Jakob von Gunten: Ein Tagebuch

Chapter 10

Chapter 103,634 wordsPublic domain

Es geht mich ja gar nichts an, gewiß, aber es fällt mir auf, daß keine neuen Schüler ins Institut eintreten. Sollte der Ruf, den Herr Benjamenta in der Umwelt als Erzieher genießt oder genossen hat, im Abnehmen oder gar im Verschwinden sein? Das wäre traurig. Doch vielleicht ist das alles nur meine überreizte Empfindung. Ich bin hier ein wenig nervös geworden, wenn man eine gewisse Spannung und zugleich Mattigkeit der Beobachtungskräfte so nennen darf. Es ist hier alles so zart, und man steht wie in der bloßen Luft, nicht wie auf festem Boden. Und dann dieses immerwährende Gefaßt- und Bewußtsein, auch das macht es vielleicht aus. Leicht möglich. Man wartet hier immer auf etwas, nun, das schwächt doch schließlich. Und wieder verbietet man sich streng das Horchen und Warten, weil das unzulässig ist. Nun, auch das nimmt Kräfte in Anspruch. Oft steht das Fräulein am Fenster und sieht lange hinaus, als lebe sie schon anderswo. Ja, das ist es, das nicht ganz Gesunde und Natürliche, was hier webt: wir alle, Herrschaft sowohl wie Elevenschaft, wir leben beinahe schon anderswo. Es ist, als wenn wir nur noch vorübergehend hier atmeten, äßen, schliefen und wach stünden und Unterricht erteilten und genössen. Etwas wie treibende, schonungslose Energie schlägt hier rauschend die Flügel zusammen. Horchen wir alle hier auf das Spätere? auf irgend welches Nachherige? Auch möglich. Und was dann, wenn wir jetzigen Zöglinge alle ausgetreten sind und doch keine neuen mehr kommen? Was dann? Sind dann Benjamentas arm und verlassen? Wenn ich mir das ausmale, werde ich krank, einfach krank. Nein, niemals, niemals. Das, das wird nicht sein dürfen. Und doch wird es sein müssen. Sein müssen?

Rüstig sein heißt, sich nicht lange besinnen, sondern rasch und ruhig hineingehen in das, was erfüllt werden soll. Naß werden von den Regengüssen des Bemühens, hart und stark werden an den Stößen und Reibungen dessen, was die Notwendigkeit fordert. Ich hasse solche klugen Redensarten. Ich wollte an etwas ganz anderes denken. Aha, ich habe es, es betrifft Herrn Benjamenta. Ich war wieder bei ihm im Bureau. Ich necke ihn immer wegen der zu erlangenden, baldigen Anstellung. So frug ich ihn auch diesmal wieder, wie's denn jetzt sei, ob ich gewärtigen dürfe usw. Er wollte wütend werden. O, er will auch jetzt immer noch wütend werden, und ich bin stets sehr kühn, wenn ich ihn reize. Ganz laut, barsch und unverschämt fragte ich. Der Vorsteher wurde ganz verlegen, er fing sogar an, sich hinter den großen Ohren zu reiben. Er hat natürlich nicht das, was man große Ohren zu nennen pflegt, seine Ohren sind verhältnismäßig durchaus nicht zu groß, nur ist eben alles groß an dem Mann, folglich auch seine Ohren. Schließlich trat er auf mich zu, lachte mich merkwürdig gutmütig an und sprach: »In die Arbeit hinaus willst du treten, Jakob? Ich aber sage dir, bleib' du lieber noch. Hier ist es doch für dich und deinesgleichen ganz schön. Oder nicht? Zögere du noch ein wenig. Ich möchte dir sogar anraten, ein wenig schlendrianisch, vergeßlich und gedankenträge zu werden. Denn siehst du, das, was man Untugenden nennt, das spielt im Dasein des Menschen eine so große Rolle, das ist so wichtig, fast möchte ich sagen, notwendig. Wenn Untugenden und Fehler nicht wären, es würde der Welt an Wärme, Reiz und Reichtum fehlen. Die Hälfte der Welt, und vielleicht die im Grunde schönere, würde mit den Lässigkeiten und Schwächen dahinsterben. Nein, sei du träge. Nun, nun, versteh' mich bitte recht, sei so, wie du bist und hier wurdest, aber spiele, bitte, ein wenig den Saumseligen. Willst du? Sagst du ja? Mich würde es freuen, dich ein wenig den Träumereien verfallen zu sehen. Hänge den Kopf, sei voll Gedanken, blicke betrübt, nicht wahr? Denn du bist mir fast ein wenig zu voll von Willen, zu voll von Charakter. Und stolz bist du, Jakob! Was denkst du dir eigentlich? Meinst du, in der offenen Welt Großes erreichen, erringen zu können? Zu müssen? Hast du ernstliche Absichten auf etwas Bedeutungsvolles? Fast machst du mir -- leider -- diesen etwas gewaltsamen Eindruck. Oder dann willst du vielleicht, vielleicht wie zum Trotz, ganz klein bleiben? Auch das mute ich dir zu. Du bist ein bißchen zu festlich, zu heftig, zu triumphatorisch aufgelegt. Doch das alles ist ja so gleichgültig, du bleibst noch, Jakob. Dir gebe ich keine Stelle, dir verschaffe ich noch lange nichts derartiges. Weißt du, mich verlangt, dich noch zu haben. Kaum besitze ich dich Burschen, so willst du fortrennen? Das gibt es nicht. Langweile dich hier im Institut so gut als du eben kannst. O, kleiner Welteroberer, in der Welt, draußen in der Welt erst, im Beruf, im Streben, im Erringen, da, da werden dir Meere von Langeweile, Öde und Vereinsamung entgegengähnen. Bleib' du hier. Sehne du dich noch ein Weilchen. Du glaubst ja gar nicht, welch eine Seligkeit, welch eine Größe im Sehnen, also im Warten, liegt. Also warte. Laß es dich immerhin innerlich drängen. Aber nicht zu sehr. Höre, mich würde dein Weggehen schmerzen, es würde mir eine Wunde, eine ganz unheilbare, beibringen, es würde mich fast töten. Töten? Ich muß dich bitten, mich auszulachen, aber fest. Lach' mich ganz unverschämt aus, Jakob. Ich erlaube es dir. Doch, sage du, was habe jetzt eigentlich ich dir zukünftig noch zu gestatten und zu verbieten? Ich, der ich dich soeben davon überzeugt habe, daß ich fast, fast abhängig von dir bin? Mich schaudert's, mich empört und beglückt es zu gleicher Zeit, Jakob, was ich da angestellt habe. Doch ich liebe zum erstenmal einen Menschen. Doch das fassest du nicht. Geh'. Marsch. Mach' daß du hinauskommst. Ungezogener, wisse, daß ich noch strafen kann. Fürchte dich.« -- Nun, da hatte ich es, er war eben mit einmal wieder wütend geworden. Rasch verschwand ich aus seinen finster mich durchbohrenden Augen. Das sind Augen, das! Die des Herrn Vorstehers. Ich muß hier bemerken, daß ich im Verduften aus einem Lokal eine unglaubliche Fertigkeit besitze. Ich bin förmlich zum Kontor hinausgeflogen, nein, hinausgepfiffen, wie Wind pfeift, als der Herr mir sagte: »Fürchte dich.« O ja, man muß sich schon zuweilen vor ihm fürchten. Ich würde es unanständig finden, wenn ich keine Furcht kennte, denn dann hätte ich ja auch gar keinen Mut, der doch nichts anderes ist als das Furchtüberwindende. Wieder horchte ich draußen im Korridor am Schlüsselloch, und wieder blieb es ganz still. Ich streckte sogar ganz läppisch und echt zöglinghaft die Zunge heraus, und dann mußte ich lachen. Ich glaube, ich habe noch nie so gelacht. Natürlich ganz leise. Es war das denkbar echteste unterdrückte Gelächter. Wenn ich so lache, nun, dann steht nichts mehr über mir. Dann bin ich etwas an Umfassen und Beherrschen nicht zu Überbietendes. Ich bin in solchen Momenten einfach groß.

Ja, so ist es: noch bin ich im Institut Benjamenta, noch habe ich die hier geltenden Satzungen zu fürchten, noch wird Unterricht erteilt, Fragen werden gestellt und beantwortet, noch fliegen wir alle auf Kommando, noch immer klopft morgens früh Kraus mit seinem ärgerlichen »Steh' auf, Jakob« und mit seinem zornig gebogenen Finger an meine Kammertüre, noch sagen wir Zöglinge: »Guten Tag, Fräulein,« wenn sie erscheint, und: »Gute Nacht«, wenn sie abends sich zurückzieht. Wir stecken noch immer in den eisernen Klauen der zahlreichen Vorschriften und ergehen uns immer noch in lehrhaften, eintönigen Wiederholungen. Ich bin übrigens jetzt endlich in den wirklichen innern Gemächern gewesen, und ich muß sagen, es existieren gar keine. Zwei Zimmer sind da, aber diese beiden Räume sehen nach nichts Gemachartigem aus. Sie sind möbliert wie die Sparsamkeit und Gewöhnlichkeit selber, und sie enthalten durchaus nichts Geheimnisvolles. Seltsam. Wie bin ich nur auf die wahnsinnige Idee gekommen, daß Benjamentas in Gemächern wohnen? Oder träumte ich, und habe ich jetzt ausgeträumt? Es sind allerdings Goldfische da, und Kraus und ich müssen das Bassin, in welchem diese Tiere schwimmen und leben, regelmäßig entleeren, säubern und mit frischem Wasser auffüllen. Ist das aber etwas nur entfernt Zauberhaftes? Goldfische können in jeder preußischen mittleren Beamtenfamilie vorkommen, und an Beamtenfamilien klebt nichts Unverständliches und Absonderliches. Wunderbar! Und ich habe so felsenfest an die innern Gemächer geglaubt. Ich dachte, es müsse da hinter der Türe, durch welche das Fräulein stets aus- und eingeht, von schloßartigen Zimmern und Gelassen wimmeln. Zierlich gewundene Wendeltreppen und breite steinerne, teppichbelegte andere Treppen sah ich im Geist hinter der einfachen Türe. Auch eine uralte Bibliothek war vorhanden, und Korridore, lange heitere, mattenbedeckte Korridore zogen sich in meiner Phantasie von einem Ende des »Gebäudes« zum andern. Ich kann mit all meinen Ideen und Dummheiten bald eine Aktiengesellschaft zur Verbreitung von schönen, aber unzuverlässigen Einbildungen gründen. Kapital, scheint mir, ist genug da, an Fonds wird es nicht fehlen, und Abnehmer solcher Papiere kommen überall vor, wo der Gedanke und Glaube ans Schöne noch nicht ganz ausgestorben ist. Was stellte ich mir nicht alles vor. Einen Park natürlich. Ohne Park kann ich doch gar nicht existieren. Ebenso eine Kapelle, aber merkwürdigerweise keine romantisch-ruinenhafte, sondern eine sauber renovierte, ein kleines protestantisches Gotteshaus. Der Pfarrer saß am Frühstückstisch. Und was noch alles. Man dinierte, man veranstaltete Jagden. Man tanzte abends im Rittersaal, an dessen hohen dunkelhölzernen Wänden die Bilder der Ahnen des Geschlechtes hingen. Was für eines Geschlechtes? Ich stammle das, denn in der Tat, ich kann es nicht sagen. Nun, ich bereue tief, derart geträumt und gedichtet zu haben. Schnee fliegen sah ich auch, nämlich in den Schloßhof. Es waren nasse, große Schneeflocken, und es war morgens früh, immer war es dunkle, winterliche Frühe. Ach, und etwas ganz Schönes, eine Halle, ja, eine Halle sah ich. Reizend! Drei edle vornehme Greisinnen saßen beim kichernden, knisternden Kaminfeuer. Sie häkelten. Welch eine Phantasie, nicht weiter zu sehen als bis dort, wo gestrickt und gehäkelt wird. Aber mich berauschte eben gerade das. Wenn ich Feinde hätte, würden sie sagen, das sei krankhaft, und sie würden Grund zu haben glauben, mich zu verabscheuen samt der lieben traulichen Häkelei. Dann gab es wieder ein wunderbares Nachtessen, wobei Kerzen von silbernen Leuchtern herabstrahlten. Die Tafelfreude glitzerte, blendete und plauderte. Ich stellte mir das wahrhaft schön vor. Und Frauen, was für Frauen. Die eine sah einer veritablen Prinzessin ähnlich, und sie war es auch. Ein Engländer war auch da. Wie die weiblichen Kleider rauschten, wie die Brüste, die nackten, auf und nieder wogten! Das Eßzimmer war von Parfüms wie von schlangenhaften Linien durchzogen. Die Pracht vereinigte sich mit der Sittsamkeit, der gute Ton mit dem Genuß, die Freude mit der Feinheit, und an der Eleganz hing der Adel der Geburt. Dann schwamm das wieder, und es kam anderes, Neues. Ja, die inneren Gemächer, sie lebten, und jetzt sind sie mir quasi gestohlen worden. Die karge Wirklichkeit: was ist sie doch manchmal für ein Gauner. Sie stiehlt Dinge, mit denen sie nachher nichts anzufangen weiß. Es macht ihr eben einmal, wie es scheint, Spaß, Wehmut zu verbreiten. Wehmut ist mir allerdings wieder sehr lieb, schätzens-, sehr schätzenswert. Sie bildet.

Heinrich und Schilinski sind ausgetreten. Hand geschüttelt und adieu gesagt. Und fort. Sehr wahrscheinlich auf Niewiedersehen. Wie kurz die Abschiede sind. Man will etwas sagen, hat aber gerade das Passende vergessen, und so sagt man nichts oder irgend eine Dummheit. Abschiednehmen und -geben ist greulich. In solchen Momenten rüttelt es am Menschenleben, und man fühlt lebhaft, wie nichts man ist. Rasche Abschiede sind unliebevoll, und lange sind unerträglich. Was tut man? Nun, man sagt dann eben etwas Einfältiges. -- Fräulein Benjamenta sagte mir etwas sehr Sonderbares. »Jakob,« sagte sie, »ich sterbe. Erschrick nicht. Laß mich zu dir ganz ruhig reden. Sag', warum bist du nur so mein Vertrauter geworden? Ich habe dich gleich von Anfang an, als du hier eintratest, für nett gehalten, für zart. Bitte, mach' keine falsch-aufrichtigen Einwendungen. Du bist eitel. Bist du eitel? Höre, ja, es geht zu Ende mit mir. Kannst du schweigen? Du mußt nämlich schweigen über das, was du jetzt erfährst. Vor allen Dingen darf dein Herr Vorsteher, mein Bruder, nichts wissen, präge dir das fest ein. Doch ich bin vollkommen ruhig, und du bist es auch, ich sehe es, und du wirst Wort halten und deinen Mund halten können, ich weiß es. Es nagt an mir, und ich sinke in etwas hinein, und ich weiß, was das ist. Das ist so traurig, mein lieber junger Freund, so traurig. Ich mute dir Stärke zu, nicht wahr, Jakob? Aber ich weiß es ja grad, daß du stark bist. Du hast Herz. Kraus würde mich nicht zu Ende anhören können. Ich finde es so hübsch, daß du nicht weinst. O es würde mich widerlich berühren, wenn jetzt schon, jetzt schon deine Augen feucht würden. Das alles hat noch Zeit. Und du horchst so schön. Du hörst meine elende Geschichte an wie etwas Kleines, Feines und Gewöhnliches, wie etwas, das einfach nur Aufmerksamkeit heischt, weiter nichts, und so horchst du. Du kannst dich ganz riesig gut benehmen, wenn du dir recht Mühe gibst. Freilich, hochmütig bist du ja, das kennen wir, nicht wahr? Still, keinen Ton jetzt. Ja, Jakob, der Tod (o was für ein Wort) steht dicht hinter mir. Sieh', so, wie ich jetzt dich anatme, so atmet er mir von hinten seinen kalten scheußlichen Atem an, und ich sinke, sinke vor diesem Atem. Die Brust preßt es mir ab. Habe ich dich traurig gemacht? Sprich. Ist das traurig für dich? Ein wenig, nicht wahr. Doch du mußt das alles jetzt noch vergessen, hast du gehört? Vergessen! Ich komme wieder zu dir, so wie heute, und dann sage ich dir, wie es mir geht. Nicht wahr, du wirst es zu vergessen suchen. Doch komm' her. Laß mich dir die Stirne berühren. Du bist brav.« -- Sie zog mich ganz leicht an sich und drückte mir so etwas wie Hauch auf die Stirne. Von Berühren, wie sie sagte, war gar keine Rede. Dann entfernte sie sich still und überließ mich meinen Gedanken. Gedanken? I wo. Ich dachte wieder einmal daran, daß mir Geld mangle. Das war mein Gedanke. So bin ich, so roh und so gedankenlos. Und dann ist die Sache ja die: herzliche Erschütterungen senken etwas wie Eiseskälte in meine Seele hinein. Unmittelbar zur Trauer veranlaßt, entschlüpft mir die Trauer-Empfindung vollständig. Ich lüge nicht gern. Überhaupt mir gegenüber lügen: was hätte das für einen Sinn? Ich lüge wo anders, aber nicht hier, vor mir selber. Nein, weiß der Kuckuck, da lebe ich, und Fräulein Benjamenta sagt so etwas Entsetzliches, und ich, der ich sie anbete, weiß nichts von Tränen? Ich bin gemein, das ist es. Doch halt. Zu sehr heruntermachen will ich mich auch nicht. Ich bin stutzig, und deshalb -- --. Lügen sind das, lauter Lügen. Ich habe das ja alles eigentlich gewußt. Gewußt? Das ist wieder eine Lüge. Es ist mir nicht möglich, mir die Wahrheit zu sagen. Jedenfalls gehorche ich Fräulein und schweige über diese Geschichte. Ihr gehorchen dürfen! So lange ich ihr gehorche, ist sie am Leben. --

Angenommen, ich wäre Soldat (und ich bin meiner Natur nach ein ausgezeichneter Soldat), gemeiner Fußsoldat, und ich diente unter Napoleons Fahnen, so marschierte ich eines Tages ab nach Rußland. Mit meinen Kameraden stünde ich gut, denn das Elend, die Entbehrungen und die vielen gemeinsam begangenen rohen Taten verbänden uns wie zu etwas zusammenhängend Eisernem. Grimmig würden wir vor uns herstarren. Ja, der Grimm, der unbewußte, stumpfe Zorn, der verbände uns. Und wir marschierten, immer das Gewehr umgehängt. In den Städten, durch die wir zögen, würde uns eine müßige, schlaffe, durch den Tritt unserer Füße entmoralisierte Menschenmenge begaffen. Aber dann würde es keine Städte mehr geben, oder nur noch ganz selten, sondern unabsehbare Länderstrecken würden sich vor unsern Augen und Beinen nach dem dünnen Horizont hinschleichen. Das Land kröche und schliche förmlich. Und nun würde der Schnee kommen und uns einschneien, aber immer würden wir weitermarschieren. Die Beine, das wäre jetzt alles. Stundenlang würde mein Blick zur nassen Erde gesenkt sein. Ich würde Muße haben zur Reue, zu endlosen Selbstanklagen. Doch immer würde ich Schritt halten, Beine hin und her werfen und vorwärtsmarschieren. Übrigens gliche unser Marschieren jetzt mehr einem Trotten. Hin und wieder erschien in weiter, weiter Ferne ein äffender Höhenzug, dünn wie die Kante eines Taschenmessers, eine Art Wald. Und da würden wir wissen, daß jenseits dieses Waldes, an dessen Rand wir nach vielen Stunden anlangten, sich weitere endlose Ebenen ausdehnten. Von Zeit zu Zeit fielen Schüsse. Bei diesen vereinzelten Tönen würden wir uns an das erinnern, was käme, an die Schlacht, die da eines Tages geschlagen werden würde. Und wir marschierten. Die Offiziere würden mit traurigen Mienen umherreiten, Adjutanten peitschten ihre Rosse, wie gejagt von ahnungsvollem Entsetzen, am Zug vorüber. Man würde an den Kaiser, an den Feldherrn denken, nur ganz dunkel, aber immerhin, man würde ihn sich vorstellen, und das gewährte Trost. Und immer weiter marschierte man. Zahllose kleine, aber furchtbare Unterbrechungen hemmten für kurze Zeiten den Marsch. Doch das würde man kaum merken, sondern marschierte weiter. Dann kämen mir die Erinnerungen, nicht deutliche, und doch überdeutliche. Sie würden mir am Herzen fressen wie Raubtiere an der willkommenen Beute, sie würden mich ins Heimatlich-Trauliche versetzen, an den goldenen, von zarten Nebeln bekränzten, rundlichen Rebhügel. Ich würde Kuhglocken schallen und ans Gemüt schlagen hören. Ein liebkosender Himmel böge sich wasserfarbig und tonreich über mir. Der Schmerz würde mich beinahe verrückt machen, doch ich marschierte weiter. Meine Kameraden zur linken und zur rechten Hand, der Vorder- und der Hintermann, das bedeutete alles. Das Bein würde arbeiten wie eine alte, aber immer noch gefügige Maschine. Brennende Dörfer würden den Augen ein täglich wiederholter, schon ganz uninteressanter Anblick sein, und über Grausamkeiten unmenschlicher Art würde man sich nicht wundern. Da fiele eines Abends, in der immer bitterer werdenden Kälte, mein Kamerad, er könnte ja Tscharner heißen, zu Boden. Ich würde ihm aufhelfen wollen, aber: »Liegen lassen!« würde der Offizier befehlen. Und man marschierte weiter. Dann, eines Mittags, sähen wir unsern Kaiser, sein Gesicht. Doch er würde lächeln, er würde uns bezaubern. Ja, diesem Menschen fiele es nicht ein, seine Soldaten durch eine düstere Miene zu entnerven und zu entmutigen. Siegesgewiß, zum voraus schon zukünftige Schlachten gewonnen, marschierten wir in dem Schnee weiter. Und dann, nach endlosen Märschen, würde es endlich zum Schlagen kommen, und es ist möglich, daß ich am Leben bliebe und wieder weitermarschierte. »Jetzt geht es nach Moskau, du!« würde einer in unserer Reihe sagen. Ich verzichtete aus ich weiß nicht was für Gründen darauf, ihm zu antworten. Ich wäre nur noch der kleine Bestandteil an der Maschine einer großen Unternehmung, kein Mensch mehr. Ich wüßte nichts mehr von Eltern, nichts von Verwandten, Liedern, persönlichen Qualen oder Hoffnungen, nichts vom heimatlichen Sinn und Zauber mehr. Die soldatische Zucht und Geduld würde mich zu einem festen, undurchdringlichen, fast ganz inhaltlosen Körper-Klumpen gemacht haben. Und so ginge es weiter, nach Moskau zu. Ich würde das Leben nicht verfluchen, dazu wäre es längst zu fluchwürdig geworden, kein Weh mehr empfinden, das Weh mit all seinen jähen Zuckungen würde ich längst ausempfunden und fertigempfunden haben. Das ungefähr, glaube ich, hieße Soldat unter Napoleon sein.

»Du bist mir ein Rechter, du!« sagte Kraus zu mir, eigentlich ganz ungerechtfertigt, »du gehörst zu denen, die sich, so wertlos sie sein mögen, über gute Lehren erhaben vorkommen wollen. Ich weiß es schon, schweig' nur. Du willst in mir einen sauren Pädagogen und Rechthaber erblickt haben. Geh' mir. Und was fühlst du denn, du und deinesgleichen, Prahlhanse, was ihr seid, was ernst-sein und achtsam-sein eigentlich sagen will. Du bildest dir auf deine springerische und tänzerische Leichtfertigkeit ganz gewiß, und mit ohne Zweifel ebenso viel Recht, nicht wahr, Königreiche ein? Du Tänzer, o ich durchschaue dich. Immer lachen über das Richtige und Ziemliche, das kannst du, das verstehst du vortrefflich, ja, ja, darin seid ihr, du und deine Stammesbrüder, Meister. Aber gebt acht, gebt acht. Euch zuliebe sind die Ungewitter, Blitz und Donner und Schicksalsschläge, gewiß noch nicht abgeschafft worden. Wegen eurer Grazie, ihr Künstler, was ihr doch seid, bieten sich dem Schaffenden, überhaupt Lebendigen, gewiß nicht plötzlich weniger Schwierigkeiten. Lerne du auswendig, das, was dir als Lektion vorschweben sollte, statt mir zeigen zu wollen, daß du auf mich herablachen kannst. Ist das ein Herrchen! Es will mir dartun, daß es sich brüsten kann, wenn es ihm paßt. Laß dir sagen, daß Kraus solche armseligen Schauspielereien einfach verachtet. Mach' etwas! Man kann dir das nicht dutzendmal genug auf die hochmütige Nase binden. Weißt du was, Jakob, Herr des Daseins: laß mich in Ruhe. Ziehe auf Eroberungen. Ich bin überzeugt, es fallen dir welche vor die Füße, und du wirst sie nur aufzulesen brauchen. Alles schmeichelt euch ja, alles kommt euch entgegen, euch Besenbinder. Was? Du hast die Hände noch in der Tasche? Zwar, ich begreife es. Wem gebratene Tauben in den Mund fliegen, warum sollte der sich noch je überhaupt Mühe geben, so auszusehen wie einer, auf den eine Tat, eine Arbeit, eine händefordernde Anstrengung hinzutreten könnte? Bitte, gähne noch ein wenig. Es macht sich dann besser. So siehst du zu gefaßt, zu beherrscht, zu bescheiden aus. Oder willst du mir ein paar Vorschriften erteilen? Tu's nur. Ich bin sehr gespannt. Ach, mach' daß du wegkommst. An deiner albernen Gegenwart werde ich sonst noch ganz und gar an mir selbst irre, du altes -- -- -- ich hätte jetzt doch bald mal etwas gesagt. Verleitet einen zu sündhaften Ausdrücken, der Ärgerniserreger, was er ist. Mach' dich unsichtbar oder beschäftige dich mit etwas. Und allen Anstand verlierst du auch, ja du, vor Vorstehers. Ich hab's schon gesehen. Aber wozu rede ich mit einem Lachbenzen? Gestehe, daß du ganz nett wärest, wenn du kein Narr wärst. Wenn du mir das gestehst, will ich dir um den Hals fallen.« -- »O Kraus, liebster aller Menschen,« sagte ich, »du höhnst, du spottest? Kann das Kraus? Ist das möglich?« -- Ich lachte hell auf und schlenderte in meine Kammer. Bald ist hier im Institut Benjamenta alles überhaupt nur noch ein Schlendern. Es sieht hier aus, als wenn so etwas wie »die Tage gezählt« wären. Aber man irrt sich. Vielleicht irrt sich auch Fräulein Benjamenta. Vielleicht auch Herr Vorsteher. Wir irren uns vielleicht alle.