James Watt und die Erfindung der Dampfmaschine

Part 10

Chapter 101,866 wordsPublic domain

»Gott sah, was er gemacht, und siehe, es war gut. So schrieb ein Mann mit großem Geist und Mut. Doch diese Lehre will der Welt nicht mehr behagen. Der Zweifler macht bedenklich bittere Klagen. Er ruft: Man werfe nur, nur einen flücht'gen Blick In's Lebensspiel; was blickt man? Menschenglück? Nein, Not und Tod und Elend sieht man hausen, Die Elemente stets im Wechselkampfe brausen, Und Sturm der Leidenschaft, die ewig Feindschaft brüten. So murrt gar mancher trüb, raubt sich des Lebens Frieden! Warum denn wurden wir so rund umgeben Vom rohen Stoff, von Kräften aller Art? Was will in unserer Brust das stete Streben, Das sich mit ewig reger Neugier paart? Gestalten soll der Herr die Erden? Harrt hier nicht alles auf des Bildners Hand? Ein Schöpfer soll der Mensch, wie Gott wohltätig werden? Drum gab er ihm Stoff, Kräfte und Verstand. So jener Mann, dem manches Werk gelungen, Und dessen Geist nach Wahrheit stets gerungen, Geprüft des Feuers, des Wassers Macht, Kurz, der zuerst das Werk erdacht, Wie durch der Elemente Kampf, Des Feuers Wut, des Wassers Dampf, Der Mensch Gewinn und nicht Verderben fand. Die Wut des Feuers, des Wassers Macht Ward von dem Künstler angefacht, Er trennt durch eine dünne Wand Die Feinde, die von Wut entbrannt. Die Flammen an dem Kessel wüten, In dem voll Zorns die Wellen sieden Und streben, sich am Feind zu rächen, Den starken Kerker zu zerbrechen. Ein blanker Stab steigt magisch hoch empor Vom Dampf verfolgt, durch ein gewaltig Rohr; Im Nu stürzt in die heiße Flut Ein kalter Strom, schreckt seine Wut; Gleich sinkt der Stab -- im Augenblick Scheucht ihn der heiße Dampf zurück, Der blanke Stahl steigt auf und nieder, Belebt zum Streben alle Glieder Nach einem Ziel, der große Bau Folgt stets des Meisters Sinn genau -- Wie mancher tadelt nicht den Wunderlauf der Dinge Und ungeprüft schilt, was er nicht versteht. Der Forscher sieht entzückt, wie in der Wesen Ringe Sich Teil und Ganzes stets im schönsten Bunde dreht.«

Daß Goethe an diesen Versen nicht achtlos vorüberging, sollte denen zu denken geben, die vom »öden Materialismus der Technik« reden und es nicht Wort haben wollen, daß hier nicht nur für den Kopf, sondern auch für das Herz etwas entstanden ist. Wenn Goethe im zweiten Teil des Faust seinen Helden die reinste und die höchste Freude empfinden läßt, als dem Meere Land abgerungen wird, so hat die Dampfmaschine bei der Entwässerung der Haarlemer Bucht in Holland gezeigt, wie Land im großen der See abgetrotzt werden kann. Damit begann die Dampfmaschine ja in Cornwall ihren Siegeszug um die Erde, daß sie innerhalb der Bergwerke das Land den Fluten der Schächte entriß.

Watts Lebensabend und Tod.

Im Alter von 63 Jahren hatte Watt noch die Aufregungen eines Patentprozesses zu durchkosten. Ein Jahr später erlosch der ihm gewährte Erfindungsschutz, und damit zog sich Watt ganz vom Geschäft zurück. Sein Sohn James und Boultons Sohn waren schon seit Jahren als Mitinhaber in das Geschäft eingetreten und bewährten sich zur Freude ihrer Väter. Boulton hatte sich auf Watts Ersuchen dazu verstanden, ihm statt des vertraglich zustehenden ⅓ die Hälfte des Reingewinns zu zahlen. So wurde Watt an seinem Lebensabend noch ein reicher Mann, auch seine Gesundheit besserte sich. Wie nach einem regnerischen und stürmischen Tage abends schließlich noch die Sonne hervorkommt und den Mann, der tagsüber stark geistig gearbeitet hat, hinaus ins Freie lockt, so gestaltete sich Watts Leben im ganzen: geistige Freuden bei stürmischen, widrigen Schicksalen, gegen Schluß aber Durchbruch sonnigen Friedens und Wohlstands.

Watts Vater war 75 Jahre alt geworden. Er selber brachte es auf 83. Natürlich sah er die meisten Freunde vor sich aus dem Leben scheiden: den rüstigen Boulton, der 1809 starb, Erasmus Darwin und Black, Robison u. a. Von seinen Kindern überlebte ihn nur der Sohn James aus erster Ehe, der 1848 kinderlos starb. Damit endigte die männliche Linie der Familie Watt, die sich von dem Mathematikprofessor ableitete, dessen Vater noch als Pächter bei Aberdeen in Schottland gesessen hatte. Aus der ersten Ehe waren Watt zwei Kinder in jugendlichem Alter gestorben, ein Kind wurde totgeboren. Aus der zweiten Ehe starben erst eine Tochter an einem Lungenleiden, dann ein herrlich aufgeblühter, mit allen Gaben des Körpers und Geistes ausgestatteter Jüngling ebenfalls an Schwindsucht. Für den greisen Erfinder war es ein schwerer Schlag, an tückischem Leiden einen Sohn hinsiechen zu sehen, von dem die höchsten Leistungen zu erwarten waren. Sein Sohn James hatte eine Zeitlang in der französischen Revolution eine Rolle gespielt. Soll er doch ein Duell zwischen Danton und Robespierre vereitelt haben, von Robespierre aber dann als englischer Spion verdächtigt, in tosender Versammlung den Verleumder zur Seite gestoßen und sich glänzend vom Verdachte gereinigt haben. Vor dem Haß Robespierres mußte er dann fliehen. In England wurde er von Burke als Jakobiner denunziert, vom selben Burke, der einst gegen Watts Patent gearbeitet hatte. Der alte Watt war einige Zeit in großer Sorge über das Schicksal des Sohnes. Offenbar aber hatte James doch Temperament und Anlagen. Wir wollen nicht verfehlen, dies hervorzuheben, denn es ist sehr selten und fast nur in Mathematikerfamilien nachzuweisen, daß vier Generationen oder mehr in gerader Linie immer tüchtige, den Durchschnitt überragende Leute hervorbringen.

Auf seinem Landgute in Heathfield bei Birmingham hatte sich der greise Erfinder eine Schmiede und Werkstatt hergerichtet, und bis ins letzte Jahr hinein beschäftigten ihn allerlei Erfindungen, zumal die oben erwähnte Skulpturkopiermaschine. Alljährlich reiste er einmal nach London, dort an den Schaufenstern und besonders den Buchläden sich freuend, zugleich wahrnehmend, wie seine Dampfmaschine die Welt allmählich umgestaltete. Im Jahre 1802 unternahm er eine Reise nach Belgien, den Rhein hinauf und nach Frankfurt a. Main, dann über Straßburg nach Paris. Kleinere Reisen durch Englands schönste Gegenden brachten Abwechslung in das Leben des Mannes, dem ein Freund nach dem andern im Tode voranging. Daß Watt ein wenig unter dem Pantoffel stand, überliefert uns sein Biograph Smiles. Watts Frau, die Färberstochter, hielt mit militärischer Strenge auf Sauberkeit. Ihren Mann durfte sie im Arbeitskostüm nicht zu Gesicht bekommen. Seine Schnupftabaksdose schloß sie weg, wo immer sie ihr in die Hände fiel. Um des lieben Friedens willen und als weiser Mann fügte sich Watt dem gestrengen weiblichen Regimente. Waren abends Freunde bei ihm zu Gast, so erwartete seine Frau, wenn sie sich aus dem Speisezimmer zurückgezogen hatte, daß er bald nachfolgte. Geschah es nicht, so kam ein Diener und drehte das von Murdock erfundene Gaslicht ab. Und der große Erfinder fügte sich lächelnd: »Wir müssen gehen!« Dafür aber war er in seiner Werkstatt in eignem Reich, und er soll sich dort auch oft Essen gekocht haben, um ungestört bei der Arbeit bleiben zu können. Vielleicht aber lag die hausfräuliche Strenge in Watts eigenstem, gesundheitlichen Interesse.

Im selben Jahre, in dem der erste Dampfer, die Savannah, teilweise noch mit Segelbenützung, den Ozean von Amerika nach Europa durchkreuzte, starb Watt, am 19. August 1819. Seine Geisteskräfte waren ihm bis ans Ende erhalten geblieben. Dankbar segnete er das Leben, das ihm soviel Freude bereitet habe. Ohne schweres Leiden verschied er nach kurzer Krankheit. Neben Boulton wurde er in der Handsworth Church bei Heathfield beigesetzt. Nicht weit davon wurde auch der treue, nie versagende Murdock, der ebenfalls ein hohes Alter erreichte, zur Ruhe bestattet.

Wir wollen nicht lang und breit erzählen, welche Ehren dem großen Erfinder von Gelehrten- und andern Gesellschaften erwiesen wurden. Auch nur erwähnen wollen wir die Aufstellung von Watts Büste in der Westminsterabtei unter den Helden des Krieges, der Dichtung und Wissenschaft. Die von Lord Brougham verfaßte Inschrift feiert den Erfinder als den Mann, der die Hilfsquellen seines Landes erweiterte und die Kraft des Menschen vermehrte. Statt uns aber auf solche Ruhmeshymnen einzulassen, die dem Erfolge oft genug auch da nachtrotten, wo das Verdienst kaum zulänglich ist, wollen wir von Watt lieber damit Abschied nehmen, daß wir uns noch einige seiner Aussprüche merken, damit nicht nur durch sein Werk, sondern auch durch sein Wort der große Mann noch in unsrer Erinnerung lebe. Vielleicht sind es besonders drei Äußerungen Watts, die man sich mit Nutzen merken kann:

~Without a hobby-horse, what is life~: Ohne ein Steckenpferd, was ist da das Leben?

~Nature can be conquered, if we can but find out her weak side~: Die Natur kann besiegt werden, wir müssen nur ihre schwache Seite finden.

~It is a great thing to know what to do without~: Es ist wichtig zu wissen, ohne was man etwas machen kann!

Auf den Gebieten der freien und angewandten Kunst, der Literatur, des Theaters usw. haben wir in Deutschland eine ganze Reihe von Sammelwerken, die in Einzeldarstellungen schildern, was daraus dem Gebildeten zu wissen notwendig ist. Für die Industrie und die Technik, die bestimmenden Faktoren unserer Zeit, fehlen derartige Werke noch vollkommen. Und doch bezeichnet sich unser Jahrhundert selber mit eherner Stimme als

das Jahrhundert der Technik

Ist es da nicht die Pflicht jedes Gebildeten, sollte es nicht das eifrige Streben jedes wahrhaft modernen Menschen sein, dies Jahrhundert in seinem innersten Fühlen verstehen zu lernen? Man wird die Frage selten verneinen, aber man wird meist hilflos dastehen, wenn man diese Erkenntnis in die Tat umsetzen will, weil es keinen kundigen Führer gibt, der hier die Wege weist. Solche Führer

braucht

also unsere Zeit ebenso wie Führer für die Reise nach fernen Ländern.

Führer in die deutsche Industrie u. Technik

wollen nun die Bände sein, die wir unter dem Sammeltitel »Deutsche Arbeit« im Anschluß an unsere »Technischen Monatshefte« herausgeben.

Berufene Fachleute sollen in diesen Bänden darstellen, was sie von ihrem Spezialgebiet für allgemein wissenswert halten. Reiche bildliche Darstellungen werden den Text ergänzen.

Als erster dieser Führer erschien:

J. Kollmann,

Die Großindustrie des Saargebiets.

Mit 1 Karte und 50 Abbildungen, geh. M 2.--, geb. M 2.80.

Demnächst werden sich anschließen:

Die deutsche Schmuckindustrie. Das rheinisch-westfälische Industriegebiet. Deutsche Werftbetriebe. Deutsche Porzellanfabriken. Der oberschlesische Industriebezirk. Deutsche Glashütten. usw. usw.

Der Preis der einzelnen Bände wird je nach Umfang und Ausstattung M 1.-- bis M 2.-- für das geheftete, M 2.-- bis M 3.-- für das gebundene Exemplar betragen. So wird auch dem Minderbemittelten die Anschaffung möglich sein und jeder wird sich hier Kenntnisse verschaffen können, die praktisches Wissen darstellen, das sich im Lebenskampf jederzeit nutzbar machen läßt.

In unserer Sammlung

Lebensbilder aus Industrie und Technik

erschien als erster Band

Max Eyth ein deutscher Ingenieur und Dichter

Eine biographische Skizze, mit Proben aus seinen Werken und vielen Abbildungen

von

~Dr.~ Georg Biedenkapp

Abnehmer des Jahrgangs 1910 der Technischen Monatshefte erhalten den Band kostenlos.

Ladenpreis kart. M 1.--, in hübschem Leinwandband M 1.80

In Vorbereitung befinden sich als weitere Bände der Sammlung

George Stephenson Alfred Krupp Leonardo da Vinci Morse und Reis John Ericsson usw. usw.

Die Abonnenten der »Technischen Monatshefte« erhalten die einzelnen Bände jeweils kostenlos oder zu sehr ermäßigten Preisen.

Verlag der »Technischen Monatshefte« (Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart)

+--------------------------------------------------------------+ | Anmerkungen zur Transkription | | | | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen | | gebräuchlich waren, wie: | | | | andere -- andre | | benutzte -- benützte | | Bergwerkbesitzer -- Bergwerksbesitzer | | Brod -- Brot | | danach -- darnach | | eigene -- eigne | | gezahnte -- gezähnte | | Pumpengestäng -- Pumpengestänge | | Schwingbaumes -- Schwingbaums | | unsere -- unsre | | Wagbalken -- Wagebalken | | wagerechte -- wagrechte | | Wohlstandes -- Wohlstands | | | | Interpunktion wurde ohne Erwähnung korrigiert. | | Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: | | | | S. 20 »Moorland« in »Morland« geändert. | | S. 27 »Gradführung« in »Geradführung« geändert. | | S. 34 »Nachschlagwerke« in »Nachschlagewerke« geändert. | | S. 53 »der vertraglich zustehenden 2/3« in »des vertraglich | | zustehenden 1/3« geändert. | | S. 53 »Dante« in »Danton« geändert. | +--------------------------------------------------------------+