Jacobine von Baiern Gräfin von Hennegau, Holland, Friesland und Zeeland Eine vaterländische Geschichte aus dem fünfzehenden Jahrhundert

Part 5

Chapter 53,568 wordsPublic domain

Der Herzog umarmte hierauf Jacobinen auf das zärtlichste, und beide vergassen auf einige Zeit dergleichen vergebliche Zweifel, die sie beunruhiget hatten. Die dienstfertige Climberge, die den Herzog von Brabant haßte, und die gegentheils dem Herzog von Glocester, der sie mit Freigebigkeiten überhäuft hatte, ganz ergeben war, bemühte sich, die Bekümmernisse ihrer Gebieterinn zu zerstreuen, worinn es ihr auch oft geglückt haben würde, wann deren nicht täglich neue entstanden wären.

Die Gräfin von Hennegau war über das Betragen ihrer Tochter ausserordentlich aufgebracht. Sie erwog die Gründe nicht, die eine junge beleidigte Fürstin zu ihrer Rechtfertigung haben konnte. Sie war ganz auf des Herzogs Seite, verwarf öffentlich den Scheidebrief des Benedikts, und behauptete gegen jeden, daß die Ehe, die er begünstigt habe, unzulässig sei.

Ob sich nun gleich die von Degre, die noch bei dem Herzog von Brabant in grosser Gunst stand, freuete, daß er seine Gemalinn loß war, wuste sie doch, um so besser uneigennüzig zu scheinen, ihre Zufriedenheit dergestalt zu verbergen, daß man nicht merken konnte, wie sie an Jacobinens gänzlichem Verderben arbeite.

Ist es möglich, sagte sie zum Herzog, daß eine grosse Fürstin ihre Würde so erniedrigende Handlungen begehet, und daß sie eines unbedeutenden, Verdrusses wegen, der nur die Folge ihres Uebermuths war, ihren Gemal verläßt, über See gehet, und sich den Umarmungen eines Andern Preiß giebt? Ist es überdieß noch möglich, daß ein Gegenpabst, ein Mensch, der weder Ehre noch Gottesfurcht besizet, sich unterstehet, dergleichen freche Handlungen, den göttlichen Gesezen schnur straks zuwieder, und die die Menschlichkeit empören, öffentlich zu erlauben und zu begünstigen? Sollen dergleichen Mißbräuche nicht bestrafet werden, und wollen Sie sich nicht durch Behauptung Ihrer Gerechtsame desfals rächen?[J] Ganz bezaubert über diese Rede, erwiederte der Herzog: Liebste von Degre! Der Fehler der Herzogin von Glocester ist uns zu vortheilhaft, als daß wir darüber klagen sollten. Sie hat mehr für uns gethan, als sie hätte thun sollen, wenn sie es zuvor recht überlegt hätte; denn nun kann ich Ihnen ihren Plaz ohne Wiederrede einräumen. Sie haben sie aus meinem Herzen verdrängt, und freiwillig hat sie sich von mir entfernet. Benedikt ist mir mit seiner Gefälligkeit zuvorgekommen, und hat mir die Mühe erspart, ihn selbst darum anzugehen, welches ich sicher gethan haben würde. Das Koncilium zu Costanz giebt mir ein neues Hülfsmittel, um Ihnen ehestens die Würde meines Rangs ertheilen zu können. Nein! Herr Herzog! antwortete dieses schändliche Mädchen, Nein! mein Erheben würde Ihrem Ruhm nachtheilig sein, und ich bin genug befriediget, da ich das Glük habe, Ihnen nicht zu mißfallen. Ich strebe nach keiner andern Ehre, sondern nur nach Ihrer beständigen Liebe. Aber verfolgen Sie die Undankbare, die Sie verachtet hat; und da der Päbste Aussprüche göttlich sein sollen, so suchen Sie den Pabst Martin auf Ihre Seite zu bringen, damit diese Männersüchtige, durch öffentliche Beschimpfung gewahr werde, daß sie unter der Gewalt eines Menschen stehe, der im äusersten Fall genommen, nur als ihr Buhler angesehen werden kann. Ihre Ehre erfordert es, und ich beschwöre Sie darum, sezte sie hinzu (auf die Knie vor den Herzog fallend), denn ich kann nicht zugeben, daß der Schimpf einer solchen Schandthat auf Ihnen sitzen bleibe. -- Der Herzog, ganz von der Degre geäuserten Ergebenheit eingenommen, glaubte leicht, daß sie ihm diesen Anschlag aus aufrichtigem Herzen gäbe; und ohne weitere Untersuchung, versprach er ganz nach ihrer Vorschrift zu verfahren; wie er dann auch von Stund an bedacht war, die Wiederrufung der Bullen des Pabst Benedikts vom Pabst Martin zu erhalten. Der mit Blindheit geschlagene Herzog hatte bei diesem Unternehmen eine ihm verborgene Hülfe und Unterstüzung. Philipp, Herzog von Burgund, der im äusersten Grad ehrsüchtig war, sahe Jacobinens Besitzungen mit neidischen Augen an; schon lange wünschte er, Gelegenheit zu finden, solche an sich bringen zu können.

Diese Zwietracht war ihm also zu Erreichung seiner Absichten sehr willkommen. Er stellte sich zwar dem äuserlichen Schein nach, als ob er sich alle Mühe gäbe, die Partheien zu vergleichen; allein die minder Klügsten konnten leicht einsehen, daß es ihm nicht Ernst war. Jacobinens Aufführung machte ihm heimlich boshaftes Vergnügen, nicht zweifelnd, er würde im Trüben fischen, und sich bald durch den Raub ihrer Staaten bereichern können. Einverstanden mit dem Herzog von Brabant, fiel es ihm nicht schwer, vom Pabst Martin ein donnerndes Urtheil, das jenes vom Pabst Benedikt zerschmettern sollte, zu erhalten. Die Ausdrücke desselben waren ausgesucht und der Kühnheit des Päbstlichen Stuhls eigen. Wonnevoll, ganz entzückt war die von Degre darüber. Der Herzog von Brabant glaubte, gerächt zu sein; die Gräfin von Hennegau, die beständig über ihre Tochter loszog, frohlokte über diesen schönen Erfolg; und der Herzog von Burgund freute sich innerlich, daß ihm nunmehr die Unordnungen in seiner Famillie Gelegenheit verschaften, gemächliche Entwürfe zu machen, den Besiz der schon inne habenden Staaten sich zuzusichern, und solchen zu erweitern. Nur der Graf von S. Paul, des Herzogs von Brabant Bruder, ärgerte sich über diese Mißhelligkeiten und das unkluge Betragen seines Bruders; allein mit dem besten Willen war er zu ohnmächtig, es zu hintertreiben.

Diese Nachricht blieb in England nicht lange unbekannt. Ob sie gleich Jacobine erwartet hatte, war sie ihr nichts desto weniger empfindlich zu vernehmen. Ihr heftiger Schmerz vermehrte sich; sie bezeigte solches ihrem Gemal, der sich alle Mühe gab sie zu trösten und zu beruhigen. Die Climberge brauchte gleichfalls ihre ganze Beredsamheit; allein Jacobine warf ihr mit vieler Bitterkeit vor, daß sie es nur ihrem dringenden Zureden zu verdanken hätte, daß sie nunmehr so unglüklich wäre.

Indeß Jacobine allen Muth und fast den Verstand verlohr, schmeichelte der Herzog von Burgund dem von Brabant ganz ausnehmend; der Herzog von Bedford aber, damaliger Regent in Frankreich, nahm sich seines Bruders an. Es wurden einige Versuche gemacht, die Partheien zu vereinigen; wie man sich dann auch würklich zu Amiens versammlet hatte, allein der Erfolg entsprach diesen Bemühungen nicht. Um die Thränen seiner Gemalin zu stillen, gieng der Herzog von Glocester, nachdem er so viel Völker, als er nöthig glaubte, Besiz von denen, dem Hause Hennegau zugehörenden Ländereien nehmen zu können, aufgebracht hatte, mit ihr nach Calais über.

Gerührt bei dem Anblik ihrer rechtmässigen Fürstin, empfiengen sie die Einwohner der Provinz unter lautem Freudengeschrei, ob sie gleich dem Herzog von Brabant das Gegentheil zugesagt und geschworen hatten: Allein da eben damals Johann von Baiern Jacobinens Oheim in dem Haag vergiftet wurde, und sie dadurch dieser noch einzig übrig gebliebenen Stütze ihres Hausses beraubet ward, nuzte der Herzog von Brabant dieses, und bemächtigte sich einiger der beträchtlichsten Oerter. Hierdurch brach die Kriegsflamme in voller Wut aus. Der Herzog von Glocester wollte seine Gemalin in Sicherheit nach England zurük bringen; allein eigensinniger Weise blieb sie in Bergen, und wollte lieber alles wagen, als, wie sie sich ausdrükte; schimpflich die Flucht nehmen.

Hier hatte sie aber neuen Verdruß zu erdulten. Da die Gräfin von Hennegau, die noch beständig für den Herzog von Brabant eingenommen und gegen Jacobinen aufs äuserste aufgebracht war, sich an dem nehmlichen Ort befand, erforderte es der Wohlstand, daß sie sich einander sahen. Aeusserlich vermied die Gräfin von Hennegau alles, was den Schein eines Unwillens haben konnte, und Jacobine beobachtete ihre Schuldigkeit sehr sorgfältig und mit vieler Bescheidenheit. Allein bei der ersten Unterredung redete die Gräfin Jacobine in stolzem Ton folgendergestalt an: Jezt Madame! nachdem sie Ihren Gemal, ihre Mutter und ihre Staaten verlassen, die gesittete Welt durch Ihre Aufführung geärgert und die Päbste gegeneinander aufgebracht haben, kommen Sie mit fremden Kriegsvölkern nach Bergen, uns heimzusuchen und vermuthlich auf keine Weise unserer zu schonen. -- Madame! erwiederte Jacobine, es wird genug zu meiner Rechtfertigung sein, wenn ich Ihre beleidigende Vorwürfe, die ich nicht verdiene, gedultig und ehrerbietig anhöre. Die Beleidigungen, die mir der Herzog von Brabant zugefügt hat, sind Ihnen nicht unbekannt, und diese haben mich bewogen, ihn als einen Treulosen und Undankbaren, der mich ins Elend gestürzt hat, zu verlassen, und mit Erlaubnis der Kirche, einen Fürsten zu heirathen, der mir ganz uneigennüzig gedienet und Schuz gegeben hat. Ich sehe daher nicht ein, was in diesem Betragen tadelnswürdig ist. Allein Madame! leid ist es mir, mich gezwungen zu sehen, Ihnen ohne Rükhalt zu sagen: Daß mir Ihre Gleichgültigkeit, die Sie mir in meinen Leiden bewiesen haben, alle Ueberlegungskraft benommen hat. Denn hätten Sie mir nur einige theilnehmende Liebe gezeigt, so würde meine Erkenntlichkeit Ihre Güte übertroffen haben. -- Mit verächtlichem Ton erwiederte die Gräfin: Die Erlaubnis, auf die Sie sich so vest stüzen, ist eben von keiner grossen Wichtigkeit, da sie nur aus dem Mond[K] ihre Entstehung hat; und Sie sehen auch, wie wenig das Konzilium drauf achtet. Ich glaubte, Sie würden vorsichtiger und klüger zu Werke gehen, als durch Ihre Uebereilung zwei Fürstlichen Häussern einen solchen Schandfleken anzuhängen, den sie Ihnen mit Recht noch nach vielen Jahrhunderten vorwerfen werden. -- Ihnen zu gefallen Madame! antwortete Jacobine, will ich die Schuld ganz auf mich nehmen, und Sie nicht anklagen; allein hätten Sie mir die Freiheit gelassen, meine erste Verbindung im Wittwenstand zu betrauren, so würden Sie mir alle diese Leiden und sich selbst den Verdrus erspahret haben. War es nöthig, um Ihnen gefällig zu sein, daß ich ewig unter der Abhängigkeit eines eigensinnigen Fürsten, dem nicht einmal die Worte von Ehre und Tugend bekannt sind, leben muste? Sollte ich der von Degre Schandthaten durch gefälliges Betragen noch selbst begünstigen? Und muste ich endlich gelassen zusehen, daß eine Handvoll Menschen aus der Hefe des Volks sich anmasse, mir Geseze vorzuschreiben, da wo ich allein unumschränkt zu befehlen habe? -- Sie musten sich beklagen, fuhr die Gräfin fort, und dieß war alles, was Ihnen die Klugheit zu thun erlauben konnte. Es ist jezt ein schöner Anblik für mich, Ihnen, nachdem Sie unsinniger Weise das Meer durchstrichen, unter Begleitung eines Wollüstlings, der Sie in sein Nez gelokt hat, und der Ihnen, wenn er nur Ihr wahrer Liebhaber gewessen wäre, besser geschonet haben würde, wieder hier zu sehen. Denn sein Betragen zeiget deutlich, wie niedrig er Sie achtet, und daß er sich nur Ihrer als einer ganz in Ehren verlornen Frau, zur Befriedigung seiner Lüste bedienet. Diese grausame Mutter wollte hierauf weiter nichts anhören noch sagen, sondern gieng in ein anderes Zimmer; und Jacobine, vom tiefsten Schmerz gebeugt, begab sich in das ihrige.

Da der Herzog von Brabant damals zu Brüssel war, führte in seiner Abwesenheit die Gräfin von Hennegau die Regierung in Bergen. Allein das Blatt drehte sich bald anderst. Die Einwohner, die Jacobinen wirklich so sehr liebten, als sie ihre Mutter und den Herzog von Brabant hasseten, erklärten öffentlich, daß sie nur ihr gehorchen wollten, indem der Herzog sich des Titels ihres Souverains unwürdig gemacht hätte.

Seines eigenen Vortheils wegen, ließ sich der Herzog von Burgund sehr angelegen sein und wandte seine ganze Aufmerksamkeit auf den Nuzen, den er daraus zu ziehen gedachte; dieser zielte schlechterdings dahin, Jacobine gänzlich zu unterdrücken. Er foderte den Herzog von Glocester trozig auf, und zwischen beiden Theilen entstund ein Briefwechsel, der keine andere Folgen als den Krieg nach sich zog. Humphrei, der damals seine Gemalin zärtlich liebte, war über die ihr wiederfahrne Kränkung äuserst gerührt. Die harte Unterredung, die ihre Mutter mit seiner Gemalin gehabt hatte, sezte ihn vollends in Wuth; und da er alle Kräfte anwenden wollte sie zu rächen, beschloß er, eine Reise nach England zu machen, um von da desto leichter die erforderlichen Hülfs-Völker zu beziehen.

Die Gräfin von Hennegau, die ihrer Tochter mit so grosser Strenge, begegnet war, empfand, mehr aus Furcht, als aus anderm Triebe, einige Reue, und wollte sich nun in etwas menschlicher bezeigen. Dem zufolge gieng sie zu ihr, und bat sie, während der Abwesenheit des Herzogs von Glocester, in Bergen zu bleiben. Die Einwohner, die ihr dem Anschein nach ganz ergeben waren, erboten sich sie zu bewachen. Jacobine sahe so viele Wiederwärtigkeiten in ihrem Schiksal, daß ihr alles, ja sogar Humphreis Sorgfalt, dessen Eifer sich verdoppelte, verdächtig war. Da der Tag seiner Abreise anbrach, wollte sie ihn einige Meilwegs ausser Bergen begleiten. Beim Abschied schienen beide gleich gerührt, und eben sagten sie sich das lezte Lebewohl, als ein Frauenzimmer, das sich durch Schönheit und verbissene Wuth besonders auszeichnete, das Volk das sie umgab, durchdrang, und den Herzog von Glocester in vollem Eifer also ansprach: Verräther! feiger und treuloser Fürst! gieb mir meine Ehre wieder, die du mir geraubet hast, oder tödte mich vor den Augen derjenigen, die die Ursache deines Meineids ist. Madame! fuhr sie fort, sich zu Jacobinen wendend, verzeihen Sie meine Ausschweifung und entschuldigen solche in Rüksicht meiner Verzweiflung. So lange es mir möglich war, habe ich im verborgenen gelitten; allein die Kräfte eines zärtlichen und betrogenen Mädchens, die ohne Hülfe ist, sind nicht unerschöpflich. Dieser heimtückische Fürst, der Ihnen seine Hand gegeben hat, vergab ein Gut, das ihm nicht mehr eigen war. Er mißbrauchte die Unschuld meiner Jugend, und verführte mich unter Ausstosung der theuresten Schwüre, die ich unverbrüchlich zu sein glaubte. Sie sehen meine Person, ausserdem aber bin ich aus einer guten edlen Famillie entsprossen, daß er keine Ursache zum erröthen gehabt haben würde, wenn er sein heilig beschwornes Versprechen gehalten hätte.

Dieser unvermuthete Auftritt verursachte Jacobinen eine wunderbare Bestürzung. Mit vieler Aufmerksamkeit betrachtete sie die, die ihn erregt hatte. Sie fand, daß sie viele Reize hatte; und konnte sich nicht enthalten, sie zu bedauern. Der Herzog, ganz beschämt, war in der grösten Verlegenheit, wie er sich aus diesem verdrüslichen Handel wickeln sollte. Endlich, nachdem er sich lange besonnen hatte, sagte er zu Jacobinen: Madame! Kehren Sie sich an den Reden einer Unsinnigen nicht; nach ihrem Betragen können Sie auf ihre Unverschämtheit urtheilen. Die wahre Tugend schreiet nicht so laut und vor so vielen Zeugen. Ich versichere, daß ich Ihnen sehr treu bin, und daß ich jezt von Ihnen verliebter scheide, als ich es jemals war. Hierauf und ohne ihr weitere Zeit zur Erholung zu lassen, umarmte er sie, sezte sich aufs Pferd, und jug mit solcher Geschwindigkeit davon, daß man ihn augenbliklich aus den Augen verlohr. Die Bekümmerte aber, die ihn in Verlegenheit gesezt hatte, lief ihm mit einer Schnelligkeit, die man ihrer Schwäche nicht zugetrauet hätte, nach!

Der Lerm, den diese Begebenheit verursacht hatte, verbreitete sich bald bis zur Gräfin von Hennegau; und Jacobine, die wieder zurük nach Bergen gegangen war, hatte von ihrer Mutter die empfindlichste Spötteleien auszuhalten. Wenn ich mich nicht irre, sagte sie zu ihr, so schmeichelt sich die verzweiflungsvolle Schöne mit einem glüklichen Erfolg ihres zärtlichen Ausfalls, und der eine merkwürdige Epoche in Ihrem Roman machen wird. Die kleine Ausschweifung des Herzogs von Brabant war Ihnen empfindlich, weil Sie ihn nicht liebten, und die weit grössere des Herzogs von Glocester werden Ihnen noch viel empfindlichere Schmerzen verursachen. Aus Mittleiden muß man Sie bedauern und aus Vernunft tateln; denn überhaupt sind Sie nicht zu entschuldigen. Die aller unschuldigsten meiner Handlungen, erwiederte Jacobine, werden Ihnen allezeit wie unverzeihliche Fehler vorkommen; denn nur gegen den Herzog von Brabant sind Sie leicht nachsichtlicht. So groß aber dieses gefällige Betragen ist, weis ich dennoch nicht, ob er es nicht einstens erschöpfen wird. Wenn der Herzog von Glocester vor unserer Bekanntschaft einige flüchtige Liebes-Verständnisse gehabt hat, folget daraus daß er mich verlassen wird? Wenn eine Verwegene sich selbst anklaget, kann deswegen der Schimpf, auf mich zurükfallen? Sie suchen mich nur zu beleidigen; denn Sie müssen den Schimpf den mir der Herzog von Brabant, da er mich schändlicher Weise der von Degre aufopferte, angethan hat, einem unbedeutenden Liebeshandel, den der Herzog von Glocester vor unserer Verbindung gehabt hat, nicht vergleichen. Betrügen Sie sich Madame! erwiederte die Gräfin honlächelnd, und schmeicheln Sie wenigstens mit freiwilliger Blindheit Ihren Verwirrungen. Sie bedürfen keines Raths; und da Sie den Weg nach England allein gefunden haben, so können Sie leicht weit entlegenere Betrüger finden. Unter Ausstosung dieser beleidigenden Worte verließ sie Jacobinen, die ihrem beklemmten Herzen bei der Climberge, mit einer Thränenfluth Luft zu machen suchte. Nun siehest du, sagte sie zu ihr, in welche Kette von Leiden ich mich durch dein Zureden verwickelt habe. Du siehest die Päbste, meine Anverwandte und alle vernünftig denkende Menschen gegen mich aufgebracht. Du siehest ferner eine Unbekannte aus der Erde empor kommen, der es vermuthlich der Himmel eingegeben hat, mich durch ihren Vorgang auf das zu bereiten, was mir unbezweifelt selbst wiederfahren wird. Ha! Climberge! ich bin an meinem Unglük schuld! Die schnelle Abreise des Herzogs von Glocester überzeuget mich, daß er nichts zu meiner Beruhigung zu sagen wuste. Seine Liebste ist ihm nach, sie ist schön und entschlossen; vieleicht sind sie schon vereiniget; denn ich sehe nur schrekhaften Auftritten entgegen. Ich gebe zu Madame! antwortete die Climberge, daß Sie einige Ursache haben verdrüslich zu sein; allein ist der Verdrus von solcher Beschaffenheit, daß er Sie in einen so verzweiflungsvollen Zustand sezen sollte? Seit dem der Herzog von Glocester Ihr Gemal ist, was können Sie ihm vorwerfen? Seine ehrerbietige und sorgfältige Aufmerksamkeit hat Ihrer Zärtlichkeit entsprochen; die seinige hat er Ihnen durch stets gefälliges Betragen bewiesen, und Sie beunruhigen sich dar über, weil es einer thörigten Creatur beliebt, ihre Ausschweifung selbst öffentlich bekannt zu machen? Er hat Ihnen nicht gesagt, daß er niemalen einige verliebte Abentheuer gehabt hätte. Wenn diese Unverschämte noch einige Gewalt über das Herz Ihres Gemals hätte, würde sie wohl mit solcher Wuth vor Ihnen ihr Recht zu behaupten suchen? Beruhigen Sie sich Madame! mit diesen Betrachtungen, und lassen Sie diese Ehrvergessene dem Herzog von Glocester immer nachlaufen; er schien bei ihrem Anblik so gleichgültig, daß man unbezweifelt einsehen konnte, er sei der Gunstbezeugungen, die sie ihm vermuthlich all zu freigebig aufgedrungen hat, überdrüssig: Die Ihrigen aber, die ihm von weit höherem Werth sind, wird er auch gewiß besser zu schätzen wissen. Schmeichle! unterbrach Jacobine, schmeichle so viel du willst. Dir allein, durch dein Zureden, habe ich meine jezige Leiden zu verdanken. Hiemit endigte sich diese Unterredung; Jacobine aber blieb ganz tiefsinnig.

Durch einige Engländer erfuhr Jacobine nach der Hand, daß die, die ihr dermalen so empfindliche Kümmernis verursachte, ein junges Frauenzimmer von guter Famille, Namens Eleonore, sei, die der Herzog von Glocester ehedessen vorzüglich geliebt hatte, und man damals auch in London geglaubt habe, daß er sich mit ihr vermälen würde. Durch einige wahrscheinliche Betrachtungen, die Jacobine desfals machte, tröstete sie sich einigermassen, da sie aber die Unbeständigkeit der Männer schon erfahren hatte, wiedersezte sich stetes Mistrauen ihrer Ruhe.

Ganz ohne Freunde war Jacobine nicht; verschiedene derselben hatten sich bemühet, den Pabst Martin für sie zu gewinnen; und da die Hohenpriester der römischen Kirche gewöhnlich dergleichen Knoten nicht so vest knüpfen, daß sie nicht auflösbar sein sollten; zog auch dieser sein eigenes Urtheil wieder ein, und hob hierdurch Jacobinens Beschämung zum Theil auf. Allein dieser gefällige Pabst gab damit neuen Anlaß zum Krieg. Der Herzog von Brabant war nichts weniger als ein Held; er zog das Vergnügen dem Geräusch der Waffen bis zur Feigheit vor; und da der Herzog von Burgund, der nur Jacobinens gänzlichen Sturz zum Augenmerk hatte, sahe, daß sie nur unter dem Schuz eines unerfahrnen Volks war, lies er ohne alle Achtung für das weibliche Geschlecht und der Würde einer Fürstin, die Provinz ihrer Zuflucht mit Kriegsvölker überziehen und in derselben übel haussen. Die Gräfin von Hennegau, die äusserlich sich stellte, als ob sie auf ihrer Tochter Seite wäre, aber ganz auf der des Herzogs von Burgund war, brachte durch ihre listige Unterhandlungen einen Vergleich zu stande, vermöge welchem: dem Herzog von Brabant die Provinz Hennegau zum Eigenthum verblieb, wo er züglich alle Beleidigungen, die ihm etwa in derselben wiederfahren wären, zu vergessen und zu vergeben versprach, und daß Jacobine, bis der Proces, den man wieder aufs neue beim römischen Hof anhängig gemacht hatte, entschieden wäre, dem Herzog von Burgund zur sicheren Verwahrung übergeben werden sollte.

Diese Uebereinkunft, die Jacobinen so ganz nachtheilig war, verursachte ihr den tiefsten Schmerz. Nun sahe sie erst recht die Falschheit ihrer Mutter; und die Untreue der Einwohner Bergens ganz ein. Ob ihr gleich die Nachläßigkeit des Herzogs von Brabant bekannt war, glaubte sie dennoch nicht, daß er dem Ehrgeiz des Herzogs von Burgund alles so schlechterdings aufopfern würde. Man drohete ihr, daß, falls sie diesen Vergleich nicht eingehen würde, sie dem Herzog von Brabant zu überantworten. Ihre eigenen Bediente wurden gefangen gesezt. Sie selbst aber wurde nicht nur als eine Staatsgefangene, sondern als eine würkliche Mißethäterin behandelt. Da sie keine Nachricht vom Herzog von Glocester hatte, und daher nicht wissen konnte, was in England vorgieng, marterte dieses ihr Gemüth um so mehr. In dieser äusersten Verlegenheit lies sie folgendes Schreiben an den Herzog ergehen:

„Es würde überflüssig sein, Ihnen eine weitläuftige Erzählung meines bejammernswürdigen Zustands zu machen; denn das Gerücht trauriger Begebenheiten verbreitet sich nur all zu schnell und zu sorgfältig. Dieses finde ich aber nöthig, Ihnen in Erinnerung zu bringen, daß Sie mir mit Ihrer Hand zugleich Ihr Herz zugesichert haben. Mich von Ihnen nicht mehr geliebt und verlassen sehen, würde mein trauriges Herz unter allen Leiden, die auf mich losstürmen, das empfindlichste sein. Mein gröster Feind hier ist meine eigne Mutter. Ich bin meiner Länder beraubet, und meine noch wenige, getreu gebliebene Diener liegen in Fesseln. Mir selbst aber ist keine andere Wahl gelassen, als mich der Sclaverei des Herzogs von Burgund, oder der des Herzogs von Brabant, zu unterwerfen. Urtheilen Sie also was aus mir werden würde, wenn Sie mich verliessen. Nicht der Ehrgeiz, sondern meine gegen Sie tragende Liebe fordert Sie auf. Denn wären Sie mir weniger schäzbar gewessen, so würde ich jezt mehr Muth haben. Ziehen Sie bei dieser Gelegenheit die Reize der schönen Eleonore nicht zu Rath; sie dürften mir nachtheilig sein. Da ich nicht angestanden habe, Ihnen mein Herz zu schenken, gebe ich Ihnen jezt auch die Versicherung, daß ich mit unverbrüchlicher Treue Zeitlebens sein werde &c. Jacobine.“