Part 6
Der Eilbote, den sie mit diesem Schreiben eigends abgefertigt hatte, beschleunigte so viel ihm möglich war seine Reise; allein wiedrige Winde vereitelten diese gute Meinung, und er kam erst in London an, nachdem sich Jacobinens Wiedersacher ihrer schon ganz bemeistert hatten. Unter dem Geleit des Prinzen von Oranien und einiger andern Herren, die der Herzog von Burgund darzu gewählet hatte, wurde sie von Bergen weg und nach Genf gebracht, alwo sie noch ziemlich ehrerbietig bedient ward.
Den Herzog von Glocester rührte Jacobinens elender Zustand sehr. Er säumte keinen Augenblik an seinen Bruder den Herzog von Bedford nach Frankreich zu schreiben, der sich dann auch gleich bei Empfang des Briefs, mit Achthundert Reuter und unter Begleitung vieler vom Adel, Jacobinen beizustehen auf den Weg machte, und zu Corbie in der Picardie anlangte. Die Herzogin von Bedford wollte ihren Gemal zu dieser Unternehmung begleiten; allein es geschahe mehr um die ganze Sache zu hintertreiben, da sie eine Schwester des Herzogs von Burgund war. Dieser besuchte sie gleich bei der Ankunft, und unter dem Vorgeben, sie besser bewirthen zu können, führte er sie auf einige Tage nach Hedin, wo er durch verstellte Sanftmuth den Herzog von Bedford so ein zu nehmen wuste, daß der bedrükten Jacobine gar nicht gedacht wurde.[L] Ob gleich der Herzog von Bedford Regent in England war, wollte ihm diese Nation dennoch nicht als ihrem Souverain gehorchen. Sie versagten ihm ihren Beistand mit ziemlichem Ungestüm. Er fühlte diese Beleidigung sehr empfindlich, er sahe aber keinen Ausweg sich zu rächen. In dieser seiner Unvermögenheit war er auf eine besondere Rache bedacht, und foderte zu dem Ende den Herzog von Burgund zum Zweikampf auf. Beide Fürsten bereiteten sich auch hierzu; allein der Herzog von Bedford, der es in Zeiten erfuhr, gab nicht zu, daß sie sich durch ein so abentheuerliches Benehmen vor der ganzen Welt lächerlich machen sollten.
Jacobine, die den Pallast der Grafen von Flandern in Gent zur Wohnung hatte, ward gleichwohl in demselben ihrem Rang nach bedienet. Diese glimpfliche Behandlung benahm ihr aber keineswegs das Andenken ihrer gehabten, ihrer jezigen und die Vorstellung ihrer künftigen Leiden. Welchen Namen man auch ihrem Auffenthalt geben mochte, war er doch im Grunde eine wirkliche Gefangenschaft; sie konnte daher ihren dermaligen Zustand nicht anderst als die Folgen einer unerträglichen Tiranei ansehen, die sie unmöglich erdulten konnte. Außerdem marterten sie noch gewiße Gemüthsunruhen. Die Briefe des Herzogs von Glocester wurden ihr vorenthalten, und unter so vielem Verdrus strebte sie sehnlichst nach der Freiheit. Man hatte ihr überdem gestekt, daß der Herzog von Burgund vorhabe, sie auf immer in Lisle einzusperren. Die Furcht einer ewigen Gefangenschaft flößte ihr, mit Beihülfe der Climberge, und des Descaillon, die ihr beständig treu verblieben waren, neuen Muth und Entschloßenheit ein. Sie schrieb an einige angesehene und vermögende Holländer, und sprach sie um ihren edelmüthigen Beistand an. Keiner unter ihnen versagte ihr denselben, zu welchem Ende sie auf das schleunigste nach Gent giengen. Daselbst war sie nicht so genau bewachet, daß man nicht, mit Beobachtung einiger Vorsicht, hätte zu ihr kommen können. Sie hatte eine gerechte Sache, und unmöglich konnte man sie, ohne von ihrer Schönheit und Anmuth gerührt zu sein, ansehen. Ihre Befreier verabredeten sich und trafen so gute Vorkehrungen, daß sie sie, nebst der Climberge, in Mannskleidern aus Gent und glüklich nach Antwerpen brachten, daselbst zog sie wieder ihre gewöhnliche Kleidung an, und langte über Breda in der Grafschaft Holland an. Hier wurde sie als Gebieterinn empfangen, und die Angesehensten der Provinz giengen wegen ihrer wichtigen Angelegenheit mit ihr zu Rath. Der Herzog von Burgund, der über ihre Flucht in Wuth gerieth, versammlete ein so fürchterliches Heer, als ob er wolle die ganze Welt bezwingen, und drang damit in Holland ein, um die schon unter seine Bottmässigkeit gebrachten Oerter im Gehorsam zu erhalten. Man sahe ihn auf die gänzliche Unterdrükung einer liebenswürdigen Fürstin, die fast so viele Unglüksfälle gehabt, als sie an Alter Jahre zählte, ganz erbittert.
Es dauerte nicht lang, so trafen die zwo Parteien auf einander, und wurden handgemein. Obgleich Jacobinens Heer sehr gering war, erhielte es doch verschiedene Vortheile, von welchen sie dem Herzog von Glocester Nachricht gab, der denn auch entschloßen schien, ihr zu Hülfe zu kommen. Silvatier, unter dem Karacter seines General-Leutenants, an der Spitze von fünfhundert der tapfersten entnommener Engländer, wurde hierzu ernannt; allein der Herzog von Burgund, deßen Macht all zu beträchtlich war, behielt die Oberhand. Dieses zwar tapfere, aber all zu schwache Heer wurde geschlagen, und fast ganz in die Pfanne gehauen. Der Sieger aber gieng nach Flandern, um das seinige, welches gleichfals viel gelitten hatte, wieder zu ergänzen.
Dieser unglükliche Ausschlag benahm Jacobinen den Muth dennoch nicht. Der Schmerz, den sie darüber empfand, war heroisch; denn mit wahrem Heldenmuth, der ihrem Geschlecht sonst nicht eigen ist, stellte sie sich selbst vor die Spitze ihres kleinen Heers und belagerte Harlem. Dies Unternehmen glükte ihr nicht. Denn die Vorkehrungen, die der Herzog von Burgund zur Vertheidigung dieser Stadt getroffen hatte, wurden zu genau befolget, und sie muste daher mit Kummer ihre lezte Anstrengung vereitelt sehen. Der Herzog von Glocester verfuhr sehr nachläßig. Die See schied sie von einander, und Jacobine zweifelte nicht, daß sich die entschloßene Eleonore in London befinde, und diese Nachläßigkeit verursache. Wenn der Herzog an sie schrieb, war es in so verlegenen Ausdrücken, die leicht ihre Muthmaßung bestättigen konnten, und indeßen sie ihre Völker in eigener Person anführte und sich allen Gefahren aussezte, blieb er, unter dem Vorwand, die Engländer auf seine Seite zu bringen, und die Hülfe seines Bruders, des Herzogs von Bedfords abzuwarten, dem es auch kein Ernst war, ganz unthätig in London. Alle diese traurigen Betrachtungen bekümmerten Jacobine stets, und verursachten ihr manche Gemüthsunruhen. Jezt Climberge! sagte sie zu dieser ihrer Vertrauten, siehest du die betrübten Folgen der Falschheit des Herzogs von Glocester. Er überläßt mich ganz meinem Schiksal und der Himmel straft mich wegen meiner thörigten Leichtgläubigkeit. Die Rolle, die ich spielen muß, schikte sich weit besser für ihn. Wie? indem ich ein Heer zur Vertheidigung unserer Gerechtsame anführe, überläßt er sich ganz in träger Unthätigkeit seiner verrätherischen Leidenschaft. Grausame Climberge! Warum stimmte meine Schwachheit mit deinen unbedachtsamen Rathschlägen so überein? Warum habe ich mich durch deine schmeichlerische Zunge verführen lassen? Und endlich warum muste ich dir, zu meinem grösten Nachtheil, folgen? Wilst du nun noch einen Menschen entschuldigen, der mich im grösten Jammer ganz verläßt? und wirst du mich noch ferner mit seigten Trostgründen beruhigen können? Betrachte mich von nun an wie ein verstoßenes in der Welt herum irrendes Geschöpf, das von Anverwandten gehaßt und von Feinden verfolgt ist, und siehe, ob du im Stande bist, mir die verlohrne Unschuld wieder zu verschaffen. -- Ich gestehe Madame! erwiederte die Climberge, daß mich mein Diensteifer kann betrogen und zu weit getrieben haben; allein sind Sie deswegen straffällig? haben Sie dem Herzog von Brabant Anlaß zu seiner Ausschweifung mit der schändlichen von Degre gegeben? und geben sie jezt dem Herzog von Glocester Ursache undankbar zu sein? In beiden Fällen sind Sie unschuldig. -- Ich war zu leichtgläubig und zu voreilig, erwiederte Jacobine, ich hätte die Wichtigkeit meiner Handlungen beßer überlegen sollen und dieses habe ich mir mit Recht vorzuwerfen.
Der Herzog von Brabant, den die von Degre beständig anreizte, verfolgte, während der Zeit, den so viel wiedersprochenen Scheidungs-Proceß beim römischen Hof aufs schärfste. Zur gründlichen Untersuchung dieser Sache ernannte der Pabst eine Congregazion von verschiedenen Kardinälen; und da diese auf Seiten des Herzogs von Brabant die Ursachen zur Ehescheidung nicht hinlänglich genug fanden, erkannten sie ohne weiteres Jacobinens Ehe mit dem Herzog von Glocester für ungültig, wenn auch gleich der Herzog von Brabant mit Tode abgehen sollte. Diesem Urtheil nach, von welchem nicht zu appeliren war, wurde beschloßen, daß das unschuldige Schlachtopfer, zur Befriedigung der gegenseitigen, durch Eigennutz geleiteten Partei, auf ihre eigene Kosten gefangen und dem Herzog von Savoien in sichere Verwahrung gegeben werden sollte. Gleich nach dem dieses, für Jacobinen so fatale, Urtheil bekannt wurde, erklärte sich der Herzog von Glocester auf die unedelste Art, daß er mit Jacobinens Angelegenheiten nichts mehr zu schaffen haben wollte; und wenige Tage drauf, heurathete er die nehmliche Eleonore, die ihn bei der Abreise von Bergen mit ihren Vorwürfen so überrascht hatte.
Ob nun gleich jezt Jacobinen die Größe ihres Unglücks ganz einsahe, verlohr sie darum den Muth noch nicht. An der Spitze ihres kleinen Heers führte sie den Krieg noch immer fort, und auch bei verschiedenen Gelegenheiten mit günstigem Erfolg. Allein den eifersüchtigen Herzog von Burgund, der einmahl ihre völlige Zernichtung geschworen hatte, glükten wegen seiner großen Obermacht die Unternehmungen weit beßer.
Damals, nehmlich 1426. im April, starb der Herzog von Brabant, dem sein Bruder, der Graf von St. Paul, in der Regierung seiner Länder folgte. Da aber dieser ein sehr friedliebender Herr und unvermält war, bekümmerte er sich weiter nicht um Jacobinens Angelegenheiten, deren eigenthümliche Staaten sich nunmehr der Herzog von Burgund ganz zueignete.
Jacobinen blieb noch ein wahrer Freund in ihrer ganz verlaßenen Lage übrig. Es war der Graf von Brederode, dieser stellte sich an die Spitze ihres übrig gebliebenen kleinen Heers, und erfochte wirklich mit dieser geringen Anzahl Völker ziemlich beträchtliche Vortheile in Nordholland. Allein endlich muste er doch der großen Obermacht des Feindes unterliegen; nach einer tapfern Gegenwehr wurde er überwunden, gefangen und muste zusehen, daß verschiedene Edelleute von seiner Partei enthauptet wurden. Er würde auch das nehmliche Schiksal erfahren haben, wenn man nicht befürchtet hätte, da er von dem ehemaligen Grafen von Holland abstammte,[M] die ganze Provinz dadurch aufzubringen.
Nun wurde die unterdrükte Jacobine gezwungen, der unrechtmäßigen Gewalt nachzugeben und einen Vergleich einzugehen, vermöge welchem sie sich anheischig machen muste, ohne Einwilligung des Herzogs von Burgund, ihres nunmehrigen Gesezgebers oder vielmehr Tirannen und nächsten Blutsverwandten, nicht wieder zu heirathen. Dieser Vergleich wurde von ihnen beiden, in Gegenwart des Adels und der Deputirten der Städte, zu Delft eigenhändig unterschrieben. Da nun hierdurch der Herzog von Burgund seine haabsüchtigen Absichten erreicht hatte, ernannte er einen jungen Edelmann, Namens Franz von Borselle, der einer der tapfersten und wohlgestaltesten Edelleute der damaligen Zeit war, zum Gouverneur über die unrechtmäßig an sich gebrachten Länder. Um sich mehr Ehre und größeres Ansehen zu geben, führte er Jacobinen, gleichsam wie im Triumpf, mit sich nach Bergen.
Hier hatte sie nun volle Muße, Betrachtungen über die vielen Wiederwärtigkeiten, die ihr begegnet waren, anzustellen. Sie befand sich an einem Ort, wo ihr alles zu Befehl stehen sollte, wo sie aber leider nichts mehr zu sagen hatte. Man erwies ihr zwar einige Ehrenbezeigungen; allein mit weniger Achtung und mit vieler Nachläßigheit. Stündlich beweinte sie die Härte ihrer Leiden, den Tod des Dauphins und den ihres Vaters, des Grafen von Hennegau, und verwünschte ihre unglüklichen Ehen mit den Herzogen von Brabant und von Glocester. Vielfältige Betrachtungen machte sie über das schändliche Verfahren der Päbste, und alle andern Ereigniße, die sie in den Abgrund des Verderbens gestürzt hatten. Aller ihrer Vorrechte beraubt, unvermögend die geringsten Bedürfniße befriedigen zu können, verachtet in ihren eigenen Staaten, und unterdrükt von einem Fürsten, der ihr Blutsfreund war -- was muste sie bei ihrer erhabenen Denkungsart nicht alle dabei empfinden? Sie fühlte noch zärtliche Regungen für den untreuen Herzog von Glocester, die zu tiefe Wurzeln gefaßt hatten, als daß sie so leicht hätten können ausgerottet werden; und man konnte in Wahrheit von ihr sagen; daß das schönste, geistigste und anmuthigste Frauenzimmer, das aller elendste auf Erden war, worüber der Herzog von Burgund frohlokte. Ihr elender Zustand rührte die Gräfin von Hennegau, ihre Mutter, auf keine Weise; und die von Degre, die nicht unterlies übertriebene und nachtheilige Erzählungen und Lügen von ihr auszustreuen, spottete sie allerwegen aus. Dieses alles aber verhinderte nicht, daß ihr die Liebe in ihrem Schicksal neue Prüfungen zubereitete. Der von Borselle hatte sie verschiedenemalen angetroffen, da sie ihrem kummervollen Herzen durch eine Tränenfluth Luft zu machen gesucht hatte. Nichts erhebt die Schönheit eines Frauenzimmers mehr, als traurige Blicke; und wer nur die geringste Anlage zu zärtlichen Empfindungen hat, der kann unmöglich ein liebenswürdiges Frauenzimmer im Kummer sehen ohne Mittleiden zu fühlen und ohne von ihren Reizen gerührt zu werden. So gieng es auch dem von Borselle; und ob er gleich dem Herzog von Burgund sein ganzes Glük zu verdanken hatte, so sahe er doch denselben von Stund an wie seinen ärgsten Feind an, und lies sich in seinen zärtlichen Regungen für Jacobinen nicht irre machen.
Anfangs betrachtete Jacobine Borsellens gefälliges Betragen als Wirkungen der Großmuth und des Mittleidens; sie wurde aber bald gewahr, daß er aus ganz andern Empfindungen handele. Selbst die Climberge, die noch immer Jacobinens Vertraute war, bemerkte es und unterredete sich ohne weitern Zwang darüber mit ihr. Wie? antwortete ihr Jacobine, wirst du nach dem allem, was mir begegnet ist, noch thörigt genug sein, mir von neuen Liebhabern zu sprechen? Ist Borsellens Rang und Geburt nicht weit unter der meinigen? und wenn er mich redlicher und treuer wie die vorigen liebte, würdest du ihn würdig genug halten, drei angesehenen Fürsten in dem Ehebete zu folgen. Ich weiß wohl, erwiederte die Climberge, daß er nicht von so hoher Abkunft ist, demohnerachtet ist er doch aus edlem Blut entsproßen, liebenswürdig wegen seiner angebohrnen Anmuth, über die Maßen großmüthig, und eifrigst beflissen, Ihnen zu dienen. Können Sie versichert sein, ob nicht ihm die Ehre, Sie zu befreien, und der Ruhm, Sie glüklich zu machen, vorbehalten ist? -- He! Wer hat dir denn gesagt, fuhr Jacobine fort, daß er mir so geneigt ist? Kanst du ihm ins Herz sehen oder hat er dir sein Geheimnis offenbahret? Man darf nur Augen haben, erwiederte die Climberge, um dergleichen Bemerkung zu machen; denn entweder giebt es keine wahre Verliebte, oder Sie haben dem von Borselle die heftigste Leidenschaft eingeflößt. In diesem Fall, antwortete Jacobine, da eben Borselle zur Thür herein tratt, würde er zu bedauern sein. Da er ziemlich schüchtern und bleich aussahe, seine Blicke auch zärtlich und ehrerbietig waren, so bestättigte dieses Climbergens Aussage vollkommen. Jacobine erröthete bei seinem Anblik, und, um ihre Verwirrung zu verbergen, nahm sie ein erkünsteltes Lächeln an. Sie werden schlechten Dank bei dem Herzog von Burgund verdienen, sagte sie zu ihm, daß sie eine arme Gefangene, die alle, welche einiges Mitleiden für sie blicken laßen, mit ins Unglük stürzet, besuchen. Wenn Sie die Gewogenheit und des Zutrauens eines mißtrauischen Gebieters fernerhin theilhaftig sein wollen, so behandeln Sie mich nicht zu edelmüthig. Ich gebe Ihnen die aufrichtige Versicherung, daß ich mit den, mir schon erzeigten Gefälligkeiten vollkommen zufrieden bin, und Ihnen dafür ewig verbunden sein werde. -- Madame! antwortete Borselle, Sie sind mir auf keine Weiße Verbindlichkeit schuldig; und wenn gleich Ihre Gütigkeit meine gute Meinung dahin rechnen wollte, so ist bei derselben mein Unvermögen so groß, daß ich mich darüber schämen muß. Sie sind ganz ohne Fehler und demohnerachtet sind Sie unglüklich. -- Sie sind zu ausschweifend in Ihrer Höflichkeit, unterbrach ihn Jacobine; denn von strengern Richtern würde ich nicht so vortheilhaft beurtheilet werden. Wißen Sie nicht, welche ärgerliche Gerüchte man von mir ausgestreuet hat, und auf welche, meiner Ehre nachtheilige Weiße man von mir spricht? Dieses habe ich der christlichen Liebe der Päbste zu verdanken; diese wollten mich vermuthlich durch dergleichen grausame Demüthigungen zur strengeren Buße anhalten. Die Päbste, erwiederte Borselle, waren von jeher die Geisseln rechtschaffener Menschen. Welche Lästerzunge darf sich wohl erfrechen, Ihnen ein Vergehen anzudichten. Was? weil Männer undankbar und unsinnig genug gewesen waren, Ihnen mit Verachtung zu begegnen, will man Sie ihre Verbrechen entgelten laßen? Ich behaupte vor der ganzen Welt, daß, wenn jemand unfehlbar ist, Sie es gewiß sind. -- Ha! Borselle, erwiederte Jacobine, Ihre Nachsicht ist übertrieben; ich laße mir selbst Gerechtigkeit wiederfahren und gestehe freimüthig, daß ich zu unvorsichtig gehandelt habe. Um aber das Gespräch von meinen Angelegenheiten abzubrechen, bitte ich Sie, mir die Ursache Ihrer Traurigkeit und Verlegenheit zu sagen. Sollte ich etwa noch unglüklich genug sein, Ihnen Verdruß zu verursachen, und sollte das traurige Verhängniß, daß mich überall verfolget, auch Einfluß auf Sie haben? -- Sie allein Madame! erwiederte er, verursachen unschuldiger Weise die Gemüthsruhe, die sie an mir bemerken; denn meine Liebe ist so gränzenlos, daß ich die Hochachtung, die ich Ihnen schuldig bin, darüber auf die Seite setze. Ihre Reitze, durch Leiden erhöhet, sind vermögend, die härtesten Seelen zu rühren; wie kann also die meinige, die von ganz anderer Beschaffenheit ist, ohne Empfindung sein? Ich sage dieses mit keiner unbedachtsamen Verlegenheit; denn ich weiß den Unterschied, der zwischen uns ist, sowohl in Ansehung der Geburt als des Standes, nur zu gut, dieserwegen ist dennoch meine Liebe nicht weniger heftig. Erzürnen Sie sich nicht über einen Unglücklichen, den die Stärke der Leidenschaft hinreißt, durch diese Erklärung seinem beklemmten Herzen Luft zu schaffen. Obgleich dieser große Unterschied zwischen uns ist, indem Sie des Glüks eines der ersten Königen theilhaftig sein sollten, vermindert diese Betrachtung dennoch meine empfindsame Leidenschaft nicht. -- Borselle! antwortete Jacobine, ich habe Sie ungestört reden laßen, weil mit Ihre unvermuthete Erklärung die Sprache benommen hat. Ohne Ihnen die Anmerkung, die Sie selbst in Ansehung des Unterschieds unseres Standes gemacht haben, nochmals zu wiederholen, wird es genug sein, Ihnen zur Betrachtung zu geben, daß alle dergleichen Leidenschaften, die ich unglüklicher Weise schon eingeflößt habe, gleich nach ihrer Entstehung verschwunden sind, daß man mir, nur mich beßer betrügen zu können, geschmeichelt hat, und daß, anstatt daß man mir hätte Treue und Versprechen halten sollen; es vielmehr scheinet, als ob mein Herz und meine Hand vergiftet wären; denn so bald ich deren Besiz eingeräumet habe, wurden solche gleich verachtet und verschmähet, ohne zu gedenken, daß ich unglüklich genug war, meinem ersten Gemal den Tod zum Brautschaz mit zu bringen. Wenn es also wirklich an dem ist, daß meine geringen Reize, die niemand mehr unglüklich machen sollen, Sie beunruhiget haben, so nützen Sie diese Betrachtungen, Ihre aufkeimende Leidenschaft zu unterdrücken, und vermehren Sie mein Elend nicht durch Ihr eigenes Leiden. -- Ich würde, erwiederte Borselle, wenn es in meinem Vermögen stünde, Ihnen gehorchen; allein eine Leidenschaft, die so heftig wie die meinige ist, läßt sich nicht bezwingen Sein Sie vielmehr versichert, Madame! daß sie von ewiger Dauer sein wird. Nur der Tod kann mir solche rauben, und ich weiß nicht ob sie mir nicht noch jenseit des Grabes folgen wird. Ah! welcher Unterschied ist in der Liebe, zwischen den hohen Ungetreuen, die Sie verrathen haben und dem unglüklichen Borselle? Warum kann die Geburt seine Leidenschaft nicht rechtfertigen, und warum hat er keine Kronen zu Ihren Füßen zu legen? -- Sie haben, erwiederte Jacobine, gute Eigenschaften genug, die zu Ihrem Vortheil sprechen; aber um des Himmels willen dringen Sie weiter nicht in mich, und überlegen Sie, daß ich schon unglüklich genug war. Hierauf lenkte sie das Gespräch auf andere Gegenstände; und Borselle der nun einmal den Schritt, der manchen Liebhaber in Verlegenheit setzet, gemacht hatte, sezte vor jezt nicht weiter in sie.
Von diesem Tag an verdoppelte er seinen Fleiß und seine Sorgfalt, Jacobinen gefällig zu sein. Der Herzog von Burgund, der sie so vest gebunden hatte, war auf Borsellens Betragen wenig aufmerksam. Dies günstige Uebersehen verknüpfte diesen Umgang bald sehr eng. Die Climberge, der ihr gezwungener Aufenthalt in Bergen unerträglich wurde, legte Borsellens unbedeutenste Handlungen großen Werth bei. Ja! Madame, sagte sie zu ihrer Gebieterin, weil man Sie noch nicht wirklich geliebt hat, wird es Ihnen um so viel süßer sein, nach Ihren Verdiensten geliebt zu werden. Hat nicht schon der Himmel Ihre treulosen Gemale bestraft? Der Herzog von Brabant ist in der Blüte seiner Jahre gestorben, und der Herzog von Glocester hat sich durch seine Verbindung mit einer entehrten Person, ganz Europas Verachtung zugezogen, und Sie mit Aufopferung seiner eigenen Ehre gerächet. Borsellens Beständigkeit in der Liebe wird diese Rache vermehren. Wollten Sie lieber in den Feßeln, die Ihnen der Herzog von Burgund angelegt hat, schmachten, als das Glük eines verdienstvollen Mannes befördern? Man hat Ihnen unbillige Geseze vorgeschrieben, denen Sie sich zu unterwerfen nicht verbunden sind. Wenn Sie durch Borsellens Tapferkeit wieder in Ihre Gerechtsame werden eingesezt sein, haben Sie alsdann nicht Würde und Hoheit, die ihn dem grösten Fürsten gleich stellen, mit ihm zu theilen? Er ist von edler Geburt, und seine Thaten machen ihn ehrwürdig. Sollten Ihnen dieses nicht Beweggründe genug sein? -- Spreche! unterbrach sie Jacobine, spreche immerfort und leite mich aus einem Irrweg in den andern: weil es deine und meine Bestimmung ist. Ich sollte die Liebhaber und Ehemänner mehr als den Tod fürchten, und doch höre ich dir gelaßen zu; ja! ich weiß nicht, ob du mich nicht noch gar überreden wirst. Gefährliche Freundin! Warum hast du mich in meinem Unglük allerwegen begleitet? Glaubst du, daß deine Beharrlichkeit mir nachtheiliger als der andern Treulosigkeit ist? Wie ich in London ankam, war ich wenig geneigt zu thun, was ich nachher gethan habe; Du allein warst schuld an der Thorheit, die ich begieng, jezt willst du mir eine weit größere zumuthen, und am Ende werde ich mich mehr über dich, als über die von Degre zu beklagen haben.