James Watt und die Erfindung der Dampfmaschine
Part 7
In kürzeren Darstellungen des Lebens unsres Erfinders, in Lesebuchstücken und Lexikonartikeln finden wir ~Dr.~ Roebuck fast ausnahmslos mit schnödem Undank behandelt. Es heißt da, Watt habe sich mit einem Industriellen namens Roebuck verbunden, der Mann habe aber bald Bankrott gemacht und Watt hätte Mühe gehabt, aus dem Schiffbruch des Kapitalisten auch nur sein nacktes Patent zu retten. Roebuck gehört aber nicht nur selber unter die Erfinder, sondern auch unter die großen Männer der Tat. Das gleiche Nachschlagewerk, das ihm nicht einmal ein besonderes Artikelchen widmet, muß Roebuck in der Liste der Erfinder und Entdecker bringen. Mitten unter den stolzesten Namen des 18. Jahrhunderts befindet sich auch der seine als des Erfinders der Schwefelsäurefabrikation in Bleikammern. Der Schilderer des Lebens so vieler berühmter englischer Ingenieure und Erfinder, Samuel Smiles, verzeichnet in einem Buche spöttisch das gleiche, was wir hier tadelten. In der zu Glasgow erschienenen »~Cyclopedia of Biography~«, einem biographischen Nachschlagewerke, heißt es nämlich von Roebuck: »Roebuck, John, ein Arzt und Experimentalchemiker, geboren 1718 zu Sheffield; starb, nachdem er sich durch seine Projekte selber ruiniert hatte, 1794.« Das ist alles! Als Sohn eines Messerfabrikanten in der Stadt Sheffield, fühlte sich der junge Roebuck unwiderstehlich zu wissenschaftlichen Studien hingezogen. Er studierte Medizin und Chemie, war in Edinburg mit keinem Geringeren als Hume befreundet, erwarb in Leiden den Doktortitel und ließ sich in Birmingham als Arzt nieder. Hier wurde er auf die Dürftigkeit der Materialien und Methoden in der Birminghamer Metallfabrikation aufmerksam und machte sich daran, ein neues Eisenschmelzverfahren zu erfinden. Dies gelang ihm unter Verwendung der Steinkohle statt der Holzkohle. Ferner ersann er andre Verfahren zur Reindarstellung von Gold und Silber. Auch verdanken wir ihm vorteilhaftere Verfahren zur Gewinnung verschiedener Chemikalien, insbesondere die schon erwähnte Herstellung von Schwefelsäure in Bleikammern in großen Mengen, während sie bis dahin nur in kleinen Mengen in Glasgefäßen hatte gewonnen werden können. In Schottland errichtete er 1749 eine glänzend rentierende Schwefelsäurefabrik. Und dort schuf er auch bei Prestonpans eine Porzellan- und Tonwarenfabrik. Von seinen Erfolgen verleitet, wohl auch von dem edlen Ehrgeiz befangen, dem Lande nützliche Industrien zuzuführen, errichtete Roebuck mit Heranziehung des Geldes von Verwandten und Freunden am Carronflusse ein großes Eisenwerk, das erste in Schottland. Geschickte Werkleute, Gießer und Schmiede wurden aus England herübergeholt, und 1760 der erste Hochofen angeblasen. Roebuck leistete gleichzeitig als Erfinder, der immer neue Patente entnahm, und als Geschäftsmann in vielseitigster Tätigkeit Hervorragendes. Die Carronwerke erlangten Berühmtheit. Die Beförderung der neuen Industrieerzeugnisse erzwang geradezu neue Verkehrswege. Daher begann in den nächsten Jahrzehnten der Bau oder die Vermessung verschiedener Kanäle. Das waren Arbeiten, bei denen auch Watt einige Jahre sein Brod fand, so daß schon hier Roebuck im Grunde vorteilhaft in Watts Leben eingriff. Roebuck machte sich aber auch daran, die reichen Kohlenlager in Schottland auszubeuten. Immer neue Kapitalien wurden in aussichtsreiche Unternehmungen gesteckt, bis auf einmal, ehe noch die Unternehmungen Früchte trugen, das Geld knapp wurde und Roebuck Konkurs machte. Doch eilen wir dem Verlauf der Dinge nicht vor. Roebuck brauchte für seine Kohlenschächte zur Herausschaffung der Grubenwasser leistungsfähigere Maschinen, als es die Newcomenschen waren. Black, der Chemiker, machte ihn auf seinen jungen Freund Watt aufmerksam, der da eben eine neue, vielversprechende Erfindung gemacht habe. Das Prinzip dieser neuen Schöpfung mußte einem erfinderischen Kopfe wie Roebuck schnell einleuchten. Er übernahm daher die Deckung der Schulden, die Watt bisher für seine Versuche gemacht hatte. Daß sie sich auf 20000 Mark beliefen, möchte ich nicht glauben, obwohl alle einschlägigen Schriftsteller das nachbeten. Wahrscheinlich ist in dieser Summe gleichzeitig eine Vergütung für Watt einbegriffen gewesen. Roebuck machte sich ferner anheischig, die Kapitalien für fernere Versuche aufzubringen. Dafür sollte er ⅔ des Gewinns von dem Bau der Maschine erhalten. Um seinen Kohlenbergwerken nahe zu sein, hatte Roebuck den Edelsitz Kinneil House am Firth of Forth, der früher dem Herzog von Hamilton gehörte, bezogen. In dessen Nähe baute Watt in ziemlicher Heimlichkeit eine kleinere Maschine, an der aber bald dies, bald jenes mißriet. Während das den Mut Watts stets sinken ließ, regte es Roebucks Tatkraft nur zur Weiterarbeit an. Wohl nicht ohne Berechtigung mag Roebucks Gattin die Äußerung getan haben, ohne Roebuck würde Watt selber seine Erfindung aufgegeben haben. Nicht am Prinzip, sondern an der noch mangelhaften Technik der Zylinderherstellung und der feineren Mechanikerarbeiten sowie am Fehlen geschulter Arbeiter lag die Schuld. Watt konnte nicht immer zugegen sein; war er aber abwesend, dann ging alles verkehrt, und man mußte hernach die Arbeit von neuem anfangen. Daß die Maschine Geld brachte, daran war für die nächste Zeit nicht zu denken. So mußte sich denn Watt entschließen, von seiner Kenntnis der Meßinstrumente und der Mathematik Gebrauch zu machen: er wurde Zivilingenieur und Geometer, der teils Vermessungsarbeiten für die Kanalgesellschaften, teils Ingenieurarbeiten für Glasgow und die Nachbarorte übernahm. Nach seinen Entwürfen wurde z. B. die Clydebrücke bei Hamilton gebaut. Auch Hafenanlagen, Krane und was ihm sonst der Zufall an ähnlichen Aufträgen brachte, führte er aus. Dazwischen wurde langsam an der Maschine weitergearbeitet.
Der Kanalbauten wegen mußte Watt 1767 nach London reisen, um dort vom Parlament gewisse Genehmigungen zu erlangen. Aber er wußte weder die Arbeiter, die seinem Befehle unterstanden, noch die hartgesottenen Politiker des Parlamentes richtig zu behandeln. Er konnte wohl die Natur bemeistern, indem er ihre schwache Seite herausfand. Aber Menschen zu meistern, war ihm, dem feinen Kopf und Verächter des Gemeinen, nicht gegeben. Er haßte Geschäftsverhandlungen und wollte lieber -- wie er schrieb -- vor eine geladene Kanone treten als eine Rechnung aufsetzen oder einen Handel abschließen, für den er verantwortlich war. Wohl erreichte er sein Ziel in der britischen Hauptstadt; aber bezeichnend ist, was er über die Parlamentarier äußerte: er habe nie eine größere Menge fauler Köpfe (~wrongheaded men~) beisammen gesehen. Das stimmt überein mit dem, was ein andrer Schotte, der berühmte »Schmieder der Volkswirtschaftslehre« Adam Smith, sagt: der Politiker sei ein »~insidious animal~«, ein hinterhaltiges Tier. Aber mit dem verwünschten Parlament mußte Watt bereits im nächsten Jahre wieder in Verbindung treten; es galt, ein Patent auf seine Maschine zu erwirken. Es wäre ein Wunder, wenn wir nicht aus dieser Zeit Klagen über Zeitverlust durch bequemes Beamtentum hätten. Kopfschmerzen und schlaflose Nächte brachten Watt in eine verzweifelte Stimmung, aber Roebuck drängte zur Weiterarbeit. Eine leistungsfähigere Maschine war ja der Bergwerkindustrie nötig wie das liebe Brot. Auf der Heimkehr von London hatte Watt die erste Begegnung mit dem Metallwarenfabrikanten Boulton in Soho, dessen Fabrik er schon im vorhergehenden Jahre als einen großen, gut geleiteten, siebenhundert Arbeiter zählenden Betrieb kennen gelernt hatte. Schon seit einiger Zeit bearbeitete nämlich Watt seinen Freund ~Dr~. Small, daß dieser den ihm eng befreundeten, weitschauenden und sehr begabten Boulton für seine Maschine gewinnen möge. Boulton wurde durch Watts Wesen von vornherein eingenommen, aber es dauerte doch noch ein halbes Dutzend Jahre, ehe er der Wattschen Erfindung auch mit Kapital näher trat. Mittlerweile tröstete Small, ein ausgezeichneter Mann, den Erfinder brieflich: er hoffte immer noch mit einem Feuerwagen Wattscher Herkunft fahren zu können. Daß Watt sich nach einem andern Kapitalisten umsah, hing mit Roebucks plötzlich sehr mißlich gewordenen Vermögensverhältnissen zusammen. Es war überhaupt eine Zeit schlechten Geschäftsganges. Daher bei Boulton keine Lust zu neuen Unternehmungen, bei Roebuck aber Geldschwierigkeiten, die so groß wurden, daß er nicht einmal mehr die Kosten für die Patententnahme 1769 aufbringen konnte. Wenn Black nicht die Summe vorgeschossen hätte, wäre Watt übel daran gewesen. Und dann fielen wieder neue Versuche mit der Maschine in Kinneil House nicht befriedigend aus, wiederum ein Grund für Boulton zurückzuhalten. Watt geriet in eine verzweifelte Stimmung. Doch ein Trost war es, daß wenigstens im vorhergehenden Jahre, 1769, das Patent gesichert war, im gleichen Jahre mit Arkwrights Patent auf die durch Wasserkraft getriebene Garnspinnmaschine.
Im Jahre 1770 schickte Watt Zeichnungen der in Kinneil House errichteten Maschine nach Soho. Boulton wollte dort, wo bessere Werkleute und besseres Material zur Verfügung standen, einen Versuch mit dem Bau einer Wattschen Maschine machen. Damals trug sich Boulton mit dem Gedanken, auf einem bei Birmingham vorbeiführenden Kanal die Boote durch Dampfmaschinen befördern zu lassen. Small schrieb Watt von diesem Plane. Watt schlug in seinem Antwortschreiben vor, Spiralruder anzuwenden. So haben wir eigentlich schon bei Watt den Schraubenpropeller (Abb. 14), als dessen Erfinder Ressel gilt, obwohl die Idee sogar schon vor Watt vertreten war. Man würde irren, wenn man glaubte, der Erfinder habe sich damals nur mit der Dampfmaschine beschäftigt. Seine Vermessungsarbeiten führten ihn auf mancherlei Verbesserungen der Nivellierinstrumente und auf neue Erfindungen auch auf diesem Gebiete. Dazwischen gab es gelegentlich chemische Versuche. Black und Roebuck, mit denen Watt damals verkehrte, waren ja beide Chemiker. Freilich kamen dann auch ganze Monate, in denen Watt froh war, sein Tagewerk bei Schnee und Regen, in Schmutz und Sturm, voll Ärger über Arbeiter und Unternehmer hinter sich zu haben. Aber gesundheitlich bekam ihm der Aufenthalt im Freien nicht schlecht. Dafür war er wieder wochenlang von seinen Lieben getrennt, und nachts zehrte die Sorge: er wurde grau, ohne für Weib und Kind Ersparnisse gemacht zu haben. Infolge der großen Geldschwierigkeiten, in die Roebuck geraten war, stockte auch die Weiterentwicklung der Maschine. Watt verdiente damals bei den Vermessungsarbeiten am Monklandkanal, wo er hundert Mann unter sich hatte, 4000 Mark im Jahre. Auch war er bei einer Töpferei beteiligt, die nach seiner eignen Äußerung scheußlich schlechte Ware erzeugte, aber doch blühte. -- Freilich dauerte die Herrlichkeit nicht lange, denn schon das nächste Jahr (1772) brachte wieder eine Geschäftskrise. Die Kanalarbeiten stockten, und Watt wurde entlassen. Aber er fand bald wieder Arbeit am Kaledonischen Kanal, der freilich erst ein Menschenalter später fertig wurde. Die späteren Ingenieure benutzten dabei noch Watts als vorzüglich anerkannte Geländeaufnahmen. In diesem Jahre traf ein harter Schlag unsern Erfinder. Durch die Krankheit seiner Frau wurde er plötzlich von seinen Arbeiten abgerufen. Daheim fand er eine Tote. In einem Briefe schildert er, wie er damals beim Betreten seines Hauses allen Mut zusammennehmen mußte, wenn ihm nicht mehr, wie früher, die treue, bewährte Lebensgefährtin entgegenkam, die nur seine Sorgen und Mühen, nicht seinen Sieg miterlebte....
Der finanzielle Zusammenbruch Roebucks war die Ursache, daß Boulton sich entschloß, der Wattschen Erfindung auch als Teilhaber näher zu treten. Roebuck hatte das Vermögen seiner Frau und seiner Verwandten herangezogen, um seine weitangelegten, riesigen Unternehmungen über Wasser zu halten. Der Zusammenbruch verschlang alles. Von der Höhe einer glänzenden und für das Gemeinwohl hoch verdienstlichen Laufbahn stürzte der gewaltige Mann in die Tiefe. Unbeachtet und zurückgezogen lebte er noch bis 1794. Wie schmerzlich muß es wohl für ihn gewesen sein zu sehen, daß er eine Erfindung in der Hand gehabt hatte, die später so glänzende Einnahmen erzielte! Watt gibt Roebuck das Zeugnis, daß er ohne ihn unter seiner Last zusammengebrochen wäre. »Mein Herz blutet für ihn,« schrieb er einem Freunde, »aber ich kann nichts für ihn tun; ich habe lange bei ihm ausgehalten, die Pflicht für meine Familie zwingt mich, nach einem andern Unternehmer mich umzutun.«
Boulton.
Mit Recht ist gesagt worden, Watt hätte ganz Europa durchsuchen können, ohne einen geeigneteren Mann als Boulton zu finden, um seine Erfindung in die Praxis einzuführen. Man hört in unsern Tagen oft das phrasenhafte Wort vom königlichen Kaufmann; auf Boulton angewandt, ist es aber am Platze. Ein hoch begabter, trefflich gebildeter, ehrenhaft denkender Mann, hatte sich Boulton die Aufgabe gestellt, den wenig guten Ruf der Birminghamer kunstgewerblichen Erzeugnisse zu heben. Nur erstklassige Fabrikate sollten seine Metallwerkstätten verlassen. Boulton beschäftigte Künstler aus Italien und Frankreich und erwarb sich ein Verdienst durch die Vervielfältigung vornehmster Kunstwerke, wobei ihn sein König und der Adel durch leihweise Überlassung ihrer Kunstschätze zur Nachbildung unterstützten. Der Ruf seiner Firma drang weit über Englands Grenzen. Kaiser und Könige, Künstler und Gelehrte verfehlten nicht, die berühmte Fabrik zu Soho zu besichtigen und sich von ihrem gastlichen und vornehmen Besitzer bewirten zu lassen. Boultons größtes Verdienst war aber nicht nur die Durchbringung der Dampfmaschine, sondern auch sein Kampf und Sieg über die Münzfälschungen. Nachdem er nämlich der Wattschen Erfindung durch seine außerordentliche Tatkraft unter größten finanziellen Bedrängnissen zum Siege verholfen hatte, warf er sich mit Macht auf das Münzproblem, d. h. die Herstellung von schwer durch Fälscher nachzumachenden Münzen. Ein großer Teil des damals umlaufenden Geldes war das Erzeugnis von Fälschern. Boulton hat ihnen durch neue Münzprägemaschinen das Handwerk erschwert. Zu den Letzten, die seiner Münze Aufträge gaben, gehörten natürlich seine lieben Landsleute. Daran war aber nur der träge Beamtenstand schuld. Die königlichen Münzbeamten sahen nämlich mit Verdruß, daß wieder ein Kaufmann, keiner der Ihren, die Initiative ergriff, dem Münzübel zu wehren. So rührten sie sich nicht, den Mann zu unterstützen, der erst auf dem Wege über das Ausland zur Autorität für sie werden mußte. Boulton war selbst auch, wie Roebuck, Erfinder und Ingenieur, seine Vielseitigkeit sei beleuchtet durch die Anschaffung einer wertvollen Virgilausgabe, durch Fossiliensammlungen, chemische und elektrische Versuche, seine Freundschaft mit Männern wie Watt, Erasmus Darwin, Priestley, Small, Wilhelm Herschel u. a. Boulton war um so eher für Watts Erfindung zu gewinnen, als er selbst schon mit einem eigenen Dampfmaschinenmodell Versuche gemacht hatte.
Roebuck, früher in Birmingham ansässig, war mit Boulton befreundet. Dieser hatte ihm 24000 Mark geliehen und konnte sie von ihm nicht zurückerhalten. Auf Anregung Watts war Boulton bereit, unter Verzicht auf die geliehene Summe den Anteil Roebucks an Watts Erfindung, also Zweidrittelgewinn, zu übernehmen. Das war für Watt Grund zu neuen Hoffnungen! Schon hatte er in verzweifelter Stimmung daran gedacht, wenn sonst kein Geld aus der Erfindung zu machen sei, wenigstens ein Buch darüber zu schreiben und die Ehre der Erfindung zu retten. Seiner schottischen Heimat war er damals so überdrüssig, daß er Land und Leute, Klima und Vermessungsarbeiten förmlich haßte. Bis ins Herz fühlte er sich krank. Ihn drängte es hinaus aus Verhältnissen, die ihn fast nur an Mißerfolge und gar an den Tod einer geliebten, edlen Frau mahnten. Da mußte er es wohl mit Freuden begrüßen, daß er nunmehr die in Kinneil hergestellten Maschinenteile nach Soho schicken konnte, um selbst in Boultons Dienste zu treten. Zunächst galt es, die Maschine in Soho zusammenzusetzen. Dabei übernahm aber Watt auch gelegentlich andre Dienstleistungen für Boulton. Und ein Glück war es, daß die zusammengesetzte Maschine gute Arbeit leistete! Jetzt knüpfte Boulton seine Bereitwilligkeit, mit aller Kraft die Fabrikation in Angriff zu nehmen, nur noch an eine freilich schwere Bedingung: Watt mußte nach London und bei den querköpfigen (»~wrongheaded~«) Parlamentsmitgliedern um Verlängerung seines Patentes einkommen. Von den vierzehn Jahren gewährten Schutzes waren bereits fast sechs herum. Die übrigen acht Jahre waren eine zu kurze Frist, um das große Geschäftsrisiko zu wagen, das in der Fabrikation eines so gänzlich neuen und bald von andern Fabriken nachgeahmten Artikels bestand. Zwar die Bergwerksbesitzer und Minenpächter, die bereits davon gehört hatten, es sei eine neue Kraftmaschine erfunden, die von keinem Geringeren als dem bekannten und einflußreichen Boulton hergestellt werde, boten alles auf, einen Parlamentsbeschluß zu hintertreiben, der ihnen die Benutzung der neuen Erfindung verteuern mußte. Aber sie richteten nichts aus. Das Parlament bewilligte die Verlängerung des Patentes auf 25 Jahre in Anbetracht der Schwierigkeit und der großen Geldaufwendungen, die das neue Unternehmen erforderte. Watt hatte nun nicht mehr nötig, sich nach einer Stelle umzusehen, wo er taglöhnern konnte. Selbst das Anerbieten, das ihm von Rußland auf Vorschlag des dorthin gegangenen Robison damals gemacht wurde, gegen eine Besoldung von 20000 Mark jährlich dorthin überzusiedeln, konnte er ablehnen. Und das tat er um so lieber, als er kein Vertrauen in die Freiheitsbürgschaften dieses Reiches setzte.
Aber nicht nur in den Hafen der fabrikmäßigen Herstellung seiner Erfindung lief Watt damals ein. Er gelangte auch, ein Jahr darnach, in den Hafen einer neuen Ehe. Bei einem Besuche Glasgows lernte der nun vierzigjährige Erfinder die Tochter Anna des Färbers Macgregor kennen. Seine Werbung fand Gehör, doch der vorsichtige Schwiegervater wollte, bevor er seine Einwilligung gab, Einsicht in die Vermögensverhältnisse und Zukunftsaussichten des Tochtermanns haben, und dieser schwiegerväterlichen Härte verdanken wir ein Schriftstück, worin Boulton auf Watts Bitte hin ausdrücklich schriftlich die zwischen ihm und Watt bereits mündlich getroffenen Vereinbarungen anerkennt. »Es ist schwierig,« so schreibt der Fabrikant, »den wirklichen Wert Ihrer Eigentumsrechte bei unsrer Teilhaberschaft festzusetzen. Jedenfalls will ich es bestimmt bezeichnen, und ich kann wohl sagen, ich würde Ihnen gern zwei-, auch dreitausend Pfund für die Übertragung Ihres Drittels an dem Patent geben. Es würde mir aber leid tun, mit Ihnen einen für Sie so unvorteilhaften Handel abzuschließen, und ich würde jedes Geschäft bedauern, das mich Ihrer Freundschaft, Zuneigung und tatkräftigen Hilfe berauben würde. Ich hoffe, daß wir in Liebe und Eintracht die 25 Jahre zusammen aushalten werden, und das wird mir lieber sein, als wenn ich als alleiniger Inhaber so reich wie ein Nabob werden könnte. Ich würde Ihnen gerne sofort die betreffende Anweisung und den Vertrag über unsere Teilhaberschaft übersenden. Leider ist es mir unmöglich, da der Rechtsanwalt Herr Dadley plötzlich nach London gerufen wurde und ich das Aktenstück nicht vor seiner Rückkehr erhalten kann. Wenn Sie aber vielleicht mit Ihren Freunden darüber verhandeln wollen, so können Sie ihnen von folgenden Hauptpunkten eine Abschrift geben. Ich habe sie aus unsrer Korrespondenz ausgezogen, und soviel ich weiß, enthalten sie das Hauptsächlichste unsres Vertrages. Sie überweisen mir ⅔ des Patentes unter folgenden Bedingungen: Ich habe die Kosten für die Versuche, für die Erwerbung des Patentes sowie für das, was für die Maschine vom Juni 1775 gebraucht wurde, zu tragen, auch die Ausgaben für die ferneren Versuche zu bestreiten. All dies Geld ist von mir unverzinslich herzugeben und darf nicht gegen Sie verrechnet werden. Die Versuchsmaschinen sind mein Eigentum, da sie von meinem Gelde gekauft werden. Ferner habe ich das Kapital, das zum Geschäftsbetriebe nötig ist, gegen übliche Zinsen vorzuschießen. Der Gewinn des Geschäftes nach Bezahlung oder Abschreibung der Zinsen, der Arbeitslöhne und aller Geschäftsunkosten, soweit sie sich auf unser Dampfmaschinengeschäft beziehen, ist in 3 Teile zu teilen, von denen Sie einen, ich zwei erhalte. Sie haben die Zeichnungen zu entwerfen, die Angaben zu machen und die Leitung zu übernehmen. Die Auslagen für Geschäftsreisen ersetzt das Geschäft. Ich habe die Bücher genau zu führen und dafür Sorge zu tragen, daß jährlich Abschluß gemacht wird. Ferner habe ich Sie in der Leitung der Arbeiter zu unterstützen, Geschäfte abzuschließen sowie überhaupt alles das zu tun, was wir beide von Interesse für das Geschäft halten. Ein Buch ist zu führen, worin alle neueren Übereinkommen zwischen uns zu Protokoll genommen werden, die, mit unsrer beider Unterschrift versehen, dieselbe Kraft haben wie unser Vertrag. Keiner darf seinen Anteil ohne Zustimmung des andern veräußern. Sollte einer von uns sterben oder zu gemeinsamer Tätigkeit unfähig werden, so soll der andere der einzige Leiter sein, ohne Kontrolle der Erben, Testamentsvollstrecker oder gesetzlichen Nachfolger. Die Bücher jedoch können von ihnen eingesehen werden, auch kann der tätige Teilhaber eine vernünftige Entschädigung für seine Mühewaltung beanspruchen. Der Vertrag tritt mit dem 1. Juni 1775 auf 25 Jahre in Kraft. Unsre Erben, Testamentsvollstrecker usw. sind zur Beobachtung des Vertrages verpflichtet. Im Falle wir beide sterben, sind unsre Erben usw. unsre Nachfolger auf Grund des gleichen Vertrages.«
Und damit wenden wir uns den Arbeiten zu, die jetzt von Soho aus in die Welt gingen, den ~black devils~, schwarzen Teufeln, oder ~iron angels~, eisernen Engeln.
Die Retterin der Cornwallgruben.