J. W. v. Goethe's Biographie

Chapter 5

Chapter 53,502 wordsPublic domain

Goethe war, als er sein Werk vollendet, wieder heiterer geworden. Er hatte sich, nach seinem eignen Geständniß in spätern Jahren, "aus einem stürmischen Element gerettet auf dem er durch eigene und fremde Schuld, durch zufällige und gewählte Lebensweise, durch Vorsatz und Uebereilung umhergetrieben worden war."

In Bezug auf die zahllosen Nachahmungen, Kritiken und Parodien seines Werks äußerte er sich unmuthig in einem Briefe vom 6. März 1775 mit den Worten: "Ich bin des Ausgrabens und Secirens meines Werther herzlich satt. Der Eine schilt, der Andere lobt, der Dritte sagt, es gehe doch noch an, und so hetzt mich Einer wie der Andere. Nimmt mir's doch," fügte er hinzu, "nichts von meinem Ganzen, rührt's und rückt mich's doch nicht in meinen Arbeiten, die immer nur die aufbewahrten Freuden und Leiden meines Lebens sind." An einer von dem Berliner Buchhändler Friedrich Nicolai herausgegebenen Schrift, "die Freuden des jungen Werther" betitelt, rächte sich Goethe durch ein satyrisches Gedicht: "Nicolai an Werthers Grabe" und durch einen in Prosa geschriebenen Dialog zwischen Lotte und Werther. Beide Producte blieben ungedruckt.

Den mannigfachen Fragen, die über das Leben und den Charakter des unglücklichen Jünglings, den er in seinem Roman geschildert, an ihn gerichtet wurden, suchte Goethevergebens auszuweichen. Die Neugier des Publikums befriedigte einigermaßen der unbekannte Verfasser einer damals (1775) erschienenen Schrift: "Berichtigung der Geschichte des jungen Werthers." Ungeachtet der ihm lästigen Zudringlichkeit fühlte sich Goethe doch als Autor geschmeichelt, daß mehrere talentvolle junge Männer seine Bekanntschaft suchten oder den Umgang mit ihm erneuerten. Am innigsten schloß sich, als er wieder nach Frankfurt zurückgekehrt war, der Dichter Lenz an ihn an, den er schon, wie früher erwähnt, in Straßburg kennen gelernt hatte. Er zeigte ihm mehrere seiner dramatischen Produkte, den "Hofmeister," den "neuen Mendoza" u.a.m. Auch Wagner, der als Doctor der Rechte und Advokat in Frankfurt, gleichfalls der Poesie huldigte, kam dem Verfasser des Götz und Werther mit treuherziger Offenheit entgegen. Er täuschte jedoch Goethe's Vertrauen, der ihm mehrere seiner dramatischen Pläne mitgetheilt hatte. Gretchens Katastrophe im Faust benutzte Wagner unter andern für ein von ihm geschriebenes Trauerspiel, "die Kindesmörderin" betitelt. Reiner und inniger war das Verhältniß Goethe's zu seinem Landsmann, dem Dichter Klinger.

Mit Lavater hatte Goethe schon längere Zeit in Briefwechsel gestanden, und ihm, außer mehreren literarischen Entwürfen, den "Werther" im Manuscript mitgetheilt. Den 20. August 1774 schrieb er an Lavater: "Du wirst großen Antheil nehmen an den Leiden des lieben Jungen, den ich darstelle. Wir gingen neben einander, an die sechs Jahre, ohne uns zu nähern; und nun hab' ich seiner Geschichte meine Empfindungen geliehen, und so macht's ein wunderliches Ganze." In Bezug auf seine Thätigkeit bemerkte er in diesem Briefe: "Ich bin nicht laß; so lange ich auf der Erde bin, erobere ich gewiß meinen Schritt Landes täglich." Ueber seine Beschäftigungen ertheilte er einige Auskunft in einem spätern Schreiben vom 18. October 1774. "Meine Arbeit," äußerte er, "hat bisher in Portraits im Großen und in kleinen Liebesliedern bestanden. Ich habe seit drei Tagen mit dem mir möglichsten Fleiße gearbeitet, und bin noch nicht fertig. Es ist gut, daß man einmal Alles thue, was man thun kann." Lavaters Vorwürfe über die Zersplitterung seiner Zeit und Kräfte fertigte Goethe mit den Worten ab: "Was neckst Du mich wegen meiner Amüsements? Ich wollte, ich hätte eine höhere Bestimmung, so wollte ich weder meine Handlungen Amüsements nennen, noch mich, statt zu handeln, amüsiren."

Eine fortwährende Anregung gab dem Briefwechsel Goethe's mit Lavater, außer den Artikeln, die jener für dessen Physiognomik lieferte, besonders Lavaters Lieblingsthema, der Streit zwischen Wissen und Glauben. Ein Brief Goethe's, vom 24. November 1774, an Lavater und dessen Freund, den Diakonus Pfenninger in Zürich zugleich gerichtet, enthielt in dieser Hinsicht einige charakteristische Bemerkungen. Mit Herzlichkeit und in dem vertraulichen Tone schrieb Goethe: "Glaube mir, lieber Bruder, es wird die Zeit kommen, da wir uns verstehen werden. Du redest mit mir, wie mit einem Ungläubigen, der begreifen will, der bewiesen haben will, der nicht erfahren hat; und von alle dem ist gerade das Gegentheil in meinem Herzen.--Bin ich nicht resignirter im Begreifen und Beweisen, als ihr? Ich bin vielleicht ein Thor, daß ich euch nicht den Gefallen thue, mich mit euren Worten auszudrücken, und daß ich nicht einmal durch eine reine Experimental-Psychologie meines Innern euch darlege, daß ich ein Mensch bin, daher nicht anders sentiren kann, als andere Menschen, und daß Alles, was unter uns Widerspruch scheint, nur Wortstreit ist, der daraus entsteht, weil ich die Sachen unter andern Combinationen sentire, und darum, ihre Relativität ausdrückend, sie anders benennen muß, welches aller Controversen Quelle ewig war und ewig bleiben wird.--Und daß du mich ewig mit Zeugnissen quälen willst! Wozu das? Brauch ich Zeugniß, daß ich bin? Zeugniß, daß ich fühle? Nur so schätze, liebe, bete ich die Zeugnisse an, die mir darlegen, wie Tausend oder Einer vor mir eben das gefühlt haben, was mich kräftigt und stärkt. Und so ist das Wort der Menschen mir Wort Gottes, mögen's Pfaffen oder Huren gesammelt, und es zum Kanon gerollt oder als Fragmente hingestreut haben. Und mit inniger Seele fall' ich dem Bruder um den Hals--Moses! Prophet! Evangelist! Apostel! Spinoza oder Macchiavell! Darf aber auch zu Jedem sagen: Lieber Freund, geht dir's doch wie mir. Im Einzelnen sentirst Du kräftig und herrlich; das Ganze aber ging in deinen Kopf so wenig, als in den meinigen."

Der briefliche Ideenaustausch Goethe's mit Lavater verwandelte sich, als dieser 1774 wieder nach Frankfurt kam, in mündliche Ueberlieferung. Das Phantastische in Lavaters Natur verkannte Goethe nicht, aber er fand es, wie er in einem früher erwähnten Briefe sich ausgedrückt hatte, "mit dem schönsten, schlichtesten Menschenverstande gepaart." Ihn fesselte damals jede Natur, mochte sie auch von der seinigen noch so verschieden seyn. Nach Ems, wohin sich Lavater begab, begleitete ihn Goethe. Kaum wieder nach Frankfurt zurückgekehrt, traf er dort mit Basedow zusammen, der damals in der Pädagogik ein helleres Licht angezündet hatte, doch in allerlei seltsamen religiösen Ansichten befangen war, die er aufs Lebhafteste vertheidigte. Durch das Cynische in seinem Aeußern und ganzen Wesen fühlte sich Goethe zurückgestoßen, besonders durch den Geruch des schlechten Tabaks, den Basedow auf der Reise nach Ems, wohin ihn Goethe begleitete, fortwährend in die Luft blies. In mehrfacher Weise störte Basedow die gesellige Unterhaltung in dem Hause der Frau v. Stein zu Nassau. Als Goethe mit Lavater und Basedow wieder nach Frankfurt zurückkehrte, und, wie er in einem noch erhaltenen Gedicht sagt: "als das Weltkind zwischen zwei Propheten saß," benutzte er Basedows entschiedene Abneigung gegen die Trinitatslehre zu einer lustigen Rache. Er hieß den Kutscher schnell vorüberfahren bei einem Wirthshause, in welchem Basedow seinen brennenden Durst stillen wollte. Indem Goethe auf das mit zwei verschränkten Triangeln versehene Gasthofsschild hinwieß, äußerte er schalkhaft, daß Basedow, der schon über Einen Triangel außer Fassung gerathe, bei diesem Anblick geradezu verrückt hätte werden müssen.

Unbefriedigt und verletzt durch die ungleichartigen Naturen Lavaters und Basedows, schloß sich Goethe mit größerer Innigkeit den Gebrüdern Jacobi an, die er in Cöln kennen gelernt hatte. Der Dichter I.G. Jacobi verzieh ihm den Spott, den er sich über seine mit Gleim gewechselten Briefe und Gedichte, die damals im Druck erschienen waren, erlaubt hatte. Das offene Vertrauen, mit welchem ihm besonders F.H. Jacobi entgegenkam, gewann Goethe's Herz. Aber auch sein Geist fand Befriedigung in mannigfachen philosophischen Gesprächen, besonders über das System und die Lehre Spinoza's. Im wechselseitigen Austausch ihrer Ideen fühlten sich die Freunde sehr glücklich. Jacobi schrieb damals, den 27. August 1774, an Wieland: "Was Goethe und ich einander seyn sollten, seyn mußten, war, sobald wir vom Himmel herunter neben einander gefallen waren, sogleich entschieden. Jeder glaubte von dem Andern mehr zu empfangen, als er ihm geben konnte; Mangel und Reichthum auf beiden Seiten umarmten einander; so ward die Liebe unter uns."

In der Gemäldegallerie zu Düsseldorf, wohin Goethe mit den Gebrüdern Jacobi gereist war, fand sein Kunstsinn volle Befriedigung. Mit einem seiner Straßburger Bekannten, mit Jung-Stilling, traf Goethe in Elberfeld zusammen. Heinse, der Verfasser des Ardinghello, den er dort kennen lernte, bewunderte, nach einer brieflichen Aeußerung, an dem damals fünf und zwanzigjährigen Goethe "das Genie, vom Wirbel bis zur Zehe, den Geist mit Adlersflügeln."

Nach den verschiedenartigsten Richtungen verlor sich, als er wieder nach Frankfurt zurückgekehrt war, Goethe's literarische Thätigkeit. Er äußerte sich darüber in einem damaligen Briefe: "Geschrieben hab' ich allerlei, gewissermaßen wenig, im Grunde nichts. Wir schöpfen den Schaum von dem großen Strom der Menschheit mit unsern Kielen, und bilden uns ein, wenigstens schwimmende Inseln gefangen zu haben." So bezeichnete Goethe seine mannigfachen literarischen Entwürfe, von denen fast keiner ausgeführt ward. Längere Zeit beschäftigte ihn die Idee, das Leben Mahomet's dramatisch zu behandeln. Mehrere Scenen wurden theils skizzirt, theils vollendet. Erhalten hat sich jedoch von jenem Stück nichts weiter, als das in Goethe's Werken aufbewahrte Gedicht: "Mahomet's Gesang." Die bekannte Geschichte von dem ewigen Juden, die sich ihm schon früh durch die Volksbücher eingeprägt hatte, wollte er zu einem Epos benutzen. Auch die Fabel vom Prometheus hielt er für eine dramatische Bearbeitung geeigenet, von der sich jedoch nichts weiter erhalten hat, als das in Goethe's Werken aufbewahrte Gedicht "Prometheus." Vollendet ward von Goethe um diese Zeit (1774) nur das Trauerspiel "Clavigo", wozu ihm die von Beaumarchais geschriebenen Memoiren die nächste Veranlassung gegeben hatten. Gleichzeitig veröffentlichte Goethe aber auch unter dem Titel einer Farçe seine dramatische Dichtung: "Götter, Helden und Wieland." In den Anmerkungen zu seiner Uebersetzung Shakspeare's hatte Wieland den großen Britten scharf getadelt. Durch diesen Tadel und die zu moderne Behandlung der griechischen Götter in dem von Wieland geschriebenen Singspiel "Alceste" gereizt und aufgeregt, schrieb Goethe jenes satyrische Product, das seinen bisherigen Verhältnissen unvermuthet eine ganz andere und für sein späteres Leben einflußreiche Wendung gab.

Durch jene Posse hatte Goethe die Aufmerksamkeit eines jungen Fürsten erregt, der sich für den Verfasser des Götz und Werther bereits lebhaft interessirt hatte. Es war der damalige Erbprinz und nachheriger Großherzog Carl August von Sachsen-Weimar, der begleitet von seinem jüngern Bruder, dem Prinzen Constantin und dessen Erzieher v. Knebel, auf einer damalichen Reise Frankfurt berührte. Goethe ward den beiden Fürsten auf deren Wunsch, vorgestellt und bald nachher, im November 1775, als geheimer Legationsrath nach Weimar gerufen, wo er im damaligen geheimen Consilium Sitz und Stimme erhielt. Sein neues Verhältniß schilderte er in einem Briefe an Lavater vom 21. December 1775 mit den Worten: "Ich bin hier in Weimar wie unter den Meinigen. Der Herzog wird mir immer werther, und ich ihm immer verbundener." In einem spätern Briefe vom 22. Januar 1778 meldete Goethe seinem Freunde Merk: "Ich bin nun ganz in alle Hof- und politische Händel verwickelt. Meine Lage ist vorteilhaft genug, und die Herzogthümer Weimar und Eisenach sind immer ein Schauplatz, um zu versuchen, wie einem die Weltrolle zu Gesichte steht."

Mit vielem Humor charakterisirte Goethe seinen heterogenen Geschäftskreis in einem Briefe an Merk vom 5. August 1778. "Im Innern", schrieb er, "geht mir alles nach Wunsch. Das Element, in dem ich schwebe, hat alle Aehnlichkeit mit dem Wasser; es zieht Jeden an, und doch versagt dem, der auch nur bis an die Brust hineinspringt, im Anfange der Athem. Muß er nun gar gleich tauchen, so verschwinden ihm Himmel und Erde. Hält man's dann eine Weile aus, und kriegt das Gefühl, das einem das Element trägt, und daß man doch nicht untersinkt, wenn man gleich nur mit der Nase hervor guckt, nun so findet sich im Menschen auch Glied und Geschick zum Froschwesen, und man lernt mit wenig Bewegung viel thun."

Dieser Brief Goethe's enthielt auch eine Schilderung seiner durch ein bekanntes Gedicht verewigten Harzreise. "Letzten Winter", schrieb er, "hat mir eine Reise auf den Harz das reinste Vergnügen gegeben. Du weißt, so sehr ich's hasse, wenn man das Natürliche abentheuerlich machen will, so wohl ist mir's, wenn das Abenteuerliche natürlich zugeht. Ich machte mich ganz allein auf, etwa den letzten November, zu Pferde, mit einem Mantelsack, und ritt durch Schloßen, Frost und Koth aus Nordhausen den Harz hinein in die Baumannshöhle, über Wernigerode, Goßlar, auf den hohen Harz, das Detail erzähl' ich dir einmal, und überwand alle Schwierigkeiten, und stand am 8. December, glaub' ich, Mittags um Eins auf dem Brocken, oben in der heitersten, brennendsten Sonne, über dem anderthalb Ellen hohen Schnee, und sah die Gegend von Deutschland unter mir, Alles von Wolken bedeckt, daß der Förster, den ich mit Mühe persuadirt hatte, mich zu führen, selbst vor Verwunderung außer sich kam, sich da zu sehen, da er viele Jahre am Fuße wohnend, das immer für unmöglich gehalten hatte. Da war ich vierzehn Tage allein, daß kein Mensch wußte, wo ich war. Von dem Gedanken der Einsamkeit findest du auf dem beiliegenden Blatt fliegende Streifen." Dies Blatt enthielt das bekannte Gedicht: "Harzreise im Winter." Mehrere Stellen darin bezogen sich auf den Sohn des Superintendenten Plessing in Wernigerode, einen talentvollen, doch zum Theil durch das Lesen des "Werther" in eine unheilbare Schwermuth versunkenen jungen Mann, den Goethe im Gasthofe zu Wernigerode kennen gelernt hatte.

Was Goethe selbst in spätern Jahren sich zum Vorwurf machte, daß er durch sein zerstreutes und vielfach bewegtes Leben die Wirksamkeit seines poetischen Talents beschränkt und beinahe zerstört habe, rügte schon damals sein Freund Merk mit den Worten: "Was Teufel fällt dem Wolfgang ein, am Hofe herumzuschranzen und zu scherwenzeln? Giebt es nichts Besseres für ihn zu thun?" Die Wahrheit dieser auch von Andern ihm gemachten Vorwürfe fühlte Goethe. Aber er erkannte und schätzte auch das Wohlwollen und die Freundschaft seines Fürsten, und bemühte sich dem ihm geschenkten Vertrauen auf jede Weise zu entsprechen. Mit seinem Beruf, wenn ihm derselbe vielleicht auch nicht völlig klar war, meinte er es jedenfalls redlich. In einem seiner damaligen Briefe gestand er: das ihm aufgetragene Tagwerk, das ihm täglich leichter und schwerer werde, erfordere wachend und träumend seine Gegenwart.

"Diese Pflicht", schrieb er, "wird mir täglich theurer, und darin wünschte ich's den größten Menschen gleich zu thun, und in nichts Größerem. Diese Begierde, die Pyramide meines Daseyns, deren Basis mir angegeben und gegründet ist, so hoch als möglich in die Luft zu spitzen, überwiegt alles Andere, und läßt kaum augenblickliches Vergessen zu. Ich darf nicht säumen, ich bin schon weit in Jahren vor, und vielleicht bricht mich das Schicksal in der Mitte, und der babylonische Thurm bleibt stumpf unvollendet. Wenigstens soll man sagen, er war kühn entworfen, und wenn ich lebe, sollen, will's Gott, die Kräfte hinaufreichen."

Begrenzt ward dieser weit aussehende Lebensplan Goethe's durch das in ihm erwachte lebhafte Interesse an theatralischen Vorstellungen. Zu Ettersburg und Tiefurt waren mehrere kleine Stücke und Operetten in den Buchenwäldern an der Ilm aufgeführt worden. Einsiedel, Seckendorf, Musäus u.A. hatten jenem Bedürfniß durch dramatische Producte gehuldigt, und Goethe selbst hatte zu diesem Zweck seine "Fischerin", und die Singspiele "Erwin und Elmire" und "Claudine von Villa Bella" gedichtet. Später übernahm er die Leitung eines in Weimar errichteten Liebhabertheaters, bei welchem der Hof die Kosten der Garderobe, Musik, Beleuchtung u.s.w. bestritt. Eine Hauptzierde jener Bühne war die talentvolle Carona Schröter, damals Hofsängerin, welcher Goethe später in seinem Gedicht: "Miedings Tod" ein unvergängliches Denkmal setzte. Auch Goethe trat in jenem Lieblingstheater auf, als Alcest in den "Mitschuldigen", später als Orest in seiner "Iphigenie" auf. Sein Spiel in ernsten Rollen soll zu leidenschaftlich und ungestüm gewesen seyn. Besser gelang ihm die Darstellung humoristischer Charaktere, vorzüglich in den von ihm gedichteten Fastnachtsspielen, als Hamann, als Marktschreier in dem "Jahrmarkt von Plundersweilern" u.a.m. Für theatralische Zwecke schrieb Goethe, außer seinen größern Werken, noch das dramatisch vorgestellte Gedicht "Epiphanias."

Ueber einen kurzen Aufenthalt in Berlin, wohin er 1778 den Herzog von Weimar begleitete, schrieb Goethe an Merk: "Ich war nur wenige Tage in Berlin, und guckte nur drein, wie das Kind in den Schön-Raritäten-Kasten. Aber du weißt, wie ich im Anschauen lebe; es sind mir tausend Lichter aufgegangen. Und dem alten Fritz bin ich recht nahe worden; da hab' ich sein Wesen gesehen, sein Gold, Silber, Marmor, Affen, Papageien und zerrissene Vorhänge, und habe über den großen Menschen seine eignen Lumpenhunde räsonniren hören. Die Generäle, die ich halbdutzendweise bei Tisch mir gegenüber gehabt, machen mir den jetzigen König gegenwärtiger. Mit Menschen hab' ich sonst gar nichts zu verkehren gehabt, und habe in preußischen Staaten kein laut Wort hervorgebracht, daß sie nicht könnten drucken lassen, dafür ich gelegentlich als stolz u.s.w. ausgeschrieen worden bin."

Einen weitern Ausflug unternahm Goethe 1779 nach der Schweiz. Er machte diese Reise in Gesellschaft seines von ihm hochverehrten Fürsten, der ihn kurz zuvor zum Geheimen Rath ernannt hatte. Die glückliche Heimkehr wünschte Goethe durch ein Denkmal zu verewigen, das er dem Herzog im Weimarischen Park errichten lassen wollte. Sehr ausführlich äußerte er sich in einem im November 1779 geschriebenen Briefe an Lavater über diese Idee, bei der er auf die Mitwirkung des rühmlich bekannten Malers Füßli in Zürich rechnete. "Mein erster Gedanke," schrieb Goethe, "war so. Ich wollte dem Monument eine viereckige Form geben. Von drei Seiten sollte jede eine einzelne bedeutende Figur, und die vierte eine Inschrift haben. Zuförderst sollte das gute heilsame Glück stehen, durch das die Schlachten gewonnen und die Schiffe regiert werden, günstigen Wind im Nacken, die launische Freundin und Belohnerin kecker Unternehmungen mit Steuerruder und Kranz. Im Felde zur Rechten hatte ich mir den Genius, den Antreiber, Wegmacher, Wegweiser, Fackelträger muthigen Schrittes gedacht. In dem Felde zur Linken sollte Terminus, der ruhige Grenzbeschreiber, der bedächtige, mäßige Rathgeber stillstehend mit dem Schlangenstabe einen Grenzstein bezeichnen, jener lebend rührig vordringend, dieser ruhig, sanft in sich gekehrt, zwei Söhne, eine Mutter--der ältere jener, der jüngere dieser. Das hintere Feld hatte die Inschrift: Fortunae Duci Reduci Natisque Genio Et Termino Ex Voto. Du siehst, was ich für Ideen damit zusammenbinden wollte. Sowohl auf dieser Reise als im ganzen Lande, als im ganzen Leben, sind wir diesen Gottheiten sehr zu Schuldnern geworden. Das erste Mal, wo wir nach einer langen, nicht immer fröhlichen Zeit, in die freie Welt kommen, zusammen den ersten bedeutenden Schritt wagen, gleich mit dem schönsten Hauche des Glücks fortgetrieben zu werden, in der spätern Jahreszeit, Alles mit günstiger Sonne und Gestirnen. Den ganzen Weg, den wir machen, begleitet von einem guten Geiste, der überall die Fackel vorträgt, hierhin ladet, dorthin treibt, daß, wenn ich zurück sehe, wir zu so manchem, das unsere Reise ganz macht, nicht durch unsere Wege und Wollen geleitet worden sind, und dann am Ende, daß wir auch durch den schönen Glückssohn bedeutet wurden, wo wir aufhören, wo wir einen Grenzbogen beschreiben und wieder zurückkehren sollten, was wieder einen unglaublichen Einfluß auf unsere Zurückgelassenen hat und haben wird. Das alles zusammen giebt mir die Empfindung, die ich nicht schöner zu ehren weiß, als womit alle Zeiten durch die Menschen Gott verehrt haben." Das in diesem Briefe ausführlich beschriebene Denkmal, das aus einem "lichtgrauen Stein" bestehen sollte, "der an den Marmor grenze," kam nicht zu Stande. Die Ausführung dieser Idee mochte ihre Schwierigkeiten haben. Ob der Maler Füßli die von ihm gewünschte Zeichnung wirklich lieferte, ist zweifelhaft. So viel ist gewiß, daß sie im Frühjahr 1780 noch nicht vorhanden war.

Mit Lavater, der sich darüber in einem seiner Briefe bitter beklagte, hatte Goethe in der Schweiz genußreiche Tage verlebt. Er freute sich sehr, ihn wieder zu sehen, und seine Gedanken mit ihm austauschen zu können, so wenig beide auch, besonders in ihren Ansichten über religiöse Gegenstände, mit einander übereinstimmten. "Nicht allein vergnüglich", schrieb Goethe den 28. October 1779, "sondern gesegnet uns beiden, soll unsere Zusammenkunft seyn. Für ein Paar Leute, die Gott auf so verschiedene Art dienen, sind wir vielleicht die einzigen, und ich denke, wir wollen mehr zusammen überlegen und ausmachen, als ein ganzes Concilium mit seinen Pfaffen, Huren und Mauleseln. Eins aber werden wir doch wohl thun, daß wir einander unsere Particular-Religionen ungehudelt lassen. Du bist gut darin, aber ich bin manchmal hart und unhold. Da bitt' ich dich im Voraus um Geduld. So hat mir z. B. Tobler deine Offenbarung Johannis gegeben. An der ist mir nun nichts, als deine Handschrift, darum hab' ich sie auch zu lesen angefangen. Es hilft nichts, ich kann das Göttliche nirgends, und das Poetische nur hie und da finden. Das Ganze ist mir fatal; mir ist's, als röche ich überall einen Menschen durch, der gar keinen Geruch von dem gehabt, der da ist A. und O.--Ich bin ein sehr irdischer Mensch; mir ist das Gleichniß vom ungerechten Haushalter, vom verlornen Sohn, vom Säemann, von der Perle u. s. w. göttlicher--wenn je was Göttliches da seyn soll--als die sieben Botschafter, Leuchter, Hörner, Siegel, Sterne und Wehe. Ich denke auch aus der Wahrheit zu seyn, aber aus der Wahrheit der fünf Sinne, und Gott habe Geduld mit mir, wie bisher.--Gegen deine Messiade hab' ich nichts; sie liest sich gut, wenn man einmal das Buch mag, und was in der Apokalypse enthalten ist, drückt sich durch deinen Mund rein und gut in die Seele. Das willst du da; wozu denn aber die ewigen Trümpfe, mit denen man nicht sticht, und kein Spiel gewinnt, weil sie kein Mensch gelten läßt? Du siehst, ich bin noch immer der Alte, und falle dir wieder von eben der Seite, wie vormals, zur Last. Ich war schon in Versuchung, das Blatt zu zerreißen; doch da wir uns sehen werden, so mag es gehen."