Jakob von Gunten: Ein Tagebuch

Chapter 5

Chapter 53,655 wordsPublic domain

Ich habe mich nicht bezwingen können, ich bin ins Bureau gegangen, habe mich gewohnheitsgemäß tief verbeugt und habe zu Herrn Benjamenta folgendes gesprochen: »Ich habe Arme, Beine und Hände, Herr Benjamenta, und ich möchte arbeiten, und daher erlaube ich mir, Sie zu bitten, mir recht bald Arbeit und Geldverdienst zu verschaffen. Sie haben allerlei Beziehungen, ich weiß es. Zu Ihnen kommen die allerfeinsten Herrschaften, Leute, die Kronen auf den Aufschlägen ihrer Mäntel tragen, Offiziere, die mit den schneidigen Säbeln rasseln, Damen, deren Schleppen wie kichernde Wellen daherrauschen, ältere Frauen mit enorm viel Vermögen, Greise, die ein halbes Lächeln mit einer Million bezahlen, Menschen von Stand, aber ohne Geist, Menschen, die im Automobil vorfahren, mit einem Wort, Herr Vorsteher, die Welt kommt zu Ihnen.« -- »Hüte dich, frech zu werden,« warnte er mich, doch ich weiß nicht, ich empfand gar keine Furcht mehr vor seinen Fäusten, und ich sprach weiter, die Worte flogen mir nur so heraus: »Verschaffen Sie mir unbedingt irgend eine anregende Tätigkeit. Übrigens ist meine Meinung die: eine jede Tätigkeit ist anregend. Ich habe schon so viel gelernt bei Ihnen, Herr Vorsteher.« -- Er sagte ruhig: »Du hast noch gar nichts gelernt.« -- Da nahm ich wieder den Faden auf und sagte: »Gott selbst gebietet mir, ins Leben hinaus zu treten. Doch was ist Gott? Sie sind mein Gott, Herr Vorsteher, wenn Sie mir erlauben, Geld und Achtung verdienen zu gehen.« -- Er schwieg eine Weile, dann sagte er: »Du machst jetzt, daß du zum Kontor hinauskommst. Augenblicklich.« -- Das ärgerte mich furchtbar. Ich rief laut aus: »Ich erblicke in Ihnen einen hervorragenden Menschen, aber ich irre mich, Sie sind gewöhnlich wie das Zeitalter, in dem Sie leben. Ich werde auf die Straße gehen und dort irgend einen Menschen anhalten. Man zwingt mich, zum Verbrecher zu werden.« -- Ich erkannte die Gefahr, in der ich schwebte. Zugleich mit den Worten, die ich aussprach, war ich zur Türe gesprungen, und jetzt schrie ich wütend: »Adieu, Herr Vorsteher,« und drückte mich mit wunderbarer Geschmeidigkeit zur Türe hinaus. Im Korridor blieb ich stehen und lauschte am Schlüsselloch. Es blieb alles ganz mäuschenstill drinnen im Bureau. Ich ging ins Schulzimmer und vertiefte mich in die Lektüre des Buches: »Was bezweckt die Knabenschule?«

Unser Unterricht besteht aus zwei Teilen, einem theoretischen und einem praktischen Teil. Aber beide Abteilungen muten mich auch noch heute wie ein Traum, wie ein sinnloses und zugleich sehr sinnreiches Märchen an. Auswendiglernen, das ist eine unserer Hauptaufgaben. Ich lerne sehr leicht auswendig, Kraus sehr schwer, daher ist er immer am Lernen. Die Schwierigkeiten, die er zu überwinden hat, sind das Geheimnis seines Fleißes und dessen Lösung. Er hat ein schwerfälliges Gedächtnis, und doch prägt er sich, wenn auch mit vieler Mühe, alles fest ein. Das, was er weiß, ist dann in seinem Kopf sozusagen in Metall graviert, und er kann es nicht wieder vergessen. Von Verschwitzen oder dergleichen ist bei ihm keine Rede. Wo wenig gelehrt wird, da paßt ein Kraus hin, demnach paßt er ins Institut Benjamenta vorzüglich. Einer der Grundsätze unserer Schule lautet: »Wenig aber gründlich«. Nun, in diesem Prinzip steckt Kraus fest, der einen etwas harten Schädel mit auf die Welt bekommen hat. Wenig lernen! Immer wieder dasselbe! Nach und nach fange auch ich an, zu begreifen, was für eine große Welt hinter diesen Worten verborgen ist. Etwas sich in der Tat fest, fest einprägen, für immer! Ich sehe ein, wie wichtig, vor allen Dingen, wie gut und wie würdig das ist. Der praktische oder körperliche Teil unseres Unterrichtes ist eine Art fortwährend wiederholtes Turnen oder Tanzen, ganz gleich, wie man das nennen will. Der Gruß, das Eintreten in eine Stube, das Benehmen gegenüber Frauen oder ähnliches wird geübt, und zwar sehr langfädig, oft langweilig, aber auch hier, wie ich jetzt merke und empfinde, steckt ein tiefverborgener Sinn. Uns Zöglinge will man bilden und formen, wie ich merke, nicht mit Wissenschaften vollpfropfen. Man erzieht uns, indem man uns zwingt, die Beschaffenheit unserer eigenen Seele und unseres eigenen Körpers genau kennen zu lernen. Man gibt uns deutlich zu verstehen, daß allein schon der Zwang und die Entbehrungen bilden, und daß in einer ganz einfachen, gleichsam dummen Übung mehr Segen und mehr wahrhaftige Kenntnisse enthalten sind, als im Erlernen von vielerlei Begriffen und Bedeutungen. Wir erfassen eines ums andere, und haben wir etwas erfaßt, so besitzt es uns quasi. Nicht wir besitzen es, sondern im Gegenteil, was wir scheinbar zu unserem Besitz gemacht haben, herrscht dann über uns. Uns prägt man ein, daß es von wohltuender Wirkung ist, sich an ein festes, sicheres Weniges anzupassen, d. h. sich an Gesetze und Gebote, die ein strenges Äußeres vorschreibt, zu gewöhnen und zu schmiegen. Man will uns vielleicht verdummen, jedenfalls will man uns klein machen. Aber man schüchtert uns durchaus nicht etwa ein. Wir Zöglinge wissen alle, der eine so gut wie der andere, daß Schüchternheit strafbar ist. Wer stottert und Furcht zeigt, setzt sich der Verachtung unseres Fräuleins aus, aber klein sollen wir sein und wissen sollen wir es, genau wissen, daß wir nichts Großes sind. Das Gesetz, das befiehlt, der Zwang, der nötigt, und die vielen unerbittlichen Vorschriften, die uns die Richtung und den Geschmack angeben: das ist das Große, und nicht wir, wir Eleven. Nun, das empfindet jeder, sogar ich, daß wir nur kleine, arme, abhängige, zu einem fortwährenden Gehorsam verpflichtete Zwerge sind. So benehmen wir uns auch: demütig, aber äußerst zuversichtlich. Wir sind alle ohne Ausnahme ein wenig energisch, denn die Kleinheit und Not, in der wir uns befinden, veranlassen uns, fest an die paar Errungenschaften, die wir gemacht haben, zu glauben. Unser Glaube an uns ist unsere Bescheidenheit. Wenn wir an nichts glauben würden, wüßten wir nicht, wie wenig wir sind. Immerhin, wir kleinen jungen Menschen sind irgend etwas. Wir dürfen nicht ausschweifen, nicht phantasieren, es ist uns verboten, weit zu blicken, und das stimmt uns zufrieden und macht uns für jede rasche Arbeit brauchbar. Die Welt kennen wir sehr schlecht, aber wir werden sie kennen lernen, denn wir werden dem Leben und seinen Stürmen ausgesetzt sein. Die Schule Benjamenta ist das Vorzimmer zu den Wohnräumen und Prunksälen des ausgedehnten Lebens. Hier lernen wir Respekt empfinden und so tun, wie diejenigen tun müssen, die an irgend etwas emporzublicken haben. Ich z. B. bin ein wenig erhaben über alles das, gut, um so besser tun mir auch alle diese Eindrücke. Gerade ich habe nötig, Hochachtung und zutraulichen Respekt vor den Gegenständen der Welt fühlen zu lernen, denn wohin würde ich gelangen, wenn ich das Alter mißachten, Gott leugnen, Gesetze bespotten und meine jugendliche Nase schon in alles Erhabene, Wichtige und Große stecken dürfte? Meiner Ansicht nach krankt gerade hieran die gegenwärtige junge Generation, die Zeter und Mordio schreit und nach Papa und Mama miaut, wenn sie sich Pflichten und Geboten und Beschränkungen ein wenig beugen soll. Nein, nein, hier sind Benjamentas meine lieben leuchtenden Leitsterne, der Herr Bruder sowohl wie das Fräulein, seine Schwester. Ich werde mein Lebenlang an sie denken.

Ich bin meinem Bruder Johann begegnet, und zwar im dichtesten Menschengewimmel. Unser Wiedersehen hat sich sehr freundlich gestaltet. Es war ungezwungen und herzlich. Johann hat sich sehr nett benommen, und ich wahrscheinlich mich auch. Wir sind in ein kleines, verschwiegenes Restaurant getreten und haben dort geplaudert. »Bleib' nur der, der du bist, Bruder,« sprach Johann zu mir, »fange von tief unten an, das ist ausgezeichnet. Solltest du Hilfe brauchen -- --« Ich machte eine leichte, verneinende Handbewegung. Er fuhr fort: »Denn sieh', oben, da lohnt es sich kaum noch zu leben. Sozusagen nämlich. Versteh' mich recht, lieber Bruder.« -- Ich nickte lebhaft, denn es leuchtete mir schon zum voraus ein, was er mir sagte, aber ich bat ihn, weiterzureden, und er sprach: »Oben, da herrscht solch eine Luft. Nun, es herrscht eben eine Atmosphäre des Genuggetanhabens, und das hemmt und engt ein. Ich hoffe, du verstehst mich nicht ganz, denn wenn du mich verstündest, Bruder, dann wärest du ja eigentlich gräßlich.« -- Wir lachten. O, mit einem Bruder zusammen lachen zu können, das ist sehr hübsch. Er sagte: »Du bist jetzt sozusagen eine Null, bester Bruder. Aber wenn man jung ist, soll man auch eine Null sein, denn nichts ist so verderblich wie das frühe, das allzufrühe Irgendetwasbedeuten. Gewiß: dir bedeutest du etwas. Bravo. Vortrefflich. Aber der Welt bist du noch nichts, und das ist fast ebenso vortrefflich. Immer hoffe ich, du verstehst mich nicht ganz, denn wenn du mich vollkommen verstündest -- --« »Wäre ich ja gräßlich,« fiel ich ihm ins Wort. Wir lachten von neuem. Es war sehr lustig. Ein merkwürdiges Feuer fing an, mich zu beseelen. Meine Augen brannten. Das liebe ich übrigens sehr, wenn's mir so verbrannt zumut ist. Mein Kopf ist dann ganz rot. Und Gedanken voll Reinheit und Hoheit pflegen mich dann zu bestürmen. Johann fuhr fort, er sagte folgendes: »Bruder, bitte, unterbrich mich nicht immer. Dein dummes junges Gelächter hat etwas Ideenerstickendes. Höre. Paß gut auf. Was ich dir sage, kann dir vielleicht eines Tages von Nutzen sein. Vor allen Dingen: komme dir nie verstoßen vor. Verstoßen, Bruder, das gibt es gar nicht, denn es gibt vielleicht auf dieser Welt gar, gar nichts redlich Erstrebenswertes. Und doch sollst du streben, leidenschaftlich sogar. Aber damit du nie allzu sehnsüchtig bist: präge dir ein: nichts, nichts Erstrebenswertes gibt es. Es ist alles faul. Verstehst du das? Sieh', ich hoffe immer, du könntest das alles nicht so recht verstehen. Ich mache mir Sorgen.« -- Ich sagte: »Leider bin ich zu intelligent, um dich, wie du hoffst, mißverstehen zu können. Aber sei ohne Sorgen. Du erschreckst mich durchaus nicht mit deinen Enthüllungen.« -- Wir lächelten uns an. Dann bestellten wir uns Neues zu trinken, und Johann, der übrigens sehr elegant aussah, fuhr fort zu sprechen: »Es gibt ja allerdings einen sogenannten Fortschritt auf Erden, aber das ist nur eine der vielen Lügen, die die Geschäftemacher ausstreuen, damit sie um so frecher und schonungsloser Geld aus der Menge herauspressen können. Die Masse, das ist der Sklave von heute, und der Einzelne ist der Sklave des großartigen Massengedankens. Es gibt nichts Schönes und Vortreffliches mehr. Du mußt dir das Schöne und Gute und Rechtschaffene träumen. Sage mir, verstehst du zu träumen?« -- Ich begnügte mich, mit dem Kopf zweimal zu nicken und ließ Johann, indem ich gespannt aufhorchte, fortreden: »Versuche es, fertig zu kriegen, viel, viel Geld zu erwerben. Am Geld ist noch nichts verpfuscht, sonst an allem. Alles, alles ist verdorben, halbiert, der Zier und der Pracht beraubt. Unsere Städte verschwinden unaufhaltsam vom Erdboden. Klötze nehmen den Raum ein, den Wohnhäuser und Fürstenpaläste eingenommen haben. Das Klavier, lieber Bruder, und das damit verbundene Klimpern! Konzert und Theater fallen von Stufe zu Stufe, auf einen immer tieferen Standpunkt. Es gibt ja allerdings noch so etwas wie eine tonangebende Gesellschaft, aber sie hat nicht mehr die Fähigkeit, Töne der Würde und des Feinsinnes anzuschlagen. Es gibt Bücher -- -- mit einem Wort, sei niemals verzagt. Bleib arm und verachtet, lieber Freund. Auch den Geld-Gedanken schlage dir weg. Es ist das Schönste und Triumphierendste, man ist ein ganz armer Teufel. Die Reichen, Jakob, sind sehr unzufrieden und unglücklich. Die reichen Leute von heutzutage: sie haben nichts mehr. Das sind die wahren Verhungerten.« -- Ich nickte wieder. Es ist wahr, ich sage sehr leicht ja zu allem. Übrigens gefiel mir und paßte mir, was Johann sagte. Es war Stolz in dem, was er sprach, und Trauer. Nun, und dies beides, Stolz und Trauer, ergibt immer einen guten Klang. Wieder bestellten wir Bier, und mein Gegenüber sagte: »Du mußt hoffen und doch nichts hoffen. Schau empor an etwas, ja gewiß, denn das ziemt dir, du bist jung, unverschämt jung, Jakob, aber, gesteh' dir immer, daß du's verachtest, das, an dem du respektvoll emporschaust. Du nickst schon wieder? Teufel, was bist du für ein verständnisvoller Zuhörer. Du bist geradezu ein Baum, der voll Verständnis behangen ist. Sei zufrieden, lieber Bruder, strebe, lerne, tu womöglich irgend jemandem etwas Liebes und Gutes. Komm', ich muß gehen. Sag', wann treffen wir uns wieder? Du interessierst mich, offen gesagt.« -- Wir gingen, und draußen auf der Straße nahmen wir Abschied voneinander. Lange schaute ich meinem lieben Bruder nach. Ja, er ist mein Bruder. Wie freut mich das.

Mein Vater hat Wagen und Pferde und einen Diener, den alten Fehlmann. Mama hat ihre eigene Theaterloge. Wie beneiden sie die Frauen der Stadt mit den achtundzwanzigtausend Einwohnern darum. Mutter ist eine noch in den vorgeschrittenen Jahren hübsche, ja schöne Frau. Ich erinnere mich an ein hellblaues, enganschließendes Kleid, das sie einmal trug. Sie hielt den zartweißen Sonnenschirm offen. Die Sonne schien. Es war prächtiges Frühlingswetter. In den Straßen duftete es nach Veilchen. Die Menschen promenierten, und unter dem Grün der Anlage-Bäume spielte die Stadtmusik Promenadenkonzert. Wie süß und hell war alles. Ein Brunnen plätscherte, und Kinder, hell angezogene, lachten und spielten. Und ein feiner liebkosender Wind strich mit Düften, Sehnsucht nach Unsagbarem erweckend, umher. Aus den Fenstern der Neuquartierplatzhäuser schauten Leute. Mutter hatte lange hellgelbe Handschuhe an den schmalen Händen und lieben Armen. Johann war damals schon in der Fremde. Aber Vater war dabei. Nein, nie nehme ich je Hilfe (Geld) von den zärtlich verehrten Eltern an. Mein verletzter Stolz würde mich aufs Krankenlager werfen, und futsch wären die Träume von einer selbsterrungenen Lebenslaufbahn, vernichtet für immer diese mir in der Brust brennenden Selbsterziehungspläne. Das ist es ja: um mich quasi selbst zu erziehen, oder mich auf eine künftige Selbsterziehung vorzubereiten, deshalb bin ich Zögling dieses Institutes Benjamenta geworden, denn hier macht man sich auf irgend etwas Schweres und Düster-Daherkommendes gefaßt. Und deshalb schreibe ich ja auch nicht nach Hause, denn schon das Berichterstatten allein würde mich an mir irre machen, würde mir den Plan, ganz von unten anzufangen, vollkommen verleiden. Etwas Großes und Kühnes muß in aller Verschwiegenheit und Stille geschehen, sonst verdirbt und verflaut es, und das Feuer, das schon lebendig erwachte, stirbt wieder. Ich kenne meinen Geschmack, das genügt. -- Ach so, ja. Ganz recht. Von unserem alten Diener Fehlmann, der noch lebt und dient, habe ich eine lustige Geschichte auf Lager. Die Sache ist die: Fehlmann ließ sich eines Tages ein grobes Verfehlen zuschulden kommen und sollte entlassen werden. »Fehlmann,« sagte Mama, »Sie können gehen. Wir brauchen Sie nicht mehr.« -- Da stürzte der arme Alte, der einen am Krebs gestorbenen Jungen noch vor kurzer Zeit begraben hatte (lustig ist das nicht), meiner Mutter zu Füßen und bat um Gnade, direkt um Gnade. Der arme Teufel, er hatte Tränen in den alten Augen. Mama verzeiht ihm, ich erzähle den Auftritt andern Tags meinen Kameraden, den Brüdern Weibel, und die lachen mich fürchterlich aus und verachten mich. Sie entziehen mir ihre Freundschaft, weil es, wie sie meinen, in unserem Haus zu royalistisch zugeht. Das Zu-Füßen-fallen finden sie verdächtig, und sie gehen hin und verleumden mich und Mama in der abgeschmacktesten Weise. Wie echte Buben, ja, aber auch wie echte kleine Republikaner, denen das Waltenlassen persönlicher und herrschaftlicher Gnade oder Ungnade ein Greuel und ein Gegenstand des Abscheus ist. Wie kommt mir das jetzt komisch vor. Und doch, wie bezeichnend ist dieser kleine Vorfall für den Lauf der Zeiten. So wie die Buben Weibel, so urteilt heute eine ganze Welt. Ja, so ist es: man duldet nichts Herren- oder Damenhaftes mehr. Es gibt keine Herren mehr, die machen können, was sie wollen, und es gibt längst keine Herrinnen mehr. Soll ich darüber traurig sein? Fällt mir nicht ein. Bin ich verantwortlich für den Geist des Zeitalters? Ich nehme die Zeit, wie sie ist, und behalte mir nur vor, im stillen meine Beobachtungen zu machen. Der gute Fehlmann: ihm, ihm ist noch auf altväterliche Art verziehen worden. Tränen der Treue und Anhänglichkeit, wie schön ist das. --

Von drei Uhr nachmittags an sind wir Eleven fast ganz uns selbst überlassen. Niemand kümmert sich mehr um uns. Vorstehers sind in den innern Räumen verborgen, und im Schulzimmer herrscht Öde, eine Öde, die einen beinahe krank macht. Lärm soll nicht vorkommen. Es darf nur gehuscht und geschlichen und nur im Flüstertone gesprochen werden. Schilinski schaut sich im Spiegel, Schacht schaut zum Fenster hinaus, oder er gestikuliert mit dem Küchenmädchen von gegenüber, und Kraus lernt auswendig, indem er Lektionen vor sich hinmurmelt. Eine Grabesstille herrscht überall. Der Hof liegt verlassen da wie eine viereckige Ewigkeit, und ich stehe meist aufrecht und übe mich, auf einem Bein zu stehen. Oft halte ich zur Abwechslung den Atem lang an. Auch eine Übung, und es soll sogar, wie mir einmal ein Arzt sagte, eine gesundheitfördernde sein. Oder ich schreibe. Oder ich schließe die unmüden Augen, um nichts mehr zu sehen. Die Augen vermitteln Gedanken, und daher schließe ich sie von Zeit zu Zeit, um nichts denken zu müssen. Wenn man so da ist und nichts tut, spürt man plötzlich, wie penibel das Dasein sein kann. Nichtstun und dennoch Haltung beobachten, das fordert Energie, der Schaffende hat es leicht dagegen. Wir Zöglinge sind Meister in dieser Art Anstand. Sonst fangen die Nichtstuer aus Langeweile etwa an, ein wenig zu flegeln, zu strampeln, hochaufzugähnen oder zu seufzen. Das tun wir Eleven nicht. Wir pressen die Lippen fest und sind unbeweglich. Über unsern Köpfen schweben immer die mürrischen Vorschriften. Manchmal, wenn wir so dasitzen oder dastehen, geht die Türe auf, und das Fräulein geht langsam, uns sonderbar anschauend, durchs Schulzimmer. Wie ein Geist mutet sie mich dann an. Es ist, als wenn da jemand von weit, weit her käme. »Was macht ihr, Knaben?« fragt sie dann etwa, wartet aber gar keine Antwort ab, sondern geht weiter. Wie schön sie ist. Welch eine üppige Fülle von tiefschwarzen Haaren. Meist sieht man sie gesenkten Auges. Sie hat Augen, die sich zum Niederschlagen herrlich eignen. Ihre Augendeckel (o, ich beobachte das alles scharf) sind üppig gewölbt und der raschen Bewegung wundersam fähig. Diese Augen! Sieht man sie einmal, so blickt man in etwas Abgrund-Banges und Tiefes hinein. Diese Augen scheinen in ihrer glänzenden Schwärze nichts und zugleich alles Unsagbare zu sagen, so bekannt und so unbekannt zugleich muten sie an. Die Augenbrauen sind bis zum Zerreißen dünn und rund darüber gezeichnet und gezogen. Wer sie betrachtet, fühlt Stiche. Sie sind wie Mondsicheln an einem krankhaft blassen Abendhimmel, wie feine, aber um so stechendere Wunden, innerlich schneidende. Und ihre Wangen! Das stille Sehnen und Zagen scheint Feste darauf zu feiern. Unverstandene Zartheit und Zärtlichkeit weint darauf auf und nieder. Zuweilen erscheint auf dem schimmernden Schnee dieser Wangen ein leises bittendes Rot, ein rötliches, schüchternes Leben, eine Sonne, doch nein, nur der schwache Abglanz einer solchen. Dann ist es, als lächelten plötzlich die Wangen, oder als fieberten sie ein wenig. Wenn man Fräulein Benjamentas Wangen ansieht, vergeht einem die Lust, weiterzuleben, denn dann hat man das Gefühl, als müsse das Leben ein Höllengewimmel voller schnöder Roheiten sein. Etwas so Zartes läßt in etwas so Schweres und Bedrohliches fast gebieterisch blicken. Und ihre Zähne, die man hervorschimmern sieht, wenn der üppig-gütige Mund lächelt. Und wenn sie weint. Die Erde, meint man, müsse aus den Punkten ihres Halts herabstürzen, aus Scham und aus Weh, sie weinen zu sehen. Und wenn man sie erst weinen -- -- hört? O, dann vergeht man. Neulich hörten wir es, mitten in der Schulstunde. Wir alle haben gezittert wie Espenlaub. Ja, wir alle, wir lieben sie. Sie ist unsere Lehrerin, unser höheres Wesen. Und sie leidet an etwas, das ist klar. Ist sie krank?

Fräulein Benjamenta hat mit mir ein paar Worte gesprochen, in der Küche. Ich wollte gerade in die Kammer hineingehen, da fragte sie mich, ohne mich im übrigen eines Blicks zu würdigen: »Wie geht es dir, Jakob? Geht es dir gut?« Ich nahm sogleich Achtungstellung an, wie es sich schickt, und sagte im Ton der Unterwürfigkeit: »O ganz gewiß, gnädiges Fräulein. Mir kann es nicht anders als gut gehen.« -- Sie lächelte schwach und fragte: »Wie meinst du das?« -- So über die Schulter fragte sie das. Ich antwortete: »Es fehlt mir an nichts.« -- Sie blickte mich kurz an und schwieg. Nach einer Weile sagte sie: »Du kannst gehen, Jakob. Du bist frei. Du brauchst nicht dazustehen.« -- Ich erwies ihr die vorgeschriebene Ehre, indem ich mich verneigte, und drückte mich in die Kammer. Es vergingen keine fünf Minuten, so wurde geklopft. Ich stürzte an die Türe. Ich kannte das Klopfen. Sie stand vor mir. »Du, Jakob,« fragte sie, »sage einmal, wie verträgst du dich mit den Kameraden? Nicht wahr, es sind nette Menschen?« -- Ich gab zur Antwort, daß sie mir alle, ohne Ausnahme, liebens- und achtenswert vorkämen. Die Lehrerin blinzelte mich mit den schönen Augen listig an und machte: »Na, na. Und mit Kraus zankst du dich doch. Ist Zanken bei dir das Zeichen der Liebe und Achtung?« -- Ich erwiderte ohne Zaudern: »In gewissem Sinne ja, Fräulein. Übrigens ist dieses Zanken nicht gar so ernst gemeint. Wenn Kraus Scharfsinn besäße, würde er merken, daß ich ihn sogar allen andern vorziehe. Ich achte Kraus sehr, sehr. Es würde mich schmerzen, wenn Sie mir das nicht glaubten.« -- Sie erfaßte meine Hand und drückte sie leicht und sagte: »Beruhige dich nur. Sieh' einmal, wie du in Hitze kommst. Du Hitzkopf. Wenn es so ist, wie du sagst, so muß ich ja wohl zufrieden mit dir sein. Ich bin es auch, wenn du fortfährst, artig zu sein. Ja, das merke dir: Kraus ist ein prachtvoller Junge, und du kränkst mich, wenn du Kraus unartig begegnest. Sei nett zu ihm. Ganz ausdrücklich wünsche ich das. Aber sei nicht traurig. Sieh' doch, ich mache dir ja keine Vorwürfe. Welch ein verzogener, verwöhnter Aristokratensohn! Kraus ist ein so guter Mensch. Nicht wahr, Kraus ist ein guter Mensch, Jakob?« -- Ich sagte: »Ja.« Nichts weiter als ja, und dann mußte ich plötzlich ziemlich dumm lachen, ich wußte gar nicht warum. Sie schüttelte den Kopf und ging. Warum ich nur habe lachen müssen? Noch jetzt weiß ich es nicht. Aber die Sache ist ja auch viel zu unbedeutend. Wann werde ich zu Geld gelangen? Diese Frage scheint mir bedeutsam. Das Geld besitzt in meinen Augen gegenwärtig einen vollkommen idealen Wert. Wenn ich mir den Klang eines Goldstückes vorstelle, werde ich beinahe rasend. Ich habe zu essen: Pfui. Ich möchte reich sein und den Kopf zerschmettert haben. Ich mag bald überhaupt nichts mehr essen.