Jenseits der Schriftkultur — Band 2

Part 9

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Sie alle versuchen auf ihre Art, die Leistung der Sprachfunktionen zu verbessern. Einige verfolgen das Ziel, die Grenzen zwischen den Sprachen zu überwinden; andere sollen eine bessere Beschreibung und damit eine bessere Beherrschung der Welt ermöglichen. Ihnen allen liegt die Erkenntnis zugrunde, daß die Sprache nicht ein neutrales Ausdrucks-, Kommunikations- und Bedeutungsmittel, sondern mit allen Eigenschaften unserer Lebenspraxis einschließlich ihrer Vorurteile aufgeladen ist. Deshalb beanspruchen sie, allgemein oder in speziellen Bereichen ein besseres Bild von der Welt zu bieten. Ungeachtet ihrer Ziele und ihres Erfolgs erlauben uns diese Sprachen, die kognitiven Bedingungen und ihren Beitrag zur Effizienzsteigerung in unserer Lebenspraxis genauer zu untersuchen.

Die erhöhte expressive Kraft in den erwähnten literarischen Kunstsprachen ist dabei noch relativ leicht nachzuvollziehen. Sie gelten als literarische Konventionen, sind Teil der ästhetischen Erfahrung und Bestandteil der Schriftkultur. Sie erstreben keine Präzision, sondern Ausdrucksdichte und sind auf eine sublime Art mehrdeutig. Präzision wird man eher in logischen Sprachen oder in den Programmiersprachen für Computer finden. Programmiersprachen wie Cobol, Fortran, C, C++, Lisp oder Java werden auf Wegen verbreitet, die sich den Ansprüchen von Schriftlichkeit und Schriftkultur widersetzen; sie erfüllen höchste Effizienzerwartungen und sind wegen ihrer Funktionalität anerkannt. Sie eignen sich zum Abfassen von Gedichten ebensowenig, wie sich die literarischen Kunstsprachen für das Betreiben eines Computers eignen. Sie zeichnen sich aus durch ihre konsequente Eindeutigkeit. In solchen Sprachen können wir die Funktion und die Logik kontrollieren. Sie sind modulartig konzipiert und auf die optimale Erfüllung ihrer Aufgaben angelegt. Zu ihren Funktionen gehören Beweisbarkeit, Optimierung und Präzision. Zu den verwendbaren logischen Formen gehören u. a. die klassische propositionale Logik, die intuitionistische propositionale Logik, die modale Logik und die temporale Logik.

Daneben zeichnet sich noch eine Kategorie von sogenannten kontrollierten Sprachen ab. Eine kontrollierte Sprache ist die Teilmenge einer natürlichen Sprache (begrenzt in Vokabular, Grammatik und Stil), die auf eine bestimmte Tätigkeit hin entworfen ist. Alle erwähnten künstlichen Sprachen orientieren sich an der Funktionsweise der sogenannten natürlichen Sprache mit dem Ziel, die Leistung der Sprachmaschine in irgendeiner Weise zu optimieren. Um diesen Ansatz noch besser zu verstehen, müssen wir genauer darlegen, wie die Sprache die in ihr konstituierten Menschen zur Welt, in der sie leben, in Beziehung bringt. Wir wollen beginnen mit der Entwicklung des Wortes und seiner Beziehung zum Ausdrücken von Gedanken, d. h. mit der Entwicklung vom Eindeutigen (Einszu-Eins-Entsprechung) zum Mehrdeutigen (Eins-zu-Viele-Relation).

Systeme aus eindeutigen Zeichen haben an der Hervorbringung von Gedanken nur geringen Anteil. Als Weiterentwicklung von Signalen sind ursprüngliche Zeichen eindeutig. Federn stammen definitiv nicht von Fischen oder Säugetieren, Blutflecken rühren von Wunden her, Vierfüßer hinterlassen andere Spuren als Zweifüßer. Polysemie (Mehrdeutigkeit eines Zeichens) hat sich erst allmählich entwickelt und zeugt von der Rückwirkung der Bedeutung auf den Bedeutungsträger: Wörter, Zeichnungen, Geräusche usw. Eine Tierzeichnung verweist auf das dargestellte Tier oder auf daran geknüpfte Assoziationen: Fellqualität, Gefahr, Fleisch.

Philosophie und Literatur (und die Künste allgemein) wurden erst auf einer bestimmten Ebene der Sprachentwicklung als Ausdruck einer höher entwickelten Lebenspraxis möglich. Der Philosoph greift zum Beispiel auf die gewöhnliche Sprache (Verbalsprache) zurück, verwendet sie aber auf ungewöhnliche Weise: metasemisch, metaphorisch, metaphysisch. Die antike Philosophie, die wir als Zeugnis für Sprache und Schriftkultur heranziehen, ist noch so metaphorisch, daß man sie als Literatur lesen kann und tatsächlich auch als solche aufgenommen wurde. Die moderne Philosophie (nach Heidegger) hat aufgezeigt, wie die Beziehungen (die sie hervorhebt und behandelt) die Bezugsgegenstände in sich aufgenommen haben. Als formalisierte Argumentation, frei von den Beschränkungen der Schriftkultur und freilich auch weniger expressiv als die im Wort ausformulierte Philosophie und ihre endlosen Interpretationen, hat Philosophie nunmehr ihre eigene Veranlassung und Rechtfertigung entwickelt. Die praktischen Auswirkungen im Rahmen einer Lebenspraxis, die auf anderen als schriftkulturellen semiotischen Funktionsweisen beruht, werden indes zunehmend geringer.

Die Distanz zwischen der Wortform und der Bedeutsamkeit eines Gedankens wird als solche zum Parameter für die Weiterentwicklung vom Natur- zum Kulturzustand. Wörter wie Raum, Zeit, Materie, Bewegung wurden erst möglich durch die Schrifterfahrung. Sobald man sie aber niedergeschrieben hatte, war nichts mehr übrig von der unmittelbaren, vermutlich intuitiven Erfahrung von Raum und Zeit, von Materie in ihren verschiedenen Erscheinungsformen oder von Bewegung. Visuelle Darstellungen--andere Formen des Schreibens also--sind dem von ihnen Dargestellten näher: die cartesianischen Koordinaten als Darstellung des Raumes, die Uhr als zyklische Zeitauffassung und ähnliches. Sie bringen spezifische Beziehungen in Raum und Zeit oder spezifische Aspekte von Materie oder Bewegung zum Ausdruck.

Das Wort ist im Vergleich zum darin ausgedrückten Gedanken willkürlich. Der Gedanke, geboren aus dem Tun des Menschen, ist in der Naturordnung oder im Denken praktisch offenbartes Wissen. Im Ausdruck des Gedankens treffen rationale Strenge und Expressivität aufeinander. Dieses synthetisierende Herausbilden von Gedanken ist ein wichtiger Fall menschlicher Selbstkonstituierung. Gedanken drücken auch den impliziten Wunsch des Menschen aus, sie zu veräußerlichen (Marcuse sprach von der "imperativen Qualität" des Denkens). In schriftlicher Fassung legen die Wörter indes nicht nur die Flüchtigkeit der Sprachlaute ab, sie werden gleichzeitig offen für potentiell konfligierende Interpretationen. Diese ergeben sich daraus, daß wir Wörter in unterschiedlichen pragmatischen Situationen unterschiedlich verwenden.

In der Schriftkultur gebildet zu sein heißt, die Sprache zu beherrschen, heißt aber auch, in den Erfahrungen der Vergangenheit verhaftet und ihren Regeln unterworfen zu bleiben. Jeder Gedanke ist das Resultat einer Entscheidung zwischen mehreren Möglichkeiten in einem gegebenen Existenzparadigma. Er findet seine genaue Bestimmung, d. h. seinen Niederschlag als Bedeutung, dadurch, daß er einem pragmatischen Kontext zugeordnet wird. Verändert sich der Kontext, kann der Gedanke bestätigt werden, auf Widerspruch treffen (er wird zweideutig) oder sich vielen Interpretationen öffnen (er wird mehrdeutig). Ein Beispiel: Der Begriff der Demokratie durchlief alle Stadien von seinen ersten Erwähnungen in der griechischen Kultur bis zur liberalen Ausdeutung--und Selbstverleugnung--im Stadium jenseits der Schriftkultur. Er bedeutet eines--die Macht des Volkes--, ist aber kontextabhängig, je nachdem, was man unter Volk verstand und wie man Macht ausübte. In seinen neuen Kontexten bedeutet er so viel Verschiedenes, daß sich manche fragen, ob er überhaupt noch etwas bedeutet.

Schriftkultur bot den geeigneten Rahmen und die angemessenen Mittel zur Kommunikation von Ideen. Wenn aber Ideen in immer schnellerem Rhythmus zum Ausdruck kommen und in immer kürzeren Zyklen von Eindeutigkeit zu Mehrdeutigkeit übergehen, dann wird Schriftkultur und Schriftlichkeit entweder nicht mehr deren praktischer Funktion oder der Dynamik individueller Selbstsetzung gerecht. Es sieht sogar so aus, als würden Ideen als solche, in ihrer Leistung als Mittel menschlicher Projektion, immer weniger wichtig. Was wir einstmals als den Höhepunkt menschlicher Leistungsfähigkeit angesehen haben, betrifft die heutige Gesellschaft immer weniger. Unsere Welt ist beherscht von Methoden und Produkten, und Ideen haben allenfalls kulturelle Bedeutung. Wissen ist heute auf Information reduziert; Verstehen ist lediglich operational. Immer mehr künstliche Sprachen werden entwickelt und zunehmend auf Methoden und Produkte ausgerichtet. In der vernetzten Welt der digitalen Informationsverbreitung brauchen wir kein Esperanto, sondern Sprachen, die die grenzenlose Vielfalt der Geräte und Programme vereinen, mit denen wir unsere neuen Erfahrungen im World Wide Web machen. Auch Effizienz bezieht sich in dieser Welt auf Transaktionen, in die nicht mehr unbedingt Menschen als handelnde Personen eingebunden sind. Innerhalb dessen, was sich als Netconomy etabliert, betreiben unabhängige Agenten, d. h. autonome Programme, die geschäftlichen Transaktionen und maximieren den Profit (weil es jeder wünscht). Diese Agenten sind mit Regeln für Reproduktion, Bewegung und Fairness versehen und können auch kulturell identifiziert werden. Netconomy ist bislang allerdings mehr Verheißung als Wirklichkeit. Das Funktionieren solcher Agenten zeigt uns allerdings, wie die Metapher vom Funktionieren der Sprache in unserer Welt jenseits der Schriftkultur zu ihrer wörtlichen Bedeutung zurückfindet. Die Visualisierung von Gedanken Das mindeste, wofür das geschriebene Zeichen--Wort, Satz oder Text--steht, ist das Sprachzeichen. Allerdings mußte die Schrift eine längere Entwicklungsphase durchlaufen, bevor sie diesen Stand erreicht hatte. In ihren vorsprachlichen Formen hatte die graphische Darstellung ihren Bezugsgegenstand in der Wirklichkeit--sie re-präsentierte das, was nicht präsent war. Das Präsente braucht nicht repräsentiert zu werden. Die Richtung, die der visuellen Repräsentation eingeprägt ist, weist von der Vergangenheit zur Gegenwart. Das, was aufgehoben werden muß, liegt dem Akt der Entfremdung von der Unmittelbarkeit als ursprüngliche Motivation zugrunde. Die frühen Formen der Repräsentation, insgesamt Teil eines recht primitiven Repertoires, besitzen nur Ausdrucksfunktion. Sie bewahren vom Nicht-Präsenten (was nicht gesehen, gehört, gefühlt, gerochen werden kann) die relevante Information für die zukünftigen Beziehungen zwischen Menschen und deren Umwelt auf. Das Bild gehört zur Natur. Mitgeteilt wird die Art des Sehens oder Erkennens, nicht das tatsächlich Gesehene. Der Vollzug des geschriebenen Zeichens hingegen ist nicht Informationsvergabe, die dann zur Verfertigung von Gegenständen führen kann, sondern das, was es bedeutet. Eine relativ geringe Zahl von Zeichen--das Alphabet, Zeichensetzung und diakritische Zeichen--ist an der immanenten Unbegrenztheit der Kompetenz des Schreibens beteiligt.

Wie immer wir menschliches Denken definieren, seine Festlegung hat es erst in der Schrift gefunden. Die in der Schrift festgehaltene Gegenwart verliert ihren Charakter als unmittelbarer Vorgang. Kein geschriebenes Wort ist je zum Vorschein gekommen, das nicht auch geäußert und gehört, d. h. empfunden worden ist. Die Bedeutung (intendierte und zugewiesene) ergibt sich aus der Einrichtung der Sprache in der Lebenspraxis. Nicht zufällig haben sich die räumliche Einrichtung des Menschen (in dörflichen Siedlungsformen) und die Einrichtung der Sprache als Schrift (ihrer Natur nach ebenfalls räumlich) gleichzeitig vollzogen (vgl. Leroi-Gourhan). Eine dritte Komponente gehört allerdings auch in diesen Zusammenhang, nämlich die Sprache von Zeichnungen, die, so primitiv sie auch gewesen sein mögen, bei der Anfertigung von Schutz- und Arbeitsvorrichtungen dienlich waren.

Dieser allgemeine Kontext führte schließlich hin zum großen historischen Moment der griechischen Philosophie, die wir im zeitlichen Zusammenhang sehen müssen mit der Alphabetisierung und im allgemeineren kulturellen Zusammenhang mit der Entwicklung mancherlei handwerklicher Künste, allen voran die Architektur. Sokrates, der das Denken und die Wahrheit im Gespräch suchte, verfocht die Mündlichkeit. Das ist zumindest das Bild, das uns Platon von ihm vermittelt. Die großen Handwerker seiner Zeit teilten diese Einstellung. Zum Bau von Tempeln und der Herstellung von Werkzeugen und anderen nützlichen Geräten war nicht unbedingt Schrift vonnöten. Die heuristischen und mäeutischen Methoden, mit deren Hilfe der Mensch seine Handlungsalternativen und neuen Optionen überprüft und überdenkt, sind im wesentlichen mündlich. Sie setzen die physische Präsenz des Philosophen oder des Architekten voraus. Eigentlich hat sich bis heute nicht viel daran geändert, wenn wir uns vor Augen halten, wie Design oder Ingenieurwissenschaften auch heute noch unterrichtet werden. Aber das ändert sich: gerade diese Bereiche beziehen immer mehr die digitale Verarbeitung mit ein. Computationale praktische Erfahrungen, die diese digitale Datenverarbeitung einbeziehen, genetic engineering, d. h. die Gestaltung und Erzeugung neuer genetischer Produkte, oder Memetik sind nicht mehr nur Fortentwicklungen jener Erfahrungen, die auf Schriftkultur gründen, sondern ganz anderer Natur.

Buchstabenkulturen und Aphasie

In der Kulturgeschichte hat es wiederholt kritische Auseinandersetzungen mit der Schriftkultur und Schriftbildung gegeben, deren bekannteste nach Platon wohl die von Marshall McLuhan ist. Buchstabenkulturen, so seine Position in Gutenberg’s Galaxy (1964), haben die Welt uniformisiert, fragmentarisiert und auf logische Abfolgen hin ausgerichtet, was überzogenen Rationalismus, Nationalismus und Individualismus gezüchtet habe. Vernunft sei mit Schriftkultur und Rationalismus mit einer einzigen Technologie gleichgesetzt worden. Solche Attacken haben nun allerdings--soweit wir das aus unserer heutigen Sicht beurteilen können--nicht dazu geführt, daß die Schriftlichkeit und ihr Einfluß abgenommen haben. Aus anderer Perspektive hat im übrigen Roland Barthes (1970) die Notwendigkeit einer mündlich-visuellen Kultur hervorgehoben.

Ohne Frage gehören alle Pläne, die je von Architekten, Handwerkern oder Designern entworfen worden sind, einer Praxis an, die mündliche (Anweisungen zur Umsetzung des Plans in ein Produkt) und visuelle Kulturformen verbindet. Viele solcher Pläne mit Gedanken und Konzepten, die vielleicht genauso kühn sind wie die, die in Manuskripten und später in Büchern aufgezeichnet wurden, sind verloren gegangen. Einige Werke haben die Zeiten überdauert. Die Tatsache, daß die Dominanz des geschriebenen Wortes die immense Bedeutung von Zeichnungen in den Hintergrund unserer Wahrnehmung verdrängt hat, kann jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, daß durch sie unsere Erfahrung nachhaltig geprägt und wichtiges Wissen übermittelt wurde. Zeichnungen sind holistische Einheiten, deren Komplexität nur schwer mit der eines Textes verglichen werden kann.

Die Bedeutung, die durch die Schrift vermittelt wird, vollzieht sich in einem Prozeß der Verallgemeinerung und Reindividualisierung. Was bedeutet es für ein Individuum, sie zu lesen und zu verstehen? Es durchläuft den Weg, der vom Sprechen zum Schreiben, vom Konkreten zum Abstrakten und von der analytischen zur synthetischen Funktion der Sprache führte, in umgekehrter Richtung. Zu jedem beliebigen Zeitpunkt verfügen wir einerseits über die begrenzte Wirklichkeit der Zeichen (Alphabet, Wörter, Idiome), und andererseits die praktisch unbegrenzte Wirklichkeit, die in den zum Ausdruck gebrachten Sprachsequenzen und Begriffen verkörpert ist. Daraus ergibt sich die Frage nach dem Ursprung der Gedanken, bzw. der Begriffe und dem Verhältnis zwischen Zeichen (vor allem Wörtern) und der ihnen zugewiesenen Bedeutung, bzw. dem Inhalt, der durch Sprache weitervermittelt werden kann. In westlichen Kulturen wird Bedeutung durch additive Mechanismen hervorgerufen, vergleichbar mit dem Anmischen von Pigmenten. In östlichen Kulturen beruht Bedeutung auf substraktiven Mechanismen, vergleichbar mit der Mischung von Licht.

Obwohl Buchstabenschrift einfacher und stabiler als ideographische Schrift erscheint, ist sie doch schwieriger. Das liegt am höheren Abstraktionsgrad. Daher muß der Leser eines Buchstabentextes die große Kluft zwischen dem graphischen Zeichen und dem Bezeichneten mit seiner eigenen Erfahrung überbrücken. Die praktische schriftkulturelle Erfahrung geht von der Annahme aus, daß die Bildung in Form von geschichtlichem und kulturellem Bewußtsein diesen Referenzbezug ersetzt. Die Leser von ideographischen Texten haben den Vorteil einer größeren Konkretheit der Darstellung. Da also jede Sprache ihre eigene Geschichte in sich trägt, gewissermaßen als Zusammenfassung der sie hervorbringenden Lebenspraxis, impliziert das Lesen in einer anderen Sprache zugleich die Konfrontation mit einer fremden Erfahrung und damit die Notwendigkeit, diese Schrift Schritt für Schritt für sich neu zu erfinden.

Die Aphasieforschung der letzten 15 Jahre hat gezeigt, daß ab einem bestimmten Stadium eine Regression von der Schrift- zur Bildlektüre (piktographisches, ikonisches Lesen) zu verzeichnen ist. Buchstaben verlieren ihre sprachliche Identität. Der aphasische Leser sieht nur Linien, Unterbrechungen, Formen. Begriffe und Gedanken brechen im wahrsten Sinn des Wortes zusammen. Erkennbar bleibt einzig die Ähnlichkeit zwischen konkreten Formen. Der Niedergang vom Abstrakten zum Konkreten kann als soziokultureller Unfall vor dem Hintergrund eines natürlichen (biologischen) Unfalls gedeutet werden.

Heutzutage verzeichnen wir ähnliche Symptome, die auf eine Art kollektiver Aphasie in gegenteiliger Richtung hindeuten. Schrift wird dekonstruiert und zur Graffiti-Notation, zu kurzschriftartigen, von Sprache und Schriftkultur befreiten Statements. Eine Zeitlang waren Graffiti kriminalisiert. Später wurden sie zur Kunstgattung erhoben und vom Markt absorbiert. Dabei sind wir uns vermutlich nie des Ausmasses bewußt geworden, in dem gerade auch Graffiti durch eine Form von Alphabetismus gekennzeichnet ist, haben wir uns kaum Klarheit verschafft über deren Ursprünge, ihre Verbreitung und die "aphasischen" Implikationen ihrer Ausübung. Nicht nur die New Yorker U-Bahn wurde in eine bewegliche Zeitung verwandelt, die so oft erschien, wie man die Aufsicht täuschen konnte. Ein großer Teil der Öffentlichkeit lehnte Graffiti ab, denn es widersetzte sich der legitimierten Kommunikation und zugleich der Aura von Ordnung und Korrektheit, die der Schriftkultur zugrunde liegt. Viele andere fanden ihre Freude daran. Die Rap-Musik ist das musikalische Gegenstück zum Graffiti. Die Botschaften, die heute auf den Datenautobahnen ausgetauscht werden, weisen oft Merkmale der Aphasie auf. Konkretheit steht an erster Stelle. :-) (der smiley im Internet) z. B. erübrigt jeden anderen Ausdruck von Freude. Für den stupenden Informationsaustausch in den digitalen Netzwerken ist solche kollektive Aphasie symptomatisch für Veränderungen der kognitiven Voraussetzungen derer, die in diese Erfahrungen eingebunden sind. Weder opportunistische Begeisterung noch dogmatische Ablehnung können uns helfen, die Notwendigkeit dieser Entwicklung und ihre Nutzanwendung zu verstehen. Viele private Sprachen und unzählige Kodes zirkulieren als Kilo- und Megabytes zwischen den Kommunikationspartnern und entziehen sich jeglicher Regulierung.

Die digitalen Netzwerke haben sich als ein Handlungsrahmen erwiesen, der die heutigen Erwartungen angemessen erfüllt; die traditionelle Form der Schriftkultur sieht sich dabei herausgefordert durch flüchtigere, auf Teilbereiche beschränkte Sondersprachen. Der Allgemeinheitsanspruch der Schriftkultur ist unhaltbar, wenngleich sie als ein Ausdrucks- und Kommunikationsmittel bestehen bleibt. Aber manch einer hat erfahren, daß sie für den praktischen und geistigen Erfahrungshorizont einer Menschheit, die aus allen ihren alten Kleidern, Spielzeugen, Büchern, Geschichten, Werkzeugen und sogar Konflikten herausgewachsen ist, nicht mehr ausreicht.

Es drängt sich als Anschlußfrage auf, ob die schriftkulturelle Erfahrung des Wortes zu dessen stetig abnehmender Bestimmtheit beigetragen hat oder ob die Kontextveränderungen dessen Interpretation, will sagen: die semantische Verschiebung von bestimmt zu vage, verursacht. Vermutlich spielen beide Faktoren dabei eine Rolle. Einerseits erschöpft die Schriftkultur ihre eigenen Möglichkeiten. Andererseits beschränken neue Kontexte ihre Leistungsfähigkeit als das beherrschende Medium für den Ausdruck, die Kommunikation und die Bezeichnung von Gedanken.

Wir alle kennen Versuche, Sprache so kontextfrei wie möglich zu verwenden--die Verallgemeinerungen jeglicher Demagogie (liberaler, konservativer, linker oder rechter, religiöser oder emanzipierter) können als Beispiel dienen; aber auch die vielen Formen des Lesens der Zukunft aus Glaskugeln, Handflächen, Tarotkarten, die in den vergangenen Jahren vor dem Hintergrund zunehmender Illiteralität entstanden sind. Nichts davon ist neu; neu ist nur, daß dieser Markt voller Unbestimmtheit und Ambiguität, der abweichende Funktionsweisen der Sprache erkennen läßt, in voller Blüte steht. Dies alles sind Symptome für eine Veränderung unserer Lebenspraxis, wie sie im vorliegenden Buch dargelegt ist.

Wir müssen allerdings die Veränderungen der Sprachfunktionen noch genauer erläutern. Wir wissen heute, daß die ältesten überlieferten Höhlenzeichnungen indexikalische Hinweiszeichen aus einem mündlichen Kontext, und weniger Darstellungen von Jagdszenen sind (wenn sie auch oft so interpretiert werden). Sie zeugen mehr von denen, die sie gezeichnet haben, als von dem, was gezeichnet ist. Die überholte Schriftlichkeit mystifizierter Botschaften fungiert auf ähnliche Weise. Sie sagt mehr aus über ihre Verfasser als über ihren Gegenstand, ob dieser nun Geschichte, Soziologie oder Anthropologie ist. Die gestiegene mündliche und visuelle, technologisch optimierte Kommunikation nun definiert die jenseits der Schriftkultur liegende neue kognitive Dimension des Menschen. Der Übergang vom Sprechen zum Schreiben entspricht dem Übergang von einer pragmatisch-affektiven Lebenspraxis zu einer pragmatisch-rationalen Ebene mit linearen Beziehungen zwischen den Menschen und ihrer Umwelt. Sie vollzieht sich im Zusammenhang der Evolution vom Synkretistischen zum Analytischen. Der neuerliche Übergang von Schriftkultur zu einer Vielzahl von Alphabetismen wiederum entspricht einer Lebenspraxis, die sich durch nicht-lineare Beziehungen auszeichnet und die einer fortschreitenden Entwicklung vom Analytischen zum Synkretistischen entspringt. Diese Bemerkungen beziehen sich auf die europäischen Kulturen und ihre Ableger. Die ostasiatischen Sprachen weisen eine Tendenz zum Aufzeigen statt zum Erklären auf. Die analytische Struktur des logischen Denkens (die wir später eingehender erörtern) wird in der Satzstruktur der Sprache gebildet, die in diesen beiden Kulturbereichen grundlegend anders ist. Die imperative Energie des Ausdrucksvorgangs verleiht z. B. der chinesischen Sprache einen permanenten Hervorbringungscharakter (Sprechen im Vollzug, im Entstehen). Die hervorgehobene Rolle dieses Vorgangs in der asiatischen Kultur spiegelt sich in der zentralen Position des Verbs. Die Anordnung der Satzteile um das Verb herum lenkt das Denken auf die Beziehung zwischen Bedingung und Bedingtem.