen sucht. Der Mensch ist kreativ und effizient.
Es mag sein, daß die menschliche Sprache angeboren ist (wie Chomsky glaubt). Für die heuristische Dimension des Menschen gilt dies ganz gewiß. Die Auswahl der Mittel (die Bestimmung des Wie) läßt auf das erstrebte Ziel schließen und auch auf das Bewußtsein von dem, was möglich ist, sowie das Bemühen, den Bereich des Möglichen zu erweitern. Das eigentliche Bestreben liegt nicht darin, die Lebensumstände unverändert zu lassen, sondern den Bereich der Möglichkeiten zu erweitern und mehr als nur das Überleben zu garantieren. Dieses Bemühen nennen wir gemeinhin Fortschritt.
Unser einleitender kurzer Überblick über die Geschichte der Schrift hat gezeigt, daß die gleiche heuristische Strategie der Entwicklung der Schriftkultur zugrundeliegt. Vor der Entwicklung unseres Alphabets in seiner heutigen Form gab es eine Reihe weniger optimaler Schriftsysteme, deren konkrete Natur nur eine eingeschränkte Expressivität erlaubte. Alle Sprachalphabete in ihrer heutigen Form gingen aus einer langen Geschichte hervor, deren wesentliche Antriebskraft das Streben nach Optimierung war: Arbeitspraxis beeinflußte die Ausdrucksweise, die Ausdrucksweise schuf neue Rahmen für die Arbeitspraxis, und gemeinsam entwickelten sich auf diese Weise Erklärungsmodelle für die Welt. Das Was und das Wie im Bereich der Sprachhandlung besaß ursprünglich einen Komplexitätsgrad, der dem Komplexitätsgrad der in ihr zum Ausdruck gebrachten Handlungen entsprach. Im Verlauf ihrer Entwicklung gewannen die Sprachen jeweils die Komplexität der heuristischen Erfahrung, während die Handlungsformen einfacher wurden.
In solchen Vermittlungsmechanismen, die von einem höheren Abstraktionsgrad als die Sprache sind, erreichte die Dimension des Was und des Wie eine noch größere Komplexität. Diese spiegelte sich in dem Unterschied wider, der zwischen der Größenordnung der menschlichen Arbeit und derjenigen des Ergebnisses bestand, insbesondere in den bereitgestellten Wahlmöglichkeiten. In dem Maße, in dem der Mensch als Individuum seine synkretistische Natur preisgeben mußte, verzeichnen wir als Parallelentwicklung die Entstehung eines kompositen Synkretismus der Lebensgemeinschaft. Eine relativ stabile individuelle Ganzheit wurde durch eine auf die Lebensgemeinschaft bezogene, sich gleichwohl immer schneller verändernde Ganzheit ersetzt. Die Spracherfahrungen waren in diese Verlagerung einbezogen. Der Mensch, der sich durch den Sprachgebrauch in der Welt konstituierte, erkannte seine soziale Dimension, welche ja ihrerseits ein Beispiel für die im Verlauf seiner Entwicklung erreichte Ausdifferenzierung seiner Optionen ist.
Die heuristische Natur des Menschen äußerte sich in dem Augenblick, in dem sich die Überlebensstrategien des Menschen aus ihrer unmittelbaren Bindung an die natürlichen Zyklen lösten: Wenn sich z. B. die Zahl der Tiere, die auf eine bestimmte Beute Jagd machen, erhöht, so wird die gejagte Gruppe entweder neue Überlebensstrategien suchen oder in einem absehbaren Zeitraum nicht mehr als Nahrung zur Verfügung stehen. Der Mensch hingegen verfolgte andere Strategien. Statt sich auf wenige Methoden der Nahrungsversorgung zu konzentrieren, diversifizierte er seine praktischen Erfahrungen der Selbstkonstituierung und des Überlebens und erschloß sich vielfältige Ressourcen. Der homo habilis entwickelte in einem präagrikulturellen Handlungsrahmen mannigfaltige Formen der Jagd, der Fischerei, der Nahrungsmittelsuche. Während das begrenzte Nahrungsangebot bei allen anderen Gattungen drastische Wachstumskontrollen zur Folge hatte, entwickelte allein der Mensch eine Fähigkeit, die Palette seiner Ressourcen zu erweitern. Im Verlauf dieser Entwicklung wurde das menschliche Wesen zu einem arbeitenden Wesen, und die Arbeit wurde zum eigentlichen Wesensmerkmal der Gattung.
Spracherwerb und der Übergang von den natürlichen Erfahrungen der Selbstkonstituierungen im Überlebenskampf zu den praktischen Erfahrungen in der Arbeit verlaufen parallel. Mit jeder neuen Skala, in der sich der Mensch wiederfand, entfernten sich die menschlichen Arbeitsabläufe von dem einfachen Muster von Aktion/Reaktion. Wir haben in verschiedenen Zusammenhängen gezeigt, daß sich mit der Entwicklung von Zeichenverwendung zu frühen Sprachformen und von frühen Sprachformen zu fest etablierten sprachlichen Ausdrucksmitteln die Skala der Menschheit erweitert und sich eine Grundstruktur der Lebenspraxis durchgesetzt hat, die mit Sequentialität, Linearität, Determinismus und Zentralismus einen neuen pragmatischen Handlungsrahmen setzte.
Die Schriftfähigkeit wurde relativ spät erworben und ergab sich aus dem Prozeß der Arbeitsteilung. Dieser Prozeß war seinerseits gebunden an die Diversifikation der Ressourcen und praktischen Erfahrungen, die den Synkretismus auf der Ebene der Lebensgemeinschaft bewahrte. Nicht jeder schrieb, nicht jeder las. Der neue Handlungsrahmen erforderte Ordnungsprinzipien, Methoden der Aufgabenverteilung und der Überprüfung der Aufgaben, einen gewissen Zentralismus und, vor allem, Organisationsformen, die weitgehend von der Religion und den Regierungsinstanzen gestaltet wurden. Unter diesen Bedingungen galt alles als Arbeit, was die Identitätsfindung, das Überleben, die Veränderung und den Fortschritt der menschlichen Gattung förderte. Das drückte sich in dem Maße in Sprache aus, in dem es ausgedrückt werden mußte. Mit anderen Worten: Auch die Sprache ist Teil des menschlichen Bemühens, Optionen und Ressourcen zu diversifizieren.
Eine begrenzte Vermittlung durch Sprache und Schriftlichkeit wurde nötig, um die Abstimmung von Bedürfnissen und Möglichkeiten zu optimieren. Die Vermittlung nahm dabei ihrerseits den Charakter von Arbeit an. Fragen waren zu stellen und zu beantworten, Verpflichtungen waren einzugehen, Äquivalenzen herzustellen. Alle Tätigkeiten waren darauf ausgerichtet, die verfügbaren Ressourcen zu nutzen und durch neue zu ergänzen. Die jeweiligen Zeichenprozesse mußten mit der jeweiligen Entwicklung der Produktivität, der Verfügbarkeit von Ressourcen und dem daran geknüpften Planungsbedarf Schritt halten. Die Einführung des Geldes markierte z. B. die nächste abstraktere Vermittlungsebene, die die unmittelbaren Lebensbedürfnisse in eine vergleichende Skala von Maßnahmen übersetzte, die diese Bedürfnisse befriedigen konnte. Der Zusammenhang, in dem sich Warentausch abspielte, führte zur Verwendung des Geldes, welches später selbst zu einer Ressource, einer Ware auf höchster Ebene wurde. Wie jede Vermittlungsform entwickelte auch das Geld eine eigene Sprache. Mit dem Aufkommen von universellen Austauschmitteln, wie Sprache eines ist, entwickelten sich das Was und das Wie der menschlichen Tätigkeit noch weiter auseinander. Direkter Handel nahm indirekte Formen an. Die Bedürfnisse wurden nicht mehr durch die zufälligen Angebote eines Marktes gestillt. Der Markt verwandelte sich zunehmend in ein Organisationsmittel, für dessen Abläufe und für dessen Erweiterung die Sprache zu Diensten war. In diesen Formen des Marktes war Sprache noch immer rudimentär, direkt, mündlich, an den unmittelbaren Ausdruck gebunden und oft genug in dem Augenblick verbraucht, in dem sich die Ressource oder die Option erschöpft hatte (sofern keine Alternative entwickelt wurde). Das gilt auch heute noch.
Später erst entwickelte die Sprache ihre Möglichkeiten, Sachverhalte aufzuzeichnen, Transaktionen auszuführen, Pläne zu entwickeln und neue Erfahrungsbereiche zu erschließen. Die Logik dieser Sprachform objektivierte gewissermaßen die Logik der menschlichen Tätigkeit. Sie ergänzte die angeborene heuristische Veranlagung des Menschen. Die Interaktionsformen des Marktes und die zunehmenden Effizienzerwartungen verliehen der menschlichen Tätigkeit vermitteltere Formen. In jenen lange zurückliegenden Zeiten, in denen die ersten Sprachformen Kontur gewannen, vermehrte sich die Zahl der Werkzeuge, bis schließlich diese Werkzeuge zusammen mit anderen Hervorbringungen des Menschen über ihre Funktion als Hilfsmittel hinaus ihrerseits zu Handelsobjekten wurden. Als vermittelndes Element zwischen dem Hersteller und dem Hergestellten war das Werkzeug Arbeitsmittel und zugleich Ziel: Bessere Werkzeuge erforderten eine Unterweisung derer, die sie benutzten. Der angemessene Gebrauch wiederum erhöhte die Effizienz der Arbeit und den Markterfolg der Produkte. Bei der Ausfächerung der praktischen Erfahrungen spielten diese Werkzeuge eine ähnliche Rolle wie bei der Erweiterung der Lebenserhaltungsgrundlagen. Die Mittel, mit denen Werkzeuge und andere menschliche Produkte geschaffen wurden, ließen weitere Sprachen, etwa das Zeichnen, entstehen, auf welche die frühen Formen der Technik zurückgreifen konnten. In diesem Zusammenhang müssen wir an eine bereits getroffene wichtige Feststellung erinnern: Kein Werkzeug wird einfach nur benutzt. Der Benutzer paßt sich den Bedingungen der Benutzung, dem Werkzeug, an und wird in gewisser Weise selbst zum Benutzten, zum Werkzeug des Werkzeugs. Das gilt gerade auch für Sprache, Schrift und Schriftkultur. Sie wurden entwickelt zur Optimierung der menschlichen Lebenspraxis. Aber die Menschen haben sich auch den Zwängen der von ihnen ersonnenen Erfindung unterworfen.
Am Anfang der Schriftkultur führte die Spannung zwischen einer erzwungenen schriftlichen Präzision--die Nähe der Sprache zum Gegenstand, die sprachliche Benennung nur solcher Gegenstände, die auch Piktogramme darstellen könnten--und einer relativ breit gefächerten mündlichen Sprache zu Konflikten zwischen den Verfechtern der Schrift und den Hütern der Mündlichkeit (wie wir es an den verschiedenen Positionen griechischer Philosophen ablesen konnten). Das Geschriebene mußte vom Gegenstand genauso befreit werden wie der Mensch von einer bestimmten Quelle für Proteine oder Nahrungsmittel. Es mußte zu allgemeineren Ausdrucksformen finden und auf Familien, Typen, Klassen usw. von Gegenständen verweisen können. Mündlichkeit mußte gezähmt und mit Schriftlichkeit in Einklang gebracht werden. Und dieser Zähmungsprozeß konnte sich nur durch Arbeit und durch soziale Interaktion vollziehen. Alle menschlichen Bemühungen, das aus der Arbeit gewonnene Wissen in entsprechende Gegenstände umzusetzen (die das Messen, die Orientierung oder die Navigation erleichterten), legen hierfür ein Zeugnis ab. Die phonetische Schrift als Fortentwicklung der menschlichen Bemühungen zur Optimierung der Schrift konnte die mündliche Sprache besser nachahmen. Persönliche Merkmale, die das Mündliche expressiv gestalteten, und soziale Merkmale, die das Geschriebene mit Merkmalen versahen, die sie näher an das Gesprochene heranführten, werden durch das phonetische System unterstützt. Das theokratische System der Piktographen und die von anderen als demokratisch bezeichnete Sprache der phonetischen Schrift verdienen ihre Namen nur dann, wenn wir beide Sprache als konstitutiv und repräsentativ für die menschliche Erfahrung verstehen. Undifferenzierte Arbeit ist theokratisch. Ihre Gesetze ergeben sich aus dem, was Gegenstand der praktischen Erfahrung ist. Geteilte Arbeit ist trotz ihrer Auswirkungen auf die Integrität derer, die nur einen kleinen Teil des gesamten Arbeitsprozesses ausmachen, ihrer Natur nach partizipatorisch in dem Sinne, daß ihre Ergebnisse von der Leistung eines jeden in diesen Arbeitsprozeß eingebundenen Menschen abhängen. Ausübung und Erfahrung von Sprache und Ausübung und Erfahrung von geteilter Arbeit sind wesensmäßig miteinander verbunden und entsprechen dem pragmatischen Rahmen jener menschlichen Skala, aus der sie hervorgingen. Arbeitsteilung und die Bindung von sehr abstrakten phonetischen Einheiten an sehr konkrete Formen der Versprachlichung menschlicher Erfahrung bedingen sich gegenseitig.
Alternativen
Zur Erklärung der Veränderungen, die von einer allumfassenden Schriftkultur zu einem Stadium jenseits der Schriftkultur geführt haben, rekurrierten wir auf das malthusianische Prinzip (die Bevölkerung wächst geometrisch an, die Quellen für Nahrungsmittel hingegen arithmetisch). Nicht in Betracht allerdings zog Malthus die heuristische Natur des Menschen, d. h. die zunehmende Umsetzung des kreativen Potentials dieser Gattung, das nicht nur seine eigene Natur bewahrt, sondern kraft dieser Kreativität eine eigene nicht-natürliche Natur schafft. Im Prozeß seiner Selbstkonstituierung schafft der Mensch die Mittel für sein Überleben und für zukünftiges Wachstum jenseits der Zirkularität einfacher Überlebensstrategien. Henry George hat im vergangenen Jahrhundert diesen Umstand in einem Vergleich zwischen Raubvögeln und Menschen verdeutlicht: Beide Spezies essen Hühner; aber eine Zunahme von Raubvögeln würde zu einer Verringerung der Zahl von Hühnern führen, während ein Bevölkerungswachstum zu einem Zuwachs der Zahl von Hühnern führt. Obwohl dieses Beispiel viele andere Faktoren, die für das Aussterben von Gattungen oder für die Zahlenverhältnisse von Tieren und Menschen verantwortlich sind, außer acht läßt, verweist es doch auf einen wesentlichen Aspekt der menschlichen Gattung, der mit eben dieser erwähnten Kreativität und einer erweiterten Skala der menschlichen Tätigkeit zu tun hat, aus der heraus die Schriftkultur notwendig erwuchs.
Auch zu der Zeit, als George sein Beispiel formulierte, zeichneten sich Probleme ab, die dem malthusianischen Gesetz zu entsprechen schienen. Holz, Kohle und Öl als Brennstoff für Lampen wurden zunehmend knapper, so wie wir heute einer Erschöpfung vieler unserer Ressourcen (Mineralien, Energie- und Nahrungsmittelressourcen, Wasser usw.) befürchten müssen. Diejenigen, die das Versiegen solcher Ressourcen verkünden, übersehen die Tatsache, daß der Mensch bei allen vorangegangenen Verknappungen Alternativen entwickelte, die er in neue praktische Erfahrungen integrieren konnte. Als im 16. Jahrhundert in England das Holz knapp wurde, entdeckte man die Kohle; im 19. Jahrhundert wurde Kerosin für die Beleuchtung nutzbar gemacht (1859); weitere Kohlevorräte wurden entdeckt; man entwickelte Maschinen mit geringerem Energieverbrauch und zur effizienteren Kohlegewinnung; verschiedene Industriezweige stellten sich auf andere Mineralien ein. Die strenge Abhängigkeit von jahreszeitlichen Zyklen und vom Getreide- und Gemüseanbau wurde zunehmend durch neue Techniken zur Verarbeitung und Lagerung von Lebensmitteln ersetzt. Die neue Lebenspraxis des 19. Jahrhunderts weist die strukturalen Merkmale einer erweiterten Skala der Menschheit auf. Diese betrifft die Natur der menschlichen Arbeit und die Natur der gesellschaftlichen, politischen und staatlichen Organisation innerhalb der sich damals herausbildenden Nationalstaaten. Im Rückblick auf die Dynamik des Wachstums und die Verfügbarkeit von Ressourcen zeigt sich heute, daß mit der Entwicklung von Sprache, von Schreiben und Lesen und schließlich mit der Entwicklung von Schriftkultur und Bildung sowie durch die außerhalb der Sprache liegende Technik ein lebenspraktischer Zusammenhang eingerichtet wurde, der die zunehmende Unausgeglichenheit zwischen Bevölkerungswachstum und Ressourcen ausgleichen konnte.
Unsere heutige Zeit ist in mehrfacher Hinsicht Ausdruck eines Zeichenprozesses, dessen Wurzeln tief in den pragmatischen Zusammenhang zurückreichen, in dem die Schrift entstand. Heute sind Technik und Technologie vorherrschend. Wenn wir diesen Zeichenprozeß von Technik und Technologie, also die Entwicklung des Verhältnisses zwischen an Technik und Technologie gebundener Arbeit und der Sprache, beschreiben wollen, stoßen wir sowohl auf Kontinuität--in Form sukzessiver Reproduktion--und auf Diskontinuität--in der grundsätzlich neuen Natur der gegenwärtigen technischen und technologischen Arbeit. Wir können uns dabei sowohl auf die Verbreitung des auf dem phönizischen Alphabet gründenden Schriftsystems beziehen als auch auf die Sprache des Zeichnens, die die Entwicklung der Technik begünstigte.
Phönizische Händler lieferten Materialien an die Minoer. In der minoischen Bestattungskultur war es üblich, den Bestatteten wertvolle Gegenstände, die den Leistungsstand der damaligen Handwerkskunst widerspiegelten, mit ins Grab zu geben. Diese Gegenstände wurden aus Silber, Gold, Zinn und Blei hergestellt. Aufgrund der gesteigerten Nachfrage nach solchen Metallen war der Markt allmählich erschöpft. Auf der Suche nach diesem Handelsgut mußten die phönizischen Händler immer weitere Wege gehen und bessere Werkzeuge zum Abbau und zur Vorverarbeitung der Mineralien entwickeln. Schrift und Zeichnungen waren in diesen Prozeß der Kompensation zwischen Bedürfnissen und verfügbaren Ressourcen eingebunden, und die fortwährende Suche nach neuen Ressourcen führte automatisch zur Verbreitung von Schrift und Handwerk: Wir müssen diesen Vorgang mithin als Teil der Dynamik bestimmter Wirtschaftsräume sehen.
Wir können nur im Rückblick die Frage beantworten, bis zu welchem Punkt diese die schriftkulturellen und technischen Fertigkeiten einbeziehenden Kompensationshandlungen effektiv waren und wann sie ihren Höhepunkt erreichten, der vermutlich irgendwann im Zeitalter der industriellen Revolution liegt. Gibt es einen Zeitpunkt, in dem die Waagschale zugunsten der technischen Ausdrucks- und Kommunikationsmittel ausschlug? Wenn dies so ist, können wir ihn nicht näher bezeichnen. Als sich aber das Potential der Schriftkultur zur Unterstützung der menschlichen Selbstkonstituierungserfahrungen in einem neuen pragmatischen Zusammenhang erschöpft hatte, wurden neue Mittel notwendig. Ziel des vorliegenden Buches ist es, die Dynamik dieses Umbruchs zu erklären. Dazu gehört gewiß die Technologie, aber nicht als Ursache, sondern eher als Ergebnis der neuen Dynamik.
Der mächtige Strom der breit ausgefächerten Erfahrungen, der durch zahlreiche neue Sprachen einschließlich der Sprache des Designs und der Technik befördert wurde, führte zu einem verstärkten Bewußtwerden von der Bedeutung der Vermittlung, die ihrerseits ein Ziel an sich wurde.
Vermittlung der Vermittlung
Wir wollen den Verlauf unserer Argumentation an dieser Stelle für einen Augenblick unterbrechen und uns die Folgen vergegenwärtigen, die die nachgezeichnete Entwicklung für die Gegenwart mit sich bringt. Wir haben gesehen, wie die Formen des jeweiligen Marktes die allgemeine Struktur des menschlichen Handelns spiegelten und wie dieses sich in der Natur der an die jeweiligen Entwicklungsstadien gebundenen Sprache ausdrückte. Wir haben ferner gesehen, wie von einem gewissen Entwicklungsstadium an der Mensch Werkzeuge als Erweiterung seiner körperlichen und geistigen Funktionen verwendete. Heute erleben wir, wie durch die Einschaltung von elektronisch, pneumatisch, hydraulisch oder thermisch übermittelten Anweisung eine Vermittlung der Vermittlung stattfindet. Ein Knopfdruck, die Bewegung eines Hebels, die Bedienung eines Keyboards oder die Auslösung eines Relais setzen vollkommen durchprogrammierte Aktivitäten in Gang und führen zu weiterführenden Vermittlungsprozessen. Zwischen Hand oder Körperteil--die diese Prozesse auslösen--und dem verarbeiteten Material sind vielfältige Verarbeitungsmechanismen und Zeichenfolgen zur Kontrolle geschaltet. Unsere auf Arbeit, Religion, Erziehung, Dichtung und Marktvorgänge ausgerichtete Sprache wird neu strukturiert. Es entstehen neue Sprachebenen und neue, begrenzte, auf spezifische Funktionen ausgerichtete Sprachen, mittels derer diese Vermittlungsprozesse ablaufen. Die Sprache des Zeichenbretts oder allgemeiner die Sprache des Designs gehört dazu. Und es entstehen neue Beziehungen zwischen den verschiedenen Sprachebenen und den neuentwickelten Spezialsprachen.
In welchem Bezug steht nun dieser Vorgang zu der angeborenen heuristischen Natur des Menschen und zu unserer These, daß sich die Skala der menschlichen Tätigkeit nachhaltig verändert? Wir können die von uns beobachteten Veränderungen nicht mehr einfach damit erklären, daß die technologische Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse höhere Effizienzebenen erreicht und damit zu einer minderen Bedeutung der Schriftkultur geführt hat. Das Bevölkerungswachstum und die Dynamik der Diversifikation (mehr Optionen, vermehrte Ressourcen) hat in der neuen Skala eine vollkommen andere Dimension erreicht. Es ist fast irrelevant geworden, daß in den großen Industrieländern manch eine traditionelle Ressource aufgebraucht worden ist. Denn selbst bei den ständig kleiner werdenden Flächen zur landwirtschaftlichen Nutzung in der westlichen Welt nehmen der Pro-Kopf-Verbrauch an Nahrungsmitteln und die Verschiedenartigkeit des Angebots substantiell zu. In der Auseinandersetzung mit den traditionellen, sich ebenfalls erschöpfenden Praxisformen der Schriftkultur haben wir mittlerweile Mittel entwickelt, die uns dadurch gesetzten Grenzen zu überschreiten und unter Einbeziehung von globalen Dimensionen, Konfigurationen, Nichtlinearität und vielwertiger Logik neue Produkte hervorzubringen, die der neuen Lage angemessen sind.
Wir haben gelernt, unsere Kreativität auf die Erschließung neuer Ressourcen zu richten und unsere Bedürfnisse und Möglichkeiten aus einer neuen Perspektive zu betrachten. Wir dürfen allerdings Globalität nicht mit dem japanischen Sushi-Restaurant in der Provence, mit MacDonalds in Moskau oder Peking, mit multinationalen Unternehmen oder mit Investitionen im Ausland verwechseln. Globalität bedeutet vielmehr, daß wir weltweit die gleichen Ressourcen teilen und unsere kreative Energie auf deren Vermehrung richten müssen, unabhängig von den uns durch Sprache, Kultur, Staat oder Allianzen gesetzten Grenzen. Dieser Umstand hat neben den ungeheuren Möglichkeiten, die er bietet, auch ein häßliches Gesicht. Um den Zugang zu wichtigen Ressourcen zu sichern und die Märkte offen zu halten, würde die Welt selbst vor einem Krieg nicht zurückschrecken (wie sie es immer wieder gezeigt hat). Aber diese häßliche Seite der Medaille prägt nicht unsere effektive Lebenspraxis und bestimmt auch nicht die Bedingungen, unter denen wir uns in dieser Welt mit ihrer neuen Dynamik und unseren neuen Erwartungen setzen.