Jenseits der Schriftkultur — Band 2

Part 12

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Die bivalente Logik--etwas ist geschrieben oder nicht geschrieben, das Geschriebene ist richtig oder falsch--gehört zu den unsichtbaren Grundlagen der Schriftkultur. Erst sehr spät, mit dem logischen Formalismus, konnten sich multivalente Schemata geltend machen. Wenn nun der effiziente Rahmen der postindustriellen Lebenspraxis auf Nichtlinearität und Vagheit (fuzziness) angelegt ist, dann erweist sich unsere Schriftkultur als eine schlechte Grundlage für eine multivalente Logik. Auch einige der Teildisziplinen, die sich aus der Schriftkultur ergaben und als ihre Erweiterung verstehen (Geschichte, Philosophie, Soziologie), sind nicht in der Lage, eine Logik aufzunehmen, die sich von derjenigen unterscheidet, die in der praktischen Erfahrung des Lesens und Schreibens ihren festen Sitz hat. Das weist die Computerwissenschaft als einen neuen wissenschaftlichen Horizont aus, innerhalb dessen eine multivalente Logik auf dem Computer simuliert werden kann, obwohl dessen Struktur eine andere Logik (diejenige Booles) aufweist. Die wissenschaftliche Diskursform der Schriftkultur und der multimediale, nichtlinerare heuristische Zugang zur Wissenschaft sind fundamental unterschieden. Sie setzen eine unterschiedliche Form der Logik voraus und bringen unterschiedliche Formen der Interaktion hervor zwischen denen, die ihre Identität in der Ausführung wissenschaftlicher Experimente, und jenen, die ihre Identität durch die Beteiligung daran finden.

Die Welt der prädikativen Logik und die auf die analytische Kraft bauende Wissenschaft taten sich schwerer, eine Logik der Vagheit ( fuzzy logic) zu akzeptieren und sie in neue Produkte einzubauen, als z. B. die Welt der nichtprädikativen Logik und die auf die synthetische Kraft gestützte Wissenschaft. In der Welt der nicht-prädikativen Sprache ist die Logik der Vagheit in den Entwurf von Kontrollmechanismen für Hochgeschwindigkeitszüge und der neuen effizienteren Toaster eingegangen. In Japan wurde eine auf der Basis dieser Logik arbeitende Waschmaschine 1993 auf den Markt gebracht, als man diese Logik in der westlichen Welt noch heftig diskutierte. Diese Tatsache ist mehr als nur ein einfaches Beispiel im Rahmen von Überlegungen, die die Implikation einer globalen Wirtschaft für die verschiedenen Sprachsysteme und die in ihnen verkörperten logischen Koordinationsmechanismen behandeln. Der Fortschritt im Verstehen und in der Weiterentwicklung des menschlichen Denkens weist eine fortlaufende Entwicklung auf von einem Modell, das auf Schriftlichkeit und Schriftkultur basiert, zu einem Modell, das in einem völlig neuen pragmatischen Rahmen wurzelt. Regelbasierte Muster-Matching-Systeme verallgemeinern den Prädikaten-Kalkulus; neuronale Netzwerke ahmen in einer synthetischen Neuron-plex-Anordnung die Gehirnfunktionen nach; Fuzzy Logic setzt sich mit den Grenzen des Boolschen Kalküls und den neuronalen Netzen auseinander und versucht, Ungenauigkeit, Ambiguität und Unentscheidbarkeit in dem Maße zu modellieren, in dem diese Phänomene in der neuen Lebenspraxis des Menschen an Bedeutung gewinnen.

Sampling

Im Rahmen der Schriftkultur vollziehen sich Erinnern und Besinnen und die daran geknüpfte Logik hauptsächlich durch Zitieren. Etwas zu wissen, heißt hier, darüber schreiben zu können und auf diese Weise die Logik der Schrift zu bekräftigen. Lebenswege werden in der Erinnerung aufbewahrt, Tagebücher sind auf einen intendierten Leser hin (Geliebter, Kinder, Nachwelt) interpretierte Lebenswege. Die schriftkulturellen Mittel, über aufeinander abfolgende praktische Erfahrungen gemeinsam zu verfügen, beinhalten die entsprechende Logik und beeinflussen Erfahrung und deren Kommunikation. Alles scheint sich aus demselben Zusammenhang zu ergeben: aus dem Wissen um die Mittel, die die Erfahrung nacherleben lassen. Die auf Schrift basierende Erkenntnislehre mit der ihr impliziten Logik gründet darauf, die Erfahrung als Spracherfahrung beständig neu zu schaffen und nacherleben zu lassen. Deshalb ist jede Form des Schreibens auf der Grundlage der in der Schriftkultur verkörperten Struktur (literarisch oder philosophisch, religiös, wissenschaftlich, journalistisch oder politisch) in Wirklichkeit ein Nachschreiben (rewriting).

Hingegen ist in einem Stadium jenseits der Schriftkultur das Prinzip des Sampling--ein Begriff, den wir aus der Genetik kennen--vorherrschend. Wir wollen Zitieren und Sampling kurz miteinander vergleichen. Die schriftliche Aneignung in Form des Zitierens vollzieht sich innerhalb der schriftkulturellen Strukturen. Schriftsprachliche Abfolgen sind so ausgelegt, daß sie die Worte eines anderen ohne weiteres integrieren können. Ein Zitat signalisiert zugleich die gewünschte Hierarchie, sei es durch Anrufung, sei es durch Infragestellung der zitierten Autorität. Autorenschaft wird ausgeübt, indem ein Kontext für die Interpretation und zugleich schriftkulturelle Regeln für deren Vermittlung geschaffen werden. Insofern erfüllen auch die Interpretationen die Erwartungen, daß mit ihnen die deterministische Struktur der Schriftkultur, ihre innere Logik, reproduziert wird. Zugleich unterstützt das Zitat eine zentralistische Sichtweise, indem es sich als Interessens- und Verstehenszentrum setzt.

Die jenseits schriftkultureller Verfahren liegende Aneignung widersetzt sich der Hierarchie und der Sequentialität, widersetzt sich dem Gedanken der Autorschaft und den Regeln des logischen Schlusses. Sie kennt keine elementaren bedeutungstragenden Einheiten und geht mit ihren Auswahlverfahren weit über wohlgeformte Sätze, über Wörter, Morpheme oder Phoneme und die formale Logik hinaus. Die Techniken des Sampling gehen bis zur Rückgängigmachung. Die Aneignung kann sich auf Wortrhythmen beziehen oder auf Satzstrukturen, auf das Feeling eines Textes oder auf die vielen anderen nicht-schriftlichen Ausdrucksformen. Alles, was sich auf einen geschriebenen Satz bezieht--und im übrigen auch alles, was sich auf Musik, Malerei, Geruch, Textur, Bewegung (von Personen, Bildern, Baumblättern, Sternen, Flüssen usw.) bezieht--kann ausgewählt, in Einheiten jeder gewünschten Größe aufgelöst und als ein Echo der in ihr verkörperten Erfahrung angeeignet werden. Genetische Konfigurationen, wie sie sich bei Pflanzen oder anderen lebendigen Einheiten finden, können ebenfalls vom Sampling erfaßt werden. Durch das genetische Splicing wird die Relation zur umfassenderen genetischen Textur von Pflanzen oder Tieren aufrecht erhalten. So werden auch Wörter, Sätze oder Texte durch Splicing an die allgemeine Erfahrung rückgebunden, in der sie konstituiert wurden.

Derartige Relationen sind stark relativiert und unterliegen einer Vagheitslogik. Wenn sie sich auf das beziehen, was wir schreiben, werden sie durch emotionale Komponenten angereichert, die die schriftkulturelle Erfahrung aus dem schriftlichen Ausdruck verdrängt hatte. Wo sich früher die Strenge und die Logik des guten Schreibens gegen alle denkbaren Störfaktoren zur Wehr setzten, ist nun Platz für Variation, für Spontaneität, für das Zufällige. Wenn sich diese Beziehungen auf biologische Strukturen erstrecken, betreffen sie spezielle Eigenschaften wie Komposition oder Verderblichkeit. In dieser Kultur des Sampling gibt es keinen allgemeinverbindlichen Korpus schriftkultureller Texte und damit verbundener Logik; die vorherrschende Dynamik dieses Entwicklungsstadiums betrachtet die Vergangenheit allenfalls als ein erweitertes Alphabet, aus dem man zufällig oder systematisch diejenigen Buchstaben auswählen kann, die zum jeweiligen Vorgang passen. Diese Buchstaben bilden ein Alphabet sui generis, verändern sich gemeinsam mit den praktischen Erfahrungen, auf die sie sich beziehen, und interagieren mit zahlreichen logischen Regeln für ihren Gebrauch oder für das Verständnis ihrer Funktionsweise. Hierbei wird Interpretation nicht nur ein Akt der Sprachverwendung, sondern der Hervorbringung von Sprache. Das biologische Sampling und das damit zusammenhängende Splicing betrachtet auch das Lebendige als einen Text. Beide Verfahren bearbeiten die ausgewählten Komponenten, um ihren Geschmack, ihr Aussehen, ihren Nährwert usw. zu verbessern. Darin liegt das eigentliche Ziel der genetischen Steuerung; in dieser Erfahrung hat die Logik des Lebens, wie sie sich in den DNA-Sequenzen und Konfigurationen ausdrückt, die Oberhand über die Logik von Sprache und Schriftkultur gewonnen, auch wenn die in der Genetik noch so prominente Textmetapher dabei eine so wichtige Rolle spielt. Es sei in diesem Zusammenhang daran erinnert, daß das Wort Text vom lateinischen Wort für weben kommt und erst später auf zusammenhängende geschriebene Satzgebilde angewandt wurde.

Nicht alles, was durch Sampling zusammenkommt, wird in eine graue Informationsmasse umgewandelt. In ihrer Lebenspraxis tragen die Menschen Gefühle und Empfindungen zusammen, Lebensmittel im Supermarkt, Unterhaltungsprogramme, Kleidung und sogar Partner (für bestimmte Gelegenheiten oder als Lebenspartner, als Geschäftspartner und vieles andere mehr). Im Gegensatz zum Zitieren führt das mehr oder weniger ungesteuerte Zusammentragen zu einer Trennung von dem, was die Schriftkultur als Tradition und Kontinuität gepriesen hat. Vor allem stellt sie den Begriff der Verfasserschaft in Frage. In dem Maße, in dem das Sampling in unserer Erfahrung Raum greift, gewinnt der Mensch eine sehr spezifische Freiheit, die innerhalb der Grenzen der schriftkulturellen Erfahrung nicht möglich war. Tradition wird ergänzt durch Innovationsformen, die ein durch Progression und dualistische (wahr--falsch) Erfahrung gekennzeichneter pragmatischer Rahmen nicht kannte. Besonders deutlich wird das daran, daß auf das Sampling stets die Synthese folgt, die weder wahr noch falsch, sondern (bis zu einem gewissen Grad) angemessen ist. In der Musik wird für diesen Zweck ein Gerät verwendet, das man Sequencer nennt. Das Zusammengesetzte, das Komponierte, ist synthetisch. Das ermöglicht eine neue Erfahrung, die formal gesehen den sogenannten Ad-hoc-Sprachen und ihrer Verwendung entspricht. Der Mix Master ist eine Maschine für das Recycling von willkürlich definierten Kompositionseinheiten wie Noten, Rhythmen oder Melodiemustern, die aus ihrem pragmatischen Zusammenhang genommen wurden. All dies gilt auch für den biologischen Text, auch für die Biologie des Menschen. In gewisser Weise gewinnt die Genmutation den Status eines neuen Verfahrens, mit dessen Hilfe man neue Pflanzen und Tiere, auch neue Materialien, synthetisch gewinnen kann.

Die Collagetechnik in der Kunst gründet auf einer ähnlichen Auswahllogik, die über die realistische Darstellung hinausgeht. Logische Gesetze der Perspektive werden durch Gesetze der Gegenüberstellung aufgehoben. Als künstlerische Technik antizipiert die Collage die Stadien des Sampling und der erwähnten Kompositionsform. Mit all diesen Entwicklungen wird aber unsere Vorstellung von geistigem Eigentum, Markenzeichen und Copyright verändert, die allesamt einer Logik entspringen, welche an die Erfahrung der Schriftkultur gebunden ist. Der Begriff der Autorschaft ist überholt; sobald etwas in die Öffentlichkeit geraten ist, ist es Gemeinbesitz.

Auch postmoderne Literatur und Malerei kennen die Technik des Sampling--mit einer Offenheit für alles, was unser heutiges Alltagsidiom der Maschinen und Verfremdung zu bieten hat. Auch das Sampling bei Pflanzen, Früchten oder Mikroben ist nicht auf die Bewahrung ursprünglicher Identität gerichtet, sondern auf die Hervorbringung neuer Identitäten, die ihren Platz in unseren neuen Erfahrungen der Selbstsetzung zugewiesen bekommen. Unter dem Gesichtspunkt der Logik ist das Verfahren insofern interessant, als es neue Bereiche der logischen Angemessenheit einrichtet. Logische Identität wird aus einer dynamischen Perspektive neu definiert. Unter pragmatischem Gesichtspunkt können z. B. bestimmte Erfahrungen durch Anwendung einer bestimmten Form von Logik maximiert werden. In anderen Fällen können komplementäre Formen der Logik--die sich so ergänzen, daß eine jede auf einen bestimmten, genau definierten Aspekt des Systems bezogen ist--für bestimmte Strategien des gestaffelten Managements, für bestimmte Abläufe oder für parallel verlaufende Abläufe in Frage kommen. So verbinden z. B. Strategien zur Maximierung wirtschaftlicher Transaktionen verschiedene entscheidungstragende Schichten, derer jede einzelne eine andere logische Voraussetzung hat. An die Stelle eines einzigen, festgelegten logischen Rahmens auf der Grundlage der Schriftkultur tritt eine Vielzahl logischer Rahmen, die sich auf die Vielfalt unserer neuen Lebenspraxis einstellt.

Wir wollen einen letzten Gedanken verfolgen. Reicht es festzustellen, daß die Sprache die ideologische und soziale Identität des Menschen ausdrückt? Die Auseinandersetzung mit der Sprache, genauer: mit der Verkörperung der Sprache in der Schriftkultur, ist eine Auseinandersetzung mit allen bio- und soziologischen, politischen und kulturellen Aspekten, die die Spezies Mensch ausmachen. Dabei erweist sich der logische Aspekt offenbar als grundlegend: bio-logisch, sozio-logisch usw. Daraus ergibt sich eine Hierarchie, die möglicherweise nicht jedem einleuchten wird, nimmt doch die Sprache in diesem System einen höheren Platz zwischen allen am Prozeß der menschlichen Selbstsetzung beteiligten Faktoren ein. Um als zoon politikon, als homo sapiens, als homo ludens oder als homo faber zu gelten, muß der Mensch zu all jenen Interaktionen befähigt sein, die jeder dieser Begriffe beschreibt: auf der biologischen Ebene, auf der gesellschaftlichen Ebene, innerhalb von Interessensstrukturen, die er mit anderen Menschen teilt, im Bereich seiner eigenen Anlagen. Eben deshalb definiert sich der Mensch durch ein praktisches Handeln, das die Verwendung von Zeichen wesentlich mit einbeschließt.

Der Mensch gewinnt seine Identität auf den verschiedenen Ebenen, auf denen solche Zeichen hervorgebracht, interpretiert, verstanden und zur Erstellung neuer Zeichen verwendet werden. Felix Hausdorf hat deshalb den Menschen auch als ein zoon semeiotikon, als ein semiotisches, ein Zeichen verwendendes Wesen bezeichnet. Charles Sanders Peirce hat im übrigen die Semiotik als eine Logik der Unbestimmtheit verstanden. Die Zeichen--Bilder, Laute, Gerüche, Texturen, Wörter (oder Wortkombinationen)--die einer Sprache, einem Diagramm, der mathematischen oder chemischen Formelsprache, einer neuen Sprache (etwa in der Kunst, der Politik oder im Bereich des Programmierens), einem genetischen Code usw. zugehören--sind auf den Menschen bezogen, nicht abstrakt, sondern konkret an unserem Leben und an unserer Arbeit beteiligt.

Memetischer Optimismus

John Locke hat bereits erkannt, daß jegliches Wissen aus der Erfahrung hergeleitet ist. Bezüglich der Logik oder der Mathematik war er sich dessen nicht so sicher. Wenn wir aber Erfahrung als praktisches Handeln des sich damit selbst setzenden Menschen definieren, als ein Handeln, aus dem sich die veränderbare Identität von in diese Erfahrung eingebundenen Einzelnen oder Gruppen ergibt, dann leitet sich auch die Logik wie alles Wissen und wie die Sprache aus der Erfahrung her. Damit siedeln wir die Logik nicht außerhalb des Denkens an, aber in der Erfahrung; aufgeworfen ist damit die Frage nach der logischen Replikation. Dawkins hat den Replikator als ein biologisches Molekül definiert, das "die außerordentliche Eigenschaft hat, von sich selbst Kopien anzufertigen". Eine solche Einheit verfügt offenkundig über Fruchtbarkeit, Treue und Langlebigkeit. Auch die Sprache ist ein Replikator; genauer: ein replikatives Medium. Die Frage ist, ob Verdoppelung nur kraft der eigenen strukturellen Merkmale möglich ist oder ob man z. B. die Logik als Replikationsregel in Erwägung ziehen muß. Vielleicht ist ja sogar die Logik ihrer Natur nach replikativ.

Solche Überlegungen gehören in den weiteren Rahmen der Memetik. (Memetik soll den Begriff Genetik anklingen lassen und als Forschungsgegenstand die Meme, nicht die Gene, haben.) Sie geht von der Annahme aus, daß Meme, die geistigen Äquivalente zu Genen, auch Evolutionsmechanismen unterworfen sind. Im Gegensatz zur natürlichen Evolution vollzieht sich memetische Evolution in effizienteren Größenordnungen und mit viel größerer Geschwindigkeit.

Zur Erklärung von kultureller Übertragung oder des kulturellen Erbes--seien sie nun genetischer oder memetischer Natur oder eine Verbindung aus beiden--wurde bisweilen auf die Existenz eines Bedeutungsgens geschlossen. Würde ein solches Gen existieren, würde das nicht heißen, daß Signifikation durch memetische Replikation übertragen wird, sondern daß die praktischen Erfahrungen der Selbstkonstituierung des Individuums den Akt der Bedeutungsherstellung in der Verkleidung verschiedener auf Zeichenprozesse bezogener Logikformen einschließt. So verstanden wäre Replikation nicht eine Replikation von Information, sondern von fundamentalen Prozessen, zu denen u. a. die Konstituierung von Bedeutung gehört. Die Evolution der Sprache und die Evolution der Logik gehört zur allgemeinen kulturellen Evolution. Die Mutation von Memen und die Erweiterung einer begrenzten Skala, etwa die Skala begrenzter künstlicher Sprachen und begrenzter logischer Regeln, kann in Beschreibungen wiedergegeben werden, die den genetischen Gleichungen ähneln. Wenn sich aber die Skala verändert, dürfte sich die daraus resultierende Komplexität in solchen Formalisierungen nicht mehr ausdrücken lassen.

Wie dem auch sei, Ausdruck, Kommunikation, Signifikation und die fundamentalen Funktionen jedes Zeichensystems sind, unabhängig von der ihnen eigenen Logik, mit replikativen Qualitäten versehen. Logik verhindert Entstellung oder stellt doch zumindest die Mittel bereit, solche zu identifizieren. Zum besseren Verständnis dieser Behauptung brauchen wir uns nur die Replikationsformen vor Augen zu halten, die bei der Behandlung von Daten in einem Computer im Spiele sind. Die Botschaft Error signalisiert den falschen Umgang mit Daten und deutet mithin auf einen falsch verlaufenden Replikationsprozeß hin. Wie jedes Beispiel hinkt auch dieses: Es könnte ja sein, daß diejenige Logik, nach dessen Gesetzen die Replikation überprüft wurde, sich für Replikationsprozesse, die ihrer Natur nach anders sind, nicht eignet. Wenn wir z. B. die der Schriftkultur eigene Logik für semiotische Prozesse heranziehen würden, die für unser Stadium jenseits der Schriftkultur charakteristisch sind, würde der Error-Hinweis, der uns einen falschen Umgang mit Daten signalisiert, überall auf dem Monitor aufblinken. Womit auch immer wir es in der praktischen Erfahrung der elektronischen Datenverarbeitung zu tun haben und was auch immer Virtualität definiert, alles bezieht sich auf einen logischen Rahmen, der in keinerlei Hinsicht als memetische Replikation der aristotelischen Logik oder irgendeines anderen in die Schriftkultur eingebetteten logischen Systems verstanden werden kann. Meme können repliziert werden, gleich ob sie in neuronalen Strukturen, als Muster von Rinnen, auf einer CD-ROM, oder in einem HTML- (hyper text markup language-) Web-Format existieren. Die Interaktionen zwischen den Trägern solcher Meme (zwischen natürlichen und/oder künstlichen Gehirnen) entsprechen einem anderen dynamischen Bereich, dem ihrer gegenseitigen Identifikation.

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