Jedermann: Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes
Chapter 3
Nein, alsdann bleib ich am Ort. Ich sag dir, wie mir ist zu Sinn Du weißt, daß ich freimütig bin. Itzt stehts, daß ich die Reis nit tu Um keiner lebenden Seel fürwahr Auch nit um meines Herrn Vaters Lieb Gott schenk ihm ansonsten die ewige Ruh.
JEDERMANN:
Um Gott! Hast mir was anders versprochen!
GESELL:
Weiß wohl. Und ist recht in Treuen beschehn Und so du wolltest was anders begehn Mit Frauen was Gutes in Kumpanei Oder was es sonsten sei Solltest an deiner Seiten mich sehn So lange Gott läßt einen hellen Tag sein Und auch des Nachts bei Fackelschein. Das sag ich in Treuen!
(_Schickt sich an zu gehen._)
JEDERMANN:
O deiner bedarf ich jetzt gar sehr Jetzt heißt es: Gesell gedenke mein.
GESELL:
Ob wir Genossen waren, ob nit Hinfort tu ich mit dir keinen Schritt.
JEDERMANN:
So bitt ich dich, nimm soviel auf dich Um Christi Gotts Barmherzigkeit Und gib mir tröstliches Geleit Bis vor die Stadt.
GESELL
(_reißt sich los_):
Ich tu dirs nit, Setz einen Fuß nit vor den andern Nit um ein neues Feierkleid Ließest du dir ein wenig Zeit, So wollt ich dich nit allein lassen stehn Nun aber kann ich nit harren bei dir.
(_Über die Schulter zurück._)
So geb dir Gott eine schleunige Fahrt Dahin recht sänftlich in guter Art Muß eilends jetzt meines Weges gehn.
JEDERMANN
(_einen Schritt ihm nach_):
Wohin Gesell? Willst mich verlassen ganz und gar?
GESELL:
Wohl, wohl. Gott nehm deiner Seelen wahr.
JEDERMANN:
Leb wohl, mein Freund, um dich wird mir mein Herz arg schwer, Leb immer wohl, dich seh ich nun auch nimmermehr.
GESELL:
Leb wohl, auch Jedermann, leb wohl am End, gib mir die Hand, Ja, Scheiden tut recht weh, das hab ich jetzt erkannt.
(_Er geht._)
JEDERMANN:
O weh, wohin soll ich nun um Hilf in der Welt. War mein Gesell, solang ich fröhlich war Nun trägt er wenig Leid um mich ganz unverstellt. Hab eh und immer was reden hören Das ging mir aber gar nit nah Bis heute, da mir das geschah. Es hieß: So lang einer im Glück ist Der hat Freunde die Menge, Doch wenn ihm das Glück den Rücken kehrt, Dann verläuft sich das Gedränge. O weh, so siehet das nun aus Schnürt mir die Kehl vor Angst und Graus.
(_Er wird die Vettern gewahr, die noch beiseite stehen, und sein Gesicht hellt sich auf._)
Da stehen meine Blutsfreunde ja, Vielliebe Vettern bleibt mir nah. Ihr seid wahrhaftig recht am Ort, Weiß auf der Welt kein schöner Wort Als dieses: Art läßt nicht von Art, Das wird von Euch heut recht gewahrt, Da ihr in dieser schweren Stund Mein Beiständ seid mit Hand und Mund.
DICKER VETTER:
Geruhig Blut, mein Vetter Jedermann, Nur ruhig Blut, das ist alls, was ich sagen kann.
JEDERMANN:
Ihr lasset mich auch nit --
DICKER VETTER:
Nur ruhig Blut Ist gar von Lassen nit die Sprach, In Stich euch lassen, das wär uns Schmach.
DÜNNER VETTER:
Euch widerfahr so Liebes wie Leides, Mit euch zu teilen begehren wir beides.
DICKER VETTER:
Ja, wie gesagt -- -- ei freilich ja! Ihr seht wir stehn euch treulich nah.
JEDERMANN:
O vielen Dank, ihr Blutsfreunde mein.
DICKER VETTER:
Da wir doch Anverwandte sein!
JEDERMANN:
Ihr habt gesehn, es kam ein Bot, Der kam auf hohen Königs Gebot.
DICKER VETTER:
Ja, -- -- ich weiß, Vetter Jedermann -- -- Die Sach ist eben so bewandt, Daß ich in der nichts machen kann.
JEDERMANN:
Er hieß einer Fahrt mich unterwinden.
DICKER VETTER:
Ja, wie gesagt --
JEDERMANN:
Von dieser Fahrt -- --
DICKER VETTER:
Nun, wie gesprochen, Art läßt nicht von Art!
JEDERMANN:
Von dieser Fahrt, das weiß ich wohl, Werd ich nimmer zurücke finden.
DICKER VETTER:
Ei nimmer! Ja, wo halt nichts ist, Da hat der Kaiser 's Recht verloren!
JEDERMANN:
Mein Vetter, hörtet ihr, was ich sprach?
DICKER VETTER:
Ihr redet nit zu tauben Ohren.
DÜNNER VETTER:
Ei, nein, wahrhaftig nit, Gotts Not.
JEDERMANN:
Ich werd da nimmer zurücke finden.
DICKER VETTER:
Habt ihr auch richtig verstanden den Bot?
JEDERMANN:
Ich ihn?
DICKER VETTER:
Die Red und den Verstand Habt ihr das richtig wohl gefaßt?
JEDERMANN:
Ob ich? --
DICKER VETTER:
Das war schon, daß ich sag -- Ein recht ein ungebetner Gast. Hm, Vetter.
DÜNNER VETTER:
Ja, ich mein, Gott seis geklagt --
DICKER VETTER:
So meint ihr auch wie ich? Ja, wie gesagt Ja, Gott befohlen, Vetter Jedermann, Da habt ihr alles, was ich sagen kann.
JEDERMANN:
Ihr Vettern, bleibet, hört mich an!
DÜNNER VETTER:
Hast du vielleicht noch ein Begehr? Sprich kühnlich, Vetter Jedermann.
JEDERMANN:
Ich muß dort eine Rechnung legen Und hab einen Feind, der allerwegen Mir will in meinen Weg treten O hört mich an! mit großer Stärken.
DICKER VETTER:
Was denn für Rechnung, sagt doch an.
JEDERMANN:
Von all meinen irdischen Werken: Wie ich meine Tag hab hinbracht Und was ich Arges hab getan Die Jahr all bei Tag und Nacht Drum seid um Christi willen gebeten Und helft mir meine Sach vertreten.
DÜNNER VETTER:
Was, dorthin? Geht es euch auf das! Nein, Jedermann, da geh ich nit Kannst mich nit zum Geleiter kriegen! Wollt lieber in einm finstern Gelaß Bei Wasser und Brot zehn Jahre liegen.
JEDERMANN:
Oh, daß ich nit geboren wär Nun werd ich fröhlich nimmermehr, Wenn ihr mich da verlasset dann.
DICKER VETTER:
Ei Mann! Was denn! Sei du fröhlich Mann! Nimm dich und fang nit Jammerns an! Nur eins mußt dir gesagt sein lassen Mich bringst einmal nit in die Gassen.
(_Er geht._)
JEDERMANN
(_zum dünnen Vetter_):
Mein Vetter willst nit mit mir gehn?
DÜNNER VETTER:
Hab jetzt, Gotts Tod, Krampf in den Zehen Ist ein arg Übel, Jedermann Das fällt mich unversehens an.
DICKER VETTER
(_bleibt nochmal stehen und spricht über die Schulter zurück_):
Uns wirst nit verführen, das laß nur sein Doch hab ich ein schön gut Kind daheim Die mächtig gern auf Reisen geht Wenn die dir zu Gesichte steht, Die geb ich dir in guter Art, Leicht, daß sie mit dir geht auf deine Fahrt.
JEDERMANN:
Nein, zeig mir an, weß Sinnes du bist Ob ich in meiner ärgsten Pein Von dir soll dran gegeben sein, Ob du willst mit mir gehn oder dahinten bleiben. Das ist alles, was ich wissen muß.
DICKER VETTER:
Dahinten bleiben und ein'n schönen Gruß Auf Wiedersehen ein andermal.
(_Sie gehen._)
JEDERMANN:
Ach Jesus, ist das aller Dinge End, Versprochen haben sie mir gar viel, Vom Halten lassen sie ihre Händ.
DÜNNER VETTER
(_wendet sich und tritt nochmals an Jedermann heran_):
Es ist nicht üblich in solcher Weis Die Leut zu beschicken zu einer Reis Dergleichen Anmutung ist nit zart Und hat mir keine rechte Art. Hast deiner leibeignen Knecht genug Die magst dazu aufbieten mit Fug. Aber die lieben Verwandten dein, Sollten da zu wert dir sein.
(_Geht._)
JEDERMANN:
Leibeigene Knecht, was sollen mir die, Wenn ich die mitnähm, das wär ein Ding, Davon ich Hilfe hätt gering.
(_Er sieht sich um._)
Ist alls zu End das Freudenmahl Und alle fort aus meinem Saal?
(_Er geht hinauf zu dem Tisch. Etliche, die dort noch saßen und tranken, werden ihn gewahr, springen auf und flüchten. Der Tisch versinkt._)
Bleibt mir keine andere Hilfe dann, Bin ich denn ein verlorner Mann? Und ganz alleinig auf der Welt, Ist es schon so um mich bestellt, Hat mich =Der= schon dazu gemacht, Ganz nackend und ohn alle Macht, Als läg ich schon in meinem Grab, Wo ich doch mein warm Blut noch hab Und Knecht mir noch gehorsam sein Und Häuser viel und Schätze mein, Auf! schlagt die Feuerglocken drein! Ihr Knecht nit lungert in dem Haus Kommt allesamt zu mir heraus.
(_Hausvogt mit etlichen Knechten kommen eilig._)
JEDERMANN:
Ich muß schnell eine Reise tun Und das zu Fuß und nit zu Wagen, Gesamte Knecht, die sollen mit Und meine große Geldtruhen, Die sollen sie herbeitragen. Die Reis wird wie ein Kriegszug scharf Daß ich der Schätze sehr bedarf.
HAUSVOGT:
Die schwere Truhn, die drinnen steht?
JEDERMANN:
Ja, eilig, ohne viel Gered.
(_Mehrere Knechte sammeln sich, ihrer acht bringen die schwere Truhe getragen._)
Hab Euch berufen für eine Reis, Daß jeder mir Gehorsam erweis. Die Reis ist seltsam und recht weit Und fordert zuverlässige Leut, Daß sie in aller Still gescheh Des ich zu Euch mich wohl verseh.
KNECHT:
Die Truhen, die ist marterschwer.
HAUSVOGT:
Ihr tut, was anbefiehlt der Herr.
JEDERMANN:
Nun, wollen wir die Reis angehen, Ganz in der Still, heimlicher Weis.
(_Tod tritt in etlicher Entfernung hervor._)
ERSTER KNECHT:
Dort steht ein Teufel und winkt uns Halt.
HAUSVOGT:
Nein, ist der Tod grausamer Gstalt, Er kommt auf uns zu mit Gewalt.
(_Knechte lassen die Truhen stehen und fliehen, Hausvogt desgleichen._)
TOD:
Du Narr, bald ist die Stund vertan Nimmst immer noch Vernunft nit an. Weißt nit ein recht Geleit zu suchen, Bald wirst verzweifeln und dir fluchen.
(_Verschwindet._)
JEDERMANN:
Ach Gott, wie graust mir vor dem Tod, Der Angstschweiß bricht mir aus vor Not Kann der die Seel im Leib uns morden Was ist denn gählings aus mir worden? Hab immer doch in bösen Stunden Mir irgend einen Trost ausgfunden. War nie verlassen ganz und gar, Nie kein erbärmlich armer Narr. War immer wo doch noch ein Halt Und habs gewendet mit Gewalt. Sind all denn meine Kräft dahin, Und alls verworren schon mein Sinn, Daß mich kaum mehr besinnen kann, Wer bin ich denn: der Jedermann, Der reiche Jedermann allzeit. Das ist mein Hand, das ist mein Kleid Und was da steht auf diesem Platz, Das ist mein Geld, das ist mein Schatz, Durch den ich jederzeit mit Macht Hab alles spielend vor mich bracht. Nun wird mir wohl, daß ich den seh Recht bei der Hand in meiner Näh. Wenn ich bei dem verharren kann Geht mich kein Graus und Ängsten an. Weh aber, ich muß ja dorthin, Das kommt mir jählings in den Sinn. Der Bot war da, die Ladung ist beschehn Nun heißt es auf und dorthin gehn.
(_Wirft sich auf die Truhe._)
Nit ohne dich, du mußt mit mir, Laß dich um alles nit hinter mir. Du mußt jetzt in ein andres Haus Drum auf mit dir und schnell heraus.
(_Die Truhe springt auf, Mammon richtet sich auf. Groß._)
MAMMON:
Ei Jedermann, was ist mit dir? Du bist ja grausamlich in Eil Und bleich wie Kreiden all die Weil.
JEDERMANN:
Wer bist denn du?
MAMMON:
Kennst vom Gesicht mich nit Und willst mich dorthin zerren mit? Dein Reichtum bin ich halt, dein Geld, Dein eins und alles auf der Welt.
JEDERMANN
(_sieht ihn an_):
Dein Antlitz dünkt mir nit so gut Gibt mir nit rechten Freudenmut Das ist gleichviel, du mußt mitgehen.
MAMMON:
Was solls, kann alls von hier geschehen, Weißt wohl, was ich in Mächten hab, Sag was dich drückt, dem helf ich ab.
JEDERMANN:
Die Sach ist anderster bewandt Es ist von wo um mich gesandt.
MAMMON:
Von --
JEDERMANN
(_schlägt die Augen nieder_):
Ja, es war ein Bot bei mir.
MAMMON:
Ist es an dem, du mußt von hier?! Ei was, na ja, gehab dich wohl Ein Bot war da, daß er ihn hol Dorthin, das ist ja schleunig kommen Hab vordem nichts derart vernommen.
JEDERMANN:
Und du gehst mit, es ist an dem.
MAMMON:
Nit einen Schritt, bin hier bequem.
JEDERMANN:
Bist mein, mein Eigentum, mein Sach.
MAMMON:
Dein Eigen, ha, daß ich nit lach.
JEDERMANN:
Willst aufrebellen, du Verflucht! du Ding!
MAMMON
(_stößt ihn weg_):
Du, trau mir nit, dein Wut acht ich gering, Wird umkehrt wohl beschaffen sein. Ich steh gar groß, du zwergisch klein. Du Kleiner wirst wohl sein der Knecht Und dünkts dich, anders wärs gewesen, Das war ein Trug und Narrenwesen.
JEDERMANN:
Hab dich gehabt zu meim Befehl.
MAMMON:
Und ich regiert in deiner Seel.
JEDERMANN:
Warst mir zu Diensten in Haus und Gassen.
MAMMON:
Ja, dich am Schnürl tanzen lassen.
JEDERMANN:
Warst mein leibeigner Knecht und Sklav.
MAMMON:
Nein, du mein Hampelmann recht brav.
JEDERMANN:
Hab dich allein gedurft anrühren.
MAMMON:
Und ich alleinig dich nasführen. Du Laff, du ungebrannter Narr, Erznarr du, Jedermann sieh zu Ich bleib dahier und wo bleibst du? Was ich in dich hab eingelegt Darnach hast du dich halt geregt. Das war ein Pracht und ein Ansehen Ein Hoffart und ein Aufblähen Und ein verflucht wollüstig Rasen, War alls durch mich ihm eingeblasen, Und was ihn itzt noch aufrecht hält Daß er nit platt an' Boden fällt Und alle Viere von sich reckt Und hält ihn noch emporgestreckt Das ist allein sein Geld und Gut Da hier springt all dein Lebensmut.
(_Hebt eine Handvoll Geld aus der Truhe und läßt es wieder fallen._)
Fällt aber in die Truhen zurück Und damit ist zu End dein Glück. Bald werden dir die Sinn vergehen Und mich wirst nimmer wiedersehen. War dir geliehen für irdische Täg Und geh nit mit auf deinen Weg, Geh nit, bleib hier, laß dich allein Ganz bloß und nackt in Not und Pein. Ist alls um nichts dein Handausrecken Und hilft kein Knirschen und Zähnebläcken, Fährst in die Gruben nackt und bloß, So wie du kamst aus Mutter Schoß.
(_Bückt sich, die Truhe springt zu._)
(_Jedermann ohne Sprache, eine lange Stille._)
(_Werke wird sichtbar, einer Kranken gleich, auf einem elenden Lager gebettet, richtet sich halb auf und ruft mit schwacher Stimme_):
WERKE:
Jedermann!
(_Jedermann hört nicht._)
WERKE:
Jedermann, hörst mich nicht?
JEDERMANN
(_vor sich_):
Ist als wenn eins gerufen hätt, Die Stimme war schwach und doch recht klar, Hilf Gott, daß es nit meine Mutter war. Ist gar ein alt, gebrechlich Weib, Möcht, daß der Anblick erspart ihr bleib. O nur so viel erbarm dich mein, Laß das nit meine Mutter sein!
WERKE:
Jedermann!
JEDERMANN:
Seis wer da will, hab itzt nit Muß Für irdisch Händel und Verdruß.
WERKE:
Hörst mich nit, Jedermann?
JEDERMANN:
Ist ein krank Weib, Was kümmerts mich, soll sehen wo sie bleib.
WERKE:
Mein Jedermann, ich gehör zu dir, Um deinetwillen lieg ich hier.
JEDERMANN:
Wie soll denn das bewendet sein?
WERKE
(_richtet sich halb auf_):
Sieh, ich bin all die Werke dein.
JEDERMANN:
Ich will kein Spott, ich sterb allweg.
WERKE:
Komm doch zu mir den kleinen Weg.
(_Sinkt zurück._)
JEDERMANN:
Das wird mit Willen nit geschehen, Meine Werke will ich jetzt nit sehen. Ist nit der Anblick, nach dem mich verlangt.
WERKE:
Bin schmählich schwach, muß liegen hier, Wär ichs imstand, ich lief zu dir.
JEDERMANN:
Brauch nit ein fremd Gebrest dahier, Liegt Angst und Marter gnug auf mir.
WERKE:
Mich brauchst, der Weg ist schreckbar weit, Bist annoch ohne ein Geleit.
JEDERMANN:
Des Weges muß ich jetzt allein --
WERKE:
Nein, ich will mit, denn ich bin dein.
JEDERMANN (_sieht hin._)
WERKE:
Auf mir liegt viel Gebrest und Last Indem du mein gedacht nit hast. Ohn dich könnt ich mich flink bewegen Lief dir zu Seit auf allen Wegen.
JEDERMANN
(_geht zu ihr_):
O Werke mein, mit mir stehts schlecht. Ist mir gar sehr um guten Rat Und das mir eines Hilfe brächt!
WERKE
(_richtet sich mühselig an ihren Krücken auf_):
Jedermann, ich hab wohl vernommen Du bist entboten zu deinem Erlöser, Vor ein höchst Gericht zu kommen! Willst du nit gehen verloren, Mann, Tritt nit allein die Wanderung an, Das sag ich dir!
JEDERMANN:
Willst du mit mir?
WERKE:
Ob ich mit dir den Weg will gehn? Fragst du mich das, mein Jedermann?
JEDERMANN
(_sieht ihr in die Augen_):
Wie du mich sehnlich siehest an Ist mir, als hätt in meinem Leben, Nit Freund, noch Liebste, nit Weib noch Mann Mir keinen solchen Blick gegeben!
WERKE:
O Jedermann, daß du so später Stund, Dich kehrest zu meinem Aug' und Mund!
JEDERMANN:
Hast ein Gesicht verhärmt und bleich Und dünkt mich doch an Schönheit reich. Mir ist, je mehr ich dich anseh So mehr wird mir im Herzen weh, Und sänftlich auch, vermischter Weis, Daß ich mich nit zu nehmen weiß. Mir ist, könnt deiner Augen Schein Durch meine Augen dringen ein, Ein großes Heil und Segen dann Geschäh an einem armen Mann. Doch weiß ich, dies ist nun versäumt Und jetzt ist alls nur wie geträumt!
WERKE:
Hättest erkannt in deinem Sinn, Daß ich nit völlig häßlich bin, Wärest bei mir verblieben viel Und fern der Welt und bösem Spiel! Komm näher, meine Stimm ist leis --: Bei Armen wärest eingegangen Recht als ihr Bruder, heiliger Weis, Und göttlich Leid und irdischen Schmerz Die hättest zu lieben angefangen Und aufgegangen wäre dein Herz. Und ich, wie ich gebrechlich bin, Ich wär, verklärt vor deinem Sinn, Dir worden ein göttliches Gefäß, Ein Kelch der überströmenden Gnaden Dazu deine Lippen waren geladen.
JEDERMANN:
Und dich hab ich mögen erkennen nicht! War so verblendet mein Gesicht! O weh, was sind wir für Wesen dann Wenn solches uns geschehen kann!
WERKE:
Ich war ein Kelch der vor dir stand, Gefüllt vom Himmel bis an den Rand, Von Irdischem war darin kein Ding, Drum schien ich deinen Augen gering.
JEDERMANN:
O könnt ich sie ausreißen beid Mir wär im Dunklen nit so bang Als da sie mich zu bittrem Leid Falsch han geführt mein Leben lang!
WERKE:
O weh, nun müssen die Lippen dein, Auf ewig ungetränket sein! Hast wollen dich tränken an der Welt, Da ward der Kelch dir weggestellt!
JEDERMANN:
Des fühl ich ein wütendes Dürsten schon Durch alle meine Adern rinnen Und Raserei in allen Sinnen! Da hab ich meines Lebens Lohn!
WERKE:
Das ist die bitter brennend Reu Das sind deine ungelittenen Leiden! O könnten dein Herz sie schaffen neu, Wie selig wäre das uns Beiden!
JEDERMANN
(_wirft sich auf den Boden_):
So wollt ich ganz zernichtet sein, Wie an dem ganzen Wesen mein Nit eine Fiber jetzt nit schreit Vor tiefer Reu und wildem Leid! Zurück! und kann nit! Noch einmal! Und kommt nit wieder! Graus und Qual! Hie wird kein zweites Mal gelebt! Nun weiß die aufgerissne Brust, Als sie es nie zuvor gewußt, Was dieses Wort bedeuten mag: Lieg hin und stirb, hie ist dein Tag!
WERKE
(_auf ihren Knien_):
Mag diese Reu, so brennend groß, Mich nit vom Boden winden los, Weh, mag ich nit auf Füßen stehn! Und ihm die Stund zur Seiten gehn!
(_Sie sinkt an den Boden._)
Bin ich so elend schwach und krank!
JEDERMANN:
Für jedes Ding kommt halt der Dank! Werke, um alles! laß mich nit im Stich! Bin sonst verloren sicherlich! Hilf du mir, Rechenschaft zu geben Vor dem, der ist Herr über Tod und Leben Und König in der Ewigkeit, Sonst bin ich verloren für alle Zeit!
WERKE:
O Jedermann!
JEDERMANN:
Laß mich nit ohne Rat!
WERKE:
Ich hab eine Schwester, Glaube genannt, Wenn die wollt sich erbitten lassen, Daß sie mit dir zög deine Straßen Und trät mit dir vor Gotts Gericht!
JEDERMANN:
Ruf die um alls! die Zeit entfliecht!
WERKE:
Mag sein, sie kehrt von dir sich ab, Dann mußt du ungetröst ins Grab. Wirst du recht mit ihr reden können Wird sie dir ihre Hilf vergönnen.
JEDERMANN:
Wenn einer keine Zungen hätt, Die Angst und Not macht ihn beredt!
GLAUBE (_kommt gegangen._)
WERKE:
War nit von Nöten laut Geschrei, Ich fühl, die Schwester kommt herbei! Lieb Schwester, der Mann ist schwer in Not. Willst ihm beistehn bei seinem Tod? Mir fehlt die Kraft, bin allzuschwach, Kann nit vertreten seine Sach.
(_Sinkt hin._)
GLAUBE
(_zu Jedermann_):
Hast mich dein Leben lang verlacht Und Gottes Wort für nichts geacht, Geht nun in deiner Todesstund Ein ander Red' aus deinem Mund?
JEDERMANN:
Ich glaub -- ich glaub --
GLAUBE:
Die Red' ist arm!
JEDERMANN:
O, daß sich meiner Gott erbarm! Ich glaub die zwölf Artikel mit Fleiß Die ich von Kindschulzeiten weiß: Was sie vorstellen ganz und gar, Nehm ich für heilig hin und wahr.
GLAUBE:
Das ist des Glaubens ein ärmlich Teil. Baut dir hinüber keine Brück. Weißt du nit besseres unverweil?
JEDERMANN:
Ich glaub -- an Gottes Langmut Wenn einer bei Zeiten Buß tut. Aber ich bin in Sünden zu weit Dahin reicht keine Barmherzigkeit.
GLAUBE
(_tut einen Schritt auf ihn zu_):
Bist ganz in Wollust denn ertrunken In Lastern völlig gar versunken, Daß dir nit auf die Lippen kommt Was ewig deiner Seelen frommt?
(_Neigt sich zu ihm._)
JEDERMANN:
Ich glaub --
GLAUBE:
Glaubst du an Jesu Christ Der von dem Vater kommen ist, Ein Mensch und unsersgleichen worden Von einem irdischen Weibe geboren, Und hat in Marterqual sein Leben Um deinetwillen hingegeben Und ist erstanden von dem Tod, Daß du versöhnet seist mit Gott?
JEDERMANN:
Ja! Ich glaub: Solches hat er vollbracht, Des Vaters Zorn zunicht gemacht Der Menschheit ewig Heil erworben Und ist dafür am Kreuz verstorben. Doch weiß ich, solches kommt zugut, Nur dem der heilig ist und gut: Durch gute Werk und Frommheit eben Erkauft er sich ein ewig Leben. Da sieh, so stehts um meine Werk: Von Sünden hab ich einen Berg So überschwer auf mich geladen, Daß mich Gott gar nit kann begnaden, Als er der Höchstgerechte ist.
GLAUBE:
Bist du ein solcher Zweifelchrist Und weißt nit Gotts Barmherzigkeit?
JEDERMANN:
Gott straft erschrecklich!
GLAUBE:
Gott verzeiht! Ohn Maßen!
JEDERMANN:
Schlug den Pharao, Schlug Sodom und Gomora, schlug, Schlug!
GLAUBE:
Nein, gab hin den eignen Sohn In Erdenqual vom Strahlenthron, Daß als ein Mensch er werd geboren Und keiner ginge mehr verloren, Nit einer, nit der letzte, nein, Er finde denn das ewige Leben. »Um der Sünder willen bin ich kommen, Der Gsund bedarf keines Arztes dann« Die Red ist aus dem Munde kommen, Der keine Lügen reden kann. Glaubst du daran in diesem Leben, So ist dir deine Sünd vergeben Und ist gestillet Gottes Zorn.
JEDERMANN:
O, deine Worte sind gelind, Mir ist, als wär ich neugeboren. Ich glaube: So lang ich atme auf Erden, Mag ich durch Christum gerettet werden.
GLAUBE:
Es ist an dem, nun geh hinein, Von deinen Sünden wasch dich rein.
JEDERMANN:
Wo wär ein solcher heiliger Quell, Daß ich zu ihm mich hintrüg schnell?
(_Mönch wird oben sichtbar._)
GLAUBE:
Ein guter Helfer wartet dein, Bei ihm wird deine Seele rein. Kehr wieder in einem weißen Gewand, Dann ziehest hin an meiner Hand Und mitzugehen deine Werk Gewinnen mächtig Kraft und Stärk.
JEDERMANN
(_auf den Knien_):
O ewiger Gott! O göttliches Gesicht! O rechter Weg! O himmlisches Licht! Hier schrei ich zu dir in letzter Stund, Ein Klageruf geht aus meinem Mund. O mein Erlöser, den Schöpfer erbitt, Daß er beim Ende mir gnädig sei, Wenn der höllische Feind sich drängt herbei, Und der Tod mir grausam die Kehle zuschnürt, Daß er meine Seel dann hinaufführt. Und, Heiland, mach durch deine Fürbitt, Daß ich zu seiner Rechten hintritt, In seine Glorie mit ihm zu gehn. Laß dir dies mein Gebet anstehn, Um willen, daß du am Kreuz bist gestorben Und hast all unsre Seelen erworben.
(_Er liegt im tiefen Gebet auf seinem Angesicht. Die Orgel tönt stärker. Indessen geht unten, im Dunklen, Jedermanns Mutter querüber, als wie auf dem Weg zur Frühmette, vor ihr ein Knecht der die Leuchte trägt._)
KNECHT:
Was bleibt ihr stehen, Frau, zur Stund? Wie ist euch? seid ihr nit gesund? Wollt ihr leicht heim in euer Bett Statt nächtlings zu der Morgenmett?
JEDERMANNS MUTTER: