Jenseits der Schriftkultur — Band 2
Part 8
Daß das Schreiben zu den Erfahrungen menschlicher Selbstkonstituierung gehört, die sich in der Struktur der Gedanken widerspiegelt, könnte ohne einen Blick auf die biologische Komponente vielleicht nicht überzeugen. Derrick de Kerkhove hat darauf hingewiesen, daß alle von rechts nach links geschriebenen Sprachen nur Konsonanten verwenden. Die kognitiven Lesemechanismen, die man zu ihrer Entzifferung braucht, unterscheiden sich also von denen, die man zur Entzifferung von Sprachen mit Vokalen benötigt, die von links nach rechts geschrieben werden. Als die Griechen die ursprünglich konsonantischen Alphabete der Phönizier und Hebräer übernahmen, ergänzten sie diese um Vokale und veränderten die Schriftrichtung--zunächst in Form des pflugartig in beide Richtungen verlaufenden Bustrophedon. Später dann bekam die Schrift ihre gleichförmige Richtung, die einer auf Sequentialität ausgerichteten kognitiven Struktur entsprach. Dementsprechend veränderte sich die Funktionsweise der griechischen Sprache. Die im Kontext der vorsokratischen und sokratischen Dialoge stehenden Gedanken haben einen deutlich deduktiven, spekulativen Charakter im Gegensatz zum analytischen Diskurs der schriftlich verfaßten späteren griechischen Philosophie.
Der Zusammenhang von Denkstruktur und Schriftstruktur läßt sich auch an den Vorurteilen gegenüber der Linkshändigkeit ablesen, die in vielen Sprachen und den von ihnen geformten Denkweisen verbreitet sind. Rechts (Hand und Richtung) scheint eindeutig bevorzugt zu sein: Wir bezeichnen Dinge als richtig (englisch right), im Deutschen sind Recht und Richter etymologisch damit verwandt; wir erledigen Dinge mit der rechten Hand und bevorzugen die rechte Seite. Vorstellungen von dem, was richtig oder gerecht ist, die Menschenrechte und vieles andere stehen in diesem etymologischen Zusammenhang. In unseren von Rechts beherrschten Denk- und Handlungsweisen ist dementsprechend die linke Hand negativ konnotiert mit Schwäche, Unfähigkeit und sogar Sünde. (Beim Jüngsten Gericht müssen die Sünder zur Linken Gottes stehen.) Der in diesen Verhältnissen zum Ausdruck kommende Symbolismus würde eine nähere Untersuchung verdienen; in unserem Zusammenhang ist es indes interessant zu vermerken, daß die Dominanz des Rechten in Schrift, Schriftkultur und Bildung verblaßt. Die Effizienz einer auf dieser Norm gründenden Praxis reicht nicht mehr aus, um den an globale Handlungsräume gerichteten Effizienzerwartungen zu genügen. Dieser Prozeß steht im Zusammenhang mit allgemeinen Erfahrungen, in denen Schrift zunehmend durch viele Teilschriften ersetzt wird, die ein Stadium jenseits der Schriftkultur kennzeichnen.
Da Gedanken im Akt des Sprechens entstehen, hängt ihre Verbreitung und Bewertung von der Tragbarkeit des Mediums ab, in dem sie ausgedrückt werden. Mit dem Aufkommen der Schrift war die Verbreitung der Sprache nicht mehr an die Mobilität ihrer Sprecher gebunden. Die in der Schrift ausgedrückten Gedanken konnten außerhalb ihres Entstehungszusammenhangs geprüft werden. Damit fallen die Funktion der Verbreitung durch Sprache und der Bewertung in der Lebenspraxis zusammen. Einer Tafel, einer Papyrusrolle, einem Kodex, einem Buch oder einem digitalen Vergleich ist gemeinsam, daß sie praktische Erfahrungen aufzeichnen; aber nicht das, was ihnen gemein ist, erklärt ihre Effizienz, sondern die in den gegebenen Zusammenhängen gefundene Verbreitungsform, die in der alles durchdringenden und global präsenten Form der digitalen Aufzeichnung ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden hat. Für den Zugang zum in den elektronischen Netzwerken gespeicherten Wissen benötigen wir nichts weiter als ein Password. Damit lösen wir uns von den bekannten Raumund Zeitkoordinaten. In diesen erweiterten Parametern kann die Schiftkultur nicht mehr alle Erwartungen erfüllen. Der Bereich, in dem sich die Alternativen zur Schriftkultur herausbilden, begründet das Stadium jenseits der Schriftkultur.
Zukunft und Vergangenheit
Müssen wir schriftkulturell gebildet sein, um die Zukunft behandeln zu können? Und umgekehrt, ist Geschichte und Geschichtsverständnis das Ergebnis von Schriftlichkeit? Und ist beides Voraussetzung für das Verständnis der Gegenwart? Diese Fragen beschäftigen uns heute mehr denn je. Wir wollen uns zunächst der Zukunft zuwenden, denn an dieser Frage können wir ablesen, welche Voraussetzungen für die Auseinandersetzung mit ihr gegeben sein müssen.
Vorahnung ist die natürliche Form einer diffusen Zeiterfahrung. Diese Erfahrung kann mehr oder weniger unmittelbar sein. Sie richtet sich nicht vom Jetzt auf das Gewesene (wie es vielleicht im Gedächtnis gespeichert ist), sondern auf das Mögliche (etwas ein Zeichen bevorstehender Gefahr in der natürlichen Umwelt). Hinweisende Zeichen, d. h. indexikalische Zeichen, solcher Art sind Fußabdrücke, Federn, Blutflecken. Sprache macht Vorahnung und Gefühl explizit, wenn auch nicht vollkommen. Sie überträgt akkumulierte Zeichen (Vergangenheit) in eine Sprache des Möglichen (Zukunft). Wenn wir die Vergangenheit rekonstruieren, erkennen wir, daß jedes Vergangenheitsstadium einmal eine Zukunft gewesen ist.
Wenn wir bedenken, wie sich unsere Gegenwart in die Zukunft hinein entfaltet, dann sehen wir schnell, daß mit zunehmenden Möglichkeiten die Zukunft in ihren Einzelheiten immer weniger bestimmt und bestimmbar wird. Weder die unkritischen Befürworter der neuen Technologien, noch die ausschließlich in der Schriftkultur verhafteten Politiker und Pädagogen haben das begriffen. Beide Gruppen verstehen offenbar nicht, wie sich Zukunft in unserer Sprache--oder einem anderen Zeichensystem--in Form von Plänen, Vorhersagen oder Antizipationen artikuliert.
Jeder Gedanke drückt eine praktische Erfahrung und die kognitive Leistung aus, den direkten Eindruck zu verallgemeinern. Einmalige Artikulationen auf der Signalebene und ideographische Schrift erwachsen aus Erfahrungen, die auf der pragmatisch-affektiven Existenzebene liegen. Rufe und Schreie oder in Bildern ausgedrückte Ähnlichkeiten tragen keine Gedanken und gehen kaum über die unmittelbare Empfindung hinaus. Gedanken ergeben sich aus der Erfahrung auf der pragmatisch-rationalen Ebene. Sprache kann dabei als Medium dienen, Pläne explizit zu machen. Zeichnungen, Diagramme, Modelle und Simulationen können durch Sprache beschrieben werden. Bevor die Menschen ihre Zukunft verschriftlicht haben, haben sie sie versprachlicht, und zwar auch mithilfe anderer Zeichen: mit Körperbewegungen, Gegenständen, die Gefahr und damit Furcht andeuten, und erfolgreichen Handlungen, die Zufriedenheit signalisieren. Mit der Übertragung auf Tontafeln und Papyrus erhielt die auf die Zukunft gerichtete Sprache einen anderen Status--sie verlor die Flüchtigkeit der ursprünglichen Laute und Gesten. Schrift begleitet Handlung und überdauert die darin gemachte Erfahrung. Damit umgab das geschriebene Wort eine Aura, die Laute, Gesten oder auch Kunstgebilde nie erlangen konnten. Auch Wiederholungsmuster, das wesentliche Strukturmerkmal von Ritualen, vermochten nicht in dem Maße wie die Schrift die Empfindung von Dauerhaftigkeit zu vermitteln. Gordon Childe stellt in diesem Zusammenhang fest: "Die Verewigung des Wortes in der Schrift muß als übernatürlicher Prozeß empfunden worden sein; es mußte magisch anmuten, daß ein längst Verstorbener noch immer von einer Tontafel oder einer Papyrusrolle sprechen konnte."
Im religiösen Zusammenhang verlagert sich die Aura vom Magisch-Mythischen (übermittelte Hinweise für erfolgreiches Handeln) zum Mystischen (eine übernatürliche Autorität als Hinweisquelle). Auch die Organisation des gesellschaftlichen Lebens erwies sich ohne Dokumente mit Vorschriftscharakter als wenig effektiv. Die ersten überlieferten Dokumente aus dem alten China tragen dieser Einsicht Rechnung, gleiches gilt für Hindu, Hebräer und Griechen sowie für viele nachfolgende, oft am Römischen Imperium orientierten Zivilisationen.
Natürlich setzt die Verwendung von Sprache für die Regelung des Gemeinwesens nicht zwangsläufig Schriftlichkeit voraus. Dies gilt für Vergangenheit und Gegenwart. Es gab Zeiten, in denen man nur von Fremden den Erwerb von Schreib- und Lesekenntnissen erwartete. Dem lag eine praktische Einsicht zugrunde: der Fremde fand auf diese Weise Zugang zu den ihm ungewohnten Sitten der einheimischen Bevölkerung. Mit der Abgabe von Versprechen--die sich ja stets auf Zukünftiges richten--wurde das soziale Leben zunehmend verschriftlicht, wenngleich auch dann die Besiegelung oft mündlich erfolgte, wie die Eidesformeln und -gesten bis in die heutige Zeit zeigen. Mit all dem wurden lineare Beziehungen von Ursache und Wirkung festgehalten und als Maßstab (der Rationalität) in die Zukunft projiziert.
In unserer heutigen Gesellschaft wird die für die Vergangenheit charakteristische Sprache als Dekorum verwendet. Eine globale Skala und die gesellschaftliche Komplexität finden in linearen Beziehungen nicht mehr ihren angemessenen Ausdruck. Infolgedessen ist die Schriftlichkeit der Schriftkultur zukünftig nicht nur eine unter vielen anderen Sprachen, sondern vielleicht sogar ungeeignet für die effiziente Artikulation von Zukunftsplanungen. Fast alle, die sich heute mit solchen Planungen befassen, arbeiten mit mathematischen Modellierungen und Computersimulation. Die Arbeitsergebnisse beanspruchen immer weniger Text und werden in dynamischen Modellen abgebildet, die global verfügbar sind. An die Stelle von Linearität treten nicht-lineare Beschreibungen der zahlreichen miteinander verknüpften Faktoren. Selbstkonfiguration, Parallelismus und verteilte Strategien kommen zum Ausdruck bei Simulationen der Zukunft.
Die Geschichte allerdings hat ihren Ursprung eindeutig in der Schrift. Sie ergibt sich aus der Beschäftigung mit universell verfügbaren Aufzeichnungen, mithin innerhalb des Universums der Schriftkultur. Wir wissen nicht, ob eine Grammatik die Sprache in ihrem geschichtlichen Werden zusammenfassend darstellt oder das Programm für ihre zukünftige Verwendung entwirft. Grammatiken gibt es in verschiedenen Kontexten, offenbar weil der Mensch die einzelnen Stimmen innerhalb einer Sprache verifizieren möchte. Aus dem gleichen Anlaß gibt es Geschichtsdarstellungen: weniger um irgendeiner historischen Größe Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, als vielmehr um einen Zusammenhang aus den Quellen herzustellen, um sie in einer Stimme sprechen zu lassen und den Zusammenhang zu erschließen, aus dem sie entstanden sind.
Die Zukunft und die Selbstkonstituierung des Menschen in neuen pragmatischen Zusammenhängen stehen in direkter Verbindung; die Vergangenheit hängt indirekt mit der praktischen Erfahrung zusammen. Das verbindende Element für die verschiedenen auf die Zukunft gerichteten Perspektiven liegt in der neuen Erfahrung. In Ermangelung einer solchen verbindenden Perspektive wird Geschichtsschreibung zum Selbstzweck, ungeachtet der Kraft, die von Beispielen ausgeht. Seit dem frühen Mittelalter reichten schriftliche Aufzeichnungen und die analytische Kraft der Sprache für die Geschichtsschreibung und die Schärfung des Geschichtsbewußtseins aus. Als sich die Methoden der Geschichtsforschung differenzierten, möglicherweise im Zusammenhang mit der Lebenspraxis, ergaben sich neue Perspektiven. Einige waren ganz praktisch ausgerichtet: Welche Pflanzen wurden in primitiven Gesellschaftsformen verwendet? Wie war die Wasserversorgung geregelt? Wie ging man mit den Toten um? Andere hatten politische, ideologische oder kulturelle Grundlagen. Aber in allen diesen aus der Lebenspraxis hervorgehenden Fällen entzog sich die Geschichte mehr oder weniger den Beengungen der Schriftkultur.
Spracharchäologie, Anthropologie und besonders Paläoanthropologie sowie Computergeschichte sind nur einige Beispiele für neue Bereiche der Geschichte und Geschichtsschreibung, die neue Formen jenseits der Schriftkultur annehmen. Sie sind gekennzeichnet durch neue Arbeitsmittel wie Elektronenmikroskop, Computersimulation, Modellierung künstlichen Lebens und Forschungsergebnisse zur künstlichen Intelligenz oder Genetik. Die Memetik untersucht die Seinsform von Gedanken und deren Bewußtwerdung, sie bezieht sich auf Vergangenheit und Zukunft. Sie entwickelte sich aus der Genetik und trägt die Kennzeichen eines Darwinschen Mechanismus. Sie wurde zum Schlüsselbegriff für eine Generation, die ohne jeglichen Geschichtsbezug war und sich nicht minder von einer Zukunft bedroht sah, die allzu schnell auf sie hereinbrach. Technologische Umsetzungen der Memetik (das sogenannte memetic engineering oder die Memetiktechnologie) bezeugen Effizienzerwartungen, die die Geschichte des Zeitalters der Schriftkultur niemals beschäftigte oder auch nur anerkennen wollte.
Es sieht also ganz so aus, daß die relativierte Bedeutung der Schriftkultur und der an sie geknüpften Ideale von Universalität, Dauerhaftigkeit, Hierarchie und Determinismus und das gleichzeitig zu verzeichnende Aufkommen vieler Schriftlichkeiten, mit den wiederum an sie geknüpften Haltungen der Begrenztheit, Flüchtigkeit, Dezentralisierung und des Indeterminismus parallel verlaufen zu der abnehmenden Bedeutung von Geschichte und dem Aufkommen vieler Spezial-(oder Teil-)geschichten. Der Hypertext ersetzt den diskursiven Text und ruft eine neue Welt von Verbindungen ins Leben. Diese neuen Verknüpfungen zwischen genau definierten Bereichen der historischen Aufzeichnung verweisen auf eine Realität, die sich der fortlaufenden, zusammenhängenden Darstellung einer einheitlichen Geschichte entzieht; sie sind aber für die Gegenwart relevant. Der spezialisierte Historiker berichtet nicht einfach über die Vergangenheit, sondern über jene spezifischen Aspekte der menschlichen Selbstkonstituierung in der Vergangenheit, die für den heutigen Erfahrungsrahmen bedeutsam sind. Bisweilen scheint es, als erfänden wir die Vergangenheit stückweise aufs Neue, nur um die gegenwärtige Lebenspraxis zu unterstützen und das Bewußtsein von der Gegenwart zu stärken. Die Sequentialität und Linearität jenes pragmatischen Rahmens, der Sprachen erst entstehen ließ und zu einem späteren Zeitpunkt Schriftkultur und Geschichtsbewußtsein notwendig erforderte, sind nun durch Nicht-Sequentialität und nichtlineare Beziehungen ersetzt, die auf die heutige Skala des menschlichen Daseins besser zugeschnitten sind. Sie erweisen sich zudem für die komplexen Formen heutiger menschlicher Selbstkonstituierung als besser geeignet.
Als Eintrag in einer Datenbank (von enormem Umfang) verbreitet die Vergangenheit noch immer ihre romantische Aura, aber sie richtet sich auf Gegenwart und Zukunft. Eine Position außerhalb der Schriftkultur, wie sie sich zum Beispiel in der Unkenntnis der einen großen Erzählung (story) von der Geschichte (history) äußert, resultiert nicht aus Unkenntnis im Lesen und Schreiben. Sie ist auch nicht auf schlechte Geschichtslehrer oder Geschichtsbücher zurückzuführen, wie manche glauben. Sie ergibt sich daraus, daß unsere neuen praktischen Erfahrung der Selbstkonstituierung von den Erfahrungen der Vergangenheit abgetrennt sind.
Wissen und Verstehen
Das Verhältnis von Wissen und Verstehen ist vermutlich einer der wichtigsten Aspekte unserer gegenwärtigen Lebenspraxis. Wir sind in viele Tätigkeiten eingebunden, ohne die Abläufe wirklich zu verstehen. Die e-mail erreicht uns und diejenigen, an die wir unsere Nachrichten versenden, und die wenigsten verstehen, was sich dabei im einzelnen abspielt. Unser Postsystem war leichter zu verstehen. Den Weg einer e-mail-Nachricht zu bestimmen, ist für eine programmierte Maschine trivial, für einen Menschen fast unmöglich. Mit zunehmender Komplexität unserer Tätigkeiten nimmt die Wahrscheinlichkeit, daß die darin eingebundenen Menschen sie und die wirkenden Mechanismen verstehen, rapide ab. Dadurch wird die Effektivität der Tätigkeit keineswegs geschmälert.
Das gilt mittlerweile für eine ganze Reihe von Tätigkeiten in der außerhalb der Schriftkultur stehenden Lebenspraxis. Trotz komplexer diagnostischer Hilfsmittel ist--aufgrund spezifischer Eigenschaften der zu vollziehenden Tätigkeit--der eine Arzt besser als der andere; trotz Automatisierung vieler Bereiche des Berufslebens--Buchführung, Steuererklärung, Design und Architektur--führen irgendwelche Merkmale der zu verrichtenden Tätigkeiten dazu, daß die Leistung bestimmter Menschen besser ist als die fortschrittlichste Technologie. Obwohl manche Manager nahezu nichts von den Produkten ihrer Firma verstehen, kennen sie die Marktgesetze so gut, daß ihre Arbeit stets mit Erfolg gekrönt ist, was immer sie auch vermarkten. Diese Manager bewegen sich im Erfahrungsraum einer Sprache--der Sprache des Marktes, nicht des Produktes. Wir wollen uns daher die Evolution von Wissen und Verstehen im Rahmen verschiedener aufeinander folgender pragmatischer Handlungsrahmen etwas näher anschauen, insbesondere die Rolle, die die Sprache als vermittelndes Element in jedem dieser Rahmen gespielt hat.
Das Sprachzeichen besteht aus der kontradiktorischen Einheit von phonetischen und semantischen Elementen. Innerhalb einer begrenzten Erfahrungsskala war Schriftkultur und Bildung gleichbedeutend mit dem Wissen davon, was sich hinter einem Wort verbarg, mit der Fähigkeit, es aufleben zu lassen oder gar, dem Wort neues Leben zu verleihen. Mit der Erweiterung der Skala nahm man das, was sich hinter einem Wort verbarg, als selbstverständlich und vorgegeben. Das setzt voraus, daß Wörterbücher als Bestandsverzeichnisse unserer Sprache, also auch die persönlichen Wörterbücher, kongruent sind. Das Erlernen einer Sprache beschränkt sich nicht darauf, deren Ausdrücke auswendig zu lernen. Der einzig erfolgreiche Weg liegt darin, eine Sprache zu leben. Mit dem durch die Sprache erworbenen und ausgedrückten Wissen stellt sich Verstehen ein.
Der Mensch kommt nicht ohne Erfahrung auf die Welt. Wichtige Bestandteile der Erfahrung sind biologisch veranlagt. Andere werden durch beständige Interaktion vermittelt, besonders durch gegenseitiges Verstehen. Wir haben an der abnehmenden Bedeutung des olfaktorischen Elements zeigen können, daß die Menschen durch die evolutionären Zyklen bestimmt sind. Mit dem Rückgang der sinnlichen Erfahrung verringerten sich auch die an die sinnliche Wahrnehmung gebundenen Kenntnisse. Ähnlich gilt, daß Sprachleistungen aus dem Leben und Ausüben einer Sprache hervorgehen. Das Existieren als Sprache, die Anbindung des einzelnen an die Welt durch Sprache, ist Voraussetzung dafür, sie zu kennen und zu verstehen. Die Sprache unserer natürlichen Umwelt ist nicht-verbal; sie artikuliert sich auf der Ebene der elementaren, von außen veranlaßten Empfindungen, die sich einstellen, wenn der Mensch seine Umwelt zu beherrschen oder verändern versucht. Nach derartigen Erfahrungen erlebt der Mensch die Welt als stabilisierte Bedeutung: Wolken können Regen ankündigen, Donner Feuer verursachen; fliehendes Wild verrät die Jäger, Eier in einem Nest deuten auf Vögel hin. Die Komplexität unserer Bemühungen, die Welt zu meistern, nahm im Lauf unserer Entwicklung ständig zu. So sind die Tätigkeiten in einem Lebensrahmen, der die Schriftkultur entstehen ließ, von einem anderen Komplexitätsgrad als die der Industriegesellschaft und die unserer heutigen Zeit.
Zwischen den Sinnen und der Sprache--und daher auch zwischen nichtverbalen und verbalen Sprachen--sind zahlreiche Einflüsse wirksam. Wörter bringen kognitive Bedingungen mit sich, die sich von Sinneseindrücken unterscheiden und die anders verarbeitet werden. Die Sprache fügt der Sinnesinformation eine intellektuelle Information hinzu, und zwar hauptsächlich in Form von Assoziationen, die das Gegenwärtige und das Nicht-Gegenwärtige umfassen können. Interessanterweise wissen wir nicht alles, was wir verstehen; und ebenso verstehen wir nicht alles, was wir wissen. Wir können zum Beispiel wissen, daß sich in der nichteuklidischen Geometrie Parallelen treffen. Oder wir wissen, daß Wasser, eine Flüssigkeit, aus Wasserstoff und Sauerstoff, also aus zwei Gasen, besteht. Oder auch, daß der Gebrauch von Drogen zu Abhängigkeit führen kann. Und dennoch verstehen wir nicht unbedingt die näheren Umstände, Abläufe und Zusammenhänge.
In der Schriftkultur gehen wir davon aus, daß wir, wenn wir etwas schreiben können, es automatisch kennen und verstehen. Und sollte sich zeigen, daß unser Wissen unvollständig, zusammenhanglos oder nicht dauerhaft, daß es in irgendeiner Weise gestört ist, können wir es durch Lektüre vervollständigen oder durch Vergleich mit dem Wissen anderer zusammenhängender gestalten. Die Dauerhaftigkeit und Stabilität von Schrift und Schriftkultur kann sich allerdings auch als Hemmschuh erweisen, den wir in relativ stabilen Kontexten zunächst nicht oder nur selten als Nachteil erfahren. Mit gesteigerten Effizienzerwartungen verkürzen sich indes die Zyklen unserer Tätigkeit. Die größere Intensität, die Variabilität unserer Interaktionsstrukturen und die extrem arbeitsteilige Natur unserer Einbindungen in die Praxis erfordern variable Bezugsrahmen für Wissen und Verstehen. In diesen veränderten Merkmalen unserer Lebenspraxis zeichnet sich vermehrt ein Hang zu Zweioder Mehrdeutigkeit im Sprachgebrauch ab. In Literatur und Theater akzeptabel und angemessen, im politischen und diplomatischen Leben zweifelhaft, beeinflußt ein solcher Sprachgebrauch nunmehr die schriftliche Abfassung von Gedanken und Plänen, die sich auf moralische Werte, politische Progamme und wissenschaftliche oder technologische Ziele beziehen.
Die oben erwähnten veränderten Umstände unserer Lebenspraxis erfordern auch, daß wir für den Erwerb und die Verbreitung von Wissen andere als nur sprachliche Mittel und deren schriftliche Funktionsweise einbeziehen. Ein Wissen, das sich schnell verändert, kann besser mit Mitteln erworben werden, die dieser Dynamik entsprechen. Auch diese Mittel--interaktive Multimedien, Programme zur virtuellen Realität oder genetische Computermodellierung--verändern sich; damit aber impliziert die Erfahrung des Wissenserwerbs die Einsicht in den transitorischen Charakter jener Mittel, die das Wissen speichern und darbieten. Es gibt heute viele Tätigkeiten, deren Wissensgrundlage nicht mehr die traditionellen Mittel einschließlich der schriftkulturellen Vermittlung und Bildung sind. Moderne Gehirnchirurgie auf neuronaler Ebene, Entwicklung immenser weltweiter Netzwerke als Grundlage für e-mail, Weltraumforschung und memetic engineering, hochspezialisierte Kanäle des Verstehens und eine Unmenge weiterer hocheffizienter Tätigkeiten auf einer bis vor kurzem noch nicht verfügbaren Wissensgrundlage kennzeichnen den Handlungsrahmen eines Entwicklungsstadiums jenseits der Schriftkultur.
Eindeutig, zweideutig, mehrdeutig
Es gibt mindestens 700 künstliche Sprachen. Hinter jeder von ihnen steht eine praktische Erfahrung, deren Anforderungen die natürliche Sprache nicht ausreichend genügen konnte. Eine dieser Sprachen setzt sich mit den Vorurteilen bezüglich Links- und Rechtshändigkeit auseinander, eine andere versucht, die geschlechtsspezifischen Vorurteile umzukehren, wieder eine andere ist nach ästhetischen Prinzipien konstruiert. Es gibt literarische Kunstsprachen: Tolkiens Elfisch, die Sprache der Klingons in Star Trek oder das Nadsat in Burgess Uhrwerk Orange. Oder es gibt wissenschaftlich begründete Ansätze: logische Sprachen, an wissenschaftlichen Klassifikationen orientierte Sprachen. Auch die in der Vergangenheit entwickelten künstlichen Sprachen orientierten sich offenkundig an pragmatischen Funktionen: die von Ramon Llul für Missionare entwickelte Ars Magna oder Hildegard von Bingens aus dem klösterlichen Leben erwachsene, aber weit über rein liturgische Funktionen hinausgehende Lingua Ignota.