Japanische Märchen

Chapter 4

Chapter 43,951 wordsPublic domain

Dank der sorgsamen Pflege, die der Mann dem Sperling angedeihen ließ, heilte der Flügel recht schnell und bald konnte das Tierchen wieder fliegen.

Einige Tage später ging der Mann früh morgens in den Wald um trockene Äste und Laub zu sammeln, damit er Feuerungsmaterial habe. Dies tat der Mann sonst täglich, hatte es aber während der Pflege des Sperlings ganz vergessen, so daß er, als er sah, daß es dem Vogel besser gehe, sich endlich wieder auf den Weg machte. Er hatte aber dem Sperling kein Futter hingesetzt, weil er glaubte, bald wieder zurück zu sein.

Den Sperling hungerte nun, und um Nahrung zu suchen, hüpfte er aus dem Körbchen und eilte vor das Haus, wo die Frau des Mannes sich gerade einen dicken Stärkekleister zurecht gemacht hatte. Den Kleister sehen und seinen Hunger stillen, war eins. Aber die Alte kam gerade hinzu, als es sich der Sperling schmecken ließ. Wütend darüber lief die Frau ins Haus, holte eine Schere; dann ergriff sie den Sperling, schnitt ihm die Zunge ab und ließ ihn fliegen, indem sie ihm nachrief: »Warte ich will dich lehren, fremder Leute Kleister zu fressen!«

Der Sperling flog schnell davon und war bald im nahen Walde verschwunden.

Als der Mann mit seiner Holzlast zurückkam und die Alte, noch immer wütend, ihm erzählte, daß der Sperling von ihrem Kleister genascht und sie ihm zur Strafe dafür die Zunge abgeschnitten habe, da ward er sehr betrübt, setzte seine Holzlast nieder und ging fort, um das arme Tierchen zu suchen. Er wanderte lange Zeit von Dorf zu Dorf, indem er überall fragte: »Habt Ihr nicht einen Sperling mit abgeschnittener Zunge gesehen?« Aber niemand hatte ihn gesehen, niemand konnte Auskunft geben.

Endlich kam er an ein dich{tes Ge}büsch, vor dem ein hübscher kleiner Sperling wartete, der, als er den alten Ma{nn s}ah, ihm entgegenhüpfte und sich verneigte.

»Ich bin der Sohn des Sperlings, den du gepflegt hast«, sagte er; »ich habe beobachtet, daß du meinen Vater suchst. Sei beruhigt, mein Vater ist gesund heimgekommen und erwartet dich. Ich bin dir entgegen gekommen, um dich zu erwarten und in unser Haus zu geleiten. Also, bitte, komm und folge mir!«

Da war der Mann von Herzen froh und folgte freudig dem voranhüpfenden Sperling.

Nach einem Weilchen kamen sie an ein großes, schönes Haus, in dem viele, viele Sperlinge versammelt waren, darunter jener Sperling, den der Alte gepflegt hatte. Dieser lud ihn freundlich ein näher zu treten und ließ ihn Platz nehmen. Er sagte: »Dir braven Manne zu Ehren habe ich das heutige Fest veranstaltet. Nun iß und trink und laß es dir wohl sein; ich werde dir zeigen, daß auch ein Sperling dankbar sein kann!«

Als der Alte Platz genommen hatte, wurden ihm gebackene Fische, Fleisch, Kuchen und allerlei Leckerbissen vorgesetzt, so viel und so schön und gut wie er noch nie in seinem Leben gesehen, viel weniger denn gegessen hatte. Dazu wurde eine herrliche Musik gemacht und muntere Sperlingweibchen und Sperlingfräulein führten einen kunstvollen Tanz auf. Kurz, der alte Mann kam aus dem Staunen garnicht heraus und glaubte im Himmel zu sein, so schön erschien ihm dies alles, ihm, der bisher zwar nicht gehungert, wohl aber kümmerlich in Not und Sorge gelebt hatte.

Zum großen Leidwesen aller ging auch dieses schöne Fest, wie alles in der Welt, einmal zu Ende und der Mann verabschiedete sich unter vielen Dankesworten von den gastfreundlichen und dankbaren Sperlingen. Der Sperling aber, den der Mann gepflegt hatte, führte ihn noch in ein Zimmer und zeigte ihm zwei Lackkästen, der eine groß, der andere klein, und sagte ihm: »Damit du nicht leer nach Hause kommst, wähle dir einen dieser beiden Kästen zur Erinnerung an mich!«

Der Alte dachte, den großen zu nehmen wäre unbescheiden; »auch bin ich alt und schwach und kann den kleinen besser tragen.«

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Also wählte er den kleinen Kasten und nahm ihn auf den Rücken, indem er dem Sperling nochmals für alles Gute und Schöne, das er gesehen und genossen hatte, bestens dankte. Der Sperling begleitete ihn noch ein Stückchen Wegs und als er sich von dem alten Manne am Rande des Waldes verabschiedete, warnte er ihn, unterwegs den Kasten zu öffnen. Er dürfe ihn erst zu Hause öffnen. Der Alte versprach es; während er nun seines Weges dahinschritt, wurde der Kasten auf seinem Rücken immer schwerer, so daß er ihn kaum zu tragen vermochte und mehrmals in Versuchung kam, ihn abzusetzen und zu sehen, was darinnen sei; aber er gedachte der Warnung des Sperlings und schritt tapfer weiter, bis er endlich ganz erschöpft bei seinem Hause ankam. Hier empfing ihn seine Frau mit Scheltworten und hieß ihn einen Nichtstuer und Herumtreiber.

Als der Mann ihr aber erzählte, wie es ihm ergangen sei, da wurde sie sehr neugierig und beide öffneten den Kasten.

Man denke sich die Freude! Der Kasten war bis obenan mit Gold und Edelsteinen und kostbaren Dingen gefüllt. Nun hatte alle Not ein Ende. Der Alte mußte nochmals sein Erlebnis ganz genau erzählen. Als die Frau hörte, daß er von den beiden Kästen den kleineren gewählt habe, da wurde sie ganz bleich vor Ärger und Wut und schrie den Alten an: »Du bist und bleibst ein dummer Kerl! Nein solche grenzenlose Dummheit ist mir noch nie vorgekommen, einen kleinen Kasten zu nehmen, wenn du einen großen erhalten kannst. Gleich trägst du den Kasten zurück und holst den größeren!«

»Dann wäre ich wirklich dumm«, erwiderte der Alte, »das, was wir jetzt haben, reicht für unser Leben aus, ja, es ist mehr als zuviel. Was sollen wir mit noch größerem Reichtum. Ich bin vollständig zufrieden und glücklich!«

Da wurde die Frau noch böser und rief: »Dann sei du es, ich will aber den großen Kasten unbedingt haben und werde ihn mir selbst holen!«

Kaum hatte sie dieses gesagt, da war sie auch schon zum Hause hinaus und auf dem Wege zum Sperlingsheim.

Am Gebüsch angekommen, stand wieder der kleine Sperling da.

»Führe mich zu deinem Vater!« herrschte sie ihn an.

»Komm!« erwiderte kurz der Sperling und hüpfte voran.

Im Sperlingsheim waren nur noch wenige Sperlinge anwesend. Der Sperling, dem die Frau die Zunge abgeschnitten hatte, empfing die Frau und sagte zu ihr: »Ich weiß schon, warum du kommst. Doch erst setze dich und erhole dich von deinem Wege!«

Sie wurde ins Haus geführt und mußte sich setzen, dann brachte man ihr allerlei Essen und Getränke in geschlossenen Schüsseln.

Als sie lüstern den Deckel von der ersten Schüssel hob, da sprang ein Frosch heraus. Dann machte sie sich an die anderen Schüsseln, aber in jeder war irgend ein Untier wie Kröten, Schlangen u. dgl. verborgen und in den Trinkgefäßen war übelriechendes Wasser, so daß sie sich mit Ekel und Entsetzen abwenden und hungrig aufstehen mußte. Hierauf wurde sie in das Zimmer geführt, wo wieder zwei Kästen standen, der eine groß, der andere klein. Ohne lange zu warten, ergriff sie den großen Kasten, nahm ihn auf den Rücken und eilte davon. Der Sperling rief ihr noch nach: »Öffne den Kasten nicht unterwegs!« »Schon gut, schon gut!« schrie die Alte zurück, ohne sich aufzuhalten; denn sie konnte ihre Begierde gar nicht verbergen.

Auf der Hälfte des Weges plagte sie die Neugier, sie mußte unbedingt wissen, wieviel in dem Kasten sei. Ihre Neugierde und Habsucht ließen es nicht zu, daß sie wartete, bis sie daheim war. An einer lichten Stelle im Walde setzte sie den Kasten ab und vor Aufregung zitternd hob sie den Deckel ab, um über den Reichtum herzufallen.

Aber mit furchtbarem Getöse flog ihr der Deckel aus den Händen und dem Kasten entstiegen eine Unzahl schrecklicher Gestalten, Gespenster, Geister, Teufel und Drachen und bedrohten die Frau, die vor Schreck auf den Rücken fiel, dann aber emporsprang und schreiend davonlief, die Schar der dem Kasten entsprungenen fürchterlichen Gestalten mit Gebrüll hinter ihr her.

Die Frau lief, was sie laufen konnte, sie hielt sich dabei die Ohren zu, um das entsetzliche Gebrüll nicht zu hören und jeden Augenblick glaubte sie, die Krallen eines der Ungetüme im Nacken zu fühlen. So rannte sie durch den Wald, stieß an Bäume und zerschlug sich die Stirne, während die Zweige sie ins Gesicht peitschten und die Dornen ihre Kleider, Füße und Hände zerrissen. Erst am Waldesrande wurde das Getöse leiser und verstummte endlich ganz, als sie erschöpft, zerschunden und zerschlagen vor ihrem Hause ankam, wo sie ohne Besinnung zusammenfiel. Ihr Mann kam heraus, trug sie ins Haus und pflegte sie. Als sie endlich wieder die Augen aufschlug und gesund wurde, da war sie ganz umgewandelt, sie war still und geduldig und sagte kein böses Wort mehr.

Darüber freute sich der Mann sehr und lebte mit seiner jetzt braven Frau noch viele, viele lange Jahre, während deren beide von ihrem Reichtum den Armen abgaben und Freunde und Beschützer der Tierwelt wurden. Die Vögel und Tiere des Waldes kamen jetzt immer gern zum Hause der alten Leute und fürchteten sich nicht mehr vor der bösen Frau, die nun vollständig von ihren bösen Leidenschaften befreit war und den Tieren gern Futter streute.

So erwies sich ein Sperling dankbar und besserte die Frau, die ihm die Zunge abgeschnitten hatte, durch den furchtbaren Schreck, den sie nie vergaß.

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Die geplagte Krabbe.

In uralten Zeiten, als die Tiere noch wie die Menschen lebten, Häuser bauten und Felder bestellten, lebte einmal in einem kleinen, sauberen Häuschen eine Krabbe, dicht an einem Berge und zwar an dessen Schattenseite, weil es dort nicht zu heiß wird, sondern immer hübsch kühl und feucht bleibt, wie es die Krabben lieben. Diese Krabbe war eine fleißige und tüchtige Hausfrau, die sich mit ihrer Hände Arbeit mühselig aber redlich durchs Leben schlug, dabei ihr Häuschen stets in Ordnung hielt und so von früh bis spät beschäftigt war. Eines Tages nun hatte es sich ein Pilger im Schatten nahe bei ihrem Hause bequem gemacht und sein Mittagsmahl gehalten. Als er wieder weiter wanderte, ließ er einige kleine Reste gekochten Reises liegen und die Krabbe hatte nichts eiliger zu tun, als diese Reste in ihr Häuschen zu schaffen. Dies hatte aber ein Affe beobachtet, der ebenfalls Appetit auf Reis hatte. Er kam schnell herbei und schlug der Krabbe vor den Reis zu teilen. Die gutmütige Krabbe war dazu gern bereit, aber die Hälfte des Restes war dem Affen doch zu wenig, um seinen Appetit zu befriedigen und so schlug er vor, die Krabbe solle ihm den ganzen Rest des Reises geben, wofür er ihr eine Hand voll Kakikerne geben wolle. Er hatte nämlich kurz vorher eine rote, saftige Kaki[1] gegessen und die Kerne aufgehoben: Man sieht, der Affe war ein schlauer Patron und dachte die Krabbe zu überlisten.

Die Krabbe ging auch auf den Tausch ein und nahm die Kakikerne in Empfang, während der Affe den Reis empfing, den er sogleich verzehrte und sich dann, die dumme Krabbe verspottend, lachend entfernte. Die Krabbe war aber gar nicht so dumm als der Affe dachte; sie wußte sehr wohl, warum sie den Tausch annahm. Nachdem sich nämlich der Affe entfernt hatte, ging sie in ihren Garten, der sich vor ihrem Häuschen befand, wählte dort eine schöne Stelle gerade am Eingange und pflanzte dort die Kerne ein, dann trug sie Wasser aus dem nahen Bache herbei und goß dieses auf die eingepflanzten Kerne. Dann sorgte sie tagtäglich, daß der Platz ungestört blieb und hatte endlich die Freude zu sehen, daß aus einem der Kerne wirklich ein Pflänzchen emporschoß.

Im Laufe der Zeit entwickelte sich aus dem zarten Pflänzchen, dank der Sorgfalt und Pflege, die die Krabbe darauf verwendete, ein recht kräftiger Kakibaum, der auch bald schöne, saftige Früchte, so süß wie Ame[2] trug, und dessen Zweige der Krabbe überdies reichlich Schatten spendeten.

So verging eine geraume Zeit. Eines schönen Tages aber spazierte unser Affe vorbei und sah mit großem Erstaunen den schönen Kakibaum voll herrlicher Früchte. Er trat näher, begrüßte die Krabbe mit ausgesuchtester Höflichkeit und fragte, wie dieser Baum hieher komme, wo doch früher nicht einmal ein Strauch war. Die Krabbe erzählte mit großer Befriedigung, daß der Baum aus einem der Kerne ersprossen sei, die sie vor Jahren von dem Affen gegen den Reis eingetauscht habe. »So, so!« meinte da der Affe, »dann wäre es ja eigentlich mein Baum und die Früchte wären ebenfalls mein Eigentum!«

»Warum nicht gar!« rief entrüstet die Krabbe; »du hast die Kerne in Tausch gegeben, ich habe sie also redlich erworben. Die Kerne waren also nicht mehr dein Eigentum, denn du hast den Reis dafür genommen. Überdies ist es nur meiner Arbeit und meiner Mühe gelungen, den Baum großzuziehen, du hast also gar keinen Anteil daran.«

»Na, seid nur nicht gleich so bös!« entgegnete lachend der Affe, »ich habe ja nur einen Scherz gemacht; oder dachtet ihr, ich würde euch den schweren Baum fortschleppen? Aber, damit ich es euch sage, ich habe gerade etwas Hunger und so einige schöne Kaki hätte ich gern wieder einmal gegessen!«

Die Krabbe war schnell besänftigt, und da der Affe gar zu schön zu bitten verstand, erlaubte sie es ihm, sich selbst einige Früchte vom Baume zu holen, da sie nicht so gut klettern könne als er, der Affe. Auch mußte dieser ihr versprechen die Hälfte der reifen Früchte ihr herabzuwerfen, die andere Hälfte könne er dann verzehren oder mitnehmen. Der Affe ließ sich dies nicht zweimal sagen, sondern versprach der Krabbe ihren Wunsch zu erfüllen, und kletterte schnell am Baum empor.

Kaum war er oben, als er an sein Versprechen nicht mehr dachte, er suchte sich die schönsten Früchte aus und verspeiste sie in aller Gemütlichkeit. Die arme Krabbe wartete und wartete, aber der Affe dachte nicht daran, ihr auch nur eine Kaki hinabzuwerfen, so daß sie ihn endlich an Erfüllung seines Versprechens mahnte. Der jedoch warf ihr jetzt lachend nur die Kerne ins Gesicht und als die Krabbe darüber ärgerlich wurde und den Affen einen Schwindler, Betrüger und Dieb nannte, da riß er unreife und harte Früchte ab und schleuderte sie auf die Krabbe, die sich dem Bombardement nur durch schleunigste Flucht entziehen konnte.

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Da sie nun einsah, daß sie auf diese Weise mit dem Affen nicht fertig würde, dachte sie sich eine List aus und rief, indem sie langsam zurückkehrte, als der Affe sich gerade seine Taschen mit den reifsten Früchten gefüllt hatte:

»Nun laß es einmal genug sein des absonderlichen Spaßes; daß du werfen kannst, habe ich gesehen. Man sagt aber auch, daß ihr Affen so schöne Purzelbäume schlagen und am Schwanze hängend euch von Zweig zu Zweig schwingen könnt, das kannst du sicherlich nicht!«

»Was kann ich nicht, du dumme Krabbe? Ich kann keine Purzelbäume schlagen?« schrie ganz empört der Affe. »Da schau her, du dummes Vieh!« Dies sagend, hing er sich am Schwanze auf, schwang sich über verschiedene Zweige und machte die schönsten Bauchwellen an einem kräftigen, glatten Aste. Darauf nun hatte die Krabbe nur gewartet; denn beim Herabhängen und Schwingen waren natürlicherweise dem Affen die Früchte aus den Taschen gefallen und rollten am Boden dahin, wo sie die Krabbe schnell auflas und in ihr Häuschen in Sicherheit brachte.

Als der Affe mit seinen Turnkunststückchen fertig war und siegesbewußt der Krabbe einige Spottworte zurufen wollte, da merkte er, daß seine Taschen leer waren und sah, wie die Krabbe soeben die letzte Kaki auflas.

Voller Wut, sich überlistet zu sehen, war er mit einem Satze vom Baume, warf sich auf die Krabbe, prügelte sie windelweich und ließ sie halbtot liegen, dann machte er sich schleunigst davon. Die arme Krabbe aber schleppte sich, als der Affe verschwunden war, mühselig und unter großen Schmerzen zum Bache, wo sie ihre Wunden wusch und kühlte. Nun hatte aber die Krabbe eine Freundin, nämlich eine Wespe, die in einem alten, abgestorbenen Baume, der am Rande des Baches stand, wohnte. Diese sah, wie die Krabbe ihre Wunden wusch; sie flog herbei und fragte, was denn geschehen sei.

Die Krabbe erzählte ihr die Schandtat des Affen, worüber die Wespe sehr empört war und beschloß den Affen zu bestrafen; sie flog zu einigen anderen Freunden, erzählte denen die Geschichte weiter und hatte es endlich auch soweit gebracht, daß zwei derselben, nämlich ein Ei und ein großer, schwerer Reismörser sich mit ihr einig erklärten den Affen zu bestrafen. Zunächst aber mußte die Krabbe erst wieder gesund werden, weshalb die drei sie aufsuchten und in ihrem Leiden so vortrefflich verpflegten, daß sie bald wieder ganz hergestellt war bis auf eine kleine Lähmung im rechten Vorderbein.

Als nun die Krabbe wieder ausgehen konnte, wurde Kriegsrat gehalten. Die Krabbe, die gutmütig war und mit dem Aufhören der Schmerzen auch keine Rachegedanken mehr hatte, wollte jedoch von einer so strengen Bestrafung, wie das Töten des Affen, das die andern vorschlugen, nichts wissen. Schließlich einigte man sich dahin, daß, wenn der Affe um Verzeihung bitte und verspreche nichts Böses mehr gegen die Krabbe zu unternehmen, ihm verziehen werden solle; wenn nicht, müsse es ihm ans Leben gehen.

Die Wespe erhielt den Auftrag diesen Beschluß dem Affen zu verkünden und ihn aufzufordern, vor dem Hause der Krabbe zu erscheinen, um seine Entschuldigung vorzubringen. Sie flog, sum, sum, in den nicht zu weit entfernten Wald, wo der Affe wohnte, und hatte das Glück ihn anzutreffen. Mit lautem Summen flog sie durchs Fenster ins Zimmer, wo der Affe bei einem Fläschchen Sake[3] hockte[4].

»Was bringt ihr denn Gutes, Frau Wespe?« fragte er.

»Gutes oder Böses, wie ihr es nehmen wollt!« entgegnete die Wespe und richtete ihren Auftrag aus. Der Affe lachte: »Eure Drohung verlache ich, wie könnt ihr euch erdreisten mir mit dem Tode zu drohen, da müssen doch erst andre kommen als ihr winzigen Geschöpfe.« »Seid nur nicht zu übermütig«, sagte die Wespe, »so klein wir sind, haben wir doch unsre Waffen!«

»Prahle nicht, dummes Vieh!« rief der Affe ärgerlich; aber kaum hatte er das gesagt, so saß ihm die Wespe schon auf der Nase und versetzte ihm einen recht kräftigen Stich. Brüllend vor Schmerz sprang er da auf und schrie: »Ich komme, ich werde kommen!«

»Schön! das war dein Glück! Aber hüte dich vor schlechten Streichen, du entrinnst uns nicht!« Mit diesen Worten flog die Wespe davon und verkündete ihren Freunden daheim das Resultat ihrer Sendung.

Am andern Tage mußte die Krabbe sich noch krank stellen und sie legte sich auf ihr Lager sich bis zum Kopfe zudeckend, der Mörser stellte sich außen auf einen Vorsprung oberhalb der Tür, das Ei legte sich auf den Herd und die Wespe setzte sich auf den Rand eines Wasserkübels, der in einer dunkeln Ecke stand. So erwarteten alle vier den Affen. Es dauerte auch gar nicht lange, so kam er ganz furchtsam angeschlichen. Seine Nase war infolge des Wespenstiches furchtbar angeschwollen, das sah so komisch aus, daß der Mörser sich vor Lachen schüttelte und fast von seinem Platze gestürzt wäre, wenn er sich nicht schnell festgehalten hätte. Der Affe sah sich sorgfältig nach allen Seiten um; als er aber niemanden erblickte, kam er näher und spähte durch die Tür ins Zimmer, wo er die Krabbe still liegen sah. Nun kehrte sein Mut zurück und er trat keck ins Zimmer und begrüßte mit scheinheiliger Miene die Krabbe, die ganz krank und elend tat und mit leiser Stimme seinen Gruß erwiderte. Sie erwartete, daß der Affe seine Bitte um Verzeihung vorbringen werde; dem war aber sein alter Übermut wieder zurückgekehrt und er dachte gar nicht daran sich zu demütigen, vielmehr erblickte er das Ei auf dem Herde, das er schnell ergriff, indem er höhnisch lächelnd sagte: »Du also bist eins von denen, die mir ans Leben wollen? Das darf nicht ungestraft dahingehen. Deine Frechheit soll jetzt dich das Leben kosten und dabei sollst du mir noch recht schön schmecken, denn Eier esse ich zu gerne!«

»Hüte dich, Affe,« rief warnend die Krabbe, »du weißt, was deiner wartet, wenn du deine bösen Streiche nicht läßt!«

»Da sieh, wie ich deine und deiner sogenannten Freunde Drohung fürchte!« sagte da der Affe und legte das Ei auf die glühenden Kohlen um es zu backen. Aber die Strafe folgte auf dem Fuße; denn als er sich auf das Ei niederbeugte um zu beobachten, wie die Schale sich durch die heiße Glut braun färbte, da platzte die Schale und die heißen Stücke flogen ihm in die Augen und verbrannten ihm das Gesicht.

Um den Schmerz zu lindern, eilte er zum Wasserkübel; aber hier wartete seiner die Wespe, die, als er sein Gesicht ins Wasser stecken wollte, unbarmherzig auf ihn losstach, so daß er vor Schmerz heulend aus dem Zimmer eilen wollte; doch, als er durch die Türe lief, sprang von oben der Mörser herunter und hieb mit seinem Schlegel auf den Affen ein; nun kam auch die Krabbe und die Wespe heraus; erstere setzte sich auf das Genick des Affen und zwickte ihn, die Wespe zog ihr Schwert und stach ihn tot. Auch das Ei hatte sich wieder erholt und schaute dem Spektakel zu.

So straften die unscheinbaren Wesen den böswilligen Affen.

Daraus folgt, daß böse Taten immer ihren Lohn finden und daß man als Rächer auch den Kleinsten nicht gering achten soll.

Nach dem Tode des Affen lebte die Krabbe noch viele, viele Jahre in Ruhe und Zufriedenheit im Schatten des Kakibaumes und wenn man sie auch nicht getötet hat, so lebt sie heute doch nicht mehr.

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[Anmerkung 1: Kaki = Persimonpflaume. Diospyros Kaki hat in Japan die Größe eines Apfels und ist sehr beliebt. Wird frisch gegessen, auch getrocknet nach Feigenart.]

[Anmerkung 2: Ame (Ton auf dem e) = Weizengluten. Aus Weizen bereiteter Sirup, dem Honig entsprechend.]

[Anmerkung 3: Sake = Reiswein.]

[Anmerkung 4: Bekanntlich sitzen die Japaner nicht auf Stühlen sondern hocken auf dem Fußboden, wie verschiedene Bilder dieses Buches zeigen.]

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Der kluge Hase.

Eines schönen Tages schwamm der Fischkönig[1] in seinem Reiche wohlgemut umher; es war ein wunderschöner Tag und die Sonne erhellte das Wasser bis nahe auf den Grund. Da erblickte er plötzlich vor sich einen dicken, fetten Wurm, der ihm gar appetitlich erschien und da er gerade einen kleinen Hunger verspürte, so schwamm er auf den Wurm zu, schnappte nach ihm und -- ein furchtbarer Schmerz durchzuckte seinen Körper, denn er saß an einer Angel, deren Haken ihm im Maule saß. Er zerrte und zerrte, und nach heftigem Kampfe und unter großen Schmerzen gelang es ihm endlich die Angelschnur zu zerreißen und in sein Schloß zu schwimmen, wo er sich auf sein Lager warf und die Leibärzte rufen ließ. Als diese am Bette des Fischkönigs standen, erzählte er ihnen sein Ungemach, wie er an der Angel festgesessen und wie es ihm endlich gelungen sei, sich durch Zerreißen der Angelschnur zu befreien und sich davor zu bewahren, daß sein königlicher Leib gewöhnlichen Zweibeinern, die man Menschen heiße, zur Speise diene.

»Aber der verdammte Haken,« schloß er seine Erzählung, »der sitzt hier fest im Halse und mir ist es unmöglich ihn zu entfernen, ich leide furchtbare Schmerzen. Wer ihn mir herausbringt, den will ich königlich belohnen.« Da standen nun die Ärzte ratlos am Bette des Fischkönigs und beratschlagten, was zu tun sei.

Der König wurde ärgerlich und ließ in seinem Reiche verkünden, wer ihm den Angelhaken aus dem Halse entferne, den werde er mit königlichen Ehren versehen und reich belohnen.

Da ward eine große Bewegung im Wasser, von allen Seiten eilten die Untertanen herbei, die Großen und Würdenträger bis zu den Kleinsten, vom Walfisch bis zum Stint. Alle, alle kamen, hörten die Botschaft, aber sie schüttelten ihr Haupt, denn niemand wußte Rat, niemand konnte sagen, wie man einen Angelhaken aus dem Schlunde eines Fisches entferne.

Da meldete sich endlich eine Schildkröte, die ganz im Hintergrunde gestanden hatte. Man schob sie nach vorne und da erklärte sie, daß das beste Mittel zwei ganz frische Hasenaugen (Lichter) seien; diese müsse man auf die Stelle auflegen, wo der Haken sitze, dann würde der Haken durch die Hasenaugen herausgezogen. Die Anwesenden stimmten der Schildkröte zu, und auch den Ärzten, die den Rat mit angehört hatten, erschien er gut.