Part 1
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Anmerkungen zur Transkription
Der vorliegende Text wurde anhand der 1791 erschienenen Buchausgabe so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Dies gilt insbesondere für eine Vielzahl altertümlicher Ausdrücke in unterschiedlichen Schreibweisen, welche nur dann harmonisiert wurden, wenn eine Variante im Text mehrmals auftritt, die andere dagegen nicht mehr als einmal. So werden etwa Wörter, die die Buchstabenkombination ‚tz‘ enthalten, in mehreren Schreibweisen gleichberechtigt verwendet (z.B. ‚setzen‘, ‚sezen‘ oder ‚sezzen‘). Oftmals wird ‚wann‘ für ‚wenn‘ verwendet; auch dies wurde so belassen, soweit der Sinn erkennbar bleibt. Personen- und Ortsnamen wurden nicht in deren heute üblichen Schreibweisen übertragen.
Wie in der damaligen Zeit üblich, folgt auf Kardinalzahlen oft ein Punkt, auf Ordinalzahlen aber nicht; umgekehrt wie in den heutigen Rechtschreibregeln festgelegt. Diese Regel wurde im Original zwar nicht konsequent eingehalten, eine Harmonisierung erfolgte im vorliegenden Text dennoch nicht.
Korrekturen aus der Liste der ‚Druckfehler‘ am Ende des Buches wurden bereits in den Text eingearbeitet. Offensichtliche typographische Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
Die von der Normalschrift abweichenden Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den nachfolgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:
kursiv: _Unterstriche_ gesperrt: +Pluszeichen+
Kapitälchen wurden in GROSSBUCHSTABEN umgewandelt.
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JACOBINE
von
_BAIERN_
GRÄFIN VON HENNEGAU, Holland, Friesland und Zeeland.
Eine vaterländische Geschichte aus dem fünfzehenden Jahrhundert.
Frankfurt bei Johann Daniel Knoop 1791.
IHRO KÖNIGLICHEN HOHEIT
DER
PREISWÜRDIGSTEN
STATTHALTERIN
BELGIENS
FRIEDERIKE SOPHIE WILHELMINEN
unterthänigst gewidmet.
Da Tausende, die DEINER Huld sich freu’n, Von Dank durchglüht, DIR reichen Weihrauch streu’n, Leg ich auf den Altar Ein Blümchen hin. -- Nimms gnädig an, Erhabenste! ich gebe, was ich kann Und brings voll Ehrfurcht dar.
_Jordan._
Vorbericht.
Ob zwar die Begebenheiten einer Fürstin, die vor mehreren Jahrhunderten gelebt hat, eben die Neuheit nicht haben, auch denen, die nur einigermaßen in der Geschichte älterer Zeiten bewandert sind, bekannt sein werden; so scheinen sie mir doch, besonders bei jezigen, in den befragten Ländern herrschenden Unruhen, interessant genug, aus verschiedenen Bruchstücken und einer französischen Handschrift einen Auszug zu verfertigen und solchen zum Druck zu befördern. Wollte man diese Geschichte ganz zum Roman bilden, so lies sie sich freilich viel weiter ausdehnen; allein in solchem Fall müste nothwendiger Weise oft von der Wahrheit der Sache selbst abgewichen werden. Auch hätte ich um der Geschichte einen glänzendern Anstrich zu geben, sie mit Turniren, Bällen und andern dergleichen galanten Lustbarkeiten ausschmücken können; allein eine Fürstin, deren Leben durch so viele und anhaltende Widerwärtigkeiten vergället war, konnte wenig an dergleichen Ergözlichkeiten denken. Ausserdem glaub ich dem Leser einen Gefallen zu thun, wenn ich diese Tändeleien, so wie den verliebten Stil ganz weglasse und nur buchstäblich bei der Geschichte bleibe. Ueber die vier Gemahle, die meine Heldin theils aus Gehorsam, theils aus Schwachheit, genommen hat, wird sich freilich manche Spröde ärgern; indessen wenn sie die unglükliche Verfassung, in der sie sich befand, genau erwegen, werden sie gewis nicht so streng in ihrer Beurtheilung sein; dann sie war von ihrer eigenen Mutter verlassen; auf Veranlassung der Päbste muste sie Fehler begehen, die einigermaßen gegen den Wohlstand stritten, und bei ihren stetigen Widerwärtigkeiten konnte sie sich bei niemanden Raths erholen. Ob man ihr freilich manchen Vorwurf machen kann, so ist sie doch nichts destoweniger auf der andern Seite so viel mehr zu bedauern. Sie besas sehr viel gute Eigenschaften, und hatte die gerechtesten Ansprüche auf ein glänzendes Glück. Diese Vortheile aber vermochten nicht, sie für dem empfindlichsten Elend zu schüzen, und ihre grossen und vielen Widerwärtigkeiten beweisen, welch vergängliche Dinge, Ehre, Reichthum und Schönheit in der Welt sind.
+Homburg vor der Höhe+ im Heumonat 1790.
Der Verfasser
Da öfters Menschen von reifern Jahren ihre Handlungen mit wenig Vorsicht und Klugheit unternehmen und verrichten, so ist es nicht zu verwundern, daß junge, von aller Erfahrung noch entblößte Menschen in diese Fehler verfallen. Die täglichen Beispiele beweisen solches zur gnüge; allein gewisse Fehler, die aus jugendlicher Unbedachtsamkeit begangen werden, lassen sich um so viel mehr entschuldigen, weil das Herz keinen Antheil daran hat, und man also der Tugend nicht ganz entsaget.
Die Heldin, deren merkwürdige Begebenheiten hier vorgetragen werden, war eine der, sowohl durch Verdienste als häufige Unglücksfälle berühmten Prinzeßinnen jener Zeiten, in welchen tugendhafte Handlungen noch unter dem Joch der Barbarei lagen. Ihre erhabene Geburt, ihre ausserordentliche Schönheit, und über dieses alles, ihr erleuchteter Geist, zeichnete sie vor allen andern ihres Geschlechts aus. Ihr Betragen mit dem strengen Richterauge betrachtet, solte man urtheilen, daß Liebe und Unbeständigkeit bei ihr Fehler des Temperaments waren, allein untersucht man ihre Handlungen, so wird man finden, daß sie weit mehr wegen ihres vielfältigen Unglücks zu bedauern als zu schelten war.
_Jacobine_, Prinzeßin von Baiern und Gräfin von Hennegau, war die einzige Tochter und Erbin Wilhelms des IV. von Baiern, Grafen von Hennegau, Holland, Friesland und Zeeland, und der _Margaretha_ Herzogs Philipp des Kühnen von Burgunds Tochter, Uhrenkelin Kaiser Ludwig des V. von welcher sie 1401. gebohren ward. Ihre erhabene Geburt und der Glanz ihres Hausses, veranlaßten, daß die mächtigsten Fürsten, sich schon in ihrer zarten Jugend um sie bewarben. Karl VI. König von Frankreich, gab sich für seinen Sohn Johann, Dauphin von Vienois, um ihren Besiz besonders viele Mühe, und die Verlobung erfolgte auch wirklich im Jahr 1406. da Jacobine erst fünf und der Dauphin, der 1398. gebohren, acht Jahr alt war. Ob nun gleich die förmliche Vermählung weit hinaus gesezet wurde, so betrachtete man doch Jacobine von Stund an, als Königin von Frankreich, und erwies ihr gleiche Ehrerbietung. Der König von Frankreich stund mit dem Grafen von Hennegau in dem besten Einverständnis, allein der Dauphin und seine Braut, kannten sich nur daher, daß man öfters von dieser Verlobung in ihrer Gegenwart sprach.
Da nun die Liebe an diesem Bündnis keinen Antheil hatte, so wollte sie bis zur Vollziehung der Vermählung dennoch nicht unthätig bleiben, sondern ihre gewöhnliche Streiche spielen. Johann von Burgund, Herzog von Brabant, der wenig Geist aber desto mehr Ehrgeiz besaß, nahm auf einige Zeit seinen Auffenthalt zu Bergen. Da Jacobine und er leibliche Geschwisterkinder waren, berechtigte ihn dieses, den beständigen Zutritt bei ihr zu haben. Die Gräfin von Hennegau liebte ihn als ihr eigenes Kind, weil er der Sohn ihres Bruders war, und sie hätte daher sehr gewünscht, daß die beträchtlichen Güter ihrer Tochter lieber ihm als dem Dauphin zugefallen wären.
Der Herzog von Braband war eines ziemlich guten Ansehens, und dabei sehr reich; allein sein Verstand war eingeschränkt, und er hatte einen so wunderlichen Sinn, daß auch die Allernachgiebigsten mit ihm nicht auskommen konnten.[A] Dem ohnerachtet verliebte er sich auf das heftigste in Jacobinen; allein seine Leidenschaft hatte nicht jene zärtliche Empfindungen, die vermögend sind, das Herz des Gegenstandes zu rühren.
Um diese Zeit 1407 ereigneten sich in Frankreich Vorfälle von grosser Wichtigkeit für das Haus Burgund. Ludwig, Herzog von Orleans, hatte sich die Schwachheit seines Bruders, des Königs Karl, zu Nuze gemacht, und durch einen Anhang von mehr als sechshundert Edelleuten sich fast der gänzlichen Regierung bemächtiget. Dieses erwekte Eifersucht bei dem Herzog Johann von Burgund, der gleichfalls Antheil an der Regierung haben wollte. Ob nun gleich diese Zwistigkeiten durch Vermittelung ihres Oheims, des Herzogs Johann von Beri, waren beigelegt und beide Prinzen vereiniget worden; so lies doch Johann von Burgund den Herzog von Orleans den 23ten Nov. bei der Pforte _Barbette_ in Paris meuchelmörderischer Weise umbringen.[B]
Die hinterlassene Gemahlin und Kinder des Herzogs von Orleans suchten diesen Mord zu rächen; der Herzog von Burgund der sich nach Flandern geflüchtet hatte, vertheidigte sich schlecht, und die Gräfin von Hennegau, seine Schwester, war natürlicher Weise auf seiner Seite. Da aber der König von Frankreich die Anverwandten der Dauphine schonen wollte, trieb er diese Sache nicht eifrig, sondern wünschte einen Vergleich.
Der junge Herzog von Brabant und Jacobine, die noch keinen Antheil an diesen Zwistigkeiten nehmen konnten, vertrieben sich die Zeit während man am Hof Karls VI. von nichts als Blut und Mord sprach, mit unschuldigen Spielen. Denn nachdem der Herzog von Burgund dem Bischof zu Lüttig, Johann von Baiern, gegen seine aufrührerische Unterthanen beigestanden, und diese vor Mastricht den 23ten Sept. 1408. geschlagen und vertrieben hatte, kam er mit gewafneter Hand nach Paris, vertheidigte sein Verbrechen, zog während der Schwachheit des Königs[C] die ganze Regierung an sich, verübte grosses Unheil im Königreich, und entzündete dadurch den noch unter der Asche glimmenden bürgerlichen Krieg an allen Enden des Königreichs.[D]
Ob nun gleich der junge Herzog von Brabant Jacobinen auf das heftigste liebte, hatte sie doch nicht die geringste Gegenliebe noch Neigung zu ihm. Alle seine Tritte misfielen ihr; denn in allen seinen Handlungen herrschte ein so albernes Wesen, das ihn ihr unerträglich machte. Jacobine wurde nicht anderst als mit dem Namen Dauphine benennt, daher erwies man ihr auch, als der Gemahlin des zukünftigen Thronfolgers eines mächtigen Königreichs die gebührende Ehrerbietung, und ihre guten Eigenschaften verdienten auch dieses hochachtungsvolle Betragen.
Der Graf von Hennegau bemerkte durch seine Scharfsichtigkeit die Leidenschaft des Herzogs von Brabant leicht. Er sagte daher eines Tages zu seiner Gemahlin: Ich fürchte, diese jungen Leute, die nicht für einander bestimmt sind, dürften am Ende zu vertraut miteinander werden; ich ersuche Sie also, nöthige Maasregeln zu nehmen, damit diese Vertraulichkeit nicht zu weit gehe. Sie wollen, antwortete die Gräfin, Sachen sehen, die mir gar nicht bedenklich scheinen; und wie können Sie begehren, daß Kinder, die Blutsfreunde sind, sich einander gleichgültig begegnen sollen? Glauben Sie mir diese Art angenommener Vertraulichkeit, führt öfters weiter als man glaubet. Ihre Tochter gehöret weder Ihnen, mir, noch sich selbst mehr; ich verlasse mich auf Ihre Klugheit und beschwöre Sie, alle Sorgfalt zu gebrauchen, ihre Aufführung zu beleuchten, damit mir kein Verdruß daraus erwachse. Aber Graf! was wollen Sie daß ich thun soll? antwortete sie, und was kann ich desfalls zwei noch unschuldigen Kindern verständliches sagen? Sie glauben sie unschuldiger als sie würklich sind, fuhr der Graf fort; denn, obgleich der Herzog von Brabant keinen glänzenden Verstand hat, ist er doch der Liebe fähig; meine Tochter hat schon zu viel Geist, und ich würde verzweifeln, wenn ihr Jemand Empfindungen beibrächte, die sie einzig und allein gegen den Dauphin haben soll. -- Ihre Vorsicht scheinet mir ganz unzeitig zu sein, erwiederte die Gräfin; jedoch um Sie zu befriedigen, will ich das Betragen meiner Tochter und meines Neffen genau beobachten; allein, in Wahrheit! ich wünschte nicht, daß man Ihr Mistrauen und Ihre unnüze Vorsicht gewahr würde. -- Thun Sie nur was ich begehre, schloß der Graf, und sein Sie unbekümmert, was andere seltsames in meinem Betragen finden mögen.
Nach dieser Unterredung gieng die Gräfin in der Dauphine Zimmer, die man eben ankleidete. Sie sahe heute ausserordentlich schön aus, und der Herzog von Brabant betrachtete sie mit solcher Aufmerksamkeit, daß er die Ankunft der Gräfin von Hennegau kaum gewahr wurde. Sie scheinen mir sehr tiefsinnig zu sein, Herr Herzog! redete sie ihn an; haben Ihnen Ihre Lehrer eine so wichtige Lexion aufgegeben, oder Sie angewiesen, Betrachtungen über die Frau Dauphine zu machen? Ich finde meinen Vortheil besser ihre Reize zu bewundern, erwiederte er, als ein unnüzes Thema auszuarbeiten, und hierinn ist mein Herz allezeit mit meinen Augen übereinstimmend. Die Gräfin verwundert über diese Erklärung, antwortete: Da Sie die Dauphine nicht ewig beschauen können, rathe ich Ihnen sich in Zeiten und nach und nach an ihre Abwesenheit zu gewöhnen; denn es ist nicht wahrscheinlich, daß Sie dieselbe nach Paris begleiten werden. Gehet sie ohne mich dahin, äuserte der Herzog weiter, so muß ich sterben; warum haben Sie sie dem Dauphin versprochen, der sie nicht kennt und der sie nie so inbrünstig, wie ich lieben wird? -- Ihre kleine Thorheit kann groß werden, erwiederte die Gräfin; Sie werden nicht mit nach Frankreich gehen; denn Sie müssen notwendiger Weise in Ihren Staaten zurück bleiben. -- Ha! ich werde sicher dahin gehen, rief er aus, und sollte es nur sein um den Dauphin zu bekriegen. Mit diesen Worten entfernte er sich, und die Gräfin sahe nur zu gut ein, daß ihres Gemahls Furcht gegründet war. Sie redete hierauf die Dauphine folgender Weise an: Gefällt Ihnen der Herzog so gut wie Sie ihm zu gefallen scheinen, und würden Sie es gerne sehen, wann er die Waffen gegen Ihren Gemahl ergriffe? Lachend antwortete die Prinzessinn ich schäzze den Herzog als einen Blutsfreund von Ihnen, und weil Sie ihm besonders gewogen sind; allein da ich dem Krieg feind bin, würde es jederzeit gegen meinen Willen sein, er möge auch bekriegen wen es seie. Begegnen Sie ihm nicht streng, sezte die Gräfin hinzu; allein lassen Sie sich nicht zu vertraut mit ihm ein. Die Dauphine versicherte, daß sie diesem ohne Zwang folgen werde, und daß sie bis jezt noch nichts empfunden hätte, das ihrer Schuldigkeit entgegen wäre. Ohnerachtet nun die Gräfin von Hennegau durch diese Unterredung von der Leidenschaft des Herzogs überzeugt war, wollte sie doch ihrem Gemahl nicht eingestehen, daß er recht geurtheilt habe.
Die Dauphine, die nunmehr heranwuchs, ward von Tag zu Tag reizender, und desfalls allgemein bewundert. Die Leidenschaft des Herzogs von Brabant nahm, wegen der beständigen Gegenwart eines so liebenswürdigen Gegenstandes, immer mehr zu; allein sein von Natur widriges Betragen, leistete ihm in seinen jugendlichen Begierden bei dieser zärtlichen, doch lebhaften Prinzeßin, schlechte Dienste. Er sprach viel, allein die Gaben des Ausdruks fehlten ihm. Mit ausserordenrlichem Vorurtheil von sich war er eingenommen, und doch beobachtete man an ihm nichts, als ein hochmüthiges und widerwärtiges Betragen.
Der Graf von Hennegau, den seine Gemahlin endlich die Leidenschaft des Herzogs eingestanden hatte, fand für nöthig, da die Zeit sich nahete, wo seine Tochter dem Dauphin zugeführt werden sollte, den Herzog von Brabant zu entfernen. Er veranstaltete daher seine Zurückberufung. Bei dieser Gelegenheit verübte dieser junge Liebhaber die ausschweifensten Thorheiten. Er weinte, man muste ihn mit Gewalt fortbringen; ja! seine Wuth brach sogar in Vorwürfe und Drohungen aus. Der Gräfin, die ihn bedauerte, gieng es sehr zu Herzen; allein die Dauphine blieb ziemlich gelassen, und man sahe wohl, daß sie keine Gegenneigung für ihren Vetter hatte.
Die Zwistigkeiten zwischen dem Herzog von Burgund und dem Prinzen von Orleans dauerten beständig fort; jenes Verbrechen erweckte Grausen und Empfindungen des Mitleidens bei den Theilnehmenden. Der König, der zum strafen zu schwach war, und sowohl den Beleidiger als die Beleidigten schonen wollte, blieb saumselig, den Mord seines Bruders zu rächen und hielte seine Neffen nur mit eitlen Vertröstungen auf.
Endlich nahete die Zeit, wo die Dauphine ihrem Gemahl zugeführt werden sollte. Der Graf und die Gräfin von Hennegau, die grosse Neigung zur Pracht hatten, verschaften ihr einen glänzenden Hofstaat; und Jacobine, die nun an einem der glänzenden und artigsten Höfen Europens auftreten sollte, verabsäumte keine Mittel, die ihre natürliche Schönheit noch besser erheben konnten. Man hatte zu ihrem Gefolg verschiedene der schönsten Fräuleins ernannt; unter solchen war eine mit Namen von Degre ihre vertrauteste, und dieser waren die grösten Geheimnisse der Prinzeßin nicht unbekannt. Also Madame! sagte sie einige Tage vor der Abreise zu ihr, werden Sie in kurzem dem Dauphin zugehören, und der arme Herzog von Brabant wird in Verzweiflung fallen. Sein Temperament ist nicht so heftig, antwortete die Dauphine; sein Leichtsinn der mir bekannt ist, wird seine erste Neigung durch neue Gegenstände leicht unterdrücken und ihn heilen, und ich versichere dich, daß er mich jezt schon vergißt. -- Dieser Meinung bin ich nicht, Madame! erwiederte von Degre; allein das kann ich mit Zuverlässigkeit versichern, daß, da ich so grossen Antheil an allem was Sie betrift nehme, mir auch alle, die Sie lieben, nicht gleichgültig sein können. -- Um Dich wegen dieser guten Empfindungen zu belohnen, erwiederte die Dauphine scherzend, wünscht ich, daß Du die unumschränkteste Beherrscherin des Herzog von Brabant wärest, und mit Vergnügen würde ich Dich Rang und Glük mit ihm theilen sehen. Das Erröthen der von Degre überzeugte die Dauphine, daß ihr dieser Wunsch nicht misfiel; allein jene stellte sich ganz schamhaftig und antwortete der Dauphine: Sie spotten meiner Madame! übertriebener Eifer ziehet mir diese Beschämung zu; ich weis meine Hofnungen besser einzuschränken, und die von Degre haben keine vornehme Ketten genug um Herzoge von Brabant zu fesseln. -- Nun gut Thörin! fuhr die Dauphine fort, Du magst böse oder nicht böse sein, nichts destoweniger war es mein völliger Ernst, wenn ich wünschte, daß Du eine Fürstin und meine Anverwandtin würdest. Und ich Madame! sezte von Degre Hinzu, wünsche, daß Sie im Besiz des Dauphins, zu einer der glücklichsten, da Sie schon eine der vollkommensten in der Welt sind, werden mögen.
Endlich trat die bestimmte Zeit (1417) ein, in welcher die Dauphine ihrem Gemahl zugeführt werden sollte. Der Graf und die Gräfin von Hennegau begleiteten sie nach Compiegne, wo ihrer der Dauphin erwartete. Die Zusammenkunft dieses jungen Paars, war zwar nicht ausserordentlich feurig; allein doch nicht ganz gleichgültig. Der Dauphin war liebenswürdig und die Prinzeßin, seine Braut, besaß unzählbare Reize. Die Königin von Frankreich, unter Begleitung des Herzogs von Tourraine, ihres Sohnes, des Herzogs von Britanien, und mehrerer Prinzen empfingen sie zu Senlis. Das beiderseitige Vergnügen wurde durch vielfältige Veränderungen in Lustbarkeiten gefeiert, über welche die Dauphine viel Zufriedenheit bezeugte. Die Königin und die Gräfin erwiesen sich gegenseitige Freundschaft,[E] und nachdem man verschiedene Tage in Fröhlichkeit zugebracht hatte, gieng die Königin zurück nach Paris, der Dauphin mit seiner Gemahlin nebst der Gräfin ihrer Mutter aber nach Compiegne. Der Graf von Hennegau, der, wichtiger Angelegenheiten wegen, nach Paris gegangen war, entfernte sich, auf gewisse Warnungen, die man ihm eines Verdachts wegen beibrachte, gleich wieder. Da er nun durch die Heirath seiner Tochter sich den Dauphin ganz eigen gemacht hatte, gieng er mit der Hoffnung, ganz seine Absichten zu erreichen, zu ihm nach Compiegne; allein das Verhängniß drohete Frankreich und dem Grafen von Hennegau mit grossen Unglücksfällen. Bei seiner am 5ten April erfolgten Ankunft, fand er den Dauphin an einem vorgeblichen Halsgeschwühr in den lezten Zügen liegen, welcher gleich hernach seinen Geist aufgab, und durch diesen unerwarteten Todtesfall verschwanden zugleich alle weitere grosse Aussichten für den Grafen von Hennegau. Traurig und schmerzhaft für beide Familien, war dieses Absterben, das ganz Europa in Verwunderung sezte. Die Dauphine, deren Schmerz um so grösser war, da sie wirklich anfieng ihren jungen Gemahl zu lieben, gieng, statt nach Paris, mit ihrer Mutter zurück nach Bergen. Der Dauphin wurde ganz stille und eiligst in der Abtei Cornelien zu Compiegne begraben, welches den Verdacht seines schleunigen Todes um so mehr bestätigte; wie dann auch niemand zweifelte, daß er durch geheime Cabale des Herzogs von Brabant sei hingerichtet worden.