Jenseits der Schriftkultur — Band 2
Part 7
Vorliegende Forschungsergebnisse erweisen ziemlich eindeutig, daß ein mithilfe von Bildern verbessertes Textverständnis nicht einfach auf die Präsenz von Bildern zurückzuführen ist, sondern auf bestimmte Lesermerkmale. Das zeigt erneut, wie wichtig ein Hintergrundwissen für das Verständnis von Texten, Bildern und anderen zur Sprache verfestigten Ausdrucksformen ist. Die Forschungsverfahren beruhten dabei auf empirischen Messungen von sogenannten Textverarbeitungsprozessen bei Lesern. Bei den Untersuchungen wurden die Augenbewegungen aufgezeichnet und mit dem Textverständnis korreliert, was Aufschluß über die Interaktion von Text und Bild gab. So sind Bilder für sogenannte schlechte Leser eindeutig hilfreich. Für erfahrene Leser waren Bilder irrelevant, wenn die Information im Mittelpunkt stand. War die Information weniger wichtig, beeinträchtigten Bilder die Lektüre. Auch zeigte sich, daß der Texttyp--expositorisch, erzählend--kein besonderer Faktor ist und daß Bilder dabei helfen, Texteinzelheiten zu erinnern. Das ist allerdings schon seit mindestens 300 Jahren bekannt. Im elisabethanischen Theater lernten die Schauspieler ihre Texte auswendig, indem sie bestimmte Passagen mit bestimmten architektonischen Details des Theatergebäudes verknüpften. Letztendlich ergaben all diese Untersuchungen, daß die Auswirkung von Bildern auf das Verständnis geschriebener Texte nicht leicht zu erklären ist. Das kann kaum überraschen, wenn man auf Schriftlichkeit basierende Meßverfahren verwendet, um die Grenzen der Schriftlichkeit zu bestimmen. Ob zufällig auftretende oder dem Leser aufgenötigte Bilder, ob quasi-lineare oder komplizierte Texte (d. h. solche, die auf komplexe praktische Erfahrungen zurückgehen)--die Beziehung zwischen Bild und Text scheint keinem klaren Muster zu folgen. Wenn wir die Ursachen und Eigenarten von Leseschwierigkeiten ergründen wollen, erweisen sich solche Experimente wie alle anderen, die auf der Prämisse der Schriftlichkeit beruhen, als untauglich.
Derartige Untersuchungen bestätigen eigentlich nur, daß es heutzutage selbst unter Schülern und Studenten viel weniger Gemeinsamkeiten gibt als zu jener Zeit, in der sich das Schreiben und Lesen herausbildete. Die Diversifikation unserer Erfahrung vor dem Hintergrund einer relativ stabilen Sprache, die als allgemeiner Kulturstandard vorausgesetzt wird, sollte uns veranlassen, eben diese Beziehung zur Erklärung der vorliegenden Daten und auch zur Erklärung der ursprünglichen Fragestellung heranzuziehen. Warum in den zurückliegenden Jahren das Lesen, Verstehen und Erinnern von geschriebener Sprache trotz der vermehrten Anstrengungen von Schule, Elternhäusern, Arbeitgebern und Ministerien immer mehr zum Problem geworden ist, weiß niemand zu sagen. Wie sehr wir uns auch immer bemühen, das Verständnis eines Textes durch die Verwendung von Bildern zu erhöhen, die Notwendigkeit von Texten als Ausdruck einer schriftkulturellen praktischen Erfahrung ist damit keineswegs gesteigert. Zu solchen Ergebnissen kommen wir nicht leichtfertig, denn wir sind noch immer durch die Schriftkultur konditioniert. Jenseits solcher Konditionierungszwänge stellen sich andere Erfahrungsinhalte ganz natürlich ein. So erklärt sich auch, warum im Internet der Tenor des sozialen und politischen Dialogs viel vorurteilsfreier ist als das, was wir in Büchern, Zeitungen und Fernsehsendungen vermittelt bekommen. Das ist nicht als eine neue Form von technologischem Determinismus zu verstehen. Mir geht es um die neuen pragmatischen Umstände, nicht um die darin eingebundenen Mittel.
Vermutlich hat Korzybski recht, wenn er sagt, Sprache sei "eine Karte, die das verzeichnet, was sich in uns und außerhalb von uns abspielt." Angesichts des Entwicklungsstandes, den unsere Zivilisation erreicht hat, ist keine der bislang gezeichneten Karten genau genug. Wenn wir die für die gegenwärtige und zukünftige Entwicklung wesentlichen Einzelheiten abbilden wollen, müssen wir die Veränderung in der Metrik (d. h. in der Skala der verzeichneten Einheit) und in der Dynamik berücksichtigen. Die Welt verändert sich, weil wir uns verändern, und damit eröffnen wir der Welt neue Dimensionen.
Wenn wir Ähnlichkeiten mit vergangenen Stadien erkennen--also etwa dem der Mündlichkeit--, gewinnen sie nur dann Bedeutung, wenn wir sie im angemessenen Kontext betrachten. Die moderne Technologie hat die Probleme, die mit der langsamen Geschwindigkeit der Schallwellen zusammenhingen, gelöst und die mündliche Kommunikation über weite Entfernungen hinweg (Telekommunikation) zu einer einfachen Angelegenheit gemacht. In früheren Zeiten konnten Personen auf zwei benachbarten Hügeln sich entweder besuchen, sich zurufen oder Feuer- und Lichtsignale senden. Heute können wir mit jemandem sprechen, der gerade in einem Flugzeug sitzt, im Auto fährt, spazierengeht oder den Mount Everest besteigt. Auf diese Weise sind wir über die Telefontechnologie überall auf der Welt so genau zu orten wie durch das in Satelliten installierte Global Positioning System (GPS). Das Telefon als neues Medium der Mündlichkeit erübrigt jede Form der physischen Präsenz und kann praktisch überall aktiviert werden. Auf diese Weise wurde die heutige Kommunikation revolutioniert und Mündlichkeit in einem global wirkenden, komplexen und kontrollierten Handlungsrahmen wiederbelebt und mit neuen Funktionen versehen. Im digitalen Netzwerk, das zunehmend zu unserem Medium der Selbstkonstituierung geworden ist, sind wir gleichzeitig Absender und Adresse. Mit einem Tastendruck sind wir, wo immer wir sein wollen, was wir sein wollen und was wir zu tun vermögen. Mit einem weiteren Tastendruck werden wir zum Gegenstand der Interessen, Handlungen, Nachfragen eines anderen. Die Verwendung von Bildern gehört in diesen weiten Rahmen, ebenso das allgegenwärtige und, wie es manchmal scheint, allmächtige Fernsehen. Das hat uns mit der gesamten Welt verbunden; zugleich aber haben wir die Bindung an uns selbst verloren. Die Bandbreite für Interaktionen durch eine Vielfalt von Kanälen hat sich vom Kupferdraht auf Glasfiber-Datenautobahnen ausgeweitet und damit eine Struktur geschaffen, die unsere Koordinaten in einer Welt der global ausgelegten Handlungsräume neu definiert. Wir setzen die physikalischen Gesetze außer Kraft und sind gleichzeitig an mehreren Orten. Wir können auch gleichzeitig mehr als nur eine Person sein. Das Verstehen von Sprache wird unter solchen veränderten Umständen zu einer gänzlich neuen Erfahrung unserer Selbstkonstituierung.
Dennoch bedeutet das Verstehen von Sprache immer noch, diejenigen zu verstehen, die sich durch Sprache ausdrücken, gleich welches Medium sie dafür verwenden. Die Schriftkultur ermöglichte es, die Sprache eines Zivilisationsstadiums zu verstehen, dessen Skala der linearen Natur des Schreibens und Lesens und der in der Sprache angelegten Wahrheitslogik entsprach. Gleichwohl weist Schrift keine heuristischen Dimensionen auf, ist langsam und ermöglicht nur begrenzt Interaktivität. Das Irrationale unterwirft sie der Rationalität und unser gesamtes Leben ihrer bürokratischen Sorge. Eine allen gemeinsame Erfahrung in einem begrenzten Lebensrahmen, wie sie für die Anfänge der Sprachnotation charakteristisch war, erleichtert die Interpretation. Divergente Erfahrungen, die dem Streben nach Nützlichkeit, Effizienz, Vermittlung entspringen und weniger Gemeinsames aufweisen, bringen es mit sich, daß die Sprache unserer Selbstkonstituierung in geringerem Maße entspricht und daher auch schwerer zu verstehen ist. So gesehen macht die Schriftkultur alles, was sie umfaßt, gleichförmig; deshalb widersetzt man sich ihr. Sie ist alles andere als eine bloße Fertigkeit; sie ist gemeinsame Erfahrung, die sich in der Arbeit und im sozialen Leben einstellte. Veränderungen des pragmatischen Rahmens führten zu der Einsicht, daß Schriftkultur sehr wohl dazu dienen könnte, Brücken zwischen den verschiedenen fragmentarisierten Wissens- und Erfahrungsbereichen zu schlagen, nicht aber, diese zu verkörpern. Sie könnte sich durchaus noch darauf auswirken, wie wir Sondersprachen als Instrumente für unsere verschiedenen Zugriffe auf die Welt, für unsere Veränderungsversuche und für die Darstellung der Ergebnisse solcher Versuche verwenden. Daraus folgt indes noch lange nicht, daß Schriftkultur der einzig heilbringende Lösungsweg für Ausdruck, Kommunikation und Bedeutung bleiben wird oder bleiben sollte.
Kapitel 4:
Die Funktionsweise der Sprache
Funktionieren ist ein Verb, das aus dem Umgang mit Maschinen abgeleitet ist. Von Maschinen erwarten wir eine gleichbleibende Leistung in einem bestimmten Bereich. Wenn wir diesen Begriff metaphorisch auf die Sprache anwenden, sollte uns bewußt bleiben, daß Sprache aus menschlicher Interaktion erwächst, die mit Zeichensystemen zu tun hat, besonders mit jenen, die schließlich in der Schriftkultur gipfelten. Folgende Probleme sollen behandelt werden: wir wollen die Sprachfunktionen benennen, die sich in verschiedenen pragmatischen Zusammenhängen abzeichnen; die Prozesse vergleichen, in denen diese Funktionen ausgeübt werden; und die pragmatischen Umstände beschreiben, unter denen bestimmte Funktionsmechanismen die Praxis nicht mehr mit der Effizienz unterstützen, die die Skala des pragmatischen Rahmens eigentlich erfordert.
Ausdruck, Kommunikation, Bedeutung
Üblicherweise werden Sprachfunktionen entweder mit Gehirntätigkeit assoziiert oder über den Bereich menschlicher Interaktion definiert. Im ersten Fall wird Sprachverstehen, Sprachproduktion, Lese-, Aussprache- und Schreibfähigkeit untersucht. Durch nicht-invasive Methoden versucht der Neuropsychologe aufzuzeigen, wie Erinnerung und Sprachfunktionen mit dem Gehirn zusammenhängen. Im zweiten Fall liegt das Augenmerk auf sozialen und kommunikativen Funktionen, mit zunehmendem Interesse an unterliegenden Aspekten (die oft an Computermodellen durchgespielt werden). Mein Ansatz dagegen verlegt die Sprachfunktionen in den Bereich der praktischen Erfahrung, in die Pragmatik der menschlichen Spezies. Sprachfunktionen werden zuallererst durch Zeichenprozesse verkörpert.
In einem vorsprachlichen Zustand funktionierten Zeichen auf der Grundlage ihrer ontogenetischen Bedingungen. Es waren zurückgelassene Markierungen--Fußeindrücke, Blut aus einer Wunde, Bißabdrücke--, die nur in dem Maß Assoziationen erlaubten, in dem Individuen ihre Entstehung erfuhren oder nachvollzogen. Das Erkennen solcher Zeichen führte zu einfachen Assoziationsmustern wie Aktion und Reaktion, Ursache und Wirkung. Die Erfahrung, daß ein Biß einen Abdruck hinterläßt, ist ein Beispiel dafür. Hinweise auf Gegenstände (abgebrochene Zweige am Weg, Obsidiansplitter an Stellen, an denen Steine bearbeitet worden waren, zurückgebliebene Asche) und Symptome (von Stärke oder Schwäche) sind weniger unmittelbar, aber ebenfalls noch ohne jegliche Intentionalität. Die nichtintentionale Zeichenerfahrung fand mit der Nachahmung ein Ende. Bei nachahmenden Zeichen, die dem Dargestellten ähnlich sein sollen, wird das Zeichen nicht einfach zurückgelassen, sondern gezielt geschaffen mit dem Zweck, mit anderen geteilt zu werden, also mit-zu-teilen.
Die Funktion, die am besten das Zeichen als Hinweis auf seinen Verursacher definiert, ist die Ausdrucksfunktion. Die Kommunikationsfunktion bringt Individuen über die Erfahrung zusammen, an der sie teilnehmen. Die Bedeutungsfunktion schließlich entspricht einer Erfahrung, die Zeichen zum Gegenstand hat und auf der symbolischen Ebene operiert. Diese Funktion versieht das Zeichen mit dem Gedächtnis, das den Prozeß seiner Hervorbringung in der Lebenspraxis einschließt. Die Bedeutungsfunktion verweist auf die selbstreflexive Dimension von Zeichen. Ausdruck und Kommunikation, vor allem aber Bedeutung unterscheiden sich in unterschiedlichen pragmatischen Handlungsrahmen erheblich.
Ausdrucksformen sind gewissermaßen Gleichnisse für individuelle Eigenschaften und persönliche Erfahrung, sie können als Übersetzung dieser Eigenschaften und der Erfahrung, die sie hervorbringt, betrachtet werden. Ein großer Fußabdruck verweist auf einen großen Fuß und bestimmt innerhalb einer begrenzten Erfahrungsskala das lebenswichtige Resultat einer Handlung. Die Ausdrucksformen der gesprochenen Sprache sind durch die Gegenwärtigkeit der Kommunikationspartner gekennzeichnet, deren gemeinsame Raum- und Zeiterfahrung durch Versicherungen wie hier und jetzt ausgedrückt wird. In der Schrift ist die Ausdrucksform an die äußeren Merkmale des Schreiben-Könnens gebunden. Daher schließt die Graphologie auch von den äußeren Erscheinungsmustern auf psychologische Eigenschaften des Schreibers. Die Schriftkultur ist jedoch an derartigen Ausdrucksformen wenig interessiert, wenngleich sie dazu beiträgt und natürlich der Graphologie als Medium dient. Die Schriftkultur fördert Normen und Erwartungen bezüglich des korrekten Schreibens. Diejenigen, die diese Normen verinnerlichen, wissen, daß innerhalb einer auf Schriftkultur beruhenden Praxis die Effizienz der Selbstkonstituierung ganz wesentlich durch eine gleichförmige Arbeits- und Lebenspraxis erhöht wird.
Für die Kommunikations- und Bedeutungsfunktion gilt das gleiche. Gemeinsam ist ihnen eine aufsteigende Skala: Bezeichnungen für Verwandtschaft, für größere Gruppen, Kollektivbezeichnungen, schließlich kraftvolle Ausdrücke, wenn sich der Aktionsradius erweitert und Individuen allmählich mit ihren individualisierenden Merkmalen negiert werden. Bei der Kommunikation wird das noch deutlicher. Familienmitglieder zusammenzubringen ist leichter, als Stämme, Gemeinden, Städte, Länder usw. oder gar die ganze Welt zusammenzuführen. Da aber verfügbare Ressourcen nicht notwendigerweise mit erhöhten Bevölkerungszahlen und schon gar nicht mit wachsenden Bedürfnissen und Erwartungen Schritt halten, ist es entscheidend, kognitive Ressourcen in die Erfahrungen der Selbstkonstituierung zu integrieren. Die an Zeichensysteme gebundene Kommunikationsfunktion erreichte mit den Mitteln der Schriftkultur ihre bis dahin höchste Entwicklung. Neue Erweiterungen der Skala werden neue Effizienzerwartungen mit sich bringen und damit indirekt einen Bedarf an neuen Mitteln, die diesen Erwartungen gerecht werden. Veränderungen--wie der Schritt von vorsprachlichen zu sprachlichen Zeichensystemen, von Mündlichkeit zu Schriftlichkeit, von der Schriftkultur zu einem Stadium jenseits davon--finden immer nur dann statt, wenn die praktischen Erfahrungen komplexer werden und neue kognitive Ressourcen erschließen. Mit anderen Worten: Wenn die Sprache die Lebenspraxis nicht mehr so trägt, daß die der gegebenen Skala entsprechende Effizienz erreicht wird, werden neue Formen des Ausdrucks, der Kommunikation und des Bedeutens notwendig.
Unser Thema, die zeitliche Bedingtheit eines jeden Zeichensystems, besonders das der Mündlichkeit und der Schriftkultur, ist von diesen Überlegungen in zweifacher Hinsicht betroffen: 1. Sie zeigen, daß die grundlegenden Sprachfunktionen (Ausdruck, Kommunikation, Bedeutung) von pragmatischen Lebenszusammenhängen abhängig sind; 2. Sie zeigen Bedingungen auf, unter denen neue Mittel und Methoden mit größerer Effizienz diejenigen ergänzen oder übertreffen, die in zurückliegenden Praxiszusammenhängen entstanden waren. Wir haben im einzelnen zeigen können, wie Lebenspraxis, Selbstkonstituierung und Identitätsbildung in der Menschheitsentwicklung einhergingen mit der Entwicklung von immer differenzierteren und abstrakteren Zeichensystemen, die schließlich in der Schriftkultur und den aus ihr hervorgehenden Errungenschaften im Produktionsbereich, im sozialen, politischen und künstlerischen Leben sowie in Bildung und Freizeit gipfelten.
Die Entwicklung von Sprachen auf noch höheren Ebenen und von Mitteln zur Visualisierung, Animation, Simulation und Modellierung bringt heutzutage weitere Veränderungen mit sich. Wir werden ihre Bedeutung für unser Leben jedoch nicht verstehen können, wenn wir uns nicht vergegenwärtigen, was sie notwendig gemacht hat. Das heißt, wir müssen uns wieder mit dem Menschen und seiner dynamischen Entfaltung befassen. Dazu müssen wir zuallererst die Beziehung zwischen der Struktur der Kultur, innerhalb derer Zeichensysteme, Schriftkultur und Bildung und darüber hinausgehende Mittel zu identifizieren sind, und der Struktur der Gesellschaft, innerhalb derer sich die Interaktion zwischen den einzelnen Mitgliedern dieser Gesellschaft vollzieht, verstehen. Ansonsten geben Erklärungsmodelle jedweder Art keinen Sinn. Wir gehen von folgender Voraussetzung aus: Da nicht einmal die Väter des behavioristischen Modells davon ausgingen, daß die Ursprünge unseres Verhaltens in uns selbst liegen (Skinner hat das in einem Interview kurz vor seinem Tod noch einmal dargelegt), dürfen wir die zu einer Gemeinschaft findenden Individuen als Ort menschlicher Interaktion definieren. Dabei wirkt Sprache lediglich als eine Integrationskraft unter anderen. Wir haben gesehen, wie der Übergang vom Natur- zum Kulturzustand, der seinen Höhepunkt in der Schriftkultur erreichte, einen Wechsel in der Welterfahrung und im Verhältnis des Menschen zur Welt bewirkte. Heute sehen wir uns einem Umbruch ausgesetzt, der auf eine Lebensform jenseits der Schriftkultur hinsteuert--gekennzeichnet durch vielfältige Schichten der Vermittlung und Vermitteltheit, Konfiguration, Nichtlinearität, Aufgabenverteilung und durch Meta-Sprache. In diesem Prozeß verändert sich die Funktionsweise der Sprache ebenso wie der Mensch, der sich in grundlegend neuen Erfahrungszusammenhängen und Praxisformen neu konstituiert.
Die Gedankenmaschine
Das Funktionieren der Sprache kann weder in Rotationen pro Sekunde oder in verarbeiteten Rohstoffmengen noch mit unseren neuen Maßeinheiten von Bits, Bytes, Flops und dergleichen ausgedrückt werden. Die Produkte der Sprache (um in der Maschinenmetapher zu bleiben) sind Ausdrucksformen, Informationsaustausch und Wertungen. Noch wichtiger aber ist ein anderes Produkt, das den kognitiven Aspekt menschlicher Selbstkonstituierung bestimmt: Gedanken und Vorstellungen.
Wir haben gezeigt, wie sich Sprache von ihrer Bindung an individuelle Erfahrung loslöste, wie diese Entwicklung Interaktionsformen und Handlungsmuster beeinflußte und wie sich schließlich die verschiedenen Notationsformen aus einer erweiterten Erfahrungs- und Interaktionsskala heraus zur Schrift hin entwickelten, die ihrerseits einen ganzen Satz von linearen Konventionen bewirkte.
Die Umstände, die das Entwickeln und Verstehen von Gedanken ermöglicht haben, ließen den Menschen als einzigartige Spezies unter allen Lebewesen hervortreten. Gedanken, wie komplex sie auch ausfallen, beziehen sich auf Weltzustände: auf die physische, biologische oder räumliche Wirklichkeit, die in der Selbstkonstituierung des Individuums verkörpert ist. Sie beziehen sich ferner auf die Geisteszustände derer, die die Gedanken formulieren. Gedanken sind Symptome der menschlichen Selbstkonstituierung und damit zugleich der Sprachen, die die Menschen in der Praxis entwickelt haben. Wir wollen der Frage nachgehen, ob zwischen Schriftkultur und dem Entwickeln und Verstehen von Gedanken ein innerer Zusammenhang besteht oder ob Gedanken auch auf andere als schriftsprachliche Weise, etwa in Zeichnungen oder den heutigen multimedialen Systemen formuliert und verstanden werden können.
Die Menschen drücken sich durch ihre Zeichensysteme nicht nur anderen gegenüber aus, sie hören sich auch zu und blicken sich an. Sie sind gleichzeitig Sender und Empfänger. Beim Sprechen folgen die Zeichen in einer Serie von selbstkontrollierten Abfolgen aufeinander. Neue Ausdrucksformen entstehen (Synthese), indem das verfügbare Wissen auf eine neue, den neuen lebenspraktischen Erfahrungen angemessene Weise geordnet wird; dieser Prozeß unterliegt der beständigen Selbstkontrolle.
Präverbale und subverbale unartikulierte Sprachen (auf der Signalebene von Geruch, Berührung, Geschmack oder die kinetischen und proxemischen Sprachtypen) definieren Empfindungen unmittelbar bzw. über rudimentäre Kontexte. Das Verhältnis von artikulierter Sprache zu unartikulierten subverbalen Sprachen zeigt sich auf der Ebene der natürlichen wie auch der soziokulturellen Tätigkeiten. Hierfür ein Beispiel: Unter den Bedingungen, die allmählich zur Sprache hinführten, war das Olfaktorische als Geschmackskontrolle in seiner Bedeutung Sehen und Gehör vergleichbar. Dies änderte sich, als an die Stelle der unmittelbaren Erfahrung die sprachlich vermittelte Erfahrung trat. Im lebenspraktischen Zusammenhang der Schriftkultur verlor der Geruchssinn gänzlich an Bedeutung. Biologische Kommunikationsformen wurden eingeschränkt, immaterielle, nicht an Substanzen gebundene Kommunikation nahm im gleichen Maße zu. Gewiß können Gedanken im strengen Wortsinn nicht durch Geruch ausgedrückt werden. Dennoch beeinflussen Geruchs-, Geschmacks- und andere Sinneserfahrungen Bereiche der Lebenspraxis, die jenseits von Schriftlichkeit liegen.
Schrift und der Ausdruck von Gedanken
Als das Sprechzeichen ein Sprachzeichen (Alphabet, Wörter, Sätze) wurde, gewann der oben skizzierte Prozeß an Tiefe. Das konkrete (geschriebene, stabilisierte) Zeichen leistete seinen Beitrag bei der Verallgemeinerung von Erfahrung--mittels der Abstraktheit seiner Linien, Formen und Verknüpfungen, Ton, Wachs und Pergament oder irgend einem anderen Träger. Die Abfolge individueller Zeichen (Buchstaben, Wörter) verwandelte sich in das Zeichen für das Allgemeine. Jahrhundertelang war die Schrift nur ein Behälter für Sprache, nicht operationelle Sprache. Damit widersprechen wir nicht der noch immer umstrittenen Sapir-Whorf-Hypothese von der Beeinflussung des Denkens durch die Sprache. Wir wollen lediglich klarstellen, daß der aktive Einfluß auf das Denken nicht unmittelbar von der Sprache, sondern von einer Abfolge von praktischen Erfahrungen ausging. Hätte es ein Gerät gegeben, die mündliche Sprache aufzuzeichnen, dann hätte die Verwendung von Schrift und die Notwendigkeit von Schriftkultur ziemlich sicher andere Formen angenommen.
Die Menschen gehen mit Zeichensystemen nicht um wie mit Maschinen oder mit irgendwelchen Teilen, die man ansammelt und weglegt. Sie waren stets ihre eigenen Skripte und vollzogen in Form von Notationen tatsächliche oder mögliche Erfahrungen. Das hebräische Alphabet begann als Kurzschrift aus Konsonanten, die die Schreiber als Wortwurzeln auf Pergament brachten. Für die begrenzte Skala und gemeinsame Lebenspraxis reichte diese Kurzschrift völlig aus. Die Hieroglyphen der Maya, die mesopotamischen Ideogramme und alle anderen uns bekannten Notationen verfolgten denselben Zweck: Hinweise zu geben, damit andere die Sprache wiederaufleben lassen konnten. Eine erweiterte Skala und weniger homogene Erfahrungen veranlaßten die hebräischen Schreiber, diakritische Zeichen zur Andeutung von Vokalen zu ergänzen. Ebenso veränderte sich die Schrift der Mesopotamier und Sumerer mit veränderten pragmatischen Rahmen.