Jedermann: Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes

Chapter 2

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Du bist ein stattlicher Mann Und Frauenlieb steht dir wohl an. Und hat denn unser Erlöser nicht, Der weiß, woran es uns gebricht, Und alles auf dieser Erden kennt Und alls zu unserem Segen wendt, Ein Sakrament nit eingesetzt Wodurch was also dich ergetzt Verwandelt wird und kehret sich um Aus Wollust in ein Heiligtum! Willst stets in arger Zucht umtreiben Und fremd die heilige Eh dir bleiben?

JEDERMANN:

Frau Mutter, die Red ist mir bekannt.

JEDERMANNS MUTTER:

Hat doch dein Herz nit umgewandt.

JEDERMANN:

Ist halt noch allweil die Zeit nit da.

JEDERMANNS MUTTER:

Und doch der Tod schon gar so nah.

JEDERMANN:

Ich sag nit ja, sag auch nit nein.

JEDERMANNS MUTTER:

So muß ich allweg in Ängsten sein.

JEDERMANN:

Auch morgen ist halt noch ein Tag.

JEDERMANNS MUTTER:

Wer weiß, wer den noch sehen mag.

JEDERMANN:

Macht euch nit unnütze Beschwerden, Ihr seht mich sicher noch ehlich werden.

JEDERMANNS MUTTER:

Mein guter Sohn, für dieses Wort Will ich dich segnen immerfort, Sei viel bedankt, daß mir dein Mund So schönen Vorsatz machet kund.

JEDERMANN:

Hab nit von heut noch morgen geredt.

JEDERMANNS MUTTER:

Wenn nur dein Wille dagegen nit steht. Einer Mutter Herz ist wohl gestellt Wo nur ein gutes Wörtlein hinfällt. Dein Vorsatz ist noch klein und schwach, Zielt doch auf eine heilige Sach Und daß du so geantwort' hast, Nimmt von der Brust mir schwere Last.

JEDERMANN:

Viel gute Nacht, Frau Mutter nun, Ich wünsch, du mögest sänftlich ruhn.

JEDERMANNS MUTTER:

So will ich, mein lieber guter Sohn, Und ist mir doch als ob ein Ton Gar schön wie Flöten und Schalmein In deine Worte tön herein! An solchen Zeichen und Gesicht Mirs dieser Tage nit gebricht. Ich nehm sie als eine Vermahnung hin, Daß bald ich eine Sterbende bin.

(_Geht._)

JEDERMANN:

Nun hör ich auch ein solch Getön, Sollt also seltsam dies zugehen? O, nein, das geschieht natürlicher Weis Wie wohl ichs noch nit zu deuten weiß. Nun aber gehts nit bloß ins Ohr, Tritt auch den Augen was hervor. --

(_Buhlschaft kommt heran, von Spielleuten und Buben, die Windlichter tragen, begleitet._)

JEDERMANN:

Das ist ja meine Buhle wert, Nach der mein Herz schon hart begehrt. Hat Spielleut mit eine ganze Schar Und kommt mich abzuholen gar.

BUHLSCHAFT:

Wer alls lang auf sich warten läßt Und ist der wertest aller Gäst, Den muß man mit Zimbeln und Windlicht Abholen und führen zu seiner Pflicht.

JEDERMANN:

Du schlägst die Lichter mit eigenem Schein, Deine Red ist süßer als Schalmein, Ist alls für mich zu dieser Stund Wie Balsam für die offne Wund.

BUHLSCHAFT:

War mir doch, eh ich zu dir trat, Als ob dir jemand nahe tat Und wär dein helle Stirn und Wangen Von einer Trübnis überhangen.

JEDERMANN:

Wie, gelt ich also viel vor dir, Daß du solch Ding erspähst an mir? So bin ich dir wahrhaftig dann Kein ältlich, unbequemer Mann?

BUHLSCHAFT:

Mit dieser Red geschieht mir weh, Dess' ich zu dir mich nit verseh. Steh nit auf grüne Buben an, Du bist mein Buhl und lieber Mann.

JEDERMANN:

Fühl mich wahrhaftig herzensjung Und selber bubenhaft genung, Und wenn ich alls kein Bub mehr bin, So zärtlicher ist drum mein Sinn.

BUHLSCHAFT:

Ein Bub liebt frech und ohne Art, Ein Mann ist großmütig und zart. Hat milde Händ und steten Sinn, Das zieht zu ihm die Frauen hin.

JEDERMANN:

Wenn eins gemahnt wär an den Tod Und hätt Melancholie und Not Und säh auf deine Lieblichkeit, Dem tät sein trübes Denken leid.

BUHLSCHAFT:

Das Wort allein macht mir schon bang, Der Tod ist wie die böse Schlang, Die unter Blumen liegt verdeckt, Darf niemals werden aufgeweckt.

JEDERMANN:

Du Süße, schaff ich dir noch Sorgen? Wir lassen sie unter Blumen verborgen Und wissen nirgend nichts von Schlangen, Als zweien, die gar hold umfangen.

BUHLSCHAFT:

Wie, wären die mir auch bekannt, Wie werden diese denn genannt?

JEDERMANN:

Das sind die lieben Arme dein, In diese sehn ich mich hinein.

(_Sie küßt ihn und setzt ihm einen bunten Blumenkranz auf, den ein Bub darreicht._)

(_Ein Teil der Buben läuft hinauf, streuen Blumen und wohlriechende Kräuter. Ein Tisch kommt aus dem Boden empor, reich gedeckt und mit Lichtern. Jedermann und Buhlschaft treten jedes an eine Seite der Treppe, die zum obern Gerüst emporführt. Die Gäste, zehn Junggesellen und zehn Fräulein, kommen hinein von beiden Seiten tanzend und singend._)

VORSÄNGER:

Ein Freund hat uns beschieden, Er heißet Jedermann, Der Mann ist guter Art, Hat eine Freundin zart, Drum blieb er ungemieden Und hat er uns beschieden, So treten wir heran.

ALLE:

Wohlauf antreten In fröhlichem Tanz, Schalmeien, Drommeten Wir sein hier gebeten Zu Fackeln und Glanz Und kommen mit Tanz.

Wir waren mit Blicken Nit zaghaft und bang, Nun gehts an ein Drücken Recht nah und gedrang, Wir wollen uns verstricken Und schlingen den Kranz, So wollen wir vorrücken, Das ehret den Tanz.

Ein jeder erwähle Mit liebendem Sinn Und keiner verhehle Seiner Freuden Gewinn. Wir wollen uns umstricken, Das wärmet das Blut, So wollen wir vorrücken Mit fröhlichem Mut.

JEDERMANN:

Seid allesamt willkommen sehr, Erweist mir heut die letzte Ehr.

EIN FRÄULEIN:

Daß ist ein sonderlicher Gruß.

DICKER VETTER:

Potz Maus, mein Vetter Jedermann, Wie grüßt ihr uns, was ficht euch an?

BUHLSCHAFT:

Was ist dir, was schafft dir Verdruß?

JEDERMANN:

Ist unversehens zu Mund so kommen, Ich heiß euch alle recht schön willkommen!

BUHLSCHAFT:

Nehmt, wie der Sinn euch steht, die Plätz! Ihr Buben, reicht Handwasser jetzt! Was stehst du da und siehst so fremd?

(_Sie setzen sich._)

JEDERMANN:

Sie sitzen ja alle im Totenhemd!

BUHLSCHAFT:

Was ficht dich an, bist du mir krank?

JEDERMANN:

Haha! ein ungereimter Gedank! Ich trink jetzt einen Becher Wein, Der macht das Hirn von Dämpfen rein.

BUHLSCHAFT:

Sitz! red zu ihnen ein freundlich Wort!

JEDERMANN:

Ihr Leute, seid ihr auch recht am Ort? Ihr sehet mächtig fremd mir aus.

(_Ein Schweigen._)

MAGERER VETTER:

Potz Velten, Vetter Jedermann, Wollt Ihr uns wiedrum treiben fort?

DICKER VETTER:

Das schafft Ihr nicht so leicht, Potz Maus, Dazu ist Euer Koch zu gut, Auch geht der Wein recht warm ins Blut, Freu mich, daß ich hier seßhaft bin.

JEDERMANN:

Jawohl ... nur bloß ... mir steht zu Sinn, Wie ihr da seid hereingelaufen, So könnte ich euch alle kaufen Und wiederum verkaufen auch, Daß es mir nit so nahe ging Als eines Fingernagels Bruch.

EIN GAST:

Was soll uns dieser grobe Spruch?

EIN FRÄULEIN:

Was meint er nur mit diesem Ding?

DICKER VETTER:

Die Reden sind sonst nit sein Brauch.

BUHLSCHAFT:

Geht die Red gleicherweis auf mich?

(_Jedermann sieht sie an._)

EIN GAST:

Ist recht eines reichen Manns Red, Gar überfrech und aufgebläht.

BUHLSCHAFT:

Dein Blick ist starr und fürchterlich, Für was willst du mich strafen, sprich.

JEDERMANN:

Dich strafen, Süße, ist mir fern, Lieb dich gleich meinem Augenstern, Hab müssen denken von ungefähr Wie deine Miene beschaffen wär, Wenn dir auf eins zukäm die Kund, Daß ich müßt sterben zu dieser Stund.

BUHLSCHAFT:

Um Christi Willen, was ficht dich an, Mein Buhle traut, mein lieber Mann, Ich bin bei dir, sieh doch auf mich, Dein bin ich heut und ewiglich.

JEDERMANN:

Wenn ich dann spräch: Bleibst du bei mir? Willst dort bei mir sein so wie hier? Willst mich geleiten nach der Stätte Und teilen mein eiskaltes Bette? Fielest ohnmächtig mir zu Füßen, So hätte ich meine Frag zu büßen! Wollt ich trotzdem des Wegs dich locken Tät dir das Blut in Adern stocken, Wäre mir gedoppelt Marterqual Und Gall und Essig allzumal, Wenn ich müßt sehen mit eigenen Augen Wie deine süßen Schwür nit taugen Und wie du lösest deine Händ Aus meinen Händen gar am End Und deinen Mund von meinem Mund Abtrennest in der letzten Stund. O weh.

(_Er seufzt._)

BUHLSCHAFT:

Ihr lieben Vettern und Leut, Mein Liebster ist besonders heut, Weiß nit, wes ich mich soll versehn, Könnt ihr mit Rat mir nit beistehn?

(_Jedermann starrt vor sich und tut sich den Kranz aus dem Haar._)

Er sitzt nit fröhlich und gepaart Und redt von Dingen aus der Art, Hab nie zuvor ihn so gesehn, Weiß nit was ihm mag sein beschehen!

MAGERER VETTER:

Potz Velten, Vetter Jedermann, Habt Ihr leicht die Melancholie? Wenn nit, was sonsten ficht Euch an?

DICKER VETTER:

Kenn das, sitzt hinterwärts der Stirn Ist eine Trockenheit im Hirn Ist mir von meinem Herrn Vater bekannt Mit ihm wars öfter so bewandt. Mußt brav eines trinken, mit Vergunst Daß dir der Wein das Hirn aufdunst.

EIN FRÄULEIN:

Gehört ein Absud in den Wein Von Nießwurz, Veilchen oder Hanf.

DICKER VETTER:

Hier Buben machet heiß den Wein Daß er fast glühender aufdampf Und tut ein Zimmet und Ingwer ein.

(_Sie machen hinten den Wein glühend auf einer Pfanne._)

EIN ANDERES FRÄULEIN:

Hab sagen hören es gibt einen Stein Den trägt die Schwalbe in ihrem Bauch Den haben die großen Ärzt im Brauch Heißt Chelidonius.

MAGERER VETTER:

Nein Calcedon! Hab öfter reden hören davon. Ist mächtig gegen die Melancholie.

EIN DRITTES FRÄULEIN:

Ich mein, er müßt mit der Sympathie Kuriert sein. Ist giftiger Hauch Im Spiel hier oder böser Blick. Wär mir mein Liebster also krank. Ich täts probieren ohne Wank.

DIE ZWEITE:

Was tätst probieren?

DIE DRITTE:

Ist geheim! Darf in gemeinem Mund nit sein Verliert sonst seine verborgne Kraft.

DIE ZWEITE:

Von wo hast du die Wissenschaft?

DIE DRITTE:

Habs halt einmal und gebs nit preis. Sags aber ihr ins Ohren leis.

(_Steht auf, flüstert Buhlschaft ins Ohr. Gleichzeitig reden mehrere unten am Tisch das Folgende._)

EIN GAST:

Wenn eins halt allzeit lebt zu gut Das schafft ihm ein verdicktes Blut, Einen armen und beschwerten Mann Käm die Melancholie nit an.

EIN FRÄULEIN:

Was heißen sie denn die Spielleut nit Anheben mit Blasen und Geigenstreichen Davor muß immer der Trübsinn weichen.

EIN ANDERES FRÄULEIN:

Wir wollen anheben zu singen was Davon schon öfter einer genaß.

EIN GAST:

Darf aber ein züchtig Lied nur sein.

EIN ANDERER:

Sie singt nit anders als zart und fein.

DER EINE GAST:

Kennt Ihr das Lied, das anhebt so? »In süßen Freuden geht die Zeit« Davon so dünkt mich müßt einer zur Stund Wenn er es anhört, werden gesund.

DAS EINE FRÄULEIN:

Nein lasset doch, sind wir denn Pfaffen? Was soll ein geistlich Lied uns schaffen?

GAST:

Ist nie und nimmer kein Pfaffenlied Der Türmer singts wenn die Sonn aufzieht.

DAS EINE FRÄULEIN:

Ich weiß ein anderes singen wir das.

DAS ANDERE FRÄULEIN:

Ei was?

DER EINE GAST

(_indem er sie küßt_):

Ei was, wenns regnet ist's naß.

DAS ANDERE FRÄULEIN:

»Floret silva undique« »Um meinen Gesellen ist mir weh.«

DER EINE GAST

(_spottet ihr nach_):

»Floret silva undique« »Um ihren Gesellen ist ihr weh«.

DAS GLEICHE FRÄULEIN:

»Er ist geritten von hinnen« »O weh, wer soll mich minnen!«

EIN ANDERER GAST

(_fällt ein_):

»Steht auch der Wald voll grünen Schoß« »Wohin doch ist mein Traugenoß«.

(_Jedermann hat indes den Becher Glühwein ausgetrunken und sieht mit fröhlicher Miene umher._)

JEDERMANN:

Seid fröhlich, Vettern und liebe Gäst, Mir ist nit just recht wohl gewest Ein Trunk hat mich gemacht gesund Nun grüß ich erst meine Tafelrund. War mir als läg was auf der Brust, Nun hab ich doppelt Lebenslust Bin froh daß wir beisammen sein Ist mir ein rechter Freudenwein. Schwillt mir das Herz so übervoll Weiß gar nit wie ichs sagen soll Sind köstlich Ding doch auf der Welt Ist herrlich gar um uns bestellt. Ja Lieb und Freundschaft, die zwei sind viel wert Wer die hat, des Herz nit mehr begehrt. Kommt Wein dazu und Saitenspiel So ist's schon über Maßen viel. Ich hab Euch recht lieb, Ihr lieben Gäst Ich bitt Euch nützt die Stund aufs Best. Laßt Eure Kehl nit untätig sein Ein Lied geh aus, wo eingeht der Wein. Verschränket Eure Stimmen aufs Best Und haltet sänftlich die Liebste fest. Genützt sei eine schöne Stund Mit Hand und Aug und Herz und Mund! Ja laßt Euch nit lang gebeten sein Und singt uns eins, lieber Vetter mein.

DER DICKE VETTER:

Mein dünner Vetter, o weh o weh Nun kommt sein Lied vom kalten Schnee.

(_Sie singen lachend._)

DER DÜNNE VETTER

(_singt_):

O weh o weh Frau Minne mir ist weh Frau Minne! Greif her wie sehr ich brinne O weh! Ein kalter kalter Schnee Er müßt vor Glut zerrinnen Darin das Herz erstickt! Wollt helfen mir Frau Minnen, Des wär ich hoch beglückt.

(_Alle singen mit. Man hört darein ein dumpfes Glockenläuten. Jedermann stößt sein Glas von sich._)

JEDERMANN:

Was ist das für ein Glockenläuten! Mich dünkt es kann nichts guts bedeuten Der Schall ist laut und todesbang Schafft mir im Herzen Qual und Drang. Was läuten Glocken zu dieser Zeit?

EIN GAST:

Ist nichts zu hören weit und breit.

EIN ANDERER:

Hat einer läuten hören Glocken?

EIN FRÄULEIN:

Was Glocken, was wird von Glocken geredt?

EIN ANDERER:

Wär eins zu früh zur Morgenmett!

BUHLSCHAFT:

Ich bitt Euch laßt das Singen nit stocken.

EIN GAST:

Hat einer von Euch was läuten hören?

EIN ANDERER

(_lachend_):

Nit läuten meiner Seel noch schlagen.

BUHLSCHAFT:

Laßt Euch im Singen doch nit stören.

JEDERMANN:

Ich bitt Euch hat alls nichts zu sagen Jetzt hör ichs nimmer ist alls schon gut.

DICKER VETTER:

Kommt alls von einem trägen Blut. Ich laß Euch wärmen ein Becherlein.

JEDERMANN:

Viel Dank, guter Vetter, laßt nur sein.

(_Er setzt sich wieder, Buhlschaft schmiegt sich an ihn. Die am untern Ende des Tisches singen._)

»Floret silva undique«

(_und so fort als Kanon._)

(_Indes sie singen kommt Jedermanns guter Gesell und nimmt den leeren Platz am Tische ein. Indem der Gesang leiser wird, hört man viele Stimmen rufen_):

STIMMEN:

Jedermann! Jedermann! Jedermann!

(_Jedermann springt angstvoll auf._)

JEDERMANN:

Mein Gott wer ruft da so nach mir? Von wo werd ich gerufen so? Des werd ich im Leben nimmer froh.

GESELL:

Ei, Jedermann, ich bin zur Stell.

BUHLSCHAFT:

Sieh, Jedermann, doch, dein lieber Gesell.

JEDERMANN:

Ihr liebe Freundschaft, sagt mir an Wer ruft so gräßlich »Jedermann«?

DÜNNER VETTER:

Hat müssen grad ins Ohr dir dringen Ein Widerhall von ihrem Singen.

JEDERMANN:

Nein, nein! in fürchterlicher Weis Und laut und mächtiglich, nit leis So: Jedermann! und Jedermann! Doch anderster als ich es schaffen kann. Gar fremd und doch bekannt zugleich Aus welchem höllischen Bereich Hats müssen also nach mir schreien Des kann ich mich nimmer getrösten, nein! Jetzt, jetzt! aufs neu, so hört doch an Wie streng sie rufen »Jedermann«!

(_Man hört das gleiche Rufen wie vordem._)

BUHLSCHAFT:

Ich hör keinen Laut.

DER DICKE VETTER:

Ich hör keinen Schall.

DER DÜNNE VETTER:

Auch nit einen leisen Widerhall.

(_Gesell tritt zu Jedermann._)

GESELL:

Ist Ohrentrug, siehst nit wohl aus, Soll ich geleiten dich nach Haus?

JEDERMANN:

Wie ich auf Euch die Augen heft So kommen mir zurück die Kräft Ich mein, es könnt ein solches Schrein Kein zweitesmal sich hier anheben. Tut mir recht wohl der Lichterschein. Sitz nieder mein Gesell hierneben Und mögen alle lieben Gäst Zulangen und sich ergetzen aufs Best. Will morgen zu gelegner Zeit Mit einem Arzten Beratung pflegen Daß solche Zufäll aller wegen Er wohlbedacht mir hält hintan.

BUHLSCHAFT:

Mußt mirs versprechen, lieber Mann! Müßt ja vor Angst und Sorg vergehn Sollt ich dich öftern also sehn.

(_Sie essen alle weiter und sind zärtlich miteinander. Jedermann hebt sich angstvoll._)

JEDERMANN:

Nun aber sag um Gott, mein Lieb, Was brennen die Lichter also trüb? Und wer kommt hinter mir heran? Auf Erden schreitet so kein Mann.

(_Der Tod steht da in einiger Entfernung. Alle Gäste auf._)

TOD:

Ei Jedermann! ist so fröhlich dein Mut? Hast deinen Schöpfer ganz vergessen?

JEDERMANN:

Was fragst um das zu dieser Stund? Bekümmerts dich? wer bist? was solls?

TOD:

Von deines Schöpfers Majestät Bin ich nach dir ausgesandt Und das in Eil: drum steh ich da.

JEDERMANN:

Wie, ausgesandt nach mir?

(_Greift nach seinem Herzen._)

Dem möchte wohl so sein. Ei ja.

TOD:

Denn ob du ihm gibst wenig Ehr In der himmlischen Sphär denkt er dein In welcher Weis, das soll dir gleich gemeldet sein.

JEDERMANN

(_die Augen gesenkt tritt hinter sich_):

Was will mein Gott von mir?

TOD:

Das will ich dich weisen. Abrechnung will er halten mit dir. Unverweilt!

JEDERMANN:

Ganz und gar bin ich unbereit Für solch ein Rechnung legen. Müßt ich das tun, da käm ich in Not Auch kenn ich dich nit, was bist du für ein Bot?

TOD:

Ich bin der Tod, ich scheu keinen Mann Tret jeglichen an und verschone keinen.

(_Es flüchten viele._)

JEDERMANN:

Was? keine Frist willst du mir geben Und überfällst eins ungewarnt Gar mitten drin im besten Leben Gotts Blut! das ist kein ehrlich Spiel Damit erwirbst dir Ruhm nit viel Denn daß ichs nur sag, bin nit bereit, Mein Schuldbuch auch ist nit so weit Hätt ich für mich so zehn, zwölf Jahr Ich wollt es in der Ordnung han Daß keine Furcht mich gienget an Das wollt ich so steh Gott mir bei. Drum aus Gotts Gnaden laß mich hier Daß ich das Ding zur Ordnung führ.

TOD:

Hie hilft kein Weinen und kein Beten Die Reis mußt alsbald antreten.

JEDERMANN:

O Gott der Gnaden auf himmlischen Thron Erbarm dich meiner schweren Not Wird mir zum Gefährten für diesen Weg Kein anderer als du bestellt? Soll ich aus dieser Erdenwelt Hinaus, und kein Geleite haben? Und war doch hier niemals allein, Mußt allerwegen gesellig sein.

TOD:

Nun ist Geselligkeit am End Ring nit vergebner Weis die Händ Schleun dich, jetzt gehts vor Gottes Thron Dort empfängest deinen Lohn. Wie, hat dich Narren wollen bedünken Das Erdengut und dies dein Leben Wäre dir alles zu Eigen gegeben?

JEDERMANN:

So war ich vermeinend, wahrhaftig und ja.

TOD:

Nichts da, war alls dir nur geliehen. Bist du dahin erbts einen andern Und über eine Weil schlägt dem seine Stund Und er muß alles hier lassen und wandern. Ich komm halt schnell.

JEDERMANN:

Nur einen Tag! Nur diese Nacht bis Sonnaufgehn Das ich mit Reu mög in mich gehn Und hören auf des Priesters Lehr Und bessern mich nach deinem Begehr.

TOD:

Dergleichen wird von mir nit erbeten, Wo ich einen Mann tu antreten Den schlag ich auf sein Herz mit Macht Wird vorher kein Anzeig beigebracht.

JEDERMANN:

O weh! Nun ist wohl Weinens Zeit!

TOD:

Mit Weinen wird nur Zeit vertan.

JEDERMANN:

Weh über mich was heb ich an Hätt ich ein ledig Stündlein Zeit Mir zu gewinnen ein Geleit. Daß ich nicht mutterkindallein Vor meinem Richter müßte sein.

TOD:

Meinst du, daß solches dir gewinnst? Ich sag sie weigern dir den Dienst.

JEDERMANN:

Nur nit allein vor das Gericht! Nur Redens und Ratens ein Stündlein Zeit Um Christi Gotts Barmherzigkeit!

TOD:

Meinshalb, ich tret dir aus dem Gesicht, Nur merk vertu nit diese Frist Und nütz sie klüglich als ein Christ.

(_Geht hinauf, wird unsichtbar._)

JEDERMANN

(_tritt zu seinem Gesellen_):

Mein guter Gesell, du weißts --

GESELL:

Ich weiß. War nit fünf Schritt weit, Jedermann! Wie dich der Tod hat treten an! Und hab Euch reden hören alls Schlägt mir das Herz bis an den Hals! Ein froher Mann und kerngesund Das warst du bis zu dieser Stund Nun kommt mich schier das Weinen an Wenn ich dich anschau, Jedermann.

JEDERMANN:

Hab vielen Dank, mein guter Gesell.

GESELL:

Was dir noch Not tut, sag du schnell.

JEDERMANN:

Du bist mir wahrhaft ein guter Freund Dich hab ich allzeit treu befunden.

GESELL:

Und sollst mich finden zu allen Stunden. Denn glaub du mir, ging deine Reis Geradewegs hinab zur Höll Hie fändest du den Gefährten zur Stell.

JEDERMANN:

Gott steh mir bei du lieber Mann Daß ichs um dich verdienen kann.

GESELL:

Ist von Verdienen nit die Sprach, Wär mir die allergrößte Schmach Wollt ichs mit dem Mund mich unterwinden Und sollt man in Taten mich lässig finden.

JEDERMANN:

Mein Freund!

GESELL:

Sprich frei, tu auf den Mund Muß alls mir werden offenbart Ich steh bei dir bis zur letzten Stund Recht nach guter Gesellen Art.

(_Jedermann will den Mund auftun._)

GESELL:

Dein Jammer geht mir mächtig nah Soll alles was aufs Herz dir druckt Von diesem ganzen Erdenwesen Von mir getreulich sein verwesen. Sag, ist dir von etlichen Leids getan? Sie sollen ihre Strafen han, Von meiner Hand mit scharfem Eisen Und müßt ich darüber ins Gras beißen!

JEDERMANN:

Ist nit um dies mir, bei Gotts Blut!

GESELL:

Es geht dir um dein Geld und Gut Das schafft dir große Sorgenlast, Daß keine Leibeserben hast.

JEDERMANN:

Nein, Lieber, nein!

GESELL:

Braucht nit viel Wort Bei mir ist dein Vertraun am Ort Der Kaufbrief da ist wohl verwahrt Dir ist um deine Freundin zart Daß deines Reichtums auf sie komm Soviel als ihr auf immer fromm.

JEDERMANN:

Nein, Lieber Guter hör mich an.

GESELL:

Spar dir die Reden Jedermann Bist ohne viel von mir verstanden.

JEDERMANN:

Ach! ganz was anders schafft mir Qual Viel näheres, mein guter Gesell!

GESELL:

Heraus damit, laß hören schnelle Merk Freundes Mund tröst allemal.

JEDERMANN:

Ja du mein Freund!

GESELL:

Willst mich nit weisen? Könnt sein dir blieb sonst nit die Zeit.

JEDERMANN:

O weh, das wär mir bitter leid.

GESELL:

Sag deine Sach! Frisch Jedermann. Wo bliebe unsre Freundschaft dann?

JEDERMANN:

Wenn ich dir tät mein Herz aufschließen Und du, du kehrtest den Rücken mir Und ließest dich meine Red verdrießen Des hätte ich wohl zehnfach Gram und Weh!

GESELL:

Herr, wie ich zu Euch gesprochen eh So will ich tun.

JEDERMANN:

So dank dir Gott. Mir ist befohlen mich fortzuheben Der Weg ist weit und voll Beschwer Und was dann kommt, noch weit mehr, Denn ich soll eine Rechnung geben Von meinem Reichtum und all meinem Leben Vor meinem Schöpfer und höchsten Richter! Drum also komm mit mein guter Gesell Wie dus versprochen hast zur Stell.

GESELL:

Ei ja, das ist schon eine Sach Versprechen und brechen, daß wär mir Schmach Daran nur denken macht mir heiß.

JEDERMANN:

O du!

GESELL:

Doch sollt ich antreten die Reis Da heißt es sich beraten und gut.

JEDERMANN:

Was? sprachest doch auf jeglicher Straßen Wolltest nicht lebend noch tot mich verlassen, Und wär es geraden Wegs zur Höll.

GESELL:

Richtig, so war meine Red, Hand aufs Herz! Aber die Wahrheit zu vermelden Ist jetzo nicht Zeit für dergleichen Scherz. Ist fast bereits ernsthaft die Sachlag. Und dann, wenn wir die Reis wollten antreten Wann kämen wir wiederum hierher? Ei, gib doch Antwort.

JEDERMANN:

Nimmermehr. Nimmermehr bis an den jüngsten Tag.

GESELL:

Dann bei Gotts Tod bleib ich hintan Wenn in dem Sinn die Meldung beschah, Dann stehts, daß ich die Reis nit tu.

JEDERMANN:

Nit tust?

GESELL: