Jakob von Gunten: Ein Tagebuch
Chapter 7
Was hat mir doch vor ein paar Tagen Furchtbares geträumt. Ich war im Traum ein ganz schlechter, schlechter Mensch geworden, wodurch, das wollte sich mir nicht offenbaren. Roh war ich vom Wirbel bis zur Sohle, ein aufgedonnertes, unbeholfenes, grausames Stück Menschenfleisch. Ich war dick, es ging mir scheinbar ganz glänzend. Ringe blitzten an den Fingern meiner unförmigen Hände, und ich besaß einen Bauch, an dem zentnerschwere, fleischige Würde nachlässig herabhing. Ich fühlte so recht, daß ich befehlen und Launen losschießen durfte. Neben mir, auf einem reichbesetzten Tisch, prangten die Gegenstände einer nicht zu befriedigenden Eß- und Trinkbegierde, Wein- und Likörflaschen, und die auserlesensten kalten Gerichte. Ich konnte nur zulangen, und das tat ich von Zeit zu Zeit. An den Messern und Gabeln klebten die Tränen zugrunde gerichteter Gegner, und mit den Gläsern klangen die Seufzer vieler armer Leute, aber die Tränenspuren reizten mich nur zum Lachen, während mir die hoffnungslosen Seufzer wie Musik ertönten. Ich brauchte Tafelmusik und ich hatte sie. Anscheinend hatte ich sehr, sehr gute Geschäfte auf Kosten des Wohlergehens anderer gemacht, und das freute mich in alle Gedärme hinein. O, o, wie mich doch das Bewußtsein, einigen Mitmenschen den Boden unter den Füßen weggezogen zu haben, erlabte! Und ich griff zur Klingel und schellte. Ein alter Mann trat herein, pardon, kroch herein, es war die Lebensweisheit, und sie kroch an meine Stiefel heran, um sie zu küssen. Und ich erlaubte dem entwürdigten Wesen das. Man denke: die Erfahrung, der gute edle Grundsatz: er leckte mir die Füße. Das nenne ich Reichtum. Weil es mir grad so einfiel, klingelte ich wieder, denn es juckte mich, ich weiß nicht mehr, wo, nach sinnreicher Abwechslung, und es erschien ein halbwüchsiges Mädchen, ein wahrer Leckerbissen für mich Wüstling. Kindliche Unschuld, so nannte sie sich, und begann, die Peitsche, die neben mir lag, flüchtig mit dem Auge streifend, mich zu küssen, was mich unglaublich auffrischte. Die Angst und die frühzeitige Verdorbenheit flatterten in den schönen rehgleichen Augen des Kindes. Als ich genug hatte, klingelte ich wieder, und es trat auf: der Lebensernst, ein schöner, schlanker, junger, aber armer Mensch. Es war einer meiner Lakaien, und ich befahl ihm stirnrunzelnd, mir das Ding da, wie hieß es schon, nun ja, hab' ich's endlich, mir die Lust zur Arbeit hereinzuführen. Bald darauf trat der Eifer herein, und ich machte mir das Vergnügen, ihm, dem Voll-Menschen, dem prachtvoll gebauten Arbeitsmann, eins mit der Peitsche überzuknallen, mitten ins ruhig wartende Gesicht, zum rein Kaputtlachen. Und das Streben, das urwüchsige Schaffen, es ließ sich's gefallen. Nun allerdings lud ich es mit einer trägen, gönnerhaften Handbewegung zum Glas Wein ein, und das dumme Luder schlürfte den Schandwein. »Geh', sei für mich tätig,« sagte ich, und es ging. Nun kam die Tugend, eine weibliche Gestalt von für jeden Nicht-ganz-Hartgefrorenen überwältigender Schönheit, weinend herein. Ich nahm sie auf meinen Schoß und trieb Unsinn mit ihr. Als ich ihr den unaussprechlichen Schatz geraubt hatte, das Ideal, jagte ich sie höhnisch hinaus, und, nun pfiff ich, und es erschien Gott selber. Ich schrie: »Was? Auch du?« Und erwachte schweißtriefend, -- wie froh war ich doch, daß es nur ein böser Traum war. Mein Gott, ich darf noch hoffen, es werde noch eines Tages etwas aus mir. Wie im Traum doch alles an die Grenze des Wahnsinns streift. Kraus würde mich schön anglotzen, wenn ich ihm das erzählte.
Die Art, wie wir Fräulein verehren, ist doch eigentlich komisch. Aber ich z. B. bin sehr fürs Komische, es enthält unbedingt Zauber. Um acht beginnt immer der Unterricht. Nun, da sitzen wir Zöglinge schon zehn Minuten vorher voll Spannung und Erwartung an unsern Plätzen und schauen unbeweglich nach der Türe, in welcher die Vorgesetzte erscheinen soll. Auch für diese Art von vorauseilender Respektsbezeugung haben wir exakte Vorschriften. Es gilt als Gesetz, nach derjenigen hinzuhorchen, ob sie bald komme, die dann und dann bestimmt eintreten wird. Wir Schüler sollen uns echt dummejungenhaft zehn Minuten lang auf das Aufstehen von unsern Plätzen vorbereiten. Eine kleine Entehrung liegt in all diesen kleinlichen Forderungen, die eigentlich lächerlich sind, aber uns soll nichts an unserer persönlichen, sondern uns soll alles an der Ehre des Institutes Benjamenta gelegen sein, und das ist wahrscheinlich auch das Richtigste, denn hat ein Schüler Ehre? Keine Rede. Recht bevormundet und gezwiebelt zu werden, das höchstens kann eine Ehre für uns sein. Gedrillt werden ist für Zöglinge ehrenhaft, sonnenklar ist das. Aber wir rebellieren auch gar nicht. Würde uns nie einfallen. Wir haben, zusammengerechnet, ja so wenig Gedanken. Ich habe vielleicht noch die meisten Gedanken, leicht möglich ist das, aber ich verachte im Grunde genommen mein ganzes Denkvermögen. Ich schätze nur Erfahrungen, und die sind in der Regel von allem Denken und Vergleichen vollkommen unabhängig. So schätze ich an mir, wie ich eine Türe öffne. Im Türöffnen liegt mehr verborgenes Leben als in einer Frage. Nun ja, es regt eben alles zum Fragen und Vergleichen und Erinnern an. Gewiß muß man auch denken, sehr sogar. Aber sich fügen, das ist viel, viel feiner als denken. Denkt man, so sträubt man sich, und das ist immer so häßlich und Sachen-verderbend. Die Denker, wenn sie nur wüßten, wieviel sie verderben. Einer, der geflissentlich nicht denkt, tut irgend etwas, nun, und das ist nötiger. Zehntausende von Köpfen arbeiten in der Welt überflüssig. Sonnen-sonnenklar ist das. Der Lebensmut geht den Menschengeschlechtern verloren mit all dem Abhandeln und Erfassen und Wissen. Wenn z. B. ein Zögling des Institutes Benjamenta nicht weiß, daß er artig ist, dann ist er es. Weiß er es, dann ist seine ganze unbewußte Zier und Artigkeit weg, und er begeht irgend einen Fehler. Ich laufe gern Treppen hinunter. Welch ein Geschwätz.
Es ist hübsch, bis zu einem gewissen Grad wohlhabend zu sein und seine weltlichen Verhältnisse ein wenig geordnet zu haben. Ich bin in der Wohnung meines Bruders Johann gewesen, und ich muß sagen, sie hat mich angenehm überrascht, sie ist geradezu Alt-Von Guntensch eingerichtet. Schon daß der Fußboden ganz mit einem weichen, mattblauen Teppich belegt und bedeckt ist, hat mir außerordentlich imponiert. Überall in den Zimmern herrscht Geschmack, doch nicht auffälliger Geschmack, sondern nur bestimmte, feine Wahl. Die Möbel sind anmutig verteilt, das mutet gleich beim Eintritt in die Wohnung wie ein höflicher, zarter Gruß an. Spiegel sind an den Wänden. Es ist sogar ein ganz großer Spiegel da, der vom Boden bis an die Decke hinaufreicht. Die einzelnen Gegenstände sind alt und doch nicht, elegant und doch nicht, reich und doch nicht. Es ist Wärme und Sorgfalt in den Räumen, das fühlt man, und das ist angenehm. Ein freier sorglicher Wille hat die Spiegel aufgehängt und dem zierlich geschweiften Ruhebett seinen Platz angewiesen. Ich müßte kein von Gunten sein, wenn ich das nicht merkte. Sauber und staubfrei ist alles, und doch glänzt das alles eigentlich nicht, sondern es blickt einen alles ruhig und heiter an. Nichts will scharf in die Augen stechen. Nur das zusammenhängende Ganze hat einen vielbedeutenden, liebevollen Ausdruck. Eine schöne schwarze Katze lag auf einem dunkelroten Plüschsessel, wie die schwärzliche weiche Behaglichkeit, eingebettet in Rot. Sehr hübsch. Wäre ich Maler, so würde ich die Traulichkeit solch eines Tierbildes malen. Der Bruder kam mir sehr freundlich entgegen, und wir stunden einander gegenüber wie wohlabgemessene Weltleute, die wissen, was in der Schicklichkeit für ein Vergnügen liegen kann. Wir plauderten. Da kam ein großer, schlanker, schneeweißer Hund auf uns zugesprungen, in anmutigen, Freude ausdrückenden Sätzen. Nun, ich streichelte das Tier natürlich. Alles ist schön an der Wohnung Johanns. Er hat alle einzelnen Gegenstände und Stücke mit Liebe und Mühe in Althändlerläden aufgestöbert, bis er das Wohnlichste und Anmutigste zusammenhatte. Mit dem Einfachen hat er verstanden, etwas in bescheidenen Grenzen Vollkommenes zu schaffen, derart, daß in seiner Wohnung das Taugliche und Nützliche sich mit dem Schönen und Graziösen wie zu einem Stuben-Gemälde verbindet. Bald darauf, indem wir so dasaßen, erschien eine junge Frau, welcher Johann mich vorstellte. Wir tranken später Tee und waren sehr heiter. Die Katze miaute nach Milch, und der große schöne Hund wollte von dem Gebäck zu essen haben, das auf dem Teetisch lag. Beider Tiere Wünsche wurden dann auch befriedigt. Es wurde Abend, und ich mußte nach Hause gehen.
Man lernt hier im Institut Benjamenta Verluste empfinden und ertragen, und das ist meiner Meinung nach ein Können, eine Übung, ohne die der Mensch, mag er noch so bedeutend sein, stets ein großes Kind, eine Art weinerlicher Schreihals bleiben wird. Wir Zöglinge hoffen nichts, ja, es ist uns streng untersagt, Lebenshoffnungen in der Brust zu hegen, und doch sind wir vollkommen ruhig und heiter. Wie mag das kommen? Fühlen wir über unsern glattgekämmten Köpfen etwas wie Schutzengel hin und her schweben? Ich kann es nicht sagen. Vielleicht sind wir heiter und sorgenlos aus Beschränktheit. Auch möglich. Aber ist deshalb die Heiterkeit und Frische unserer Herzen weniger wert? Sind wir überhaupt dumm? Wir vibrieren. Unbewußt oder bewußt nehmen wir auf vieles ein wenig Bedacht, sind da und dort mit den Geistern, und die Empfindungen schicken wir nach allen möglichen Windrichtungen aus, Erfahrungen und Beobachtungen einsammelnd. Uns tröstet so vieles, weil wir im allgemeinen sehr eifrige, sucherische Leute sind, und weil wir uns selber wenig schätzen. Wer sich selbst sehr schätzt, ist vor Entmutigungen und Herabwürdigungen nie sicher, denn stets begegnet dem selbstbewußten Menschen etwas Bewußtseinfeindliches. Und doch sind wir Schüler durchaus nicht ohne Würde, aber es ist eine sehr, sehr bewegungsfähige, kleine, bieg- und schmiegsame Würde. Übrigens legen wir sie an und ab je nach Erfordernissen. Sind wir Produkte einer höheren Kultur, oder sind wir Naturkinder? Auch das kann ich nicht sagen. Das eine weiß ich bestimmt: wir warten! Das ist unser Wert. Ja, wir warten, und wir horchen gleichsam ins Leben hinaus, in diese Ebene hinaus, die man Welt nennt, aufs Meer mit seinen Stürmen hinaus. Fuchs ist übrigens ausgetreten. Mir ist das sehr lieb. Ich wußte mit diesem Menschen nichts anzufangen.
Ich habe mit Herrn Benjamenta gesprochen, d. h. er hat mit mir gesprochen. »Jakob,« sagte er zu mir, »sage mir, findest du nicht, daß das Leben, das du hier führst, karg ist, karg? Was? Ich möchte gern deine Meinung wissen. Sprich offen.« -- Ich zog es vor, zu schweigen, doch nicht aus Trotz. Der Trotz ist mir längst vergangen. Aber ich schwieg, und zwar ungefähr so, als wenn ich hätte sagen wollen: »Mein Herr, gestatten Sie mir, zu schweigen. Auf eine solche Frage könnte ich höchstenfalles etwas Unziemliches sagen.« -- Herr Benjamenta schaute mich aufmerksam an, und ich glaubte, er verstehe mein Schweigen. Es war auch tatsächlich so, denn er lächelte plötzlich und sagte: »Nicht wahr, Jakob, du wunderst dich ein wenig, wie wir hier im Institut so träge, so gleichsam geistesabwesend dahinleben? Ist es so? Ist dir das aufgefallen? Doch ich will dich durchaus nicht zu unverschämten Antworten verleiten. Ich muß dir ein Geständnis machen, Jakob. Höre, ich halte dich für einen klugen, anständigen jungen Menschen. Jetzt, bitte, werde frech. Und ich fühle mich veranlaßt, dir noch etwas anderes zu gestehen: ich, dein Vorsteher, ich meine es gut mit dir. Und noch ein drittes Geständnis: Ich habe eine seltsame, eine ganz eigentümliche, jetzt nicht mehr zu beherrschende Vorliebe für dich gewonnen. Du wirst jetzt mir gegenüber recht frech sein, nicht wahr, Jakob? Nicht wahr, junger Mensch, jetzt, nachdem ich mir vor dir eine Blöße gegeben habe, wirst du's wagen, mich mit Wegwerfung zu behandeln? Und du wirst jetzt trotzen? Ist es so, sage, ist es so?« -- Wir beide, der bärtige Mann und ich, der Junge, schauten einander in die Augen. Es glich einem innerlichen Wettkampf. Schon wollte ich den Mund öffnen und irgend etwas Unterwürfiges sagen, doch ich vermochte mich zu beherrschen und schwieg. Und nun bemerkte ich, daß der riesenhaft gebaute Herr Vorsteher leise, leise zitterte. Von diesem Augenblick an war etwas Bindendes zwischen uns getreten, das fühlte ich, ja, ich fühlte es nicht nur, ich wußte es sogar. »Herr Benjamenta achtet mich,« sagte ich mir, und infolge dieser wie ein Blitz auf mich niederstrahlenden Erkenntnis fand ich es für schicklich, ja sogar für geboten, zu schweigen. Wehe mir, wenn ich ein einziges Wort gesagt hätte. Ein einziges Wort würde mich zum unbedeutsamen kleinen Eleven erniedrigt haben, und soeben hatte ich doch eine ganz unzöglinghafte, menschliche Höhe erklommen. Das alles empfand ich tief, und wie ich jetzt weiß, habe ich mich in jenem Moment ganz richtig benommen. Der Vorsteher, der dicht zu mir getreten war, sagte dann folgendes: »Es ist etwas Bedeutendes an dir, Jakob.« -- Er hielt inne, und ich fühlte sogleich, warum. Er wollte ohne Zweifel sehen, wie ich mich jetzt benähme. Ich merkte das, und daher verzog ich auch nicht eine einzige Muskel meines Gesichtes, sondern schaute starr, wie gedankenlos, vor mich hin. Dann schauten wir uns wieder an. Ich blickte meinen Herrn Vorsteher streng und hart an. Ich heuchelte irgend welche Kälte, irgend welche Oberflächlichkeit, während ich doch am liebsten hätte in sein Gesicht lachen mögen, vor Freude. Aber ich sah es zu gleicher Zeit: er war zufrieden mit meiner Haltung, und er sagte endlich: »Mein Junge, geh' wieder an deine Arbeit. Beschäftige dich mit etwas. Oder geh' dich mit Kraus unterhalten. Geh'.« -- Ich verbeugte mich tief, ganz gewohnheitsgemäß, und entfernte mich. Draußen im Korridor blieb ich wieder, wie schon einmal früher, eigentlich auch ganz gewohnheitsgemäß, stehen und horchte durchs Schlüsselloch, ob sich da drinnen etwas rege. Aber es war alles still. Ich mußte leise und glücklich lachen, ganz dumm lachen, und dann ging ich ins Schulzimmer, wo ich Kraus im Halbdunkel, scheinbar von einem bräunlichen Lichtstrahl umflossen, sitzen sah. Ich blieb lange stehen. Tatsächlich, lange stund ich so, denn ich konnte etwas, irgend etwas, nicht ganz begreifen. Es war mir, als sei ich zu Hause. Nein, es war mir, als sei ich noch nicht geboren, als schwämme ich in etwas Vor-Gebürtigem. Es wurde mir heiß und meerhaft-undeutlich vor den Augen. Ich ging zu Kraus und sagte ihm: »Du, Kraus, ich habe dich lieb.« -- Er knurrte, was das für Redensarten seien. Rasch zog ich mich in meine Kammer zurück. -- Und jetzt? Sind wir Freunde? Sind Herr Benjamenta und ich Freunde? Jedenfalls besteht zwischen uns beiden ein Verhältnis, aber was für eins? Ich verbiete mir, mir das erklären zu wollen. Ich will hell, leicht und heiter bleiben. Fort mit den Gedanken.
Noch immer habe ich keine Stelle. Herr Benjamenta sagt mir, er bemühe sich. In ganz schroffem Gebieterton sagt er das und fügt hinzu: »Wie? Ungeduldig? Kommt alles. Warte!« -- Von Kraus heißt es unter den Zöglingen, daß er vielleicht bald abgehe. Abgehen, das ist ein so berufshaft-komischer Ausdruck. Kraus geht bald fort? Hoffentlich sind das nur leere Gerüchte, Institut-Sensationen. Es gibt auch unter uns Zöglingen etwas wie einen aus Luft und Nichts herausgegriffenen Zeitungenklatsch. Die Welten, merke ich, sind überall dieselben. Ich bin übrigens wieder bei meinem Bruder Johann von Gunten gewesen, und dieser Mensch hat den Mut gehabt, mich unter Leute zu führen. Ich habe am Tisch reicher Leute gegessen, und ich werde die Art und Weise, wie ich mich benommen habe, nie vergessen. Einen alten, aber immerhin feierlichen Gehrock habe ich angehabt. Gehröcke machen alt und gewichtig. Nun, und da habe ich getan wie ein Mann von jährlich zwanzigtausend Mark Einkommen, mindestens. Ich habe mit Leuten geredet, die mir den Rücken gedreht hätten, wenn sie hätten ahnen können, wer ich bin. Frauen, die mich total verachten würden, wenn ich ihnen sagte, ich sei nur Zögling, haben mir zugelächelt und mir gleichsam Kurage zugewunken. Und ich bin verblüfft gewesen über meinen Appetit. Wie gelassen man doch an fremden reichen Tischen zugreift. Ich sah, wie es alle machten, und ich machte es talentvoll nach. Wie gemein ist das. Ich empfinde etwas wie Scham darüber, dort, nämlich in jenen Kreisen, ein fröhliches Eß- und Trinkgesicht gezeigt zu haben. Von feiner Sitte habe ich wenig bemerkt. Dagegen merkte ich, daß man mich als schüchternen Jungen empfunden hat, während ich doch (in meinen Augen) platzte vor Frechheit. Johann benimmt sich gut in Gesellschaft. Er besitzt die leichte angenehme Fasson eines Menschen, der etwas gilt, und der das auch weiß. Sein Betragen ist für die Augen, die es betrachten, ein Labsal. Rede ich zu gut von Johann? O nein. Ich bin durchaus nicht verliebt in meinen Bruder, aber ich bemühe mich, ihn zu sehen, ganz, nicht nur halb. Vielleicht ist das allerdings Liebe. Meinetwegen. Sehr schön war es auch im Theater, doch ich will mich darüber nicht weiter verbreiten. Den feinen Rock habe ich dann wieder abgestreift. O, es ist hübsch, in eines geschätzten Menschen Kleidern zu gehen und herumzuschwirren. Ja, schwirren! Das ist es. Man zirpt und schwirrt so herum, dort, in den Kreisen der Gebildeten. Dann bin ich wieder ins Institut gekrochen und in meinen Zöglingsanzug. Ich bin gern hier, ich fühle es, und ich werde mich dummerweise später wahrscheinlich nach Benjamentas zurücksehnen, später, wenn ich etwas Großes geworden bin, doch ich werde ja nie, nie irgend etwas Großes, und ich zittere vor eigentümlicher Genugtuung, daß ich das zum voraus bestimmt weiß. Ein Schlag wird mich eines Tages treffen, so ein recht vernichtender Schlag, und dann wird alles, werden alle diese Wirrnisse, diese Sehnsucht, diese Unkenntnis, dies alles, diese Dank- und Undankbarkeit, diese Lügen und Selbstbetruge, dies Wissen-Meinen und dies Doch-nie-etwas-Wissen zu Ende sein. Doch ich wünsche zu leben, gleichviel wie.
Etwas mir Unverständliches ist vorgefallen. Vielleicht hat es auch gar nichts zu bedeuten. Ich bin sehr wenig geneigt, mich von Mysterien bewältigen zu lassen. Ich saß, es war schon halb Nacht, ganz allein in der Schulstube. Plötzlich stand Fräulein Benjamenta hinter mir. Ich hatte sie nicht eintreten gehört, sie mußte also ganz leise die Türe geöffnet haben. Sie fragte mich, was ich da mache, doch in einem Ton, daß ich gar nicht zu antworten brauchte. Sie sagte sozusagen, indem sie fragte, sie wisse es schon. Da gibt man natürlich keine Antwort mehr. Sie legte, wie wenn sie müde gewesen wäre und der Stütze bedurft hätte, die Hand auf meine Achsel. Da fühlte ich so recht, daß ich ihr gehörte, d. h. ihr gehörte? -- Ja, einfach so ihr angehörte. Ich bin immer mißtrauisch gegenüber Empfindungen. Aber daß ich da ihr, dem Fräulein, quasi gehörte, das war wahr empfunden. Wir gehörten zusammen. Natürlich mit Unterschied. Doch wir stunden uns mit einmal sehr nahe. Immer, immer aber mit Unterschied. Ich hasse es geradezu, so gar wenig oder keine Unterschiede zu empfinden. Darin, daß Fräulein Benjamenta und ich zwei sehr verschieden geartete und gestellte Wesen waren, das zu spüren, darin lag für mich ein Glück. Ich verachte es im übrigen, mich zu belügen. Die Auszeichnungen und Vorteile, die nicht ganz, ganz echt sind, betrachte ich als meine Feinde. Es war da also ein großer Unterschied. Ja, was ist denn das? Komme ich über gewisse Unterschiede nicht hinaus? Doch da sagte das Fräulein plötzlich: »Komm' mit. Steh' auf und komm'. Ich will dir etwas zeigen.« -- Wir gingen zusammen. Vor unseren Augen, wenigstens vor den meinigen (vor ihren vielleicht nicht), lag alles in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt. »Das sind die innern Gemächer,« dachte ich, und ich täuschte mich auch nicht. Es verhielt sich so, und meine liebe Lehrerin schien entschlossen zu sein, mir eine bisher verborgen gewesene Welt zu zeigen. Doch ich muß Atem schöpfen.