Chapter 6
Die in diesem Briefe enthaltenen Aeußerungen zeigten, wie Goethe den nüchternen gesunden Menschenverstand den schwärmerischen Ansichten Lavaters gegenüber geltend machte. Im mündlichen Austausch ihrer Ideen, im traulichen Gespräch hatten sie sich wenigstens so weit genähert, als ihre individuelle Denk- und Empfindungsweise erlaubte. Selbst das mißbilligende Urtheil über manche Schriften Lavaters nahm Goethe zurück. "Deine Offenbarung Johannis," schrieb er den 2. November 1779, "hat mir viel Vergnügen gemacht. Ich habe sie recht und vieles davon mehr als einmal gelesen. Da ich hörte, du habest darüber von Amtswegen gepredigt, gab es mir ein ganz neues Interesse, denn ich konnte nun mehr begreifen, wie du dich mit diesem Buche so lange beschäftigt, es ganz in dich hinüber empfunden hast, und es in einem so fremden vehiculo ohne fremden, vielleicht eigentlich heterogenen Zusatz wieder aus dir herausquellen lassen konntest; denn nach meiner Empfindung macht deine Ausmalung keinen andern Eindruck, als die Originalskizze macht, wenigstens einer Seele aus diesem Jahrhundert, wo man die Ideen, die du hineinlegst, selbst von Kindheit an hineinzulegen pflegt. Die Arbeit selbst ist dir glücklich von statten gegangen; einige treffliche Züge der Auslegung und Empfindung sind darin. Ausgemalt sind viele Stellen ganz trefflich, besonders alle, die der innern Empfindung von Zärtlichkeit und Kraft, wie z. B. die Verheißung des ewigen Lebens, das Weiden der Schafe unter Palmen u. s. w. In einigen Gestalten und Gleichnissen hast du dich auch gut gehalten; nur schwinden deine Ungeheuer für mich zu schnell in allegorischen Dampf. Doch ist auch dieß, wenn ich's recht bedenke, das klügste Theil, das du ergreifen kannst." Der Brief schließt mit den herzlichen Worten: "Laß uns ja einander bleiben, einander mehr werden. Neue Freunde und Lieben mag ich nicht. Leider fühl' ich meine dreißig Jahre und Weltwesen. Schon einige Ferne von dem werdenden, sich entfaltenden, ich erkenn' es noch mit Vergnügen, mein Geist ist ihm nah, aber mein Herz ist fremd. Große Gedanken, die dem Jüngling ganz fremd, füllen jetzt meine Seele."
In einem Briefe an Merk, vom 7. April 1780, meldete Goethe seine Genesung von einer langwierigen Krankheit, die ihn bald nach der Rückkehr aus der Schweiz befallen. "Schon in Frankfurt," schrieb er, "und als wir in der Kälte an den Höfen herumzogen, war mir's nicht just. Die Bewegung der Reise ließ es nicht zum Ausbruch kommen. Doch hatte ich eine böse Zusammengezogenheit, eine Kälte, und Untheilnehmung, die Jedermann auffiel und gar nicht natürlich war. Jetzt geht Alles wieder ganz gut."
Dieser Brief Goethe's enthielt zugleich flüchtige Andeutungen über manche literärische Entwürfe, die jedoch größtentheils unausgeführt blieben. "Der wichtigste Theil meiner Schweizerreise," schrieb er, "ist aus einzelnen, im Moment geschriebenen Blättchen und Briefchen durch eine lebhafte Erinnerung componirt. Wieland declarirte es für ein Poema. Ich habe aber noch weit mehr damit vor, und wenn es mir glückt, so will ich mit diesem Garn viele Vögel fangen. Zur Geschichte Herzog Bernhards von Weimar hab' ich viele Documente und Collectaneen zusammengebracht, kann sie schon ziemlich erzählen, und will, wenn ich erst den Scheiterhaufen gedruckter und ungedruckter Nachrichten, Urkunden und Anecdoten recht zierlich zusammengelegt, ausgeschmückt, und eine Menge schönen Räucherwerks und Wohlgeruchs darauf herumgestreut habe, ihn einmal bei schöner trockner Nachtzeit anzünden, und auch dieses Kunst- und Lustfeuer zum Vergnügen des Publici brennen lassen."
Auch in einem spätern Briefe an Lavater, vom 5. Juni 1780, nahm Goethe die Idee einer Biographie des Herzogs Bernhard wieder auf. "Ich scharre", schrieb er, "nach meiner Art, Vorrath zu einer Lebensbeschreibung dieses als Helden und Herrscher wirklich sehr merkwürdigen Mannes, der in seiner kurzen Laufbahn ein Liebling der Menschen gewesen ist, allmählich zusammen, und erwarte die Zeit, wo mir's vielleicht glücken wird, ein Feuerwerk daraus zu machen. Seine Jahre fallen in den dreißigjährigen Krieg. Sein und seiner Brüder Familiengemälde interessirt mich noch am meisten, da ich ihren Urenkeln, in denen so manche Züge leibhaftig wiederkommen, so nahe bin. Uebrigens versuche ich allerlei Beschwörungen und Hocus pocus, um die Gestalten gleichzeitiger Helden und Lumpen in Nachahmung der Hexe zu Endor wenigstens bis an den Gürtel aus dem Grabe steigen zu lassen, und allenfalls irgend einen König, der an Zeichen und Wunder glaubt, in's Bockshorn zu jagen."
Ueber jene Idee, die er wieder aufgab, äußerte sich Goethe in späteren Jahren mit den Worten: "Manche Zeit und Mühe ward auf den Vorsatz, das Leben Herzog Bernhards zu schreiben, vergebens aufgewendet. Nach vielfachem Sammeln und mehrmaligem Schematisiren ward zuletzt nur allzu klar, daß die Ereignisse des Helden kein Bild machten. In der jammervollen Ilias des dreißigjährigen Krieges spielte er eine würdige Rolle, ließ sich aber von jener Gesellschaft nicht absondern. Einen Ausweg glaubte ich jedoch gefunden zu haben. Ich wollte das Leben schreiben wie einen ersten Band, der den zweiten nothwendig machte. Ueberall sollten Verzahnungen stehen bleiben, damit Jedermann bedauerte, daß ein frühzeitiger Tod den Baumeister verhindert habe, sein Werk zu vollenden. Für mich war diese Bemühung nicht unfruchtbar; denn wie das Studium zu Götz von Berlichingen mir tiefere Einsicht in das funfzehnte und sechszehnte Jahrhundert gewährte, so mußte mir diesmal die Verworfenheit des siebzehnten sich mehr entwickeln, als sonst vielleicht geschehen wäre."
Auch durch anderweitige Beschäftigungen mochte Goethe jener historischen Arbeit entzogen worden seyn. Noch immer betrieb er mit lebhaftem Interesse die seit frühester Jugend ihm liebgewordenen Kunststudien. Seine Briefe an Merk und Lavater enthielten mannigfache Aeußerungen über den Entwurf und die Ausführung werthvoller Landschaften, Blätter und Skizzen, die er theils besaß, theils zu erhalten wünschte, um seine Sammlung zu vervollständigen. Ueber Albrecht Dürer schrieb er den 6. März 1780 an Lavater: "Ich verehre täglich mehr die mit Gold und Silber nicht zu bezahlende Arbeit des Mannes, der, wenn man ihn recht im Innersten erkennen lernt, an Wahrheit, Erhabenheit, und selbst Grazie nur die ersten Italiener zu seines Gleichen hat. Dieses wollen wir laut sagen." In diesem Briefe erwähnte er den Besitz einer Sammlung von "geistigen Handrissen, besonders in Landschaften", die er zu vermehren wünschte. Er schrieb darüber an Lavater: "Passe doch auf, dir geht so vieles durch die Hände. Wenn du so ein Blatt findest, worauf die erste, schnellste, unmittelbarste Aeußerung des Künstlergeistes gedruckt ist, so lasse es dir nicht entwischen, wenn du's um leidliches Geld haben kannst. Mir macht's ein besonderes Vergnügen."
Genährt ward Goethe's Kunstinteresse durch einen vierzehntägigen Aufenthalt Oeser's in Ettersburg. Nichts konnte ihm erfreulicher seyn, als das Wiedersehen seines alten Leipziger Freundes und Lehrers, dem er, nach seinem eignen Geständniß in früher mitgetheilten Briefen, einen großen Theil seiner Bildung verdankte. Oeser war vielfach beschäftigt mit der Einrichtung und Anordnung des Liebhabertheaters in Ettersburg, auf welchem das von Goethe nach Aristophanes bearbeitete Lustspiel: "die Vögel" vorgestellt werden sollte. Goethe schrieb über Oeser: "Der Alte hatte den ganzen Tag etwas zu kramen, anzugeben, zu verändern, zu zeichnen, zu deuten, zu besprechen, zu lehren u.s.w., daß keine Minute leer war. Seitdem er fort ist, gehts freilich ein wenig stiller und einfacher zu."
Durch Oeser's Abreise wich Goethe's Neigung zur Kunst allmählich dem in späteren Jahren wachsenden Interesse an mannigfachen Naturgegenständen. Seinem Freunde Merk hatte er in einem Briefe vom 3. Juli 1780 die Nachricht mitgetheilt, daß der Bildhauer Klauer Oeser's Kopf "allerliebst bossirt", und daß derselbe in Gyps gegossen und in grauen Stein gehauen werden solle. "A propops", fügte er hinzu, "von Steinen hab' ich jetzt etwas sehr Angenehmes und Unterhaltendes angefangen. Durch einen jungen Menschen, den wir zum Bergwesen herbeiziehen, lasse ich eine mineralogische Beschreibung von Weimar, Eisenach und Jena machen. Er bringt alle Steinarten mit seiner Beschreibung überein, und numerirt mit, woraus ein sehr einfaches aber für uns interessantes Cabinet entsteht. Wir finden auch mancherlei, was gut und nützlich, ich will aber nicht sagen, einträglich ist." Seinen Brief schloß Goethe mit der an Merk gerichteten Bitte: "Du thust mir einen großen Gefallen, wenn du mir gelegentlich ein Stück von den Graniten schicktest, die nicht weit von euch im Gebirge liegen, wo große abgesägte Stücke davon glauben machen, daß die Römer ihre Obelisken daher geholt haben. Wenn du einmal Gelegenheit findest zu erforschen, was der Felsberg auf seiner höchsten Höhe für Steine hat, wird es mir auch sehr angenehm seyn."
Während Goethe das Gebiet der Wissenschaft und Kunst nach den mannigfachsten Richtungen durchstreifte, schien seine poetische Thätigkeit zu schlummern. Geweckt ward sie wieder durch die Erscheinung von Wielands Oberon. Er schrieb darüber an Merk den 7. April 1780: "Du wirst den Oberon gelesen und dich daran erfreut haben. Ich habe Wielandn' dafür einen Lorbeerkranz geschickt, der ihn sehr erfreut hat." Nach einem spätern Briefe an Lavater vom 3. Juli 1780 war Goethe überzeugt: "so lange Poesie Poesie, Gold Gold und Crystall Crystall bleibe, werde auch Wieland's Oberon als ein Meisterstück poetischer Kunst geliebt und bewundert werden."
Von dem genannten Epos begeistert, warnte er in einem Briefe vom 24. Juni 1780 vor der seichten und anmaßenden Kritik, die auch das Trefflichste nicht verschone. "Bei Gelegenheit von Wieland's Oberon", schrieb er an Lavater, "brauchst du das Wort Talent, als wenn es der Gegensatz von Genie wäre, wo nicht ganz, doch wenigstens etwas Subordinirtes. Wir sollten aber bedenken, daß das eigentliche Talent nichts weiter seyn kann, als die Sprache des Genies. Ich will nicht chikaniren, denn ich weiß wohl, was du im Durchschnitt damit sagen willst, und ich zupfe dich nur beim Aermel. Wir sind oft gar zu freigebig mit allgemeinen Worten, und schneiden, wenn wir ein Buch gelesen haben, das uns von Seite zu Seite Freude gemacht, und aller Ehren werth vorgekommen ist, endlich gern mit der Scheere so gerade durch, wie durch einen weißen Bogen Papier. Wenn ich ein solches Werk auch blos als ein Schnitzbildchen ansehe, so wird es doch der feinsten Scheere unmöglich, alle kleinen Formenzüge und Linien, worin der Werth liegt, herauszusondern. Es ist nachher noch eins, was man nicht so leicht an einem solchen Werke schätzt, weil es so selten ist: daß nämlich der Autor nichts hat machen wollen und gemacht hat, als was eben da steht. Für das Gefühl, die Kunst und Freiheit, vieles wegzulassen, gebührt ihm freilich der größte Dank, den ihm aber auch nur der Künstler und Mitgenosse giebt."
Damit beruhigte sich Goethe bei dem einseitigen Urtheil, das von mehreren Seiten seinen "Triumph der Empfindsamkeit" traf, eine harmlose Satyre auf das damalige Weimarische Theaterpersonal, mit Anspielungen auf mancherlei Vorfälle und Tagesereignisse. Manchen Tadel mußte er auch vernehmen über die vorherrschende Sentimentalität in dem von ihm geschriebenen Schauspiel "Lila", in dem Drama "die Geschwister," und in andern seiner damaligen Producte. In eine dramatische Form kleidete Goethe auch mehrere theils ernste, theils scherzhafte Gedichte, zu denen er durch Festlichkeiten des Weimarischen Hofes veranlaßt ward.
Eine höhere poetische Idee lag seiner "Iphigenie" zum Grunde. Der erste Entwurf dieses Schauspiels und seines erst mehrere Jahre später vollendeten Romans: "Wilhelm Meisters Lehrjahre" fällt in diese Periode von Goethe's Leben. Das Urtheil seiner Freunde, denen er mehrere von seinen damaligen Producten handschriftlich mittheilte, war ihm nicht gleichgültig. Den 24. Juli 1780 schrieb er an Lavater: "Daß du Freude gehabt hast an meiner Iphigenie, ist mir ein außerordentliches Geschenk. Da wir mit unsern Existenzen so nahe stehen, und mit unsern Gedanken und Imaginationen so weit auseinander gehen wie zwei Schützen, die mit dem Rücken aneinander lehnend, nach ganz verschiedenen Zielen schießen, so erlaube ich mir niemals den Wunsch, daß meine Sachen dir etwas werden könnten. Ich freue mich deswegen recht herzlich, daß ich auch mit diesem Product wieder an's Herz gekommen bin."
In solcher Stimmung verschmerzte Goethe den Verdruß und Unmuth, den ihm ein gewinnsüchtiger Buchhändler, Himburg in Berlin, bereitet hatte, als er ohne Goethe's Mitwissen eine Sammlung seiner bisherigen Schriften in zwei Octavbänden veranstaltete. Goethe erhielt von ihm einen Brief, in welchem er dem Publikum einen großen Dienst erwiesen zu haben meinte, und sich erbot, dem Dichter als einen Beweis seiner Erkenntlichkeit einiges Berliner Porcellan zu schicken. Empört über die Anmaßung des unberufenen Verlegers seiner Schriften, ließ Goethe das an ihn gerichtete Schreiben unbeantwortet, und rächte sich im Stillen durch einige satyrische Verse.
Wissenschaftliche Forschungen der verschiedensten Art behielten für ihn ein lebhaftes Interesse. Immer neuen Genuß schöpfte er aus der Betrachtung der Natur, auch der anorganischen, auf seinen öftern Reisen in die Umgegend, besonders nach Franken, als Begleiter des Herzogs von Weimar. In Bezug auf seine mineralogischen Studien bemerkte Goethe in einem Briefe an Merk vom 11. October 1780: "Ich habe mich diesen Wissenschaften mit völliger Leidenschaft ergeben, und habe eine sehr große Freude daran. Dabei schränke ich mich aber nicht, wie die neuesten Chursachsen, philisterhaft darauf ein, ob jener Berg dem Herzog von Weimar gehört oder nicht. Wie ein Hirsch, der ohne Rücksicht des Territoriums sich äset, so denk' ich, muß der Mineralog auch seyn. Und so hab' ich vom Gipfel des Inselbergs, des höchsten vom Thüringerwalde, bis in's Würzburgische, Fuldaische, Hessische, Chursächsische, bis über die Saale hinüber, und wieder so weiter bis Saalfeld und Coburg herum, meine schnellen Ausflüge getrieben; habe die meisten Stein- und Gebirgsarten von allen diesen Gegenden beisammen, und finde in meiner Art zu sehen, das bischen Metallische, das den mühseligen Menschen in die Tiefen hineinlockt, immer das Geringste. Durch dieses alles zusammen und durch die Kramereien meiner Vorgänger bin ich im Stande, einen kleinen Aufsatz zu liefern, der gewiß interessant seyn soll. Ich habe jetzt die allgemeinsten Ideen und gewiß einen reinen Begriff, wie alles auf einander steht und liegt, ohne Prätension auszuführen, wie es auf einander gekommen ist. Da ich einmal nichts aus Büchern lernen kann, so fang' ich erst jetzt an, nachdem ich die meilenlangen Blätter unserer Gegenden umgeschlagen habe, auch die Erfahrungen Anderer zu studiren und zu nutzen. Dies Feld ist, wie ich jetzt erst sehe, kurze Zeit her mit großem Fleiße bebaut worden, und ich bin überzeugt, daß bei so viel Versuchen und Hülfsmitteln ein einziger großer Mensch, der mit den Füßen oder dem Geist die Welt umlaufen könnte, diesen seltsam zusammengebauten Ball ein- für allemal erkennen und beschreiben könnte, was vielleicht schon Büffon im höchsten Sinne gethan hat, weßhalb auch Franzosen und Deutschfranzosen sagen, er habe einen Roman geschrieben, welches sehr wohl gesagt ist, weil das ehrsame Publikum alles Außerordentliche nur durch den Roman kennt."
Durch diese Studien und andere Lieblingsneigungen ward Goethe nicht der Amtsthätigkeit entzogen, die seine Stellung als Geheimer Rath mit Sitz und Stimme in mehreren Collegien von ihm forderte. Die Huld seines Fürsten hatte ihn von manchen lästigen Geschäften befreit. Auch ward ihm, nach einem früher mitgetheilten Geständnisse, "sein Tagewerk leicht." Gleichwohl beklagte er sich in einem im Februar 1781 an Lavater geschriebenen Briefe, daß er fast zu viel auf sich lade. Er fügte hinzu: "Staatssachen sollte der Mensch, der darein versetzt ist, sich ganz widmen, und ich möchte doch auch so vieles Andere nicht fallen lassen."
In gleichem Sinne hatte er schon in einem frühern Briefe an Lavater geäußert: "Den guten Landes- und Hausvater würdest du näher nur bedauern. Was da auszustehen ist, spricht keine Zunge aus. Herrschaft wird Niemand angeboren, und der sie ererbte, muß sie so bitter gewinnen, wie der Eroberer, wenn er sie haben will, und bitterer. Es versteht dieß kein Mensch, der seinen Wirkungskreis aus sich geschaffen und ausgetrieben hat." Dann tröstete er sich wieder mit dem behaglichen Gefühl der Gesundheit. In einem Briefe an Lavater vom 18. März 1781 sprach er den Wunsch aus, daß Gott ihn noch lange auf dieser schönen Welt erhalten und ihm Kraft verleihen möchte, ihr zu dienen und sie zu nutzen. "Mit mir steht's gut," schrieb er, "besonders innerlich. In weltlichen Dingen erwerb' ich täglich mehr Gewandtheit, und vom Geiste fallen mir täglich Schuppen und Nebel, daß ich denke, er müßte ganz nackt dastehen, und doch bleiben ihm noch Hüllen genug."
Was ihn besonders über den Druck und Wechsel äußerer Lebensverhältnisse erhob, war Goethe's Sinn für die Schönheiten der Natur. Mannigfachen Genuß bot ihm sein am Weimarischen Park gelegener Garten. "Die nächsten Wochen des Frühlings," schrieb er den 9. April 1781 an Lavater, "sind mir gesegnet. Jeden Morgen empfängt mich eine neue Blume oder Knospe. Die stille, reine, immer wiederkehrende, leidenlose Vegetation tröstet mich oft über der Menschen Noth, ihre moralischen und noch mehr physischen Uebel." Aehnliche Aeußerungen enthielt ein späterer Brief an Lavater vom 22. Juni 1781. "Glaube mir," schrieb Goethe, "unsere moralische und politische Welt ist mit unterirdischen Gängen, Kellern und Kloaken minirt, wie eine große Stadt zu seyn pflegt, an deren Zusammenhang und ihrer Bewohner Verhältnisse wohl Niemand denkt und sinnt. Nun wird es dem, der davon einige Kundschaft hat, viel begreiflicher, wenn da einmal der Erdboden einstürzt, und dort einmal ein Rauch aufgeht aus einer Schlucht."
Von solchen Betrachtungen wandte sich Goethe, wie er es schon in seiner Jugend gethan, zum Uebersinnlichen. "Ich bin," schrieb er an Lavater, "geneigter als Jemand, noch an eine Welt, außer der sichtbaren, zu glauben, und ich habe Dichtungs- und Lebenskraft genug, sogar mein eignes beschränktes Selbst zu einem Swedenborgischen Geister-Universum erweitert zu fühlen. Alsdann mag ich aber gern, daß das Alberne und Ekelhafte menschlicher Excremente durch eine feine Gährung abgesondert, und der reinlichste Zustand, in den wir versetzt werden können, empfunden werde."
Unter mannigfachen Arbeiten und Zerstreuungen war Goethe, nach seinen eignen Worten, wieder zur Poesie zurückgekehrt. Neben der noch unvollendeten "Iphigenie" beschäftigte ihn die Idee, Torquato Tasso, den Dichter des befreiten Jerusalems, zum Helden eines Drama's zu wählen. Den Stoff zu den Umgebungen seines Schauspiels fand er an dem Hofe der Herzogin Amalie von Weimar. Dort lernte er den Ton kennen, der solchen Umgebungen ziemte. Seinem Freunde Lavater berichtete Goethe den 14. November 1781, er habe den ersten Act seines "Tasso" vollendet. "Ich wünsche," fügte er hinzu, "daß er auch für dich geschrieben seyn möchte." Goethe befand sich übrigens in einer Stimmung und in Verhältnissen, die der raschen Förderung seines Werks nicht günstig schienen. "Die Unruhe, in der ich lebe," schrieb er, ["]läßt mich nicht über dergleichen vergnügliche Arbeiten bleiben, und so sehe ich auch noch nicht den Raum vor mir, die übrigen Acte zu enden. Es geht mir, wie es den Verschwendern geht, die in dem Augenblicke, wenn über Mangel an Einnahme, überspannte Schulden und Ausgaben geklagt wird, gleichsam von einem Geiste des Widerspruchs außer sich gesetzt, sich in neue Verbindungen und Unkosten zu stürzen pflegen."
Treffend hatte Goethe in diesem Briefe sich selbst und die Beweglichkeit seines Geistes geschildert, die ihn nicht lange bei einem und demselben Gegenstande verweilen ließ. Auch das dramatische Interesse vermochte ihn nicht ausschließlich zu fesseln. In dem eben erwähnten Briefe meldete Goethe: "Auf unserer Zeichnungsakademie hab' ich mir diesen Winter vorgenommen, mit den Lehrern und Schülern den Knochenbau des menschlichen Körpers durchzugehen, sowohl um ihnen als mir zu nützen, sie auf das Merkwürdige dieser einzigen Gestalt zu führen, und sie dadurch auf die erste Stufe zu stellen, das Bedeutende in der Nachahmung sichtlicher Dinge zu erkennen und zu suchen. Zugleich behandle ich die Knochen als einen Text, woran sich alles Leben und alles Menschliche anhängen läßt; habe dabei den Vortheil, zweimal die Woche öffentlich zu reden, und über Dinge, die mir werth sind, mich mit aufmerksamen Menschen zu unterhalten.["] Das sei, meinte er, ein Vergnügen, dem er in dem gewöhnlichen Welt-, Geschäfts- und Hofleben entsagen müßte. Seine Jahre spornten ihn zu verdoppelter Thätigkeit. "Mit meinem Leben," schrieb er, "rückt es stark vor, und ich fange nun bald an zu begreifen, warum wir, sobald wir uns hienieden einzurichten angefangen haben, wieder weiter müssen."
Ueberhäufte Amtsgeschäfte nahmen damals Goethe's Kräfte fast übermäßig in Anspruch. Den 16. Juli 1782 schrieb er an Merk: "Es geht mir, wie dem Treufreund in meinen Vögeln. Mir wird ein Stück des Reichs nach dem andern auf einem Spaziergange übertragen. Diesmal muß mir's nun freilich Ernst, sehr Ernst seyn, denn mein Herr Vorgänger hat mir viel Arbeit gemacht. Manchmal wird mir's sauer, denn ich stehe redlich aus. Dann denk' ich wieder: Hic est aut nusquam, quod quaerimus." Auf ähnliche Weise äußerte sich Goethe in einem spätern Briefe vom 29. Juli 1782: "Von mir hab' ich nichts zu sagen, als daß ich mich meinem Beruf aufopfere, in dem ich nichts weiter suche, als wenn es das Ziel meiner Begriffe wäre."
Von den irdischen Angelegenheiten wandte sich Goethe wieder zu dem Uebersinnlichen. Sein Interesse daran ward durch den Briefwechsel mit Lavater lebendig erhalten. "Daß du", schrieb er den 4. October 1782, "mir noch einmal den innern Zusammenhang deiner Religion vorlegen wolltest, war mir sehr willkommen. Wir werden ja nun wohl bald einmal einander über diesen Punkt kennen und in Ruhe lassen. Großen Dank verdient die Natur, daß sie in die Existenz eines jeden lebenden Wesens auch so viel Handlungskraft gelegt hat, daß es sich, wenn es an einem oder dem andern Ende zerrissen wird, selbst wieder zusammenflicken kann; und was sind tausendfältige Religionen anders, als tausendfache Aeußerungen dieser Heilungskraft? Mein Pflaster schlägt bei dir nicht an, deins nicht bei mir; in unsres Vaters Apotheke sind viel Recepte. So hab' ich auf deinen Brief nichts zu antworten, nichts zu widerlegen; aber dagegen zu stellen hab' ich vieles. Wir sollten einmal unsere Glaubensbekenntnisse in zwei Columnen neben einander setzen, und darauf einen Friedens- und Toleranzbund errichten."