Chapter 3
Einflußreich und belehrend durch seine vielseitigen Sprach- und Literaturkenntnisse ward für Goethe die Bekanntschaft mit dem Hofmeister eines jungen Grafen von Lindenau. Er hieß Behrisch, und war, nach Goethes eigner Schilderung, ungeachtet seines redlichen Charakters und seiner vielen löblichen Eigenschaften, einer der größten Sonderlinge. Trotz der Würde seines äußern Benehmens war er immer zu allerlei muthwilligen Possen aufgelegt. Durch seine sarkastischen Bemerkungen weckte er in Goethe den Hang zur Satyre. Zur besondern Zielscheibe seines Witzes wählte sich dieser den Professor Clodius, der die stylistischen Vorlesungen übernommen, welche Gellert, seiner Kränklichkeit wegen, hatte aufgeben müssen. Durch den Tadel eines Gedichts, mit welchem Goethe die Hochzeit eines Oheims in Frankfurt verherrlichen wollte, hatte Clodius seine Autoreitelkeit verletzt. Gemeinschaftlich mit seinem Freunde Behrisch rächte sich Goethe durch lauten Spott über die mittelmäßigen Oden, mit denen Clodius mehrmals bei feierlichen Gelegenheiten hervorgetreten war. Die darin enthaltenen Kraftsprüche und Sentenzen benutzte Goethe zu einer Parodie. Es war ein an den damals sehr beliebten Conditor Händel gerichtetes Gedicht, welches zwar nicht gedruckt, doch bald in mehreren Abschriften verbreitet ward. Die Wirkung seiner Parodie verstärkte Goethe noch durch einen satyrischen Prolog, den er bald nachher zu dem von Clodius geschriebenen Lustspiel: "Medon oder die Rache des Weisen" dichtete. Nach seiner eignen Schilderung in spätern Jahren hatte Goethe in jenem Prolog Harlekin mit zwei Säcken auftreten lassen, mit moralisch-ästhetischem Sande gefüllt, den die Schauspieler den Zuschauern in die Augen streuen sollten. Der eine Sack, äußerte Harlekin, sei mit Wohlthaten gefüllt, die nichts kosteten, der andere mit allerlei hochtrabenden Sentenzen, hinter denen nichts stecke. Darum möchten die Zuschauer ja die Augen zudrücken u.s.w.
Getrennt von seinem Freunde Behrisch, dem seine vielseitigen Kenntnisse die Stelle eines Erziehers des Erbprinzen von Dessau verschafft hatten, sank Goethe wieder aus Mangel an Selbstständigkeit in das vielfach bewegte und leidenschaftliche Treiben zurück, dem er durch Behrisch kaum entrissen worden war. Auf einen bessern Weg führte ihn das Studium der Kunst. Bei dem berühmten Oeser, der als Director der Leipziger Zeichnenakademie in dem alten Schlosse Pleißenburg wohnte, nahm Goethe Unterricht im Zeichnen. Durch die Betrachtung vorzüglicher Werke und Oesers geistreiche Bemerkungen darüber ward sein früh erwachter Kunstsinn wieder vielfach angeregt und genährt. Reichen Genuß verschafften ihm besonders die werthvollen Gemälde- und Kupferstichsammlungen mehrerer Leipziger Kunstfreunde. Er vermehrte dadurch seine Kenntnisse in einem Fache, worin er, nach einer Aeußerung in spätern Jahren, "einst die größte Zufriedenheit seines Lebens finden sollte." Von der bloßen Anschauung zum Denken erhob er sich durch das Studium der Schriften d'Argenville's, Christs, Winkelmanns u.A. Völlig klar ward ihm jedoch der Unterschied zwischen den bildenden und den Redekünsten erst durch Lessings Laokoon. Der Triumph des Schönen über das Häßliche zeigte sich ihm in der Vorstellung der Griechen, die sich den Tod als den Bruder des Schlafs und diesem bis zum Verwechseln ähnlich dachten.
Einen reinen Kunstgenuß bot ihm ein kurzer Aufenthalt in Dresden und die Betrachtung der dortigen Gemäldegallerie. Vielfache Belehrung verdankte er dem Inspector Riedel. Kurz vor seiner Rückreise nach Leipzig lernte er auch den Director der Kunstakademie, v. Hagedorn, einen Bruder des Dichters, persönlich kennen. In Leipzig fühlte Goethe, obgleich er jenen reichen Kunstgenuß dort entbehren mußte, nach seinem eignen Geständniß, sich ganz behaglich durch freundschaftlichen Umgang und einen Zuwachs an Kenntnissen. Beides fand er in dem Hause des Buchhändlers Breitkopf, der auf dem Neumarkt im silbernen Bären wohnte. Der älteste Sohn jenes Mannes spielte mit ziemlicher Fertigkeit die Violine, und componirte einige von Goethe's Gedichten, die ohne Angabe des Druckorts 1768 zu Leipzig in Quart erschienen. Oft wurden in Breitkopfs Hause, dessen zweiter Sohn ebenfalls musikalisch war, Concerte veranstaltet. Manchen Genuß und Nutzen schöpfte Goethe auch aus Breitkopfs auserlesener Bibliothek, welche vorzüglich an Werken reich war, die sich auf den Ursprung und die Fortschritte der Buchdruckerkunst bezogen.
Wichtig ward für Goethe die Bekanntschaft des aus Nürnberg gebürtigen Kupferstechers Stock, der ein Mansardzimmer im Breitkopfischen Hause bewohnte. Die Technik der Kupferstecherkunst hatte für Goethe einen so unwiderstehlichen Reiz, daß er der Begierde nicht widerstehen konnte, sich selbst in diesem Fache zu versuchen. Zur Zufriedenheit seines Lehrers Stock radirte er einige Landschaften nach Thiele und andern Künstlern. Erhalten haben sich aus jener Zeit noch zwei radirte Blätter Goethe's. Beide stellen Landschaften dar, mit kleinen Cascaden, umschlossen von Felsen und Grotten. An dem untern Rande beider Landschaften befinden sich die Worte. Peint par A. Thiele, gravé par Goethe. Das eine Blatt hatte Goethe mit den nachstehenden Worten seinem Vater gewidmet: Dedié à Monsieur Goethe, Conseiller actuel de S.M. Imperiale, par son fils très-obeissant. Das andere Blatt führt die Unterschrift: Dedié à Mr. le Docteur Hermann, Assesseur de la cour provinciale supréme de justice S. A. Elect. de Saxe et Sénateur de la ville de Leipsic, par son ami Goethe. Eine genaue und ausführliche Beschreibung der erwähnten Blätter lieferte ein Aufsatz Karl Buchner's im Morgenblatt vom Jahr 1828. No. 3-6.
Den der Gesundheit nachtheiligen Dünsten, die sich beim Aetzen von Kupferstichen entwickelten, gab Goethe eine gefährliche Brustbeklemmung schuld, die er sich aber auch wohl durch den zu reichlichen Genuß des Merseburger Biers und starken Kaffees zugezogen haben mochte. Der Organismus seiner Natur ward so heftig erschüttert, daß er einst Nachts von einem heftigen Blutsturz erwachte. Die ärztliche Hülfe des Doctor Reichel beschleunigte seine Genesung. Er ward wieder heiter gestimmt für den Umgang mit seinen Freunden, die er durch Kränklichkeit und üble Laune von sich gescheucht hatte.
Die Zeit, wo Goethe nach beendigten Studien wieder in das elterliche Haus zurückkehren sollte, war nahe. Kurz vor seiner Abreise ereignete sich ein Tumult zwischen den Studenten und Stadtsoldaten. Goethe hatte keinen Antheil an diesen Händeln. Mit jenem Nachklange akademischer Großthaten verließ er Leipzig im September 1768. Er hatte dort manche Freundschaftsverhältnisse angeknüpft. Den Einfluß, den der Aufenthalt in Leipzig auf seine Bildung gehabt, konnte er nicht verkennen. Gestehen mußte er sich freilich, daß er den Aussichten und Hoffnungen seiner Eltern nicht sonderlich entsprochen. Er hatte sich ganz andern Studien gewidmet, als sein Vater wünschen mochte, der nur mühsam den Unmuth verbarg, seinen Sohn, der nun promoviren und die ihm vorgeschriebene Bahn durchlaufen sollte, noch nicht hinlänglich dazu vorbereitet, und überdieß geistig und körperlich leidend heimkehren zu sehen.
Goethe aber bereute nicht den selbst gewählten Pfad, und seine Dankbarkeit vergaß nie den Mann, der ihn zuerst darauf hingeleitet. Den 9. November 1768 schrieb er nach Leipzig an Oeser: "Was bin ich Ihnen nicht alles schuldig, daß Sie mir den Weg zum Wahren und Schönen gezeigt, daß Sie mein Herz für den Reiz fühlbar gemacht haben. Ich bin Ihnen mehr schuldig, als ich Ihnen danken könnte. Der Geschmack, den ich am Schönen habe, meine Kenntnisse, meine Einsichten, hab' ich die nicht alle durch Sie? Wie gewiß, wie einleuchtend wahr ist mir der seltsame, fast unbegreifliche Satz geworden, daß die Werkstatt eines großen Künstlers mehr den keimenden Philosophen, den keimenden Dichter entwickle, als der Hörsaal des Weisen und des Kritikers. Lehre thut viel, aber Aufmunterung thut Alles. Aufmunterung nach dem Tadel ist Sonne nach dem Regen, fruchtbares Gedeihen. Wenn Sie meiner Liebe zu den Musen nicht aufgeholfen hätten, ich wäre verzweifelt. Sie wissen, was ich war, als ich zu Ihnen kam, und was ich war, als ich von Ihnen ging. Der Unterschied ist Ihr Werk."
Als Göthe [Goethe] diesen Brief schrieb, war er unlängst genesen von einer gefährlichen Krankheit, die durch gestörte Verdauung und ein dadurch erzeugtes Asthma die lebhaftesten Besorgnisse seiner Eltern erregte. Unvergeßlich blieb ihm die liebreiche Pflege seiner Mutter und die zärtliche Theilnahme seiner Schwester Cornelia. Durch seine Krankheit allen irdischen Angelegenheiten entfremdet, wandte sich sein Geist dem Himmlischen zu. Mit der ganzen Wärme und Innigkeit seines Gefühls suchte er das Unsichtbare zu ergreifen. Wie ihn als Kind vorzugsweise das Alte Testament angesprochen, so beschäftigte er sich nun, von einem ähnlichen schwärmerischen Enthusiasmus ergriffen, mit den neutestamentlichen Schriften.
In dieser Geistesrichtung begegnete ihm eine seelenkranke Freundin seiner
Mutter, ein Fräulein von Klettenberg, aus deren Unterhaltungen und Briefen Goethe später den Stoff hernahm zu den in seinem "Wilhelm Meister" enthaltenen "Bekenntnissen einer schönen Seele." Sein Verhältniß zu dem Fräulein von Klettenberg blieb, ungeachtet der schwärmerischen Richtung ihres Geistes, der dem irdischen Daseyn gänzlich entfremdet, sich nur mit dem ewigen Heil der Seele beschäftigte, doch nicht ohne Einfluß auf Goethe's moralische Veredlung. Jedenfalls hätte er indeß seine Zeit besser verwenden können, als zu dem Lesen von allerlei mystischen Schriften. Durch Theophrast, Paracelsus u. A. ward er in das Gebiet der Chemie geführt. Mit Hülfe eines kleinen Laboratoriums machte er, nach Anleitung des Boerhave'schen Compendiums einige chemische Experimente, die, so unvollkommen sie auch ausfielen, seine Kenntnisse in mannigfacher Weise bereicherten. Auch das Zeichnen, Aetzen und Radiren trat wieder in die Reihe seiner Lieblingsbeschäftigungen. Nach den mannigfachsten Richtungen schweifte seine Thätigkeit, die erst eine feste Basis gewonnen zu haben schien, als er sich wieder zu philosophischen Studien wandte.
Den Weg, den seine Bildung nahm, zeigte ein Brief an die Tochter seines Freundes Oeser, vom 13. Februar 1769. "Meine gegenwärtige Lebensart," schrieb Goethe, "ist der Philosophie gewidmet. Eingesperrt, allein, Cirkel, Papier, Feder und Dinte und zwei Bücher ist mein ganzes Rüstzeug; und auf diesem einfachen Wege komme ich der Erkenntniß der Wahrheit oft so nah und weiter, als Andere mit ihrer Bibliothekswissenschaft. Ein großer Gelehrter ist selten ein großer Philosoph, und wer mit Mühe viel Bücher durchblättert hat, verachtet das leichte, einfache Buch der Natur, und es ist nichts wahr, als was einfältig ist. Freilich eine Recommendation für die wahre Weisheit! Wer den einfältigen Weg geht, der gehe ihn, und schweige still. Demuth und Bedächtlichkeit sind die nothwendigsten Eigenschaften unserer Schritte darauf, deren jeder endlich belohnt wird. Ich danke es Ihrem lieben Vater, er hat meine Seele zuerst zu diesem Wege bereitet. Die Zeit wird meinen Fleiß segnen, daß er ausführen kann, was angefangen ist. Wenn man anders denkt, als große Geister, so ist es gewöhnlich ein Zeichen eines kleinen Geistes. Ich mag nicht gern Eins und das Andere seyn. Ein großer Geist irrt so gut wie ein kleiner; jener, weil er keine Schranken kennt, dieser, weil er seinen Horizont für die Welt nimmt. O meine Freundin, das Licht ist die Wahrheit, von der doch das Licht quillt. Die Nacht ist Unwahrheit. Und was ist Schönheit? Sie ist nicht Licht und nicht Nacht, Dämmerung, eine Geburt von Wahrheit und Unwahrheit, ein Mittelding. In ihrem Reiche liegt ein Scheideweg, so zweideutig, so schielend, ein Herkules unter den Philosophen könnte sich vergreifen."
In dankbarer Rückerinnerung an seinen "lieben Oeser" schrieb Goethe den 20. Februar 1770 an den Buchhändler Reich in Leipzig: "Nach Oeser und Shakspeare ist Wieland der Einzige, den ich für meinen ächten Lehrer erkenne. Andere hatten mir gezeigt, daß ich fehlte; diese zeigen mir, wie ich's besser machen sollte." Der erwähnte Brief enthielt zugleich einige charakteristische Bemerkungen über Wieland. "Mein Urtheil über den Diogenes von Sinope," schrieb Goethe, "werden Sie nicht verlangen. Empfinden und Schweigen ist Alles, was man bei dieser Gelegenheit thun kann, denn so gar loben soll man einen großen Mann nicht, wenn man nicht so groß ist, wie er. Aber geärgert hab' ich mich schon auf Wielands Rechnung, und ich glaube mit Recht. Wieland hat das Unglück, oft nicht verstanden zu werden. Vielleicht ist manchmal die Schuld sein, doch manchmal ist sie es nicht, und da muß man sich ärgern, wenn Leute ihre Mißverständnisse dem Publikum für Erklärungen verkaufen." Seine Verehrung Wielands sprach Goethe am Schlusse seines Briefes in den Worten aus. "Wenn Sie diesem großen Autor schreiben oder ihn sprechen, so haben Sie die Güte, ihm einen jungen Menschen bekannt zu machen, der zwar nicht Mann's genug ist, seine Verdienste zu schätzen, aber doch ein genug zärtliches Herz hat, sie zu verehren."
Wie geringen Werth Goethe seinen in Leipzig entstandenen Gedichten beimaß, bewies er durch den ausgeführten Entschluß, den größten Theil derselben, bald nach seiner Ankunft in Frankfurt, den Flammen zu opfern. Auch mehrere unvollendete dramatische Werke traf dies Schicksal. Verschont blieben nur "die Laune des Verliebten" und "die Mitschuldigen." Das zuletzt genannte Stück erhielt noch einige Verbesserungen. Diese poetischen Beschäftigungen wurden unterbrochen durch seine nahe Abreise nach Straßburg. Dort sollte Goethe nach seines Vaters Wunsch, seine Studien vollenden und sich den juristischen Doctorhut erwerben. Noch immer gab Goethes Vater die Hoffnung nicht auf, aus seinem Sohne einen tüchtigen Rechtsgelehrten zu bilden.
Vom Münster betrachtete Goethe bald nach seiner Ankunft in Straßburg, die Stadt und die Umgegend. Er pries sein Schicksal, das ihm einen so anmuthigen Aufenthalt bestimmt hatte. An der Sommerseite des Fischmarktes, einer langen und sehr belebten Straße, bezog er eine freundliche Wohnung. Den Mittagstisch hatte er in einer sehr gebildeten Kaufmannsfamilie, an die er empfohlen worden war. Ein großer Theil der Studirenden in Straßburg widmete sich der Arzneikunde. Dadurch gewann auch Goethe ein Interesse an der Medicin. Im zweiten Semester hörte er Chemie bei Spielmann, und Anatomie bei Lobstein, ohne darüber sein Berufsfach, die Jurisprudenz, zu vernachlässigen. Mit Hülfe eines Repetenten, den ihm einer seiner Freunde, der Actuar Salzmann, empfahl, ergänzte Goethe, was ihm noch fehlte, um in dem juristischen Examen mit Ehren zu bestehen.
An Zerstreuung und Zerstückelung seiner Studien fehlte es ihm in Straßburg eben so wenig, wie während seines Aufenthalts in Leipzig. Lockend war für ihn das fröhliche Leben im Elsaß. Manchen Sommerabend brachte er mit einigen Freunden in öffentlichen Gärten und andern Lustorten zu. Auch unternahm er häufig Ausflüge, vorzüglich in die romantischen Gebirgsgegenden. Seine anmuthige Gestalt, sein offenes Wesen empfahlen ihn überall, und er gewann Zutritt zu den vornehmsten Cirkeln. Den Anforderungen des akademischen Lebens entsprach er durch seine Gewandtheit im Fechten. Aber auch dem Tanz und dem Kartenspiel, das er eigentlich nicht liebte, huldigte Goethe, um nicht gegen den feinen Gesellschaftston zu verstoßen.
Unstreitig das wichtigste Ereigniß während seines Aufenthalts in Straßburg war die persönliche Bekanntschaft mit Herder, der als Reisebegleiter des gemüthskranken Prinzen von Holstein-Eutin nach Straßburg kam. Einen lange gehegten Lieblingswunsch sah Goethe erfüllt, als ihm gegönnt war, sich dem berühmten Manne zu nähern, der durch seine "Fragmente zur deutschen Literatur", durch seine "kritischen Wälder" und andere Schriften das Interesse des gebildeten Publikums entschieden auf sich gelenkt hatte. In dem Gasthofe, wo Herder eingekehrt, machte ihm Goethe seine Aufwartung. Herder trug ein schwarzes Kleid und einen seidnen Mantel von gleicher Farbe. Sein gepudertes Haar war in eine runde Locke aufgesteckt, wodurch er einem Geistlichen ähnlich sah. Nach der Schilderung, welche Goethe in spätern Jahren von Herders Persönlichkeit entwarf, war "sein Gesicht rund, die Stirn bedeutend, die Nase etwas stumpf, der Mund ein wenig aufgeworfen, aber höchst individuell angenehm und liebenswürdig. Unter schwarzen Augenbraunen blitzten ein Paar kohlschwarze Augen hervor, die ihre Wirkung nicht verfehlten, ungeachtet das eine Auge roth und entzündet war, und von Lobstein operirt werden sollte."
Durch einen reichen Schatz von Lebenserfahrungen, verbunden mit einer eigenthümlichen Anziehungskraft, übte Herder, obgleich er nur fünf Jahre älter war als Goethe, auf diesen einen so unwiderstehlichen Reiz aus, daß er ihm mit Offenheit eine treuherzige Schilderung seiner Jugendbeschäftigungen und Liebhabereien entwarf. Herders scharfer Tadel und seine sarkastischen Bemerkungen vermochten ihn nicht in der Achtung herabzusetzen, die Goethe für ihn empfand. Er verdankte ihm einen großen Zuwachs an neuen Ideen und den mannigfachsten Kenntnissen. In einem ganz andern Lichte erschien ihm das Lieblingsbuch seiner Jugend, die Bibel, durch die von Herder in seinem Werke: "Vom Geist der hebräischen Poesie" gesammelten Blüthen morgenländischer Dichtkunst. Ueberall eröffnete ihm Herder einen freiern Blick in das große Gebiet der Literatur. Besonders ward Goethe durch ihn mit den vorzüglichsten Erzeugnissen der englischen Literatur bekannt. Einen noch entschiedeneren Einfluß würde Herder auf Goethe's Bildung gewonnen haben, wenn er seine unersättliche Wißbegierde nicht oft zurückgeschreckt hätte durch allerlei sarkastische Bemerkungen, die besonders Goethe's Selbstgefälligkeit und Eitelkeit trafen. Aus Furcht vor Herders Tadel verbarg ihm Goethe daher auch sein Interesse an poetischen Gegenständen, und namentlich die Idee, den biedern und tapfern Ritter Götz von Berlichingen zu einem dramatischen Helden zu wählen.
Zu dem Kreise, in welchem sich Goethe damals bewegte, gehörten außer Herder, noch einige andere, mehr oder minder ausgezeichnete Individuen. Der unter dem Namen Jung-Stilling bekannte Schriftsteller befand sich damals in Straßburg. Goethe rühmte in spätern Jahren an ihm seinen Enthusiasmus für alles Gute, Wahre und Rechte. "Unverwüstlich, äußerte Goethe, war sein Glaube an Gott und an eine unmittelbar von ihm ausgehende Hülfe. Sein Glaube duldete keinen Zweifel, und seine Ueberzeugung keinen Spott." Eine eigenthümliche Treuherzigkeit und ein leichter Humor charakterisirte, nach Goethe's eignem Geständniß, seinen Freund Franz Lerse. Seine Gewandtheit im Fechten qualificirte ihn zum Schieds- und Kampfrichter bei allen Händeln, die in der Studentenwelt sich nicht durch Worte und Erklärungen beseitigen ließen. Den Namen seines Freundes verewigte Goethe später in seinem "Götz von Berlichingen." Erst in der letzten Zeit seines Aufenthalts lernte er den als genialen Sonderling bekannten Dichter Lenz kennen, der später (1792) in Geisteszerrüttung zu Moskau starb. Die Excentricität Shakspeare's und den unvergleichlichen Humor des Britten zu empfinden und nachzubilden, war Niemand geeigneter, als Lenz, wie er durch seine Uebersetzung von Love's labour's lost und durch die derselben beigefügten Anmerkungen über das Theater bewies. Wie er, fühlte sich auch Goethe nicht zurückgestoßen durch die Derbheit in Shakspeare's Werken, vielmehr reichlich entschädigt durch die darin herrschende Wahrheit und Natur. In ihren geselligen Cirkeln bediente Goethe mit seinen Freunden sich der von Shakspeare gebrauchten Worte und Redensarten. Er ward ihr Vorbild im Dichten, wie im Leben.
Das früh in Goethe erwachte Gefühl für Naturschönheiten lockte ihn in die anmuthige Umgegend Straßburgs. Mit einigen dortigen Freunden besuchte er Zabern, Buchsweiler, Lützelstein, Saarbrück und andere Städte und Flecken im Elsaß. Auf diesen Excursionen lernte er mehrere Familien kennen, bei denen er eine gastfreie Aufnahme fand. Vorzüglich war dieß der Fall bei dem Pfarrer Brion in dem etwa sechs Stunden von Straßburg entfernten Dorfe Sesenheim. Ein besonderes Interesse erhielt diese Bekanntschaft für Goethe durch ein Liebesverhältnis zur dritten Tochter jenes Geistlichen. Nach übereinstimmenden Zeugnissen war Friederike Brion ein Mädchen von schönem Wuchs, blondem Haar und blauen Augen. Was ihr an äußern Reizen abging, ersetzte sie durch Anmuth in ihrem Wesen und durch das Talent geselliger Unterhaltung. Sie hatte ihren Geist durch das Lesen der besten Schrifsteller [Schriftsteller] gebildet, und war musikalisch. Oft durchwanderte Goethe mit ihr die anmuthige Gegend. Ein Buchenwäldchen war sein Lieblingsplatz. Gesellige Zerstreuungen, mitunter Pfänderspiele, bei denen Goethe durch seinen Witz und Humor glänzte, erheiterten den Kreis von Freunden und Verwandten in des Pfarrers Brion Wohnung zu Sesenheim, wenn Goethe, nach Straßburg zurückgekehrt, dort wieder erschien. Er verweilte mitunter mehrere Wochen in Sesenheim. Den Taumel von Zerstreuungen, in denen er sich befand, schilderten einzelne Stellen in seinen Briefen an den Actuar Salzmann in Straßburg.
"Getanzt hab' ich," schrieb er unter andern, "am Pfingstmontage von 2 Uhr nach Tisch bis zwölf Uhr in der Nacht, in einem fort, außer einigen Intermezzo's von Essen und Trinken. Wir hatten brave Schnurranten erwischt, da ging's wie Wetter. Das ganze Ich war in das Tanzen versunken." Er schadete durch das Uebermaß seiner Gesundheit. Geplagt von einem hartnäckigen Husten, schrieb er einige Tage später: "Man lebt doch nur halb, wenn man nicht Athem schöpfen kann. Und doch mag ich nicht in die Stadt zurück. Die Bewegung und freie Luft hilft wenigstens, was zu helfen ist." Nicht ohne einen Anflug von Trübsinn schloß er seinen Brief mit den Worten: "Die Welt ist schön, so schön! Wer's genießen könnte! Ich bin manchmal ärgerlich darüber, und manchmal halte ich mir erbauliche Erbauungsstunden über das Heute, über diese Idee, die unserer Glückseligkeit so unentbehrlich ist, und die mancher Professor der Ethik nicht faßt, und keiner gut verträgt."
Sein immer leidenschaftlicher gewordenes Verhältniß zu Friederiken fing an ihn zu beunruhigen. Goethe fühlte, daß es sich bald, vielleicht für immer auflösen mußte, da die Zeit seiner Abreise von Straßburg nahe war. Seine Besuche in Sesenheim wurden Seltener, aber sein Briefwechsel mit Friederiken dauerte fort. Goethes Zeit war freilich beschränkt. Er mußte an die Ausarbeitung seiner Dissertation denken, die ihm die juristische Doctorwürde verschaffen sollte. Das von ihm gewählte Thema war nach seiner eignen Aeußerung in spätern Jahren: "der Gesetzgeber sei nicht allein berechtigt, sondern verpflichtet, einen gewissen Cultus festzusetzen, von welchem weder die Geistlichkeit, noch die Laien sich lossagen dürften." Unter dem Vorsitz der Straßburger Professoren Koch und Oberlin fand die Disputation am 6. August 1771 statt. Einige von Goethes akademischen Freunden waren die Opponenten.
Mit Thränen nahm Friederike von ihm Abschied, als er ihr vom Pferde herab nochmals die Hand reichte. Sie hatte ihn wahrhaft geliebt. Sie soll später mehrere Heirathsanträge mit der Aeußerung zurückgewiesen haben: "wer einmal Goethe'n geliebt, könne keinen Andern lieben." Ein sonderbarer Zufall begegnete ihm nach jenem schmerzlichen Abschiede auf seinem Ritt nach Drusenheim. Seine eigene Gestalt glaubte er zu erblicken, die ihm zu Pferde entgegenkam, in einem hechtgrauen, mit Gold verbrämten Kleide, wie er es wirklich nach acht Jahren trug, als er noch einmal in Sesenheim einen Besuch machte. Friederike sah ihn seitdem nicht wieder. Sie soll jedoch, nach seinen brieflichen Aeußerungen, schon damals sich mit dem Gedanken vertraut gemacht haben, auf seinen Besitz zu verzichten.