Jedermann: Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes

Chapter 4

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Sind wir denn so verspät't alsdann Und hebt sich schon die Frühmett an? Ich hör ein also herrlich Klingen Als täten alle Engel singen!

KNECHT:

Verspätet sind wir keinerweis, Auch hör ich nichts, nit laut noch leis.

JEDERMANNS MUTTER:

Ich hörs und weiß im Herzen mein Das sind die himmlischen Schalmein. So singen sie vor Gottes Thron: Das geht auf meinen lieben Sohn. Ich spür zu dieser nächtigen Stund Ist seine Seele worden gesund. Er ist versöhnet Gott dem Herrn Des sterb ich freudiglich und gern. Erhört ist meine große Bitt, Und weiß daß ich einmal hintritt Vor Gottes meines Schöpfers Thron Und find dort meinen lieben Sohn. Bald lässest deine Dienerin In deinen Frieden fahren hin. Amen.

KNECHT:

Wollt ihr nit kommen, Frau? Die Zeit vergeht, es wird schon grau.

(_Sie gehen vorbei._)

GLAUBE:

Jedermann, so sei Gott mit dir, Als, wie ich dich nun und hier, In deines Erlösers Hand befehl, So sei deine Rechenschaft ohn Fehl.

WERKE

(_hat ihre Krücken von sich geworfen und tritt zu ihnen._)

GLAUBE:

Nun faß dir einen fröhlichen Mut Nun kommen deine Werke gut Sind ledig all ihrer Beschwer Und treten starken Schrittes einher.

WERKE:

Jedermann, ich bins, deine Freundin, Ich segne dich in meinem Sinn, Du hast mich geschaffen von Schmerzen frei, Nun geh ich mit dir, wohin es auch sei.

JEDERMANN:

O, meine Werke, wie ich eure Stimme hör, Muß ich vor Freuden weinen sehr.

GLAUBE:

Nun sollst du weinen und trauern nimmermehr, Nein, freuen dich und fassen einen frohen Mut, Gott sieht dich von seinem Thron recht gut!

JEDERMANN:

Dann ich nit Zögerung noch Aufschub such. Ihr Freunde ich mein wir gehen selbdritt, Von euch will ich mich scheiden nit.

(_Er geht hinauf und folgt dem Mönche nach._)

WERKE und GLAUBE

(_verharren betend._)

TEUFEL

(_kommt angesprungen, schreit und winkt von weitem_):

Halt Jedermann! Aufhalten Jedermann! Aufhalten! He! Hieher Gesell! Ich komm dich holen, bin zur Stell! He Jedermann, er ist hinein! Muß taub auf beiden Ohren sein! Was geht er denn in dieses Haus? Da hol ihn dieser und jener heraus! Ich warte derweilen an der Tür, Faß ihn, und meines Wegs ihn führ. Kann sein, er läßt mich warten lang, Mag er, ist mir um ihn nit bang. Ist mir verfallen mit Haut und Haar Und sicher wie lang schon keiner war.

GLAUBE:

Halt da!

TEUFEL

(_hat nichts gehört_):

Muß hier vorbei.

GLAUBE:

Hie nit!

TEUFEL:

Ganz unbedingt, hab dort zu tun.

GLAUBE:

Hie ist kein Weg für deinesgleichen.

TEUFEL:

Ein zänkisch Weib. Ich kann ausweichen.

(_Will rings herum._)

GLAUBE

(_tritt ihm aufs neu in seinen Weg und sagt_):

Hie ist kein Weg!

TEUFEL:

Ich hab zu warten dort an der Tür In Amtsgeschäften, damit ich einen Der dort herauskommt dann mit mir Eines gewissen Weges führ.

GLAUBE:

Ich führe Zwiesprach nit mit dir.

TEUFEL:

Ich auch nit, geh halt da vorbei.

WERKE:

Hie ist kein Weg für dich.

TEUFEL

(_hält sich die Ohren zu_):

Geschrei! Gespiel! Belästigung!

WERKE

(_tritt ihm aufs neue in den Weg_):

Kein Weg!

TEUFEL:

Kein Weg! Kein Weg! Ist hier kein Weg? Kein Boden? Nichts worauf mein Fuß Mag stehen, hüpfen, springen! Nein? Hier wird sogleich ein Weg mir sein!

(_Will durch mit Gewalt._)

GLAUBE

(_hinzutretend_):

Willst dus mit deinen Fäusten richten Und stören unser fromm Gebet? Sieh, wer zu unsrer Hilf dasteht!

ENGEL (_treten oben hervor._)

TEUFEL:

Sind die Gesellen auch im Spiel Und wissen bessres nit zu schaffen Als hier zu lümmeln und zu gaffen So abends spät, wie morgens früh, Wenn andre Leut mit saurer Müh Nachgehen ihren Amtsgeschäften Mit schuldigem Eifer und besten Kräften!

WERKE und GLAUBE

(_achten seiner nicht und beten mit gefalteten Händen._)

TEUFEL

(_setzt sich auf den Boden_):

Ich frage, sind hier Zweifel im Spiel, Ist hier ein Handel in der Schweb, Nichts davon, nichts, so wahr ich leb. Sitzt einer hier unter euch allen, Der ins Gesicht mir tät bestreiten, Daß dieser Mensch mir ist verfallen! Ein prächtig Schwelger und Weinzecher, Ein Buhl, Verführer, und Ehebrecher, Ungläubig als ein finstrer Heide, In Wort und Taten frech vermessen Und seines Gottes so vergessen Wie nicht das Tier auf seiner Weide, Witwen und Waisen Gutsverprasser, Ein Unterdrücker, Neider, Hasser!

(_Er springt auf._)

Mir fehlen, ihn zu malen, die Wort! Und diesen will man mir verwehren, Daß ich ihm auf die Kappen geh Ihm jählings das Genick umdreh, Ihm zuschrei: Duck dich, Fleisch, und stirb! Und seine Seel für uns erwirb. Verharrt ihr drauf mit kaltem Blut Und bangt euch nit vor meiner Wut Und Zähn gefletscht und Fäust geballt? Und, daß Recht und Gerechtigkeit Gewappnet stehen auf meiner Seit?

GLAUBE:

Auf deiner Seiten steht nit viel Hast schon verloren in dem Spiel Gott hat geworfen in die Schal, Sein Opfertod und Marterqual Und Jedermannes Schuldigkeit Vorausbezahlt in Ewigkeit.

TEUFEL:

Seit wann? seit wo? wie geht das zu? Geschiehet das in einem Nu? Wenn eins sein Leben brav sich regt Und nur auf uns sein Tun anlegt, Recht weislich, fest und wohlbedacht Recht Stein auf Stein und Tag auf Nacht Wird solch ein wohlbeständig Ding In einem Augenzwinkern neu? Schmeißt ihr das um mit einem Wink?

GLAUBE:

Ja solches wirkt die tiefe Reu, Die hat eine lohende Feuerskraft, Da sie von Grund die Seel umschafft.

TEUFEL:

Ha! Weiberred und Gaukelei! Wasch mir den Pelz und mach ihn nit naß! Ein Wischiwasch! Salbaderei! Zum Speien ich dergleichen haß! Beweis! Gib eine einzig Red, Die vor Gericht zu Recht besteht!

GLAUBE:

Vor dem Gericht, vor das er tritt, Bestehen deine Rechte nit, Die sind auf Schein und Trug gestellt Auf Hie und Nun und diese Welt, Die ist gefangen in der Zeit Und bleibt in solchen Schranken stocken, Wo aber tönet diese Glocken,

(_Man hört von innen das Sterbeglöcklein, Glaube und Werke fallen auf die Knie._)

Hat angehoben Ewigkeit.

TEUFEL

(_hält sich die Ohren zu_):

Ich geb es auf, ich kehr mich um, Ich laß ihn, füttert ihn euch aus, Mich ekelts hier, ich geh nach Haus.

GLAUBE und WERKE (_haben sich erhoben._)

TEUFEL:

Ein schöner Fall, ganz sonnenklar Und in der Suppe doch ein Haar! Tret arglos her, vergnügt im Sinn Und mein, zu melden mich als Erben. Ja Vetter, ja, da liegen die Scherben! »Hie ist kein Weg, hie ist kein Weg!« Ah! Weiber! Fastensupp und Schläg, Das ist wie ich sie halten tät! Ein Anspruch der zurecht besteht Vor Türken, Mohren und Chinesen, Ff! Da ist Anspruch und Recht gewesen! Bläst mir ihn weg! »Hie führt kein Weg!« Ich wollt, daß er im Feuer läg. Und kommt in einem weißen Hemd Erzheuchlerisch und ganz verschämt. Die Welt ist dumm, gemein und schlecht Und geht Gewalt allzeit vor Recht, Ist einer redlich treu und klug, Ihn meistern Arglist und Betrug.

(_Geht ab._)

JEDERMANN

(_tritt oben hervor in einem weißen langen Hemde, einen Pilgerstab in der Hand, sein Angesicht ist totenbleich aber verklärt, er geht auf die Beiden zu._)

WERKE:

Fühl ich nit kommen Jedermann? Er ist es, ja, und tritt herbei, Mir ahnte wohl, daß er es sei. Er hat seinem Herrn getan genug Des fühl ich an meinen Gliedern all, Die Kraft zu einem hohen Flug!

JEDERMANN:

Nun gebet mir treulich eure Händ, Ich hab empfangen das Sakrament. Gesegnet sei, der mich das hieß tun Und also guten Rat mir sprach. Nun seid bedankt, daß ihr auf mich, Geharret habet sorglich Mit andächtigem Beten. Und nun laß uns die Reis antreten. Leg jeder die Hand an diesen Stab Und folge mir zu meinem Grab.

WERKE:

Ich heb vom Stab nit meine Händ, Zuvor die Reis kam an ihr End.

GLAUBE:

Ich steh bei dir, so wie ich eh Stand hielt bei Judas Makkabee!

(_Sie gehen hinauf._)

DER TOD

(_ist hervorgetreten und geht hinter ihnen einher._)

(_Sie stehen beim Grab._)

JEDERMANN

(_schließt die Augen_):

Nun muß ich ins Grab, das ist schwarz wie die Nacht, Erbarm dich meiner in deiner Allmacht.

GLAUBE:

Ich steh dir nah und seh dich an.

WERKE:

Und ich geh mit, mein Jedermann.

JEDERMANN:

O Herr und Heiland steh mir bei Zu Gott ich um Erbarmen schrei.

WERKE

(_hilft ihm ins Grab, steigt dann zu ihm hinein_):

Herr laß das Ende sanft uns sein, Wir gehen in deine Freuden ein.

JEDERMANN

(_im Grab, nur Haupt und Schultern sind noch sichtbar_):

Wie du mich hast zurückgekauft, So wahre jetzt der Seele mein, Daß sie nit mög verloren sein Und daß sie am jüngsten Tag auffahr Zu dir mit der geretteten Schar.

(_Er sinkt._)

GLAUBE:

Nun hat er vollendet das Menschenlos, Tritt vor den Richter nackt und bloß Und seine Werke allein, Die werden ihm Beistand und Fürsprech sein. Heil ihm, mich dünkt es ist an dem, Daß ich der Engel Stimmen vernehm, Wie sie in ihren himmlischen Reihen Die arme Seele lassen ein.

ENGEL (_singen._)

Ende.

Dieser Erneuerung des alten Spieles liegt für den Aufbau vornehmlich der anonyme englische Text des fünfzehnten Jahrhunderts zugrunde. (Everyman, a morality play, gedruckt zu London um 1490.) Aus des Hans Sachs »Comedi vom sterbend reichen Menschen« wurde manches einzelne herübergenommen, zumeist in den Anfangsszenen. In der Szene der Mutter ist ein gereimtes Gebet eingewoben, das von Albrecht Dürer stammt. Das Tanzlied und die übrigen Lieder sind einer neueren Sammlung der Minnesänger des dreizehnten Jahrhunderts entnommen.

Begonnen April 1903 -- beendet September 1911.

WERKE von HUGO VON HOFMANNSTHAL:

GESTERN. Dramatische Studie. 3. Auflage.

DIE FRAU IM FENSTER. Ein Akt. 5. Auflage.

DIE HOCHZEIT DER SOBEÏDE. Dramatisches Gedicht. 6. Auflage.

DER ABENTEURER UND DIE SÄNGERIN. Dramatisches Gedicht. 6. Auflage.

ELEKTRA. Tragödie. 12. Auflage.

DAS GERETTETE VENEDIG. Trauerspiel. 3. Aufl.

ÖDIPUS UND DIE SPHINX. Tragödie. 6. Auflage.

KÖNIG ÖDIPUS. Tragödie von Sophokles. 30. Aufl.

CRISTINAS HEIMREISE. Komödie. Neue Ausgabe. 2. Auflage.

DER ROSENKAVALIER. Komödie für Musik. 4. Aufl.

SZENEN. 1. Auflage.

DIE PROSAISCHEN SCHRIFTEN. Vier Bände.

Druck von W. Drugulin in Leipzig.

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